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mythos heimat
worpswede und die
europäischen
künstlerkolonien
Ausstellungstexte in der Übersicht
. März 
Künstlerkolonien – ein europäisches Phänomen
Natur unverfälscht erfahren und im Bild festhalten: dieser Wunsch trieb
im . und frühen . Jahrhundert zahlreiche Künstler aus ganz Europa
dazu, sich in Kolonien auf dem Land niederzulassen. Der urwüchsige
Wald bei Barbizon, die weiten Moorebenen um Worpswede oder die
Skagener Küste boten ihnen reiche Bildthemen, die sie direkt in der
freien Natur festhielten. Möglich machte die Freilichtmalerei nicht zuletzt
die neu erfundene Tubenfarbe, die sich leicht mitnehmen ließ.
Fernab der schnell wachsenden Städte sahen die Künstler ihre Sehnsucht
nach einem einfachen Leben auf dem Land gestillt, häufig war hier das
Leben auch deutlich günstiger. Dank der Eisenbahn waren die
städtischen Kunstzentren dennoch schnell zu erreichen. Auch viele
Künstlerinnen zog es in die Kolonien; hier fanden sie kreative Freiräume
abseits des von Männern dominierten akademischen Kunstbetriebs.
Frankreich
Frankreich gilt als das Mutterland aller Künstlerkolonien. Zuerst war es
Barbizon am Waldrand von Fontainebleau, später die Orte am Flusslauf
des Loing und die raue Schönheit der Bretagne, die Künstler aufs Land
zogen. Abseits der Kunstmetropole Paris suchte die Avantgarde neue
kreative Impulse in der Natur, denn hier konnte man die strikten Regeln
der akademischen Kunst endgültig hinter sich lassen. Die Dorfbewohner
wussten den Aufenthalt der Maler gewinnbringend zu nutzen: Gegen
Honorar standen sie Modell oder vermieteten Zimmer und Atelierräume.
Herbergen und Hotels waren oft ganz auf die Bedürfnisse der Maler
ausgerichtet. Hier fand man nicht nur Unterkunft, sondern auch
geselligen und künstlerischen Austausch. Neben Franzosen kamen
Schweden, Amerikaner, Engländer oder Deutsche in die Kolonien.
Begeistert vom gemeinsamen Leben und Arbeiten auf dem Land,
gründeten sie in ihren Herkunftsländern eigene Künstlerkolonien. So
verbreitete sich das Phänomen bald international.
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Pressekontakt:
Dennis von Wildenradt
Pressesprecher
Leitung
Kommunikation +
Kulturvermittlung
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[email protected]
landesmuseum-hannover.de
Barbizon – die »Mutter aller Künstlerkolonien«
In Barbizon nahm die Bewegung der Künstlerkolonien ihren Anfang. Seit
dem Ende der er-Jahre kamen die Maler in das urwüchsige
Waldgebiet von Fontainebleau mit seinen uralten Baumriesen, die
vielfältige Motive für die Freilichtmalerei boten. In kleinformatigen
Gemälden, den sogenannten paysages intimes, hielten Künstler wie
Théodore Rousseau, Narcisso Díaz de la Peña oder Constant Troyon
schlichte, mitunter fast zufällig erscheinende Ansichten fest, anstatt
Ideallandschaften im Atelier zu komponieren. Der Mensch – in Gestalt
von Anglern, Schäfern oder Malern – wird harmonisch in die ihn
umgebende Natur eingebettet. Ihre Darstellungsprinzipien wandten die
Künstler auch andernorts an, wie Camille Corots Ansichten der Teiche
von Ville d’Avray oder der italienischen Sabinerberge zeigen. Dank der
neuen Eisenbahnverbindung war Barbizon vom nahegelegenen Paris aus
schnell erreichbar; bald kamen auch zahlreiche Touristen in den Wald
von Fontainebleau. Aktiv setzten sich die Maler für den Erhalt des
Waldes ein; auf ihre Initiative hin entstand hier  das erste
Naturschutzgebiet.
Der Wilde Westen Frankreichs: die Bretagne
Neben der Landschaft war es vor allem das Brauchtum der Bretagne,
das Künstler seit den er-Jahren faszinierte. In der abgelegenen
Provinz hatten sich fremdartig anmutende Sitten und eine eigene
Sprache erhalten. Tänze und Trachten, wie sie Emile Bernard in seiner
»Studie mit Bretoninnen« festhielt, zeigten die Künstler ebenso wie den
Alltag der Bevölkerung – etwa die Algenernte als typischen Arbeitszweig
der Region. Der malerische Marktflecken Pont-Aven war Sitz der ersten
bretonischen Künstlerkolonie. Dabei handelt es sich nicht um eine
französische, sondern um eine amerikanische Gründung. Bereits
hunderte Künstler waren vor Ort gewesen, als mit Bernard, Gauguin und
Sérusier seit  auch die Avantgarde nach Pont-Aven kam.
Vereinfachung der Form, Flächigkeit und betonte Konturen
kennzeichneten ihren neu entwickelten Stil, der bald Schule machen
sollte. Als Pont-Aven mehr und mehr von Künstlern überlaufen wurde,
zogen einige weiter ins nahegelegene Le Pouldu. Concarneau, die dritte
wichtige bretonische Kolonie, hatten Einheimische schon in den er
Jahren gegründet. Von der Beliebtheit dieses Fischerstädtchens zeugen
zahlreiche Hafenszenen.
Großbritannien
In Großbritannien war es vor allem die Abgeschiedenheit Cornwalls mit
seinem urwüchsigen Charakter, die zahlreiche Künstler anzog. In
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Küstenstädtchen wie Newlyn, St Ives und Falmouth entstanden in den
er-Jahren die bedeutendsten britischen Künstlerkolonien. Den hier
geschaffenen Meeresbildern kam große Bedeutung im Hinblick auf die
nationale Identität zu, denn Großbritannien war damals eine der
größten Seemächte. Das dramatische Schauspiel von Wind und Wellen
wie auch die Spiegelung des Lichts auf ruhigem Wasser waren beliebte
Motive. Zahlreiche Bildthemen von der Abfahrt der Flotte bis zum
Verpacken des Fangs bot zudem die Fischerei. Die britischen
Künstlerkolonisten standen in regem Austausch mit dem europäischen
Festland, wie etwa Elizabeth Adela Forbes‘ Darstellung eines
Fischermädchens aus dem niederländischen Zandvoort belegt.
Niederlande
Die niederländischen Kolonien wurden nach französischem Vorbild
gegründet. Oosterbeek ist die älteste unter ihnen. Der Ort am Flusslauf
des Veluwezoom galt als „Holländisches Barbizon“, später erhielt auch
Laren diesen Titel. Populär wurde die Larener Heidelandschaft mit ihren
Schafherden vor allem durch die Bilder Anton Mauves.
Im . Jahrhundert reisten unzählige deutsche Künstler in die
Niederlande, die auf eine bedeutende Tradition der Landschaftsmalerei
zurückblicken konnten. So malte etwa Max Liebermann nicht nur in
Laren, sondern auch in Katwijk.
Katwijk ist wohl die berühmteste Künstlerkolonie an der Nordsee.
Neben den einheimischen und deutschen Künstlern waren hier vor allem
Briten und Amerikaner tätig – sie spielten eine maßgebliche Rolle bei der
künstlerischen Kolonisierung Europas.
Späte Beispiele sind Domburg, hier repräsentiert durch Euphrosine
Beernaert, und Bergen. Dort griffen Künstler wie Leo Gestel oder
Charley Toorop, die Tochter Jan Toorops, in den er- und erJahren die neuen Stiltendenzen der Moderne auf.
Zentrum der Avantgarde – Domburg
Dass in Künstlerkolonien mitunter wesentliche Schritte auf dem Weg in
die Moderne unternommen wurden, zeigt neben Ascona am Monte
Verità auch das niederländische Domburg. Schon seit den er Jahren
kamen Künstler in das Seebad; international bekannt werden sollte es
aber durch die alternativen Heilverfahren, die der Arzt Georg Mezger
hier entwickelte. Gäste aus der ganzen Welt reisten nach Domburg, um
sich seinen Therapien zu unterziehen. Die Ideen der LebensreformBewegung hielten hier ebenso Einzug wie die neuen Stiltendenzen der
Avantgarde: Mit Jan Toorop und Piet Mondrian ließen sich zwei
wichtige Vertreter der Avantgarde in Domburg nieder. Wo einst die
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umliegende Dünen- und Küstenlandschaft in malerischen Ansichten
festgehalten wurde, experimentierte man nun zunehmend mit der
Abstraktion. Ein eigens errichteter Ausstellungspavillon, der »Kunstzaal«,
bot ab  den Domburger Künstlern die Möglichkeit, ihre Werke zu
zeigen. Der Erste Weltkrieg läutete das Ende der Künstlerkolonie ein;
Domburg entwickelte sich mehr und mehr zu einem rein touristischen
Badeort.
Dänemark
An der nördlichsten Spitze des dänischen Festlands liegt Skagen. Vor
allem im Sommer zog der Fischerort seit den er-Jahren
skandinavische Maler an, in den folgenden zwei Jahrzehnten sollte sich
hieraus eine Künstlerkolonie entwickeln. Die umliegende Dünen- und
Heidelandschaft bot vielfältige Motive, Maler wie Peder Severin Krøyer
und Michael Ancher hielten jedoch auch das harte Arbeitsleben und die
bescheidenen Häuser der Bevölkerung ungeschönt in ihren Werken fest.
Krøyer setzte bevorzugt den breiten Skagener Südstrand ins Bild. Hier
tummeln sich erschöpfte Fischer nach getaner Arbeit oder genießen
elegante Damen die sogenannte »blaue Stunde« – die hellen nordischen
Sommernächte übten eine besondere Faszination auf die Maler aus. Bei
den dargestellten Spaziergängerinnen handelt es sich um die Ehefrauen
der Künstler, Marie Krøyer und Anna Ancher, die selbst erfolgreiche
Malerinnen waren.
Deutschland
Die Geschichte der deutschen Künstlerkolonien setzt gleichzeitig mit der
in Frankreich ein. Willingshausen, Dachau oder Frauenchiemsee
entwickelten sich seit den er-Jahren zu Freilichtrefugien der
Düsseldorfer und Münchner Akademie. Später folgten Kronberg, das
von Studenten des Städelschen Kunstinstituts besucht und besiedelt
wurde, Grötzingen, als Mal- und Wohnort der Karlsruher, Goppeln als
Anlaufstelle der Dresdner Künstlerschaft. Neben die Kolonien im Inland
traten die Küstenorte, die alle an der Ostsee liegen: Ekensund an der
Flensburger Förde, Ahrenshoop, Hiddensee und Schwaan in
Mecklenburg-Vorpommern oder Nidden auf der Kurischen Nehrung.
Auch in Worpswede ließen sich akademisch ausgebildete Maler nieder;
sie gründeten einen »Künstler-Verein« mit eigener Satzung. Das war neu
und machte Schule; nicht nur in Deutschland, sondern auch
international.
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Ebene und Himmel – Worpswede
 entdeckte Fritz Mackensen die Landschaft des Teufelsmoores, in
dessen Zentrum Worpswede liegt.  brachte er seine
Studentenfreunde Otto Modersohn und Hans am Ende mit, und die drei
beschlossen, dauerhaft am Weyerberg sesshaft zu werden. Nach dem
Eintreffen von Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler gründete die
Gemeinschaft einen Verein. Das hatte es in der Geschichte der
europäischen Künstlerkolonien bis dahin noch nicht gegeben. Im
Frühjahr  stellte der »Künstler-Verein Worpswede« erstmals
gemeinsam in der Bremer Kunsthalle aus. Der große Erfolg stellte sich im
selben Jahr aber erst mit einer Ausstellung im Münchner Glaspalast ein,
die international für Furore sorgte. Angeregt durch die Gemälde und
Grafiken der Gründerväter kamen die ersten Künstlerinnen in den Ort –
auch um Unterricht zu nehmen.  Künstlerkolonistinnen sind
namentlich belegt, ihre Werke sind jedoch heute größtenteils
unbekannt. Die Doppelnamen der wichtigsten Worpswederinnen
zeigen, dass in den Kolonien auch viele Paare zueinander fanden: Paula
Modersohn-Becker, Clara Rilke-Westhoff, Hermine Overbeck-Rothe.
Kunst auf der Insel – Frauenchiemsee
Die »Entdeckung« Frauenchiemsees durch Künstler lässt sich genau
festmachen:  ging eine Gruppe von Münchner Malern auf der ,
Hektar kleinen Insel an Land. Eine eigene Künstlerchronik dokumentiert
dieses Ereignis wie auch die weitere Entwicklung der Kolonie.
Bedeutende deutsche Maler wie Wilhelm Trüber, aber auch
ausländische Künstler wie der gebürtige Russe Franz Roubaud oder der
Schwede Brynolf Wennerberg kamen an den See, angezogen vom
pittoresken Panorama der Landschaft: Über der spiegelnden Weite des
Wassers erhebt sich die Silhouette des alten Klosters Frauenwörth mit
seinem markanten Turm, hinterfangen von der Kette der Alpen am
Horizont. Auch die Kähne, mit denen die Einheimischen den See
befuhren, waren ein beliebtes Motiv, so etwa in Max Haushofers Bild
eines voll beladenen Heuschiffs. Engelbert Seibertz’ »Fischerin vom
Chiemsee« rudert einen Maler über den See – der Passagier selbst ist
zwar nicht sichtbar, wohl aber sein Malzubehör.
Malen im Moss – Dachau
Seit den er-Jahren ließen sich Künstler in Dachau nieder. Sie
faszinierte die herbe Schönheit der umliegenden Mooslandschaft. Die
weite Ebene gab den Blick bis zu den Alpen frei. Durch die hohe
Luftfeuchtigkeit entstanden feine Dunstschleier, die für häufig
wechselnde Lichtverhältnisse und besondere Farbwirkungen sorgten.
Mit der Bahn war Dachau von der Kunst-Hochburg München aus seit
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 bequem erreichbar. Schon vor Gründung der Kolonie kamen Maler
wie Eduard Schleich oder Carl Spitzweg zu Malausflügen ins Moos.
Adolf Hölzel, Ludwig Dill und Arthur Langhammer machten den Ort bis
 überregional bekannt. Hölzel gründete hier  eine private
Malschule, die von Anfang an großen Zustrom aus verschiedensten
Ländern erfuhr. Die Schülerschaft war zum größten Teil weiblich, denn
Frauen war der Zugang zu den staatlich geführten Akademien noch
verwehrt. Leidenschaftlich engagierten sich die Künstler für den Schutz
des Mooses, das heute weitestgehend zerstört ist.
»Wanderkünstler« in Willingshausen und Goppeln
Bereits bei seinem ersten Besuch war Carl Bantzer klar: In Willingshausen
würde er alles finden, was zu malen ihm am Herzen lag. Bantzer lehrte
an der Dresdner Kunstakademie und kam mit seinen Schülern jeden
Sommer in den verträumten Ort zwischen Marburg und Kassel. Auch bei
den Malern der Düsseldorfer Akademie war Willingshausen
außerordentlich beliebt. Schon seit  zog es sie in die Gegend; sie
begeisterten sich für die Landschaft der Schwalm, das Leben und die
Tracht der Schwälmer, die eine Studie von Ludwig Knaus vorstellt.
Allerdings waren die Künstler nicht unbedingt auf eine Kolonie
festgelegt. Bantzer zog es etwa auch nach Goppeln. Der kleine Ort in
Sachsen war seit den er-Jahren eine wichtige Anlaufstelle für die
Lehrer und Schüler der Dresdner Kunstakademie. Eine bedeutende Rolle
innerhalb der Goppelner Kolonie spielte auch Paul Baum, dessen
lichtdurchflutete Landschaften seine Kollegen zu einer Aufhellung ihrer
Palette inspirierten.
Kronberg: Von Frankfurt zum Taunus
»Ich für meine Person erachte jeden Tag als verloren, den ich nicht in
Kronberg verbringen kann«, erklärte der Maler Anton Burger . Die
kleine Stadt im Taunus lockte vor allem Künstler aus dem
nahegelegenen Frankfurt an, viele von ihnen hatten ihre Ausbildung an
der berühmten Städelschule erhalten. Neben Burger kamen auch Philipp
Rumpf und Jakob Fürchtegott Dielmann aus der Mainmetropole.
Dielmanns »Treppenaufgang an der Eichengasse« dokumentiert den
malerischen Charakter der Kronberger Altstadt. Erfolgreich führte Anton
Burger hier eine eigene Malschule, zu seinen Schülern zählten etwa
Margarethe Knoop-Spielhagen oder der gebürtige Amerikaner Nelson
Gray Kinsley, Burgers späterer Schwiegersohn. In seinen stillen
Taunuslandschaften hielt Kinsley vor allem die verschiedenen jahres- und
tageszeitlichen Stimmungen fest. Doch nicht nur Künstler zog es nach
Kronberg: Seit dem Ende des . Jahrhunderts entdeckten wohlhabende
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Frankfurter Bürger das Städtchen als Erholungs- und Ferienort und
erbauten hier repräsentative Sommervillen.
Grötzingen – das badische Malerdorf
Wenige Minuten von Karlsruhe entfernt liegt das beschauliche
Grötzingen. Vor allem Absolventen der Karlsruher Kunstakademie
kamen in das Dorf im Pfinztal mit seiner malerischen Hügellandschaft.
Eine ebenso romantische wie günstige Unterkunft fanden sie in der
Augustenburg, die der Maler Otto Fikentscher aufgekauft hatte.
Fikentschers Ehefrau Jenny hielt das alte Gemäuer in einer Grafik fest.
Stil und Themen der Grötzinger Künstler waren sehr unterschiedlich –
von Winterlandschaften über Tierdarstellungen bis hin zu
Märchenmotiven hatten die Maler je eigene Spezialgebiete ausgebildet.
Besonders Gustav Kampmanns Landschaftsdarstellungen waren
künstlerisch wegweisend; sie zeichnen sich durch flächige Abstraktion
und Reduktion der Motive aus. Trotz des Rückzugs aufs Dorf war die
Anbindung an die städtische Kunstszene eng. Die Grötzinger Kolonisten
unterhielten fast alle Ateliers in der Stadt. In der Kunstdruckerei des
Karlsruher Künstlerbundes schufen sie Grafiken, die überregional
bekannt werden sollten.
An der Flensburger Förde – Ekensund
Seit  fanden sich in Ekensund Maler zu einer Künstlerkolonie
zusammen. Ins Bewusstsein gerückt war der Ort am Nordufer der
Flensburger Förde durch die deutsch-dänischen Kriege  und ;
in der Gegend fanden sich wichtige dänische Verteidigungsstellungen.
Als Bildberichterstatter waren auch Künstler an der Front. Nach
Kriegsende kehrten sie zurück in das Gebiet, das nun zu einem
populären Ausflugsziel wurde. Vor allem Dampfschifffahrten vom
nahegelegenen Flensburg nach Ekensund erfreuten sich großer
Beliebtheit. Den Malern bot der Ort reiche Motive: An der Anlegestelle
standen die Ekensunder Ziegeleien, deren leuchtend rote Dächer sich im
Wasser spiegelten; am Bollwerk verkehrten zahlreiche Schiffe, die dem
Abtransport der Ziegel dienten. Auch die kleinen Segler mit den
charaktervollen Schiffergestalten, die Fischerboote und -häuser hielten
die Künstler im Bild fest. Zu Zeiten der Künstlerkolonie preußisch, gehört
Ekensund heute zu Dänemark und trägt den Namen Egernsund Sogn.
An der Ostsee: Hiddensee – Ahrenshoop – Schwaan
Schon im . Jahrhundert entdeckten Künstler den malerischen Reiz der
Insel Hiddensee, doch erst nach  sollte hier tatsächlich eine Kolonie
entstehen. Wichtigster Treffpunkt der Künstlerkolonisten war das
Landhaus des Malers Oskar Kruse. Auch zahlreiche Malerinnen zog es
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auf die Insel; sie gründeten  den »Hiddensoer Künstlerinnenbund«.
Seit den er-Jahren ließen sich Künstler in Ahrenshoop nieder.
Wegweisend war hier vor allem der Maler Paul Müller-Kaempff. Er
gründete  die Malschule St. Lukas und schuf  mit dem
»Kunstkaten« einen Ausstellungsraum für die ansässigen Maler. Das
unweit von Rostock gelegene Schwaan nimmt unter den
Künstlerkolonien eine Sonderstellung ein, denn hier waren vor allem
einheimische Maler wie Franz Bunke oder Rudolf Bartels tätig. Sie hatten
an der Weimarer Kunstakademie studiert, deren Lehrer und Schüler
regelmäßig nach Schwaan kamen, um sich der Freilichtmalerei zu
widmen. Mit und nach dem Ersten Weltkrieg verfiel die Kolonie und
geriet in Vergessenheit; ein Schicksal, das viele Künstlerkolonien teilen.
Auf der Kurischen Nehrung – Nidden
»Der Landstreifen ist  Kilometer lang und so schmal, dass man ihn in
 Minuten oder einer halben Stunde bequem vom Haff zur See
überqueren kann«, beschrieb Thomas Mann  die Kurische Nehrung.
Karg war der Landstrich, den die Niddener Künstlerkolonisten hier
vorfanden: Die Vegetation war spärlich, Wanderdünen verschütteten
ganze Dörfer. Seit den er-Jahren kamen vermehrt Maler in die
abgelegene Gegend. In ihren Werken verliehen sie der Landschaft
idyllischen Charakter, fanden ihre Motive in der Natur mit Dünen,
Wasser und Wäldern, die Elche durchstreiften. Auch die arme
Bevölkerung setzten Künstler wie Ernst Bischoff-Culms immer wieder ins
Bild. Max Pechstein brachte  den Expressionismus in die Gegend. In
den er-Jahren entwickelte sich Nidden zu einem beliebten Badeund Ferienort, der auch Dichter, Musiker und Schauspieler anzog. Nach
dem Ersten Weltkrieg fiel Nidden an Litauen; heute trägt der Ort den
Namen Nida.
In eisigen Höhen – Schreiberhau
Schreiberhau nimmt unter den Künstlerkolonien eine Sonderstellung ein
– nicht Maler, sondern Schriftsteller waren es, die das alte
Glasmacherdorf am Nordhang des schlesischen Riesengebirges zuerst
für sich entdeckten.  ließ sich so Gerhart Hauptmann in
Schreiberhau nieder, viele seiner Werke spielen in der Bergregion.
Hauptmanns Ruf machte den Ort überregional bekannt. Eine
Malerkolonie sollte sich erst in den er- und er-Jahren entwickeln.
In den langen, schneereichen Gebirgswintern war die Freilichtmalerei
kaum möglich. Künstler, die der Kälte trotzten, fanden jedoch vielfältige
Motive in der rauen Bergwelt der Sudeten mit ihren bizarren
Felsformationen und Gletscherkesseln. Immer wieder hielten Maler wie
Carl Ernst Morgenstern, Alfred Nikisch und Franz von Jackowski den
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über allem thronenden Gipfel der Schneekoppe und die umliegenden
Schneegruben fest. Max von Wislicenius ließ Schneeverwehungen wie
skurrile Fabelwesen erscheinen. Hierin mag auch die Begeisterung für
die reiche Sagenwelt der Region zum Ausdruck kommen. Nach 
wurde der Ort polnisch; Schreiberhau heißt heute Szklarska Poreba.
Ungarn
Szolnok und Nagybánya sind die populärsten ungarischen
Künstlerkolonien.  entdeckte der österreichische Künstler August
von Pettenkofen Szolnok als Malort. Er empfahl das Städtchen inmitten
der Großen Ungarischen Tiefebene nicht nur seinen Landsleuten,
sondern auch ungarischen Künstlern – darunter etwa Lajos Deák Ebner,
der  erstmals nach Szolnok kam, um in der freien Natur zu malen.
 wandten sich die Szolnoker Künstler an das Kultusministerium, um
die Einrichtung einer Künstlerkolonie zu erbitten. Als Ausbildungsstätte
mit eigenen Atelierräumen wurde die Künstlerkolonie Szolnok 
offiziell gegründet. Die Freie Malschule von Nagybánya ist 
entstanden. Die Vorgeschichte dieser Kolonie beginnt in München; hier
hatte Simon Hollósy  eine private Malschule eröffnet. Bei einem
Arbeitsaufenthalt im ländlichen Ungarn kamen die Studenten und Lehrer
im Sommer  auch nach Nagybánya. Die Kleinstadt im Norden
Siebenbürgens wurde in der Folge zu einem Zentrum der modernen
ungarischen Kunst.
Schweiz
Monte Verità, »Berg der Wahrheit«, nannte eine Gruppe junger
Freigeister ihr neues Domizil in den Schweizer Alpen. Im Jahr 
waren sie hierhergekommen, um fern der Städte ein naturnahes Leben
in einer Kommune ohne gesellschaftliche Zwänge und Konventionen zu
führen. Man gründete eine Naturheilanstalt, frönte der Freikörperkultur,
ernährte sich vegetarisch und genoss die reine Bergluft. Bald zog der Ort
Aussteiger ebenso an wie Vertreter der Boheme und Künstler; darunter
auch Hermann Hesse und die Ausdruckstänzerin Charlotte Bara. Einer
der ersten Maler vor Ort war Arthur Segal, der hier eine eigene
Kunstschule gründete. Eine zentrale Rolle in der Künstlergruppe am
Monte Verità spielte Marianne von Werefkin. Sie begründete das
örtliche Museum mit und schenkte ihm viele ihrer Werke. Werefkins
Bilder aus Ascona sind durchglüht von leuchtenden Farben in starken
Kontrasten. Klein erscheinen die Menschen vor der mächtigen Bergwelt,
die weniger die äußere Landschaft als das innere Empfinden wiedergibt.
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