Defekt unerwünscht

kreislaufwirtschaft
Spezial
Verbraucher- und Produktpolitik
Defekt unerwünscht
Wer absichtlich verschleißanfällige Ware herstellt, muss in die Pflicht genommen werden
Geplante Obsoleszenz missachtet die Anforderungen einer nachhaltigen Kreislaufführung. Die ökonomischen Wirkungen,
die Umweltwirkungen und gesellschaftlichen Wirkungen der geplanten Obsoleszenz sind erheblich. Mehr Haltbarkeit ist
ein starker Hebel für die dringend gebotene Ressourcenwende.  VON STEFAN SCHRIDDE, MURKS? NEIN DANKE!
Das Umweltbundesamt
hat erste Zwischenergebnisse einer Studie
veröffentlicht(1) und spricht vom „Faktencheck Obsoleszenz“. Notwendige Untersuchungen zu betrieblich geplanten Veränderungen der Produktqualität wurden bisher
nicht angestellt. Alle Aussagen beziehen sich
im Wesentlichen auf Untersuchungen zum
Konsumverhalten. Verhaltensausprägungen
der Konsumenten, die zu einer verkürzten
Produktnutzung führen, soweit diese nicht
durch geplante Obsoleszenz herbeigeführt
werden, gehören jedoch in den Bereich der
Nutzungsobsoleszenz. Deren Ursachen liegen in individuell begründeten Verhaltensweisen und haben psychologische Ursachen.
Nicht zur Nutzungsobsoleszenz gehören
Verhaltensweisen, die zwar in einer individuellen Neigung liegen und psychologisch
begründet sein mögen, jedoch von Unternehmen durch Produktdesign, Werbemaßnahmen oder ähnliche Aktivitäten gezielt
adressiert oder manipuliert werden. Hier
spricht man von geplanter Obsoleszenz. Ob
man solche Veröffentlichungen „Faktencheck Obsoleszenz“ nennen sollte, ist aufgrund der seitens der Initiatoren der Studie
selbst kritisierten schwachen Datenlage
fraglich. Insbesondere wurden kaum eigene Untersuchungen durchgeführt. So legte
man „Zahlen von Reparaturbetrieben“ vor,
obwohl man lediglich einen Betrieb befragt
hatte. Aufgrund der bei bisherigen Studien
identifizierten Schwächen der Methoden der
Lebensdauerbemessung reduziert man nach
eigener Aussage die eigenen Betrachtungen
auf die von einem Herstellerverband bereitgestellten Daten aus einer Verbraucherbefragung.(2)
Für eine öffentliche Bewertung der Zwischenergebnisse der Studie wird es erforderlich sein, alle Datengrundlagen ebenso
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öffentlich prüfbar zur Verfügung zu stellen. So zeigen aktuelle Zahlen der an der
Studie mitwirkenden Universität Bonn,
dass Waschmaschinen, die älter als zehn
Jahre sind, im Durchschnitt 16,7 Jahre gehalten haben. Waschmaschinen, die zehn
Jahre und jünger waren, haben dagegen
eine durchschnittliche Lebensdauer von
nur 6,9 Jahren, also fast zehn Jahre kürzer.
Betrachtet man das durchschnittliche Alter
der Waschmaschinen für die einzelnen
Zeiträume, ergibt sich eine zunehmende
Verkürzung, je kürzer der zurückliegend
betrachtete Zeitraum ist (siehe schräge
Linie in der nachfolgenden Grafik).
Abbildung: eigene Darstellung, Zahlen Uni Bonn 2014
In den Zwischenergebnissen wird jedoch
von einer durchschnittlichen Erstnutzungsdauer von zwölf Jahren gesprochen.
Die veröffentlichten Zwischenaussagen belegen den erheblichen Anteil technischer
Gründe für einen Neukauf nach unter fünf
Jahren. Warum allerdings in der Pressemitteilung folgende Aussagen gemacht
werden, ist irritierend: „Dass neue Geräte
kürzer verwendet werden, hat unterschiedlichste Ursachen. Inwieweit ein geplanter
Verschleiß dafür verantwortlich ist, klären
wir jetzt in der zweiten Hälfte der Studie.“
Und „Nach der ersten Halbzeit der Studie
lassen sich noch keine Belege für gezielt eingebaute Schwachstellen in Produkten liefern.
Eine systematische Analyse für die Ursachen
der Geräteausfälle und -defekte erfolgt nun
in einem zweiten Teil der Studie.“ So will
man zwar die Ursachen erst noch analy-
sieren, behauptet jedoch schon heute, es
ließen sich keine Belege für geplante Obsoleszenz finden.
Der Begriff „Obsoleszenz“ benennt allgemein die allen Dingen innewohnende Eigenschaft der Abnutzung und Veralterung.
Er kommt aus dem Lateinischen und be-
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deutet: veralten, außer Gebrauch kommen,
Wert und Ansehen verlieren, sich abnutzen.
Alle betriebswirtschaftlichen Vorgänge
unterliegen stets Planungs- und Entscheidungsvorgängen. Daher ist die geplante
Obsoleszenz von der natürlichen zu unterscheiden. Sie bezieht sich auf betriebliche Vorgänge im Bereich Produktentwicklung, Herstellung und Absatz, die zu einer
Verkürzung der Produktlebensdauer im
Vergleich zu der zu sonst gleichen Kosten
möglichen Produktlebensdauer führen. Sie
ist ebenso abzugrenzen von Verhaltensausprägungen der Konsumenten, die zu einer
verkürzten Produktnutzung führen, soweit
diese nicht durch Methoden der geplanten
Obsoleszenz herbeigeführt werden (Nutzungsobsoleszenz).
Forschung wächst aus den Kinderschuhen
Die betriebliche Forschung zur geplanten
Obsoleszenz hat ihre Anfänge in dem sogenannten Glühlampenkartell(3) und in
der Automobilindustrie der 1920er-Jahre.
Sie findet dabei bis heute unter anderen
Begriffen und in einem anders lautenden Kontext statt, zum Beispiel geplante
Gebrauchsdauer, Overengineering, Lean
Production, Verkürzung der Wiederbeschaffungszyklen, Produktlebensdauer,
Innovationszyklen. Einer öffentlichen
Untersuchung steht sie bisher nur indi-
rekt über Fachliteratur zur Verfügung. Die
gesellschaftliche Forschung zur geplanten
Obsoleszenz geht zurück bis in die 1940erJahre, die frühen 1960er und 1970er, wobei
man damals von „absichtlicher Obsoleszenz“, „psychischer Veralterung“ oder
„geplantem Verschleiß“ sprach. Die Studie „Geplante Obsoleszenz“(4) beziffert die
Schadfolgen, benennt konkrete Beispiele
und zeigt ein Handlungsprogramm gegen
geplante Obsoleszenz auf. Mit Zunahme
der öffentlichen Debatte um die Ursachen
und Hintergründe kommt es zu einer Ausweitung der gesellschaftlichen Forschung
und Lehre – etwa die UBA-Studie und
einzelne Hochschulen. Das Land Nordrhein-Westfalen hat 2011 das Kompetenzzentrum Verbraucherforschung errichtet,
welches sich seit 2013 auch mit dem Themenfeld der geplanten Obsoleszenz befasst. Die Hochschule Pforzheim hat 2014
das Fachforum Verbraucherforschung in
Baden-Württemberg zum Thema „Obsoleszenz: Qualitätsprodukte oder geplanter
Verschleiß“ durchgeführt. Auf politischer
Ebene kommt es zu einer breiten Auseinandersetzung mit dem Thema und klaren
Forderungen, beispielsweise durch Anträge von Bundestagsfraktionen, Parlamentarischen Beirat, Umweltbundesamt,
Verbraucherministerkonferenzen 2013
und 2015, EU-Kommission, und ersten
Gesetzen in Frankreich.
Gewährleistung und Garantie regeln
Als weitere Maßnahme gegen geplante Obsoleszenz ist eine Vereinheitlichung der EUweiten Regelungen zu Gewährleistungs- und
Garantieregelungen erforderlich. Hersteller
selbst bestätigen im Rahmen der Debatte
um geplante Obsoleszenz, dass sie mit den
bestehenden Regelungen in der EU zurechtkommen. Einer EU-weiten Anpassung an
den höchsten Standard sollte also auch auf
nationaler Ebene nichts entgegenstehen. Das
gesetzliche Gewährleistungsrecht ist in der
EU verpflichtend. Garantien hingegen sind
ein freiwilliges Angebot von Händlern und
Herstellern, manchmal auch von Dritten
wie Versicherungsanbietern. Dabei ist zu
beachten, dass Garantien keine Auswirkung
auf das gesetzliche Gewährleistungsrecht von
Verbrauchern in der EU haben. Garantien
sollen vielmehr wie ein zusätzlicher Schutz
wirken und die Verbraucherrechte erweitern.
So können etwa Situationen abgedeckt werden, die von der gesetzlichen Gewährleistung nicht umfasst sind, wie beispielsweise
eine Reparatur zu Hause. Die Umsetzung
von Garantieregelungen zeigt jedoch eine
hohe und ungeregelte Kreativität der Hersteller und Versicherungen, die oft irreführend
und zum Schaden der Konsumenten ist. Für
Garantien fehlt es bisher an einem nationalen oder EU-weiten „Allgemeinen Gesetz für
Garantiegeschäftsbedingungen“.
Dem MURKS ein Ende setzen
llen oder Küchengeräte, die nach
Murks sind Drucker, die plötzlich ihren Betrieb einste
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wenigen Minuten heiß laufen. Für Stefan Schridde,
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Stefan Schridde
Murks? Nein danke!
Was wir tun können, damit die Dinge besser werden
Euro, ISBN 978-3-86581-671-9
256 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 19,95
.de
Erhältlich bei www.oekom.de, [email protected]
Die guten Seiten der Zukunft
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Dezember 2015/Januar 2016 umwelt aktuell
kreislaufwirtschaft
Die Verbrauchsgüterkaufrichtlinie (Richtlinie 1994/44/EG zu bestimmten Aspekten des Verbrauchsgüterkaufs und der
Garantien für Verbrauchsgüter) regelt für
jeden Konsumenten in Europa das Recht,
gesetzliche Gewährleistungsansprüche geltend zu machen. Die Richtlinie regelt Mindeststandards für die Gewährleistung beim
gewerblichen Verkauf an private Endverbraucher und berücksichtigt die national
bereits vorhandene und teilweise erweiterte
Mängelhaftung. Bei grenzüberschreitenden
Käufen kommt es zu Missverständnissen in
der Anwendung, da Verkäufer dazu neigen,
die Gesetzeslage ihres eigenen Landes anzuwenden. Auch deswegen ist eine Vereinheitlichung geboten und zielführend.
Eine aktuelle Untersuchung des European Consumer Centre (ECC-NET-Report „Commercial warranties ARE THEY
WORTH THE MONEY?“)(5) verdeutlicht
die Vielfalt der bisher gültigen Regelungen
in der EU. Ziel der Studie war ein Vergleich
der teilweise sehr unterschiedlichen Garantie- und Gewährleistungsarten in den 28
EU-Mitgliedstaaten, Island und Norwegen.
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Folgende Unterschiede wurden im Rahmen
der Studie unter anderem festgestellt: Die
Laufzeiten für die gesetzliche Gewährleistung liegen zwischen zwei Jahren in der
Mehrheit der Länder, bis zu sechs Jahren
in Irland, England und Wales. In den Niederlanden und Finnland hängt die Laufzeit
von der durchschnittlichen Lebensdauer ab.
Nicht in jedem Land ist eine Verkürzung
der Laufzeit bei gebrauchter Ware vorgesehen. Die sogenannte Beweislastumkehr (in
Deutschland nach sechs Monaten) wurde
in den Ländern Portugal und in Frankreich
ab 2016 auf zwei Jahre verlängert. Die Definition des Mangelbegriffs ist einheitlich,
grenzt diesen jedoch nicht eindeutig vom
Verschleißbegriff ab. Auch gibt es bisher
keinen sogenannten konstruktiven Mangel
wie ein fehlplatzierter Elektrolytkondensator oder fehlende Reparierbarkeit.
Die Studie verdeutlicht den Handlungsbedarf und ebenso die Handlungsmöglichkeiten. MURKS? NEIN DANKE! plant die
Einrichtung eines juristischen Arbeitskreises und lädt interessierte Organisationen
und Rechtsanwälte zur Mitwirkung ein.
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Anmerkungen
(1) www.umweltbundesamt.de/presse/presseinformationen/
faktencheck-obsoleszenz
(2) Die Verbraucherbefragung der GfK im Jahr 2013 erfolgte im
Auftrag des Zentralverbandes der Elektro- und Elektronikindustrie (ZVEI). Die GfK-Daten durften im Rahmen der
vorliegenden Studie verwendet und publiziert werden.
(3) www.spectrum.ieee.org/geek-life/history/the-greatlightbulb-conspiracy
(4) Schridde, S., Kreiß, C., Winzer, J., (2013). Geplante Obsoleszenz: Entstehungsursachen – Konkrete Beispiele – Schadensfolgen – Handlungsprogramm.
(5) www.eu-verbraucher.de/en/consumer-topics/buying-ofgoods-and-services/guarantees-and-warranties-in-the-eu
Der Betriebswirt Stefan Schridde hat die Initiative
MURKS? NEIN DANKE! gegründet und im oekom
Verlag ein Buch mit dem gleichnamigen Titel veröffentlicht. Er lehrt an der Hochschule für Technik und
Wirtschaft in Berlin das Thema geplante Obsoleszenz.
Kontakt:
Tel. +49 (0)176/ 83299180,
E-Mail: [email protected],
www.murks-nein-danke.
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