PDF ausgabe 2016-21 - Deutsche Gesundheits Nachrichten

Ausgabe | 21
03. Juni 2016
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Pharma
Milliarden-Deals: Biotechfirmen weiter sehr beliebt
Die klassischen Pharmafirmen schauen sich immer stärker auf dem Biotechmarkt um
D
ie größten Wachstumstreiber in der
Pharmabranche bleiben die BiotechUnternehmen. Die klassischen Pharmaschwergewichte treten eher auf der Stelle.
Aus diesem Grund wird das Interesse dieser an den Biotechfirmen immer größer.
Das Pharma-Unternehmen Jazz Pharmaceuticals will nun für 1,5 Milliarden
Dollar die US-Biotechfirma Celator übernehmen. Die Transaktion solle im dritten
Quartal abgeschlossen werden. Damit erhält das in Irland ansässige Unternehmen
Zugang zu einem in der Entwicklung befindlichen Medikament gegen eine akute
Leukämieerkrankung. Pro Aktie bietet Jazz
Pharma 30,25 Dollar in bar. Das ist ein Aufschlag von mehr als 70 Prozent auf den
Schlusskurs der Celator-Aktie vom Freitag.
Die Übernahme passe gut, um das Wachs-
tum von Jazz Pharma weiter voranzutreiben, hieß es weiter.
Die Zusammenarbeit mit dem französischen Pharmakonzern Sanofi macht sich für
das Biotech-Unternehmen Evotec bezahlt.
Der Umsatz kletterte im ersten Quartal um
74 Prozent auf 37,5 Millionen Euro – der
beste Jahresauftakt in der Firmengeschichte,
wie Evotec in dieser Woche mitteilte. Dazu
trug maßgeblich ein ehemaliger Sanofi-Forschungsstandort in Toulouse bei, den Evotec
im Rahmen der Allianz von den Franzosen
übernommen hatte. Ohne diesen hätte das
Umsatzplus 16 Prozent betragen. Dabei
profitierte das Hamburger Unternehmen
von einem starken Servicegeschäft mit der
Pharmaindustrie und Meilensteinzahlungen
aus Forschungskooperationen.
Im Frühjahr 2015 hatten Evotec und
Sanofi vereinbart, bei der Erforschung neuer
Krebsmedikamente zusammenzuarbeiten.
Die Kooperation garantiert Evotec Zahlungen von mindestens 250 Millionen Euro
innerhalb von fünf Jahren. Der Betriebsgewinn (Ebitda) lag im ersten Quartal bei
gut sieben Millionen Euro, nachdem vor
Jahresfrist noch ein Minus von 300.000
Euro verbucht wurde. Unter dem Strich
machte Evotec noch einen Verlust von 1,17
(Vorjahreszeitraum: -1,07) Millionen Euro,
was vor allem einem deutlich gestiegenen
Steueraufwand geschuldet war. Für das
Gesamtjahr bekräftigte der Vorstand die
Prognose, die einen Umsatzanstieg von
mehr als 15 Prozent und ein positives, deutlich höheres Betriebsergebnis als im Vorjahr
vorsieht.
Eine Lizenz- und Entwicklungspartner-
Analyse
EU: Drogenproblem ist besorgniserregend
Die Zahl der Todesfälle aufgrund einer
Überdosierung von Drogen hat auch 2014
erneut zugenommen. 6.800 Fälle sind es
dem Drogenbericht zufolge. 15 Prozent davon wurden in Deutschland festgestellt, 36
Prozent in Großbritannien. Doch nicht nur
die Zahl der Todesfälle hat zugenommen,
sondern auch die Zahl der Substanzen an
sich.
Aktuell stehen bei der Europäischen
Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht mehr als 560 neue psychoaktive
Substanzen unter Beobachtung. Allein 2015
kamen 98 neue Substanzen hinzu – 2014
waren es 101 Substanzen. Besorgniserregend beurteilt der EU-Drogenbericht, die
Ausweitung des MDMA-Konsums (Ecstasy)
und die steigende Zahl der Einsteiger. Hier
spielt auch der wachsende Online-Markt eine
Rolle. Tatsächlich ist der Ecstasy-Konsum
nicht mehr nur vornehmlich in Techno- oder
Drum‘n‘ Base- Clubs zu finden. „Aufgrund
des Vormarschs von MDMA müssen be-
stehende Maßnahmen zur Prävention und
Schadensminimierung überdacht werden,
um die Maßnahmen auf eine neue Population von Konsumenten abzustimmen,
die womöglich hochdosierte Produkte konsumieren, ohne die damit verbundenen
Risiken hinreichend zu kennen“, sagte Alexis
Goosdeel, der Direktor der Europäischen
Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht.
„In unserem neuen Bericht wird auf
Vergiftungen und sogar Todesfälle in Verbindung mit dieser Droge hingewiesen.
Dies ist außerordentlich besorgniserregend,
da MDMA in etabliertere soziale Milieus
vordringt und zunehmend über OnlineMärkte angeboten wird.“ Es seien mittlerweile hochdosierte Pulver, Kristalle und
Tabletten mit einer Vielzahl von Logos in den
unterschiedlichsten Farben und Formen auf
dem Markt verfügbar. Außerdem könnten
sogar Herstellungsnachweise angefordert
werden. „Möglicherweise verfolgen die Her-
steller damit bewusst eine Strategie, um die
Wahrnehmung dieser Droge zu verbessern,
nachdem sie lange Zeit in dem Ruf stand,
von schlechter Qualität und Gegenstand
von Fälschungen zu sein, und ihr Konsum
infolgedessen zurückging“, so der Bericht.
Einen Anstieg der jungen Menschen ist
auch beim Konsum von Amphetaminen zu
beobachten. In den vergangenen zehn Jahren
stieg die Zahl der Erstklienten um 50 Prozent.
Insgesamt liegt das Durchschnittsalter der
Erstkonsumenten bereits bei 16 Jahren. Bei
erstmaliger Behandlungsaufnahme sind die
Menschen im Schnitt 26 Jahre alt. So belief
sich ersten Schätzungen zufolge der Wert des
Endkundenmarktes für illegale Drogen in der
EU 2013 zwischen 21 und 31 Milliarden Euro.
Mit 38 Prozent machen Cannabisprodukte
noch immer den größten Teil aus. Heroin
und Kokain finden sich auf Platz zwei und
drei. Amphetamine (1,8 Milliarden Euro)
und MDMA (0,7 Milliarden Euro)haben noch
einen deutlich geringeren Anteil.
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schaft mit einem chinesischen Unternehmen hat 4SC am Dienstag an die Spitze der
Xetra-Gewinner katapultiert. Die Aktien
der bayerischen Biotechfirma stiegen um
bis zu 17,4 Prozent auf 2,80 Euro. Im Rahmen der Zusammenarbeit mit Link Health
zur Entwicklung und Vermarktung eines
Krebs-Wirkstoffs winken 4SC zufolge Vor-
EBIT Marge
03. Juni 2016
Biotechbranche und die Wechselkurseffekte
waren hierfür verantwortlich. „Big Pharma
tritt – von ein paar Ausnahmen abgesehen
– auf der Stelle. Sowohl Umsätze, Gewinne
als auch Investitionen gingen währungsbereinigt nur leicht nach oben“, kommentiert
Gerd Stürz, Marktsegmentleiter Life Sciences
bei EY, die Zahlen. Ausnahme seien die Big
Biotechs: Vor allem sie treiben derzeit
das Wachstum:
„Kein anderes Unternehmen
erzielt seine Umsätze so umfassend
mit Blockbuster-Medikamenten
– also Medikamenten mit einem
Umsatz von mehr als einer Milliarde
US-Dollar pro Jahr – wie Gilead. Der
Anteil am Gesamtumsatz machte
92,2 Prozent aus. Einen ähnlich
hohen Anteil erreichten auch die
beiden anderen Big Biotechs Novo
Nordisk (90,7 Prozent) und Amgen
(88 Prozent). Insgesamt – über alle 21
analysierten Unternehmen hinweg –
lag der Blockbuster-Anteil bei 60 Prozent und damit zwei Prozentpunkte
Foto: EBIT/Umsatz
über dem Wert des Jahres 2014.“
ab- und Meilensteinzahlungen von bis zu
76 Millionen Euro. Außerdem erhalte das
Unternehmen eine zweistellige prozentuale
Beteiligung an den Verkaufserlösen in China.
Insgesamt stieg der Umsatz der PharmaUnternehmen weltweit 2015 um 18,7 Prozent
auf 429 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Vor allem die gut laufenden
Politik
EU-Kommission: EU-Länder können Glyphosat verbieten
Die EU-Kommission hat in dem Streit um die Neuzulassung von Glyphosat einen Kompromiss vorgelegt
N
achdem die Abstimmung nach letzten Verhandlungen zwischen der
EU-Kommission und den EU-Regierungschefs verschoben wurde, hat die EU-Kommission nun einen neuen Kompromiss
vorgeschlagen. Dieser soll sicherstellen,
dass auch die deutsche Regierung und
andere Länder, die eher eine Zulassung
verneinen würden, am Ende ihr Ok geben.
Die EU-Kommission hat vorgeschlagen, die Zulassung für Glyphosat nach
ihrem Auslaufen Ende Juni „vorläufig um
weitere 12 bis 18 Monate“ zu verlängern. „Bis
dahin soll ein Gutachten der europäischen
Chemikalienagentur ECHA abschließend
klären, ob der Wirkstoff Krebs erregen
kann“, so die Kommission. Damit stellt die
EU-Kommission selbst die Prüfung der EUBehörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa)
in Frage. Diese kam Ende des vergangenen
Jahres zu dem Schluss, dass Glyphosat
wahrscheinlich nicht krebserregend sei.
Die EU wälzt die Verantwortung bei einer Zulassung von Glyphosat auf die nationalen Parlamente ab. Foto: Flickr/ BI Müncheberg und Aktion Zukunft Müncheberg/CC by sa 2.0
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Ähnliches hatte auch das Deutsche Institut für Risikoforschung mitgeteilt. Aus
zahlreichen Ländern kam jedoch Kritik an
der Feststellung der Efsa. Zuletzt hatte das
EU-Parlament eine Offenlegung der EFSAUntersuchung zu Glyphosat gefordert.
Gleichzeitig wies die EU-Kommission –
auch mit Blick auf die ungeklärte deutsche
Position zu Glyphosat – darauf hin, dass eine
Genehmigung im eigenen Land weiter dem
Mitgliedsstaat selbst unterliege. „Einige Mitgliedstaaten haben sich dagegen gesträubt,
eine Position einzunehmen. Ich denke, es
ist wichtig, eines klarzustellen: Sobald ein
Wirkstoff genehmigt oder auf EU-Ebene
erneuert wird, ist es an den Mitgliedstaaten,
die Endprodukte (die Herbizide und Pestizide selbst) auf ihren jeweiligen Märkten zu
genehmigen“, sagte Gesundheitskommissar
Vytenis Andriukaitis:
„Die EU-Zulassung eines Wirkstoffs bedeutet nur, dass die Mitgliedstaaten solche
Pflanzenschutzmittel in ihrem Hoheitsgebiet genehmigen können, aber sie sind nicht
dazu verpflichtet. Die Mitgliedstaaten, die
keine auf Glyphosat basierenden Produkte
verwenden wollen, haben die Möglichkeit,
ihre Verwendung zu beschränken. Sie brauchen sich nicht hinter der Entscheidung
der Kommission zu verstecken. Wenn es
jedoch keine EU-Zulassung gibt, haben die
Mitgliedstaaten keine andere Wahl mehr:
Die Zulassung gilt bis zum 1. Juli. Sollte es
keine Erneuerung geben, wären die Mitgliedstaaten verpflichtet, die Zulassungen
für Pflanzenschutzmittel, die Glyphosat
enthalten, vom Markt zu nehmen.“
In einer zweiten Entscheidung soll
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dann noch über eine generelle Verschärfung für die Verwendung von Glyphosat
abgestimmt werden. Die EU-Kommission
plant das Verbot gefährlicher Beistoffe
(POE-Tallowamine), die Minimierung des
Einsatzes in öffentlichen Parks, Spielplätzen
und Gärten sowie die Minimierung vor
der Ernte.
„Als Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit möchte ich betonen,
dass für mich ein hohes Maß an Schutz der
menschlichen Gesundheit und der Umwelt,
wie durch die EU-Gesetzgebung vorgesehen,
an erster Stelle steht“, sagte Andriukaitis
abschließend. Zugleich sei er zutiefst davon
überzeugt, dass die Entscheidungen auf
der Grundlage der Wissenschaft getroffen werden sollten, nicht nach politischer
Zweckmäßigkeit.“
Forschung
Eine Pille für Alles
Wissenschaftler haben eine Methode entwickelt, mit der mehrere Medikamente mit nur einer Pille verabreicht werden können
J
e nach Krankheitsbild müssen einige
Patienten mehrere unterschiedliche
Tabletten einnehmen, manchmal auch
über den Tag verteilt. Vergisst der Patient eine Tablette oder nimmt zu viel,
kann das erhebliche gesundheitliche
Folgen haben. Wissenschaftler der National University of Singapore (NUS) haben eine spezielle Pille entwickelt, um
diese Schwierigkeiten zu umgehen.
Sie haben eine Pille entwickelt, die
mehrere Wirkstoffe beinhalten und zu
unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Dosen abgeben kann. So könnte
jeder Patient ein auf sich zugeschnittenes
Medikament erhalten.
Dafür legt der Arzt am Computer
fest, welche Medikamente der Patient
benötigt, wie oft und in welcher Dosis er
diese nehmen soll. Der Computer rechnet
die Informationen zu einem digitalen
Pillenmodell um, das ein ganz spezielles
Design gemäß der geplanten Einnahme
der unterschiedlichen Medikamente erhält.
Ein 3D-Drucker druckt im Anschluss
daran eine Gießform für das entsprechende, am PC entworfene Pillenmodell
aus. Die Form kann dann mit ungiftigem,
flüssigen Polymer und den entsprechen-
Die neue Pille könnte ein wichtiger Schritt in Richtung personalisierte Medizin sein.
den Substanzen gefüllt werden. Zum
Schluss wird die halbfertige Pille noch
mit einer Polymerschicht umhüllt. Je
nach der Menge der Substanzen und
ihrer Dosierung sieht die Pille am Ende
anders aus.
Nimmt der Patient die Pille zu sich,
löst sich die Polymerschicht nach und
nach, die Substanzen können entsprechend nach und nach an den Körper abgegeben werden.
Foto: NUS
„Lange war personalisierte Medizin
nur ein bloßer Begriff“, sagte Soh Siow Ling
von der NUS, „da es zu komplex oder zu
teuer war.“ Nun sei das möglich. Der Arzt
könne entweder direkt vor Ort diese Pillen
ausdrucken oder ein Pharmaunternehmen
könnte entsprechend bestimmte Pillen
in großer Menge vorproduzieren. Für die
Umsetzung sei man derzeit bereits in
Gesprächen mit einem multinationalen
Konzern.
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Forschung
Fujitsu macht Töne mit Vibration hörbar
Ein kleines Gerät, festgesteckt im Ohr eines Gehörlosen, soll Töne hörbar machen
D
as Klingeln der Tür, des Telefons, ein
Auto – wichtige Geräusche und Töne,
die Gehörlose nicht wahrnehmen können.
Der japanische Konzern Fujitsu arbeitet
derzeit an einer Hardware, die es Gehörlosen erlaubt, genau diese Töne wahrzunehmen. Ontenna heißt die Hardware, die
sich der Gehörlose in die Haare klippt.
In 256 verschiedenen Stufen werden
die Geräusche der Umgebung dann in dem
Gerät zum Hören gebracht. Ein bestimmtes
Vibrationsmuster beispielsweise zeigt dem
Gehörlosen dann, das das Telefon klingelt.
Mindestens eine halbe Stunde aber benötigt man, bis man die Technologie nutzen
kann, und tatsächlich die Vibration für
Ontenna soll Gehörlosen die Möglichkeit geben, die Geräusche ihrer Umgebung wahrzunehmen.
Foto: Screenshot: Fujitsu
das Telefon kennt. Der Nutzer muss sich
also erst einmal intensiv mit dem Gerät
auseinandersetzen.
Befestigt man Ontenna links und
rechts im Haar, müsste es theoretisch sogar möglich sein, die Geräusche in Stereo
wahrzunehmen. Das würde vor allem im
Verkehr oder auf der Straße eine enorme Erleichterung sein. Aber auch die Stimmung
eines Konzertes kann so ganz spezifisch erfahren werden. Sprache lässt sich allerdings
nicht in ganz konkrete Vibrationsmuster
übersetzen.
Ontenna soll aber nicht nur auf das
Tragen im Haar beschränkt sein. Fujitsu
selbst experimentiert mit Geräten, die wie
ein Ohrring oder als Halskette getragen
werden. Das Unternehmen will nun Tests
in Japan und in den USA durchführen, um
mehr Erfahrungen mit der Technologie
zu sammeln.
Der Akku des Clips schafft derzeit etwa
sechs Stunden. An der Laufzeit soll aber
noch gearbeitet werden. Fujitsu rechnet
damit, in den kommenden sechs bis zwölf
Monaten ein kommerzielles Produkt zur
Verfügung stellen zu können.
Kassen
Krankenkassen fordern Hilfe wegen Niedrigzinsen
Im Gesundheitsfonds finden sich Milliardenreserven, für die wegen der Niedrigzinspolitik der EZB Strafzahlungen fällig werden
I
n den Gesundheitsfonds fließen Beitragseinnahmen und Zuschüsse vom
Bund. Nach einem festgelegten Schlüssel
wird das Geld an die Krankenkassen in
monatlich gleichen Raten verteilt. Zwischenzeitlich wird der Fonds voll entleert
und dann wieder aufgefüllt. Damit stets
ausreichend Liquidität zur Verfügung
steht, müssen hohe Summen kurzfristig
auf Terminkonten geparkt werden. Dort
wird das Geld allerdings negativ verzinst
– mit anderen Worten: Es werden dafür
Strafzinsen fällig. Der Hintergrund ist die
Zins-Politik der EZB, die Banken und deren
Kunden zwingen will, Geld zu investieren
und nicht zu horten.
Nach Angaben des Bundesversiche-
rungsamts (BVA) wurden deshalb allein
2015 etwa 1,8 Millionen Euro Negativzinsen fällig. In diesem Jahr könnten es
deutlich mehr werden: Allein im Januar
und Februar gingen der gesetzlichen
Krankenversicherung wegen der negativen Einlagezinsen bereits 800.000 Euro
verloren.
Die Krankenkassen halten den Liquiditätspuffer für viel zu hoch. Ende 2015
betrug die Reserve rund zehn Milliarden
Euro. Gesetzlich vorgeschrieben ist eine
Mindestrücklage von 25 Prozent einer
Monatsausgabe. 2015 hätten deshalb
eigentlich 4,13 Milliarden Euro gereicht
– also sechs Milliarden Euro weniger.
Der Ersatzkassenverband vdek, der
unter anderem die Marktführer Techniker
Krankenkasse und Barmer GEK vertritt,
fordert, die Liquiditätsreserve auf 35 Prozent einer Monatsausgabe zu reduzieren.
Dadurch würden vier Milliarden Euro frei.
Diese könnten von den Kassen nach den
Vorstellungen des vdek genutzt werden,
um die Zusatzbeiträge in Schach zu halten.
Ohne eine gesetzliche Änderung geht das
aber nicht. „Wir fordern, dass die Politik
diese Maßnahme kurzfristig noch vor
den Bundestagswahlen umsetzt“, sagt
Verbandschefin Ulrike Elsner zu Reuters:
„Damit würden weniger Beitragsgelder
auf dem Kapitalmarkt verbrannt und der
Druck auf die Zusatzbeitragssätze würde
sich zumindest zeitweise reduzieren.“
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Im Schnitt liegen die Zusatzbeiträge, die allein von den Arbeitnehmern
zu zahlen sind, bei 1,1 Prozent. Bis 2019
werden sie nach Berechnungen des GKVSpitzenverbands schrittweise auf bis zu
1,8 Prozent steigen.
Aus dem CDU-geführten Gesundheitsministerium kommen zu den Forderungen eher ablehnende Signale. Den
Krankenkassen stehe es frei, ihre eigenen
Finanz-Reserven von rund 14,5 Milliarden
Euro zur Drosselung der Zusatzbeiträge
einzusetzen und die Beitragszahler dadurch zu entlasten, sagt eine Sprecherin.
Auch SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach
will die Rücklage derzeit nicht antasten.
„Ich halte die Liquiditätsreserve in der
jetzigen Größenordnung für angemessen
und sehe keinen akuten Handlungsbedarf“, sagt er zu Reuters. Die entnommenen Beiträge würden schnell aufgebraucht
sein und dann erneute Forderungen aufkommen, die Reserve abzubauen, wodurch
ein Teufelskreis entstehe. Die Rücklage sei
zudem wichtig im Falle außergewöhnlicher Belastungen wie einer Epidemie.
Der Spitzenverband der gesetzlichen
Krankenversicherung (GKV) sieht zwar
Probleme. Notwendig sei jedoch eine
„dauerhafte Lösung, die auf festen Re-
geln basiert“, sagt Sprecherin Ann Marini.
Ein „Einmaleffekt für 2017“ bringe nicht
weiter, denn die Beitragssteigerungen
drohten über das kommende Jahr hinaus.
Der Chef des AOK-Bundesverbands,
Martin Litsch, fordert, der Bund oder die
Bundesbank müssten den Sozialversicherungen zur Hilfe eilen und wenigstens
einen Nullzins für die Fonds-Gelder garantieren. Um den Versicherten Verluste zu
ersparen, sei ein „staatliches Auffangnetz“
sinnvoll: „Schließlich handelt es sich um
eine solidarisch verfasste Pflichtversicherung, in die auch Steuermittel fließen.“
Nach Angaben aus Versicherungskreisen
wird zumindest eine Rechtsänderung
erwogen, um einen Teil des Geldes aus
dem Gesundheitsfonds langfristig anlegen
zu können.
Entgegenkommen zeigt die Regierung
bisher nur bei den Reserven, die die Kassen
für sich selbst angelegt haben. Den Teil, der
für die betriebliche Altersvorsorge ihrer
Mitarbeiter zurückgelegt wurde, sollen die
Krankenkassen künftig zu zehn Prozent in
Aktien anlegen dürfen, damit sie höhere
Erträge erzielen können. So sieht es ein
Gesetz des Arbeitsministeriums vor, über
das der Bundestag noch entscheiden muss.
Laut Bundesversicherungsamt verfügen
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Strafzinsen für die Reserven der Kassen machen
Risikopuffer zunichte.
Foto: Flickr/Techniker Krankenkasse/CC by nc nd 2.0
die Kassen über Altersrückstellungen in
Höhe von rund 4,7 Milliarden Euro.
Den Krankenkassen geht ein Aktienanteil von zehn Prozent bei den Altersrückstellungen allerdings nicht weit genug. So
fordert der GKV-Spitzenverband einen
Anteil von 20 Prozent. SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach zeigt sich zu einer
entsprechenden Änderung am Entwurf
bereit. Das BVA allerdings argumentiert,
der Grundsatz der Anlagesicherheit müsse
gewahrt bleiben. Auch eine Sprecherin
des Gesundheitsministeriums betont, für
den Gesetzgeber stehe im Vordergrund,
die Risiken minimal zu halten und einen
größtmöglichen Schutz der Gelder zu
gewährleisten.
Vorsorge-Prinzip
Ärztetag warnt vor Glyphosat-Zulassung
Der Deutsche Ärztetag hat sich dringend für ein sofortiges Verbot des Pestizids Glyphosat ausgesprochen
I
n der Europäischen Union könnte die
Zulassung für das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat um
bis zu zwei Jahre verlängert werden. Der
119. Deutsche Ärztetag in Hamburg hat
die Bundesregierung und die Europäische Kommission aufgefordert, gemäß
dem sogenannten Vorsorgeprinzip in
Art. 191 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union keiner
weiteren Verlängerung der Zulassung
von Glyphosat zuzustimmen. Der Ärztetag stellte dazu fest:
„Glyphosat wird als Unkrautvernichtungsmittel seit 1974 verwendet. Die International Agency for Research on Cancer
(IARC) hat 2015 im Zusammenhang mit der
wahrscheinlich krebserregenden Wirkung
für Menschen festgestellt, dass „Glyphosat
(…) DNA- und chromosomale Defekte in
menschlichen Zellen verursacht“. Für gentoxische Effekte besteht nach derzeitiger
wissenschaftlicher Meinung kein unschädlicher Schwellenwert. Dieser Effekt muss
für eine weitere, langfristige Zulassung
durch weitere unabhängige Studien in
den Expositionsszenarien für Menschen
sicher ausgeschlossen werden.“
Aus der Bundesregierung hieß es,
dass sich Deutschland bei einer möglichen Abstimmung enthalten werde. Die
Bundesminister der SPD sind gegen die
am 30. Juni auslaufenden Verlängerung
der Zulassung, während Bundeskanzlerin
Angela Merkel (CDU) und Agrarminister
Christian Schmidt (CSU) die Weiterverwendung des Herbizids ebenso wie die
EU-Kommission befürworten. Mit einer
Enthaltung Deutschlands ist eine qualifizierte Mehrheit für die Verlängerung
fraglich, weshalb die EU-Kommission eine
Abstimmung schon mehrmals verschoben
hat.
Bei der Beurteilung des von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuften
Herbizids Glyphosat hat das Bundesinstitut
für Risikobewertung (BfR) wichtige Studien
zur Gentoxizität und Kanzerogenität nicht
berücksichtigt bzw. fehlerhaft ausgewertet.
Dies geht aus einer Studie des Toxikologen
Peter Clausing im Auftrag von Campact
und dem Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN)
hervor. Clausing hat den finalen BfR-Bericht
zur Wiederzulassung von Glyphosat erstmals einer unabhängigen wissenschaftlichen Prüfung unterzogen. Der Bericht ist
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die wesentliche Grundlage für die Entscheidung, ob Glyphosat in der EU für weitere
zehn Jahre oder länger zugelassen wird.
Das BfR hält diesen Bericht bislang vor
der Öffentlichkeit geheim. Clausing über
die Hintergründe:
„Der Bericht des BfR verdreht Tatsachen und verschweigt wichtige Studien
zur Krebsgefahr von Glyphosat oder stellt
sie falsch dar. Die Schlussfolgerung liegt
nahe, dass das BfR die Beweislage gegen
Glyphosat mit Absicht geschwächt hat”,
sagte Clausing. So seien im Abschnitt zu
Gentoxizität 44 wissenschaftliche Publikationen, die einen gentoxischen Effekt
nachwiesen, nicht berücksichtigt worden.
Hersteller-Studien, die keinen krebsauslösenden Effekt beschreiben, habe das BfR
hingegen einbezogen.
„Jetzt wird klar, warum der Glyphosat-
Bericht des BfR nicht veröffentlicht werden
soll. Dieser Bericht spielt die Gesundheitsgefahren von Glyphosat systematisch
herunter. Die Geheimniskrämerei und
Vertuschung muss ein Ende haben”, sagte
Gerald Neubauer von Campact. Der Bericht
des BfR sei vollkommen untauglich und
müsse zurückgezogen werden.
Die engen Verflechtungen zwischen
Behörden und Pestizid-Industrie hat
der Bund für Umwelt und Naturschutz
Deutschland (BUND) parallel in einer eigenen Untersuchung analysiert. „Obwohl
sie dem Verbraucher- und Umweltschutz
verpflichtet sind, lassen die Zulassungsbehörden jede kritische Distanz vermissen.
Sie handeln wie Dienstleister der Pestizidhersteller“, sagte der BUND-Vorsitzende
Hubert Weiger. „Das Ziel der Hersteller,
Wirkstoffe auf den Markt zu bringen und
Der Widerstand gegen Glyphosat in der Bevölkerung wächst.
03. Juni 2016
Gewinne zu maximieren, verzerrt die eigenen Beurteilungen. Die Pestizidindustrie
darf ihre Studien nicht länger selbst schreiben und bewerten, denn sie unterliegt
einem offensichtlichen Interessenkonflikt“,
sagte Weiger. Nun müsse das BfR beweisen,
dass es nicht ausschließlich der Öffentlichkeit vorenthaltenen Hersteller-Studien
gefolgt sei. Das BfR müsse außerdem auf
die Hersteller einwirken, ihre Studien offenzulegen, und so eine Überprüfung durch
unabhängige Wissenschaftler ermöglichen.
„Handeln muss auch der Gesetzgeber.
Hauptaufgabe des BfR muss die Vorsorge
vor den Risiken des Pestizideinsatzes sein.
Verschließt das Bundesinstitut für Risikobewertung vor den Glyphosat-Gefahren
weiter die Augen, ist es eher eine Behörde
für Risikoverharmlosung“, so der BUNDVorsitzende.
Foto: Flickr/campact/CC by nc 2.0
Impressum Geschäftsführer: Christoph Hermann, Karmo Kaas-Lutsberg. Herausgeber: Dr. Michael Maier (V.i.S.d. §§ 55 II RStV).
Redaktion: Anika Schwalbe, Gloria Veeser, Julia Jurrmann, Cüneyt Yilmaz. Sales Director: Philipp Schmidt. Layout: Nora Lorz. Copyright:
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