Freitag 26 Christian Herwartz

≫freitag.de Wie Ungarn sich gegen Flüchtlinge abschottet
Etat Wie gefährlich sind
Banken? Wer verursacht die
Finanzkrisen? Zur Zukunft
des Geldes Wirtschaft S. 16/ 17
Eklat Jonathan Meese
im Gespräch mit Harald
Falckenberg: Zerstört
Bayreuth! Kultur S. 24 / 25
iten
Mit 8 Se
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Engagement Einer für
Wirtsch
alle, die auf der Flucht sind:
der Jesuitenpater Christian
Herwartz im Porträt Alltag S. 29
Partner des Guardian
25. Juni 2015
26. Woche
Deutschland 3,80 €
Ausland 4,10 €
„Das ist
Demokratieabbau“
Vaustein
Politik Die Community diskutiert
über den Plan der Regierung, die NSAListe dem Parlament vorzuenthalten
≫freitag.de/community
Das Meinu
Meinungsmedium
ungsme
edium
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Wie Wirtschaft und Politik unser Bedürfnis nach Freundschaft ausbeuten
Mit den Wölfen heulen
Überwachung Die SPD ist bei
der Vorratsdatenspeicherung
eingeknickt. Sie hätte aus ihrer
eigenen Geschichte wissen
können: Das lohnt sich nicht
■ Wolfgang Michal
D
ie Vorratsdatenspeicherung
ist der kleine Wiedergänger
der Notstandsgesetze. Damals, im Mai 1968, wurde die
Verfassung ohne jede Not geändert, mit den Stimmen einer großen Koalition, gegen den Widerstand großer Teile
der Gesellschaft. Die Republik brauchte die
Notstandsgesetze nicht. Aber die alliierten
Siegermächte verlangten sie, zu ihrer eigenen Sicherheit. Die Gesetze sollten vorsorglich regeln, was im Spannungs- oder Verteidigungsfall zu tun wäre, und welche Grundrechte man dann suspendieren müsse. Es
waren Gesetze auf Vorrat, für den hoffentlich nie eintretenden Ernstfall.
Dass sie so mutwillig durchs Parlament
gepeitscht wurden, weckte bei vielen Kritikern damals große Befürchtungen. Vom
Ende der Freiheit war die Rede und von der
Wiederkehr des Faschismus. Die Furcht war
so groß, dass Willy Brandt und die FDP (!)
dafür sorgten, dass ein neuer Absatz in die
Verfassung eingefügt wurde. Artikel 20, Absatz 4 lautet seither: „Gegen jeden, der es
unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen,
haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“ Die bösen Vorahnungen der Kritiker haben sich Gott sei Dank nicht erfüllt.
War der Protest also falscher Alarm?
Seit dem 11. September 2001 leben wir tatsächlich in einer Art Spannungszustand.
Wir befinden uns im „Krieg gegen den Terror“. In vielen westlichen Staaten wurden
die Bürgerrechte empfindlich eingeschränkt
und die Überwachungsmaßnahmen ausgeweitet. Die Folgen wird man erst spüren,
wenn wir in eine ernste Krise geraten. Aber
dann ist es zu spät. Das ist das Grundproblem von Gesetzen, die für einen gedachten
Ausnahmezustand beschlossen werden.
Stellen wir uns also vor, in Deutschland
gäbe es, analog zum Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo, einen islamistisch
motivierten Anschlag auf eine Zeitungsredaktion, ein Stadttheater, eine Sportveranstaltung, mit vielen Toten. Fassungsloses
Entsetzen würde die ARD-Brennpunkte füllen. Es begänne die Jagd auf die Attentäter
und ihre Hintermänner. Die Polizei würde
eine Weile im Dunkeln tappen, was den
Druck auf die Ermittler ins Unerträgliche
erhöhte. Schnell würde man sich dann jener erinnern, die die Vorratsdatenspeicherung durch ihr Nein im Parlament verhindert haben. Es hagelte Schuldzuweisungen.
Die Medien würden über die Nein-Sager
herfallen. Die Vorratsdatenspeicherug würde in atemberaubender Geschwindigkeit
mit überwältigender Mehrheit nachträglich beschlossen. In verschärfter Form. Eine
beschämende Situation.
Permanente
Überwachung
verändert
unser Verhalten
permanent
Wer dieses Szenario für unwahrscheinlich hält, muss sich nur die Chronologie der
Gesetzgebung zur Vorratsdatenspeicherung bei unseren Nachbarn ansehen. Stets
waren konkrete Terroranschläge die treibende Kraft, immer dienten sie als Begründung, Überwachungsgesetze mit heißer
Nadel zu stricken und möglichst schnell zu
verabschieden. So reagierte die EU mit ihrer Richtlinie auf die Anschläge von Madrid
2004, Großbritannien reagierte auf die Anschläge in London 2005, Schweden auf den
Massenmord von Anders Breivik im Jahr
2011, Frankreich auf den Anschlag im Januar 2015. Auch Deutschland könnte irgendwann an der Reihe sein.
Dabei ist die Vorratsdatenspeicherung
gar nicht notwendig. Schon jetzt arbeiten
die Strafverfolger mit zahlreichen Überwachungs-Methoden, von der Rasterfahndung bis zur Funkzellenabfrage. Die Provider stellen der Polizei ihre Vorratsdaten
freiwillig zur Verfügung. Man kann das jeden Sonntag im „Tatort“ besichtigen, wenn
die Verkehrs- und Standortdaten von Handys abgefragt werden. Nur: Bislang bestand
für die Provider keine Pflicht, diese Daten
zu speichern. Künftig wird es standardisierte Pflicht und das heißt, wer unvollständig
aufzeichnet, muss mit hohen Geldbußen
rechnen. Wenn die Geheimdienste BND
oder NSA auf die Datensätze zugreifen wollen, möchten sie nicht umständlich in tausend unterschiedlich geführten Dateien
herumirren müssen.
Die Vorratsdatenspeicherung ist also kein
wirklich neuer Tatbestand, sie ist vielmehr
ein schleichendes Gift für die offene Gesellschaft, weil sie zu Duckmäusertum und Anpassung führt. Permanente Überwachung
ändert unser Verhalten permanent. Das
scheint den Sozialdemokraten heute nicht
mehr bewusst zu sein. Als Anarchisten im
Mai und Juni 1878 zwei Attentate auf Kaiser
Wilhelm I. verübten, präsentierte Bismarck
dem Reichstag umgehend seine Notstandsgesetze: Sie richteten sich gegen „die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, der man eine geistige Mittäterschaft an den Attentaten zuschrieb. Die SPD
wurde für 12 Jahre verboten, ihre Mitglieder
wurden gesellschaftlich geächtet.
Diese Angst vor der sozialen „Ausbürgerung“ schwingt noch immer mit. So ließ
Bundesjustizminister Heiko Maas beim
SPD-Konvent am vergangenen Samstag
durchblicken, dass sein plötzliches Ja zur
Vorratsdatenspeicherung nicht auf Vernunft gründe, sondern der Angst vor den
Auswirkungen eines Attentats geschuldet
sei. Die Sozialdemokraten haben offenbar
vergessen, dass sie aus dem Konflikt mit
Bismarck als stärkste politische Kraft des
Kaiserreichs hervorgegangen sind. Es war
der Lohn für ihr zwölfjähriges Leiden und
für die Standhaftigkeit, nicht mit den Wölfen zu heulen.
Wolfgang Michal ist freier Journalist und
lebt in Hamburg, wolfgangmichal.de
F O T O : L E O NA R D O PAT R I Z I / I S T O C K
Willkommen im Club
S. 6 / 7
Jakob Augstein über Angela Merkel und die Griechenland-Krise
Europa zum Abwinken: Warum man sich
von dieser Seifenoper mit Grausen abwendet
E
rstes Bild: „Ich gebe dir nur einen
Kredit, damit du deine Schulden
bei mir – mit Zinsen natürlich! –
begleichen kannst!“ Zweites Bild: „Ich
gebe dir wieder nur einen Kredit, damit
du auch die neuen Schulden bei mir –
natürlich mit Zinsen – begleichen
kannst!“ Et cetera, et cetera. So hat der
Zeichner Klaus Stuttmann im Freitag
die Griechenland-Politik der Euro-Retter
skizziert. Die europäische Wirklichkeit
macht es dem Satiriker leicht. Sie ist ihre
eigene Karikatur und Angela Merkel ist
die oberste Cartoonistin der Euro-Zone.
Wieviele Gipfel haben wir hinter uns?
Wieviele Ultimaten sind verstrichen und
letzte Fristen und allerletzte Chancen?
Die Euro-Krise ist längst zur traurigen
Soap Opera geworden. Von Folge zu
Folge jagt ein Höhepunkt den nächsten
und immer steht Europas Zukunft auf
Messers Schneide. Schalten Sie auch das
nächste mal wieder ein, wenn es darum
geht: Wo sitzen die besseren Spieler, in
Athen, Brüssel oder Berlin?
Aber die Einschaltquote sinkt. Die
Zuschauer wenden sich mit Grausen ab.
In England, Frankreich, Dänemark, Polen
gewinnen die neuen Nationalisten.
Das Europa, das sich ihnen bietet, wollen
die Menschen, die in diesem Europa
leben, immer weniger. Wer kann es
ihnen verübeln? Es sind ja die Politiker,
die versagen, nicht die Wähler. Europas
Zukunft ist nicht in guten Händen.
Und ein gutes Ende wird diese Geschichte
nicht haben, solange der nationale Egoismus das Drehbuch schreibt.
Der neue Nationalismus versteckt sich
hinter der Fiktion, ökonomischen Gesetzmäßigkeiten zur Geltung verhelfen
zu wollen. Aber in Wahrheit geht es um
politische Gestaltung. Währungsfragen
sind im eigentlichen Sinne Wertfragen.
Jürgen Habermas hat in der Süddeutschen Zeitung geschrieben, der Skandal
bestehe darin, dass sich die Politiker
in Brüssel und Berlin weigern, ihren
Kollegen aus Athen als Politiker zu be-
gegnen: „Sie sehen zwar wie Politiker aus,
lassen sich aber nur in ihrer ökonomischen Rolle als Gläubiger sprechen.“
Die Theoretiker der europäischen Integration wird es nicht wundern: In den
großen transnationalen Institutionen ist
das europäische Problem längst verstanden. „Die Wirtschafts- und Währungsunion vollenden“ heißt das Papier,
das Kommissions-Chef Juncker und
seine Kollegen von den wichtigen europäischen Institutionen jetzt vorgelegt
haben. Seit den Tagen Jacques Delors‘,
des modernen Vaters der Währungsunion, produziert die Kommission
solche Papiere. Und lauter richtige Sachen stehen auch dieses mal da, von
der Bankenunion bis zur gemeinsamen
Wirtschaftspolitik. Aber aus Rücksicht
auf die Zaghaften in den Hauptstädten
wird die eigentliche Frage ausgespart.
Fragen muss man, ob die Vollendung
dieser Union nicht den politischen Zusammenschluss zwangsläufig fordert?
Politische Gestaltlosigkeit, das Merkmal der europäischen Krise, ist zugleich
das Merkmal ihrer wichtigsten Akteurin.
Es ist ja ein Pech von wahrhaft historischen Ausmaßen, dass zum richtigen
Zeitpunkt am richtigen Ort die falsche
Frau sitzt. Die Eigenschaften, die es
brauchte, um die Krise zu lösen, sind
eben jene, über die Angela Merkel nicht
verfügt. Für einen tapferen Schritt nach
vorn ist die Kanzlerin denkbar ungeeignet. Die Süddeutsche Zeitung hat über
Merkel geschrieben: „Das Meisterstück
ihrer Euro-Politik ist Griechenland.“
In seiner Umkehrung wird der Satz wahr.
Im Angesicht der europäischen Herausforderung entlarvt sich das ganze Scheitern der deutschen Kanzlerin.
Lesen Sie dazu auch die Seite 3
26
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Entgelt bezahlt
Tagebuch
02 Seite 2
Inhalt
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Lieber aktiv als radioaktiv
Hubert Lutz hat schon vor 40 Jahren gegen den Reaktor in Grafenrheinfeld protestiert. Jetzt ist er endlich am Ziel
Wochenthema
Willkommen im Club! S. 6/7
Wie Politik und Wirtschaft das
menschliche Bedürfnis nach Freund­
schaft für ihre Zwecke ausbeuten
William Davies
Politik
Demokratie S. 5
Seit Jahren sinkt die Wahlbeteiligung.
Einige NGOs gehen dagegen neue Wege
Felix Werdermann
USA S. 9
Was trieb den Mörder von Charleston?
Die Ursache des Terrors ist Rassismus
Konrad Ege
Gender S. 11
Ines Blum war zehn Jahre lang als
Prostituierte unterwegs. Kurz vor dem
Zusammenbruch stieg sie aus
Sebastian Stoll
Wirtschaft
Europa S. 13
Den Euro abzuschaffen wäre ein Irrweg.
Eine Reform muss her
Andrew Watt
Vinyl S. 15
Schallplatten sind angesagt,
aber die Maschine, die sie produziert,
lief zuletzt 1984 vom Band
Christine Käppeler
Im Gespräch S. 16/17
Schöpfen Banken ihr Geld aus dem
Nichts? Ökonom Mathias Binswanger
erklärt, wie Krisen entstehen
Michael Jäger
Kultur
Interview S. 21
Theatermacher Milo Rau hielt im
Kongo Gericht über den Bürgerkrieg
Natascha Gillenberg
Race & Gender S. 23
Der Fall einer Weißen, die sich als
Schwarze ausgab, offenbart
die soziale Konstruktion von Rasse
Katja Kullmann
Film S. 26
Washington galt mal als Hollywood
für Hässliche. Jetzt ist alles anders
Noah Gittell
Alltag
Kinder S. 30
Die Geburtenrate sinkt hierzulande
immer tiefer. Warum?
Maxi Leinkauf
A – Z Bachmannpreis S. 32
Über Blut, Literatur und 80er-Hits
Leserbriefe, Impressum S. 28
■■Felix Werdermann
E
r war gerade 15 Jahre alt, da interes­
sierte er sich bereits für das Atom­
kraftwerk, das damals noch nicht
einmal genehmigt war. Hubert Lutz
ging zu Veranstaltungen, zu Protest­
aktionen, zu Demonstrationen. „Mein Vater
wollte es mir verbieten. Das hat aber nicht
funktioniert.“ Seitdem hat ihn der Reaktor in
Grafenrheinfeld nicht mehr losgelassen. Heu­
te ist Lutz 58 Jahre alt, fast sein ganzes Leben
lang hat er gegen das AKW gekämpft. Am
Samstag wird der Reaktor nach mehr als 33
Betriebsjahren abgeschaltet. Als erster der
neun deutschen Atomreaktoren, die nach der
Katastrophe von Fukushima weiterlaufen
durften – und als vermutlich einziger, der in
dieser Legislaturperiode vom Netz geht.
Grafenrheinfeld liegt direkt neben Schwein­
furt, im Nordwesten Bayerns. Seit Jahrzehnten
kämpfen Bürger gegen das Atomkraftwerk.
Während Aktivisten aus den Großstädten ge­
legentlich zu einer Demo vorbeikommen, ist
der Widerstand für die Menschen vor Ort zur
Lebensaufgabe geworden. Was passiert, wenn
das Hassobjekt auf einmal verschwindet?
Hubert Lutz wächst in einem Nachbarort
auf und engagiert sich in der Katholischen
jungen Gemeinde. Als 1974 mit dem Bau des
Atomkraftwerks begonnen wird, hat er sich
seine Meinung schon gebildet. „Ich wusste,
dass ich das hier nicht haben will.“ Lutz inter­
essiert sich schon immer für Physik, macht
nach seinem Hauptschulabschluss eine Aus­
bildung zum Elektriker. Doch die Arbeit ist
ihm zu eintönig, außerdem stört ihn der
Schichtbetrieb. Also holt er das Abitur nach
und zieht ins nahe Würzburg, um dort Psy­
chologie zu studieren. Dort beteiligt er sich
am Widerstand gegen die geplante Wiederauf­
arbeitungsanlage in Wackersdorf – die Protes­
te sind erfolgreich. Nach dem Studium zieht
er wieder in die Nähe von Grafenrheinfeld,
trotz des Reaktors. „Das ist meine Heimat, ich
wollte mich nicht vertreiben lassen“, sagt er.
In einer Partei wird er nie aktiv, aber in der
örtlichen Bürgerinitiative. Mittlerweile ist er
seit 20 Jahren deren Vorsitzender.
Der Reaktor liegt nur vier Kilometer von
seinem Haus entfernt, wo er mit seiner Frau
und seinen Töchtern wohnt. „Mir ist immer
mulmig“, sagt er. Vom Garten ist das Kraft­
werk nicht zu sehen, aber wenn er Feuerwehr­
sirenen hört, steigt er schon mal auf den
Dachboden. „Es gab ein paar Schnellabschal­
Das Atomkraftwerk wird abgeschaltet und dann
abgebaut. Das
wird noch viele
Jahre dauern.
„Ich werde die
grüne Wiese nicht
mehr erleben“,
sagt Hubert Lutz
F o t o : M a r t i na M ü l l e r
Liebe Leserinnen und Leser,
ich war noch niemals in Kla­
genfurt – obwohl Kärntens
Hauptstadt für Schriftsteller
und Buchmarktmenschen strahlt, als
wär’s New York. Jedenfalls während der
„Tage der deutschsprachigen Literatur“, die
heuer am 1. Juli beginnen und vor allem
durch den Bachmannpreis bekannt sind.
Und wenn ich auch noch niemals in
Klagenfurt war, so habe ich doch, wie Sie
vermutlich auch, das eine oder andere
über Klagenfurt und den Bachmann­preis im Kopf. Natürlich die blutende
Wunde, die sich Rainald Goetz 1983
bei seiner Lesung in den Kopf geritzt hat.
Dann soll der Wörter- äh, Wörthersee
ganz reizvoll sein und vieles mehr.
Für unser A – Z hat Jan Drees nun
ein so informatives wie witziges
Kompen­dium zu diesem singulären
Festival der Literatur zusammen­
getragen. Er hat dabei aus eigenem
Wissen, aber auch aus den Hinweisen
der Freunde auf Facebook schöpfen
können, denen hier gedankt sei.
Eine gute Lektüre wünscht Ihnen
Ihr Michael Angele
tungen“, berichtet er. „Wir haben gewusst, was
wir tun würden, wenn es einen Unfall gibt.“
An den offiziellen Katastrophenschutzplan
hätte er sich nicht gehalten. „Mit meiner Frau
habe ich abgesprochen, wer welches Kind bei
welcher Schule abholt und bei welchen Freun­
den wir uns treffen.“ Auch für die heilpädago­
gische Tagesstätte, die er leitet, hat er einen
eigenen Plan entwickelt. In den letzten Tagen
vor der Abschaltung ist er etwas beunruhigt.
„Noch nie war so wenig spaltbares Material im
Reaktor, das ist eine Sondersituation.“
Lange hat er auf diesen Zeitpunkt gewartet.
Als Rot-Grün nach dem Regierungswechsel
1998 den Ausstieg beschlossen hat, waren vie­
le Atomkraftgegner unzufrieden, auch Hubert
Lutz. „Die haben uns das Zwischenlager ge­
bracht“, schimpft er auf die Politiker von SPD
und Grünen. „Außerdem wäre der Ausstieg
viel schneller gegangen. Das hat man nach Fu­
kushima gesehen, da wurden erstmal alle Re­
aktoren abgeschaltet und da hat auch kein
Licht geflackert.“ Zwischendurch hat eine
schwarz-gelbe Bundesregierung jedoch zu­
nächst den rot-grünen Ausstieg rückgängig
gemacht und längere Laufzeiten beschlossen.
Erst nach Fukushima wurde das zurückge­
nommen und für jedes AKW ein fester Ab­
schalttermin festgelegt. Grafenrheinfeld dürf­
te noch bis Ende des Jahres Strom produzie­
ren. Doch Eon hat sich als Betreiber für ein
früheres Abschalten entschieden – weil nun
die Brennelemente ausgetauscht werden
müssten und dann die Kernbrennstoffsteuer
angefallen wäre, was sich bei einem Weiterbe­
trieb bis Jahresende nicht rentiert hätte.
Tausende Atomkraftgegner haben schon
Ende Mai ein großes Abschaltfest gefeiert, un­
ter der Schirmherrschaft der Kinderbuchauto­
rin Gudrun Pausewang. Sie hat das Atomkraft­
werk mit ihrem Roman Die Wolke bekannt
gemacht. Er handelt von einem Unfall in Gra­
fenrheinfeld und wurde mehr als 1,5 Millionen
Mal verkauft. Im Jahr 2006 wurde das Buch
verfilmt, dort trägt das Kraftwerk bloß den fik­
tiven Namen AKW Markt Ebersberg.
So bleibt der Film immerhin noch aktuell,
wenn in Grafenrheinfeld bald keine Atomker­
ne mehr gespalten werden. Das Risiko wird
aber nicht von einen auf den anderen Tag
komplett verschwinden. Die Brennstäbe müs­
sen noch weiter gekühlt werden, damit es kei­
ne Kernschmelze gibt. Der Betreiber Eon will
im Jahr 2027 mit dem Rückbau des Kraftwerks
fertig sein, anschließend können die Gebäude
ganz normal abgerissen werden, das dauere
noch einmal zwei bis drei Jahre. Allerdings
wird sich das Zwischenlager neben dem Kraft­
werk weiter füllen, es ist genehmigt bis zum
Jahr 2046. Da derzeit keine andere Lagerstätte
in Sicht ist, könnte es eine Verlängerung ge­
ben. Hubert Lutz ist sich jedenfalls sicher: „Ich
werde die grüne Wiese nicht mehr erleben.“
Die Arbeit für die Bürgerinitiative ist mit
dem Abschalten des Reaktors nicht beendet.
Lutz will darauf achten, „dass möglichst hohe
Sicherheitsstandards beim Rückbau eingehal­
ten werden“. Schwach radioaktives Material
dürfe etwa nicht mit anderem Abfall ver­
mischt werden, damit hinterher der gesetzli­
che Grenzwert unterschritten wird und der
gesamte Müll als unverstrahlt gilt. Nach Anga­
ben der Initiative „Ausgestrahlt“ gibt es dann
keine Kontrolle mehr, was mit dem Material
aus Grafenrheinfeld passiert. „Radioaktiver
Schutt kann so auch als Unterbau auf Kinder­
spielplätzen, strahlende Rohre auch als Koch­
topf enden.“ Für Hubert Lutz ist also auch in
den kommenden Jahren noch viel zu tun.
Troels Heeger über Dänemark nach der Wahl
Sabine Kebir über den Fall Ahmed Mansour
Rechtsruck im Norden
Gründlich daneben
S
tubenrein, das werdet ihr
niemals – das sagte 1999
der dänische Minister­
präsident, der Sozialdemokrat
Poul Nyrup Rasmussen, über
die damals aufstrebende frem­
denfeindliche und rechtspopu­
listische Dänische Volkspartei.
Sechzehn Jahre später haben
die Dänen diese Warnung igno­
riert. Bei der Parlamentswahl
hat die Dänische Volkspartei
einen massiven Sieg gefeiert.
Mehr als jeder fünfte Däne
hat die Rechtspopulisten zur
zweitgrößten Partei im Land
gemacht. Das Wahlergebnis ist
ein Sinnbild für die schleichende
Normalisierung des Rechtspo­
pulismus sowie den Niedergang
der etablierten Volksparteien.
Nicht nur in Dänemark, sondern
in ganz Europa.
Auschlaggebend für den
Rechtsruck im Norden war nicht
nur der Wunsch nach einem
schärferen Asylrecht und einer
stärkeren Abschottung gegen­
über Einwanderern. Auch der
Terroranschlag vom Januar
in Kopenhagen hat eine große
Rolle bei der Wählerschaft ge­
spielt. Ebenso der Wunsch nach
einem großzügigeren Sozial­
staat, dessen Leistungen haupt­
sächlich für dänische Staats­
bürger bewahrt bleiben sollen,
spielten eine wichtige Rolle.
Diese Kombination hat den
Erfolg der Volkspartei befeuert.
Denn im Gegensatz zur Sozial­
demokratie und der rechts­
liberalen Venstre-Partei, bieten
die Rechtspopulisten eine
Mischung aus linken und
rechtskonservativen Ansichten.
Sie haben damit Wähler aus
beiden Lagern angesprochen.
Den Sozialdemokraten unter
der scheidenden Premierminis­
terin Helle Thorning-Schmidt
hat es nicht geholfen, dass
auch sie eine strikte Asyl- und
Einwanderungspolitik betrieben
haben. Diese Strategie ist ge­
scheitert, auch wenn die Partei
bei den Wahlen ein bisschen
zulegen konnte. Viele Wähler
betrachteten die Volkspartei
ganz offenbar als die authen­
tischere Alternative.
Aber nicht nur die Sozial­
demokraten sind durch den
Rechtsruck unter Druck geraten.
Weil die Rechtspopulisten
durch das Wahlergebnis jetzt
auch größer geworden sind als
die rechtsliberale Partei Venstre,
bastelt der wohl künftige
Premierminister Lars Løkke
Rasmussen derzeit daran, einen
Koalitionsvertrag auszuhandeln,
der von den vier sehr unter­
schiedlichen Parteien des rech­
ten Spektrums als Kompromiss
akzeptiert werden kann.
Während beispielsweise die
kleine Partei Liberal Alliance die
öffentlichen Ausgaben massiv
einschränken will, fordert die
Volkspartei eine Erhöhung der
sozialen Leistungen für die Alten
und die Kranken. Viele dänische
Kommentatoren spekulieren
schon jetzt darüber, dass dem
geplanten Regierungsbündnis
keine sehr lange Lebensdauer
beschieden sein wird.
Mit dem Wahlergebnis kom­
men aber auch neue Heraus­
forderungen auf die Rechts­
populisten zu, die seit ihrer
Gründung vor 20 Jahren die für
sie ebenso bequeme wie vorteil­
hafte Rolle einer oppositionellen
Protestpartei eingenommen
hat. Trotz des Erfolges signali­
siert der Vorsitzende, Kristian
Thulesen Dahl, dass seine
Partei nicht Teil der RasmussenRegierung werden will.
Dahl ist der Meinung, dass
der Einfluss seiner Partei
wesentlich größer sein wird,
wenn er auf der Oppositions­
bank sitzen bleibt, anstatt am
Kabinettstisch Platz zu nehmen.
Seine populistischen Spielchen
könnte er auf diese Weise ein­
fach weiter betreiben. Fragt sich
nur, ob das auch seine vielen
bürgerlichen Wähler so sehen.
Troels Heeger ist BerlinKorrespondent für die dänische
Zeitung Berlingske Tidende
M
it „Allahu Akbar“Rufen muslimischer
Demonstranten
wurde der ägyptisch-britische
Journalist Ahmed Mansour
am Montag empfangen, als er
nach 48 Stunden Haft die Voll­
zugsanstalt Berlin-Moabit als
freier Mann verlassen konnte.
Mansour berichtet seit vielen
Jahren für den katarischen
Sender Al-Jazeera direkt von
Brennpunkten im Nahen Osten.
Besonders berühmt ist seine
Sendung Ohne Grenzen, in der
er mit Politikern – vom Präsi­
denten bis zum linken Opposi­
tionellen – Interviews führt,
in denen es keine Tabus gibt.
Algeriens Staatschef Bouteflika
etwa verließ das Studio mitten
in der Sendung. Mansour selber
brach vor der Kamera in Tränen
aus, als ein ehemaliger politi­
scher Gefangener aus Marokko
von Haftumständen erzählte.
Auch deshalb wurde Al-Jazeera
jahrelang als Vorkämpfer der
Demokratie in islamischen
Ländern wahrgenommen. Es
fiel kaum jemandem auf, dass
in Mansours Sendungen nie je­
mand aus der politischen Kaste
Katars auftauchte. Spätestens
seit dem Arabischen Frühling
wurde aufmerksamen Beobach­
tern klar, dass Al-Jazeera ein
raffiniertes Vehikel der katari­
schen Monarchie war, sich
gegen „laizistische Diktaturen“
(Syrien) wandte und seinen
Einfluss auch dank linker Kräfte
zu sichern verstand.
Natürlich begab sich
Mansour stets zum Tahrir-Platz
in Kairo, wenn dort die Ereig­
nisse kulminierten. Dass er aber
an Folterungen beteiligt war, wie
das ägyptische Staatsanwälte
behaupten, ist unwahrschein­
lich. Hinter seiner in Abwesen­
heit erfolgten Verurteilung
zu 15 Jahren Haft steckt eher
das Bemühen, einen regen
Multiplikator auszuschalten,
der die von Katar geförderten
Muslimbrüder unterstützt.
Dass Mansour nun ausge­
rechnet in Berlin festgenommen
wurde, kann als grotesker
Hinweis auf die zuweilen bei
Behörden aufblitzende deutsche
Gründlichkeit gewertet werden.
Der verbreitete Verdacht, man
habe dem neulich von der
Bundesregierung empfangenen
Staatschef as-Sisi einen Gefallen
tun wollen, kann als gegen­
standslos gelten. Dass die Justiz
am Nil eher politisch als rechts­
staatlich handelt, ist bekannt.
Es darf vermutet werden,
dass sich die digitalen Speicher
der Bundespolizei nicht auf
dem neuesten Stand befanden,
während die Justiz unabhängig
genug war, das zu tun, wozu
sie verpflichtet ist.
Politik 03
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
F o t o : M i c h a e l S t e e l e / G e t t y Im a g e s
Krise In der Geschichte
der EU gab es immer
wieder zentrifugale
Tendenzen. Doch selten
zuvor waren sie so
spürbar und brisant wie
im Augenblick. Der Fall
Griechenland ist nur
ein Symptom von vielen,
die zeigen, wie sich
das europäische Projekt
auf die Eindämmung
von Krisen reduziert
Liebe auf den ersten Blick: Zeus und Europa
Ein ganz normaler Störfall
Geopolitik Durch den Konflikt mit Athen läuft die EU Gefahr, als Global Player auszufallen
■■Lutz Herden
E
s sollte die Euro-Gemeinschaft
peinlich berühren, dass sie zuletzt besonders von der US-Regierung immer ungehaltener ermahnt wurde, mit Griechenland
endlich einen für alle Seiten tragfähigen
Kompromiss zu finden. Die USA als Anwalt
eines vereinten Europas – wann gab es das
schon? In der Vergangenheit verhieß europäische Souveränität Konkurrenz zur westlichen Führungsmacht, auch wenn die reklamierte Selbstbestimmung der EU selten
über Profilierungsversuche hinauskam. Allein die im Maastricht-Vertrag (1992) als
Säule von mehr Integration geführte Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik
(GASP) blieb mehr Torso als Tatsache. Man
konnte sich in Washington gelassen zurücklehnen. Je mehr sich die EU durch Neuaufnahmen überdehnte und sich mit dem
Euro eine Risikowährung leistete, desto
stärker litt das kollektive Handlungsvermögen. Und mit einer Emanzipation von Amerika war es nicht weit her.
Ausgerechnet jetzt
Inzwischen ist es freilich auch mit der amerikanischen Dominanz im globalen Ranking nicht mehr weit her. Es käme der Obama-Regierung höchst gelegen, wäre Europa
ein potenter Partner, der nicht die Währungsunion in Verruf bringt und das Jahr
2010 heraufbeschwört, als an den Finanzmärkten – ohne deren Mitwirkung das Euro-System tot ist – schon einmal die Contenance verloren ging. Im Weißen Haus wird
zudem nicht vergessen sein, wie die BushRegierung 2008 die Investmentbank Lehman Brothers ungebremstem Absturz überließ. Wofür es vor allem zwei Gründe gab:
fehlende Kenntnis vom transkontinentalen
Aktionsradius eines aggressiven Finanzkapitals, dazu das neoliberale Dogma – der
Staat hält sich raus. Wie gerade die Eurokrise zeigt, leidet das Weltfinanzsystem bis
heute unter jenem desaströsen Krisenmanagement. Weil wir aus Fehlern lernen, teilen wir den Europäern unser Unbehagen
mit, so US-Finanzminister Jacob Lew. Er hätte auch sagen können, weil wir als führender IWF-Staat zu den Griechenland-Gläubigern zählen, fühlen wir uns zuständig.
Entscheidender für das Drängen auf eine
Griechenland-Lösung dürfte indes der geopolitische Impuls Amerikas sein – Europa
möge bitte schön nicht durch ökonomische Sturheit als Global Player ausfallen.
Die strategische Brisanz eines „Grexits“
wäre enorm. Ausgerechnet jetzt, da den Nahen Osten als Nachbarregion der EU meh-
rere Bürgerkriege pflügen und die USA nur
begrenzten Einfluss darauf haben, wer sich
bei der Neuordnung von Staaten und Gesellschaften wie durchsetzt. In solcher Lage
mit Griechenland kein Einvernehmen zu
finden, würde heißen, die Welt nicht zu
verstehen, in der man lebt.
Darüber hinaus wäre zu fragen, wie will
eine zum Konsens unfähige EU einer Großhandels- und Finanzmacht wie China gewachsen sein, die sich etabliert? Und hat
der Umgang mit Griechenland nicht zum
Positionsverlust gegenüber Russland geführt? Durch den am 19. Juni zwischen
Athen und Moskau geschlossenen Vertrag
über den Bau einer Gaspipeline durch Griechenland verliert die Ukraine als Transitland russischer Gasausfuhren an Bedeutung und Störpotenzial. Es wäre absurd,
wollte man der Tsipras-Regierung vorwerfen, dass sie in ihrer Situation ein Junktim
angedeutet hat: Bündnisdisziplin in der EU
wie als NATO-Staat an der Südostflanke der
Allianz sollte auf mehr Konzilianz der Gläubiger stoßen. Man kann sich auch anderweitig umtun. Wer das für dreist hält, sollte an
den britischen Premier David Cameron denken, der – ohne in einer vergleichbaren Notlage zu sein – aus parteitaktischem Kalkül
ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft
anberaumt, dessen Ergebnis zum Rückzug
aus der Gemeinschaft zwingen kann.
Bisherige Krisen hat die EU in der Regel
eindämmen können, weil sie sich zu korrigieren oder mit Differenzen zu leben verstand. Als 2005 eine EU-Verfassung bei Referenden in Frankreich und den Niederlanden scheiterte, wurde eine europäische
Magna Charta aufgegeben. Als wenig später
der Lissabon-Vertrag in Irland durchfiel, gab
es Konzessionen für Dublin, auf dass ein
zweiter Abstimmungsversuch Früchte trage. Als es der Union 2003 während des IrakKrieges nicht gelang, geschlossen aufzutreten, blieben irreversible Schäden aus.
Im Moment aber entfaltet die Agenda
der Erosion eine bis dato unbekannte Dynamik, die dazu einlädt, nach der inneren
Verfassung eines Staatenbundes zu fragen,
der sich selbst fremd geworden scheint.
Warum ist es unmöglich, eine kohärente
Wer denkt
nach fünf
Jahren Krise
noch an einen
föderativen
Staatenbund?
Flüchtlingspolitik zu finden? Osteuropäische EU-Staaten verweigern sich einer Aufnahmequote und wollen nichts von dem
zurückgeben, was ihnen als westeuropäischer Beistand zuteil wurde, als es um Aufnahme und Ankommen in der Gemeinschaft ging. Die Regierungen in Budapest,
Warschau oder Riga strafen durch ihr Verhalten die Versicherung Lügen, den EUBeitritt betrieben zu haben, weil sie Teil einer europäischen Einheit sein wollten.
Stattdessen wird die Aufnahme von Flüchtlingen aus Angst vor nationalistischen Aufwallungen blockiert. Dagegen allerdings
sind westeuropäische EU-Staaten inzwischen ebenso wenig gefeit, wenn in Frankreich, Dänemark, den Niederlanden oder
Schweden rechtspopulistische Parteien im
bürgerlichen Milieu wildern und anzeigen:
Europa geht die politische Mitte verloren.
Nicht für die Ewigkeit
Gern wird übersehen: Das vereinte Europa
ist nicht aus Überzeugung vereint, sondern
von einer relevanten Schnittmenge gemeinsamer Interessen abhängig. Es entfernt sich von der Wahrheit, wer der EU –
zumal als 28-Staaten-Bund – einen quasi
von der Vorsehung bestimmten Fusionsdrang andichtet. Solange es Staaten gibt,
beruhen solcherart Assoziationen auf nationalstaatlichen Erwägungen, denen niemand verbieten kann, auseinanderzudriften. Nichts wäre verkehrter, als das Europa
der EU in einem Anflug von kosmopolitischem Idealismus als der Ewigkeit verhaftetes Integrationsmuster zu deuten. Der
Konflikt um Griechenland ist Störfall und
Normalfall zugleich, seit der Euro zur Konvergenz zwingt und Divergenz bewirkt.
Es ist lange gut gegangen mit den vereinigten Staaten von Europa. Durch die Eurozone und ihren Regulierungsbedarf haben sich nun aber die Nationalstaaten in
einem Maße zurückgemeldet, wie man
das kaum für denkbar hielt. Sie sind da –
mit ihrer Budgethoheit, den sozialen Traditionen und Standards, ihren Wettbewerbsvorteilen und Wachstumssklerosen.
Wer wäre nach fünf Jahren Eurokrise noch
so verstiegen, die Vision von einer europäischen Föderation zu bemühen? Es gab
sie, vorgetragen vom damaligen Außenminister Joseph Fischer bei einer Rede im
Jahr 2000 an der Berliner Humboldt-Universität. 15 Jahre später werden die Imperative der Gemeinschaftswährung mindestens ebenso von einem EZB-Präsidenten wie den EU-Regierungschefs definiert.
Die Amerikaner mögen zum Agreement
mit Griechenland ermahnen, so viel sie
wollen – die Desintegration Europas zehrt
nicht nur von diesem Konflikt.
David wirft seinen Stein
Syriza Im Schuldenstreit
istes Alexis Tsipras gelungen,
die politische Hegemonie
der EU zu durchbrechen
■■Michael Jäger
D
er Kampf zwischen der griechischen Regierung und den Gläubigerinstitutionen wird nach dieser
Woche weitergehen, aber bereits jetzt lassen sich Lehren ziehen. Hat es eine solche
Auseinandersetzung überhaupt schon
einmal gegeben? Man weiß von Staaten,
die ihren Schuldendienst einstellten (Argentinien), von anderen, die wegen ihrer
Schulden mit militärischer Gewalt kolonialisiert wurden (Ägypten), und von vielen
anderen, die dem eigenen Volk unerträgliche Lasten auferlegten, um nur einfach
den Gläubigern Genüge zu tun. Dass aber
eine Regierung die politischen Repräsentanten der Gläubiger in Debatten verwickelt, um auf die Öffentlichkeit von Gläubigerstaaten einzuwirken und einen Stimmungswandel zu erreichen, das ist neu.
Ein schwacher Staat wie Griechenland
will einen ökonomischen Riesen wie
Deutschland mit Argumenten in die Enge
treiben? Das muss auf den ersten Blick absurd scheinen. David hatte beim Kampf
gegen Goliath doch wenigstens einen
Stein in der Hand. Was haben Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis? Dass sie argumentieren, soll Wirkung haben? Hätte
dann Jürgen Habermas doch recht mit seiner Theorie des herrschaftsfreien Dialogs?
Nein, denn nur die Griechen haben argumentiert, während in Deutschland, dem
mächtigsten der Gläubigerstaaten, gelogen wurde, dass sich die Bretter bogen.
Dafür, die griechischen Argumente
schlicht zu verbergen, haben die deutschen Herrscher und ihre medialen Mitläufer Mittel genug. Und doch hat sich
gezeigt, dass die Griechen nicht chancenlos sind. Ihr erster Erfolg liegt auf der
Hand: Die monatelang rasselnde Gebetsmühle, Griechenland lege keine Reformliste vor und da sei es ja klar, dass man die
längst versprochenen Hilfen nicht auszahlen könne, hat ihren Geist aufgegeben. Vor
dem EU-Sondergipfel hörte man auf einmal, dass es zwei Reformlisten gibt, eine
der Gläubiger und eine griechische, die
miteinander streiten. Da dann auch über
beide Listen berichtet werden musste,
konnte sich die Bevölkerung selbst fragen,
welche sie plausibler findet.
Das politische Verhalten des Alexis Tsipras erklärt sich nicht zum wenigsten daraus, dass er Eurokommunist gewesen ist.
Antonio Gramsci war der Theoretiker, auf
den sich die eurokommunistischen Par-
teien Italiens, Frankreichs und Spaniens
beriefen. Der hatte betont, dass staatliche
Herrschaft nie bloß auf Gewalt beruht,
sondern immer auch „Hegemonie“, das
heißt einen Minimalkonsens zwischen
Herrschern und Beherrschten, erfordert.
Wer Herrschaft stürzen will, muss zuerst
diesen Konsens angreifen, der Herrschende und Beherrschte miteinander verkittet.
Das versucht die Regierung Tsipras, indem sie die in der Eurozone geübte Austeritätspolitik in Frage stellt. Sie nutzt die
einzige Schwäche der Gläubigerstaaten
aus, denen es nicht egal sein kann, ob
Griechenland die EU verlässt und sich womöglich mit Russland verbündet oder
nicht. Sie wird zudem vom Beistand der
eigenen Bevölkerung getragen. Es gehört
dazu, dass sie einen gesellschaftlichen
Nerv getroffen haben muss.
Gewiss hilft Syriza auch die Besonderheit des griechischen parlamentarischen
Systems, dass ein Wahlerfolg von etwas
mehr als 30 Prozent schon ausreicht, um
dank zusätzlicher Mandate die Regierung
zu bilden. Die Lehre daraus ist aber nur,
dass die Bedingungen politischen Handelns immer von Fall zu Fall verschieden
sind. Wo der Widerstand Chancen griechischer Art nicht hat, hat er andere.
Ein einziger Milliardär
Noch eine Lehre kann aus dem Streit gezogen werden. Warum kommen die Gläubigerstaaten Griechenland nicht entgegen, damit es sich nicht an Russland anlehnt? Es wird nicht selten an die
Entschiedenheit erinnert, mit der einst
der US-Präsident Franklin D. Roosevelt die
Austeritätspolitik in seinem Land beendete. Aber die Verhältnisse waren ganz anders als heute. Zum einen waren die Folgen des Ersten. Weltkriegs noch spürbar.
Da konnten die Reichen nicht dafür kämpfen, gesellschaftliche Solidarität zurückhalten zu dürfen. Zum andern nötigte die
Existenz der Sowjetunion zur Vorsicht.
Heute dagegen sind die Vermögenden
übermächtig und werden immer mächtiger, wie jüngst Thomas Piketty gezeigt
hat. Welchen Weg ihr politischer Einfluss
sich bahnt, ist zwar selten so sichtbar wie
in den USA, wo ein einziger Milliardär die
Republikanische Partei beherrscht und es
nicht einmal verbergen muss. Das berichtete ausgerechnet die Frankfurter Allgemeine. Aber irgendwelche Wege gibt es
überall, und weil ein Staat, welcher es
auch sei, in der Globalisierung nicht mehr
unabhängig von anderen Staaten agieren
kann, wäre der Spielraum selbst einer gutwilligen deutschen Regierung begrenzt.
Der deutsche Staat ist ja selbst verschuldet – sprich: in Gläubigerhänden. Es ist
offenbar nicht leicht, sich darüber hinwegzusetzen.
04 Politik
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Unter der Woche
Jürgen Busche
Der Ja-Sager oder der
Nein-Sager: Wer
hat denn nun recht?
Foto: christian Thiel/imago
W
as einige Jahrtausende lang
im Vorderen Orient und
in Europa die Astrologie war,
das sind heute die Wirtschaftswissenschaften. Da wird hochtrabend von
der Zukunft geredet, ungern von der
Vergangenheit und autoritär über
die Gegenwart. Was der eine sagt, dem
widerspricht der andere.
Wo früher die Feldherren ihren Astrologen befragten – Wallenstein seinen
Seni –, da müssen sich heute die Politiker
anhören, was etwa die fünf Wirtschaftsweisen meinen. Die einen sagen, es wäre
prima, wenn Griechenland den Euro
verlassen würde. Die anderen: Ein Grexit wäre die Katastrophe. Die Dritten:
Man kann es nicht wissen. Ausdisku­
tieren können sie es nicht. Das dauert
zu lange und niemand hört ihnen zu.
Wie die Astrologen von ehedem hantieren sie mit Tabellen und Kurven, mit
kaum verständlichen Begriffen. Als Laie
kann man sich darauf nicht einlassen.
Aber auch der Laie kann sich auf die
Empirie berufen. Und die belehrt jeden,
der hinschaut: Astrologie ist Unfug. Und
jeder, der Wirtschaftswissenschaftler
historisch betrachtet, kann feststellen,
dass es auch damit nicht weit her ist.
Als Ludwig Erhard, der Vater des
Wirtschaftswunders, gleich nach der
Währungsreform die Rationierung
von Gebrauchsgütern teilweise aufhob,
rüffelte ihn der oberste Amerikaner
in Deutschland, Lucius D. Clay: „Meine
Berater sagen mir, das sei falsch.“
Erhard erwiderte: „Machen Sie sich
nichts draus. Meine Berater sagen mir
genau das Gleiche.“ Ist die Volkswirtschaft überhaupt eine Wissenschaft?
Karl Marx, der von vielen unter die
Klassiker der Ökonomie gezählt wird,
sagte, es gebe für ihn nur eine Wissenschaft, und das sei die Geschichte.
Astrologie und Wirtschaftswissenschaften haben auch so ihre Kernsätze,
die in ihrer Schlichtheit unübertrefflich sind. Bei Wallenstein: Nacht muss
es sein, wenn Friedlands Sterne leuchten. Natürlich, bei Tage kann man sie
nicht sehen. Wirtschaftswissenschaftler: Das schlechte Geld verdrängt
das gute Geld. Logisch: Wer schlechtes
Geld in der Tasche hat, möchte es
möglichst schnell auf dem Markt
loswerden gegen gute Ware. Das gute
Geld behält er lieber zu Hause. Darum
heben die Griechen derzeit eifrig ihre
Euros von den Konten. Das alles klingt
nach Aussagen wie: Der Ball ist rund.
Darüber kann man nicht diskutieren.
Aber politische Entscheidungen leben
davon. Als der Philosoph Rudolf
Carnap einmal bei einer Diskussion
zugegen war, in der es stürmisch hin
und her ging, wurde er schließlich
gebeten zu sagen, was richtig und was
falsch sei. Carnap antwortete: „Was
ist richtig oder falsch an Holladio?“
Operiert eher symbolisch: der Bundesgesundheitsminister
Der unsichtbare Terminator
Medizin Hermann Gröhe steuert den Tanker Gesundheitssystem anders als alle vor ihm: lautlos, unheimlich. Aber wohin?
■■Ulrike Baureithel
S
eit Montag streiken die Pflegekräfte an der Berliner Charité. Es
ist in vieler Hinsicht ein Ausnahmestreik, denn die Beschäftigten
legen nicht für mehr Lohn die Arbeit nieder, sondern weil sie mehr Personal
fordern. Sie streiken also für uns alle, die es
uns einmal treffen könnte, nachts zusammen mit 25 Patienten auf einer Station zu
liegen und nur von einer einzigen Schwester oder einem Pfleger betreut zu werden.
Sie streiken für etwas, das eigentlich in den
Aufgabenbereich der Politik fällt, für medizinische Versorgungssicherheit.
Gleichzeitig droht in der Fläche, so der
neue Krankenhaus-Rating-Report, jedem
sechsten Krankenhaus die Insolvenz, jedes
dritte schreibt rote Zahlen. Unter dem Motto, die Versorgungsqualität zu erhöhen,
verabschiedete das Kabinett kürzlich eine
lang angemahnte Krankenhausreform. Ein
Strukturfonds soll Kliniken dazu animieren, sich zu spezialisieren oder das kleine
Kreiskrankenhaus in ein Hospiz oder eine
Pflegeeinrichtung umzuwandeln.
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Attac-Sommerakademie
5.-9. August 2015 // Marburg
Die Sommerakademie ist zentraler Treffpunkt für Neugierige, Jung und Alt,
Attacies und AktivistInnen. Auf spannenden Podien, Foren und in Workshops
werden wir gemeinsam lernen, politisches Handwerkszeug erarbeiten und
diskutieren.
Im Mittelpunkt steht dabei der Attac-Jahresschwerpunkt „Wachstumskritik:
globale Armut und Naturzerstörung solidarisch überwinden“. Immer mit dem
Ansatz, Globalisierung zu verstehen und kritisch zu hinterfragen.
Alternativen kennen lernen,
Aktionen für eine solidarische
Welt entwerfen und Lösungsstrategien entwickeln: Die Sommerakademie bietet eine entspannte
Atmosphäre mit vielen gleichgesinnten und interessanten
Menschen, spannenden Veranstaltungen und dazu ein vielseitiges
kulturelles Programm.
Infos und Anmeldung unter
www.attac.de/sommerakademie
Dafür stellt der Bund 500 Millionen Euro
bereit, die Länder sollen noch einmal so
viel geben. Doch die tun sich schwer damit,
das gegen die Kommunen durchzusetzen.
Denn für Patienten, die eine ganz normale
Operation benötigen, hieße das, weitere
Wege zu gehen als bisher. So macht das
böse Wort von der Abwrackprämie die
Runde. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat bundesweite Protestaktionen
angekündigt, die das Gesetzgebungsverfahren im Herbst begleiten sollen.
Der Mann, der dies alles verantwortet,
heißt Hermann Gröhe und ist vom CDUGeneral zum Bundesgesundheitsminister
aufgestiegen. Mit Gesundheit hatte er bisher wenig zu tun, aber das galt auch für viele Vorangegangene. Gemessen an den Turbulenzen, die von einer Andrea Fischer
oder Ulla Schmidt ausgingen, oder der Abwehr, die einem Philipp Rösler entgegenschlug, steuert der CDU-Mann seinen Tanker bemerkenswert lautlos durch schwere
Wasser. Denn obwohl die Krankenkassenschatullen derzeit noch gut gefüllt sind
und einen Überschuss von 25 Milliarden
Euro ausweisen können, hat Gröhe eine beachtliche Agenda abzuarbeiten: Neben
dem eklatanten Pflegekräftemangel und
der Krankenhausmisere wäre unter anderem das ärztliche Korruptionswesen zu bekämpfen, die Sterbehilfe zu regeln und die
Pflegeversicherung umzubauen. Alles Operationen am offenen Herzen, die mit invasiven Schnitten verbunden sind und zu
Entzündungen neigen.
An der Sektorengrenze
Doch nach außen hin operiert Gröhe eher
symbolisch, und nach innen schließt er
Wunden, die zu bluten beginnen könnten,
schnell wieder oder überlässt das Messer
anderen. Ein Beispiel dafür ist das Versorgungsstärkungsgesetz, eine so kleinteilige
und „technische“ Reform, dass sie kaum
jemandem zu vermitteln ist. Also verlegte
sich Gröhe in der öffentlichen Kommunikation auf etwas, das Patienten täglich
tangiert: die Terminvergabepraxis beim
Facharzt.
Doch die mit großem Tamtam in die Gesundheitslandschaft gehievten TerminServicestellen, die Patienten binnen vier
Wochen einen Facharzttermin vermitteln
oder andernfalls in die Klinik weiterleiten
sollen, ist reine Imagewerbung – und Drohkulisse gegenüber den Kassenärztlichen
Vereinigungen. Selbst wenn ein Teil der
ambulanten Versorgung auf die Kliniken
umgeleitet und damit Geld aus dem ambulanten Bereich abgezogen würde, wäre die
Sektorengrenze zwischen ambulanter und
klinischer Versorgung damit so wenig aufgehoben wie die zwischen gesetzlich und
privat Versicherten. An der will der Gesundheitsminister auf keinen Fall rütteln.
Genau Letztere ist aber ein Grund, warum
Patienten so lange warten müssen. In den
ohnehin überlasteten Kliniken wird es ihnen übrigens auch nicht besser gehen.
Beim Thema Zwangsaufkauf von Arztpraxen in überversorgten Gebieten ist Gröhe den Ärzten dagegen weit entgegengekommen. Das Vorhaben hätte vielen Ärzten, die ihre Praxis aufgeben und lukrativ
verkaufen wollen, tatsächlich auf die Füße
getreten. Jetzt ist sie dermaßen verwässert,
dass von einer Strukturreform zugunsten
ländlicher Gebiete kaum mehr die Rede
sein kann. Der Zulassungsausschuss, der
die Bedarfsplanung organisiert, wird die
Regionen nun so ausmessen, dass rechnerisch wenig „Überversorgungsgebiete“ übrig bleiben. Und auch die Ärzte können
vorsorgen, indem sie den Kaufpartner
frühzeitig in die Praxis nehmen: Hat dieser
dort nämlich drei Jahre gearbeitet, bleibt
die Praxis erhalten.
Solches Entgegenkommen weiß die derzeit ohnehin zerstrittene Ärztelobby zu
schätzen, weshalb ihr Chef, Frank Ulrich
Montgomery, Gröhe auf dem Deutschen
Ärztetag, bei Kritik im Detail, sogar explizit
lobte. Die von Gröhe geplante Kassierung
der Chefarzt-Boni – also der Regelung, dass
Klinikchefs, die für eine bestimmte Zahl
von Operationen sorgen, besonders vergütet werden – lässt insbesondere niedergelassene Ärzte kalt. Und wo es sie tatsächlich
kratzen könnte, etwa mit einem bissigen
Antikorruptionsgesetz, hat sich Gröhe in
Sicherheit gebracht: Großzügig delegierte
er das Vorhaben, mit dem man sich nur unbeliebt machen kann, an seinen Kabinettskollegen, Justizminister Heiko Maas.
Das gilt auch für ein anderes, öffentlich
sehr kontrovers diskutiertes Projekt, die
Sterbehilfe. Gröhe, bekennender evangeli-
Großzügig hat
der Minister
die schwierigen
Vorhaben an
andere delegiert
scher Christ, ist erklärtermaßen gegen jede
Form der organisierten Selbsttötungshilfe.
Er weiß aber auch, dass es in der Gesellschaft (und im Parlament) heftige Gegenströmungen gibt. Also hat er das Feld den
Abgeordneten überlassen, die inzwischen
fünf interfraktionelle Entwürfe zur Sterbehilfe beziehungsweise zum Verbot der Beihilfe zur Selbsttötung vorgelegt haben.
Den Befürwortern hat Gröhe allerdings,
vielleicht ungewollt, ein Geschenk gemacht, indem er der im Herbst anstehenden Entscheidung ein Palliativgesetz vorgeschoben hat, das die Möglichkeiten ausweitet, Sterbenskranke in ihrer letzten
Lebensphase zu begleiten. Die SterbehilfeKritik wurde sozusagen „sediert“, indem
die befürwortenden Pressure-Groups auf
das Palliativgesetz verweisen können.
Telemedizin statt Landarzt
Ginge es nach Gröhe, gäbe es auch für den
Ärzte- und Pflegemangel eine einfache Lösung, die Telemedizin. Auf dem diesjährigen Hauptstadtkongress Gesundheit im
Juni legte er sich heftig ins Zeug für die Digitalisierung der Medizin, „die einen erheblichen Beitrag zur Verbesserung der Versorgung“ leiste. Auch in dem im Mai vom Kabinett verabschiedeten E-Health-Gesetz
wird die Hoffnung laut, Versorgungsengpässe in den ländlichen Gebieten technologisch bewältigen zu können.
Der Roboter am Pflegebett ist also offenbar nicht nur eine japanische Vision. Aber
keine besonders realistische, wie die streikenden Charité-Pflegekräfte wissen. Wenn
sie sich durchsetzen mit ihrer Forderung
nach besseren Personalquoten, werden andere Kliniken folgen. Die von Gröhe bereitgestellten 330 Millionen Euro für 6.350
neue Pflegekräfte wären dafür völlig unzureichend. Das gilt auch für den aufgelegten
Investitionstopf für die Krankenhäuser:
„Ein Witz“, sagt die Opposition.
Der Spitzenverband der Krankenkassen
hatte ohnehin schon vorgerechnet, dass
die Neuausgaben für Versorgungsstärkungsgesetz und Krankenhausreform nur
über Zusatzbeiträge zur Krankenversicherung finanziert werden könnten. Sie wären
allein von den Versicherten zu bezahlen –
denn der Arbeitgeberanteil bleibt eingefroren. Der Gesundheitsminister könnte also
doch bald in Seenot geraten. Vorerst aber
darf er sich noch im Lob sonnen: Selbst
SPD-Gesundheitssprecher Karl Lauterbach
preist neuerdings die „konstruktive Arbeitsatmosphäre“ in Sachen Gesundheit.
Politik 05
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Update fürs System
Partizipation Seit Jahren sinkt
die Wahlbeteiligung. Während
die Politik noch nach den
Gründen sucht, gehen einige
Initiativen bereits neue Wege
Susanne Jacoby ist bei Campact für WeAct
zuständig. „Wir schauen uns die Petitionen
an, und wenn wir Themen finden, die wir
weiter unterstützen möchten, können wir
die Menschen in unserem Newsletter darauf hinweisen.“ Zuvor gibt es jedoch noch
einen Zustimmungs-Check: Eine kleine
Gruppe an zufällig ausgewählten Abonnenten wird gefragt, was sie von der Petition
hält. Nur wenn das Interesse groß genug
ist, wird das Thema im Newsletter beworben. Das gleiche Prozedere gilt auch für alle
anderen Campact-Kampagnen.
■■Felix Werdermann
E
Mehr als ein Klick
foto: imagebroker/imago
s kommt nur selten vor, dass CSU
und Linkspartei gemeinsame Sache machen. Wenn es aber um die
Zukunft der parlamentarischen
Demokratie geht, ist auf einmal
vieles möglich. Vor kurzem haben sich Vertreter aller Bundestagsparteien und der FDP
zusammengesetzt. Ihr Ziel: Die Bürger an
die Wahlurnen bringen. Seit Jahren sinkt die
Beteiligung, zuletzt blieb in Bremen die
Hälfte der Wahlberechtigten zu Hause.
Von einer „Initiative gegen Wahlmüdigkeit“ ist später in der Presse zu lesen – als
ob die Bürger bloß zu müde seien und bald
von allein wieder munter würden. Der Begriff der „Politikverdrossenheit“ kommt
dem Phänomen zwar schon etwas näher.
In Wirklichkeit sollte man jedoch besser
über „Parteienverdrossenheit“ reden. Das
wäre präziser, zudem würde offenbar, dass
es sich um ein Problem nicht nur der Bürger handelt, sondern auch der Parteien.
Die Demokratie braucht ein Update, da
sind sich offenbar alle einig. Das Treffen der
Parteienvertreter soll überraschend harmonisch abgelaufen sein. In den kommenden
Monaten wollen sie vier Themenkomplexe
behandeln: Erstens sollen die Ursachen der
sinkenden Wahlbeteiligung genauer erforscht werden. Zweitens wird über das
Wahlrecht diskutiert, etwa über die Frage,
ob Ausländer auf kommunaler Ebene ein
Stimmrecht bekommen sollen. Drittens
geht es um mehr Partizipation, also zum
Beispiel um Volksabstimmungen und Mitbestimmung innerhalb einer Partei. Viertens wollen die Parteienvertreter die politische Kultur ändern und beispielsweise stärker an Schulen für das Wählen werben.
Am Ende wird von den Vorschlägen wohl
nicht allzu viel übrig bleiben, schließlich
hat die Große Koalition bei Themen wie
der bundesweiten Volksabstimmung bisher stets blockiert. Sie hat ganz andere Ideen, um die Wahlbeteiligung zu erhöhen.
SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi will
etwa in Supermärkten Wahlurnen aufstellen, ihr CDU-Kollege Peter Tauber möchte
die Wahllokale länger öffnen.
Demokratische Fassade
„Das ist totaler Mumpitz“, sagt Marco Bülow. „An den eigentlichen Ursachen, warum sich die Bevölkerung von der Politik
abwendet, gehen diese Vorschläge völlig
vorbei.“ Der linke SPD-Bundestagsabgeordnete hat Anfang dieser Woche zusammen
mit fünf Mitstreitern die Initiative „Demokratie Plus“ gestartet. Mit dabei sind unter
anderem die Ex-Piratin Anke DomscheitBerg und Gregor Hackmack, Geschäftsführer von abgeordnetenwatch.de.
Mit Kritik an der aktuellen Situation sparen sie nicht. „Wir befürchten, dass wir uns
auf dem Weg in die Postdemokratie befinden: Es wird eine demokratische Fassade
aufrechterhalten, die Macht aber teilen sich
einige wenige“, heißt es im ersten Positionspapier der Initiative. „Parlamente, Politiker und Parteien werden mehr und mehr
zu Erfüllungsgehilfen von Regierungen
und diese wiederum zu Bütteln des Sachzwangs und der Multikonzerne.“
Wenn es um die Alternativen geht, wird es
hingegen etwas vage. „Wir wollen die Dinge
erst entwickeln“, sagt Bülow. Ein Blog soll als
Plattform für Diskussionen dienen, er selbst
fordert in seinem ersten Text ein Lobbyisten-Register und längere Pflichtpausen für
Politiker, die in die Wirtschaft wechseln. Diskutieren will er auch, wie Parteien künftig
aussehen sollen. Die Organisationsformen
sollten „direkten Einfluss der Basis ermöglichen, aber trotzdem funktionieren“. Es dürfe
keine Elite geben, aber auch kein Chaos.
Politische Selbstentmachtung
In den Parlamenten sollten die Abgeordneten gegenüber Regierung und Experten
gestärkt werden, meint Bülow. Als schlechtes Beispiel nennt er die politische Selbstentmachtung in der NSA-Affäre. Die Abgeordneten von Union und SPD haben beschlossen, dass nicht sie selbst in die
Spähliste des US-Geheimdienstes Einsicht
nehmen, sondern nur ein vom Parlament
vorgeschlagener und anschließend von der
Bundesregierung ernannter Sonderermittler. Spöttisch meint Bülow: „Abgeordnete
sind bald nur noch für die Vermittlung der
Ergebnisse in den Wahlkreisen zuständig.“
Dass es dazu nicht kommt, darum kümmern sich unter anderem die Aktivisten
vom Kampagnen-Netzwerk Campact. Regelmäßig setzen sie mit Online-Petitionen
die Politiker unter Druck. Bislang hat die
Zentrale in Verden entschieden, wann welche Kampagne läuft. Nun können Bürger
auch ihre eigenen Unterschriftensammlungen starten – auf der Campact-Plattform
WeAct. Im November vergangenen Jahres
ging die Seite online, seitdem wurden dort
mehrere hundert Petitionen eingetragen.
Während die Parteien noch diskutieren,
öffnen sich Nichtregierungsorganisationen
bereits für mehr Bürgerbeteiligung.
Bislang wurde erst eine Bürger-Petition an
alle 1,6 Millionen Newsletter-Abonnenten
geschickt: Eine Kinderärztin aus Münster
forderte die Fortführung des Seenotrettungsprogramms Mare Nostrum für
Flüchtlinge im Mittelmeer. Mittlerweile haben 176.000 Menschen unterschrieben. Die
meisten Petitionen sind jedoch deutlich
kleiner, richten sich teilweise auch an Lokalpolitiker und sind für Menschen aus anderen Regionen Deutschlands nicht so interessant. Das Tolle an WeAct sei, dass es
nicht bei einem Klick bleiben müsse, sagt
Susanne Jacoby. Die Initiatoren einer Petition können auch Kontakt zu den Unterzeichnern aufnehmen und beispielsweise
zur Übergabe der Unterschriften oder zu
weiteren Aktionen einladen.
Eine andere Petitionsplattform ist
Change.org, auch dort wird an der Zukunft
der Demokratie gewerkelt. Vor wenigen Tagen wurden die Ergebnisse des ersten „Petitions-Checks“ veröffentlicht, jetzt soll es
das regelmäßig geben. Dazu befragt abgeordnetenwatch.de alle Bundestagsabgeordneten, wie sie zu einer Petition stehen, und
veröffentlicht die Ergebnisse. Voraussetzung ist allerdings, dass mindestens
100.000 Menschen unterzeichnet haben
und die Mehrheit der Bevölkerung hinter
dem Anliegen steht. Dazu müssen die Initiatoren eine repräsentative Meinungsumfrage finanzieren, das kostet rund 2.000
Euro. Bei einer Petition gegen Fracking
wurde das über Spenden finanziert.
Nun weiß die Öffentlichkeit: 61 Prozent
der Bundesbürger wollen Fracking verbieten. Von den Abgeordneten ist nicht so viel
bekannt. Bislang hat von ihnen erst ein
Drittel geantwortet, fast ausschließlich von
der Opposition. Wenn sich die Politiker
mehr mit den Anliegen der Bürger befassen, vielleicht klappt’s dann auch im Kampf
für eine höhere Wahlbeteiligung.
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Wer ist hier übergriffig?
Politische Schönheit Eine Künstlergruppe gibt toten Flüchtlingen spektakuläre Ruhestätten
■■Juliane Löffler
P
lötzlich war die Stimmung gekippt,
hinter dem Kanzleramt in Berlin,
und es kam zu diesen unheimlichen
Momenten, die entstehen, wenn eine große Menschenmenge einen gemeinsamen
Gedanken artikuliert. Scheppernd hatten
einige Demonstranten den hohen Zaun
rund um den Platz der Republik niedergerissen und strömten still zu Tausenden
über die frisch gesäte Rasenfläche Richtung
Reichstag, während die Polizei hilflos zusehen musste. Und innerhalb einer Stunde
wurde aus einer repräsentativen Kulisse
für Touristen ein Gräbermeer.
Das Zentrum für Politische Schönheit
(ZPS), eine Kunstaktivismusgruppe aus Berlin, hatte zum „Marsch der Entschlossenen“
aufgerufen, Höhepunkt einer Aktion, mit
welcher sie das Sterben der Flüchtlinge im
Mittelmeer thematisieren. Auch, indem sie
nach eigener Aussage in Massengräbern
verscharrte Leichen aus Südeuropa identifizierten, exhumierten und in die deutsche
Hauptstadt brachten, um sie erneut zu beerdigen. Würde und Öffentlichkeit, das sollte im Zentrum ihrer mehrtägigen Aktion
stehen. Leichen durften bei dem Marsch
freilich nicht mitgeführt werden, genauso
wenig wie die angekündigten Bagger, um
eine Gedenkstätte für die ertrunkenen
Flüchtlinge auszuheben. Die Aktion war
von Anfang an dazu bestimmt, symbolisch
zu bleiben – und sich zu verselbstständigen. Denn sosehr das ZPS auch darauf beharrt, als Kunstgruppe zu agieren, so wenig
kann es Einfluss nehmen auf die Teilnehmer seiner Aktionen. Und die verstehen
sich in erster Linie als politische Bürger
und nicht als Performer.
So war die Aktion an diesem Sonntag in
Berlin dann auch keine Inszenierung, sondern eine Demonstration, auf der rund
5.000 Menschen zusammenkamen, um ihrem Unmut über die europäische Flüchtlingspolitik Ausdruck zu verleihen – gewaltsame Zusammenstöße mit der Polizei
inbegriffen. Wie jede politische Gruppierung kommen auch sie nicht ohne Symbole aus – und so scharrten sie die vielen Gräber, welche vom ZPS angedacht waren, kurzerhand selbst, füllten sie mit Blumen,
Kreuzen, Parolen. „Grenzen töten“ oder
„Stoppt das Morden“ war auf den symbolischen Gräbern zu lesen, die inzwischen in
verschiedenen Städten auftauchen und im
Netz dokumentiert werden. Sie sind zu einem Zeichen geworden.
Politische Pornografie?
Die mediale Debatte, welche die Aktion des
ZPS begleitet, geht jedoch in eine ganz andere Richtung. Von „politischer Pornografie“ war da zu lesen, von „einer übergriffigen Kampagne“ oder „Sich-selbst-Abfeiern“. Verständlich ist, dass das ZPS sich,
wenn es sich als Kunstgruppe bezeichnet,
auch an dem öffentlichen Kunstdiskurs
messen lassen muss. Und zugeben muss
man auch, dass die Aktion der Gruppe tatsächlich Kampagnencharakter hat, mit einer klaren moralischen Bewertung, wie
richtiges und falsches Handeln in der
Flüchtlingsdebatte aussieht. Dafür setzt sie
klassische Stilmittel ein: theatrale Sprache,
radikale Inszenierung, Überzeichnung. Die
Frage, welche die Kommentatoren vieler
Medien jedoch ausblenden, ist: Muss Populismus nicht erlaubt sein, wenn damit
auf eine große humanitäre Katastrophe
aufmerksam gemacht wird? Und ist es umgekehrt nicht zynisch, geschmäcklerische
Fragen über die Grenzen von Kunst, Politik
und Eitelkeiten zu stellen, während die
Zahlen der Opfer an den europäischen Außengrenzen jeden Monat weiter nach oben
schnellen?
Die Flüchtlingsdebatte bewegt sich ohnehin in einem hochsymbolischen Feld. Es
geht nicht nur darum, wer wo stirbt, sondern darum, wie offen die Gesellschaft sein
soll, in der wir leben. Das wiederum ist auch
eine konkrete politische Frage. Das ZPS führt
beide zusammen und bietet den Menschen
ein Handwerkszeug dafür, sich zu organisieren. Genau wie bei ihrer letzten Aktion, als
200 Aktivisten an die bulgarisch-türkische
Grenze reisten, um dort den meterdicken
Stacheldraht abzubauen – wozu es freilich
gar nicht erst kam. Doch vor Ort wurden
viele Bilder gemacht, über die sozialen Netzwerke verbreitet. Die mitgereisten Journalisten taten ein Übriges. Auf diese Weise wurde
ein großes mediales Echo erzeugt. Das kann
man als Instrumentalisierung für die eigene
Sache kritisieren. Die Kunst des ZPS wird jedoch in keiner Galerie verkauft. Sie ist eine
fünfmonatige Recherche auf Sizilien und in
Griechenland. Sie ist ein Auslöser. Und sie
äußert sich als politische Handlung von
Bürgerinnen und Bürgern.
Unter der schwarzen
Fahne des Propheten
»Zweifellos das umfangreichste
und hintergründigste Buch
über das Terrorphänomen
Islamischer Staat«
Jörg Armbruster
Im Vormarsch der IS-Milizen zeigt sich eine neue Qualität des Terrors, der mit
dem Export des Heiligen Kriegs auch nach Europa überzuschwappen droht.
Doch wie konnte es zu dieser bedrohlichen Entwicklung kommen? Wilfried
Buchta, ein ausgewiesener Kenner der Region, zeichnet die fatalen Ereignisse
nach. Er beleuchtet die Rolle der wichtigsten Akteure und Machtfaktoren und
erklärt, welche Handlungsoptionen dem Westen noch bleiben.
2015 · 413 Seiten · € 22,90 · Auch als E-Book erhältlich
campus.de
06
Wochenthema
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Wochenthema 07
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Willkommen im Club Wie Wirtschaft und Politik unser Bedürfnis nach Freundschaft ausbeuten
In deinem
Freundeskreis geht
doch noch was!
Zukunftsaussichten bedeutet: Freundschaften, zumindest die unter Armen, werden so
auf einmal zum Gegenstand staatlicher
Überlegungen – natürlich nur, um die Ausbreitung schlechter Ernährungsgewohnheiten und kostspieliger Inaktivität einzudämmen. Alles nur zum Wohle der Betroffenen und der Gemeinschaft als Ganzes.
Im Laufe der vergangenen zehn Jahre ist
die Allgegenwart digitaler Medien – und
insbesondere der sozialen Medien – zum
Blitzableiter für viele Spielarten der Kulturkritik geworden. Sicher, man kann das Internet oder Facebook dafür verantwortlich
machen, dass junge Leute immer narzisstischer werden, sich immer weniger auf andere einlassen, sich auf nichts mehr kon-
Optimierung Politik und Konzerne definieren soziale Kontakte
neu. Freundschaften sollen nun bestimmten Zwecken dienen
S
tellen Sie sich vor, Sie betreten
ein Café, bestellen sich einen Cappuccino und erfahren dann zu
Ihrer Überraschung, dass er bereits bezahlt wurde. Es stellt sich
heraus, dass ein anderer Gast vor Ihnen die
Rechnung für Sie beglichen hat. Der einzige Haken, wenn es denn einer ist: Sie müssen nun das Gleiche für den nächsten Gast
übernehmen.
Dieses Bezahlsystem ist unter dem Namen Pay-it-forward bekannt und wird von
ein paar kalifornischen Kleinunternehmen
wie etwa der Karma Kitchen in Berkeley
wirklich praktiziert. In manchen Fällen haben es die Gäste oder Kunden auch spontan selbst eingeführt. Auf den ersten Blick
scheint das Prinzip der Logik der freien
Marktwirtschaft zu widersprechen. Schließlich dürfen wir uns auf dem Markt doch
eigentlich egoistisch verhalten – ja, es wird
sogar von uns erwartet. Mit seinem HippieIdealismus scheint Pay-it-forward gegen
die Grundsätze der ökonomischen Berechnung zu verstoßen.
Doch es steckt natürlich mehr dahinter.
Wissenschaftler, die an der Universität
Berkeley zu Entscheidungsfindungen forschen, haben sich das Pay-it-forward-Modell genauer angesehen und entdeckt, dass
die Leute hier freiwillig mehr bezahlen als
bei einem konventionellen Bezahlmodell.
Minah Jung, die Hauptautorin der Studie,
formuliert es so: „Die Leute wollen sich
nicht lumpen lassen. Sie wollen sich fair
verhalten, gleichzeitig aber auch den sozialen Normen entsprechen.“ Altruismus hat
offenbar oft einen größeren Einfluss auf
unsere Entscheidung als die kühle Berechnung des eigenen Vorteils.
Solche Erkenntnisse sind typisch für die
junge Wissenschaft der Verhaltensökonomie, die gegen Ende der 70er Jahre aufkam.
Wie andere Wirtschaftswissenschaftler gehen auch Verhaltensökonomen davon aus,
dass Menschen für gewöhnlich ihren eigenen Nutzen vergrößern wollen – für gewöhnlich, aber nicht immer. Unter bestimmten Umständen handeln wir sozial
und moralisch, selbst wenn dies unseren
ökonomischen Interessen scheinbar zuwiderläuft. Bestimmte Grundsätze sind uns
wichtiger als Geld.
Neue Form von Kontrolle
Das scheint die Egoismus-These der orthodoxen Wirtschaftswissenschaft zu widerlegen. Sind wir am Ende also doch anständige, soziale Geschöpfe? Viele neurowissenschaftliche Studien über die Ursachen von
Sympathie und gegenseitige Hilfe stützen
diese Vermutung, aus der Optimisten neue
Hoffnung auf eine humanere Gesellschaft
schöpfen könnten. Eine, in der das Teilen
und das gegenseitige Geben wichtiger sind
als möglichst viel Privateigentum.
Es gibt aber auch noch eine beunruhigendere Deutungsmöglichkeit: Vielleicht
ist der Utilitarismus gerade dabei, die Kritik an Individualismus und Berechnung für
sich zu vereinnahmen. Eine der wichtigsten Einsichten der Verhaltensökonomie
besteht darin, dass man oft weitaus besser
Kontrolle über Menschen ausüben kann,
wenn man an ihr Gewissen und ihre soziale Ader appelliert, anstatt auf ihr Eigeninteresse zu vertrauen.
Das ist symptomatisch für die grundsätzliche Veränderung politischer und wirtschaftlicher Praktiken, die heute zu beobachten ist. In vielen Bereichen – vom Gesundheitswesen bis zum Marketing, von
der militärischen Ausbildung bis zum Finanzwesen – setzt man immer stärker darauf, strategische Ziele zu erreichen, indem
man sich die Macht des Sozialen zunutze
macht. Aber was genau ist damit in diesem
Zusammenhang gemeint? Je weiter das
Zeitalter einer sozialen Demokratie zurückliegt, desto mehr erlebt der Begriff des Sozialen eine Bedeutungsverschiebung. Während er früher einmal „gesellschaftlich“,
„am Gemeinwohl orientiert“ oder „den
Mitmenschen zugewandt“ meinte, bezieht
er sich heute zunehmend auf eine Technik,
Menschen psychologisch zu beeinflussen.
Dadurch, dass informelle soziale Beziehungen und Freundschaften immer stärker
sichtbar und messbar werden, geraten sie
auch immer mehr zu potenziellen Machtund Kontrollinstrumenten.
In den letzten Jahren haben Großkonzerne die Großzügigkeit für sich entdeckt. Sie
geben Dienstleistungen und Waren teilweise kostenlos ab, um dadurch Kundenbindung und Image zu verbessern. Das wirkt
sich langfristig positiv auf die Verkaufszahlen aus und kann zu Werbezwecken verwendet werden.
Psychologen
raten bereits:
Umgeben Sie
sich nur mit
Leuten, die
gut drauf sind
zentrieren können, was nicht in irgendeiner Form interaktiv ist. In der Tat lässt eine
zwanghafte Nutzung sozialer Medien auf
Egozentrik und ein exhibitionistisches und
großspurigeres Verhalten schließen. Doch
anstatt die Technologie wie eine Art Virus
zu behandeln, der die Menschen psychologisch und neurologisch verdirbt, sollte man
lieber etwas Abstand gewinnen und über
die weiter reichende kulturelle Logik nachdenken, die hier am Werk ist.
Was Menschen zwanghaft in die sozialen
Netzwerke treibt und viele sogar süchtig
werden lässt, ist die Erfahrung des gesellschaftlichen Lebens, bar aller Frustrationen
und Verpflichtungen. Für Menschen, die
nicht in der Lage sind, ihr Smartphone beiseitezulegen, ist die Beschäftigung mit Bildern oder Gadgets kein Selbstzweck: Sie
suchen verzweifelt nach einer Form
menschlicher Interaktion, die ihre persönliche, private Autonomie aber in keiner
Weise einschränkt.
Unternehmen
wissen: Nichts
verkauft sich
besser als ein
Surrogat von
Freundschaft
Die Bindung des Einzelnen an ein multinationales Unternehmen hat aber natürlich
ihre Grenzen. Deshalb haben Unternehmen
heute großes Interesse daran, in sozialen
Peer-to-peer-Netzwerken so präsent wie
möglich zu sein. Sie hoffen, dass die Konsumenten sich nicht so leicht abwenden, nur
weil ein anderes Produkt vielleicht preisgünstiger ist, wenn sie die Marke mit
Freundschaft und anderen positiven Gefühlen assoziieren. So hat Coca-Cola beispielsweise eine ganze Reihe von mehr oder weniger menschelnden Marketing-Kampagnen ausprobiert, wie etwa, statt des
Markennamens Vornamen wie Tom oder
Susanne auf die Etiketten zu drucken. Das
soll die Flaschen „personalisieren“, damit
sie als Geschenk für jemanden mit entsprechendem Vornamen in Frage kommen.
Manager hoffen zudem, dass ihre Angestellten auch privat als Marken-Botschafter
fungieren und Neuro-Marketing-Experten
untersuchen mittlerweile viel öfter die
neuronale Wirkung von Bildern und Werbung auf Gruppen anstatt auf Einzelne. Das
lässt bessere Rückschlüsse auf die Resonanz bei großen Bevölkerungsgruppen zu.
Zusammen mit dem Aufkommen der
Sharing Economy, wie sie die Zimmervermittlungsplattform Airbnb und der Mitfahrservice Uber verkörpern, ziehen die
Großkonzerne ausall dem eine einfache Erkenntnis: Die Leute haben mehr Spaß daran, Dinge zu kaufen, wenn diese Erfahrung
mit etwas vermischt werden kann, das sich
nach Freundschaft und dem Austausch von
Geschenken anfühlt. Geld muss aus diesem
Bild so weit wie möglich herausgehalten
werden. Für Marketing-Leute ist das Bezahlungen einer der störendsten „Schmerzpunkte“ in jeder Kundenbeziehung. Dieser
Schmerzpunkt muss mit einer sozialeren
Erfahrung quasi betäubt werden.
Der stärkste Katalysator für das neu erwachte Geschäftsinteresse am Sozialen ist,
wenig überraschend, der Aufstieg der sozialen Medien. Sie bieten Unternehmen die
Möglichkeit, das soziale und altruistische
Verhalten, das die Verhaltensökonomie
sichtbar gemacht hat, zu analysieren und
nutzbar zu machen. Auf Grundlage des
Freundes- und Bekanntenkreises und dessen, was diese Freunde und Bekannten gut
finden und kaufen, kann Werbung indivi-
Foto: sondem/fotolia
■■William Davies
Die Kunst des Viralmarketings: positive Botschaften
duell zugeschnitten werden. Mit Hilfe dieser Social Analytics können Vorlieben und
Verhaltensweisen so detailliert nachvollzogen werden wie nie zuvor. Das Ziel ist letztlich dasselbe wie Ende des 19. Jahrhunderts,
als Marketing und Management aufkamen:
Es geht darum, Geld zu verdienen. Verändert hat sich, dass heute jeder eEinzelne
von uns als Instrument betrachtet wird,
mit dessen Hilfe die Einstellungen und Verhaltensweisen unserer Freunde und Bekannten verändert werden können. Verhaltensweisen und Vorstellungen können in
Umlauf gebracht werden wie Infektionen
– in der Hoffnung, dass ihre Verbreitung
immer weitere Kreise zieht.
Der aus Marketing-Perspektive wertvollste Trick besteht darin, die Menschen dazu
zu bringen, positive Botschaften über das
Produkt oder Werbung untereinander auszutauschen – fast so, als gäbe es überhaupt
keine öffentliche Werbekampagne. Dieses
sogenannte Friendvertising beinhaltet die
Herstellung von Bildern und Videos mit
großem Potenzial, von den Nutzern sozialer Medien millionenfach geteilt zu werden.
Die Kunst des Viralmarketings hat Werber
dazu gebracht, bei der Sozialpsychologie,
der Sozialanthropologie und der Analyse
sozialer Netzwerke in die Lehre zu gehen.
Auch wenn sich Unternehmen seit langem um ihren Ruf in der Öffentlichkeit sorgen und informelle Netzwerke natürlich so
alt sind wie die Menschheit selbst, hat sich
– trotz der gegenkulturellen Rede von der
Sharing Economy – nicht die Rolle des Sozialen im Kapitalismus verändert. Gewandelt
haben sich aber die Möglichkeiten, es einer
detaillierten, quantitativen, ökonomischen
Analyse zu unterziehen.
Längerfristig dürfte sich dies gravierend
auf den Blick auswirken, mit dem wir uns
und unsere Mitmenschen sehen. Wenn Daten über soziale Kontakte leichter zugänglich sind und gesammelt werden können,
und wenn Ökonomen immer besser verstehen, wie Verantwortung und Altruismus
funktionieren, wächst die Versuchung, von
Eigeninteresse geleitete, strategische Fragen über den eigenen Freundeskreis zu
stellen. Noch ist es heikel, gleich mit der
berechnenden Mentalität einer KostenNutzen-Analyse an Bereiche heranzugehen,
die sich bislang der Vermittlung durch den
Tauschwert entzogen haben. Aber auch
hier setzt schnell Gewöhnung ein. Staatsökonomen haben heute kein Problem damit, auszurechnen, welche Kosten ein
Mensch oder ein Wald verursacht, wenn sie
damit die Politik ihrer jeweiligen Regierung
stützen können.
Linien und Knoten
Vieles spricht dafür, dass wir Großzügigkeit
und Freundschaft irgendwann einmal ähnlich nutzwertorientiert betrachten werden.
Den größten Nutzen könnten diese Berechnungen im Gesundheitsbereich haben: Soziale Kontakte tun uns gut, mental wie körperlich. Wir müssen nur sichergehen, dass
es sich um Kontakt zu den richtigen Leuten
handelt.
Im Februar 2010 fand ich mich zusammen mit dem künftigen Vorsitzenden der
britischen Labour Party, Ed Miliband, und
einer Reihe von Regierungsberatern in einem barocken Büro in London wieder. Alle
starrten gebannt auf eine Leinwand, auf
der Linien zu sehen waren, die sich hin und
wieder zu Knoten verbanden. Daneben
stand der amerikanische Medizinsoziologe
Nicholas Christakis und freute sich über
den Eindruck, den seine Präsentation auf
diese einflussreichen Leute machte. Er befand sich auf einer Lesereise, um sein Buch
Connected zu bewerben, und man hatte ihn
in dieses Büro eingeladen, um seine Erkenntnisse einigen interessierten britischen Politikern zu erläutern.
Die Schaubilder, die wir uns an jenem
Tag ansahen, stellten soziale Netzwerke in
einem Viertel von Baltimore dar, in dem
bestimmte Verhaltensweisen und medizinische Symptome besonders verbreitet waren. Die Botschaft des Medizinsoziologen
an die versammelten Politiker hatte es in
sich: Probleme wie Fettleibigkeit, Armut
und Depressionen, die häufig zusammen
auftreten und die Menschen in einen Teufelskreis von Untätigkeit und Apathie hineinziehen, sind ansteckend. Sie grassieren
in sozialen Netzwerken, so wie sich Viren
bei einer Epidemie vermehren. Allein
durch die Menschen, mit denen man sich
umgibt, ist man daher bestimmten Risiken
ausgesetzt.
Christakis gehört zu der Sorte von Politikberatern, die immer mehr an Einfluss
gewinnt. Während Werbeleute alles daransetzen, unsere sozialen Netzwerke zu infiltrieren, um unsere Vorlieben und Wünsche
zu verändern, betrachten politische Entscheidungsträger soziale Netzwerke zuneh-
mend als Mittel, um unsere Gesundheit
und unser Wohlbefinden zu verbessern.
Die „sozialen Neurowissenschaften“ mit
ihrem Vorreiter John Cacioppo von der
Universität Chicago gehen davon aus, dass
das menschliche Gehirn im Laufe seiner
Entwicklung immer stärker von sozialer
Interaktion und Beziehungen abhängig geworden ist. Cacioppos Arbeit legt nahe,
dass Einsamkeit ein noch größeres Gesundheitsrisiko darstellt als das Rauchen.
Daher empfehlen Ärzte einsamen Menschen mittlerweile immer häufiger, einem
Chor oder einem gemeinnützigen Verein
beizutreten, um damit ihrer Isolation und
der mit dieser einhergehenden Tendenz zu
Depressionen und chronischen Erkrankungen entgegenzuwirken.
Der Sozioneurologe Matt Lieberman hat
gezeigt, dass bei emotionalen Schmerzen
– wie man sie etwa empfindet, wenn man
von einem geliebten Menschen getrennt
ist – dieselben neurochemischen Prozesse
ablaufen wie bei denjenigen, für die es körperliche Ursachen gibt. Sozialwissenschaft
Wer bereits
über Einfluss
verfügt, kann
diesen in
Netzwerken
potenzieren
und Physiologie verschmelzen an dieser
Stelle zu einer neuen Disziplin, in der
menschliche Körper daraufhin untersucht
werden, wie sie physisch aufeinander reagieren.
Christakis’ Bilder bei der Vorführung in
dem Londoner Büro hatten etwas Faszinierendes und Verführerisches. Kann man
eingefahrene soziale Probleme wirklich
mit solchen Grafiken darstellen?
Gleichzeitig war das Ganze aber auch
ziemlich schräg. Wir saßen vor diesen
Schaubildern wie die Mitarbeiter eines dieser Unternehmen für soziale Analyse, die
versuchen, die Verbreitung eines bestimmten Konsumverhaltens zu eruieren. Wir beobachteten die Essgewohnheiten und gesundheitlichen Probleme von ein paar tausend relativ armen Einwohnern Baltimores.
Es fühlte sich an, als würden wir eine Ameisenkolonie von oben beobachten. Der Umstand, dass diese Schaubilder echte Menschen repräsentierten, die Beziehungen,
individuelle Geschichten und Pläne haben,
war fast nebensächlich.
Man kann nicht erwarten, dass politische
Entscheidungsträger die Belege für den
Einfluss sozialer Netzwerke auf unsere Gesundheit einfach ignorieren. Wenn es
stimmt, dass man nur ein paar einflussreiche Leute innerhalb eines Netzwerks dazu
bewegen muss, ihr Gesundheitsverhalten
zu verändern, um das ganze Netzwerk zu
erreichen, dann ist das extrem verlockend.
Hier lauert jedoch dieselbe Gefahr wie bei
allen Analysen sozialer Netzwerke – dass
diese nämlich stets zum Vorteil derjenigen
umgestaltet werden, die ohnehin schon
privilegiert sind, wenn man die Welt des
Sozialen auf eine Reihe von Mechanismen
und Ressourcen reduziert. In Netzwerken
wirken sogenannte Potenzgesetze – das
heißt, dass die, die bereits über Einfluss
verfügen, diesen immer weiter ausbauen
können.
Ein Beispiel hierfür ist unter dem Namen
„emotionale Ansteckung“ bekannt. Psychologen, die mit Sozialanalytikern zusammenarbeiten, können nun die Verbreitung
positiver oder negativer Emotionen auf ihrem Weg durch soziale Netzwerke verfolgen. Darum ging es auch bei Facebooks
umstrittenem Experiment mit den Manipulationen des Newsfeed, dessen Ergebnisse im vergangenen Sommer veröffentlicht
wurden. Von bestimmten Stimmungen,
wie etwa Wut oder Niedergeschlagenheit,
weiß man heute, dass sie ansteckender sind
als andere. Was aber machen wir mit dieser
Erkenntnis? Es besteht die Befürchtung, die
Glücklichen und Gesunden könnten sich
mit Hilfe der quantitativen Analyse ihre sozialen Beziehungen so zurechtschneidern,
dass sie gegen das Risiko, unglücklich zu
werden, geschützt sind.
Der amerikanische Psychologe Guy
Winch hat dieses Phänomen untersucht. Er
rät zufriedenen Menschen, auf der Hut zu
sein: „Wenn Sie feststellen, dass Sie von
Menschen umgeben sind, deren Zukunftsperspektive eher schlecht ist, sollten Sie
darüber nachdenken, etwas an Ihrem
Freundeskreis zu verändern“, schrieb er auf
der Website von Psychology Today. Man
kann sich leicht ausmalen, was diese Veränderung für die Freunde mit schlechten
Kontakte fürs eigene Ego
Was wir bei jemand feststellen, der eine
Social-Media-Sucht entwickelt hat, ist lediglich das pathologische Element einer
Gesellschaft, die sich Beziehungen nur
noch in Hinblick auf die psychologischen
Annehmlichkeiten vorstellen kann, die sie
mit sich bringen können. Wem es in den
Fingern juckt, sein Facebook-Profil zu checken, während er gerade mit einem Freund
beim Essen sitzt und sich eigentlich darauf konzentrieren sollte, was der ihm erzählt, der ist Opfer eines Denkens, in dem
andere nur noch dazu da sind, unser Ego
zu befriedigen. Dies führt zwangsläufig in
einen Teufelskreis: Wenn eine soziale Beziehung erst einmal auf dieses Niveau herabgesunken ist, wird es immer schwieriger, die Befriedigung zu erhalten, die man
erwartet. Andere lediglich als Mittel für
den eigenen Lustgewinn und das eigene
Vergnügen zu betrachten leugnet die wesentlichen moralischen und emotionalen
Wahrheiten von Freundschaft, Liebe und
Großzügigkeit.
Niemand kann ständig im Zentrum stehen, Aufmerksamkeit erhalten und gelobt
werden. Das kann man auch bei Facebook
beobachten. Die Mathematik der Netzwerke
führt dazu, dass die meisten Menschen weniger Freunde haben als der Durchschnitt,
einige wenige hingegen viel mehr. Um dem
Gefühl von Minderwertigkeit entgegenzuwirken, das bei vielen hieraus erwächst, versuchen die Leute, sich übertrieben positiv
oder erfolgreich darzustellen, um von den
anderen wahrgenommen zu werden. Ein
kollektiver Teufelskreis entsteht. Vertreter
der „positiven Psychologie“betonen gerne,
diese Unfähigkeit, zuzuhören oder sich in
andere einzufühlen, sei ein wichtiger Faktor
für Depressionen.
Wenn ein Übermaß an Egozentrik und
Hedonismus uns unglücklich machen und
unsere Beziehungsfähigkeit zerstören
kann, dann dürften Facebook und andere
Formen sozialer Medien wohl kaum ein
Mittel darstellen, um glücklich zu werden.
Es stimmt, dass man die sozialen Medien
auch in einer Art und Weise nutzen kann,
dass es die Beziehungen zu anderen stärkt
und erfüllter macht. Eine Gruppe „positiver
Psychologen“ hat auf der Basis ihrer eigenen Erkenntnisse darüber, welche Formen
sozialer Beziehungen einen glücklicher
und zufriedener machen, die Social-MediaPlattform Happier gegründet, bei der großer Wert auf Dankbarkeit und Großzügigkeit gelegt wird, weil sie für das psychische
Wohlergehen wichtig sind.
Unhinterfragt bleibt bei derartigen Bemühungen, das Wohlbefinden in sozialen
Netzwerken zu steigern, die zugrunde liegende Logik, dass man Beziehungen
knüpft, pflegt und gegebenenfalls auch
wieder abbricht, um sich persönlich zu verbessern. Dieses strategische Verhältnis zu
Freundschaften bemisst den Wert einer Beziehung danach, wie viel positive Gefühle
einem der andere verschafft. Wenn der
Output nicht stimmt, muss der Freundeskreis neu ausgewuchtet werden.
Eine schlummernde Hoffnung
In unserer individualistischen Konsumgesellschaft erfassen die Gesetze des Marktes
zunehmend auch alle anderen Bereiche
unseres Lebens. Solange wir Altruismus
und Freundschaft nicht neu entdecken,
werden Langeweile und Gleichgültigkeit
immer weiter um sich greifen.
Die Kritik an der kapitalistischen Marktwirtschaft ist so alt wie die Wirtschaftsweise selbst. Reformistische Forderungen, die
Marktgesetze einzudämmen, oder revolutionäre, das System gänzlich zu überwinden, sind seit langem bekannt. Jetzt stimmen plötzlich aber auch Marketing-Gurus
und Verhaltensökonomen in die Kritik individualistischer und materialistischer
Grundannahmen der Marktwirtschaft ein.
Was sie uns als Alternative verkaufen,
unterscheidet sich aber lediglich in der
Rhetorik von den Apologien des freien
Marktes. Das, was uns in der gegenwärtigen
Begeisterung von Wirtschaft, Medien und
Politik für das Soziale begegnet, könnte
man mit einem Wort als das „neoliberale
Soziale“ beschreiben. Teilen ist besser als
Verkaufen, solange es nicht den Finanzinteressen der dominierenden Unternehmen
in die Quere kommt. An das Gewissen und
den Altruismus der Menschen zu appellieren wird zum besten Mittel, sie auf Programme einzuschwören, bei denen sie kein
Mitspracherecht haben. Und alles, was einmal wie Freundschaften außerhalb der
ökonomischen Logik stand, wird dieser
nach und nach einverleibt.
Wie kann man aus dieser Falle ausbrechen? Das Beispiel, dass Ärzte ihren Patienten soziale Kontakte verschreiben, weist in
die richtige Richtung. Dieser Ansatz geht
zwar von der Annahme aus, dass Menschen
aus Eigeninteresse ihr Wohlbefinden durch
den Beitritt zu Vereinen und die Zusammenarbeit mit anderen steigern, weist mit
dem Bezug auf die Institutionen gleichzeitig aber über individualistische Lösungen
hinaus, die sich auf Ratschläge beschränken, die eigene Wahrnehmung oder das eigene Verhalten zu ändern.
Es ist noch nicht lange her, dass wir mit
dem Internet Hoffnungen auf vollkommen
andere Organisationsformen verbunden
haben – wo soziale Kontakte nicht von digitalen Konzernen monetarisiert werden,
indem sie dazu dienen, dem Einzelnen
durch die Auswertung seines Freundeskreises immer individueller zugeschnittene
Werbung zuzuspielen. Vielleicht ist es aber
auch noch zu früh, um zu sagen, dass diese
Ökonomisierung endgültig gesiegt hat.
Die Reduzierung des Sozialen auf psychische und physische Reaktionen muss nicht
irreversibel sein. Marx ging davon aus, dass
der Kapitalismus dadurch, dass er die Arbeiter in der Fabrik zur gemeinsamen Arbeit zusammenbringt, ebendie Klassenformation schafft, die ihn schließlich aufheben wird. Ähnlich könnte es sich heute
verhalten: Die Menschen werden zusammengebracht, damit sie gesünder leben
und weniger Kosten verursachen. Doch soziale Formationen können ihre eigene Logik entwickeln, die sich nicht unbedingt
auf individuelles Wohlbefinden reduzieren
lässt. Das ist die Hoffnung, die in diesem
neuen, neoliberalen Sozialen schlummert.
William Davies ist Soziologe und Direktor
des Forschungszentrums für Politische
Ökonomie an der University of London
Übersetzung: Holger Hutt
08 Politik
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Der Frühling,
der ein Winter ist
■■Patrick Kingsley
V
or einem vergoldeten Kamin,
umrahmt von Quastengardinen und Gefolgsleuten im Anzug, wirkte Mohammed Mursi
nicht wie ein Präsident, der je
aus dem Amt gejagt werden könnte. Es war
am 29. Juni 2013, dem Vorabend der Proteste, die dem Militär den Anlass liefern sollten, Mursi zu entmachten. Doch auf die
Frage, ob er der Armee vertraue, antwortete er seinerzeit: „Gedan“ („Vollkommen“).
„Die Armee ist gerade mit eigenen Angelegenheiten beschäftigt.“
Es war sein letztes Interview als Staatschef. Zwei Tage später stellte ihm Militärratschef Abd al-Fattah as-Sisi ein Ultimatum für den Rücktritt. Seit dem 3. Juli 2013
sitzt Mursi im Gefängnis. Seine Gegner
häuften Anklage auf Anklage, von Spionage
bis Aufwiegelung, als wollten sie sicherstellen, dass er nie wieder freikommt. General
as-Sisi lässt als der neue starke Mann und
Präsident fast jede Opposition mundtot
machen. Tausende Unliebsame wurden getötet, Zehntausende verhaftet – zumeist
Anhänger von Mursis Muslimbruderschaft,
die auf solcherart Repression mit dem Aufruf zu bewaffnetem Widerstand reagiert
hat. Der dürfte angefacht werden, seit am
16. Juni ein Gericht das im Mai verhängte
Todesurteil gegen Mursi bestätigt hat. Freilich zieht dieser Richterspruch ein Berufungsverfahren nach sich, das Jahre dauern
kann. Sollte das Urteil am Ende bestehen
bleiben, wäre Mursi weltweit der erste hingerichtete Ex-Präsident seit Saddam Hussein, der Ende 2006 gehängt wurde.
Mursi-Symathisanten sind überzeugt,
der Todeskandidat sei von Anfang an dem
Untergang geweiht gewesen. Nach dem
Sturz des Autokraten Husni Mubarak im
Februar 2011 blieb dessen Regime weitgehend unbehelligt und hat die Arbeit des
Nachfolgers vom Tag seiner – demokratischen – Wahl an sabotieren können. „Der
Machtkampf zwischen einer Bewegung, die
auf Freiheit, soziale Gerechtigkeit und
Menschenwürde setzte, und einem Regime,
das Ägypten seit Jahrzehnten beherrscht
hatte, war unvermeidlich“, sagt Ahmed elKhoufi. Der hochrangige Muslimbruder
zählt zu den 100 Männern, die zusammen
mit Mursi zum Tod verurteilt wurden, und
ist deshalb untergetaucht. Fragt man bei
Ägyptens Linken und Liberalen nach, die
F o t o : o d d a n d e r s e n /a f p/ g e t t y i m a g e s
Ägypten Vor zwei Jahren wurde Mohammed Mursi gestürzt.
Seitdem erheben seine Gegner eine Anklage nach der anderen
Für Mursi vor der ägyptischen Botschaft in Berlin
Mursi bei der Revolution gegen Mubarak
unterstützt hatten, sich aber später von ihm
abwandten, bekommt man eine andere Geschichte zu hören. Anstatt mit den verschiedenen Kräften des Wandels zu kooperieren,
habe der Präsident alle von sich gestoßen.
„Die Muslimbrüder waren politisch unfassbar dumm und überheblich“, schimpft
Abdel Moneim Abul Fotuh, der einst selbst
ein hohes Amt bei der Bruderschaft bekleidete, aber vor dem Präsidentenvotum vom
Juni 2012 ausgeschlossen wurde und so gegen Mursi antrat. „Sie dachten, sie müssten
bloß auf ihre eigenen Leute setzen, um gegen die Intrigen der Mubarak-Seilschaften
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gefeit zu sein. Dabei sind die Einzigen, die
nach einer Revolution Schutz gewähren
können, immer diejenigen, die dafür gesorgt haben, dass es einen Umsturz und
den Arabischen Frühling überhaupt gab –
und das waren die einfachen Ägypter, das
Volk.“
Ohne schusssichere Weste
Am Tag seines Wahlsieges am 24. Juni 2012
versuchte Mursi noch den Schein zu wahren. Mit großer Geste knöpfte er vor der
Menge auf dem Tahrir-Platz, dem Sinnbild
des Arabischen Frühlings, sein Sakko auf:
zum Beweis, dass er keine schusssichere
Weste trug und sein Volk nicht fürchtete.
Doch um die Einheit zu wahren, reichten
derartige Auftritte nicht aus. Mursis Sieg
war denkbar knapp. Viele hatten nicht aus
Überzeugung für ihn gestimmt, sondern
weil sie ihn im Vergleich zu seinem Konkurrenten bei der Stichwahl – Mubaraks
letztem Premier Ahmed Schafik – für das
kleinere Übel hielten. Anstatt nun erst
recht den Konsens zu suchen, folgte Mursi
– so der Vorwurf einstiger Verbündeter –
stur der extremistisch religiösen Agenda.
Vermutlich wurde sein Schicksal im November 2012 besiegelt. Um einen umstrittenen, islamistisch ausgerichteten Verfassungsentwurf durchzupeitschen, erließ er
ein Notstandsdekret, das es ihm erlaubte,
den Text ohne weitere Debatte zur Volksabstimmung vorzulegen. Dies löste Straßenkämpfe zwischen Muslimbrüdern und liberalen Oppositionellen aus. Zwar ruderte
Mursi nach zehn Tagen zurück, doch war
sein Ansehen irreparabel beschädigt. Dabei
hatte er sich noch am Tag vor der Entscheidung, per Dekret zu regieren, mit der Opposition getroffen und zugesichert, man
Mursi war von
Anfang an
dem Untergang
geweiht, sagen
seine Anhänger
werde die Verfassungsfrage im Konsens lösen. „Er wirkte froh und erleichtert“, erinnert sich Abul Ghar, Parteichef der ägyptischen Sozialdemokraten. „Als er am nächsten Tag plötzlich den Notstand ausrief, war
uns klar, dass er gar nicht selbst entschied.
Er machte Vorschläge, aber seine Bosse bei
den Muslimbrüdern sagten, halt die Klappe, du erlässt jetzt dieses Dekret. Wir haben
danach noch viele Einladungen von ihm
bekommen, aber keiner ging mehr hin.“
Die Bruderschaft hält heute dagegen, die
Opposition habe ihr durch eine uneinsichtige Blockade keine andere Wahl gelassen,
als die Verfassung durchzudrücken. „Wir
haben ihnen sogar Kabinettsposten angeboten“, behauptete Mursi später, „aber sie
haben alles abgelehnt.“
Hinzu kam, dass der Oberste Gerichtshof
das von der Bruderschaft dominierte Unterhaus des Parlaments für aufgelöst erklärte. Mursi sah dabei Mubaraks Gefolgsleute
am Werk, die ein demokratisiertes Ägypten
unter allen Umständen vereiteln wollten. Er
fürchtete, der Gerichtshof könnte in ähnlicher Weise auch die Kommission einkassieren, die mit der Ausarbeitung der Verfassung betraut war. Und er wusste: ohne Verfassung kein neues Parlament. Ohne
Parlament kein Neubeginn für Ägypten.
Wie auch immer: Mursis Dekret roch
nach Diktatur. Und die Gewissheit der Bruderschaft, sie könne auf ihren Rückhalt in
der Bevölkerung bauen, war trügerisch. Im
Mai 2013 formierte sich eine neue Protestbewegung namens Tamarod (Aufstand), die
nicht mehr bloß die üblichen Verdächtigen
wie Abul Ghar versammelte. Millionen von
Ägyptern, unter ihnen viele Mursi-Wähler,
unterzeichneten eine Petition für Neuwahlen. Industrielle und Medienunternehmer
kaperten die Kampagne. Mursi-Gegner
Abul Fotuh erinnert sich: „Denen ging es
nur darum, den Präsidenten und die Revolution in den Dreck zu ziehen und den Leuten weiszumachen – seht her, der Umsturz
brachte nichts als Unsicherheit.“
Wann das Militär begann, Einfluss auf
die Proteste zu nehmen, ist unklar. Fest
steht, dass die Armeeführung am 23. Juni
2013 mehrere westliche Botschafter über
Pläne für ein Eingreifen informierte. Damit
stand Mursis Verhaftung allerdings noch
nicht fest. Das erwähnte Interview mit dem
Präsidenten am 29. Juni verzögerte sich,
weil er im Hinterzimmer mit General asSisi verhandelte.
Massaker der Armee
Mit allen Mitteln habe man damals versucht, die Muslimbrüder in den Plan für
Neuwahlen einzubinden, beteuern Oppositionspolitiker heute. Doch wie immer habe
sich die Bruderschaft jedem Kompromiss
verweigert. So begannen mit Mursis Sturz
am 3. Juli die bis heute andauernden Repressalien. Die Massaker und Massenverhaftungen, die Prozesse und Todesstrafen
seien von langer Hand geplant gewesen, behauptet die Bruderschaft. Doch wäre einzuwenden, dass zumindest in den ersten Wochen nach dem Putsch auch die Moderaten
noch Einfluss besaßen. Zum Übergangspräsidenten wurde der Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs ernannt. Sein Vertreter
hieß Mohammed el-Baradei und war Ägyptens prominentester Liberaler. El-Baradei
führte auch die Verhandlungen, um die
Bruderschaft zur Auflösung ihres Protestcamps im Osten Kairos zu bewegen.
Armeechef as-Sisi stand zu dieser Zeit
noch nicht offiziell an der Spitze des Staates, galt aber als starker Mann, der die Fäden zog. Seine große Stunde schlug am 24.
Juli 2013. Da rief er, nachdem die Muslimbrüder el-Baradeis Friedensangebote abgeschmettert hatten, in einer flammenden
Rede deren Gegner auf, ihrerseits den Tahrir-Platz zu besetzen. Millionen taten es
und besiegelten das Ende für el-Baradeis
Suche nach der friedlichen Lösung.
Noch am gleichen Tag wurde gegen Mursi Anklage erhoben – wegen eines Gefängnisausbruchs Anfang 2011, den die Staatsanwaltschaft während seiner Präsidentenzeit nicht für strafwürdig gehalten hatte.
Am Abend jenes 24. Juli 2013 erschoss die
Polizei über 80 demonstrierende Muslimbrüder. Drei Wochen später verübten Soldaten im Kairoer Protestcamp der Bruderschaft das furchtbarste staatlich angeordnete Massaker, das Ägypten je erlebt hat,
und töteten über 800 Menschen. Es war
das Ende des Arabischen Frühlings, zugleich erstarb jede Hoffnung, dass Mursi je
wieder aus dem Gefängnis käme.
Ägyptens erster frei gewählter Präsident
sollte sich nicht getäuscht haben, als er im
Interview vom 29. Juni 2013 meinte: „Es war
ein schweres Jahr. Und ich glaube, die kommenden Jahre werden auch sehr schwer.“
Patrick Kingsley ist Nahost-Korrespondent
des Guardian
Übersetzung: Michael Ebmeyer
Politik 09
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Mehr als ein Attentat
W
ie konnten sie „passieren“, die Morde an neun
schwarzen Menschen in
der Emanuel-AfricanMethodist-EpiscopalKirche in Charleston im Staat South Carolina? Abgründe taten sich auf von Hass und
Gewalt, verwurzelt in einer rassistischen
Vergangenheit, die im weißen Amerika oft
verfälscht und geschönt wird. Dieses historische Versagen verbaut den Weg zum besseren gesellschaftlichen Miteinander.
Die Opfer hießen Cynthia Hurd, Susie
Jackson, Clementa Pinckney, Tywanza Sanders, Sharonda Coleman-Singleton, Ethel
Lance, DePayne Middleton-Doctor, Myra
Thompson und Daniel Simmons. Der in
Untersuchungshaft sitzende 21-jährige weiße Tatverdächtige ließ keine Zweifel an seinen Motiven. „Ihr vergewaltigt unsere
Frauen, und ihr nehmt überhand in unserem Land. Ihr müsst weg“, hat er laut einer
Zeugin in die Kirche gerufen. Der Täter
schoss bei einer Bibelstunde; er soll erst gezögert haben, weil die Versammelten so
nett waren zu ihm.
Schon einmal niedergebrannt
Wahlkampf mit Steckbrief
Doch Entsetzen allein vereint nicht. Barack
Obama machte einen resignierten Eindruck, als er – wieder einmal nach einem
Schusswaffenmassaker – tröstende Worte
suchte. Angehörige der Ermordeten haben
dem mutmaßlichen Täter verziehen. Die
Schusswaffenlobby tritt gegen „überstürzte
Maßnahmen“ zur Waffenkontrolle ein. Und
der republikanische Präsidentschaftsanwärter Rick Perry meint, Präsident Obama
nutze „Unfälle“ wie diesen. „Er mag es
nicht, wenn Amerikaner Schusswaffen haben“, so Perry auf der konservativen Plattform Newsmax. Im Fox-Fernsehen haben
Reporter versucht, die Morde als Angriffe
auf den christlichen Glauben zu deuten.
Ein „verrückter Junge“ eben, der Täter, sagt
der Senator aus South Carolina, Lindsey Graham, wie Perry ein republikanischer Präsidentschaftsbewerber. Die Sache habe keine
darüber hinausgehende Bedeutung.
Nikki Haley, Gouverneurin von South Carolina, verlangt die Todesstrafe, als könnte
man das Geschehen ausmerzen oder sühnen durch den Tod eines weiteren Menschen. Wenn es irgendwie geht, muss die
Verantwortung für die Tat auf den Täter allein fallen, ohne gesellschaftlichen Kontext. Mit rassistischen Thesen haben Repu-
wurden nach Nordamerika verschleppt,
ohne je menschenwürdig behandelt zu werden. Die Gründerväter der Vereinigten Staaten waren „Besitzer“ von Deportierten aus
Afrika. Der Niederlage der Südstaaten mit
ihrem System der Sklaverei im Bürgerkrieg
(1861–1965) folgten apartheidartige Gesetze. Die Nachfahren der befreiten Sklaven
warten noch heute auf die „40 Acres Land
(16 Hektar) und ein Maultier“, die ihnen versprochen waren. 160.000 Hektar Acker entlang der Küste von Charleston nach Florida
sollten an schwarze Familien vergeben werden, ordnete der siegreiche General William
Sherman 1865 an. Es ist nie passiert.
USA Der Mörder von Charleston war zwar ein Einzeltäter.
Aber der Rassismus in Politik und Gesellschaft hat System
f o t o s : b r e n d a n s m i a l o w s k i /a f p/ g e t t y i m a g e s , a l e x a n d e r k h u d o t e p ly/a f p/ g e t t y i m a g e s ( u n t e n )
■■Konrad Ege
Für eine Gedenkzeremonie vor der Emanuel African Methodist Episcopal Church
blikaner oft gepunktet. Meist nicht offen,
aber so, dass es die Ihrigen verstanden.
Das Spiel mit dem Image vom gefährlichen und haltlosen Schwarzen zieht sich
durch die US-Politik. Präsident Richard Nixon hatte seine „schweigende (d. h. weiße)
Mehrheit“, Ronald Reagan seine schwarze
„Sozialhilfekönigin“, die sich vom Staat aushalten lasse. George H. W. Bush machte
1988 Wahlkampf mit dem Steckbrief-Foto
eines afroamerikanischen Mörders, dem
sein demokratischer Rivale, der Gouverneur Michael Dukakis, zu einem Wochenendurlaub vom Knast verholfen hatte. Und
Sarah Palin, bis 2009 Gouverneurin von
Alaska, sprach vom „wirklichen Amerika“,
das sie vertrete. Ihre Tea Party stellte die
Staatsbürgerschaft des ersten afroamerikanischen Präsidenten der USA in Frage. Zahlenmäßig geht diese Rechnung der Rechten
immer weniger auf. Obama gewann bekanntermaßen, ohne auf die Mehrheit der
weißen Stimmen angewiesen zu sein.
„Wenn Sie einen weißen Mann aus der
Unterschicht überzeugen, dass er besser ist
als der beste farbige Mann, merkt er es nicht,
dass Sie ihm die Tasche ausräumen“, sagte
1960 der spätere demokratische Präsident
Lyndon B. Johnson (im Amt 1963–1969)
nach Angaben seines Mitarbeiters Bill Moyers. Der Texaner Johnson, aufgewachsen in
einfachen Verhältnissen, der 1964 die Bürgerrechtsgesetze unterschrieb, wusste, wie
viele seiner Landsleute ticken. Er war überzeugt: Mit rassistischen Appellen kann man
bewirken, dass manche Menschen gegen
ihre eigenen sozialen Interessen handeln.
Die Wurzeln des amerikanischen Rassismus liegen in der Sklaverei. Amerika hat nie
Wiedergutmachung geleistet und nie um
Verzeihung gebeten. Es gab keine Versöhnungskommission. Millionen Afrikaner
Vielerorts im Süden werden die Erinnerungen an den Bürgerkrieg von weißen Bürgern bis heute nostalgisch verzerrt. Die
Vorfahren, heißt es, hätten tapfer gekämpft
für Unabhängigkeit, Ehre und Lebensart.
Straßen werden nach den Generälen der
Südstaaten benannt. Deren Flagge, das
Symbol rassistischer Herrschaft, weht noch
heute auf dem Gelände des Kapitols von
South Carolina in der Stadt Columbia.
Dabei hat Charleston eine sehr spezielle
Geschichte. Im Hafen der Stadt kam Historikern zufolge im 19. Jahrhundert etwa die
Hälfte der in die USA verschleppten Afrikaner an. Auf den Reisfeldern von South Carolina war der Bedarf an Arbeitskräften
übermäßig groß. Charleston war eine der
reichsten Städte der USA und South Carolina 1860 der erste Bundesstaat, der sich von
den Vereinigten Staaten lossagte: Der neue
Präsident Abraham Lincoln hatte die Sklaverei als monströse Institution verurteilt.
Daraufhin stieg South Carolina aus.
Die Emanuel-African-Methodist-Episcopal-Kirche in Charleston wurde zu Beginn
des 19. Jahrhunderts gegründet. Einer der
daran Beteiligten war der Afrikaner Denmark Vesey, der als freier Mann in South
Carolina lebte. 1822 wurde Vesey festgenommen als Anstifter eines Sklavenaufstandes. Er habe Anhänger gewonnen
durch das Predigen der biblischen Freiheitsgeschichte vom Auszug der Israeliten
aus Ägypten, hieß es im Gerichtsbericht
über seinen Prozess. Der Aufstand wurde
verraten, bevor er ausbrechen konnte. Vesey und 34 angebliche Mitverschwörer
wurden gehenkt. Weiße brannten die Kirche nieder. Erst Ende des 19. Jahrhunderts
baute man sie wieder auf.
Wo der Massenmörder von Charleston
seine Weltsicht herhat? So schwierig ist die
Antwort auf diese Frage nicht.
Anzeige
„Unsere Drohnen sehen viel“
Im Gespräch Alexander Hug, Vizechef der OSZE im Donbass, über die Rückkehr des Krieges
B
ei all der Nachrichtenflut
aus der Ostukraine verhelfen die Berichte der
OSZE-Beobachter zum objektiven Minimum. Sie überwachen,
inwieweit das am 12. Februar
2015 geschlossene Minsk-II-Abkommen eingehalten oder gebrochen wird. Im Augenblick
sind die Gefechte erneut von
solcher Intensität, dass jede
Vermittlung zwischen den Konfliktparteien höchst riskant ist.
Der Freitag: Können Sie
derzeit Ihr Mandat erfüllen?
Alexander Hug: Die Lage im
Osten der Ukraine ist leider
sehr brisant. Es gibt wieder
vermehrt zivile Opfer, dazu
Verletzte und Tote bei den
kämpfenden Seiten – beides
messbare Anzeichen einer
Eskalation. Was uns besonders
beunruhigt, ist der Umstand,
dass immer mehr Minenfelder
angelegt werden, was es der
Zivilbevölkerung verbietet,
sich frei zu bewegen. Dadurch
werden die entlang der Waffenstillstandslinie vom Februar
lebenden Menschen immer
mehr voneinander getrennt.
Es heißt immer häufiger, das
Minsk-II-Abkommen sei tot.
Stimmt das?
Ein solches Urteil wäre mir
zu absolut. Ich war gerade in
Minsk und habe dort die
Arbeitsgruppe Sicherheit
moderiert. Da haben wir vier
Stunden über substanzielle
Fragen gesprochen. Die Plattform, wie sie die Minsker Vereinbarung bietet, ist die ein­
zige, die zur Verfügung steht.
Und solange die Parteien sich
in diesem Gremium zumindest
unterhalten, besteht Hoffnung.
Aber gibt es einen
messbaren Fortschritt?
Ja, er besteht in der Fähigkeit
der OSZE-Mission, weiter aktiv
zu sein. Wir sind mit einer
solch robusten Präsenz in der
Ostukraine wie noch nie. Es
liegt aber an den Kombattanten
und nicht an uns, ob sie das
Feuer einstellen oder nicht.
Glauben Sie denn, mit
dem aktuellen Mandat überhaupt noch deeskalierend
eingreifen zu können?
Ich halte es nicht für ausgeschöpft. Sehen Sie, wir handeln
Alexander
Hug (40),
ist ein
Schweizer
Diplomat
und war vor dem Einsatz
in der Ostukraine bereits
für die OSZE im Kosovo
tätig. Er arbeitete für die
EU-Rechtsstaatsmission
nach zwei Komponenten.
Erstens: beobachten und berichten. Zweitens: einen Dialog
ermöglichen, wo immer der
sich anbietet. Sicher muss
man sich fragen, ob zusätzliche
Maßnahmen mehr Stabilität
bringen. Wird das bejaht, sollte
man sie in Betracht ziehen.
Wie viel Vertrauen wird Ihrer
Mission entgegengebracht?
Es stimmt, dass wir von allen
Seiten kritisiert werden, von
den Rebellen, von der Kiewer
Administration und der russischen Regierung, was grundsätzlich nichts Schlechtes ist:
Kritisieren uns alle, heißt
das auch, wir sind unparteiisch.
Wir können jetzt verstärkt
Waffensysteme beobachten,
die wir vorher noch nicht ausmachen konnten, denn unsere
Drohnen sehen viel. Der Zugang zu Satellitenbildern tut
ein Übriges. Dass wir mehr
sehen, gefällt nicht allen. Aber
unser Mandat lautet: unabhängig observieren. Unser Dialog
mit den Rebellen funktioniert
nach wie vor gut, das Gleiche
gilt für die ukrainische Seite.
Es ist die Rede davon, Ihre
Mission um 1.000 Mann
aufzustocken. Reicht
das für ein so großes Gebiet
wie den Donbass?
Man muss abschätzen, ob
mehr Beobachter mehr Er-
kenntnis bringen. Ich will damit sagen: Wir hatten bis zu 50
Patrouillen, müssen diese Zahl
aber gerade wegen der Sicherheitslage auf 25, oft 20 pro Tag
reduzieren. Würde man jetzt
versuchen, mehr Inspektoren
einzusetzen, gäbe es nicht
zwangsläufig bessere Berichte.
Die große Unbekannte
bleibt die Frage: Sind reguläre
russische Truppen im
Einsatz? Was sagen Sie?
Wir haben diverse Male ge­
sehen, dass sich Personen in
nicht von der Kiewer Regierung kontrolliertem Gebiet
bewegen, die Insignien der
Russischen Föderation tragen.
Und wir haben Waffensysteme
gesehen, die die Ukraine
nicht besitzt. Wir haben auch
die Bewegung von Material –
Trucks, Panzer, anderes
Militärgerät – vom Osten
nach Westen festgestellt.
Es ist nicht an uns, Schluss­
folgerungen zu ziehen – das
obliegt den OSZE-Mitgliedsstaaten. Es ist aber wichtig,
anzufügen, dass diese
Beobachtungen von keiner
Seite bestritten werden.
Auch nicht von Russland?
Uns gegenüber nicht.
Das Gespräch führte
Stefan Schocher
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SOZIALISTISCHE TAGESZEITUNG
10 Politik
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Stimmen der Wahrheit
Spanien Zum Erbe der FrancoDiktatur gehören bis heute
anonyme Massengräber. Sie zu
finden, ist das Gebot einer
würdigen Erinnerungskultur
■■Verena Boos
M
ein Blick hat sich verändert, seit ich diese Arbeit
mache“, sagt Raúl de la
Fuente. „Wenn ich unterwegs bin, sehe ich diese
grünen Felder oder einen Baum und denke,
wie viele Personen mögen dort liegen?“
In spanischer Erde werden anonyme Gräber mit möglicherweise 140.000 Toten vermutet. Sie stammen aus der Zeit des Bürgerkrieges (1936–1939) und der Diktatur
Francisco Francos (1939–1975). Besonders
Mitglieder der Guardia Civil und der faschistischen Falange haben immer wieder
Menschen erschossen, die zum Teil politisch militant waren, häufig aber nur zur
falschen Zeit am falschen Ort. Francos Gefolgsleute gingen pragmatisch vor und töteten oft in der Nähe von Friedhöfen, um
Opfer inmitten der Gräber zu verscharren.
Oder man machte sich die Landschaft zum
Komplizen und stürzte Menschen in Höhlen oder Schächte. Das Erbe all dessen ist
eine kontaminierte Landschaft, sind Gegenden, in denen die Täter die Gräber zu
verbergen suchten. Topografisch wie auch
gesellschaftlich zeichnen sich solche Landschaften dadurch aus, dass die Toten keine
würdevolle Ruhestätte, kein öffentliches
Erinnern finden. So entmenschlichen Täter
ihre Opfer über den Tod hinaus. Das Gift
sind nicht die Toten und die Massaker von
einst, sondern Entwürdigung und verweigertes Gedenken.
Die Vereinigung zur Wiedererlangung
der Historischen Erinnerung (ARMH)
forscht nach Massengräbern, identifiziert
– soweit möglich – die Gebeine und gibt sie
den Angehörigen zurück, damit diese sie
würdig bestatten. Raúl de la Fuente arbeitet
als Psychologe für die ARMH.
David Ramírez
López auf der
Suche nach Opfern
aus der Franco-Zeit;
das Memorial im
„Tal der Gefallenen“
Gebrochenes Schweigen
Zwei Schäfer, drei Guerilleros
„Wir holen
auch die
Geheimnisse
hervor. Wir
entgiften“,
erklärt die
Generation
der Enkel
Fotos: Winfried Höh
Hoch über den weltberühmten Quecksilberminen von Almadén in Castilla-La Mancha thront eine Wallfahrtskapelle. Von dort
sieht man in 35 Kilometern Entfernung die
Bergketten der Extremadura. Eine schöne
Landschaft. Eine Front im Bürgerkrieg. Der
Mann mit dem besten Überblick über die
Toten dieser Gegend ist David Ramírez López, Anarchist, Staatsbeamter und einer
der weltweit wichtigsten Sammler von Waffen und Memorabilia des Bürgerkrieges. Er
durchkämmt Flohmärkte und geht mit einem Metalldetektor die alten Frontlinien
ab – ebenso wie Felder und Straßengräben
auf der Suche nach den Toten Francos. Er
ist ein akribischer Forscher und bringt die
Archäologen der ARMH auf die richtige
Spur: „Wenn wir Patronen finden, haben
wir ein Grab.“
Mit Ramírez durch diese Landschaft zu
fahren, wird zur gespenstischen Safari über
Schauplätze des Krieges und eines zweifelhaften Friedens, der auf ihn folgte. Hier ein
Feldlager, dort ein Lazarett, allerorten Tote.
Der Palacio de Moret war nach Kriegsende
ein Konzentrationslager, in dem die Sieger
die gefährlicheren der unterlegenen republikanischen Soldaten aussonderten. Ihr
Ende lässt sich unschwer ausmalen. In der
Nähe des Ortes Chillón hat die ARMH 2011
ein Massengrab mit neun Toten geborgen,
nicht weit von dort liegen zudem drei maurische Soldaten der Franco-Truppen – sie
wurden nach einer Gruppenvergewaltigung von den eigenen Leuten standrechtlich erschossen. Und während er diese Stellen ansteuert, erzählt Ramírez von anderen
Massengräbern, die er aufgespürt hat, bis
hinunter nach Cádiz und Córdoba.
Hinter dem Friedhof von Chillón vermutete er bis vor kurzem 142 republikanische
Gefallene. Seine Suche brachte aber nur
fünf Tote zum Vorschein, die sich identifizieren ließen: zwei Schäfer und drei Guerilleros, Opfer des Franquismus, erschossen
nach 1939. Der Bagger beschädigte zwei der
Skelette, bergen konnte man sie bisher
nicht – so liegen sie nach wie vor außerhalb
des Friedhofs auf freiem Feld, ohne Zeichen,
ohne Würdigung, in der Nähe grast ein
Pferd. Ramírez urteilt über sein Land: „Die
Leute hier haben keine historische Kultur,
kein Interesse, keine Motivation – bis dann
Geschichte um? Und was gibt den Anstoß,
diese Kontamination nicht länger hinzunehmen?
Treibende Kraft ist vor allem die Enkelgeneration, aufgewachsen nach Francos Tod
1975. Sie artikuliert das Verlangen nach Anerkennung sowie symbolischer Wiedergutmachung und hat die Aktivitäten der vergangenen Jahre vorangetrieben. Die Arbeit
von Initiativen wie der ARMH – historische
Recherche, Exhumierungen, die Ermächtigung der Betroffenen und politischer Aktivismus – setzt der Kontamination etwas
entgegen, im Wortsinne „von unten“. Das
gilt nicht nur für die Geschichte, auch für
den gegenwärtigen Wandel in der Politik.
De la Fuente hofft auf eine „zweite Transition“, da die erste – der Übergang zur Demokratie nach 1975 – die Hoffnungen enttäuscht habe und bis heute Eliten das gesellschaftliche Leben kontrollierten, die
kein Interesse an Veränderungen hätten:
„Sie bremsen den Prozess der Aufarbeitung. Sie wollen nicht, dass die Leute sich
mit ihren Verletzungen konfrontieren.“
Insofern gleichen die Exhumierungen
nicht zuletzt einem Reinigungsritual. Die
ARMH stellt das Trauma der Hinterbliebenen als humanitäres Anliegen ins Zentrum
ihrer Arbeit: Die Lebenden brauchen Gewissheit, um mit ihrer familiären Geschichte ins Reine zu kommen. De la Fuente beschreibt die psychosomatischen Beschwerden ebenso wie den sichtbaren Wandel,
wenn den Menschen ihre Last endlich genommen wird. So ist eine Exhumierung
ein schmerzlicher, psychisch fordernder
Prozess, aber letztlich auch ein kathartisches Erlebnis: „Das Wichtigste ist, dass die
Betroffenen ihre Wahrheit über die Vorfälle
neu zusammensetzen. Wir holen auch die
Geheimnisse hervor. Wir entgiften, wir lassen die Stimme der Wahrheit heraus. Nur
so kommt man zu einem Verständnis.“
vier solcher Idioten wie wir daherkommen
und sich kümmern.“ Was mit den 142 Soldaten geschehen ist, weiß er nicht bestimmt.
Er darf im Archiv von Almadén nicht forschen. Es könnte sein, dass sie im Friedhof
liegen und die mehrstöckigen Grabnischen
einfach über ihnen aufgerichtet wurden. Es
bleibt die Unsicherheit, ob nicht in den 50er
Jahren „aufgeräumt“ wurde.
Tal der Gefallenen
In jener Zeit wurde auch an einem anderen
Ort planiert, umgebettet und überhöht.
Am 1. April 1959, zum 20. Jahrestag seines
Sieges, weihte Franco sein monumentales
„Tal der Gefallenen“ ein. Ein Kreuzweg zieht
sich durch Pinienwälder bis hinauf zur Basilika, die politische Gefangene rund 260
Meter tief in den Berg hineintrieben, teilweise in Handarbeit. Die Anlage ist in eine
schöne Landschaft gebettet und ein beliebtes Ausflugsziel mit Picknickbänken und
Bolzplatz, freilich auch ziemlich marode.
Überragt wird die Anlage vom größten freistehenden Kreuz der Welt, das von Madrid
her schon aus vielen Kilometern Entfernung zu sehen ist. Es ist ein Ort faschistischen Märtyrerkultes.
Hierher, an Francos Grab, pilgerten bis
vor wenigen Jahren ultrarechte Gruppen,
dann wurden politische Kundgebungen
verboten. In das Umfeld des Franco-Monuments wurden bis 1983 Gefallene beider
Seiten umgebettet, mindestens 33.700,
heißt es, vermutlich aber 50.000. Sie liegen
hinter den Seitenkapellen, sind nicht nach
dem politische Lager oder der Herkunft,
geschweige denn namentlich markiert. Ein
Teil dieser Toten ist identifiziert, das betrifft vorwiegend die Soldaten Francos. Andere stammen aus Massengräbern und
wurden auch ohne das Wissen oder gar gegen den Willen ihrer Familien exhumiert.
Diese Gräber sind nicht zugänglich. Einzig
die Worte „Gefallen für Gott und für Spanien“ über den verschlossenen Türen deuten
auf die Begräbnisstätte hin.
In seinen Publikationen stellt sich das
„Tal der Gefallenen“ apologetisch als Mahnmal für den Frieden dar. Das klingt so, als
sei der Krieg schicksalhaft über beide Seiten
hereingebrochen. Es gibt an diesem Ort keine Tafeln, die über die Hintergründe des
Bürgerkrieges oder die Entstehungsgeschichte dieses Erinnerungsortes aufklären.
Hier zeigt sich auf makabre Weise ein Glorifizierungstourismus der Anhänger Francos,
die nichts einzuwenden haben gegen die
andauernde Entwürdigung seiner Gegner.
Die hat der Diktator über ihren Tod hinaus
unter Adler und Kreuz in seiner Gewalt.
Wir entgiften
Was bewirkt solch ein giftiges Erbe in einer
Gesellschaft? Wie ergeht es den Betroffenen, denen einst suggeriert wurde, dass
ihre Angehörigen Kriminelle gewesen seien, die mit Verlust, Schuld und Angst leben
mussten? Wie gehen Menschen mit dem
beschwiegenen Wissen um Landschaft und
Das konkrete Beispiel des Massengrabes
von Chillón zeigt, was die Aktivisten erreichen können, wie schwierig es aber auch
ist, langfristig etwas zu verändern. Im Juni
1939 waren dort neun Männer zwischen 17
und 44 Jahren auf freiem Feld erschossen
und in einen Krater gestürzt worden. Es
war Ramírez, der die ARMH 2011 auf das
Massengrab brachte. Auch de la Fuente war
bei der Exhumierung dabei.
Den Ort des Grabes hatte der Sohn eines
der Toten markiert. Während der FrancoDiktatur pflegte besonders dieser Mann
die Erinnerung an das Geschehen von
einst. Nach der Transition errichteten die
Angehörigen einen Gedenkstein. Die Exhumierung war technisch schwierig und
dauerte fast drei Wochen. Die anfängliche
Anspannung löste sich nach wenigen Tagen, die Stimmung an der Stätte wurde
gesellig – und vor allem: Die Leute begannen zu erzählen. Schon während der Grabung bot die ARMH ihnen Möglichkeiten,
ihrer Trauer eine ritualisierte Form zu geben. Es gab ein Gästebuch, einen Platz für
Blumen und Fotos, eine improvisierte Feier. Der sozialistische Bürgermeister befürwortete und unterstützte die Grabung. Im
Labor taten dann Forensiker und Anthropologen ihre Arbeit. Und Mitte 2012 erhielten die Familien die Gebeine zurück.
Das halbe Dorf geleitete sie in einer Prozession zum Friedhof.
An der Stelle des Massengrabes, das über
60 Jahre lang ein Bezugspunkt war, wurden
von den Familien neun Olivenbäume gepflanzt, aber niemand wollte sich danach
so recht darum kümmern.
David Ramírez sieht drei Jahre später
kaum eine Veränderung im sozialen Miteinander des Dorfes. Die Aktion hat aber wenigstens ein Stigma beseitigt. Und darum
ging es ihm: „Man kann diese Toten nicht
in der Namenlosigkeit lassen. Das darf sich
keine Gesellschaft erlauben.“
Das Grab trägt nun die Inschrift: „Im Gedenken an die Nachbarn von Chillón, erschossen am 3. 6. 1939“. Über 35 Jahre nach
Francos Tod überwanden die Angehörigen
ihre Angst, die Dinge beim Namen zu nennen. Auch wenn ihn vieles frustriert – dies
stimmt Ramírez optimistisch: „Das Schweigen ist gebrochen. Wer vorher den Mund
gehalten hat, tut das nicht mehr. Zumindest das ist ein Schritt nach vorn.“
Verena Boos ist Schriftstellerin und war selbst
bei der Grabung von Chillón dabei, um für
ihren jüngst erschienenen Roman Blutorangen
(Aufbau-Verlag) zu recherchieren
Gender 11
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Frauensache
Männersache
Warum Sexisten
die schlechteren
Schulnoten haben
F oto: J e a n- C h r i st i a n B o u r ca rt/ V U/l a i f
W
Ein banales Prinzip schickt die Wanderarbeiterin von Stadt zu Stadt: Angebot und Nachfrage
Immer auf der Durchreise
Porträt Ines Blum war mehr als zehn Jahre als Prostituierte unterwegs. Kurz vor dem Zusammenbruch stieg sie aus
■■Sebastian Stoll
E
s war der Koffer, der Ines Blum
bewusst machte, wie einsam sie
eigentlich war. Sie hatte ihn immer dabei, wenn sie bei ihren Eltern zu Besuch war, und nie wurde ein Wort darüber verloren. Es war ein
Koffer, den es eigentlich nicht gab. Ein Koffer voller Dessous. „Ich bin mir sicher, dass
meine Mutter wusste, was darin ist. Aber
gesagt hat sie nie etwas.“ Irgendwann fuhr
sie dann wieder und nahm den Koffer mit.
Zum nächsten Job als Messe-Hostess. So
hatte sie es ihren Eltern erzählt und so
musste es sein. Also war es auch so.
Mehr als ein Jahrzehnt lebte Ines Blum,
die eigentlich anders heißt, mit diesem
Koffer. Sie schaffte ihn sich an, als sie 17
war. Vor einem Jahr hörte sie auf, als Prostituierte zu arbeiten – mit fast 30. In all den
Jahren besaß sie nicht mehr als einen roten
Ford Ka und eine wechselnde Menge Bargeld. Sie zog von Stadt zu Stadt, blieb niemals lange und hatte am Ende weder
Freunde, noch wusste sie, dass es ein Leben
ohne roten Ford Ka geben kann. Es gibt in
Ines Blums Geschichte keinen Zuhälter,
keine Gewalt, niemanden, der ihr Druck
machte – nur Umstände, in denen sie sich
verlor. Weil das Geschäft so ist, wie es ist.
Und eben nicht, wie man sich das vorstellt.
Frischfleisch
Zu ihrem Beruf kam sie so, wie andere Leute zu anderen Berufen kommen: Die Schule
war vorbei, das Konto leer – und die beste
Freundin hatte eine Freundin, die da einen
guten Job hatte. Zehntausend Mark im Monat machte sie. „Also haben wir uns ein Anzeigenblatt gekauft.“ Eine Begleitagentur
suchte attraktive junge Frauen, gut frisiert
sollten sie noch sein, das war es, keine weiteren Fragen. Sie und ihre Freundin trafen
sich mit einem freundlichen Mann im Anzug, nach dem Kaffee zeigte er ihnen die
Wohnungen, in denen sie arbeiten würden,
sauber, Whirlpool, warum nicht? „Ich habe
einen Kunden, der ist immer auf was Neues
aus“, sagte der Mann. Den ersten Termin
durften sie zu zweit machen.
Es ist schwierig, mit Ines Blum ins Gespräch zu kommen. Sie ist erkennbar ein
Mensch, der einen Platz im Leben sucht.
Sie hat ein Handy, an das sie manchmal
geht, oft auch nicht. Und sie ändert bei Verabredungen, die sie zugesagt hat, auch mal
schnell wieder ihre Meinung.
Wie es war, das erste Mal als Prostituierte, darüber erzählt sie nicht viel. Der Kunde
sei sehr freundlich gewesen, habe sie umgarnt und umschwärmt. „Ab und zu hat er
von ‚Frischfleisch‘ geredet“, sagt sie – in einem Ton, den man hat, wenn man über
den Spleen eines anderen Menschen redet.
Nichts, was man ernst nehmen müsste. Für
die volle Stunde gab es damals 190 Mark,
sehr bald kam sie auf 1.500 Mark oder mehr
in der Woche. „Ich fand das toll, nebenher
etwas zu machen, von dem keiner weiß –
und das Geld natürlich auch“, sagt sie.
So ging das ein paar Monate, Ines Blum
hatte ihre Kollegin aus der Schulzeit und
arbeitete in ihrer Heimatstadt Freiburg, alles war aufregend und sicher zugleich –
doch dann ging ein Wasserrohr kaputt, und
mit ihm der Begleitservice. Nicht sofort,
aber es war schnell absehbar, dass sich die
Agentur nicht mehr lange würde halten
können: Wegen des Wasserschadens musste der Betreiber eine Wohnung schließen,
was an Geld blieb, war ihm zu wenig, um
weiterzumachen. Eine Bekannte aus dem
Milieu riet Blum dann: „So wie du aussiehst, würdest du zum Pferderennen in
Iffezheim passen.“ Iffezheim, das war Baden-Baden. Dort gab es ein Laufhaus, ein
großes Bordell mit weiten Gängen, in dem
Prostituierte auf eigene Rechnung arbeiten. Sie besorgte sich die Telefonnummer
und rief an.
Sie kann nicht
mehr sagen,
wo und wann
sie begann,
sich zu verlieren
Es war ein völlig anderes Leben, als sie es
gekannt hatte. Sie war nun ihr eigener Chef,
zu sagen hatte sie trotzdem nicht viel: Die
Preise wurden durch das Laufhaus festgesetzt, je nach Dienstleistung konnte man
eine Stunde mit ihr ab 50 Euro bekommen.
Ines Blum lebte, wo sie arbeitete, und konnte selbst bestimmen, wann und wie oft sie
das tun wollte. Theoretisch, die Tagesmiete
von rund 100 Euro für das Zimmer wurde
trotzdem immer fällig. Also arbeitete sie
viel und fertigte die Kunden oft eher ab.
Das ging drei Monate so, irgendwann wurden die Kunden weniger, 3.000 Euro in bar
hatte sie zu der Zeit schon angespart. Sie
kaufte den roten Ford Ka, 36.000 Kilometer
auf dem Tacho, und zog weiter, nach Konstanz. Es war Oktober, und es war Messe.
Wie es dort war – es ist nicht wirklich
wichtig, denn es war vor allem: kurz. Blum
arbeitete von nun an nie länger als ein paar
Monate an einem Ort, oft nur ein paar Tage.
Manchmal war sie in einem Club, mal Bardame, mal im Laufhaus – mal in Ingolstadt,
mal in Darmstadt, mal in Mannheim. Das
Schema, nach dem es lief, war immer das
gleiche: Sie kam an einen Ort und hatte
Mühe, Fuß zu fassen, unterzukommen,
Kunden zu gewinnen. Irgendwann lief es
dann gut. Und das hörte irgendwann auch
wieder auf. Weil alles nach einer einzigen
Regel funktionierte: „Wenn neue Frauen in
ein Haus kommen, wollen die Kunden etwas Neues ausprobieren.“ Blum kam an einen Ort, war Frischfleisch, dann kam neues
Frischfleisch, und sie zog weiter – dorthin,
wo sie nun Frischfleisch war. „Es ist normal,
dass man viel rumkommt. Außer man hat
Adressen, wo man gut läuft.“
Wo läuft welcher Typ Frau?
Wenn man über Prostituierte redet und
ihre Situation, dann redet man oft über
Ausbeutung und über Macht. Begriffe wie
„Zuhälter“ und „Menschenschmuggler“ bestimmen die Debatten. Sicher gibt es Frauen, die auf diese Weise ins Geschäft kommen und darin kaputtgehen. Sieht man
aber von der letzten Episode in ihrer Prostituiertenlaufbahn ab, war die einzige
Macht, der Ines Blum sich fügen musste,
die von Angebot und Nachfrage. Es war ein
ganz banales Prinzip, das sie von Stadt zu
Stadt schickte, von Club zu Club, immer
weiter heraus aus sozialen Bindungen. Sie
lebte das Leben einer Wanderarbeiterin,
und so fasst sie es auch auf: Sex spielt in
ihren Erzählungen kaum eine Rolle. Als
wenn es darum gegangen wäre. „Prostitution hat es doch schon immer gegeben. Solange sich die Parteien nicht schaden, ist
alles in Ordnung.“ Mehr ist es für sie nicht.
Derzeit arbeitet sie in einer Gärtnerei in
Freiburg, noch ist das kein richtiger Job,
sondern Teil eines Integrationsprojektes.
Sie will lernen, wie das ist, einen anderen
Beruf zu haben als Prostitution. Eine Therapie hat sie schon abgeschlossen. „Ich
habe erst dadurch erkannt, wie sehr die
Prostitution mein Leben bestimmt hat. Mit
meinem Auto und Bargeld durch das Land
zu ziehen, das habe ich für normal gehalten“, sagt sie. Jetzt will sie nur noch eines:
irgendwo ankommen.
erden Jungen von Lehrerinnen diskriminiert, oder sind
sie einfach zu dumm? In der
Schule schneiden sie jedenfalls schlechter ab als Mädchen, das hat kürzlich
wieder eine OECD-Studie belegt. Nun
haben Wissenschaftler aus Luxemburg
und der Schweiz das Phänomen genauer
untersucht. Sie konnten zeigen, dass
Jungen öfter ein patriarchales Rollenbild
haben als Mädchen und auch deshalb
schlechte Ergebnisse in der Schule erzielen. Macht Sexismus dumm?
Ganz so einfach ist es nicht. Es gibt
einen Zusammenhang, aber die Studie
beweist nicht, was Ursache und was
Wirkung ist. Prinzipiell ist vieles vorstellbar: Es könnte sein, dass weniger
kluge Schüler einfach häufiger auch
Geschlechtsstereotypen anhängen.
Es könnte aber auch umgekehrt sein,
dass Schüler, die im Unterricht über ihr
patriarchales Rollenverständnis reden,
von Lehrern, die anderer Meinung sind,
mit schlechten Noten bestraft werden.
Die Ergebnisse der Forscher legen
jedoch etwas anderes nahe: Die Jungen
mit stark ausgeprägten Vorstellungen
über Männlichkeit werden zwar stärker
sanktioniert, allerdings nicht wegen
ihrer Meinung, sondern wegen ihres
Verhaltens. Sie treten nämlich deutlich
aggressiver auf als die übrigen Jungen.
Sie prügeln sich öfter mit Mitschülern,
ärgern öfter die Lehrer. Und wer sich
so verhält, bekommt in der Schule halt
schlechtere Noten.
Die Rollenklischees sind laut Studie
besonders stark in den Köpfen der
Jungen aus bildungsfernen Familien
verankert. Mädchen hingegen glauben
öfter an die Gleichberechtigung, lehnen
Stereotype eher ab. Doch auch dort
gibt es Ausnahmen. Interessanterweise
lässt sich auch unter Mädchen ein
Zusammenhang zwischen patriarchalen
Rollenbildern und schlechten Schul­
ergebnissen beobachten. Das erscheint
logisch, schließlich müssten Hausfrauen
in spe nicht unbedingt den Dreisatz
beherrschen. Die Forscher verweisen auf
Umfragedaten, selbst konnten sie den
Zusammenhang bei Mädchen jedoch
nicht nachweisen. Vielleicht war die von
ihnen untersuchte Personengruppe zu
klein. Sie befragten 872 Schülerinnen
und Schüler im Schweizer Kanton Bern,
organisierten Gruppendiskussionen
und filmten den Unterricht.
Den Hauptgrund für die Leistungsunterschiede zwischen den Geschlechtern
sehen sie darin, dass sich viele Jungen
von der Schule entfremdet, das Interesse verloren hätten. Rollenklischees sind
aber auch relevant. Vielleicht sollten die
Schulen künftig Anti-Sexismus-Kurse
anbieten. Damit die Jungs auch gute
Noten kriegen.
Felix Werdermann
In den ersten Jahren war Blum noch oft
nach Freiburg gekommen, meistens an Wochenenden. Sie traf Freundinnen und manchen sagte sie auch, womit sie ihr Geld verdiente. Darüber zu sprechen war ein bisschen heikel, aber nicht unmöglich. Nur
wenn man mal hier ist und mal da, wenn
man mal viel zu tun hat und mal wenig,
dann wird aus der Heimatstadt irgendwann ein Ort unter vielen. Sie verlor ihre
Freundinnen, wie man eine Geldbörse oder
einen Schlüssel verliert, einfach so.
Die anderen Prostituierten waren wie
sie: manchmal freundlich, manchmal pleiAnzeige
te, aber immer auf der Durchreise. Es war
nicht unangenehm, eben eine Atmosphäre,
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wie sie unter Arbeitskollegen nun mal vortwitter.com/melodierhythmus
kommt: Mal wurde gelacht oder sogar geus.com
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12 Chronik
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
F o t o S : a f p/ g e t t y i m a g e s ( 3 ) , i m a g o ( 2 )
Die Woche vom 18. bis 24. Juni 2015
Bundestag
Jemen
Atommüll
Europäische Union
AfD
Den Lobby-Ausweis, bitte
Waffenruhe in Sicht?
Castoren auch nach Bayern
Quote unerlässlich
Feindbilder
Das Parlament wird vermutlich ein
Stück transparenter. Das Berliner Verwaltungsgericht entschied, dass die
Verwaltung des Bundestags gegenüber
Bürgern offenlegen muss, welche
Verbände einen sogenannten Hausausweis bekommen. Damit können
Lobbyisten ein Jahr lang im Bundestag
ohne weitere Kontrollen ein und aus
gehen. Vergeben werden die Ausweise
unter anderem von den Fraktionen.
Grüne und Linke haben öffentlich gemacht, wem sie eine Zugangserlaubnis
verschaffen, Union und SPD weigern
sich. Das Portal abgeordnetenwatch.de
hat den Bundestag auf Herausgabe
der Informationen verklagt und
gewonnen. Die Parlamentsverwaltung
will in Berufung gehen.
FW
Es gab ohnehin keinen Grund zu Hoffnungen. Fast erwartungsgemäß sind
Friedensgespräche für den Jemen
am Wochenende in Genf ergebnislos
geblieben. Umso mehr zog Ismail Ould
Cheikh (Foto), UN-Sonderbotschafter
für das Konfliktgebiet, ein zweck­optimistisches Fazit: Man sei nicht
mehr weit vom Agreement über eine
Waffenruhe entfernt. Ein erstaunlicher
Befund, da die Konfliktparteien –
die Huthi-Rebellen und die Abordnung
des gestürzten Präsidenten Mansur
Hadi – nicht einmal an einem Tisch sitzen wollten. Cheikh musste zwischen
den Delegationen pendeln. Einig war
man sich nur über die Notlage der Bevölkerung. Es wären etwa 1,5 Milliarden
Euro an Hilfsgeldern aufzubringen. LH
Man könnte es für selbstverständlich
halten: Bayern hat jede Menge Atommüll produziert und soll nun einige
Castoren aufnehmen, die derzeit im
Ausland lagern. Eigentlich sollte der
radioaktive Abfall nach Gorleben
gebracht werden, doch dann wären
weitere Tatsachen für ein dortiges
Endlager geschaffen worden, die Endlagersuche soll aber ergebnisoffen sein.
Also hat Bundesumweltministerin
Barbara Hendricks mit den Atomkonzernen vereinbart, dass die Castoren
aufgeteilt werden auf Baden-Württemberg, Hessen, Schleswig-Holstein – und
Bayern. Was die CSU-Landesregierung
auf die Palme bringt. „Politisch
unklug und dreist“ sei das Vorgehen.
Verhindern kann sie es nicht.
FW
Für die EU-Kommission gibt es keine
Alternative zur verpflichtenden Quote,
um Flüchtlinge in der gesamten EU gerecht zu verteilen, sagt Kommissionspräsident Juncker. Dem dürften sich
auch osteuropäische Mitglied­staaten
nicht verweigern. Deshalb müsse
der Europäische Rat bei seinem Gipfel
Ende Juni eine klare Entscheidung
treffen. Auch der Premier Luxemburgs,
Xavier Bettel (Foto), vertritt diese
Auffassung. Die am 1. Juli beginnende
EU-Ratspräsidentschaft seines Landes
will er nutzen, um den Gedanken der
Solidarität in Europa zu stärken. Die sei
in den vergangenen Wochen „schnell
verpufft“, seit sich das Entsetzen über
die Tausenden im Mittelmeer ertrunkenen Menschen gelegt habe.
LH
Auf Hamburgs Ampeln sollen bald
auch lesbische und schwule Paare zu
sehen sein, so wünscht es sich die
Gleichstellungssenatorin Katharina
Fegebank von den Grünen. Doch bei
der AfD kommt das gar nicht gut an.
Natürlich hat sie keine Vorurteile,
es geht ihr um etwas anderes: Muslime
könnten sich „beleidigt fühlen“. In einem Strategiepapier zeigt sie sich aber
noch „besorgt über den Einfluss und
die Gewaltbereitschaft der Islamisten
in Deutschland vor dem Hintergrund
des Herrschaftsanspruchs des Islam in
der Welt“. Aha. Um das klare Feindbild
zu behalten, hat die AfD noch einen
weiteren Grund gegen die Ampel­
pärchen gefunden: Muslime könnten
„eigene Piktogramme fordern“.
FW
1865 EKG der US-Linken
■■Konrad Ege
A
m 6. Juli 1865 erschien das erste
Exemplar des links angesiedelten Blattes. Das Abonnement
kostete per annum, wie es hieß,
drei Dollar, für ein Halbjahresabo zahlte man zwei Dollar. Barack Obama
hat zu diesem Jubiläum gratuliert: Zu Zeiten
eines „Nachrichtenzyklus mit 140 Zeichen“
sei es ermutigend, dass eine amerikanische
Institution, die eine „provozierende, vernünftige Debatte pflegt auf der Suche nach Chancengleichheit und Gleichberechtigung“, eineinhalb Jahrhunderte nach ihrer Gründung
noch immer gedeihe. Der Präsident schrieb
die lobenden Worte in der mehr als 250-seitigen Jubiläumsausgabe. Die Nation-Autoren
sind freilich in vielen Punkten nicht mehr begeistert von Obama, wegen der Überwachung
durch die NSA, wegen des Drohnenkrieges sowie des Freihandelsenthusiasmus im Weißen
Haus. Gerade konnte Obama das Transpazifische Freihandelsabkommen – trotz der Unter­
stützung aus dem republikanischen Lager –
nicht gegen eine Mehrheit der Demokraten
im Kongress durchsetzen.
Wer hat nicht alles geschrieben für das Wochenblatt zu Politik, Kultur, Gesellschaft, Film
und Literatur – John Steinbeck, Sylvia Plath,
Hannah Arendt, Martin Luther King, Albert
Einstein, Edward Said, Emma Goldman, Gore
Vidal, James Baldwin, Alice Walker, Ralph Nader, Naomi Klein. The Nation ist eine Art EKG
der US-Linken – im weitesten Sinne. In den
30er Jahren wurde in der Redaktion heftig debattiert über Stalin, Trotzki und Bucharin oder
die Rolle der Kommunistischen Partei bei den
Linken in den USA. Heute wolle das Magazin
den „Dialog zwischen Radikalen, Liberalen,
Fortschrittlichen und sogar Konservativen
mit Gewissen fördern“, sagt Chefredakteurin
Katrina vanden Heuvel jüngst im Rundfunkprogramm Democracy Now. Die überragende
Frage laute, welche Reformen sind möglich in
einem Land mit dieser Konzentration von
Macht und Reichtum?
Gegenwärtig liegt die Abonnentenzahl für
die Print- und Digital-Ausgabe bei 120.000;
thenation.com hat pro Monat zwei Millionen
„unique visitors“, teilt die Redaktion mit. Im
Magazin liest man heute, die Tage der globalen Supermacht seien gezählt, die Eliten wollten das allerdings nicht eingestehen. Und einen eher bitteren Text gibt es auch: Wie Obama vom Kandidaten für Frieden zum
Kriegspräsidenten wurde. Ein Beitrag in der
Jubiläumsausgabe befasst sich mit Senator
Bernie Sanders, dem in den demokratischen
Vorwahlen kandidierenden sozialistischen
Präsidentschaftsanwärter. Man dürfe den
Mann nicht unterschätzen. Die USA seien
doch „durch eine Revolte gegen die Konzen­
tration der Macht und des Vermögens“ gegründet worden.
In anderen Artikeln geht es um Hillary Clintons Probleme mit der Ethik oder um Polizeibrutalität, die in Fort Leavenworth inhaftierte
Wikileaks-Aktivistin Chelsea Manning. Oder
um ein staatlich finanziertes Empfängnisverhütungsprogramm in Colorado, dem die Republikaner Gelder streichen wollten, obwohl
es ungewollte Schwangerschaften und Abtreibungen reduziert hat. Eine Sonderausgabe
schürfte beim Thema Innovation und Technologie und verbreitete die Botschaft: Das Internet öffne neue politische Wege, doch nur gemeinschaftliches Handeln sorge für einen
Wandel in diesen Zeiten, da „eine kleine Gruppe von Hightech-Unternehmen“ zu den größten Konzernen der Welt gehöre, darunter
Google, Facebook und Apple.
Widersprüche existieren. Beim Herunterladen der Nation-App auf das Smartphone wurde kürzlich auf dem kleinen Bildschirm angeboten, sich beim Fahrdienstanbieter Uber zu
bewerben. Als unabhängiger Unternehmer
habe dort der Chauffeur „Freiheit und Flexibilität“, verspricht Uber. Kein Büro, kein Boss.
Als die erste Ausgabe von The Nation vor
150 Jahren aus der Druckerei kam, hatte der
damals gut 30 Millionen Einwohner zählende
Staat USA gerade eine existenzielle Krise bewältigt. Am 14. April 1865 war Präsident Abraham Lincoln erschossen worden. Der Attentäter war ein Sympathisant der Südstaaten und
laut Medien ein „verzweifelter Rebell“, der sich
rächen wollte an den Siegern des 1861 begonnenen Bürgerkrieges. In diesem Konflikt zwischen Nord und Süd ging es um die für die
Plantagenwirtschaft des Südens enorm profi-
F oto: L i br a ry o f Co n g r e s s
Zeitgeschichte „The Nation“, das älteste Wochenmagazin der USA,
begeht ein Jubiläum, das in der nordamerikanischen Medienwelt
seinesgleichen sucht. Vor 150 Jahren erschien die erste Ausgabe
Das erste Büro von „The Nation“ lag in der New Yorker Nassau Street
Ursprünglich
richtete sich
das Blatt an
elitäre Leser.
Nicht nur
das hat sich
geändert
table Sklaverei. Geschätzte 750.000 Soldaten
kamen ums Leben, doch die Sklaverei ging unwiderruflich zu Ende. Der Todesschütze John
Wilkes Booth schrieb in sein Tagebuch, Gott
habe ihn „zum Instrument der Strafe gemacht“. Booth wurde auf der Flucht erschossen, seine Mittäter starben am Galgen.
Das Konzept für die Zeitschrift war im Juni
1863, also noch während des Bürgerkrieges,
im Union League Club von New York einigen
wohlhabenden Männern vorgestellt worden.
Ein Initiator war der Landschaftsarchitekt Frederick Olmsted, Designer des Central Park in
Manhattan, noch heute die grüne Oase der
Millionenstadt. Als Männer der Elite sorgten
sich die Mitglieder des Union League Club
(Frauen dürfen erst seit den 1980er Jahren
mitmachen) um die Einheit der Nation, lehnten die Sklaverei ab und waren bereit, auch finanziell einzuspringen. The Nation war gedacht als „wahrhaftige Wochenzeitung“, nicht
für die Massen, sondern eine ausgewählte,
einflussreiche Leserschaft. Gewerkschaften
gegenüber war man eher negativ eingestellt.
Den Union League Club gibt es noch heute an
der Kreuzung East 37. Straße/Park Avenue.
Gentlemen müssen laut Kleidungsvorschrift
Jacketts tragen.
Schimpfen Tea-Party-Anhänger heute über
die liberale New-York-Elite, sind Leute gemeint
wie die Mitarbeiter der Nation. Für die Redaktion sind soziale Reformen nur mit den Demokraten denkbar. Chefredakteurin vanden
Heuvel pflegt seit langem Beziehungen zu den
Kennedys. Die linksliberale Haltung des Blattes gründet nicht zuletzt auf dem kritischen Ja
in den 30er Jahren zu Präsident Franklin Roosevelt und seinen New-Deal-Wirtschaftsreformen. Schon früh warnte The Nation vor dem
Faschismus, während heutige Autoren gegen
eine permanente NATO-Osterweiterung und
die Isolierung Russlands polemisieren. The
Nation solidarisierte sich mit der Bürgerrechtsbewegung der 50er und 60er Jahre oder
mit den Protesten gegen den Vietnamkrieg
etwas später. Die Zeitung wandte sich konsequent gegen militärische Mittel, auch in den
Monaten nach dem Anschlag auf das World
Trade Center. Man blieb skeptisch gegenüber
der Ausweitung des Sicherheitsstaates.
Es lässt sich kaum ermessen, was dieses
kleine Periodikum erreicht hat. Der US-Historiker Michael Kazin schrieb vor mehreren Jahren das Buch Amerikanische Träumer. Wie die
Linke eine Nation verändert hat. Der Titel war
eine Botschaft: Die progressive Bewegung
habe trotz vieler Rückschläge die moralische
Grundeinstellung in den USA verändert. Bei
vielen sozialen Fragen werden Amerikaner
zusehends tolerant; jüngstes Beispiel ist die
schnell wachsende Zustimmung zur gleichgeschlechtlichen Ehe. Andererseits finden strukturelle Veränderungen gerade in der Wirtschaft so gut wie nicht statt.
Zu ihrem 150. Geburtstag verspricht The Nation eine umfassend neu gestaltete Webseite.
Man glaube an die Bedeutung des gedruckten
Produkts, doch sei das Digitale eine Frage des
Überlebens. Junge Menschen beziehen ihre
Nachrichten inzwischen vom Smartphone.
Soziale Bewegungen wie Black Lives Matter,
die in The Nation besprochen und gelobt werden, mobilisieren mit Hilfe des kleinen Bildschirms.
60 Prozent der Einnahmen des Magazins
kommen laut Redaktion von digitalen und
Print-Abonnements, 15 bis 25 Prozent dieser
Abnehmer spenden im Schnitt 60 Dollar pro
Jahr. 13 Prozent des Etats verdient man durch
Werbung, dazu kommen Leser-Kreuzfahrten
und Reisen nach Kuba sowie die Einnahmen
des Nation-Weinclubs, der Produkte aus ökologischem und gewerkschaftsfreundlichem
Anbau vertreibt. Trotz periodischer Engpässe
hat das Geschäftsmodell bisher funktioniert.
Mehr oder weniger. Ansonsten kommen die
Spendenaufrufe.
Wirtschaft
13
Vinyl feiert
ein Comeback:
Wie Schall­
platten zum
Luxusgut
geworden
sind S. 15
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Hört nicht
die Sirenen
Zukunft Einige Kritiker wollen Europas Gemeinschaftswährung
aufgeben, damit es allen besser geht. Aber das ist ein Irrweg.
So schwierig eine Reform ist: Es führt kein Weg an ihr vorbei
■■Andrew Watt
D
f o t o S : e m m a n u e l p i e r r o t / v u / l a i f, a l b a c h i a r a a / f o t o l i a ( o b e n )
ie Dauerkrise hat Kritikern
des Euros Zulauf beschert. Sie
bestehen nicht mehr nur aus
Neoliberalen und konservativen Nostalgikern nationaler
Währungen. Heute beklagen selbst Verfechter einer vertieften europäischen Integration, dass das missratene Euro-Projekt
den Kontinent spalte, statt ihn zu einen.
Die Folgen der Austeritätspolitik und der
zunehmend hässliche, nationalistische Ton
in Europa dienen dafür als Belege.
Keine Frage, die politische Architektur
der Gemeinschaftswährung ist dringend
reformbedürftig. Unabhängig von der aktuellen Zuspitzung des Konflikts um Griechenland stehen wir vor einer historischen
Wahl: Rückbau oder Weiterentwicklung des
Euro-Projekts? Würden wir den Euro sowie
die mit ihm verbundenen Zwänge auflösen
und zu nationalen Währungen zurückkehren, dann gäbe es mehr Spielraum für eine
fortschrittliche nationale Wirtschafts- und
Sozialpolitik, behaupten viele linke Kritiker. Ich bestreite das. Was muss also im Euroraum anders laufen, um ihn zu einem
Erfolg zu führen?
Wichtig ist: Der Anpassungsdruck auf
nationale Steuersysteme, den Wohlfahrtsstaat oder die Umweltgesetzgebung kommt
nicht vom Euro, sondern von der Internationalisierung der Wirtschaftsbeziehungen.
Dieser Druck wird durch eine Rückkehr zu
nationalen Währungen nicht schwinden,
im Gegenteil. Die Gefahr von spekulativen
Attacken der Märkte gegen einzelne Währungen erhöht den politischen Druck sogar. Von Abwertung bedrohte Länder müssen dauerhaft höhere Zinsen anbieten, um
Kapitalgeber für das Abwertungsrisiko zu
entschädigen. Damit müssten ärmere Staaten tendenziell einen höheren Schuldendienst schultern, ihnen würden Mittel für
notwendige Zukunftsinvestitionen und Sozialausgaben fehlen. Das war ja genau die
Situation von Griechenland und Spanien
vor der Euro-Einführung.
Und welches Währungssystem soll den
Euro überhaupt ersetzen? Der Vorläufer
des Euros, das Europäische Währungssystem (EWS) mit seinen festen und zugleich
anpassungsfähigen Wechselkursen? Auch
das EWS ist 1993 in eine schlimme Krise geraten und es war noch weit mehr als der
Euro ein System deutscher monetärer He-
Ferien Wall-Street-Manager packen Bücher für den Strand ein S. 14
Finanzen Mathias Binswanger erklärt die Geldschöpfung S. 16/17
Forschung Studierende fordern die Pharmaindustrie heraus S. 19
gemonie. Eben darum haben ja Länder wie
Frankreich und Italien den Schritt zur gemeinsamen Währung gewagt. Freie Wechselkurse mit ihrer hohen Volatilität? Selbst
wenn jemand das perfekte Währungsregime für Europa ersinnen würde, bliebe
eine Frage: Wie ist der Übergang dazu ohne
massive Turbulenzen zu schaffen? Um eine
derzeit beliebte Metapher zu bemühen: Die
linken Eurokritiker müssen noch ihre
Hausaufgaben machen.
Die ersten Schritte
Die Krise hat immerhin einen Lernprozess
in Gang gesetzt. Erste Schritte hin zu einer
Bankenunion sind erfolgt. Wenngleich verspätet, so wurde inzwischen erkannt, wie
brisant strukturelle Unterschiede der Wettbewerbsfähigkeit zwischen Mitgliedsstaaten sind. Es gibt jetzt ein – noch unzureichendes – EU-Verfahren, um diese makroökonomischen Ungleichgewichte zu
vermeiden und zu korrigieren.
Die Bedingung für eine stabile Währungsunion lässt sich knapp und präzise
formulieren. Die Instrumente auf der europäischen wie auf der nationalen Ebene
müssen so ausgestaltet sein, dass jedes
Mitgliedsland ein möglichst hohes Wohlstands- und Beschäftigungsniveau ansteuern kann und gleichzeitig die Entwicklung
der Nominallöhne und -preise nicht wesentlich und dauerhaft vom Durchschnitt
des Euroraums abweichen darf. Ohne eine
weitere Vergemeinschaftung der Wirtschaftspolitik wird es nicht gehen. Eine
Wirtschaftspolitik der „regionalen Zentren“
nach eigenem Gutdünken ist in einer Währungsunion nicht möglich. Das bedeutet
aber keine Angleichung der Lohnniveaus
und sozialstaatlichen Standards.
Ideen, wie dies zu erreichen sei, existieren viele. Ob es einen europäischen Finanzminister geben wird, eine EU-Arbeitslosenversicherung oder die Verstärkung von
Gremien zur Abstimmung der Lohn- und
Preisentwicklung im Euroraum, wird sich
in den kommenden Monaten zeigen. Wir
sollten die nostalgischen Sirenen von
rechts und links ignorieren und uns stattdessen in dieser für die Zukunft Europas
existenziellen Debatte engagieren.
Andrew Watt ist Ökonom und Abteilungsleiter
des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung in der Hans-Böckler-Stiftung
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14 Wirtschaft
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Fünf Dinge,
die anders
besser wären
anderes getan, als auf Werbung zu setzen,
um Einnahmen zu generieren.
Und das Unternehmen ist dabei in bester
Gesellschaft. Sein Nischenprodukt Ubuntu
teilt mit Android nicht nur die Linux-Basis
und damit die Open-Source-Grundlage,
sondern auch das Refinanzierungsmodell.
Google hatte einst präventiv das Betriebssystem Android übernommen und weiterentwickelt, um im mobilen Internet ein
zweites Windows zu verhindern. Auf keinen Fall sollte ein Nachfolger des Internet
Explorer Googles Suchmaschine irgendwann den Zugang zu den Nutzern versperren können.
Verantwortlich dafür
machen die Real-Manager
ihre ganze Branche: Die sei
schließlich in den vergangenen Jahren fast kollektiv
aus der Tarifbindung geflüchtet, da
müsse man jetzt folgen. Der Herdentrieb scheint im Handel besonders ausgeprägt: Das Bundeskartellamt hat gerade Bußgelder von über 150 Millionen
Euro wegen Preisabsprachen verhängt,
zu den Betroffenen gehören unter
anderem Metro, Edeka, Rewe, Kaufland
und Aldi. Es ging um Tiernahrung
und Körperpflegeprodukte, noch ausstehende Verfahren betreffen Süßwaren,
Kaffee und Bier. Die Übeltäter haben
die Strafen akzeptiert – einhellig.
Nach Strafe – oder zu­
mindest einer Niederlage
vor Gericht – lechzt
auch die Bundesregierung,
gleich zweifach: Zum
Ersten unterzeichnet dieser Tage der
Bundespräsident das Tarifeinheits­
gesetz. Über das schreibt der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages:
absehbarer Verfassungsverstoß. Die
Richter in Karlsruhe warten schon.
Zum Zweiten hat die EUKommission ein Vertragsverletzungsverfahren
wegen des im März verabschiedeten Gesetzentwurfs
zur Maut von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) eingeleitet. Damit
war ja nun überhaupt nicht zu rechnen!
Dobrindt wollte doch nur Gutes tun
und endlich Investitionen in Deutschlands bisweilen marodes Straßennetz
akquirieren, von den Ausländern auf
hiesigen Autobahnen. Es ist ja das
erste Ministeramt für den ehemaligen
CSU-Generalsekretär, vielleicht hat
er da einfach nicht verstanden, was
die Kommission schon im Dezember
und Februar schrieb: dass das Vorhaben
„auf einen Bruch des fundamentalen
Vertragsprinzips der Nichtdiskrimi­
nierung“ hinauslaufe. Dobrindts Nach­
folger als Generalsekretär, Andreas
Scheuer, weiß mit Blick auf die griechische Regierung, wie das so ist mit
Regierungsneulingen, die auf die
Realitäten der EU-Politik treffen: Sie
„sehen jetzt, dass auf dem europäischen
Parkett nicht lockeres Auftreten,
oberflächliches Gequatsche, sondern
nur inhaltliche Substanz zählt“.
Substanz dürften all die
Korruptionsvorwürfe
gegenüber der FIFA haben,
und darum geht es nun
nur noch um bestochene
Funktionäre und um die Frage, ob etwa
die WM 2022 tatsächlich in Katar stattfinden wird, wenn hierzulande von
der FIFA die Rede ist. Aber war da nicht
noch was? Ausgebeutete Wanderarbeiter
auf katarischen Baustellen? Aus Nepal
etwa, die nicht einmal zu Beerdigungen
von Familienangehörigen nach dem
dortigen Erdbeben reisen durften?
Tödliche Arbeitsunfälle? Laut Amnesty
International hat sich an alldem bisher
so gut wie nichts geändert.
sepu
F o t o : j u s t i n s u l l i va n / g e t t y i m a g e s
Groß in den Schlagzeilen
war vergangene Woche
die Metro-Gruppe. Sie verkauft ihre Tochter Kaufhof
für 2,8 Milliarden Euro
an den kanadischen Handelskonzern
Hudson’s Bay. Den 21.500 Kaufhof-Mitarbeitern versprachen die neuen Eigentümer, keine Stellen zu streichen. „Big
Bang“ war der Titel eines Programms,
mittels dessen Metro zuletzt einen
Großteil der 104 Kaufhof-Filialen modernisiert hatte – einen anderen „Big
Bang“ versteckte der Konzern im Windschatten seines Deals mit Hudson‘s Bay:
Real, eine weitere Metro-Tochter, wird
zwar nicht verkauft, flüchtet aber aus
dem Flächentarifvertrag. Im Handelsverband hat die Kette künftig eine Mitgliedschaft ohne Tarifbindung inne.
Jetzt sollen ein Haustarifvertrag und
eine „neue Entgeltstruktur“ her, sprich:
Die Löhne, vor allem für neu einzu­
stellende Mitarbeiter, sollen sinken.
Ein Menschenfreund: der Onkel mit der Hardware
Die Spur des Geldes
Daten Apple-Chef Tim Cook
schimpft auf die Datenkrake
Google. Ist sein Unternehmen
etwa ein Vorbild?
■■Marcel Weiß
T
im Cook hat angegriffen – und
ohne Nennung von Namen war
klar, wen der Apple-Boss meinte: Facebook und vor allem
Google. Ihnen warf Cook in einer Rede bei der Non-Profit-Organisation
Electronic Privacy Information Center in
Washington vor, sie nutzten Geschäftsmethoden, die die Privatsphäre ihrer Nutzer
verletzten. Gutes Apple, böse Kraken?
Google jedenfalls stellt mit Android das
weltweit populärste Betriebssystem für
Smartphones bereit und ist damit der
größte Konkurrent für Apples iPhone. An­
droid basiert auf dem Open-Source-Betriebssystem Linux. Neben der klassischen
Version mit Googles eigenen Diensten,
etwa Gmail, Google Maps und Google Play
Store, können Hardwarehersteller eine vollkommen offene Open-Source-Variante einsetzen, das „Android Open Source Project“.
Während dieses offene Betriebssystem
am Desktop laut netmarketshare.com aktuell einen Marktanteil von 1,6 Prozent hat,
ist die mobile Schwester Android, so das
Marktforschungsunternehmen IDC, mit
weltweit 79 Prozent Anteil und 1,2 Milliar-
den Geräten klarer Marktführer. Google hat
mit Android also etwas geschafft, was Linux in den 24 Jahren seines Bestehens
nicht annähernd gelang. Das ist einerseits
ein großer Erfolg für Open Source. Es zeigt
aber andererseits eine Facette frei zugänglicher, quellenoffener Software auf, die Befürworter gern ausblenden. Denn Google,
das weiß nicht nur Cook, verdient sein Geld
mit Werbung. Der Erfolg von Android,
Googles Einsatz von Open Source und sein
Werbemodell sind allesamt eng miteinander verwoben.
Wirtschaftstheorie hilft, um zu verstehen, warum das so ist. Wenn zwei Güter
gemeinsam Nutzen stiften, spricht man
von Komplementärgütern. Reifen zum Beispiel: Sie werden zu einem neuen Auto
mitgeliefert. Bei Nassrasierern und Rasierklingen ist es dasselbe. Perfekte Komplementärgüter stellen Messer und Gabeln
oder linke und rechte Socken dar.
Das Gillette-Prinzip
Entscheidend für Anbieter ist, dass die
Nachfrage nach beiden Gütern sinkt, wenn
eines der Güter im Preis steigt. Im Umkehrschluss bedeutet das: Für Unternehmen ist
es sinnvoll, die zu ihren Angeboten erhältlichen Komplementärgüter günstiger zu
machen, wenn sie dazu irgendwie in der
Lage sind. Je günstiger die Komplementärgüter, desto mehr wird das eigentliche, eigene Produkt gekauft.
Wer sein Geld mit dem regelmäßigen
Verkauf von Rasierklingen verdient, ver-
schenkt vielleicht den zugehörigen Nassrasierer. Die auf diesem „Gillette-Prinzip“ basierende Komplementärgüterstrategie lässt
sich ebenso bei Druckern und Patronen beobachten. Firmen verkaufen ihre Drucker
für weniger Geld, als deren Herstellung kostet, und refinanzieren dies mit dem Gewinn, den sie mit dem Verkauf der zugehörigen Patronen erwirtschaften.
Open Source wird nicht direkt verkauft.
Unternehmen, die Open Source anbieten,
verdienen ihr Geld nur indirekt über die
Software. IBM und Canonical, der Hersteller der Linux-Variante Ubuntu, verdienen
ihr Geld damit, dass sie andere Firmen beraten und ihnen bei der Implementierung
und Instandhaltung von Softwaresystemen
helfen. So etwas geht bei privaten Endkonsumenten nicht. Open Source anzubieten
und damit Geld zu verdienen ist schwieriger. Canonical löst dies, indem es gleichzeitig Endkunden- und Unternehmensversionen von Ubuntu anbietet. Die Endnutzervariante ist ein Stück weit Werbung für die
anderen Angebote von Canonical, mit denen das Unternehmen Geld verdient.
Canonical hat dabei etwas ausprobiert,
was in der Branche viel Aufmerksamkeit
erregte: 2012 erhielt Ubuntu eine neue
Funktion, die die Desktopsuche mit anderen Suchfunktionen kombinierte. Wer auf
seinem Rechner nach einem bestimmten
Lied oder Film sucht, erhält dazu gleich
passende Suchergebnisse, zum Beispiel
von Amazon. Der Nutzer kann das Lied
oder den Film dann direkt bei dem Onlinehändler kaufen. Canonical hatte also nichts
Zwei perfekt
ausgerichtete
Unternehmen
stehen sich
gegenüber
Google verdient sein Geld mit Werbung,
und sein Produkt wird besser, je mehr es
von Nutzern lernen kann. Google braucht
also maximale Reichweite. Das Internet,
indiziert und mit Werbung angereichert,
ist für den Konzern ein Komplementärgut.
Möglichst günstig soll es überall verfügbar
sein, um möglichst viel Werbung an den
Nutzer zu bringen. Ebenso ist es mit allem
Nachgelagerten: Das Betriebssystem, die
Geräte – alles Komplementärgüter. Logisch
also, dass Google Android kostenlos anbietet, so für eine maximale Verbreitung sorgt
und gleichzeitig den Hardwareanbietern
Differenzierungsmöglichkeiten wegnimmt.
Die Folge ist ein für Google wünschenswerter Preiskampf bei Android-Smartphones.
Lange war Samsung der einzige AndroidHersteller, der Gewinn erwirtschaftete.
Google nutzt seine Reichweite für Werbung und „Machine Learning“: Es wird
klüger, je mehr Daten es auswerten kann.
Und je mehr Daten es auswerten kann,
umso besser kann es Werbung platzieren
und verkaufen. Das geht am besten mit
Open Source. Apple dagegen verkauft
Hardware. Es braucht keine Daten für Werbung. Und offene Software ist für Apple
uninteressant, denn mit ihr lassen sich
nicht mehr Geräte absetzen. Deshalb kann
Apple etwa seinen Kurznachrichtendienst
verschlüsseln.
Sowohl Google als auch Apple sind perfekt ausgerichtete Unternehmen, wie es
der unabhängige Marktanalyst Ben Thompson treffend formuliert. Erlösströme und
Produkte arbeiten Hand in Hand in die
gleiche Richtung. Nur eben für Apple in die
eine, für Google in die andere Richtung.
Deshalb kann Apple auf Privatsphäre pochen und Google auf offene Software verweisen. Keiner der beiden steht moralisch
über dem anderen. Sie folgen nur konsequent ihren Geschäftsmodellen. Das Motto
ist altbekannt: Follow the money.
Marcel Weiß ist Diplom-Kaufmann, Publizist
und schreibt über die Internetwirtschaft. Er
betreibt den Blog neunetz.com
Das eine Prozent Jens Korte über die wunderbare Welt der Wall Street
Pflichtlektüre fürs Ego: Was die US-Finanzelite im Sommer liest
E
s gibt Dinge, ohne die
ist der Sommer in den USA
nicht denkbar: BBQ und
eiskaltes Bud Light, Hai-Alarm an
der Atlantikküste und Mister. Softee, der mit Glockenspielmelodie
durchs Viertel rollende EiscremeWagen. Kinder begrüßen das
Geklimper, Eltern verfluchen es.
Andersherum verhält es sich
mit der Sommer-Leseliste. Schulen schlagen darin Bücher vor –
in der Hoffnung, dass die Kleinen
über die zehn unterrichtsfreien
Wochen nicht zu Analphabeten
werden. Bloomberg Businessweek
hat Wall-Street-Größen gefragt,
welche Bücher auf ihrer SommerLeseliste stehen. Nach besonders
ausgelassenen Stunden auf
Anguilla oder am Strand von
St. Barts klingen die Tipps nicht.
Mohamed El-Erian, Berater bei
der Allianz, hat sich vorgenommen, No Ordinary Disruption. the
Four Global Forces Breaking All
Trends zu lesen. Darin legen drei
McKinsey-Berater dar, wie unsere
Zukunft durch immer schnelleren
Technologiewandel, Urbanisierung, alternde Bevölkerung
und noch globaleren Handel
bestimmt wird. Wenn es um Verwerfungen geht, kann El-Erian
mitreden. Der Ex-Chef der Allianz-Tochter Pimco steuerte den
einst größten Bond-Investor auf
der Welt, gemeinsam mit Legende Bill Gross. Doch dann gerieten
die beiden wegen des Kurses
aneinander. Gross machte klar,
dass er immer richtigliege, auch
wenn er jahrelang falschlag.
El-Erian ging von Bord. Auch sein
zweiter Lesetipp, Simple Rules.
How to Thrive in a Complex World,
verrät, dass hier noch aufge­
arbeitet wird. Bill Gross’ Ferienlektüre spricht ebenfalls Bände.
Gross verließ die von ihm mit­
gegründete Firma Pimco kurz
nach El-Erian und wechselte zum
Branchenwinzling Janus. Angeblich freiwillig, allerdings hatten
Gross’ bizarre Auftritte Kunden
des Fonds ins Grübeln gebracht:
Er hatte eine Rede mit Sonnenbrille gehalten und verglich sich
laut Insidern gerne mit dem
legendären Rennpferd Secretariat.
Jetzt will der entmachtete „King
of Bonds“ Tolstois Krieg und
Frieden lesen, angeblich schon
zum dritten Mal. El-Erian würde
ihm wohl eher Dostojewskis
Schuld und Sühne ans Herz legen.
Lloyd Blankfein dagegen steht
seit neun Jahren an der Spitze
von Goldman Sachs, eine Ewigkeit nach Wall-Street-Maßstäben.
Wohl deshalb zeigt er einen Hang
zu Helden der Geschichte. Auf
seinem Nachttisch finden sich
ein Werk über den Untergang
des Passagierschiffs Lusitania im
Ersten Weltkrieg, eine Biografie
der Luftfahrt-Pioniere Wilbur und
Orville Wright und The Discoverers von Daniel Boorstin. Letzteres
handelt von Erfindern und Entdeckern, meist Männer aus dem
Westen. Immer noch zu den
zu kurz Gekommenen zählt sich
Hedgefonds-Manager Bill Ack-
man, dessen Firma 18 Milliarden
Dollar verwaltet. Bold. Groß denken, Wohlstand schaffen und die
Welt verändern steht auf seiner
Liste. Und der Chef der PrivateEquity-Firma Blackstone, Steve
Schwarzman, hat sich Überflieger.
Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht
zur sommerlichen Muße gewählt.
Vielleicht aber machen es die
Tycoons ja wie die Schüler: Sie
nehmen den Umschlag der Leselistenwälzer und wickeln damit
etwas ein, was sie tatsächlich interessiert. Fifty Shades of Grey etwa.
Jens Korte lebt in New York
und berichtet vor allem aus dem
Epizentrum der Finanzwelt
Wirtschaft 15
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Alte Schwedin!
Boom-Bremse Schallplatten sind wieder angesagt.
Es gibt nur ein Problem: Die Maschine, die sie produzieren
kann, lief zuletzt 1984 in Sundbyberg vom Band
Text Christine Käppeler
ten sie etwa 10.000 Stück. Gaier kennt so
manche abenteuerliche Geschichte aus der
Frühphase der Digitalisierung. Etwa, wie man
sich 1994 auf der Musikmesse Popkomm die
Zukunft des Plattenladens vorstellte: Der Kunde kommt rein, äußert seinen Musikwunsch,
zehn Minuten später bekommt er eine fertig
gebrannte CD in die Hand gedrückt. An Downloads dachte da noch keiner. Die jungen Leute,
ist Ted Gaier überzeugt, laden die Sachen heute herunter oder sie kaufen Vinyl. CDs kaufen
nur noch Menschen über 40, „deshalb landen Bands wie Metallica auf Platz eins
der deutschen Charts“.
Der Leipziger Maler David
Schnell ist 43 und auch
einer, der sich früh
entschieden hat,
„dieses CD-Ding“
nicht mitzu-
[m
]:
Le
on
Re
in
dL
schinen herstellten, gibt es nicht mehr. Gleiches gilt für das einzige Konkurrenzprodukt
aus den USA. Würde man heute eine neue Vinylpresse projektieren, unterläge die ganz anderen Normen. Man müsste wieder Maschinen bauen, um die neuen Maschinen zu bauen. Das, sagt Kohl, gibt der Markt nicht her. Er
hat so seine Theorie, weshalb der Boom ohnehin nicht noch stärker werden wird: Ein guter
to
ihn auf der Tour durch den Betrieb an der Maschine für die Plattencover treffen. Durch den
blauen Koloss rattern die Pappen eines Albums, das Heuschkel selbst in den 90ern unter dem Namen Lynx veröffentlichte. Zwei
Leipziger DJs haben einen Track der alten Platte kürzlich in London aufgelegt, die Veranstaltung wurde im Internet gestreamt, prompt
kamen Nachfragen. Nun wird nachgepresst,
500 Stück. Heuschkel ist gelernter Maschinenbauer, das Presswerk hat er in den 90ern mit
Freunden aufgebaut. „Unsere erste Ausstattung“, erinnert er sich, „ist in den Nachwendeturbulenzen begründet.“ Jemand hatte gehört,
dass in Bulgarien ein Kombinat abgewickelt
wurde. Zwei Toolex-Alpha-Maschinen kauften
sie dort. Den Rest, sagt er, trugen sie aus
der ganzen Welt zusammen: „Das ist ja
alles nicht frei verkäuflich.“ Bestes
Beispiel ist der gut fünf Meter lange Apparat, der Heuschkels Pappen zu Plattencovern faltet.
Gebaut in den 70ern, 2008
in einem englischen Betrieb ausrangiert. Wenn
man von so etwas Wind
bekommt, muss man
schnell sein. Heuschkel setzte sich in
den nächsten Easyjet-Flieger, zog
sich auf der anderen Seite des
Ärmelkanals
seinen Blaumann über,
demontierte
das Teil und
machte einen
Container
transportbereit. Ein Jahr
dauerte es in
Leipzig, bis er
die Maschine
zum Laufen
brachte. Die
Branche liebt
solche
Geschichten.
Seit etwa einem Jahr klagen
die Plattenlabels,
dass die Wartezeiten bei den Presswerken länger werden. Bei
Randmuzik liegt sie aktuell bei zwei Monaten,
seit Weihnachten werden
keine Neukunden mehr angenommen. Um zu verstehen,
warum auch die großen Presswerke ihren Output kaum noch
steigern können, muss man Leipzig
verlassen und nach Röbel an der Müritz
in Meckelnburg-Vorpommern fahren. 5.000
Einwohner, am einen Ortsrand springt man
in den See, am anderen stehen die grauen Hallen von Optimal Media. Neben Schallplatten
werden hier CDs und DVDs und vor allem
auch Drucksachen hergestellt.
Optimal ist neben GZ in Tschechien und Record Industry in den Niederlanden der größte
Produzent in Europa. 14 Millionen Schallplatten waren es im vergangenen Jahr, in diesem
sollen es 15 werden. „Dann ist das Ende der
Fahnenstange erreicht“, sagt Andreas Kohl,
der hier im Vertrieb tätig ist. Wir sind über
zwei Stunden im Werk unterwegs, von der
Galvanik, wo die Presswerkzeuge hergestellt
werden, bis zum Versand, und mittendrin
wird klar, warum mehr als 15 Millionen Stück
im Jahr kaum geht: Sausend und ploppend
verarbeitet auch hier die Toolex Alpha Vinylgranulat zu Tonträgern. Nur dass in Röbel 30
Maschinen im Vierschichtsystem arbeiten.
Das Problem kann Kohl schnell benennen: „Es
wird keine neuen Pressen geben. Und es gibt
auch keine alten mehr. Außer irgendwo taucht
ein Lager auf.“ Ab und an passiert das noch,
letztes Jahr im Oktober wurde in Dublin eine
Werkhalle entdeckt, die EMI 1982 geschlossen
hatte. Großer Aufruhr in der Szene, und auch
Kohl schaut jetzt wie ein Angler, der von einem Zweimeterhecht erzählt. Für die Röbeler
fiel allerdings nichts ab: „Die haben die Planen
von den Maschinen genommen, den Strom
angeschlossen und pressen jetzt selbst.“
Die letzte Toolex Alpha lief 1984 in Schweden vom Band. Die Maschinen, die diese Ma-
Fo
I
m Pförtnerhaus brennt kein Licht. Es
steht auch kein Stuhl darin, auf dem
einer sitzen könnte, der Besucher empfängt. Die Schranke ist oben, der Hof
dahinter leer. Nichts rührt sich, abgesehen von der Dampfwolke, die sich aus einem
Rohr in Leipzigs Abendhimmel drückt. Sie ist
der einzige Hinweis auf die fünf Maschinen,
die in der gekachelten Werkhalle im Hinterhof
eine Million Schallplatten im Jahr pressen.
Drinnen wird eine dieser Maschinen gerade
von schwarzem auf blaues Vinyl umgestellt.
Toolex Alpha heißen die Pressautomaten, zuletzt wurden sie in den 80ern hergestellt und
das sieht man ihnen auch an: Klobig und ölverschmiert stehen sie da, der lindgrüne Lack
ist schon etwas angeschabt, ihre Gelenke lärmen. Ein Schlauch saugt kleine blaue Kügelchen in die Maschine, die zu einer zähflüssigen Masse geschmolzen werden. Mit einem
Plopp spuckt sie etwas aus, das sie hier den
Vinylkuchen nennen. In anderen Werken sagen sie Puck, das entspricht der Form recht
genau, nur dass in der Mitte schon das Loch
der späteren Schallplatte ist. Der Puck landet
auf einer metallenen Scheibe, die einem Plattenteller nicht unähnlich ist. Sie ist das Negativ der A-Seite. Die Tonrillen wurden zuvor in
eine Lackfolie geschnitten, aus der mittels
Elektrolyse dieses Werkzeug entstanden ist.
Von oben kommt das Gegenstück für die BSeite, dann hämmert die Maschine 100 Tonnen schwere und 130 Grad heiße Platten darauf. Fehlt nur noch der Randabschneider, der
den Wulst rundum entfernt. 26 Sekunden
dauert es, bis eine Schallplatte fertig ist.
2014 wurden in Deutschland 1,8 Millionen
Schallplatten verkauft. Gegenüber dem Vorjahr war das eine Steigerung um 27 Prozent. In
der Tabelle des Bundesverbands der Musikindustrie, die alle physischen Tonträger auflistet
– CDs, Musikkassetten, DVDs –, ist Vinyl nun
das einzige Medium, hinter dem ein grüner
Pfeil nach oben zeigt. Ein Blick auf diese Tabelle ist allerdings auch hilfreich, um den viel
beschworenen Vinyl-Hype in Relation zu setzen: Für die CD geht es zwar seit Jahren abwärts, verkauft wurden 2014 aber immer noch
87 Millionen Exemplare. Die Schallplatte ist
also eher der FC St. Pauli unter den Tonträgern, der gerade so den Klassenerhalt in der 2.
Liga schafft. Ähnlich groß sind aber auch die
Hingabe der Fans und die Strahlkraft der
schwarzen Scheibe. „Vinyl bedeutet eher kulturelles Kapital als bare Münze“, sagt etwa
Maurice Summen vom Berliner Musiklabel
Staatsakt, zu dessen Künstlern Rocko Schamoni, Bonaparte und Die Sterne zählen. Das
Label veröffentlicht alle Alben seit 2008 auch
als LP. Manche, die Sampler des Golden Pudel
Club aus Hamburg zum Beispiel, erscheinen
gar nicht auf CD. „Die Opinionleader“, sagt
Summen, „hören bevorzugt Vinyl.“
Der Ökonom Max Roser von der Universität
Oxford hat kürzlich für die USA ein Säulendiagramm aus den Verkaufszahlen seit 1973 erstellt. Es sieht aus wie der Querschnitt einer
Skisprungschanze, an deren Ende ein paar
Tannenwedel trotzig in die Luft ragen. Von gut
500 Millionen Dollar in den 70ern hat sich der
Umsatz bis 1985 halbiert. Von dort geht es nur
noch bergab, 1990 sind es gerade einmal noch
30 Millionen, 2006 ist die Talsohle erreicht.
Aber dann kommen die Tannenwedel, der
vorläufig letzte erreicht 15 Millionen Dollar.
Roser hat sein Schaubild mit dem höhnischen
Kommentar „So sieht das Vinyl-‚Comeback‘
wirklich aus …“ bei Twitter gepostet.
Aber wie aussagekräftig ist es? 1973 ist Vinyl
im Grunde alternativlos. Der erste Knick
zeichnet sich 1980 ab, also in jenem Jahr, in
dem der britische Tonträgerverband die Kampagne Home taping is killing music gegen die
Mutter aller Raubkopien startet, das Mixtape.
Die Industrie bringt die Schallplatte dann allerdings zehn Jahre später selbst ins Grab. Mit
Einführung der CD schließen die großen Plattenfirmen ihre Presswerke, der Kunde soll den
Umstieg auf den futuristisch glänzenden Tonträger mitmachen und am besten seine Plattensammlung gleich noch einmal auf CD
nachkaufen. Wieder zehn Jahre später führt
Apple den iPod ein, 2006 wird der Streamingdienst Spotify gelauncht. So gesehen erscheint
es nicht mehr so lächerlich, von einem Comeback des Vinyls seit 2006 zu sprechen. Es ist
jetzt ein Luxusgut.
Gunnar Heuschkel, der Chef des Leipziger
Presswerks Randmuzik, ist keiner, der große
Worte macht. Er kommt erst ins Reden, als wir
Vinyl ist eher
der FC St. Pauli
unter den
Tonträgern:
Kulturelles
Kapital statt
barer Münze
Teil der Platten, die sie pressen, sind Katalogauswertungen. The Beatles in Mono zum Beispiel: 14 LPs mit allen Monoaufnahmen der
Band, die Box kostete 377 Euro. Remastering
heißt das Zauberwort: Die moderne Digitaltechnik wird genutzt, um aus den alten Aufnahmen klanglich mehr herauszuholen.
Kraftwerks Autobahn erschien 2009 remastered, gerade eben das letzte der Alben von
Led Zeppelin. Irgendwann, ist Kohl sich sicher,
sind die Kataloge aber eben auch ausgewertet.
Dann bleiben die Labels, die auch neue Alben
auf Vinyl herausbringen.
Der Musiker Ted Gaier besitzt beide Ausgaben von Autobahn, die von 1974 und die von
2009. Er sagt: „Der Rerelease klingt so viel besser, technisch hat sich da viel getan. Für
Soundfetischisten ist das ein Argument.“ Gaier hat 1987 in Hamburg das Label Buback mitgegründet, das nie aufgehört hat, die Alben
seiner Bands auf Vinyl zu veröffentlichen. Als
Ende der 80er die CD aufkam, nahm Gaiers
Band Die Goldenen Zitronen ihr Album Porsche, Genscher, Hallo HSV noch einmal mit
Störgeräuschen auf, eine Anti-CD, mit der sie
das neue, vermeintlich überlegene Medium
veralberten. Trotz des Warnstickers verkauf-
machen: „Ich
habe den Klangunterschied gehört
und immer schon die
Cover geliebt.“ Die CD sei
eben „unauratisch“. Früher
habe er sich sogar beim Malen im
Atelier Platten aufgelegt, mit Gummihandschuhen: „Aber die Platten haben gelitten.“ Mit dem Künstler Sebastian Kretzschmar
hat Schnell im vergangenen Jahr das Label NYT
gegründet, sie veröffentlichen Schallplatten,
die Gesamtkunstwerke sind. Die erste ist ein
Doppelalbum der Musiker Webermichelson,
dem eine Remixplatte beiliegt. Das blaue, aufwendig gestaltete Cover ist mit einer anthrazitfarbenen Schicht überzogen. Man kann sie
abrubbeln oder zusehen, wie nach und nach
erste Kratzer entstehen. Schnell und Kretzschmar haben das Album an manche Leute
zweimal verkauft: „Eines zum Anhören und eines zum Aufheben.“ Sie haben es sogar Leuten
verkauft, die gar keinen Plattenspieler besitzen: „Die wollen das nur als Objekt.“
Ein Exemplar liegt im Büro von Randmuzik.
Falls einer wissen will, was mit ihren alten
Maschinen so machbar ist. Für die Toolex Alpha haben sie inzwischen so oft Ersatzteile
gebaut, dass unten in der gekachelten Werkstatt jetzt eine sechste Maschine steht. Sie ist
mit der Toolex Alpha ganz klar verwandt, nur
etwas moderner sieht sie aus: nicht lindgrün,
sondern zart türkis, die Teile sind schlanker
und kantiger. Ein Laie könnte sie auf den ersten Blick für ein medizinisches Gerät halten.
Sie ist ein bisschen wie der Vinyl-Boom: Für
Technikbegeisterte und Nostalgiker. Und sehr
exklusiv.
16
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Wirtschaft
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
I L L U S T R AT I O N : D E R F R E I TA G , M AT E R I A L : A L S WA R T / F O T O L I A , S K O D O N E L L / I S T O C K ; F O T O S : M Ü L L E R - S TA U F F E N B E R G / I M A G O, D A N I E L S E I F F E R T ( R E C H T S )
Zu viele Kredite
Finanzen Schöpfen Geschäftsbanken wirklich Geld aus dem Nichts? Verursachen sie so Krisen?
Was können wir dagegen tun? Ein Gedankenaustausch mit dem Ökonomen Mathias Binswanger
■ Michael Jäger
F
rüher war das mit den Banken
einfach. Ihr Geschäftsmodell
stellte man sich gemeinhin so
vor: Sie brauchen Ersparnisse.
Nur wenn ihnen solche anvertraut werden, dann können Banken auch
Kredite vergeben, etwa an Firmen, die in
neue Maschinen investieren wollen.
Doch diese Auffassung vom Wesen der
Banken und des Geldes ist heute mehr
denn je umstritten. Zunehmend verbreitet
sich die Ansicht, die Kreditvergabe habe
mit den Ersparnissen gar nichts zu tun.
Vielmehr geschehe sie einfach dadurch,
dass eine Bank ihrem Kreditnehmer ein
Konto mit Buchgeld eröffnet, in der Erwartung, es werde ja später zurückgezahlt. Das
ist die Geldschöpfung „aus dem Nichts“.
Diese Perspektive teilt der Schweizer
Ökonom Mathias Binswanger. Gerade hat
er ein Buch zur Bekämpfung von Finanzkrisen veröffentlicht, es trägt den Titel
Geld aus dem Nichts. Unorthodoxe Sichtweisen auf die Ökonomie liegen in der Familie des Autors: Sein Vater, Hans Christoph Binswanger, ist der Erfinder der Ökosteuer sowie ein vielzitierter Geld- und
Wachstumskritiker. Mathias Binswanger
setzt dieses Forschungsprogramm fort.
Seine Auseinandersetzung mit der Geldschöpfung hat Brisanz: Denn wie verantwortungslos Banken agieren, das wurde
spätestens mit der 2007 ausgebrochenen
Finanzkrise offenbar. Wie gefährlich ist
oder wäre es also, wenn Banken tatsächlich so leicht Geld schöpfen könnten!
Gold und Silber
Lange Zeit galten nur Gold oder Silber als
vollwertiges Geld. Doch im 17. Jahrhundert
entdeckten englische Goldschmiede die
Papiergeldschöpfung – für Binswanger war
das die Geburtsstunde der Geldschöpfung
„aus nichts“. Denn die zunächst von den
Schmieden, dann von mehreren Banken,
schließlich nur noch von der Zentralbank
ausgegebenen Geldnoten waren von Anfang an nur teilweise durch Gold gedeckt.
Dadurch war die Möglichkeit entstanden,
viel höhere Kredite zu vergeben als zuvor.
Daraus erwächst die Möglichkeit zum
Wachstum der Realwirtschaft. Eine Firma
soll in neue Maschinen investieren können, etwa weil sich nur mit ihrer Hilfe ein
bestimmtes Produkt herstellen lässt. In einer Geldwirtschaft wie der unseren kann
die reale, produktive Wirtschaft nur mittels
der Vergabe von Krediten wachsen.
Doch es ist wichtig, zu unterscheiden –
Binswanger selbst unterscheidet: Kreditvergabe und Geldvergabe sind nicht ein
und dasselbe. Mit der Menge der vergebenen Kredite steigt die Geldmenge, aber sie
steigt nicht von selbst: Wenn Banken „zu
viele Kredite vergeben“, wenn also ein Teil
davon nicht produktiv verwendet wird,
sondern etwa für reine Spekulation, dann
kommt überschüssiges Geld in Umlauf.
Das kann zu Inflation und Krisen führen.
Ist die Ursache dieses Problems die fehlende Deckung von Geld durch Gold? Diese
und weitere Fragen habe ich Mathias Binswanger gestellt, in einer längeren Konversation via E-Mail.
Lieber Herr Binswanger, aus manchen
der Formulierungen in Ihrem neuen
Buch könnte man herauslesen, Geld
sei nicht mehr „real“, seit es nicht
mehr durch Gold gedeckt ist. Heißt
das, die Geldschöpfung „aus dem
Nichts“ sei eine Schöpfung nicht aus
dem Gold? Oder umgekehrt: Geld,
das nicht aus Gold sei, sei aus nichts?
fragt sich, herzlich grüßend,
Ihr Michael Jäger
Lieber Herr Jäger, „Geld aus dem
Nichts“ bezieht sich vor allem auf die
Tatsache, dass Banken praktisch ohne
Ressourcen Giralgeld durch Kreditvergabe schaffen können, ohne dass
jemand vorher entsprechende Ersparnisse bei ihnen deponiert hat. Es geht
hier also nicht zwingend um die Golddeckung, sondern um die Tatsache der
Geldschöpfung. Das neu geschaffene
Geld kann nicht mehr auf etwas „Reales“ zurückgeführt und in es umgetauscht werden. Man kann zwar Giralgeld in Banknoten umwandeln, aber
dann ist Schluss. Banknoten stellen
heute eine nicht rückzahlbare Schuld
der Zentralbanken dar, da diese nicht
mehr verpflichtet sind, dafür eine
entsprechende Menge Gold zu liefern.
Viele Grüße, Ihr Mathias Binswanger
Lieber Herr Binswanger, danke!
Aber müsste nicht die Formulierung,
Geld werde „aus nichts“ geschöpft,
mindestens eingeschränkt werden?
Denn es ist doch richtig zu sagen,
es gehe aus der Produktivität einer
gut funktionierenden Volkswirtschaft
hervor.
Viele Grüße, Michael Jäger
Lieber Herr Jäger, man könnte sagen,
dass in einer Wirtschaft, in der Banken
Geld „aus dem Nichts“ schaffen, dieses
Geld indirekt durch das dadurch
ermöglichte zukünftige Wirtschaftswachstum gedeckt ist. Solange man
davon ausgehen kann, dass zumindest
ein Teil des neu geschaffenen Geldes
auch produktiv verwendet wird, es also
eine Zunahme und auch qualitative
Verbesserung der Produktion bewirkt,
wird man dem Geld auch trauen.
Auf diese Weise wird seine zukünftige
Kaufkraft gesichert. Das ändert
aber nichts daran, dass das Geld aus
dem Nichts geschaffen wird.
Viele Grüße, Mathias Binswanger
Lieber Herr Binswanger, Sie schreiben,
man könne von Geldschöpfung aus
dem Nichts sprechen, „da es keine physische Produktion braucht“, um Buchgeld zu schaffen. Aber ein Kredit besteht nicht nur aus dem Geldkörper in
Gestalt von Banknoten oder Guthaben,
das abgehoben werden kann. Sondern
es ist ein Betrag von bestimmter Höhe.
Sie sprechen von Einlagen, die „als
Zahl“ auf dem Konto des Kreditnehmers existieren. Von dieser Zahl, dem
Kreditbetrag, kann man doch nicht sagen, dass er aus dem Nichts komme.
Viele Grüße, Michael Jäger
Lieber Herr Jäger, der Betrag auf dem
Bankkonto entsteht im exakt gleichen
Moment, in dem der Kredit vergeben
wird. Er wird dann dem Konto des
Kreditnehmers gutgeschrieben und ab
diesem Moment ist eine „größere
Zahl“ auf seinem Konto. Der Kreditnehmer kann aber über diese Zahl
verfügen und sie für Zahlungszwecke
einsetzen. Aus diesem Grund scheint
mir der Begriff „Geldschöpfung
aus dem Nichts“ dabei gerechtfertigt.
Viele Grüße, Mathias Binswanger
I
n seinem Buch schreibt Mathias Binswanger, es werde gefährlich, wenn Banken „zu viele Kredite vergeben“. Das
jüngste Beispiel dafür ist der Ursprung der
Finanzkrise 2007: US-Banken erzeugten
durch die verantwortungslose Vergabe von
Hypothekarkrediten – an Arbeitslose etwa,
bei denen völlig klar war, dass sie nicht
würden zurückzahlen können – eine gigantische Immobilienblase. Deren Folgen beeinträchtigen die ganze Welt und vor allem
Europa bis heute. Wie Binswanger zeigt,
vergeben Banken seit 1990 mehr Hypothekar- als andere Kredite. Schon deshalb häufen sich seitdem die Immobilienblasen.
Warum haben die Zentralbanken diesem
Treiben nicht Einhalt geboten?
Eine Antwort: Die Aufgaben einer Zentralbank sind nicht so definiert, dass die
Verhinderung von Blasen zu ihnen gehört.
Wohl sollen sie das Ihre tun, um die Wirtschaft im Gleichgewicht zu halten. Man
hält es aber für hinreichend, ihnen aus diesem Grund die Inflationsbekämpfung anheimzustellen. Das heißt, sie verfügen über
Mittel, die Geldmenge zu drosseln. Wenn
allerdings nicht nur Zentral-, sondern auch
Geschäftsbanken Geld schöpfen, können
solche Mittel nicht hinreichend sein. Hier
macht Binswanger seine theoretische Innovation geltend: Er fragt, was wir unter
Inflation verstehen.
Inflation, klassisch
Wuchernde Preise für Güter und Dienstleistungen, denen kein reales Wirtschaftswachstum entspricht, das ist die klassische
Antwort. Dabei sind aber ausgerechnet Immobilienmärkte ausgenommen, dortige
Preissteigerungen werden in den Statistiken nicht als Inflation geführt. Und schon
gar nicht tauchen Finanzmärkte dort auf.
Deshalb wandte man diesen beiden Märkten „im Zusammenhang mit der Geldschöpfung keine besondere Aufmerksamkeit zu“, schreibt Binswanger. Obwohl auch
dort überschüssiges Geld zum Preiswucher
ohne Wirtschaftswachstum führt.
Wie Binswanger zeigt, tragen extrem gestiegene Manager-Boni erheblich zu diesem Überschuss bei. Deren Empfänger zahlen viel Geld für Aktien, Wertpapiere oder
Wohnluxus. Mit den Preisen für Wohnluxus steigen die Mieten allgemein. Aber all
dies zählt offiziell nicht als Inflation. Folglich sind Zentralbanken nicht in der Pflicht,
diese Entwicklungen zu bekämpfen.
Schaffen
Banken Geld,
mit dem
nicht bezahlt
werden kann?
Durch ihre Kreditvergabepraxis sind die
Geschäftsbanken an der inflationären Entwicklung stark beteiligt. Was also tun Banken bei dieser Vergabe eigentlich? Streuen
sie willkürlich „Geld aus dem Nichts“ in die
Wunden? Können sie das tun oder lassen,
wie immer es ihnen beliebt?
Die Kreditvergabe ist ein Vorgang, der
nur im Kontext von Bilanzlogik verständlich wird, hier der Bankbilanz. Links steht
das Vermögen der Bank (Aktivseite). Rechts
die Herkunft des Vermögens, also ihr Kapital, das sind die Schulden der Bank, darunter ihr Eigenkapital, worunter man solche
„Schulden“ verstehen kann, die sie bei sich
selbst macht und nicht irgendwem zurückzahlen muss (Passivseite). Beide Seiten der
Bilanz sind dinglich betrachtet dasselbe:
Die Schulden sind im Vermögen angelegt,
das Vermögen repräsentiert die Schulden.
Analog könnte ein Wohnungseigentümer
bilanzieren: Links der Wert der Wohnung,
die sein Eigentum ist und sein Vermögen
bildet, rechts der schon abgezahlte Teil des
Hypothekarkredits (Eigenkapital) plus das
noch Abzuzahlende (Fremdkapital).
Binswanger bestreitet, dass „Banken
Geld ausleihen, welches sie vorher von
den Sparern erhalten haben“. Aber vielleicht ist die Abhängigkeit der Kreditvergabe von Ersparnissen anderer Art als es
sich Vertreter der Schöpfung aus dem
Nichts vorstellen.
Lieber Herr Binswanger, natürlich
werden Ersparnisse nicht in der Weise
weitergegeben, wie man ein Buch
verleiht, das man dann erst einmal
nicht mehr hat. Aber es ließe sich
so argumentieren: Banken geben Ersparnisse nicht weg, sondern legen sie
in den Krediten an, genauer: in ihren
Forderungen auf Kredit-Rückzahlung.
Das würde bedeuten, sie haben diese
Forderungen, und auch die Ersparnisse,
die Bankschulden den Einlegern
gegenüber, sind als ihr angelegtes
Fremdkapital noch da. Nach dieser
Vorstellung wird eine „Geldschöpfung
aus nichts“ unnötig.
Es grüßt herzlich Michael Jäger
Wirtschaft 17
Lieber Herr Jäger, entscheidend ist,
dass die Schulden gegenüber den
Einlegern auch erst in dem Moment
entstehen, in dem der Kredit vergeben
wird. Vorher existieren diese noch
gar nicht. Wir können uns eine Bank
vorstellen, die ohne Ersparnisse ihre
Geschäftstätigkeit beginnt, nur mit
etwas Eigenkapital für die Finanzierung
der Gebäude und Computer. Alle
weiteren Aktiven und Passiven werden
erst durch Kreditvergabe an Kunden
geschaffen. Natürlich kann dann von
einer einzelnen Bank Geld ab- oder
von einer anderen Bank zufließen.
Diese Zahlungen müssen über die
Konten der Geschäftsbanken bei der
Zentralbank ausgeglichen werden.
Viele Grüße, Mathias Binswanger
Lieber Herr Binswanger, das bedeutet,
dass die Kreditvergabe zu einer Bilanzverlängerung führt: Links (Aktiva)
wird die Rückzahlforderung an den
Kreditnehmer gebucht, rechts (Passiva)
in gleicher Höhe die Schuld der Bank
an den Kreditnehmer, das heißt die
Verpflichtung, ihm liquides Geld in
Höhe des Kreditbetrags auszuzahlen.
Dazu schreibt der Wirtschaftsanalytiker Helmut Creutz: Würde eine Bank
Kredite „durch einfache Bilanzverlängerungen“ schöpfen, „könnte die
damit geschaffene Kaufkraft die Bank
nicht verlassen“. Er vergleicht sie mit
Kundenkrediten eines Kaufhauses.
„Denn alle Übertragungen auf andere
Banken werden von diesen nur in
Zentralbankgeld akzeptiert, das allein
die Notenbanken schaffen können.“
Schaffen Banken also so Geld, mit dem
nicht bezahlt werden kann?
Viele Grüße, Michael Jäger
Lieber Herr Jäger, selbstverständlich
kann der Kreditnehmer mit dem
durch die Kreditvergabe geschaffenen
Geld bezahlen. Er muss dieses nicht in
Bargeld umtauschen und die meisten
Zahlungen finden heute ohne Bargeld
statt. Allerdings ist nicht der Kredit
selbst Geld, sondern das dadurch geschaffene Giralgeld auf dem Konto des
Kunden. Die neu geschaffene Kaufkraft
muss das Bankensystem auch gar
nicht verlassen, weil Zahlungen von
einem Bankkonto auf ein anderes
Bankkonto stattfinden. Die meisten
Zahlungen werden auch nie in Zentralbankgeld zwischen verschiedenen
Banken abgewickelt. Solche Zahlungen
finden nur für Nettobeträge am Ende
des Tages statt. Wenn Zahlungen
in der Höhe von einer Million von
Bank A an Bank B überwiesen wurden
und Zahlungen in der Höhe von
1,1 Millionen von Bank B an Bank A,
dann muss Bank B der Bank A 100.000
Euro an Reserven überweisen. Das
hindert aber weder Bank A noch Bank
B, Geld aus dem Nichts zu schaffen.
Sie brauchen einfach zusätzlich noch
etwas Reserven von der Zentralbank.
Viele Grüße, Mathias Binswanger
Lieber Herr Binswanger, die Kreditvergabe schafft Konten aufseiten der
Bank und aufseiten des Bankkunden
irgendwann in einem Jahr, die nur im
verschwindenden Moment der Vergabe
alle gleich hoch sind; sofort danach
verwendet der Kunde den Betrag,
um etwa Produktionsfaktoren wie
Maschinen zu kaufen, zu diesem
Zweck hat er den Kredit genommen.
In der Bankbilanz am Jahresende
steht links dieser Betrag zusammen
mit allen anderen während des
Jahres vergebenen Kreditbeträgen als
Forderung der Bank an die Kunden.
Rechts steht aber keine Bankschuld
an die Kunden, weil diese bereits
beglichen ist. Stattdessen steht da,
was die Bank anderen Banken schuldet,
bei denen die Kunden ihren Kauf
etwa von Maschinen bezahlt haben.
Diese Schuld besteht aus liquidem,
also Zentralbankgeld. Die Bank,
von der wir ausgegangen sind, hätte
dann solches liquides Geld kreditiert.
Viele Grüße, Michael Jäger
Wer sät, der erntet
Mathias Binswanger, 52, ist
Professor für Volkswirtschaftslehre
in Olten und Privatdozent an
der Universität St. Gallen. Sein
Buch Geld aus dem Nichts. Wie
Banken Wachstum ermöglichen
und Krisen verursachen
ist im März 2015 erschienen
Michael Jäger, 69, arbeitet seit
1990 für den Freitag und hat
gerade das Buch Gender und
Parteiensytem. Links-Rechts, das
Problem der falschen Fronten
veröffentlicht. Geldschöpfung
war ein Thema seines Blogprojekts
Die Andere Gesellschaft
Lieber Herr Jäger, dazu gibt es zwei
Dinge zu sagen: Erstens steht die
Geldschöpfung nie in einem Verhältnis
von 1:1 zu den vergebenen Krediten.
Geldschöpfung findet auch statt,
wenn Banken Wertpapiere und andere
Aktiva kaufen beziehungsweise. Geld
wird wieder vernichtet, wenn sie diese
wieder verkaufen. Werden zum Beispiel
Kredite in großem Stil verbrieft,
wie dies in den USA vor der jüngsten
Finanzkrise für Hypothekarkredite
der Fall war, dann wird die durch die
Kreditvergabe entstandene Geldschöpfung durch den nachfolgenden
Verkauf der verbrieften Kredite
wieder rückgängig gemacht. Zweitens
bleiben die Bankschulden der Banken
an die Kunden so lange erhalten,
bis der Kredit wieder zurückbezahlt
wird. Das betrifft allerdings das
Bankensystem als Ganzes. Bei einer
einzelnen Bank können netto Gelder
abfließen. In diesem Fall findet die
Gegenbuchung aber auf der Aktivseite
in der Bankbilanz statt, wo sich
entsprechend der Reservebestand
(Zentralbankgeld) verringert.
Viele Grüße, Michael Binswanger
Lieber Herr Binswanger, Sie erinnern
daran, „dass die Kriterien zur Deckung
des von der Zentralbank geschaffenen
Geldes (Reserven und Bargeld) offiziell
noch nie so locker waren“ wie seit
2007, insofern als die Zentralbank etwa
„nicht handelbare Kreditforderungen
der Geschäftsbanken“ akzeptiert.
Das wird für Sie zum historischen
Argument: „Letztlich ist dies das Ende
einer langen Entwicklung, die durch
ein stets größer werdendes Vertrauen
in das von den Banken“ aus dem Nichts
„geschaffene Geld verbunden ist“.
Viele Grüße, Michael Jäger
Lieber Herr Jäger, gehen wir zurück zu
den Goldschmiedewerkstätten, dann
fand schon damals eine Geldschöpfung
aus dem Nichts statt. Allerdings
wurden die in Form von Papiergeld
vergebenen Kredite als Zahlungsmittel
akzeptiert, weil man sie in Gold umtauschen konnte. Ob das Geld aber
aus dem Nichts geschaffen wurde
oder nicht, war für die Geldbenutzer
von Anfang an zweitrangig.
Es grüßt Ihr Mathias Binswanger
Lieber Herr Binswanger, eigentlich
müssten gerade die Geberländer
der Eurozone wie Deutschland
dem Geld aus dem Nichts vertrauen.
Der griechische Finanzminister
meint, dass sie ihm nicht vertrauen.
Was meinen Sie?
Lieber Herr Jäger, da muss ich zurückfragen: Welches „aus dem Nichts
geschaffene“ Geld wird denn heute
von den Geberländern der Eurozone
nicht akzeptiert?
Lieber Herr Binswanger, darauf
antworte ich gerne: Yanis Varoufakis
bezieht sich auf das OMT-Programm
der Europäischen Zentralbank 2012:
Es sei „ein Versprechen oder vielmehr
eine Drohung an die Finanzmärkte,
dass die EZB notfalls so viele Euros wie
nötig ‚drucken‘ werde“ gegen Anleihen
bestimmter Mitgliedsländer, falls deren
Wert unter eine bestimmte Schwelle
fällt. Das heißt doch nichts anderes,
als dass sie droht, Geld aus dem Nichts
zu schaffen. Deutschland aber, so
Varoufakis, habe für dieses Programm
unerfüllbare Bedingungen gestellt.
Es habe trotzdem funktioniert, aber nur
als Drohung, „ohne dass die EZB eine
einzige Anleihe kaufen musste“. Längerfristig könne das nicht gut gehen,
denn „wenn es nötig wird, Anleihen zu
kaufen, nachdem die Märkte wieder
nervös werden, wird Deutschland versuchen, die Käufe zu stoppen“. In der
Sicht von Varoufakis hat die EZB durch
Lockerung der Kriterien einen Vorstoß
zur Schaffung von Geld aus dem
Nichts gemacht, den das Geberland
Deutschland aber nicht akzeptiert.
Viele Grüße, Michael Jäger
Lieber Herr Jäger, in diesem Fall geht
es um die Geldschöpfung der EZB, einer
Zentralbank. Dass Zentralbanken
selbst Geld aus dem Nichts schaffen
können, ist ja völlig unstrittig. Das
macht eine Zentralbank jedes Mal,
wenn sie eine Geschäftsbank mit
weiteren Reserven versorgt. Mit den
lockeren Kriterien meinte ich, dass es
für die Banken noch nie so leicht war,
weitere Reserven zu bekommen. Die
„Geldschöpfung aus dem Nichts“
in meinem Buch bezieht sich aber vor
allem auf die Fähigkeit der Geschäftsbanken, Geld durch die Vergabe von
Krediten zu schaffen. Wenn die Zentralbank dann zusätzlich großzügig
Reserven zur Verfügung stellt, wird der
Prozess der Geldschöpfung durch die
Geschäftsbanken weiter vereinfacht.
Viele Grüße, Mathias Binswanger
W
ir befinden uns nun in der Krise,
weil Geschäftsbanken nur ungern Kredite vergeben, es gibt
eine „Kreditklemme“. Entstanden ist die Krise aber durch „zu viele Kredite“. Binswanger
will dieses periodisch wiederkehrende Problem auflösen. Seine Vorschläge zielen auf
Kredit- und nur indirekt auf Geldkontrolle.
Wer die Kredite kontrolliert, kontrolliert die
Geldmenge gleich mit. Die Geldmenge für
sich genommen, als papierner oder elektronischer Geldkörper der Kredite, kommt unstrittig fast ohne Produktion zustande,
kommt also „aus dem Nichts“.
Wenn es nur um sie ginge, könnte man
sie durch „Vollgeld“ kontrollieren. Der Ausdruck bedeutet, dass nur Zentralbanken
berechtigt sind, Geld zu emittieren. Binswanger indessen kann den Mangel des
Vollgeld-Vorschlags aufzeigen. Der Grundzug jedweder Lösung wäre offenbar, dass
die Banken nur „gute“ und keine „schlechten“ Kredite vergeben. Doch dann müssten
der Zentralbank alle Kreditvorhaben bekannt sein und zur Prüfung müsste sie eigene realwirtschaftliche Zielsetzungen haben, nach denen sie die Geldmenge steuern
würde. In der Tat ist sie dazu „kaum in der
Lage“, Vollgeld würde so nichts nützen.
Weniger pauschal anzusetzen ist besser.
Binswangers erster Vorschlag zielt auf die
Manager-Boni, die zu den jüngsten Blasen
beigetragen haben: Er fordert eine „Anreizverträglichkeitsprüfung der Vergütungssysteme durch die Zentralbank oder eine
andere staatliche Institution“. Der Status
quo, wonach es sich „lohnt, kurzfristig viele
Kredite zu vergeben, weil dadurch das eigene Gehalt substanziell in die Höhe geht“,
wäre passé. Nur Systeme, in denen die Anreize so gesetzt sind, dass sie „mit dem Ziel
der makroökonomischen Stabilität einigermaßen kompatibel bleiben“, bestünden die
Prüfung. Der Vorschlag ist gut. Er sollte für
alle Manager gelten. Binswanger begnügt
sich mit den Finanzmanagern, weil sein
Buch von der Geldschöpfung handelt.
Das VollgeldKonzept hat
Mängel. Aber
die lassen sich
gut beheben
Die zweite Idee resultiert aus seiner Erweiterung des Inflationsbegriffs. Bisher
achten Zentralbanken nur darauf, „dass der
Anstieg des Konsumentenpreisindex unter
zwei Prozent bleibt“. Ebenso müsste festgelegt werden, dass die Preise für Einfamilienhäuser nicht um mehr als zum Beispiel drei
Prozent steigen dürfen. So einfach wäre es
längst gewesen, Blasen zu stoppen! „Auch
für Aktienkurse kann ein Maximalwert für
den Anstieg formuliert werden“, wo es aber
schwerfällt, „die Inflation mit bestimmten
Krediten in Verbindung zu bringen“. Aber
weil die meisten Kredite Immobilienprojekten dienen, wäre schon viel gewonnen.
Variables Eigenkapital
Auch beim dritten Vorschlag liegt die Plausibilität auf der Hand. Dass Banken, um im
Notfall liquide zu sein, mehr Eigenkapital
halten sollten, ist heute ein Gemeinplatz;
was ihnen bisher tatsächlich abverlangt
wurde, kann kaum als Verschärfung gelten.
Binswanger indes fordert nicht nur wirkliche Verschärfungen, sondern will die Anforderungen je nach Situation und sogar je
nach Bank variieren. „Droht beispielsweise
eine spekulative Blase auf dem Immobilienmarkt, dann können die Eigenkapitalanforderungen spezifisch für Hypothekarkredite verschärft werden, während die übrigen Kredite davon nicht betroffen sind.“
Banken, die bei der letzten Immobilienblase verantwortungslos agierten, müssten
mit schärferen Anforderungen rechnen als
andere. Sogar der Eigenkapitalanteil der
Kreditnehmer könnte variiert werden.
Solche Regeln ließen sich auch bei einer
Vollgeld-Reform anwenden. Das ist der
Schlussstein von Binswangers Argumentation. Man muss „differenzieren zwischen
verschiedenen Arten von Krediten und
nicht nur die Entwicklung der gesamten
Geldmenge betrachten. In Zukunft wird es
für Zentralbanken nicht mehr möglich
sein, die geldpolitischen Ziele wie bisher
mit Zinssatzvariationen zu erreichen. Es
braucht mehrere spezifisch wirksame Instrumente, um die Stabilität des Finanzsystems weiterhin zu garantieren.“
18 Wirtschaft
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Die Buchmacher
Ulrike Baureithel
Raus aus der CareKrise, rein in die
Solidargesellschaft
Care Revolution.
Schritte in eine
solidarische Gesellschaft
Gabriele Winker transcript
Verlag 2015, 208 S., 11,99 €
Foto: bernd jonkmanns/laif
L
assen sich unbefristete Streiks
von Kita-Beschäftigten für die
Aufwertung ihrer Berufe schon
als Zeichen einer „Care Revolution“
deuten? Das wünscht sich die Sozialwissenschaftlerin Gabriele Winker in
ihrem gleichnamigen Buch. Sorgearbeit, entlohnt oder unentgeltlich, wird
jedenfalls ein immer größeres Problem
in einer Gesellschaft, die von Frauen
erwartet, sich als Erwerbstätige für
den Arbeitsmarkt zu optimieren, und
die es nicht schafft, Kinderbetreuung,
Gesundheitsversorgung und Pflege
bedarfsdeckend zu organisieren.
Winker geht von einer explizit
marxistischen Analyse aus. Sie grenzt
Reproduktionsarbeit ab von Care: Unter
ersterer sind alle Tätigkeiten jenseits
der Lohnarbeit zu fassen, die notwendig
sind, um die menschliche Arbeitskraft
zu erhalten, auch die Selbstsorge. Care
dagegen meint alle bezahlte wie unbezahlte Arbeit, die es benötigt, um eine
Person intellektuell, körperlich und
emotional zu entwickeln und zu er­
halten. Die Beziehungen zwischen den
diese Verantwortung Tragenden und
den auf diese Leistungen Angewiesenen
sind jedoch asymmetrisch. Care foku­
ssiert also eher die menschlichen
Beziehungen und weniger den ökonomischen Stellenwert der Sorgearbeit.
Die im Fordismus dominierende
Hausfrauenehe ermöglichte es, Kinder
aufzuziehen und Alte zu pflegen.
Doch die dazu erforderlichen Sozialversicherungssysteme erwiesen sich als
relativ teuer und der Arbeitsmarkt benötigt immer mehr qualifizierte Frauen,
die sich nun mit dem sogenannten Vereinbarkeitsproblem konfrontiert sehen:
Sie sollen als fitte „Arbeitskraftunternehmerinnen“ bereitstehen, aber
gleichzeitig ihre Familien managen, bei
erhöhten Anforderungen an Erziehung
und Ausbildung von Kindern. Zum Teil
werden diese Tätigkeiten ausgelagert an
meist schlecht bezahlte Erzieherinnen
und Pflegerinnen. Doch die Ökonomisierung häuslicher Dienstleistungen
hat Grenzen: Zum einen sind sie viel
weniger rationalisierbar, zum anderen
immer noch zu teuer, um eingekauft zu
werden. So sind es nach wie vor Frauen,
die mit Zeitnot und Überlastung konfrontiert sind, als erwerbstätige Mütter
und unterbezahlte Care-Arbeiterinnen.
Spannend ist, wie Winker die Krise
der Sorgearbeit als Folge der kapitalistischen Überakkumulationskrise interpretiert und Finanzmarktkrise, Staatsverschuldung und Lohnentwicklung in
Korrespondenz bringt mit dem Kostensenkungsdruck für Sozialausgaben und
den zugleich steigenden Kosten für die
Reproduktion der Arbeitskraft. Winker
geht hart ins Gericht mit linken Analysen, die sich nur mit „Banken, denen
es schlecht geht, oder mit Märkten, die
nervös reagieren“ auseinandersetzen.
„Auf diesem Weg bleibt die Krise so­
zialer Reproduktion unsichtbar und die
Menschen mit ihren Existenzsorgen
und ihrem Zeitstress verschwinden.“
Aufgrund der von ihr skizzierten
Zusammenhänge wäre es allerdings ein
Irrweg, zu glauben, man könne die entlohnte Sorgearbeit einfach ausweiten
und delegieren. Winker sieht in der Krise der Care-Arbeit vielmehr die Chance
für eine Transformationsstrategie. Es
gelte die Spaltung von Leistungsträgern
und -empfängern zu überwinden und
den Gebrauchswert dieser Tätigkeiten
in den Mittelpunkt zu stellen.
Winkers Lösungsansätze – Vernetzung, Zeitsouveränität, Existenzsicherung, Ausbau der sozialen Infrastruktur
und Installation sogenannter Care-Räte
– sind nicht alle neu. Sie sollen auch
nur den Weg ebnen in eine solidarische
Gesellschaft. „Revolutionäre Realpolitik“
nennt sie das mit Rosa Luxemburg.
Funktioniert auch als gemeinnütziges Modell: Olivenernte auf Kreta
Wenn das der Schäuble sieht
Unabhängigkeit Genossenschaften haben in Griechenland einen schlechten Ruf. Jetzt wagen viele Gruppen einen Neuanfang
■■Susanne Schwarz, Susanne Götze
M
onika Rauch und Yanis
Christoforakis haben
sich in Aachen kennengelernt. Das war 1983, das
Ende der griechischen
Militärdiktatur lag keine zehn Jahre zurück
und die Mitgliedschaft des Landes in der
Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft
währte gerade einmal zwei Jahre. Monika
verliebte sich in den griechischen Maschinenbauingenieur und zog mit ihm nach
Athen, einige Jahre später dann nach Heraklion, Kretas Hauptstadt. Dort kauften sie
günstig Land, bauten ihr Haus, zogen zwei
Kinder groß. Die schönste Zeit seines Lebens sei das gewesen, schwärmt Yanis. Jahrelang hätten sie ohne Strom und fließend
Wasser gelebt – und seien glücklich gewesen. Vor ein paar Wochen wurde der erste
Enkel geboren, doch Monika und Yanis
denken gar nicht daran, sich zur Ruhe zu
setzen. An einem Sonntag im Frühling
herrscht Hochbetrieb in ihrem geräumigen
Haus, einige Kilometer außerhalb von Heraklion, inmitten von Olivenhainen und
blühenden Oleandern.
Korrupter Agrarsektor
Heute tagt die Genossenschaft Apo Kinou,
alle 15 Mitglieder sind gekommen. Es
herrscht Gewimmel zwischen dem Haus
und der Gartenterrasse, Kleinkinder sitzen
auf dem Boden, zwei Dobermänner lungern im Schatten der Akazien. Yanis holt
aus dem selbst gebauten Lehmofen eine
dampfende Pfanne mit Schweinebraten,
Ziegenfleisch­­­ u­nd Kartoffeln, alles aus eigener Produktion. „Noch sind wir auf den
Supermarkt angewiesen“, meint der Mittfünfziger, „aber schon bald wollen wir
­autonom sein.“ Das Ziel der Apo-KinouMitglieder: raus aus Erwerbsarbeit und
Bankrott-System, rein ins unabhängige
Landleben.
So wie Yanis und Monika haben es in
den letzten Jahren viele Griechen gemacht.
Seit 2011 sind sogenannte soziale Genossenschaften staatlich anerkannt. Mittlerweile gibt es laut dem Social Economy Institute in Thessaloniki rund 750 Genossenschaften mit einem sozialen Anspruch. Sie
haben sich verpflichtet, neben einem genossenschaftlichen Produktionsnutzen
ein Non-Profit-Ziel zu verfolgen, das nicht
nur ihren Mitgliedern zugutekommt. Das
soll sie von den herkömmlichen Genossenschaften, mehrheitlich im Agrarbereich, unterscheiden.
Denn deren Geschichte ist weniger
rühmlich. Egal wen man aus der griechischen Genossenschaftsszene fragt: Die traditionellen Agrarkooperativen haben den
Ruf weg, durch und durch korrupt zu sein
und weder ihren Mitgliedern noch ihrer
Gemeinde Mehrwert zu bringen. Allerdings
gibt es auch unter den neuen sozialen Genossenschaften viel Lug und Betrug, sagt
Ioannis Nasioulas vom Social Economy Institute. Er schätzt, dass maximal 20 Prozent
von ihnen wirklich einen sozialen Ansatz
haben. Der Rest würde die rechtlichen Vorteile für seine Geschäfte nutzen.
Apo Kinou ist unter den 750 Neuanmeldungen also eher eine Ausnahme. Die Genossenschaft, zu Deutsch „in Gemeinsamkeit“, ist vor zwei Jahren wie viele ihrer Art
aus einem Freundeskreis heraus entstanden. Neben Monika und Yanis machen vor
allem junge Leute mit, die sich neben ihrem Engagement mit kleinen Gelegenheitsjobs durchschlagen. „Ich habe eigentlich Eventmanagement studiert“, sagt
Evangelia Greka, ein schlankes Mädchen
mit langen schwarzen Haaren, „nun jobbe
ich bei einem Bäcker in Heraklion.“ Die Genossenschaft Apo Kinou bietet ihr eine
Perspektive. Sie will mit den anderen irgendwann zusammenleben, eigenes Obst
und Gemüse anbauen und für die Genossenschaft arbeiten. So geht es allen Mitgliedern, jeder hat noch einen Job nebenbei.
Monika arbeitet als Deutschlehrerin, Yanis
als Ingenieur im Universitätskrankenhaus.
Doch schon heute verkaufen sie ihre Produkte, traditionelles kretisches Trockenbrot, Rosinen, Gemüse und Olivenöl, alles
aus ökologischer Landwirtschaft, ohne Maschinen und mit ihrer Hände Arbeit. Yanis
führt stolz durch Knoblauch-, Zwiebel-, Karotten- und Kartoffelbeete, umrahmt von
einem Olivenhain. Alles wächst, unabhängig von der Staatsverschuldung. Das Olivenöl verpacken die Genossen selbst und
verkaufen es bis nach Deutschland, an eine
Food-Coop in Berlin-Wedding.
Jetzt sitzen alle am großen Steintisch im
Garten und jubeln, als das Essen verteilt
wird. „Das leibliche Wohl spielt hier eine
große Rolle, da wird zuletzt gespart“, sagt
Monika. „Wenn das der Schäuble sehen
könnte“ sei in Griechenland ein geläufiger
Scherz im Angesicht voller Essenstische bei
Feiern. Das tröstet ein wenig über die Verzweiflung hinweg, in die die ökonomische
Krise viele Griechen gestürzt hat. „In der
Hoffnung auf eine humanere Gesellschaft“
hatte Yanis im Januar Syriza gewählt. „Aber
für die versprochenen politischen Projekte
im Land war ja bisher, wegen der Verhandlungen über die Schulden, kaum Zeit.“ Immer mehr Menschen hätten kaum noch
Geld für das Notwendigste – daher würde
der Tauschhandel aufleben. Statt den anderen in einer harten Währung zu bezahlen,
tauschten Nachbarn und Freunde Güter
und Dienstleistungen aus.
Genau daraus hat Dimitris Mouroulis
eine Profession gemacht. Zehn Fährstunden von Heraklion entfernt sitzt der freischaffende Web-Entwickler allein in seinem
Büro in Athens Vorort Neo Psychiko. Kaum
ein Sonnenstrahl findet seinen Weg durch
die Fenster des kleinen Containers. Von der
Hauptstraße dröhnt der Verkehr. Der Mittdreißiger zeigt auf seinen Monitor. Dort
wird die Internetseite freeeconomy.gr angezeigt. Mouroulis hat die Webseite selbst
entwickelt – sie gehört zum Tauschring,
den er mitgegründet hat. Das war 2012.
Bei Apo Kinou
in Heraklion
wird das Öl
sogar bereits
exportiert
Alles begann mit der Krise. „Ich merkte
damals, wie Griechenland sein Potenzial
verschwendet“, erinnert sich Mouroulis.
„Dieser Typ dort hat ein Restaurant, ich bin
Web-Entwickler. Ich will essen gehen, er
braucht eine Webseite – und nichts davon
passiert, nur weil wir beide kein Geld haben.“ Er rief ein paar Freunde an, die Idee
zu Free Economy war geboren. Dort tauschen Menschen nicht wie bei vielen
Tausch­ringen selbst gestrickte Socken gegen Tomaten aus dem eigenen Garten –
Mouroulis und seine Freunde tauschen
das, was sie beruflich gelernt haben: mein
Expertenwissen gegen deines.
Hier gibt es keinen politischen Anspruch,
keine gemeinsame Ideologie – nur die gefühlte Notwendigkeit, seine Arbeitskraft
anders zu vermarkten als auf dem erodie-
renden griechischen Arbeitsmarkt. „Wir als
Gruppe sind politisch neutral“, sagt der
Netzwerkgründer. Die fünf Mitglieder, die
das Netzwerk hauptsächlich verwalten, hätten zuletzt unterschiedliche Parteien gewählt. „Wir sehen aber alle, dass etwas nicht
stimmt, wenn Menschen arbeiten wollen,
andere Menschen diese Arbeitskraft brauchen und das trotzdem nicht zustande
kommt“, sagt er nüchtern.
Jenseits von Syriza
Auf einen politischen Wechsel hofft der
Web-Entwickler nicht. „Geschichte wird
langsam geschrieben, ein Schritt nach dem
anderen.“ Syriza könne das Finanzsystem
nicht mal eben von Grund auf ändern. Der
richtige Weg, findet er, sei dehalb erst einmal: Selbermachen. Auf der Webseite des
Netzwerks bucht man Dienstleistungen
und bietet die eigenen an. Gezahlt wird mit
der eigenen Währung Enallaktika, „Alternativen“. Ein reiner Tauschring ist das NonProfit-Netzwerk also nicht mehr. 85 Mitglieder sind mittlerweile dabei. Mouroulis
legt die Stirn in Falten. Hier liegt das bisher
größte Pro­blem der Free Economy.
Die virtuelle Struktur, jeder allein vor
seinem Computer, lässt kaum Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen. „Es war für
uns Gründer leicht, unsere Freunde zu gewinnen, bei den Freunden der Freunde
klappt das nicht mehr so gut“, sagt Mouroulis. „Wir funktionieren zwar mittlerweile als Gruppe, wir müssen nicht zwangsläufig viel größer werden“, erzählt er. Andererseits mache eine Vielzahl an Angeboten
das Netzwerk erst richtig wirksam.
Um zu lernen, wollen Mouroulis und
sein Team sich mit ähnlichen Gruppen in
Europa vernetzen. Dass solche existieren,
weiß der Web-Entwickler erst seit kurzem.
„Wir hatten die Idee zu Free Economy, bevor wir wussten, dass es das Prinzip und
Alternativwährungen in anderen Ländern
schon gibt“, sagt er lachend. Offenbar hat
der junge Athener damit den Nerv der Zeit
getroffen. Sogar im Fernsehen sei er schon
gewesen, erzählt er stolz. Und: Zahlreiche
Nachahmer seien aus dem Boden geschossen, seit Free Economy etabliert ist. Es gibt
viele, die ihr Schicksal selbst und solidarisch in die Hand nehmen wollen.
Susanne Schwarz und Susanne Götze
haben kürzlich Griechenland bereist und
schreiben außerdem für klimaretter.info
Wirtschaft 19
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Eine Lizenz geht um die Welt
Patent Hochschulen verkaufen ihre Entwicklungen an Pharmakonzerne. Drei Universitäten fordern nun Sozialklauseln für den globalen Süden
gefördert wird.“ Nora Lennartz von UAEM
ist zufrieden. „Vieles von unseren Forderungen wurde übernommen.“ Sie sagt aber
auch: „Wir hätten uns noch mehr gewünscht.“ Beispielsweise solle die Uni verlangen, dass Medikamente in bestimmten
Ländern zum Selbstkostenpreis verkauft
werden. Zudem sollten die Lizenzverträge
für die Öffentlichkeit einsehbar sein und
die Regeln müssten auch für sämtliche Ergebnisse aus Forschungskooperationen
mit anderen Einrichtungen gelten.
■■Felix Werdermann
E
s geht nicht nur um Bürokratie
und trockenen Text. Es geht auch
um Leben und Tod. In den Entwicklungsländern. Und darum,
was deutsche Hochschulen damit zu tun haben. An der Universität Freiburg werden bald Leitlinien für die Patentierung von Erfindungen beschlossen. Die
Wissenschaftler forschen etwa an Medikamenten; künftig sollen die Ergebnisse nur
noch unter bestimmten Voraussetzungen
an Pharmakonzerne gegeben werden. So
sollen die Unternehmen verpflichtet werden, die Medikamente in Entwicklungsländern günstiger abzugeben, damit arme
Menschen sie sich leisten können.
Für diese Sozialklausel hat sich auch
Nora Lennartz eingesetzt. Die 26-jährige
Studentin der Medizin engagiert sich in
der Freiburger Ortsgruppe von Universities Allied for Essential Medicines, kurz
UAEM. „Unser Ziel ist, dass Medikamente
für alle bezahlbar sind und dass vernachlässigte Krankheiten besser erforscht werden.“ Bislang entwickeln Pharmakonzerne
hauptsächlich Mittel gegen häufige Krankheiten in Industriestaaten. Die Menschen
im globalen Süden haben zu wenig Geld,
daher rentiert sich die Forschungsarbeit
häufig nicht.
„Wenn Ethik an
großen US-Unis
möglich ist,
weshalb nicht
auch hier?“
Aber auch der Preis von Arzneien ist ein
Problem. Durch Patente können die Konzerne ihre teilweise lebenswichtigen Mittel
zu jedem beliebigen Preis verkaufen. Für
viele Menschen in Entwicklungsländern
werden die Medikamente dadurch unerschwinglich. Claudia Jenkes von der industriekritischen BUKO Pharma-Kampagne
beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesem Thema und erzählt, dass Aids-Medikamente vor 15 Jahren mehr als 10.000 Euro
kosteten. Für ärmere Länder hätten die Unternehmen einen Preis von 2.000 Euro angeboten. „Aber das war natürlich immer
noch viel zu teuer für viele Menschen in
Afrika.“ Heute sei das Patent abgelaufen,
Indien produziere Nachahmungspräparate
und verkaufe sie für weniger als 100 Euro.
Das sind die realen Kosten für die Herstellung. Mehr als zehn Millionen Menschen
können so behandelt werden.
Nur: Irgendwann wird der Körper resistent, daher gibt es inzwischen neuere Medikamente und diese sind wiederum patentiert. Die Unternehmen machen ihren
Profit auf Kosten der Armen – oft auch mit
Hilfe von Forschung öffentlicher Universi-
F o t o : t o m k o e n e / d pa
Hilfe für Millionen
Aus dem deutschen Labor in die kenianische Apotheke
täten. Doch immer mehr Hochschulen wollen nicht mehr mitspielen und setzen auf
sogenanntes Equitable Licensing. Die Unis
patentieren ihre medizinischen Forschungsergebnisse, verkaufen die Patente
aber nicht, sondern vergeben nur Nutzungslizenzen an Unternehmen. Diese
können mit den Ergebnissen dann ein
marktreifes Medikament entwickeln. Allerdings wird im Lizenzvertrag geregelt, dass
die Arzneien auch in Entwicklungsländern
zugänglich sein müssen, beispielsweise
durch eine Preisstaffelung nach Staaten.
Außerdem kann sich die Universität vorbehalten, die Erfindung auch noch an andere
Unternehmen zu geben, um den Zugang in
ärmeren Ländern zu gewährleisten. In
Großbritannien und den USA ist das Modell des Equitable Licensing laut UAEM
schon relativ weit verbreitet. Deutschland
steht jedoch noch am Anfang.
In der Münsteraner Patentstrategie ist zu
lesen, „in der Regel“ würden solche Lizenzverträge „angestrebt“.
Die Sozialklausel in Freiburg ist deutlicher. Der Entwurf liegt dem Freitag vor, darin heißt es: „Die Universität Freiburg verpflichtet sich, beim Technologietransfer
und insbesondere der Vergabe von Lizenzen nach dem Vorbild des Social Respon­
sible Licensing zu handeln. Sie wird die Verwertung so führen, dass der Umgang mit
geistigem Eigentum nicht zu einem Hindernis für die weitere Forschung führt und
dass der Zugang zu Forschungsergebnissen
und den daraus resultierenden Endprodukten, insbesondere für Arzneimittel, Impfstoffe oder Diagnostika, für alle Menschen
Keine Angst vor Wettbewerb
In Münster und Tübingen gibt es bereits
eine Sozialklausel in den Patentleitlinien,
Freiburg wird im kommenden Monat
wahrscheinlich zur dritten Universität. Die
geplante Klausel ist stärker und verbindlicher formuliert als die beiden anderen. Die
sind nämlich wachsweich. In den Leitlinien
der Uni Tübingen heißt es lediglich, die
Hochschule „begrüßt prinzipiell die Möglichkeit von Equitable-Licensing-Modellen“.
Es gibt aber Bedenken: Wenn die Uni zu
viele Auflagen verlangt, sind die Ergebnisse
für Konzerne nicht mehr so attraktiv, die
Uni bekommt weniger Geld, verliert womöglich im Konkurrenzkampf mit anderen
Hochschulen. Professor Bernhard J. Arnolds sieht darin kein Problem. Er leitet an
der Uni die Zentralstelle für Technologietransfer und hat den Antrag für die Sozialklausel zusammen mit einer Kollegin eingebracht. „Ich habe keine Angst vor dem
Wettbewerb“, sagt er. „Wenn die Klauseln
an großen US-amerikanischen Unis wie
Harvard möglich sind, warum dann nicht
auch hier?“ Trotzdem ist er der Meinung,
dass alle deutschen Hochschulen mitziehen sollten, aus ethischen Gründen.
Er hat eine andere Befürchtung: Wenn
die Pharmafirmen weniger Geld verdienen,
lohnt sich vielleicht die Entwicklung von
Medikamenten nicht mehr. Das sieht Nora
Lennartz anders: „Es ist doch schon heute
so, dass die Konzerne an den wirklich wichtigen Krankheiten in den ärmeren Ländern
kein Interesse haben.“ Und wie ließe sich
das ändern? „Die Chance wäre, dass es
künftig mehr öffentliche Forschung gibt.“
Sollten Patente dann ganz abgeschafft werden, weil die Allgemeinheit die Forschungskosten schon bezahlt hat? „Das ist ein großer Diskussionspunkt in unserer Gruppe“,
sagt Lennartz. Sie ist aber pragmatisch: „Da
das Patentsystem so eingefahren ist, schauen wir, wie wir mit dem System zu sinnvollen Ergebnissen kommen.“ Die Sozialklausel ist da ein erster Schritt.
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20 Wirtschaft
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
S
oziale Gerechtigkeit als
Wahlkampfthema soll
Hillary Clinton ins Weiße
Haus bringen. Dass das
funktionieren könnte,
zeigt ein Blick auf Seattle im Nordwesten der USA. In der 640.500-Einwohner-Stadt sind mächtige Arbeitgeber wie Microsoft, Boeing
und Starbucks zu Hause, zugleich
aber regt sich Widerstand gegen die
wachsende Ungleichheit zu Ungunsten vieler Arbeitnehmer.
Schlag­zeilen machte jüngst der
Chef des Kreditdienstleisters Gravity Payments. Er verordnete allen
120 Mitarbeitern eine Lohnerhöhung auf mindestens 70.000 Dollar
pro Jahr und senkte sein eigenes
Gehalt um 90 Prozent. Vor allem
aber konnte 2013 mit Kshama Sawant die erste Sozialistin seit 100
Jahren in Seattle eine Wahl gewinnen. Als Stadträtin bekommt sie
117.000 Dollar jährlich, nimmt aber
nur den durchschnittlichen Arbeiterlohn von 40.000 Dollar. Den
Rest spendet sie an einen Solidaritätsfonds für soziale Bewegungen.
dem New York City Council aus­
gesagt und hochrangige Mitglieder
des Stadtrats überzeugt, den Fight
for 15 zu unterstützen. Das ist
ein Riesensieg und zeigt doch
glasklar, dass die Kampagne das
Potenzial hat, in großen Städten
zu gewinnen. Man stelle sich
das Potenzial für sozialen Wandel
vor, wenn wir eine Massenbewegung in der ganzen Nation hätten.
Und mit einer Erhöhung
des Stundenlohns auf 15 Dollar
wird dann alles gut?
der Freitag: Frau Sawant, wie
kommt man im Zweiparteien
system der USA darauf, als „Sozialistin“ bei Wahlen anzutreten?
Kshama Sawant: Mich haben
hier in Seattle 95.000 Menschen
gewählt, die sind nicht alle Sozialisten. Aber das Label hat uns nie
Sorgen gemacht, weil die Menschen sich offenbar nach so etwas
sehnen. Ich bin als Sozialistin
gewählt worden, die kein Geld von
Unternehmen nimmt, sich vehement für die Rechte der arbeitenden Bevölkerung und gegen das
Big Business einsetzt. In der Vergangenheit haben die Vertreter im
Stadtrat häufig darin übereingestimmt, große Firmen und Bau­
unternehmer reicher zu machen.
Sie repräsentieren nicht die Interessen der normalen, arbeitenden
Menschen. Meine Kampagne hat
bei vielen Menschen überhaupt
erst das Interesse an Politik geweckt. Sie sehen einen starken
Unterschied zwischen mir und den
meisten anderen Politikern und
dazu fühlen sie sich hingezogen,
davon wollen sie mehr sehen.
Ist Seattle ein Sonderfall?
Nein. Die große Mehrheit der gewählten Politiker überall in den
USA repräsentiert den Standpunkt
von Konzernen und Superreichen.
Sie machen „Corporate Politics“,
Politik für Unternehmen. Das empört viele Menschen ebenso wie
die Tatsache, dass die Wall Street
alle Bereiche unserer Regierung
kontrolliert. Große Banken und
Unternehmen hat der Staat in der
Rezession gerettet, die normal
arbeitende Bevölkerung wurde mit
einer massiven Arbeitslosenquote,
Niedriglohn-Jobs, Zwangsver­
steigerungen und Hausräumungen
alleinegelassen. Die Wut darüber
kommt etwa in der Occupy-Be­
wegung zum Ausdruck. Besonders
junge Menschen sind Corporate
Politics ebenso leid wie die Einkommensungleichheit.
Um Occupy ist es recht still geworden und als „Socialist“ schmähen die Republikaner immer
noch häufig und recht erfolgreich
Präsident Barack Obama.
Meinem Eindruck nach sind viele
Menschen vielmehr abgestoßen
vom Establishment sowohl der
Demokraten als auch der Repu­
blikaner. Die Zustimmungsraten
für den US-Kongress sind auf
einem Rekordtief. Und viele Umfragen zeigen, dass die Menschen
hungrig nach Alternativen sind.
In der Bundespolitik hat dieser
Hunger kaum Folgen. Wie haben
Sie es in Seattle geschafft, ihn in
Wählerstimmen umzumünzen?
Meine Partei, die Socialist Alter­
native, hat dieses riesige politisches
Vakuum gesehen und eine linke
Alternative zu Demokraten und
Republikanern geschaffen. Es war
extrem wichtig, dass wir uns abgesetzt haben. Ich habe vor allem
kandidiert, um mehr gewöhnliche
Menschen dazu zu kriegen, sich
politisch zu interessieren und
zu engagieren. Und mich als Alternative für die Arbeiterklasse zu
Nein, und das ist ja auch die Natur
großer sozialer Bewegungen: Sie
beschränken sich nicht darauf, womit sie angefangen haben. Hier in
Seattle haben sich Hilfsprofessoren
unseren Protesten angeschlossen,
die einen Doktortitel tragen und
nicht etwa in Fast-Food-Restaurants
arbeiten. Ich war ja selbst einmal
solch eine Hilfsprofessorin und
weiß, wie es ist: Du hast keine
Arbeitsplatzsicherheit, meistens
keine Sozialleistungen und
kein Recht, dich gewerkschaftlich
zu organisieren. Die 15-DollarKampa­gne spendet Inspiration
und so wie für einen höheren
Mindestlohn kämpfen wir für das
Recht, sich gewerkschaftlich zu
organisieren, für Umweltschutz,
gegen Klimaerwärmung, gegen
häusliche Gewalt.
Das ist jetzt wiederum eine
ziemlich umfangreiche Agenda.
Ja, aber derartige Ausweitungen
der Proteste werden wir in
den kommenden Monaten immer
mehr sehen. Nehmen Sie zum
Beispiel „Black Lives Matter“.
Eine Bewegung, die nach dem
Freispruch für George Zimmerman entstanden ist. Zimmerman
hatte 2012 in Florida den
17-jährigen Schwarzen Trayvon
Martin erschossen.
Ja, die Bewegung bekämpft den
gegen Schwarze gerichteten
Rassismus, der die USA durchsetzt,
und hat zugleich die Forderung
nach einem Mindestlohn, der
zum Leben reicht, aufgenommen.
Junge Menschen, Aktivisten
und Studierende werden sehen,
dass diese Bewegungen nicht
isoliert voneinander stehen
sollten. Es geht darum, die Gesellschaft zu verändern.
Zuletzt gab es in Ferguson und
Baltimore große Proteste und
gewaltsame Ausschreitungen.
Die Empörung über tief liegende
Rassendiskriminierung rückt
immer mehr in den Vordergrund.
Es ist unvermeidbar, dass die
Forderung nach Rassengerechtigkeit auch mit wirtschaftlichen
Fragen verbunden ist. Schon
Malcolm X hat gesagt: „Man kann
keinen Kapitalismus haben ohne
Rassismus.“ Rassismus, Sexismus –
all diese Phänomene zeigen ein
fundamental ungleiches System.
Ein System, das nicht in der Lage
ist, eine Gesellschaft zu schaffen,
in der wir gleiche Rechte garantiert
für alle haben. Wie soll das gehen
in einer Gesellschaft, die darauf
beruht, die große Mehrheit der
arbeitenden Bevölkerung arm zu
machen, während die wenigen
Menschen an ihrer Spitze davon
profitieren?
Wird sich das ändern?
In Ferguson, Baltimore und anderswo gehen Menschen auf die Straße,
die in Armut aufgewachsen sind,
ohne Chance auf College und
nachhaltige Jobs, ohne politische
Erfahrung. Sie haben einen weiten
Weg vor sich.
F o t o : N at e G o w d y
„Der Kampf
um 15 Dollar
Mindestlohn
hat jetzt erst
begonnen“
„Das Label Sozialismus
hat uns in Seattle
nie Sorgen gemacht“
Kshama Sawant
positionieren, hat offensichtlich
großen Widerhall gefunden.
Wer sind denn Ihre Wähler?
Es sind tatsächlich viele junge
Menschen, die nie gewählt hatten
und nach unserem Wahlkampf
erstmals an die Urne gegangen
sind. Aber natürlich ist Seattle eine
sehr fortschrittliche Stadt mit vielen progressiven Menschen, viele
von ihnen haben nie jemand anderen als die Demokraten gewählt. Es
gibt keine treibende Kraft der Republikaner in der Stadt, aber trotzdem und unter Aufsicht des demokratischen Establishments gibt es
dieselben sozialen Probleme, dieselbe Rassendiskriminierung und
wirtschaftliche Ungerechtigkeit
wie anderswo. Viele Menschen haben mir gesagt, es sei ihnen egal,
dass ich Sozialistin bin, schließlich
wüssten sie, dass ihre Werte glaubhaft vertreten würden und unsere
Politik gut für die Gesellschaft und
die Arbeiterfamilien ist.
Sie haben es tatsächlich geschafft,
Ihre zentrale Forderung aus
dem Wahlkampf umzusetzen:
die Erhöhung des Mindestlohns
auf 15 Dollar pro Stunde.
Ja, und wir haben das mit nur einer
Stimme im Stadtrat geschafft!
Anfangs wollte darüber kein
Medium berichten, andere Politiker
nahmen uns nicht ernst. Dann
zeigten die Umfragen, dass eine
immer größer werdende Mehrheit
der Menschen in Seattle diesen
15-Dollar-Stundenlohn unterstützt.
Und letztendlich haben alle
neun Stadtratsmitglieder dafür
gestimmt, obwohl der Rat von
Corporate Politicians geführt wird.
Seattle hat uns hier eine sehr
wichtige Lektion gelehrt: Wenn die
Bewegung der jungen Menschen
und Arbeiter stark genug ist, dann
kann sie die politische Agenda
der Stadt beeinflussen.
Aber noch einmal: Ist das nicht
eine regionale Besonderheit?
Ein Erfolg, wie er in den
USA eben nur in einer Stadt
wie Seattle möglich ist?
Wir blicken in Seattle wie in den
ganzen USA auf fünf Jahrzehnte
zurück, in denen die Arbeiterbe­
wegung immer weiter geschwächt
wurde. Es ist deshalb eine geradezu historische Leistung, wie hier
junge Menschen und Aktivisten
sich organisiert, für eine konkrete
politische Forderung gekämpft
und gewonnen haben. Man kann
so etwas schaffen, man kann die
Zur Person
Kshama Sawant, 41, wurde in
der indischen Millionenstadt
Pune als Tochter einer
Lehrerin und eines Bauingenieurs geboren. Sie arbeitete
als Programmiererin,
zog mit ihrem bei Microsoft
beschäftigten Mann in die
USA, begann Ökonomie zu
studieren und lehrte das Fach
später am Seattle Central
Community College und der
Seattle University. Seit 2010
ist sie US-Staatsbürgerin,
seit 1. Januar 2014 Stadträtin
von Seattle. Am 3. November
2015 stehen wieder Wahlen
an, Sawant kandidiert erneut
Politiker zwingen zu handeln, das
ist eine mächtige Botschaft und
wenn Arbeiter an einem Ort einen
Sieg erringen, dann inspiriert
das Arbeiter in anderen Städten,
ebenfalls für Gerechtigkeit zu
kämpfen. Das sage ich nicht einfach so dahin, schließlich gibt es
inzwischen im ganzen Land die
sogenannten Fight-for-15-Proteste.
Hinter „Fight for 15“ stehen
bisher vor allem Mitarbeiter von
Fast-Food-Ketten in den USA.
Dieser Kampf hat gerade erst begonnen. Wenige Tage nach meiner
Wahl zur Stadträtin habe ich geholfen ihn zu starten, nun blüht
er in Städten wie Minneapolis,
Philadelphia, New York und Los
Angeles auf. In L. A. gibt es mehr
als 800.000 Arbeiter, die weniger
als 15 Dollar verdienen. Der Stadtrat will nun den Mindestlohn
in den nächsten Jahren auf 15
Dollar erhöhen. Das könnte
Schwung verleihen, um sich mit
der Forderung auf Bundesebene
durchzusetzen. Meiner Meinung
nach wäre das weltbewegend.
Meiner Meinung nach sind die
USA davon Welten entfernt.
Vor kurzem haben Mitglieder
unseres 15-Now-Bündnisses vor
Das Gespräch führte Kim Bode
21
Medienlandschaft Ein Hoch auf die Redaktionskonferenz S. 22
Kunstszene Harald Falckenberg befragt Jonathan Meese S. 24 /25
Starsystem Wie viel Hollywood steckt im Weißen Haus? S. 26
#wrongskin:
Der Fall der
Aktivistin
Rachel Dolezal
handelt im
Kern vom
Weißsein S. 23
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
„Zack, geht doch!“
Im Gespräch Der Schweizer Theatermacher Milo Rau hielt im Kongo Gericht
über den Bürgerkrieg. Und konnte erleben, wie der Macht die Spucke wegbleibt
E
Der Freitag: Herr Rau, was kann
das Theater in einem seit 20
Jahren andauernden Bürgerkrieg
leisten, das ein Rechtssystem
nicht kann?
Milo Rau: Die kongolesische Justiz
ist abhängig von der Politik und
der Wirtschaft und insofern komplett korrupt. Den Internationalen
Gerichtshof kann man auch
vergessen, er hat keine Mittel und
würde sich nie an diesen Ort
trauen. Die UNO ist abgesprungen,
weil ihr das zu riskant war. So
was kann man eigentlich nur als
wahnsinniger Künstler machen.
Was genau haben Sie in Bukavu
zur Aufführung gebracht?
Ein dreitägiges Tribunal über die
Rolle der Minenindustrie im Kongo-Krieg. Wir haben drei besonders
aussagekräftige Fälle von letztlich
tausend verhandelt. Wir wollten
wissen, wer die lokalen und internationalen Akteure in diesem Konflikt sind, und sie vor die Schranken des Gerichts rufen – eines
richtigen Gerichts, mit echten
Anwälten, einer Gerichtsordnung.
Das Tribunal ist inszeniert, aber
es gibt kein Skript und keine Schauspieler. Alle spielen sich selbst.
Spielen hat ja immer auch
eine große Ernsthaftigkeit, weil
etwas passiert im Verhältnis
zwischen den Spielern.
Soziologisch betrachtet ist alles,
was wir für real halten, ein Gesellschaftsspiel, das sich aber so fixiert
hat, dass man seine Regeln einfach
ausführt, ohne es zu merken. Im
Theater kann man ein neues
Spiel einführen; man kann bewusst
spielen. Für mich ist es aber im
Endeffekt wichtig, dass die Leute
den Spielcharakter vergessen und
sich auf normale Weise darin bewegen – und so sagen sie manchmal die Wahrheit. Quasi eine
Hintertür ins Authentische hinein.
Was für Menschen traten
vor Ihr Kongo-Tribunal?
Ich habe zwei Anwälte vom Internationalen Strafgerichtshof in
Den Haag als Gerichtsvorsitzenden
und Untersuchungsleiter engagiert.
Aber auch in der Jury, bei den
Experten und Zeugen haben wir
sehr auf Ausgewogenheit geachtet.
Hier sitzen Leute von der Regierung, Vertreter der Minenfirmen,
andere, die sich für Minenarbeiter
einsetzen, Rebellen, Menschen,
die vertrieben oder vergewaltigt
wurden, europäische Beobachter.
Und alle werden gleich behandelt?
Genau. Jeder hat 20 Minuten, es
ist exakt gestaffelt, wer wann was
fragt. Es ist schon seltsam, wenn
der Gouverneur neben einer
Bäuerin sitzt. Es gibt keine kritische
Öffentlichkeit im Kongo, keinen
Dialog – wenn man Krieg nicht
als Dia­log betrachten will. Den
gab es nur an diesem Ort. Das ist
ein absolut künstlicher Vorgang,
ein utopischer Raum, der sich
nach diesen drei Tagen auch wieder
geschlossen hat.
f o t o S : t h o m a s r a b s c h / l a i f, y o u n g k wa k /a f p/ g e t t y i m a g e s ( o b e n )
in Café in Berlin-Neukölln.
Eigentlich hat es noch
nicht geöffnet, aber der
Wirt ist so freundlich, uns
trotzdem in der Morgensonne einen Sitzplatz anzubieten.
Milo Rau wirkt übermüdet, er ist
erst vor wenigen Tagen aus Zentralafrika zurückgekehrt. In Bukavu inszenierte er sein Kongo-Tribunal,
das nun am kommenden Wochenende in Berlin fortgeführt wird.
Der Ausgang der Inszenierung,
das Urteil, war offen.
Was passierte in diesem Raum?
Es geht um Gerechtigkeit, aber
auch um die Darstellung eines Antagonismus, und das war fühlbar.
Zum Beispiel wenn ein Minister
sich verteidigt und seine Argumente so schlecht sind, dass die
Zuschauer unwillkürlich lachen,
weil sie plötzlich merken: Der
Macht bleibt die Spucke weg. Die
Regierungsvertreter haben sich
angewöhnt, einen einseitigen
Diskurs zu führen: Ich rede, die
anderen hören zu. Bei mir mussten
sie plötzlich Argumente bringen.
Die ganze Staatssprache zerfällt;
sie ist nicht mehr zu gebrauchen.
Ein Moment der
Demaskierung also.
Total! Der Gouverneur hat im
Lauf des Tribunals umgeschaltet,
das war fast wahnwitzig – der ist
zum Schluss quasi ins Boot der
Opposition gestiegen. Er hat halt
versucht, seinen Hals zu retten.
„Es ist
unglaublich,
wie einfach
man alles
verändern
kann“
Das war interessant. Die Minen­
firmen und das Militär haben einen
ganz anderen Diskurs, die tragen
ihre fixen Positionen vor. Sie haben
teilweise gute Argumente, weil
die traditionelle Wirtschaft nicht
gut funktioniert und die Rebellengruppen kaum besser sind als
das Militär. Aber sie lassen sich
nicht auf einen Dialog ein.
Wie überzeugt man Militärs und
Konzernvertreter, an einer solchen Inszenierung teilzunehmen?
Sie kriegten mein ernsthaftes
Interesse mit, dass ich über Monate
und Jahre dranbleibe. Sie wissen,
dass ich nicht irgendein Kunsttourist bin, der mal eben ein Projekt
im Kongo macht; man kennt uns
dort. Und sie nehmen mich auch
ernst, weil ich nicht der normale
postkolonialistische Linke bin, den
man mit irgendwelchen Konzernmachtmärchen einlullen kann.
Jeder geht zu Recht davon aus,
dass er vor so einem Tribunal die
Chance hat, seine Sicht der Dinge
zu präsentieren. Es gibt nach 20
Jahren eine Ermüdung in diesem
Krieg mit über sechs Millionen
Toten und den Wunsch nach
einer Lösung. Deshalb gab es eine
gewisse Akzeptanz des Tribunals.
Sie alle sind ein hohes Risiko
eingegangen. Was bedeutete es
für die Zeugen, bei diesem
Tribunal öffentlich auszusagen?
Wir haben ein sehr gutes Zeugenschutzprogramm entwickelt. Wir
haben darauf geachtet, wie wir die
Milo Rau, 38, ist Regisseur,
Dokumentarfilmer und
Essayist. 2007 gründete der
gebürtige Berner das
International Institute of
Political Murder. Auf der
Theaterbühne verhandelt er
aktuelle Konfliktherde vom
Balkankrieg bis hin zu Anders
Breiviks Ideologie. Ende
Juni erscheint sein Essayband Althussers Hände
Zeugen nach Bukavu bringen,
wir haben sie auf der Bühne verschleiert, ihre Stimmen verändert
– was die UNO zum Beispiel
nicht macht. Bei so einem Projekt
muss man aber auch akzeptieren,
dass es schiefgehen kann. Aber
die Zeugen eines Massakers etwa
haben da eine sehr entschiedene
Haltung. Die wollen einfach,
dass die Wahrheit herauskommt,
dass es Gerechtigkeit gibt.
Geht das einfacher, wenn alles
nicht „echt“ ist, nur ein „Als ob“?
Sicher ist das ein Grund. Wobei die
wenigsten begriffen haben, dass
es kein richtiges Tribunal war. Ich
inklusive. Von der Wirkung her war
es dann ein richtiges Tribunal. Es
wurden zum Beispiel zum ersten
Mal die Namen von Generälen und
Offizieren genannt, die an Massakern schuld sind. Es war ein öffentlicher Volksprozess mit großer Medienaufmerksamkeit. Momentan
sind Lokalwahlen. Im Kongo, wo
Gerechtigkeit nicht im Geringsten
existiert, war diese symbolische
Handlung eines Kongo-Tribunals
einfach sehr, sehr wichtig.
Was bedeutet es, quasi von außen
mit einem solchen Projekt in einen postkolonialen oder gar neokolonialen Kontext zu kommen?
Natürlich ist mein Blick präsent,
ich bin ja trotz allem der Regisseur.
Aber ich glaube, es ist funktional
hilfreich, dass ich von außen komme, weil das jemand von innen so
nicht machen kann. Der wichtigere
Punkt aber ist: Es gibt im globalen
Kapitalismus kein Außen. Wir
befinden uns alle im Innenraum
der gleichen Geschichte. Es ist für
mich ein kolonialistischer Wahnglaube, zu meinen, uns ginge
das nichts an, weil das irgendwie
„ihre“ Dritte Welt ist. Wir sind nicht
moralisch, sondern ganz konkret
mitverantwortlich. Und diese Verantwortung nicht wahrzunehmen,
weil das der „Blick des weißen
Mannes“ wäre, ist grotesk. Das ist
schlicht und einfach zynisch.
Jetzt wird das Tribunal in
Berlin fortgeführt. Was wird hier
anders sein als in Bukavu?
Wir werden nicht weitere Zeugen
verhören, sondern versuchen,
mit Experten die Hintergründe zu
klären, basierend auf den Fällen, die
wir im Kongo verhandelt haben.
Zum Beispiel: Warum gibt es kein
internationales Wirtschaftsrecht?
Alle großen Firmen agieren ja
global, postnational, und es ist
deshalb eine Absurdität: Die können Leute umsiedeln, sogar umbringen im Kongo – wenn sie das
hier machen würden, wäre die
Konzernleitung sofort lebenslänglich hinter Gittern. Andere Fragen
sind: Warum funktioniert die UNO
nicht? Warum führen die milliardenschweren Bemühungen der
großen NGOs kaum zu Resultaten?
Und was sind die – oft verheerenden – Auswirkungen der US-amerikanischen und europäischen
Gesetze gegen „Blutmineralien“?
Wer soll darüber verhandeln?
In der Berliner Jury sitzen nicht nur
Kongo-Kenner, sondern globali­
sierungskritische Soziologen wie
Harald Welzer und Saskia Sassen
oder der Experte für Internationales Strafrecht Wolfgang Kaleck.
Dieser zweite, analytische Schritt
hin zu einer neuen Art der Wirtschaftsgerichtsbarkeit scheint mir
absolut notwendig. Denn wenn
wir das nicht tun, wer dann?
Sie sagten mal, bei Theater
gehe es darum, eine Situation der
Entscheidung herzustellen.
Ich habe gern Situationen, die
einen Antagonismus erzeugen.
Man muss sich entscheiden: Was
macht man mit dem Material,
was ist meine Konsequenz daraus?
Man kann auf der Bühne be­
obachten, wie Leute sich in Entscheidungssituationen verhalten.
Und in meinen Tribunalen oder
Prozessen wird am Ende ja tatsächlich ein Urteil gefällt. Das
interessiert mich, wenn Theater es
fertigbringt, nicht nur Betroffenheit zu zeigen, sondern einen
politischen Entscheidungsvorgang
in Szene zu setzen. Das Gerichtsverfahren bildet Realität nicht ab,
sondern stellt Realität her.
Also schafft diese Aufführung
auch eine Vision, weil letztlich
ein Bild davon entsteht, was
sein könnte?
Ja. Man sieht die symbolisch
hergestellte Vision dessen, was
machbar ist. Es ist jede Welt machbar. Wenn man eine Situation wie
bei meinem Tribunal in Bukavu
hat, in der sich tausend Leute
versammeln und Gerechtigkeit
herstellen – zack! In drei Tagen! –,
dann sieht man: Das geht doch!
Natürlich ist es ein völlig absurder
Aufwand. Aber Ausbeutung ist
ja auch anstrengend, der globale
Sklavenstaat ist auch anstrengend.
Das klingt, als wären Sie trotz
der brutalen Themen, mit denen
Sie sich mit Ihrem International
In­stitute of Political Murder
seit Jahren beschäftigen, ein sehr
optimistischer Mensch.
Ja, aber wenn ich mit diesen
Themen nicht arbeiten würde,
dann wäre ich furchtbar pessi­
mistisch und depressiv. Meine
Antwort auf das Böse in der Welt
ist es, es zu nehmen und in die
Möglichkeit eines Wandels
einfließen zu lassen. Denn es ist ja
eigentlich unglaublich, wie einfach
man alles komplett verändern
kann. Man muss der Tatsache
ins Auge schauen, dass wir keiner
Tatsache ausgeliefert sind.
Das Gespräch führte
Natascha Gillenberg
Das Kongo-Tribunal (2) wird
am 26., 27. und 28. Juni in den
Sophiensälen in Berlin aufgeführt
22 Kultur
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Und so klingt nun auch das neue Album
Freedom. Tanzbar, funkig, längst nicht so
heavy wie die Vorgänger. „Nothing has
changed“, heißt es zwar noch im ersten
Song Elektra wie als Legitimation. Aber diese Ansage legt falsche Fährten. Old Friends/
New War steigt mit Auto-Tune ein, der Software zur Stimmverfremdung, die einerseits
die Popkulturtheorie fasziniert (Tod des
Subjekts, Posthumanismus et cetera), andererseits schnell grottig klingen kann (was
sie hier nicht tut). Einen Song wie diesen
hätten Gang of Four wohl gern geschrieben, als sie ihr aktuelles Album What Happens Next (2015) mit Herbert Grönemeyer
produziert haben.
Medientagebuch
Onlinekiosk kills
the Blattlinie: Was
Blendle verändert
V
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Refused
provozierten
auch die
eigene, allzu
homogene
Szene
Foto: Dustin Rabin
or knapp einem Jahr beendeten
die Krautreporter ihre Crowdfunding-Phase. 900.000 Euro
hatten sie eingesammelt, um das mit
dem „kaputten Onlinejournalismus“
wieder hinzukriegen. Nach ein paar
guten Texten, vielen Enttäuschungen
und massiver Kritik kämpft das Projekt
mittlerweile ums Überleben. Im Oktober laufen die 15.000 Abos der ErstUnterstützer aus, mindestens 6.000
Abos für das zweite Jahr müssen ab­
geschlossen werden, damit es weitergehen kann. Das dürfte schwierig werden.
Zumal das prominenteste Mitglied vergangene Woche seinen Abschied nahm.
Fast zeitgleich mit der neuen Werberunde gab der Medienjournalist Stefan
Niggemeier bekannt, dass er kein Krautreporter mehr sein will. Für ihn sei
der Versuch nicht gelungen, schrieb er
in seinem Blog. Als zentrales Problem
nannte er das Fehlen einer redaktionellen Idee. „Wir taten uns schwer damit,
zu definieren, worüber wir berichten
wollen und wie.“ Ein Dreivierteljahr
nach ihrem Start wollen die Krautreporter nun etwas ändern und aus einer
festen Redaktion heraus mehr Themenschwerpunkte entwickeln. Damit könnte
endlich der Grundfehler behoben
werden – dass nämlich nur ein Blogportal und kein Onlinemagazin entsteht,
wenn Einzelkämpfer ihre Texte nur nach
eigenen Vorlieben online stellen.
Während die Krautreporter sich also
wieder traditionelleren Strukturen des
journalistischen Arbeitens annähern,
wird das Ringen um eine gemeinsame
redaktionelle Linie, wie es einzelne Medienmarken auszeichnet, von anderer
Seite in Frage gestellt. Seit Anfang
Juni testet der niederländische Onlinekiosk Blendle sein Geschäftsmodell
in Deutschland. Die Idee ist simpel:
Statt eine ganze Ausgabe des Spiegel, der
Süddeutschen oder der FAZ zu kaufen
und damit viele Texte zu erstehen,
die ihn nicht interessieren, kann sich
der Kunde einzelne Beiträge für CentBeträge kaufen. Wer ein Steak essen will,
kauft ja auch nicht ein ganzes Rind.
37 Zeitungen und Zeitschriften hatte
Blendle zum Start der deutschen
Beta-Version bereits im Angebot. Der
Springer-Verlag und die New York Times
haben drei Millionen Euro investiert.
Blendle stellt gerade deutsche Mitarbeiter ein, denn die Texte sollen nicht von
Algorithmen, sondern von Redakteuren
den Nutzern vorgeschlagen werden.
Und klar: In Zeiten, in denen die Erlösmodelle für Journalismus atemberaubend schnell kollabieren, ist diesem
neuen Versuch, mit Texten Geld zu verdienen, nur Erfolg zu wünschen. Aber
es könnte dabei etwas verloren gehen.
Hier ist nun der Punkt gekommen,
ein Plädoyer für die Redaktionskonferenz zu halten. Das ist diese altmodisch
anmutende persönliche Zusammenkunft, in der eine Zeitung oder ein Onlinemedium um die eigene Linie ringt.
In der ausgehandelt wird, was berichtenswert ist, welche Thesen man präsentieren will und aus welch unterschiedlichen Perspektiven Politik-,
Kultur- und Gesellschaftsressort auf
dasselbe Thema blicken könnten. Man
muss das nicht romantisieren. Es sind
mitunter bleierne Stunden in schlecht
gelüfteten Räumen, manche Ansichten
der Kollegen hält man selbst für absurd, die getroffenen Entscheidungen
nicht immer für glücklich. Und trotzdem: Wenn alles gut geht, entsteht aus
den Diskussionen am Ende mehr als
ein paar zusammengepickte Texte, wie
sie ein Blendle-Redakteur kuratiert.
Wenn es gut läuft, entsteht daraus etwas Organisches, etwas, das sich erst
im Zusammenspiel der einzelnen Teile
bildet. Man nannte das mal die Haltung
einer Redaktion.
Jan Pfaff
Keine Fundis mehr: Schlagzeuger David Sandström (rechts) und seine Kollegen
Arbeit und Spiele
Musik Vor 17 Jahren haben Refused dem Kapitalismus den Kampf angesagt und
die Zukunft des Punk definiert. Was lehren uns die Schweden heute?
■■Nicklas Baschek
A
ls die Polizei 1998 in einem
Keller in Harrisonburg, Virginia, ihr Konzert stürmte und
nach vier Songs abbrach, war
kaum abzusehen, was aus Refused im Folgenden noch werden würde.
Nach dieser chaotischen US-Tour, die ein
paar hundert Punk-Kids anzog, löste sich
die Hardcoreband aus Umeå auf. Vor dem
Durchbruch. Seither stiegen die Schweden
zur wohl einflussreichsten Hardcoreband
überhaupt auf, ihr Vermächtnis hieß The
Shape of Punk to Come (1998).
Im Punk Ende der 70er Jahre hatte es
noch no future geheißen. Hardcore dachte
über Auswege nach. Mit Bands wie Fugazi
und Gorilla Biscuits veränderten sich Ästhetik und Message des Punk. Hardcore
übernahm dessen Wut, aber Ehrgeiz, Askese und Selbstoptimierung wurden gegen
die Logik des Exzesses wieder zu positiv
besetzten Werten. Die Straight-Edge-Bewe-
gung propagierte den Verzicht auf Drogen
und Alkohol, auf tierische Produkte und
lehnte Promiskuität ab.
Refused waren so etwas die Musterschüler dieses politischen Hardcores. Hatte sich
ihr antikapitalistischer und emanzipatorischer Impetus zuerst vor allem in den Songtexten („Capitalism is indeed organized
crime“), Konzertansagen und Interviews geäußert, nahm die Kritik mit dem Album The
Shape of Punk to Come auch musikalisch
neue und explizitere Formen an.
Hardcore-Routine
Ausgehend von der Beobachtung, dass die
Gesten, Sounds und Szenecodes der Dissidenz spätestens mit dem Erfolg von Nirvanas Album Nevermind 1991 ihr widerständiges Moment verloren hatten, kombinierten Refused mit The Shape of Punk to Come
Hardcore, Pop, Spoken Word, Drum ’n’
Bass, Jazz – und war damit auch als Provokation gegen die eigene, allzu homogene
und selbstgewisse Szene zu verstehen. Dass
es darüber hinaus Hit neben Hit stellte und
trotz eines ultraharten Sounds nicht das
Narrativ vom harten Mann bediente,
macht es zu einem Album, das auch 17 Jahre später noch in jeder Jahresbestenliste
landen könnte.
2012 taten Refused sich erstmals wieder
zusammen und gingen auf Tour. Sie spielten Telekom Street Gigs und das Coachella
Festival. Ausgerechnet Orte, an denen die
Ideologie Work hard, play hard ein Gesicht
bekommt. Konfrontiert man Schlagzeuger
David Sandström mit diesem Widerspruch,
erwidert er höflich, ihnen habe in den 90er
Jahren auf der ewigen Suche nach der Bandidentität einfach der Mut gefehlt, große
Hallen und Festivals zu spielen. Damals
habe man sich als ewig grantelnde Außenseiter begriffen und sei in der Fundamentalopposition der Hardcore- und Punkszene
verhaftet geblieben. Mit der Attitüde seiner
Band in jener Zeit hat Sandström heute altersweise Mühe. Die Rückkehr, sagt er, sei
ein Versuch, jetzt auch über die eigene Szene hinauszuwirken.
Für den richtig großen Wurf hätten aber
auch Refused mehr Mut gebraucht. Sie wollen zu viel gleichzeitig, das merkt man vor
allem auch den Texten an. Freedom zeigt
mit dem Finger auf alle denkbaren Konfliktfelder, den Kongo, Neokolonialismus,
Rassismus, Sexismus, aber es erschöpft
sich dabei in Phrasen. Wo bleiben kluge,
fiese Fragen, wie sie ein Song wie Summer
Holidays Vs. Punk Routine aufwarf? Wenn
Françafrique mit einem Kinderchor beginnt und „Murder, murder, kill, kill, kill“
anstimmt, dann überzeugt hier nicht der
wenig subtile Text, sondern allenfalls, wie
die bewusste Verschleierung, die hinter
dieser Begriffspolitik steht (Françafrique
bezeichnet euphemistisch das Verhältnis
Frankreichs zu seinen ehemaligen Kolonien), musikalisch durch den naiven Singsang gespiegelt wird.
Das Album wird dem Ruf von Refused zu
Recht keinen Schaden antun. Was angesichts der Erwartungen zu wenig ist. SzeneKreisch-Breakdown-Phrasen wie „Destroy
the man“ hätten sie unterlassen können.
Die zweite Hälfte des Albums ist nicht
mehr als guter Durchschnitt. Trotz eines
genial funkigen Einstiegs in den Refrain
von Servants of Death und charmanter Bläser bei War On the Palaces.
Die Paradoxie, die entsteht, wenn Kritik
konsensfähig wird, führt Refuseds smarter
Giganto-Hit New Noise seit 1998 wunderbar
vor: „We enjoy all the wrong moves, we
need new noise“, hieß es in diesem Song,
der selbst kanonisiert worden ist und in
der Studentendisco irgendwie jedem gefällt. Neu ist dieser Krach längst nicht mehr,
und so funktioniert nun auch er als Mainstream-Hit. Eine solche Weitsicht ist selten.
Refused seien nicht mehr dazu da, zu belehren, sagt David Sandström im Jahr 2015.
Das ist durchaus schade.
Freedom Refused Epitaph Europe/Indigo 2015
Gestreckter Stoff
TV-Serie Die zweite „True Detective“-Staffel startet mit Figuren, die ihre Verwicklungen erst entdecken müssen
■■Barbara Schweizerhof
B
ei der Buchlektüre wird oft empfohlen, einem Roman mindestens 30
Seiten zu geben. Manchmal müssen
es auch 70 sein, dann aber kann sich, was
eben noch bemühte Ausdauer war, in Gefolgschaft umwandeln, oder sogar in Sucht.
Womit wir beim Thema wären: der neuen
Staffel von True Detective.
Schon die erste Staffel der Serie protzte
mit ihrer Literarizität. Jede Folge fühlte sich
wie ein abgeschlossenes Kapitel an, in dem
das zentrale Rätsel immer enger umzingelt
wurde, dabei aber hartnäckig Widerstand
leistete. Matthew McConaughey gab Sätze
von sich, die umso zitierfähiger waren, je
nebulös-düsterer das Denken dahinter
schien: „Die Zeit ist ein flacher Kreis.“ Wem
das nicht genug Stoff bot, um die Woche
bis zur nächsten Folge zu überbrücken, der
konnte sich der verstreuten obskuren
Buchreferenzen annehmen und etwa in
Robert W. Chambers’ The King in Yellow
nach Antworten suchen.
Fast alles ist nun neu in der zweiten Staffel, deren erste Episode am Sonntag Premiere hatte: der Ort, die Zeit, alle Figuren, alle
Schauspieler. Statt der Sümpfe von Louisiana also der Asphalt in und rund um Los
Angeles. Statt eines Hin und Her zwischen
Vergangenheit und Gegenwart eine vergleichsweise gerade Chronologie. Statt
Woody Harrelsons und Matthew McConaugheys Pat-und-Patachon-PolizistenNummer nun vier Hauptfiguren, die ihre
gemeinsame Verstrickung erst noch entdecken müssen. Für Serien, die sich auf solche
Weise von Staffel zu Staffel rundum erneuern, gibt es einen – natürlich – aus der Literatur entlehnten Begriff: Anthology.
Mit den verbindenden Elementen, die
ein solches Format braucht, geht die erste
Episode sparsam um. Das Offensichtlichste
ist das Intro: Diesmal singt, nein spricht Le-
onard Cohen bedeutsam klingende Sätze
wie „I was not caught, though many tried /
I live among you, well disguised“ über einer suggestiven Collage von Figuren und
Straßenkreuzungen und entwickelt dabei
fast noch mehr Sogkraft als zuvor der Gothic-Folk-Song Far From Any Road von The
Handsome Family. Braucht es mehr Überredung, um erst mal dabeizubleiben?
Lächerliche Berufswahl
Dann aber sucht man besser nicht mehr
nach Gemeinsamkeiten, es könnte sich
sonst voreilig Enttäuschung einstellen. The
Western Book of the Dead betitelt, ist die
erste Folge eher eine Einführung, deren
Verständlichkeit kunstvoll gedeckelt wird.
Man erfährt wenig mehr, als dass sämtliche
Hauptfiguren mit schweren Problemen
kämpfen. Bei Polizist Ray (Colin Farrell)
sind es der Alkohol und die Tatsache, dass
seine Frau vor Jahren vergewaltigt wurde.
Der Wunsch nach Rache brachte ihn mit
dem Ex-Ganoven und heutigen Bauentwickler Frank (Vince Vaughn) zusammen,
woraus sich offenbar eine andauernde KoAbhängigkeit entwickelte. Die Polizistin
Ani (Rachel McAdams) hat es kaum besser:
Ihr linksliberaler Guru-Vater (David Morse)
belächelt ihre Berufswahl, eine im Onlinepornobusiness tätige Schwester und eine
tote Mutter runden das Bild einer recht
verhängnisvollen Familie ab. Und dann ist
da noch Verkehrspolizist und Kriegsveteran Paul (Taylor Kitsch), dessen narbenübersäter Körper quasi das Wort Trauma
schon buchstabiert. Ein dann doch wieder
recht gruslig ausgeführter Mordfall bringt
diese Figuren erst in der letzten Einstellung
der Folge zusammen. Dann erklingt Nick
Cave, und es ist immer noch zu früh, um
abzusehen, ob sich das Weitergucken lohnen wird. Frei nach Rumsfeld gibt es einfach zu viel, wovon wir noch gar nicht wissen, dass wir es nicht wissen.
Kultur 23
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Das weiße Stottern
Debatte Der Identitätswechsel
der Aktivistin Rachel Dolezal
von „Weiß“ zu „Schwarz“ zeigt:
Wer antirassistisch handeln
will, sollte vor allem zuhören
schichtsversprechen, er trat stets im bürgerlichen Anzug auf und hing einem überaus konservativen Geschlechtermodell an.
Ein ganz anderes Bild des „schwarzen
Amerikaners“ jener Tage, ein Bild, das ein
Weißer zeichnete, wirkt aber eigentlich
stärker nach, es mündet bis heute in den
Satz: „Schwarze können halt besser tanzen.“ Der Schriftsteller Norman Mailer recherchierte in den fein verästelten Subkulturen New Yorks und schwelgte 1957 in
seiner eigenen Blackness-Fantasie: The
White Negro heißt sein berüchtigter Aufsatz, in dem er von der Figur des „schwarzen Hipster“ schwärmte und ein Bild des
immer ekstatischen, lustvollen, sozusagen
rhythmusbetonten Schwarzen zeichnete.
„Rassistisch“ sei sein Text nicht gemeint,
beteuerte Mailer, er habe bloß die Coolness abfeiern wollen, die Schwarzen quasi
von Natur aus zu eigen sei.
■■Katja Kullmann
I
n ein paar Jahren dürfte der „Fall
­Dolezal“ im Kino laufen. Zu vielschichtig der Plot, zu widersprüchlich seine Protagonistin, zu emotionalisierend der Stoff, als dass sich
Hollywood das entgehen lassen könnte.
Womöglich wird die Story eines Tages auch
in US-Schulen im Geschichtsunterricht besprochen. Als Schlüsselmoment für einen
gesellschaftlichen Wandel. Als der Augenblick, in dem ein Umdenken begann, endlich auch auf den populären Kanälen, bei
der sogenannten breiten Masse. #wrong­
skin („falsche Haut“) heißt das Hashtag, mit
dem Tausende derzeit ihre Solidarität und
ihre Beunruhigung, ihre Wut und ihre Fragen, ihre wie auch immer geartete innere
Beteiligung am „Fall Dolezal“ markieren.
Die Eckdaten, wie sie dies- und jenseits
des Atlantiks erzählt werden: Die Aktivistin
Rachel Dolezal kämpfte jahrelang gegen
den Rassismus in der US-Gesellschaft, engagiert, ernsthaft. Dann stellte sich heraus:
Die Frau mit der Afrofrisur ist als Weiße geboren. Mit Dauerwellen und Bräunungscreme hat sie sich als „schwarze Frau“ nur
verkleidet. Ohne dies aber jemals zu thematisieren oder ihre Kollegen bei der NAACP,
der National Association for the Advancement of Colored People einzuweihen.
Während die Verblüffung und die Empörung die US-Öffentlichkeit noch beschäftigten, stürmte ein 21 Jahre junger weißer
Mann im Bundesstaat South Carolina in
eine von Schwarzen besuchte Kirche und
erschoss neun Menschen (siehe S. 9). „Aus
Hass“, wie er später zu Protokoll gab. Unterdessen ermittelte die Washington Post:
Zwei Drittel der seit Jahresanfang registrierten Opfer von US-Polizeigewalt waren
Nichtweiße – people of color.
Der „Fall Dolezal“ wirft nun ein weiteres
Schlaglicht auf den Rassismus – und das
Entscheidende ist, dass er das aus einer ungewohnten Perspektive tut: Er handelt im
Wesentlichen vom Weißsein.
Nur Denkfiguren
„Der Fall Dolezal ist eine Sache der Weißen“: Das klingt zunächst wie ein weiterer
Übergriff aus der selbsternannten white
­supremacy, wie ein weiterer Akt der Kolonisierung. Es ist an dieser Stelle anzumerken, dass die Autorin dieses Beitrags selbst
weiß ist. Sie ist sich bewusst, dass sie qua
Hautfarbe privilegiert ist. Sie begreift sich
als Antirassistin und hat verstanden (glaubt
sie, hofft sie), dass sie vieles falsch macht,
wenn sie sich zu Rassismus äußert. Weil sie
es nur von außen tun kann, nur aus der
Herrschaftsperspektive. Weil sie mit ihren
weiß geprägten Denkfiguren die Verhältnisse womöglich noch fortschreibt – obwohl sie gerade das Gegenteil will.
Der letztgenannte Punkt entspricht in
etwa den Vorwürfen, die auf Rachel Dolezal
einhageln. Anmaßung, Geschmacklosigkeit,
Rassismus in antirassistischem Gewand,
legt man ihr zur Last. Viele vergleichen die
Mimikry der Aktivistin mit dem black­
facing, mit der unseligen Tradition aus den
Minstrel-Shows des 19. Jahrhunderts, bei denen Weiße sich schwarz schminkten, um
sich über die anderen lustig zu machen. In
falsch verstandener Solidarität habe Dole­
zal sich eine fremde Identität angeeignet –
die sie allerdings jederzeit wieder ablegen
könne, sagt etwa der afroamerikanische USTheologe Broderick Greer. „Nur ein weißer
Mensch kann so viel Aufmerksamkeit bekommen fürs Schwarzsein“, twitterte Greer.
Er schrieb auch: „Dolezal zeigt uns, wie
dumm die Konstruktion von race ist.“
Tatsächlich ist das ein positiver Effekt des
Skandals: Der Begriff race ist nun wieder
einmal breit dekonstruiert worden, klar
und deutlich, auch in den Mainstreammedien: Es gibt – wissenschaftlich unbestritten – keine genetisch bestimmbaren „Rassen“ unter den Menschen. Die „Rasse“ ist
der Mensch an sich. Die UNESCO weist seit
den 1950er Jahren darauf hin, dass der Begriff race lediglich als soziokulturelle Kategorie dienen kann, ähnlich, wie wir heute
Kritisches Weißsein ist schwer
Im besten Fall löst sich das alles auf
den Begriff gender verwenden. (Siehe dazu
den Beitrag Identität ist mehr als eine Lau­
ne aus dem Freitag 25/2015). Zuletzt machten sich 1995 Wissenschaftler dafür stark,
das belastete Wort race ein für alle Mal
durch einen anderen Begriff zu ersetzen –
der indes noch gefunden werden muss.
Vom passing (vom „Durchgehen-als-ob“)
sprechen traditionell die US-Sozialwissenschaften, wenn ein Mensch seine RaceIdentität ändert, etwa indem er vom
schwarzen Bürger zum weißen wird. Ebendies war für viele Afroamerikaner in den
USA jahrhundertelang eine Überlebenstechnik, ein Kraftakt der Selbstverleugnung
und Anpassung. Je heller die Haut, desto
eher war der Identitätswechsel möglich.
Das Kappen sozialer und familiärer Bande
gehörte zum passing dazu.
Dolezal erklärt ihre Variante des passing
kurzgefasst damit, dass sie sich „sozial
schwarz“ fühle, und verweist unter anderem auf ihre Erfahrungen von Leid. Sie
wurde in ein Elternhaus mit deutsch-polnischen Wurzeln geboren, in dem ein, gelinde gesagt, radikaler Erziehungsstil gepflegt
wurde. Die Kinder wurden via Heimunterricht aus öffentlichen Schulen ferngehalten
und, so berichtet es auch einer von Dole­
zals Brüdern, körperlich misshandelt.
Genau hier dockt die #wrongskin-Welle
– die wesentlich von Weißen getragen ist –
an: an Leiderfahrungen. Einer der Ersten,
die das Schlagwort in Umlauf brachten, ist
der US-Student Godfrey Elfwick, der sich
als „gender-queerer muslimischer Atheist,
weiß geboren in der falschen Haut“ beschreibt, der „das Leben durch die Linse
von Minderheitenfragen betrachtet“.
Das ist das erfrischende Moment an
#wrongskin: Es treibt die Dekonstruktion
der „Rassen“-Vorstellung weiter, indem es
race eindeutig als soziale Kategorie behandelt, nicht als etwas, was „im Blut“ eines
Menschen schwimmt, sondern als Indika-
Nach all der
Mimikry ist
der Begriff der
„Rasse“ nun
hoffentlich
bald durch
tor für Ungleichbehandlung. Die weißen
#wrongskin-Twitterer spüren augenscheinlich eine Solidarität, weil sie selbst viele Arten von Diskriminierung erfahren haben.
Aber eine eben nicht: den Rassismus.
Genau das ist das Problem bei Rachel
Dole­zals verquerem Aktivistinnentum und
der #wrongskin-Welle: Der lebensgefährliche Faktor Hautfarbe wird ausgeblendet
beziehungsweise für ein merkwürdiges
Rollenspiel missbraucht. Beides sind sicher
„gut gemeinte“ Versuche von Weißen, einen symbolisch-politischen Schulterschluss herzustellen, sich auf die Seite der
anderen zu schlagen, mit ihnen zu gehen
– und: für sie zu sprechen.
Beides rührt indes nicht nur an die Frage
einer letztlich doch wieder kolonisierenden Aneignung fremder Zeichen, sondern
auch an die Frage nach der Repräsentanz:
Inwieweit können, dürfen, sollen sich Angehörige einer privilegierten Gruppe einmischen in den Kampf, den Unterprivilegierte gegen die Privilegienstruktur führen? Auch die aggressive Umarmung des
potenziell Schwächeren durch den Stärkeren ist eine Form von Paternalismus.
sismus äußern – neben Theoretikern wie
Mbembe etwa die populären Autoren Teju
Cole (USA) und Zadie Smith (Großbritannien) oder hierzulande die Künstlerin und
Aktivistin Noah Sow –, so ist die Geschichte der US-Bürgerrechtsbewegung durchzogen von ganz unterschiedlichen Varianten
und politischen Strategien der Blackness.
So setzte Martin Luther King auf die Integration in das kapitalistische Mittel-
Nein, bestimmte Formulierungen, bestimmte Zeichenspiele „gehen“ eben nicht
mehr. Wir wissen mehr als früher, wir haben reichhaltige Möglichkeiten, den jeweils
anderen zuzuhören. Wer als weißer Mensch
den Rassismus bekämpfen will, hat anzuerkennen, wodurch people of color sich verletzt oder beleidigt sehen. Und er muss
bereit sein, sein eigenes Weißsein als wesentliches Teil des Problems zu sehen.
Genau dies können Weiße jetzt aus dem
„Fall Dolezal“ lernen. Critical Whiteness, kritische Weißseinsforschung, heißt eine
Denkschule, die in den USA in den 1990er
Jahren entstand und auch hierzulande nun
erstarkt. Ihre Kernthese: Das Weiße ist das
andere – nicht die Gesamtheit des anders
Getönten. „Es geht (dabei) nicht darum, als
Weißer jetzt endlich alles richtig zu machen, indem man neue Regeln lernt“, erklärte die amerikanische Philosophin Millay Hyatt, weiß, im Deutschlandfunk. Sondern es gehe „um die Analyse dessen, was
wir meinen und was wir tun, wenn wir
sprechen und denken. Um das Gewahrwerden dessen, was wir bisher gar nicht als
Struktur unseres Denkens wahrgenommen
haben.“ Wer sein Weißsein kritisch hinterfrage, werde zunächst eher „ein Stottern als
ein souveränes Reden“ hervorbringen.
Aber das ist wohl genau das, was Solidarität mit people of color dieser Tage ermöglicht: ein respektvolles Stottern. Und an­
sonsten: zuhören, zuhören, zuhören.
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Überall schwarze Phantome
„Zu den Merkmalen der Rasse und des Rassismus gehört auch das Bestreben, stets
einen Doppelgänger, einen Ersatz, ein
Äquivalent, eine Maske, ein simulacrum
hervorzuholen oder zu erzeugen“, schreibt
der kamerunische Politikwissenschaftler
Achille Mbembe in seinem programmatischen Buch Kritik der schwarzen Vernunft
(Suhrkamp, 2014). „Sobald sich ein authentisches menschliches Gesicht zeigt, bemüht
sich der Rassismus, es in den Hintergrund
zu drängen oder mit einem Schleier zu verhüllen. Anstelle des Gesichts lässt man aus
den Tiefen der Phantasie ein Phantomgesicht aufsteigen, das simulacrum eines Gesichts, eine Silhouette.“
Bräunungscreme und Dauerwelle: Mit
gut einem Jahr Vorsprung hat Mbembe beschrieben, was Dolezals Verkleidung und
letztlich auch die #wrongskin-Idee kennzeichnet – die Verengung des Bildes des
„schwarzen Menschen“ auf ein simula­
crum. Auf das simulacrum Afrofrisurenträgerin. Oder eben auf den nicht für sich
sprechen könnenden ewigen Underdog,
das Überopfer im Kapuzenpulli.
So wie es aber viele people of color gibt,
die sich klar, originell und scharf zum Ras-
01 Ich habe einen Traum / 02 Ohne Warum (sunder warumbe)
03 An meine Kinder / 04 Novalis / 05 Der Krieg / 06 Die Mordnacht von Kundus / 07 Fast ein Held
08 Dass alles so vergänglich ist / 09 Die Gedanken sind frei / 10 Eins mit deinem Traum
11 Und dann / 12 Auf der Suche nach dem Wunderbaren / 13 Heiliger Tanz / 14 Revolution
Zugabe: 15 Willy 2015 / 16 Gefrorenes Licht (für Hans-Peter Dürr)
Erhältlich als: Limitierte Doppel-CD / CD / Download / Limitiertes Doppel-Vinyl
WWW.WECKER.DE
24 Kultur
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Kultur 25
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
„Ent-identifiziert euch!“
Im Gespräch Jonathan Meese und Harald Falckenberg treffen sich gelegentlich auf eine Pekingente.
Nun sprachen sie vor Publikum über Dinge, mit denen man die Zukunft nicht belästigen sollte
Harald Falckenberg: Es ist immer
schwierig, mit dir Gespräche zu
führen, das weiß ich schon lange.
Neulich hast du aus einem
Gespräch mit Redakteuren vom
„Spiegel“ gleich eine Performance
gemacht. Mit Hitlergruß und
allem Drumherum. Du hast
das Kommando übernommen
und dich damit auch juristisch
gerettet: Artikel 5, Absatz 3
des Grundgesetzes. Mal sehen,
was wir heute schaffen.
Jonathan Meese: Ich hab ’ne
Magenverstimmung, also
ich muss richtig ruhig werden.
Wir reden über Wagner heute,
über Bayreuth und was davon
übrig ist. Vor ein paar Jahren hast
du mal von den Nährketten
als Strängen des Menschlichen
gesprochen: Nero, Caligula,
Lautréamont, Wagner, Nietzsche,
Heideg­ger, Ezra Pound, Wilhelm
II., Stalin, Hitler, Beria und Pol
Pot. Da hat jemand gefragt: „Nur
Männer?“ Und du hast
geantwortet: „Das sind alles
Frauen. Richard Wagner ist mit
Sicherheit eine der extremsten
Frauen, die es je gegeben hat.“
Das ist richtig, und das ist ein
Gesetz. Richard Wagner war eine
Frau. Er hat sich so gegeben. Das
wollen die heute nicht wahrhaben.
Aber die Dynastie ist weiblich.
Du bist kein Wagnerianer, oder?
Nein! Für Nostalgie hab ich
keine Zeit! Die wollten mich da
instrumentalisieren, um ihren
Gott zu pflegen. Aber Richard
Wagner ist kein Gott.
Du solltest „Parsifal“ inszenieren.
Worum geht es da?
Ein Künstler befreit die Welt und
wird hoffentlich nicht Gralskönig.
Das wollen diese gralsfanatischen
Kulturschleimer natürlich, dass
er der nächste König wird, aber die
Kunst verbietet das.
Aber in dem Stück wird er doch
Gralskönig?
Wir wissen nicht, was passiert,
nachdem er den Gral entgralt hat.
Ich geh davon aus, dass er ein
Künstler ist, der sich nicht zum
miesen König aufschwingt,
sondern dass er Künstler bleibt
und wieder zurückgeht zu Mama.
Aber die ist inzwischen gestorben.
Ich weiß, das macht nichts, dann
sucht er sich eine neue oder geht
zurück zu Mutter Natur. Aber
das mögen die Wagnerianer nicht.
Deswegen haben sie mich entfernt.
Diese niederknienden Wagnerianer
sollen einfach nach Hause gehen
und in einer Zeitmaschine zurückgeschickt werden – aber in die
vorwagnerianische Zeit.
(Es folgt eine längere Sequenz, in
der Falckenberg im Einzelnen die
Handlung des Parsival nacherzählt. Unterbrochen nur hin und
wieder von Meeses begeisterten
Einwürfen: „Die find ich super,
die Geschichte. Die hab ich
so noch nie gehört. Das ist die
hanseatische Darstellung,
spitze.“ – „Das muss verfilmt
werden.“ – „Das ist doch geil.“)
Wie bist du denn eigentlich zu
diesem Stück gekommen?
Die Leute glauben, ich hätte mich
da eingekauft in Bayreuth.
Durftest du da eigentlich den
Text verändern? Die Musik?
Ich wollte alles verändern.
Mit Christoph Schlingensief
hab ich darüber viele Gespräche
geführt. Der hat immer gesagt,
den Plan aufzustellen, das war
die Vorhölle. Aber die Proben,
die waren die echte Hölle. Er hat
später die Inkubation seines
Krebses auf die Bayreuth-Zeit
zurückgeführt.
Also ich habe mich nicht eingekauft. Ich hab mich auch in den
Deichtorhallen nicht eingekauft
und auch hier an der Volksbühne
nicht. Ich bin gefragt worden,
von Katharina Wagner, und ich
fand sie supergeil. Ich hätte sie
zur absoluten Chefin dieses Hauses
gemacht. Betonfest installiert.
Ich war ganz erstaunt, als die
Dame kam. In einem Pelz. Sie hatte
so was Proletiges. Ich fand sie
spitzenmäßig. Es ging um Kunst,
sie sagte, wir müssen was ganz
Großes aufziehen, machen Sie mal,
Herr Meese! Mehr, als uns lieb ist!
Machen Sie mal Regie, machen
Sie Bühnenbild und Kostüm, und
dann können Sie ja auch noch in
alles, alles, alles. Dieser Laden
muss absolut entheiligt werden!
Diese Heiligsprechung von
Wagner muss aufhören, die wird
ihm nicht gerecht, der ist kein Gott.
Das ist kein Religionsersatz,
das ersetzt alle Religionen. Am
Ende seines Lebens ist Wagner
klar geworden, dass jede Religion,
jede Politik, jede Spiritualität,
jede Esoterik ausgereizt ist.
Abgesehen vom dritten Akt.
Ja, den hat er aber noch mal
gebracht, um zu zeigen, wie
degeneriert diese ideologischen
Zusammenrottungsgesellschaften
sind. Wagner war jedenfalls kein
Kulturschleimer.
Sein Vater ist ein Jahr nach der
Geburt gestorben. Seine Mutter
hat einen Schauspieler geheiratet,
der zwei Jahre danach ebenfalls
starb. Er wuchs also vaterlos auf.
Er war ja 1848/49 ein Rebell, er
war in Paris, in Dresden, schloss
sich anarchistisch-kommunis­
tischen Gruppen an, wollte die
ganze Gesellschaft aufreißen.
Dann musste er sich nach Zürich
absetzen. Die Revolution war
gescheitert, und er erklärte sie
zur Utopie. Aber er hat an seiner
Entscheidung, gegen die Gesell­
schaft aufzustehen, festgehalten.
Kunst ist immer systemzerstörend,
immer. Richard Wagner war
tatsächlich einzigartig in seiner
Liebe zur Kunst. Jetzt sind da nur
noch miese Kulturschleimer. Wir
können ja Winifred und Cosima
Wagner scheiße finden, aber
die hatten wenigstens Rückgrat.
Die hatten Haltung. Ob man
die Haltung mag, ist mir egal.
zeigen, weil ich ihren geilen Hitlergruß als Meese-Gruß benutze.
Provinzkacker? Gehört Angela
Merkel auch dazu?
Alle Politiker sollen abdanken, alle.
Brauchen wir nicht mehr. Parsifal
will in die Zukunft. Das Schlimmste
ist, wenn ein Mensch die Zukunft
nicht mehr willkommen heißt.
Ich will pennen, will diese Kackzeit, diese Scheiße wegpennen,
Schlaf ist versachlichte Führung,
Diktatur der Kunst. Wer in
der Monarchie leben will oder
im Kommunismus oder in einer
Ultrademokratie, soll sich eine
Zeitmaschine nehmen. Die
Zeitmaschinen sind dafür da,
diese Pissnelken, die nicht
die Zukunft wollen, nach hinten
zu katapultieren.
„Ich dachte, die will, dass
ich ihren Kulturschleimtempel
in Bayreuth zertrümmere“
Wahnfried eine Ausstellung
machen. Ich hätte da 1.000 Seiten
Gedichte geschrieben, 50.000
Seiten Vornotizen, ein riesiges
Gesamtkunstwerk.
Ich dachte, es gibt Regeln,
die alle zu brechen sind, und ich
dachte, ich werde eingeladen,
um diesen Kulturschleimtempel
zu zertrümmern. Ich dachte,
die Katharina will mich haben,
um der ganzen Politikerkaste
die Rote Karte zu zeigen.
Und das war ein riesiges
Missverständnis.
Ja. Und jetzt sind da mit Aus­
nahme von Neo Rauch bis 2020
optimiert-mittelmäßige Typen,
die nichts anderes tun werden,
als den Wagnerianern in den
Arsch zu kriechen. Bei mir wäre
man wenigstens noch das
Risiko eingegangen, etwas total
Be­schissenes abgeliefert zu be­
kommen, ein Fiasko. Oder das
Allergeilste. Es wäre zur Machtergreifung der Kunst gekommen.
Jetzt gibt es nur Operettisierung.
Wenn man den Meese einlädt,
in Bayreuth das Bühnenbild, die
Kostüme zu machen und eine
Wahnfried-Ausstellung zu machen,
dann will man doch den totalen
Umsturz. Dann will man doch alles
in Zweifel ziehen, alles entheiligen,
Die Haltung war fürchterlich.
Aber sie hatten welche. Leute
ohne Rückgrat sollen mich
nie wieder in meinem Leben
kontaktieren. Deshalb liebe ich
dich so, Harald. Du bist eine
völlig einzigartige Figur.
Deswegen haben wir so ein gutes
Verhältnis. Ich belästige dich
nicht, und du belästigst mich
nicht. Wir essen Pekingente
und irgendwas, aber wir lassen
uns in Ruhe. Noch eine sachliche
Frage: Es geht bei solchen Insti­
tutionen immer auch darum,
wie sie in Zukunft überleben
können. Wagner ist eine
Dynastie und eine Wirtschafts­
institution. Die versuchen zwar
verzweifelt, junges Blut ein­
fließen zu lassen, aber sie haben
trotzdem noch die ganze Garde
der Wagnerianer zu bewältigen.
Aber das sind doch Scheintote.
Aber in den letzten Monaten
ging es doch darum, ob die
Macht der Wagners durch den
Staat Bayern gebrochen wird.
Wird das dann besser?
Nein. Dass die Politik da eingreift,
ist der Endpunkt. Da sollte man
besser sagen, das wird geschlossen.
Ein CSU-Schauspiel, das den
Politikern gefällt, irgendwelchen
Provinzkackern, die mich an­
Jonathan Meese? Ich glaube,
es fehlte am Ende einfach auch
der Mut.
Ja. Wir können auch auf die
Venedig-Biennale gehen, wir
können auf die Documenta
gehen, da geht es ähnlich zu. Gute
Künstler liefern miesestes Zeug
ab. Weil sie unter Druck gesetzt
werden, weil sie auf der Kulturschleimspur unterwegs sind.
So viele Künstlerkollegen sind inzwischen die widerlichsten Typen
geworden. Sie sind Professoren
geworden, um Claqueure zu
züchten für ihren miesen Scheiß.
Wen kennst du, wen kennst
du nicht? Mit wem bumst du, mit
wem bumst du nicht?
Das ist für mich alles weg, passé,
ich mach meine Sachen, aber ich
„Politik kann man
nicht mit Kultur bekämpfen.
Sondern nur mit Kunst“
A B B . : J o n at h a n M e e s e „ A M F O R TA S “, A c r y l a u f L e i n wa n D / V G B IL D - K UNST, B ONN 2 0 1 5 ; f o t o S : M A N F R E D SIE B IN G E R / I M A G O, B R EUEL- B IL D / D PA ( UNTEN )
A
us dem Maschinenraum der Kunst“ lautet
das Motto der Abende
im Roten Salon der
Berliner Volksbühne,
an denen sich der Sammler Harald
Falckenberg mit Künstlern unterhält. Monica Bonvicini und Thomas
Demand waren dort schon zu Gast,
um über die Bedingungen zu sprechen, unter denen Kunst entsteht
und rezipiert wird. Nun also Jonathan Meese, und natürlich ist das
sein Thema, wurde er doch vom
Grünen Hügel gejagt und vor Gericht gestellt, und auch wenn es um
Kulturpolitik geht, hat er seine ganz
eigene Meinung.
Das ist alles so ekelerregend.
Die Leute sind alle so ekelerregend.
Warum schaun die nicht mal
morgens in den Spiegel und
merken, dass sie scheiße sind? Sie
sollen Wagner nicht belästigen.
Natürlich war der problematisch
am Ende.
Aber mein Gott, der war so
genial, der Typ. Wir brauchen
doch nicht so einen daherge­
laufenen CSU-Politiker, der glaubt,
mit fünf Euro könne der sich
Geschmacksterrorismus kaufen.
Was wollen diese Typen? Eine
Wurst essen? Und dann darüber
diskutieren, ob Parsival in ihren
Arsch passt oder nicht? Ich hab
mir diese Typen alle angeguckt.
Ich hab ja auf lieb Kind gemacht.
Ach, nee!
Ja, ich hab total auf lieb Kind
gemacht. Ich merkte ja schon,
dass ich im Wagner-Forum so als
Monster dargestellt wurde. Ich
bin kein Monster. Ich wollte das
Ding nur radikalisieren. Ich hab
auf nett gemacht und so getan,
als wäre ich gar nicht ich selbst.
Was ich ja immer tue. Sei niemals
du selbst. Keine Selbstsuche, bitte.
Keine Pilgerfahrt. Keine Möncherei. Ich bin einfach wie ’n Spielkind da rangegangen, und ich
dachte, jetzt geht’s ab.
Ich dachte, das sind alles
Floskeln: Bauprobe, Schuh kostet
hundert Euro oder zehn, ich hab
immer gedacht, das ist ein Witz.
Ich meine, ich hätte das alles aus
der Westentasche bezahlt, oder
einmal in die Paris Bar, und dann
hätten wir das Ding gestemmt.
Einmal sagen „Hut auf, spendiert
mir das“ – kein Problem!
Das Budget war so lächerlich.
Was ich hatte, das war eines
Wagners überhaupt nicht würdig.
Das ist ’n Witz.
Ja, die Sache mit den Kosten ist
absurd. Das war eine Pseudo­
begründung. Tatsache ist aber,
dass Bayreuth in der Krise ist.
Zum ersten Mal wurden im ver­
gangenen Jahr nicht alle Karten
verkauft. Und es gab im Vorfeld
viele Stimmen von Wagnerianern,
die sagten: Was soll das mit
will sonst nicht gestört werden
mit irgend so ’nem kulturellen
Kleinpupskram. Ich will auch
kein Guru sein, ich möchte nicht,
dass mir irgendwelche Künstler
hinterherlaufen.
Kultur ist genauso beschissen
wie Gegenkultur. Mainstream ist
genauso beschissen wie Underground. Kultur und Gegenkultur
ist das Gleiche. Politik kannst
du nicht mit Kultur bekämpfen.
Sondern nur mit Kunst. Du kannst
nicht eine neue Partei gründen,
weil sie genauso scheiße ist wie
jede andere. Du kannst keine neue
Religion gründen, weil sie genauso
scheiße ist wie alle anderen.
Du kannst keine neue Esoterik
schaffen, weil sie genauso scheiße
ist wie jede andere. Du kannst
keine Spiritualität schaffen, die
besser wäre als alle anderen.
Jede Partei ist gleich scheiße,
jede Religion ist gleich zukunftsunfähig, jede Esoterik ist abzu­
Jonathan
Meese, 45,
ist einer
der be­
rüchtigtsten
deutschen
Künstler. Die Frage, ob er den
Hitlergruß reflexhaft oder
aus künstlerischem Antrieb
zeigt, beschäftigte mehrfach
die Gerichte. 2016 sollte er in
Bayreuth Parsifal inszenieren,
wurde jedoch mit der Begründung gefeuert, sein Konzept
sei nicht zu finanzieren
Harald
Falckenberg,
71, ist einer
der be­
kanntesten
deutschen
Kunstsammler. In einer
früheren Gummifabrik in
Hamburg-Harburg zeigt er
Werkschauen meist zeitgenössischer Künstler und
Glanzstücke seiner Sammlung, darunter Meeses
Installation La chambre
secrète de BALTHYS
lehnen. Ich benutze Esoterik, aber
ich identifiziere mich nicht damit.
Ich identifiziere mich nicht mit
Wagner, ich identifiziere mich nicht
mit Bayreuth, ich identifiziere
mich mit gar nichts.
Ent-identifiziert euch! Seid
nicht mehr! Seid eine Nummer!
Seid endlich eine Nummer!
Das ist geil. Seid kein Name!
Seid kein Individuum! Seid kein
Ich! Macht keine Nabelbeschau,
keine Pilgerreise, geht niemals ins
Kloster, guckt euch niemals im
Spiegel an, guckt immer vorbei!
Macht niemals den Fehler, dass
ihr auf den Trip geht, euch selbst
spiegeln zu wollen. Ihr seid es
nicht. Es ist nicht die Wichtigtuerei,
die die Kunst ausmacht, sondern
der Dienst an der Kunst. Die Kunst
ist völlig frei. Meine Arbeit, die
ist mir zuzuschreiben, aber nicht
die Kunst. Die spielt sich an mir ab.
Entweder du arbeitest hermetisch
im Bunker für die Sache, oder
du arbeitest für dein mickriges Ich.
Diese ganzen miesen Extremsportler, die sagen, dass sie ihre
Grenze kennenlernen wollen.
Die Grenze ist dein Schlaf und
die Tatsache, dass du pissen
musst! Und diese Grenze ist so
klar definiert. Diese Leute sind
so schwachsinnig. Die sind so
mickrig. Die sind so gelangweilt
von sich selbst, und deswegen
suchen sie ihr Ich.
Diese ganzen Ich-Mönche, diese
Ich-Versauten. Ich will mit ihnen
nichts zu tun haben. Ich will ihnen
auch nicht helfen. Ich will Abstand.
Haut ab. Verpisst euch. Kontaktiert
mich nie wieder. Nie wieder.
Ich will in kein Kulturprogramm.
Ich bin der Kulturzerstörer. Ich bin
dafür da, jede Kultur, jede Politik
zu zerstören. Das ist meine Aufgabe.
Es ist völlig egal, wie alt du bist.
Aber wenn du das Neue willkommen heißt, bist du auch bei mir
willkommen. Aber es muss das Totalstneue sein. Nicht irgendwelche
kommunistischen Spielchen oder
Faschisto, oder Demokratihihi.
Reformieren geht gar nicht, das
ist alles tot, das Tote kannst du
gar nicht reformieren. Zeitverschwendung. Geht doch zurück,
wenn ihr dahin wollt. Aber
belästigt bitte nicht die Zukunft.
Wagner wollte die Zukunft.
Zertrümmerung, Dekonstruktion,
das Neue. Was hat man daraus
gemacht? Es ist widerlich. Ich hab
damit nichts zu tun.
Ich möchte lieber jeden Tag ins
Bett gehen, schön die Demokratie
wegpennen, und alles wegpennen,
was weggepennt werden muss …
Selbst Stalin, als er geschlafen
hat, war kein Stalinist. Oder Hitler
war auch kein Hitlerist, wenn
er geschlafen hat. Auch ein CDUMitglied, FDP-Mitglied, AfD,
Linke, ist ja kein Mitglied dieser
Partei, wenn es schläft oder auf
der Toilette sitzt.
Mythen gehören ins Märchen,
und die dürfen niemals transferiert
werden in die Realität. Aber
das Tolle ist, aus dem Wort Kunst
kannst du nur das Wort Stunk
machen, und wer nicht Stunk
macht, der soll nach Hause gehen.
Jonathan, sei doch froh.
Du bist nur durch die Vorhölle
der Planungen gegangen, die
Hölle der Umsetzung ist dir
erspart geblieben. Ich bedanke
mich für das Gespräch.
26 Film
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Nicht im Kino
Guck mal, wer da
klopft: „The Guest“
und die VHS-Zeit
The Guest Adam Wingard USA 2014,
96 Min., Splendid/WVG, auf DVD/Blu-ray
und Video-on-Demand (ca. 4 €)
F o t o : P E T E S O U Z A / T H E W H I T E H O U S E / G E TT Y I M A G E S
S
ehr plötzlich steht der Afghanistan-Veteran David (Dan Stevens)
vor der Tür der Familie Peterson,
die um ihren im Krieg gefallenen Sohn
trauert. Der Fremde sei eng befreundet
mit ihm gewesen und habe ihm versprochen, der Familie Beistand zu leisten. Mit seinem verflucht attraktiven
Äußeren, dem Lächeln, dem gewitzten
Blick, dem gedämpften Tonfall, der betonten Zurückhaltung und nicht zuletzt
dem ritterlichen Einsatz seiner Muskelkraft, wenn es darum geht, die Kinder
der Familie vor den Gefahren des Highschool- und Partylebens zu bewahren,
spielt er sich rasch ins Herz der Familie.
Spätestens als Veteran David aller­dings auf Autopilot schaltet, Waffen
be­sorgt und aufgescheuchte Militärs
auftauchen, die irgendetwas von einem
schiefgelaufenen Experiment faseln,
realisiert Familie Peterson, dass sie
gehörig in der Patsche steckt.
Adam Wingard, der Regisseur von
The Guest, Jahrgang 1982, ist ein cinephiles Kassettenkind. Den Fundus
seiner Filmsozialisation bildet weniger
das Kino als vielmehr ein mit reichlich
VHS-Kassetten ausgestattetes Jugendzimmer. Die Geschichte vom Veteranen,
der überraschend an die Tür klopft,
vom Fremden, der in eine kleine Stadt
kommt und diese aufmischt, von der
Kampfmaschine, gegen die kaum ein
Ankommen ist, speist sich gleicher­
maßen aus Videokassettenklassikern
wie Rambo, Halloween und Terminator
samt deren exploitativen Epigonen,
die nie in Kino-, sondern nur in Directto-Video-Filmen aufgetreten sind.
Damit lässt sich Wingard, der 2011
bereits mit dem tollen You’re Next die
Motivik des Slasherkinos neu verlötete,
als Teil einer neuen Bewegung im
US-Indie-Genrefilm begreifen: Auch
Ti West (Jahrgang 1980) und Jim Mickle
(1979) verleihen ihren Filmen wie
House of the Devil und der LansdaleVerfilmung Cold in July die Aura eines
wiederentdeckten Artefakts.
Anders als die clevere Filmphilologie
eines Quentin Tarantino setzen Wingard
und Kollegen nicht auf ein enzyklo­
pädisches Referenzsystem samt
medienmaterieller Retro-Bildeinschreibungen. Tatsächlich sind die Filme
in ihrer Textur sehr heutig, eher um
authentische Atmosphäre als um ironisches Zitatebingo bemüht – und genau
darin von irisierender Melancholie. So
ist auch das Engagement des Haunto­
logen Steve Moore für den Soundtrack
naheliegend; dessen meditativ um
sich zirkelnde Synthesizermusik nähert
sich den 80er-Soundtracks von John
Carpenter und Tangerine Dream bis
zur Ununterscheidbarkeit an. Als hätte
sich die Gegenwart von damals nie
als Vergangenes sedimentiert, spukt
sie weiter – in The Guest genauso wie in
endlosen Youtube-Nostalgienächten.
Großartig ist, wie Wingards Film in
seinen Action-Setpieces nicht nur kernige Genretugenden bedient, sondern
sich am Ende auch auf der Bildebene
ins abstrakt Enträumlichte einer kunterbunten Halloweenkirmes begibt. Als
hätte Orson Welles den berühmten
Glaskabinett-Showdown aus Die Lady
von Shanghai ins Horrorkino verpflanzt, löst sich die Melancholie des
Films hier spielfreudig auf – in Licht und
Schatten, Farben und Nebel, Requisit
und Kulisse, Konkretion und Ver­
spiegelung, Genre-Existenzialismus
und karnevaleske Postmoderne.
Dass The Guest hierzulande nicht
ins Kino kommt, sondern direkt auf
DVD und per VoD ausgewertet wird,
spielt ihm schon zu: Wie eine über­
sehene Kostbarkeit sollte man diesen
Film über des Grauens Einbruch
ins Private in der halböffentlichen
Zirkulationssphäre privatistischer
Heimmedien entdecken. Thomas Groh
Betrachten sich als Seelenverwandte: George Clooney und der Präsident
Im Bett mit Obama
Lobby Washington galt einmal als Hollywood für Hässliche. Heute sind beide Kulturen im Grunde dieselben
■■Noah Gittell
C
eleb hieß der Spot, und er dauerte nur 30 Sekunden. Zum Einstieg waren Filmaufnahmen
von Barack Obama, damals
frisch gekürter Präsidentschaftskandidat, gegen Bilder von Britney Spears
und Paris Hilton geschnitten. Es folgte eine
Polemik gegen Obamas Pläne für die Finanz- und Energiepolitik. Anfang August
2008, als Obamas Durchmarsch ins Weiße
Haus von niemandem aufzuhalten schien,
machte die Werbung Eindruck. Experten,
darunter Obamas Wahlkampfmanager
Tom Daschle, führten das kurzzeitige Absacken des Kandidaten in den Umfragen direkt auf Celeb zurück.
Der Spot zielte auf ein Misstrauen, das
Obamas eigene Leute nicht ganz von der
Hand weisen konnten: Ließen sich sein
Charisma und seine brillante Rhetorik in
durchsetzungsfähige Politik ummünzen?
Zwar verhinderte Celeb nicht den Wahlsieg,
doch verklungen sind die Töne, die der
Spot anschlug, bis heute nicht.
Lustiger als Leno
Obama hat den Status eines Stars, zu seiner
Präsidentschaft gehört die enge Verbindung zur Glitzerwelt. In den sieben Jahren
seiner Amtszeit sind sich die beiden großen kulturellen Kräfte Washington und
Hollywood so nah gekommen wie nie zuvor. Früher hieß es, Washington sei Hollywood für Hässliche. Inzwischen sind beide
fast ununterscheidbar.
Aus dem Korrespondentendinner im
Weißen Haus, das einmal dazu dienen sollte, Transparenz in der Politik zu fördern, ist
ein Event mit rotem Teppich geworden.
Früher schickten die Medienhäuser ihre
besten Reporter hin, heute reißen sie sich
darum, die heißesten Promis mit am Tisch
zu haben – und dem eigentlichen Dinner
geht eine Woche glamouröser Partys voraus. Der Politjournalist Patrick Gavin hat
darüber einen Film mit dem Titel Nerd
Prom gedreht und das Korrespondentenessen umbenannt in „Die Oscars im Weißen
Haus“. Seit 2013 berichtet ein Klatschender
live vom roten Teppich in Washington;
John McCain und Kim Kardashian zusammen im Bild, das gibt es sonst nirgends.
Und zu verdanken ist das Obama. Nicht
nur kommen die Hollywoodstars, um in
seiner Aura zu baden (Gwyneth Paltrow:
„Sie sehen so gut aus, es verschlägt mir die
Sprache!“), er glänzt obendrein mit seinem
komischen Talent. Traditionell erzählt der
Präsident bei dem Dinner ein paar Witze.
Früher riefen die ein Lachen aus Höflichkeit hervor, unter Obama sind sie zum Höhepunkt des Abends geworden und stellen
oft den Auftritt des geladenen Spaßmachers in den Schatten. Obama war lustiger
als Jay Leno, befand Patrick Gavin 2010.
Bei so viel Geselligkeit zwischen Washington- und Hollywoodleuten werden
zwangsläufig Geschäfte gemacht. In der
Obama-Ära ist eine Drehtür zwischen Politik und Filmindustrie entstanden. Redenschreiber, die zu Drehbuchautoren
wurden, gab es zwar schon früher; sie stecken zum Beispiel hinter dem Klassiker Bill
McKay – Der Kandidat mit Robert Redford
und hinter Ein ehrenwerter Gentleman mit
Eddie Murphy. Allerdings pflegten sie das
Metier erst nach dem Ende ihrer politischen Karriere zu wechseln.
Anders Obamas Team. Sein Hauptredenschreiber Jon Favreau (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Regisseur), dessen Liebesleben Thema in der
Klatschpresse war, verkündete mitten in
der Amtszeit seinen Wechsel ins Drehbuchfach. Ganz leicht scheint der Übergang
Schauspieler
Kal Penn
ist ein Promi
im Sold der
US-Regierung
nicht zu sein, zwei Jahre später findet sich
in der Filmdatenbank IMDb noch immer
kein Eintrag. Etwas schneller ging es bei
Favreaus Kollege Jon Lovett. Er produzierte
nach seinem Abschied aus dem Weißen
Haus eine kurzlebige Sitcom über – was
wohl? – das Weiße Haus und schrieb an der
letzten Staffel von The Newsroom mit.
Dafür Darfur
Natürlich dreht sich die Tür auch in die andere Richtung: Obama hat mehr junge Prominente zum politischen Engagement bewegt als wohl jeder andere Präsident vor
ihm. Das bekannteste Beispiel ist der
Schauspieler Kal Penn, der mit den Harold&-Kumar-Filmen und der Serie Dr. House
zu Ruhm gelangte und heute seinen Posten
als stellvertretender Leiter der Büros für
Öffentliches Engagement im Weißen Haus
nur noch manchmal verlässt, um eine Staffel von How I Met Your Mother abzudrehen.
Penn ist der einzige Hollywoodpromi, der
im Sold der Regierung steht; größer ist die
Zahler derer, die sich ehrenamtlich engagieren. Eva Longoria aus Desperate Housewives kümmerte sich im Wahlkampf 2012
um die Ansprache der Latinos, Scarlett Johansson hielt auf der Nationalversammlung der Demokraten eine geschliffene
Rede. Und um für die Obamacare-Krankenversicherung zu werben, standen Stars von
Katy Perry bis Mark Ruffalo bereit.
Mit einer Hollywoodgröße verbindet den
Präsidenten sogar eine echte Freundschaft.
Obama und George Clooney scheinen einander als Seelenverwandte zu betrachten.
Mehrfach trafen sie sich privat, um die Lage
in Darfur zu diskutieren (die dem Schauspieler ein besonderes Anliegen ist), und bei
einem offiziellen Essen für den britischen
Premier David Cameron durfte Clooney mit
am Tisch sitzen. Dafür machte er sich auch
dann noch für Obama stark, als Hollywoodliberale wie Matt Damon dem Präsidenten
vorwarfen, er habe zu wenig erreicht.
Doch Clooney pries nicht nur Obamas
Erfolge, er sammelte auch Geld. Viel Geld.
Sein Fundraising unter Prominenten und
Wirtschaftsführern im Mai 2012 ist bis heute die größte politische Einzelspendenaktion in der US-Geschichte, sie brachte mindestens zwölf Millionen Dollar ein. Zuvor
hatte der Rekord bei elf Millionen gelegen;
das war der Ertrag von Barbra Streisands
Fundraising für Obama im Jahr 2008.
Clooneys Finanzhilfe ist wiederum Teil
eines größeren Trends. Seit die konservative Lobbygruppe Citizens United in der USParteienfinanzierung eine Wildwest-Ära
entfesselt hat, ist Hollywood zum Rettungsanker für die Demokratische Partei geworden. Wohl in keinem anderen Industriezweig finden die Demokraten so energische
Fürsprecher. Die Liste ihrer öffentlichen
Unterstützer liest sich wie der Walk of
Fame: Steven Spielberg, Scarlett Johansson,
Seth Rogen, Tom Hanks und Harvey Weinstein zahlten alle jeweils den von der USWahlkampfaufsicht gestatteten Höchstbeitrag für Obamas Kampagne.
Obamas Fußstapfen sind also groß. Hillary Clintons beste Promifreunde sind Ted
Danson und Mary Steenburgen, zwei echte
Stars – vor 20 Jahren. Eine Umfrage des Hollywood Reporter ergab unlängst, dass die
Großen der Branche nicht Schlange stehen,
um für Hillary zu trommeln. Viele versuchten bis vor kurzem, die Senatorin Eliza­beth
Warren zur Präsidentschaftskandidatur zu
bewegen, andere setzen sich für den ExGouverneur Martin O’Malley ein. Selbst der
derzeitige Vizepräsident Joe Biden könnte
laut Hollywood Reporter auf Unterstützung
rechnen, wenn er sich zur Kandidatur entschlösse. Noch ist unklar, wie viel Rückhalt
Senator Bernie Sanders haben wird – da er
der Progressivste unter den demokratischen Kandidaten ist, dürfte sein Programm
den Hollywoodliberalen besonders zusagen. Sprich: Für keinen der Kandidaten
kann sich Hollywood nur annähernd so erwärmen wie für Obama. Vielleicht wird Washington doch bald wieder hässlich.
Noah Gittell betreibt den Film-und-Politik-Blog
reelchange.net
Übersetzung: Michael Ebmeyer
Film 27
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
neutral zu bleiben. Doch als abzusehen
war, dass auch Nordkorea in der Neuaufstellung kommunistischer Bündnisse Position beziehen musste, blieb ihm nichts
anderes übrig, als sich für Mao zu entscheiden, also für das Land, das ihn beim Koreakrieg am meisten unterstützt hatte. Darauf
versiegte die finanzielle Unterstützung
von DDR und Sowjetunion, Hilfsaktionen
wurden gestoppt. Als Konsequenz wurden
nicht nur Nordkoreaner heimgerufen, sondern auch umgekehrt Deutsche aus Nordkorea zurückgeschickt.
D
as Schicksal eines geteilten
Landes kennen Korea und
Deutschland. Und gemeinsam ist den beiden Ländern
auch der ideologische Machtkampf um Legitimation und Vorrangigkeit.
So konkurrierten BRD und DDR bei der Unterstützung für das geteilte Korea, etwa in
Form von Menschen-, Waren-, Geld- und
Wissenstransfer. Es galt, Solidarität zu bekunden und Blockbildung zu sichern.
Anders als die BRD, die erst 1963 mit der
als technische Entwicklungshilfe deklarierten Aufnahme südkoreanischer Bergarbeiter begann, empfing die DDR die ersten
nordkoreanischen Studierenden bereits in
den Wirren des Koreakriegs. Von 1952 bis
1956 wurden 357 nordkoreanische Studierende in der DDR aufgenommen. Anfang
der 60er Jahre aber wurden alle diese Menschen ohne Nennung besonderer Gründe
plötzlich heimgerufen und kehrten nie wieder zurück. Bei der abrupten Abreise ließ
mancher nordkoreanische Student nicht
nur schöne Erinnerungen zurück, sondern
auch (Ehe-)Frau und Kinder.
Jena, Leipzig, Dresden
Der Dokumentarfilm Verliebt, verlobt, verloren – nach Full Metal Village (2006) und
Endstation der Sehnsüchte (2009) der dritte
Teil einer sogenannten Heimatfilmtrilogie
der Regisseurin Sung-Hyung Cho – erzählt
von den Liebes- und Lebensgeschichten
der zurückgelassenen Frauen in der damaligen DDR. Im Film werden drei Frauen und
deren vaterlos aufgewachsene, inzwischen
über 50-jährige Kinder vorgestellt. Die prominenteste Protagonistin dürfte Renate
Hong sein, die für Aufmerksamkeit sorgte,
als sie 2008 mit ihren Söhnen nach Nordkorea reiste, um den (inzwischen wieder
verheirateten) Ehemann nach 47 Jahren
zum ersten Mal wiederzusehen.
Kennengelernt haben sich die Paare Mitte der 50er Jahre in Universitätsstädten wie
Jena, Leipzig und Dresden. Die Frauen waren jung und schön und die Nordkoreaner
Ok-geun, Peter und
Renate Hong
im März 1961 in Jena
Foto: KU ND S C H A F t E R F I L M
■■Sun-ju Choi
Geteilte Teilung
Abzug der
Ehemänner
Dokumentation Sung-Hyung Cho erzählt in
„Verliebt, verlobt, verloren“ deutsch-koreanische Familiengeschichte
auffallend und attraktiv, wie die Privatfotos
der Frauen belegen. Offiziell waren eheliche Verbindungen von beiden Staaten
nicht erwünscht. Dennoch wurden einige
der Frauen standesamtlich getraut.
Als die Paare unfreiwillig getrennt wurden, schrieben sie sich anfangs sehnsüchtige Briefe. Um die einstige Liebe zu veranschaulichen, werden im Film Schlüsselmomente der Beziehung durch animierte
Illustrationen dargestellt und mit Schlagern und herzergreifenden Zeilen aus den
Briefen unterlegt. Die Kinder suchen in den
Universitätsarchiven nach den wenigen
verbliebenen Spuren ihrer Väter und freu-
en sich über jeden Fund. Darunter auch Liana Kang-Schmitz, Tochter eines „republikflüchtigen“ nordkoreanischen Studenten,
die die damaligen Ereignisse kommentiert
und so durch den Film führt. Gern hätte
man mehr über ihren Vater und andere
Nordkoreaner erfahren, die noch vor dem
Mauerbau in den Westen gingen. Am Ende
des Films reisen einige der Frauen und Kinder in die Heimat der Männer und Väter.
Im Rückblick waren weder die DDR noch
Nordkorea auf die Studierenden vorbereitet. Sie konnten und wollten nicht absehen
– ähnlich wie bei den Gastarbeitern in der
BRD –, wie sich die Menschen in der Ferne
entwickeln und verhalten würden. Dass sie
sich widersetzten, verliebten oder in den
Westen gingen, war nicht vorgesehen. „Der
Kalte Krieg raubte mir den Mann“, sagt Renate Hong im Film.
Tatsächlich ist dieser Satz ist nur teilweise richtig, denn der Kalte Krieg ermöglichte ihr erst die Begegnung mit dem späteren Mann. Auch war die Heimrufung der
nordkoreanischen Studierenden alles andere als geplant, Nordkorea brauchte dringend gut ausgebildete Fachkräfte für den
Wiederaufbau des Landes. Beim ausschlaggebenden chinesisch-sowjetischen Zerwürfnis versuchte Kim Il-sung bis zuletzt
Chos Film konzentriert sich überwiegend
auf die Gefühle und Befindlichkeiten der
deutschen Familienmitglieder, statt sich
dem interessanten größeren Zusammenhang näher zu widmen. Zu sehr verlässt
sich die Dramaturgie auf die Emotionen
der zurückgelassenen Kinder und Mütter,
die beim Erzählen oft genug den Tränen
nahe sind. So tragisch und einzigartig ihre
Lebensgeschichten auch sind, so sehr
wünschte man sich, dass sich das Narrativ
von Verliebt, verlobt, verloren weiten und
enger mit den politischen Dimensionen
des Kalten Kriegs verknüpft würde. Die historische Einbettung der Familienschicksale
hätte denn auch die Einsicht stärken können, dass Politik nicht in weiter Ferne passiert, sondern direkten Einfluss auf das Leben vieler Menschen hat.
So aber verpasst der Film die Chance, die
Teilung, die beide Länder teilten, in einen
gesamtgeschichtlichen Zusammenhang zu
bringen und ein größeres Bild jener Zeit aufzuzeichnen, deren Spuren und Narben bis
heute auffindbar sind. Vielleicht ist das aber
auch zu viel verlangt für einen Heimatfilm.
Verliebt, verlobt, verloren Sung-Hyung Cho
Deutschland 2015, 93 Minuten
Sun-ju Choi studierte Drehbuch an
der DFFB, promovierte zur Geschichte des
nordkoreanischen Films und ist Leiterin
des Tuebingen Center for Korean Studies
at Korea University (TUCKU) in Seoul
ANzEIgE
m
Gemeinsa
en und
Flüchtling
en
Migrantinn
helfen
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28 Post
Michael Angele
Noch mehr Fantasie gefragt
Das Zentrum für Politische Schönheit
sorgt mit „Die Toten kommen“
für Aufruhr. Aber statt uns und die
Politik zu provozieren, steht die
Legitimität der Aktion zur Debatte
der Freitag 25 vom 18. Juni 2015
Auf deutschen und französischen
Friedhöfen liegen Hunderttausende Soldaten anderer Nationen
begraben. Sind tote Flüchtlinge
etwa weniger bestattungswürdig
als tote Soldaten?
Balsamico, Freitag-Community
Ganz großartig finde ich, wie es
dieser künstlerischen Arbeit gelingt, Themen zu lancieren. Das
Thema „Flüchtlingssterben“ ist
schlagartig in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Alle reden
und berichten darüber. Ich denke,
es entsteht da gerade etwas Neues:
die Verschmelzung von Hoch- und
Popkultur an der Schnittstelle von
Kunst, Politik und Aktivismus.
Silvio Spottiswoode,
Freitag-Community
Geschlechterrevolution
Juliane Löffler
Sorry, LeserInnen
Lesen Sie ruhig weiter, Sie schaffen das.
Aber das Binnen-I muss jetzt mal sein
der Freitag 25 vom 18. Juni 2015
Mich stört das nicht. Ich schreibe
ab und an „gendergerecht“. Allerdings sind nicht alle Formen gleich
lesbar. Und die Einteilung in zwei
Geschlechter ist auch Teil der
Gesellschafts-Formierung zwecks
besserer Beherrschung. In einer
gelebten Geschlechter-Vielfalt liegt
durchaus ein revolutionärer Keim.
Vielleicht machen sich mal ein paar
Schrift-Spezialisten/Spezialistinnen
des Freitags Gedanken darüber,
wie man neue, kreative Symbole
verwenden kann?
Mopperkopp, Freitag-Community
Niemand ist eine Insel
Katrin Rönicke
Lass uns einen Pakt schließen
Wenn schon Steuerprivilegien, dann
bitte auch für Homosexuelle? Klar. Besser wäre ein ziviler Solidaritätsvertrag
der Freitag 25 vom 18. Juni 2015
Ich bin ein Fan dieses Konzepts
des zivilen Solidaritätsvertrags.
Gegenseitig Verantwortung übernehmen finde ich gut – oder, um
John Donne zu zitieren: Niemand
ist eine Insel. Aber was ich nach
Die besten Zitate aus den Kommentaren auf freitag.de/community
zum Abwinken die Bedürfnisse
avantgardistisch-nerdiger
CineastInnen stärker befriedigen.
Ich halte ein bisschen Gutkontra-Böse-Inszenierung –
insbesondere in Anbetracht der
realen Lobbysierung der Medien –
aber für durchaus angebracht.
Richard Zietz, Freitag-Community
„Dresden ist eine
verkannte Schönheit“
Flexibilität als Chance
Marlen Hobrack
„Vergesst Konkurrenz.
Wir müssen den Kapitalismus
kaputt kooperieren!“
Regine Beyß
freitag.de/community
wie vor nicht verstehe: Warum
soll es einfach sein, diese Ver­
antwortung wieder zu lösen? Der
Vorteil eines erweiterten zivilen
Solidaritätsvertrags besteht
für mich darin, dass ihn auch
Menschen abschließen können,
die nicht in einer Liebesbeziehung
sind, aber aus irgendwelchen
Gründen zusammen leben und
sich gegen­seitig helfen wollen. Die
schnelle Auflösbarkeit widerspricht
aber meiner Vorstellung davon,
was Verantwortung bedeutet.
Milchhonig, Freitag-Community
Alles schon mal da
gewesen
Simon Schaffhöfer
Witzeklau in Zeiten des
Schwarmhumors
In der „heute-show“ war der Siedlervon-Katar-Gag nicht mehr als ein
Wortspiel. Auf Twitter gibt es Tausende
der Freitag 24 vom 10. Juni 2015
Die heute-show ist nicht mehr
als ein Klamauk-Kommentar
zum Wochengeschehen. Sie
kreist nur um sich selbst. Es fehlt
die wirkliche Idee im Format.
Miauxx, Freitag-Community
Witze über unsere Politiker und
über die Politik haben in diesem
Staat glücklicherweise kaum
negative Wirkungen für den
jeweiligen Erzähler. Witze tragen
immer ein Quantum Schaden­
freude in sich.Und Schadenfreude
ist bekanntlicherweise die Freude,
welche dem Menschen ein kleines
Stück Eigenlob bringt.
In der DDR und im Dritten Reich
waren es die politischen Witze,
die den Kopf kosten konnten.
Witze sind immer ein Spiegel­bild der Gesellschaft. Von
den Herrschenden werden sie
oft gefürchtet. Gute Witze leben
ewig, aber sie wandeln sich.
Sie bekommen neue Kleider über
einem alten Körper. So wie bei
der Mode ist auch bei den Witzen
alles schon mal da gewesen.
Helmut Eckert, Freitag-Community
Mit Witzen
ist es wie mit
der Mode.
Gute Stücke
sind zeitlos
und es ist
alles schon
irgendwann
einmal
da gewesen
Bekanntlich sind 90 Prozent aller
Witze bereits 5.000 Jahre alt. Die
meisten sind in China enstanden.
Titanic macht Satire, und das war‘s.
Dass das ZDF darauf nicht reagiert,
passt zum fehlenden ersten Auge.
Karl K, Freitag-Community
Einziges Gegenmittel
Lutz Herden
Willkommen und Abschied
Die ANC-Regierung hat als Gastgeber
eines Afrika-Gipfels den Weltgerichtshof düpiert, denn auch der Sudan war
mit seinem Präsidenten gebeten –
keine durchdachte Aktion
der Freitag 25 vom 18. Juni 2015
Die Verhaftung des sudanesischen
Präsidenten auf einem AU-Gipfel
wäre ein Affront gegen die AU
gewesen. Die Organisation hat
allen amtierenden Präsidenten bei
offiziellen AU-Veranstaltungen
Immunität garantiert. Daran hat
sich Südafrika gehalten. Ich denke,
Südafrika sollte hier vorgeführt
werden. Pretoria ist schließlich
auch Mitglied der BRICS-Staaten,
die sich als Gegengewicht zu IWF
und Weltbank verstehen, und
damit ein Dorn im US-Auge.
Der Den Haager Gerichtshof hat
wenig moralische Autorität auf dem
Kontinent. Er wird als EU-Tribunal
gegen Afrikaner empfunden. Das
einzige Gegenmittel, denke ich,
ist die Bildung eines eigenen
AU-Strafgerichtshofs, um Leute
wie al-Bashir und einige andere
mutmaßliche Verbrecher gegen die
Menschlichkeit auf dem Kontinent
zur Verantwortung zu ziehen.
Afro-Dete, Freitag-Community
Den Haag selbst sorgt mit
selektiver Rechtspflege dafür, dass
im Prinzip alle Urteile des
Gerichtshofs unter dem Verdacht
der Parteilichkeit stehen, völlig
unabhängig von der Sachlage.
Lethe, Freitag-Community
Unter dem Strich eröffnet es
nur zusätzliche Optionen zur
Mani­pulation, wenn man Amtsinhaber in ihrer Souveränität
einschränkt. Die Souveränität von
Staaten sollte Vorrang haben, aus
zwei Gründen: Zum einen sind
Verletzungen der Souveränität
vergleichsweise leicht nachweisbar.
Denn die Möglichkeit, ein Staatsoberhaupt mal eben so aus
einer Konferenz wegzuverhaften,
korrumpiert die Souveränität. Zum
anderen ließe sich dem Leid vieler
Menschen leichter begegnen,
wenn es für mehr oder weniger
intensive Gewaltherrscher auf
der Verliererstraße einen anderen
Ausweg gäbe als den Knast.
JR’s China Blog, Freitag-Community
Ein sympathischer Held
Ekkehard Knörer
Kleist-Bär und Übersetzer
Harry Rowohlt
Das Pompöse und Humorlose war
so gar nicht sein Genre, alles Auf­
geblasene traf sein Spott. Zum großen
Schaden der Literatur und der Nach­welt ist Harry Rowohlt tot
der Freitag 25 vom 18. Juni 2015
Schöner Hinterherruf! Harry
Rowohlt war, ist und bleibt für
mich ein unerreicht sympathischer
Held des manchmal kleingeistigen
Verlags- und Literaturbetriebs,
Tabubrecher, Freigeist und Pu-Fan.
Er wird mir fehlen.
Lee Berthine, Freitag-Community
Er hat es verdient, dass man seiner
gedenkt. Er besaß Humor der
„undeutschen Art“ – er konnte auch
über sich und seine Schwächen lachen, ohne dass es peinlich wirkte.
Vaustein, Freitag-Community
Falscher Film
K a r i k at u r : A m e l i e G l i e n k e f ü r d e r F r e i ta g
Neue Verschmelzungen
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Elena Meilicke
Mängel der Geschichte
Christoph Hochhäuslers „Die Lügen
der Sieger“ dreht sich um Manipu­
la­tion, Macht und Medien. Die Story
bleibt recht überschaubar
der Freitag 25 vom 18. Juni 2015
Die Rezensentin findet den Film
also nicht reflexiv genug, zu
wenig interessiert an Grau- und
Zwischentönen. Kurzum – die
Qualitäten des „kleinen Fernsehspiels“ und ähnlicher öffent­lich-rechtlicher Formate gingen
ihm ab. Mag sein, dass selbst­
referenzielle Formspielchen bis
Jürgen Trittin
Biedermeier 2.0
Wenn die Opposition ernst genommen
werden will, muss sie gegen den
fortschrittsfeindlichen Kollektiv-Egoismus der Regierung Merkel Position
beziehen, meint Jürgen Trittin
freitag.de, 19. Juni 2015
Der Kern von Merkels Politik ist
die Erzählung vom Wirtschaftswunderland Deutschland.
Die Story von der erfolgreichen
Wirtschaftsnation im globalen
Wettbewerb. Das mag archaisch
erscheinen. Aber es ist in Deutschland Konsens. Merkel ist in
der Lage, Irrtümer zu korrigieren.
Das ist ihre Stärke. Vielleicht
liegt jetzt noch eine Chance für
Griechenland in dieser Flexibilität.
Magda, Freitag-Community
Liebe Grünen, was habt ihr im
Sinne eurer Umweltideologie
erreicht? Nicht mal das Mehrwegpfand war von euch. Ihr habt
keine Atomkraftwerke abgeschaltet,
und nicht mal eine Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen
habt ihr durchgesetzt. Aber
Krieg habt ihr geführt, völkerrechtswidrigen Krieg. Merkel ist
keine Freude. Aber verglichen
mit den Grünen?
Robert, Freitag-Community
Die Redaktion behält sich vor,
Leser­briefe zu kürzen
Impressum
Chefredaktion Jakob Augstein (V.i.S.d.P.),
Michael Angele, Philip Grassmann
Verantwortliche Redakteure
Jan Pfaff (Titelthema), Jan J. Kosok (Online)
Redaktion Ulrike Baureithel (FM*), Matthias
Dell (FM), Lutz Herden, Michael Jäger (FM),
Christine Käppeler, Katja Kullmann (FM),
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Puschner, Felix Werdermann
CvD Frank Loehn
Gestaltung Jana Schnell (Art Direction),
Maximilian Sauerbier, Felix Velasco (Titel),
Niklas Rock (Bild)
Redaktionelle Übersetzer
Zilla Hofman, Holger Hutt
Redaktionsassistenz Jutta Zeise
Hospitanz Bebero Lehmann, Luisa Hommerich
Verlag und Redaktion
der Freitag Mediengesellschaft mbh &
Co KG, Hegelplatz 1, 10117 Berlin,
Tel.: (030) 250 087-0
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ISSN 0945-2095
Kolumnenillustrationen
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29
Wer hier an
Richard Clayderman denkt, liegt
schon richtig.
Ab jetzt ist die
Synthese aber:
nackte Schweden
im Hotel S. 30
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Die Konsumentin
Katja Kullmann
Ein pinkes Plus in
Milliardenhöhe: Wie
Frauen draufzahlen
Zur
Hölle
F o t o S : k at h r i n h a r m s / l a i f, t i l e r 8 4 / f o t o l i a ( o b e n )
Christian Herwartz zog
für Flüchtlinge bis vors
Bundesverfassungsgericht.
In seiner Kommune heißt
der Pater alle willkommen –
außer Polizisten S. 31
R
asieren ist Alltag. Die meisten
Männer tun es jedenfalls regel­
mäßig. Sehr viele Frauen auch.
Die einen im Gesicht, die anderen vor
allem an den Beinen. Beide, Männer
wie Frauen, kennen die Folgen, die der
ungeschickte Umgang mit Klingen
haben kann: Schnitzer, Juckreiz, Pickel.
Einen gravierenden Unterschied gibt
es: Obwohl Frauen tendenziell größere
Räume ihres Körpers rasierend be­ar­
beiten – zwei Unterschenkel haben
eine größere Fläche als zwei Wangen ­–,
obwohl Beinhaare oft störrischer sind
als Gesichtshaare, obwohl der Klingen­
verschleiß bei Frauen also womöglich
höher ist als bei Männern, sollen die
Damen Damen für „ihre“ Rasierunten­
silien deutlich mehr bezahlen als die
Herren Herren. Ja: Generell liegt der
handelsübliche Aufschlag für Waren, die
in rosafarbener Verpackung daher­
kommen, zwischen 15 und 90 Prozent.
Das ist kein Gerücht aus dem Fach­
bereich Gender Studies, sondern
das Ergebnis eines Preisvergleichs, den
die Verbraucherzentrale Hamburg
zwischen November 2014 und Mai 2015
in Drogeriemarktketten unternahm.
Demnach kostet eine Klinge der Marke
Wilkinson Sword Quattro (blau-silbern
verpackt) zwei Euro. Während für eine
Klinge der Marke Wilkinson Sword
Quattro for women (türkis-pink auf­
gemacht) 2,83 € fällig sind, 42 Prozent
mehr. Krass ist auch der Unterschied
bei Rasierschäumen der Marke budni
care: Die schwarze Dose „für Männer“
enthält Aloe-Vera-Extrakte, genau wie
die pinkfarbene Dose „für Frauen“, die
Rezeptur ist laut Verbraucherschützern
„fast identisch“. Männer zahlen für
100 Milliliter 34 Cent, Frauen 66 Cent –
satte 94 Prozent mehr.
Gender Pricing wird das Phänomen
in den USA genannt. Es ist auch bei
Dienstleistungen wie Haarschnitten
oder Reinigungen gang und gäbe – und
in mehreren US-Bundesstaaten längst
verboten. Nach Auffassung von USRichtern handelt es sich um einen
klaren Akt der Diskriminierung. Nun
rührt sich auch in Frankreich Protest:
Die Aktivistinnengruppe Georgette
Sand (benannt nach der protofeministi­
schen Autorin George Sand, 1804–1876,
die jenes männliche Pseudonym wählte,
damit ihre Bücher gelesen wurden)
machte der nationalen Wettbewerbs­
behörde Dampf, die „prüft“ nun.
Im Regal fallen die Unterschiede im
Cent-Bereich erst mal gar nicht groß
auf. Aber: Umgerechnet 1.180 Euro zahlt
die westliche Durchschnittsverbrauche­
rin jährlich drauf, wenn sie so doof ist,
zu ausgewiesenen „Frauenprodukten“
zu greifen, ergab eine Studie des
US-Bundesstaats Kalifornien. Allein
für die US-Wirtschaft bedeutet das
ein pinkes Plus von umgerechnet gut
1,3 Milliarden Euro im Jahr.
In Europa sind inzwischen immerhin
Versicherungstarife geschlechtsneutral
gestaltet. Der Europäische Gerichtshof
machte Unisextarife 2012 zur Pflicht. Bis
dahin hatten Frauen mehr für Lebensund private Krankenversicherungen zu
zahlen, weil sie, statistisch gesehen,
länger leben als Männer. Umgekehrt
lagen die Tarife für Autopolicen
für Männer höher, weil diese ingesamt
mehr Mist auf Straßen veranstalten.
Lautstark machen „Pinkstinks“-Akti­
vistinnen Radau gegen Spezialspiel­
zeug für Jungen und Mädchen, etwa
gegen die vor drei Jahren erschienene
Sonderedition von Lego-Steinen für
Mädchen. Die Befürchtung: Geschlech­
terklischees werden den Kleinen damit
unwiderruflich eingeimpft. Dem Kapi­
talismus sind solche Empfindlichkeiten
freilich egal – Hauptsache, Mama und
Papa zahlen zweimal. Wir sind jetzt
aber aus dem Lego-Alter raus, oder?
30 Alltag
Unser
liebstes
Kind
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
Storyboard
Geburtenrate Deutschland
ist weltweit auf den letzten
Platz gerutscht. Jetzt geht die
Mütterdebatte wieder los
■■Maxi Leinkauf
I l l u s t r at i o n : S i m o n S c h wa r t z F ü r d e r F r e i ta g
W
Nicht in Berlin Wie betrunkene schwedische Musiker das Dortmunder Hilton in einen göttlichen Ort verwandelten
Nackt am weißen Flügel
I
ch war noch nie in Schweden, diesem
harmlos sympathischen Land mit seinen abscheulichen Alkoholpreisen und
den ungezählten Lehrstühlen für Gender
Studies. Doch in nur einer einzigen Nacht
lernte ich, weshalb sich alle Menschen auf
der ganzen Welt stets völlig zu Recht in
Schweden verlieben: Ich traf die Band Friska
Viljor in einem Hilton in Dortmund.
Nun checkt man in ein Grandhotel wie
das Hilton nicht ein, ohne mal eben an den
1987 im Beau-Rivage in Genf ertrunkenen
CDU-Politiker Uwe Barschel zu denken oder
unnützes Wissen zu aktivieren, wie die Tatsache, dass die Stadt Wiesbaden um das
Jahr 1900 die höchste Dichte an Grandhotels weltweit aufwies; 30 bei 100.000 Einwohnern. Mit Hotels ist es ohnehin so eine
Sache, und der Autor Alexander von Schönburg hat in seiner Publikation Die Kunst
des stilvollen Mitredens (2014) das Notwendige gesagt: Das Übernachten im Hotel sei
nur ein Kompromiss, den man eingehen
müsse, wenn man am Zielort der Reise keine Freunde habe. Und überhaupt, die sehr
kurze Blütezeit der schillernden Hotels sei
schon lange vorüber und existiere heute
nur noch als trostlose Verklärung bedauernswerter Touristen. Vielmehr sei es – immer noch von Schönburg – doch so: „Die
Grandhotels der Metropolen sind heute
streng genommen nichts weiter als palastartige Riesenbordelle.“ Das ganze Elend von
Geschäftsreisen also.
ern. Seit genau 20 Jahren findet im Dortmunder Westfalenpark das sehr schöne Musikfestival Juicy Beats statt. Beliebt ist es vor
allem bei den Musikern selbst, da es auch
mittelkleinen Bands eine Übernachtung in
dem unmittelbar neben dem Park gelegenen Hotel garantiert. Und weil der Name
Hilton trotz biederer Vier-Sterne-Einrichtung und messingverkleideter Aufzüge
noch immer die Illusion des Mondänen
weckt, wollen Bands dort eben gern hin.
Nun habe leider auch ich eine solche
Band, und einmal übernachteten wir in jenem Hotel, nachdem wir zuvor mit Friska
Viljor gespielt hatten. Eine ganz ausgezeichnete Band! Zum einen, weil sie aus
einem Witz entstanden ist, was immer gut
ist, und zum anderen, weil ihr bisweilen an
die Flaming Lips erinnernder Indie-Sound
von einer schlauen und heiteren Lakonie
bestimmt ist. Auf ihrem gerade erscheinenden Album My Name Is Friska Viljor
gibt es den Song Laundry, in dem es heißt:
„How you’re supposed to be in love / when
you are just talking ’bout the laundry /
when you always tell me to clean up – and
when you can never ever stop.“ Sehr gut,
sehr richtig. Auf die Urheber dieser Zeilen
also traf ich im Anschluss an das Festival
sehr spät in der Lobby des Dortmunder
Hilton, in der ein hässlicher, weiß lackierter Flügel stand, die Simulation von Eleganz. Noch geschmackloser ist eigentlich
nur noch das durchsichtige Modell von Richard Clayderman.
Die Dancing Queen
Das Klischee über trinkende Schweden
geht so: Schweden trinken nicht wie wir
rund um die Uhr, manchmal mehr, manchmal weniger, sondern nur zu bestimmten
Anlässen. Dann aber mit ehrfurchtgebietender Konsequenz und Anmut. Während
einem betrunkene Deutsche erfahrungsgemäß große Angst machen, verwandeln sich
Biedere vier Sterne
Das Bild, so würde ich schlussfolgern, das
wir uns heute vom Mythos Hotel machen,
provozieren Filme wie Grand Budapest Hotel, auf die sich zwar alle einigen können,
die aber nur zeigen, dass Wes Anderson seit
15 Jahren denselben Film dreht. Umso überraschender traf mich die Erkenntnis, dass
selbst an einem so geschmacklosen Ort wie
einem Hilton-Hotel wundersame Dinge
passieren können – wenn höchst betrunkene Schweden die Führung übernehmen.
Zwar ist das skandinavische Trinkverhalten
für sich schon wieder so ein ganz schlimmer
Mythos, den wir an dieser Stelle aber erneu-
F o t o: N i na S t i l l e r
ir hatten Freunde zu Besuch
am Wochenende, drei Paare,
Mittdreißiger, ohne Kinder.
Wir hockten im Wohnzimmer, in der
Mitte auf dem Boden spielte unser
Sohn, zusammen mit den Erwachsenen.
Ich fühlte mich seltsam, ich gehörte
jetzt zu den Müttern. Das war lange gar
nicht abzusehen. Mein Freund fragte
hinterher ein wenig nachdenklich: Wollen die anderen auch mal Kinder?
Auf dem Titel der Bild stand einen Tag
später: „Warum wollen deutsche Frauen
keine Babys? Zu emanzipiert? Zu feige?
Oder sind die Männer schuld?“ Das
überraschte mich. Denn ich hatte in der
letzten Zeit häufig Geschichten gelesen,
in denen Menschen, die „kinderlos und
trotzdem glücklich“ waren, ausführlich
von sich erzählten, in Stern, Brigitte
oder im Fernsehen. Da wurde vorgerechnet, wie viel man einsparen kann
ohne Kind. Oder wie frei man ist. Jetzt
aber kam eine Studie heraus, nach der
Deutschland bei den Geburtenraten
weltweit auf den letzten Platz gerutscht
ist. Hinter Japan!
Da muss nun wieder was „erforscht“
werden. Die Menschen in Deutschland
wollen sich nicht festlegen, diagnostiziert der Göttinger Psychotherapeut und
Angstforscher Borwin Bandelow, so lebe
man im Jahr 2015. Die unsicheren Jobs,
Partner, man will festen Boden, bevor
ein Kind kommt. Nur wieso fällt es
manchmal so schwer, das zu benennen?
Warum sagt man nicht selbstbewusst:
Ein Kind nicht um jeden Preis, nur mit
einem Partner, im Moment ist aber eben
einfach keiner da. Ich habe früher eine
Weile gebraucht, bis ich das konnte,
denn es tut ja auch ein bisschen weh.
Ein Kind ist zauberhaft! Für manche
Frauen kann es aber selbst dann zur Last
werden, wenn das Umfeld materiell und
seelisch überhaupt nicht prekär ist.
Mitte April gab es Aufregung um die
israelische Studie: Darf man bereuen,
Mutter zu sein? Unter dem Hashtag
­#regrettingmotherhood redeten sie über
die Last, die das Muttersein mit sich
bringt, Frauen unterschiedlichen Alters
und aus allen sozialen Schichten erzählten von dem Gefühl, durch die Kinder
ihr Leben, ihre Identität verloren zu haben. Auf Twitter wurde intensiv debattiert – ein Tabu war gebrochen. Das war
ehrlich. Weil es ambivalent war. Man
würde sein Kind nicht hergeben, spürt
aber ein Unbehagen in der Rolle als Mutter in der Gesellschaft. Man muss das
sagen dürfen.
Ich saß mit einer Freundin bei einem
Vietnamesen, wir hatten uns lange nicht
gesehen, und sie erzählte mir von ihren
widerstreitenden Gefühlen. Sie selbst
wolle im Grunde gar keine Kinder, aber
es mache sie mitunter traurig, wenn sie
mich so sehe, mit meiner Familie, sie
hatte dafür ganz eigene Gründe. Aber
das seltsame Unwohlsein komme gar
nicht aus ihr selbst, sondern weil ihr von
außen suggeriert werde, Kinder seien die
höchste Erfüllung. Oder andersherum:
Wenn man schon keines möchte, sollte
man damit vollkommen glücklich sein.
Was für ein Anspruch! Warum gibt es
nur das, Schwarz oder Weiß, wieso sind
die Debatten eigentlich so aufgeladen,
so polarisierend, wenn sie sich um so
etwas Selbstverständliches wie Kinder
drehen? Wir setzen uns unter Druck,
sollen im Beruf und als Mutter optimalen Einsatz bringen. Wenn das Kind als
letztes abgeholt wird, mokiert sich die
Tagesmutter. Wenn man das Büro
pünktlich verlässt, bleibt die Arbeit liegen. Dafür entscheidet man sich, wenn
man ein Kind bekommt, Männer und
Frauen. Ein Kind muss nicht in die Leistungsgesellschaft passen. Aber die
könnte sich endlich emanzipieren.
Menschen im Hotel: Daniel Johansson und Joakim Sveningsson von Friska Viljor
betrunkene Schweden in stilsichere Götter.
Die Sachlage am Flügel war nun, dass Friska Viljor unbedingt weitertrinken mussten,
die hübsche, blonde Bardame ihre Theke
aber längst schließen wollte. Es saßen und
standen zunächst nur ein paar Gestalten
um den Flügel herum, als die beiden
Schweden anfingen, für das Fräulein an der
Bar (und nur für sie!) die größten Love
Songs aller Zeiten zu spielen.
Man ahnte, dass noch nie zuvor jemand
für sie gesungen hatte. Ich werde ihren verträumten, leicht verschämten Blick beim
Zapfen vieler frischer Biere in den unzähligen Stunden nie wieder vergessen. Zu Hause wartete vielleicht nur ein ordinärer
Mann auf sie. Mit jedem folgenden, noch
lauteren, noch schöneren Song zapfte sie
beherzter – sie würde die Bar nie wieder
schließen. Als dann wirklich alle in der Lobby „You are the dancing queen“ intonierten,
mittlerweile waren alle Hotelgäste selbstverständlich wieder aus ihren Zimmern
gekommen, um zu staunen, holten Friska
Viljor – völlig richtig! – auch noch den letzten Trumpf aus dem Ärmel und zogen sich
komplett aus. Ein paar der unwahrscheinlichsten Fotos aller Zeiten machte dabei
mein Bandkollege. Nackte Hintern, primäre
Geschlechtsmerkmale, weiße Tasten, weißer Flügel – es war, so empfand ich es, für
alle Beteiligten ein Moment von Epiphanie.
Alles ergab einen Sinn. Und ich weiß genau,
dass in diesem Augenblick die meisten Anwesenden ebenfalls nackt sein wollten, sich
aber nicht trauten.
Seither jedenfalls verstehe ich, was an
Schweden so faszinierend ist. Man mag einwenden, hier wäre bloß ein Rockstar-Mythos durchexerziert worden, da Friska Viljor
im Hotel aber eigentlich niemand kannte,
fällt dies als Erklärung für den Überschwang
der Gefühle aus. Laute, schwitzend betrunkene, nackte Männer sorgen überall auf der
Welt für Furcht und Schrecken. Wenn es
Schweden sind, erobern sie sogar die Herzen ängstlicher Hotelfachfrauen.
Timon Karl Kaleyta ist der Erfinder und
Sänger der Band Susanne Blech
Porträt 31
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
„Auch Moses musste erst
ganz genau hingucken“
Christian Herwartz ging als Jesuitenpfarrer unter die Arbeiter und kämpft heute am Flughafen BER für Migranten
■■Luisa Hommerich
A
m Tag der Deutschen Einheit
2012 steht Christian Herwartz
mit windzerzaustem Bart auf
der Baustelle des Flughafens
BER und hält einer Nonne ein
großes, weißes Megafon hin. Sie soll frei
sprechen können. Gemeinsam mit 100
Menschen aller Glaubensrichtungen stehen sie hier und demonstrieren. Denn der
„Abschiebeknast“, wie Aktivisten den Gewahrsam nennen, ist im Gegensatz zum
restlichen Flughafen pünktlich fertig geworden. Im Schnellverfahren wird hier die
Zukunft von Flüchtlingen entschieden.
Doch Herwartz und seine Mitstreiter kommen gar nicht erst bis dorthin. Ihre Plakate
müssen sie außer Blickweite am Zaun aufhängen, die Flughafen Berlin Brandenburg
GmbH versperrt den Demonstranten alle
Tore. Die Nonne spricht ins Megafon, Herwartz hält es fest, aber ihre Worte hallen
ins Leere.
Fast drei Jahre später sitzt der Priester in
seinem winzigen Arbeitszimmer in seiner
Kreuzberger WG. Christian Herwartz ist Jesuit, er lebt mit 10 bis 15 Männern und Frauen in einer Wohnung mit sechs Zimmern,
die über dem Trinkteufel liegt, der Kneipe,
die sich als „Tor zur Hölle“ anpreist.
Plappern ist bürgerlich
Er ist 72 Jahre alt, trägt einen weißen Bart
und schaut gütig. Wenn er redet, klingt es
ein bisschen brummig. Sein T-Shirt ist mit
Comicfiguren bedruckt und spannt sich als
Halbkugel über seinem Bauch. Seine CordHandwerkerhose ist abgewetzt. Im Regal
steht linke Literatur neben der Bibel, Bücher titeln Armes reiches Europa und Frieden mit dem Kapital?. Das Arbeitszimmer
ist eine einfache Kammer: ein Schreibtisch,
ein älterer Computer, eine Couch. Während
unseres Gesprächs sitzt ein Mitbewohner
neben ihm, der die ganze Zeit schweigt und
manchmal nickt. Die Tür steht offen, andere Mitbewohner tragen Brötchenkörbe und
Marmelade hin und her. Von hier aus will
Herwartz die Welt besser machen. Als einer
der letzten „Arbeiterpriester“ in Deutschland hat Herwartz mehr als 30 Jahre lang in
Betrieben gearbeitet, er war Dreher und
Pressenführer, obwohl er einst Theologie
studiert hat. Er kommt sofort auf sein Thema. „Die Flughafengesellschaft schirmt die
Öffentlichkeit vom Schicksal der Flüchtlinge ab. Das geht gar nicht“, sagt er. Mit seiner Klage gegen die Flughafengesellschaft
ist er jetzt bis zum Bundesgerichtshof gezogen, das Urteil soll in den kommenden
Tagen gefällt werden. „Es ist wichtig, vor
den Gewahrsam zu kommen“, sagt Herwartz, „weil wir dort direkt vor der Mauer
Europas stehen. Da, wo keine armen Menschen durchkommen, aber dafür das Geld,
der Kapitalfluss.“ Der Kapitalfluss? Er hört
sich an wie ein Dozent im Ökonomieseminar und nicht wie ein Priester. Er ist beides
ein bisschen.
Die Bewegung der Arbeiterpriester will
den Bruch heilen, den sie zwischen Arbeitern und geistlichen Intellektuellen sieht.
Französische und belgische Priester, oft
Dominikaner und Jesuiten, gingen daher
in den 30er Jahren in die Fabriken, um an
der Basis zu arbeiten. Nach dem Krieg kam
die Bewegung nach Deutschland. Die Kirche verbot sie zwischenzeitlich wegen
kommunistischer Umtriebe, erlaubte sie
aber 1964 wieder. Was wollte Herwartz bewirken an den Werkbänken? Menschen
missionieren, Seelsorge betreiben? „Gar
nix wollte ich bewirken“, sagt er trotzig,
„ich wollte gucken, ob ich gebraucht werde,
solidarisch sein. Das ist die schlimmste
Seelsorge, wenn man etwas bezwecken
will.“ Jesus sei auch nicht in der Nähe Gottes geblieben, sondern habe sich im Kontakt mit Armen und Kranken bemüht,
Mensch zu werden, bis zum Tod.
Er klingt wie
ein Dozent
im Seminar
für Ökonomie,
nicht wie
ein Priester
Dafür zahlt die Kirche keinen Cent, gelebt hat er all die Jahre nur vom Lohn der
Betriebe. Jesuiten-Arbeiterpriester wollen
das so. Als Priester geoutet bei den anderen Arbeitern habe er sich nie. „Und die,
die’s trotzdem irgendwoher wussten, die
haben den Mund gehalten. Sachen weiterplappern, das ist bürgerliches Verhalten.“
Solidarität ist für ihn, sich immer wieder
vor seine Kollegen zu werfen. Er muckte
bei Arbeitgebern immer als Erster auf. Einmal ging er für zehn Tage ins Gefängnis,
weil sich Kollegen bei einer Demo mit der
Polizei angelegt hatten. Sie hielten zum
Die jüngste gerichtliche Klage
Was ist öffentlich und was
privat, auch darum geht es in
der Klage von Christian
Herwartz. Der Jesuitenpater
fordert die Erlaubnis, vor dem
Abschiebegewahrsam für
Flüchtlinge und Asylsuchende
auf dem Betriebsgelände
der Flughafengesellschaft
Berlin-Brandenburg seinen
Protest äußern zu dürfen –
durch Mahnwachen oder
Kundgebungen. Bereits im
August 2012 hatten er und
Mitstreiter eine (verbotene)
Mahnwache vor dem
Gebäude abgehalten. Das
neue Gefängnis befinde sich
auf Privatgelände, argumentierte die Flughafenge­
sellschaft, die dem Land
Brandenburg, dem Land
Berlin und dem Bund gehört.
Christian Herwartz geht es
mit seiner Klage aber um
viel mehr: Es dürfe nicht sein,
dass Einrichtungen durch
ein Demonstrationsverbot
dem öffentlichen Blick ent­zogen werden.
Die Flughafengesellschaft
fürchtet einen Nachahmer­
effekt. Es könnte zukünftig
„verstärkt gegen das Flughafenasylverfahren Widerstand
geleistet werden“, wurde
Herwartz mitgeteilt. Man
wolle weitere öffentliche
Versammlungen auf dem
Privatgelände durch ein
Grundsatzverbot verhindern.
Laut eines Urteils von 2011
darf an Flughäfen, Bahnhöfen,
in Häfen und Einkaufszentren
demonstriert werden,
wenn diese mehrheitlich in
staatlicher Hand sind.
Herwartz hat seine Klagen
schon zweimal verloren, die
Richter wollen nur erlauben,
im Terminalbereich zu
demonstrieren. Dort, wo
Leute Kaffee trinken, sei
öffentlicher Raum. Weil die
Richter in Herwartz’ Klage
eine Grundsatzfrage berührt
sehen, darf er Revision
einlegen. Der Anwalt des
Flughafens will diese jedoch
kostenpflichtig zurück­weisen. In diesen Tagen
wird weiterverhandelt.
ML
Dank eine kleine Rede für ihn. Es sei
manchmal gar nicht so einfach, sagt Herwartz, den Menschen anzunehmen, aber
den gleichen Menschen in seiner Funktion als Polizist nicht. Polizisten dürfen
nicht in seine WG.
Der Jesuitenpater setzt sich an den Computer, tippt auf der Tastatur herum und
druckt ein selbstgeschriebenes Gebet aus.
Es handelt von Wahrnehmung und soll in
einem Buch über Straßenexerzitien erscheinen, geistliche Mediationen auf der
Straße. Herwartz leitet sie regelmäßig,
und er braucht kein Kloster dafür, keine
Stille. Die Teilnehmer sollen nur offen und
möglichst ohne Vorurteile Gott und die
Menschen suchen. Simple Situationen sollen sie bewusst wahrnehmen – über die
Straße gehen, in einem Café sitzen, Menschen beobachten, mit ihnen in Kontakt
kommen. „Auch Moses musste erst ganz
genau hingucken, bis er den brennenden
Dornbusch als Zeichen erkannt hat“, sagt
Herwartz. Auf seinen linken Arm hat er
sich die Flammen und Dornen dieser Bibelgeschichte tätowieren lassen. Sein
rechtes Tattoo zeigt einen Fisch, das Zeichen der Christen.
Vor 17 Jahren hat Herwartz angefangen,
mit der Gruppe „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ regelmäßig vor Abschiebeeinrichtungen zu protestieren, vor allem vor
dem Gewahrsam in Köpenick. Von den
dort arbeitenden Seelsorgern bekommt er
Namen von Insassen zugesteckt, die besucht werden wollen. Dann redet er mit
ihnen, bringt Blumen oder Schokolade.
„Vielleicht“, überlegt er, „gehen mir Flüchtlinge so nahe, weil ich bis zu meinem 35.
Lebensjahr nirgendwo länger als drei Jahre
gewohnt habe.“
Herwartz wird in Stralsund geboren,
wächst mit drei Brüdern in einem bürgerlichen Haushalt auf. Alle sind gläubig, aber
ihm missfällt die Art, wie sie das nach außen präsentieren – als wäre es wichtig, was
die Nachbarn denken. Die Familie zieht
dauernd um, der Vater ist in den letzten
beiden Kriegsjahren U-Boot-Kommandant
in Singapur. Derweil erfährt die Mutter in
Deutschland davon, dass es KZs gibt, und
sagt nichts, aus Angst. „Das Schweigen meiner Elterngeneration war brutal“, sagt er.
Manche Fragen seien zu Hause nie gestellt
worden. „Für mich war es eine wahnsinnige Erfahrung, dass die Leute, die aus dem
Krieg kamen, den auch noch glorifiziert haben.“ Wenn er über seine Familie spricht,
redet er auf einmal langsamer, wählt seine
Worte bedachter.
sche Probleme haben, die vor irgendwas auf
der Flucht sind. Christian Herwartz lässt sie
alle rein. Sie dürfen bleiben, so lange sie
wollen. „Ich will hinsehen“, sagt er, „ich will
mich mit Menschen konfrontieren.“ Aber
welche Religion die Leute haben, ob sie
überhaupt glauben, das sei ihm schnuppe.
„Mission ist kein Waschmittelverkauf, sondern das Entdecken des Glaubens beim anderen“, sagt er. Dazu müsse man die Sprache des anderen lernen, sich auf den Weg
„Das ist die
schlimmste
Seelsorge:
etwas damit
bezwecken
zu wollen“
machen, vielleicht auch lange Zeit gar
nichts verstehen. „Und dann entdecken,
dass die Weise, wie der andere seine Hoffnungen ausdrückt, gar nicht so weit entfernt ist von den eigenen Vorstellungen.“
Jeden ersten Sonntag im Monat organisiert Herwartz am Berliner Gendarmenmarkt ein interreligiöses Friedensgebet, mit
Muslimen, Juden, Atheisten, Christen. Die
Mauer, die er niederreißen will, stehe auch
in der eigenen Kirche, manche ließen nichts
an sich heran, kritisiert er. Er hat ein Buch
über Missbrauch mitgeschrieben. Aber eigentlich wolle er gar keine Institutionen
reformieren. In seinem kleinen Kreuzberger Universum lebt er die humanistische
Praxis. Wann gerät einer wie er ins Zweifeln? Herwartz wartet kurz, dann erzählt er
von einem Mann, den er in der WG schlafen
ließ. Er hatte seine dreijährige Tochter von
der Mutter entführt. Die Mutter war eine
Trinkerin, das Kind blühte in der WG auf –
doch Herwartz rang mit sich, weil er einen
Kindesentführer unterstützte. „Nach drei
Tagen wusste ich, dass es richtig war.“ Der
Mitbewohner, der dabei ist, schweigt immer
noch. Was ist Herwartz für ihn, für die anderen? Ein spiritueller Führer? Ein Guru,
eine Art Heiliger?
An einem Samstagmorgen sitzen ein
paar sporadische WG-Insassen mit Nachbarinnen und Bekannten um einen großen, langen Holztisch im Wohnzimmer.
An den Wänden hängen Aquarelle, gemalt
von Menschen, die hier mal gewohnt haben, eines soll Maria darstellen. Filterkaffee, Brot und Schnittblumen stehen auf
dem Tisch. Es ist ein Ritual: Immer am
Samstag wird hier ein Frühstück veranstaltet, und natürlich ist jeder willkommen.
Viele begeistern sich für Spirituelles, man
redet über alternative Formen der Psychotherapie und Gewerkschaften auf Kuba.
Herwartz ist nicht da, er besucht gerade
einen Freund in Norddeutschland. Trotzdem dominiert er die Gespräche. Wäre er
anwesend, würde er womöglich eine Rede
oder Ansprache halten, so wie er das
manchmal tut. Die Figur Christian hält die
Kreuzberger WG zusammen. Man könnte
auch sagen, er macht sie zu so was wie der
progressivsten Zelle der Kirche. Aber selbst
bei Herwartz hat Toleranz Grenzen. Wenn
einer über Wiedergeburt diskutieren will
oder über Pantheismus, die Vielgötterei,
geht ihm das zu weit. „Das gibt es nicht“,
sagt er dann entschieden. Aber das Unrecht in der Welt ist ihm wichtiger als theoretischer Glaubensstreit. Früher brauchten die Arbeiter seine Solidarität, heute
sind es die Flüchtlinge und all die anderen
Prekären der Welt.
Wenn Christian Herwartz über Moses
nachdenkt, dann stellt er sich vor, wie groß
ihm der Auftrag erscheinen musste, das
Volk Israel zu befreien. Es sei für ihn ungefähr so, als würde er den Auftrag bekommen, er allein müsse Deutschland vom Kapitalismus befreien. Aber er will doch nur
den Prozess gewinnen.
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Die Sprache der anderen
Auf seine Internetseite hat er einen Liebesbrief seiner Mutter geladen, den sie seinem
Vater schrieb, als er, der Sohn, neun Monate
alt war. „Du hast einen strammen, dicken
Bengel mit großen Augen und recht ansehnlichen Kräften“, steht darin. Aber Herwartz
will anders leben als seine Eltern, wie so viele Kinder der Nachkriegszeit. In München
und Frankfurt studiert er die Theologie der
Befreiung, eine in Lateinamerika entwickelte gesellschaftskritische christliche Lehre,
die die Armen von Unterdrückung und Ausbeutung befreien will. Er ist 28 Jahre alt, als
ein Freund ihn zwischen zwei Vorlesungen
fragt, ob er mit ihm „in die Solidarität mit
den Arbeitern“ gehen will. Eine Minute
braucht er, dann sagt er Ja.
Nach dem Studium wird er Jesuit, geht
nach Frankreich und arbeitet in verschiedenen Städten als Lkw-Fahrer und Pressenführer. „Gastarbeiterjahre“ nennt er diese
Zeit. Er hat damals gelernt, wie es ist, fremd
zu sein. Dann geht Herwartz nach Berlin,
wird Dreher bei Siemens, gründet 1984 die
Kreuzberger WG als „Kommunität“, als traditionelle Wohngemeinschaft der Jesuiten.
Alle teilen alles mit allen. Inzwischen lebt
nur noch ein anderer Jesuit hier, die anderen sind Atheisten, Jüdinnen, katholische
und evangelische Christen, auch Muslime,
meist sind das Flüchtlinge, die einen Schlafplatz brauchen. Nachts stehen oft Menschen vor der Tür, die kein Zuhause haben,
die wissen, dass sie sterben werden, psychi-
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32 A – Z
der Freitag | Nr. 26 | 25. Juni 2015
A–Z Bachmannpreis
M
Foto: i s o l d e o h l baum/l a i f
Maria Loretto „Angeln im Wörthersee.
Oder den Fischtank im Maria Loretto entern“, schlug Peter Glaser, Bachmannpreisträger von 2002, in der FacebookGruppe Bachmannwettschwimmen (➝
Schwimmbadfigur) vor, nachdem dort bekannt gemacht wurde, dass in diesem
Jahr gespart werden muss; ausgerechnet
am Rahmenprogramm. Am Eröffnungsabend wird das üppige Buffet (➝ Winkler, Josef) gegen Fingerfood getauscht,
die große Gala im Schloss Maria Loretto
soll ausfallen. Neben dem Restaurant
Maria Loretto mit seinem Fischtank und
dem Schloss, das auf der Halbinsel am
Wörthersee liegt, gibt es noch das gleichnamige Strandbad, das kleiner und gemütlicher ist als das große, allgemeine
Strandbad einen (durch den See zu
schwimmenden) Kilometer weiter. Das
Restaurant ist Treffpunkt der wichtigsten
Akteure des Literaturbetriebs. Besonders
beliebt ist die frische Forelle, „nach
Wunsch zubereitet“.
Wettlesen Am 1. Juli beginnen die 39. Tage der deutschsprachigen Literatur
in Klagenfurt. Haben Sie gewusst, dass Rainald Goetz 1983 trotz blutiger Stirn
keinen Preis bekommen hat? Und was macht eigentlich der Sieger von
2009, Jens Petersen? Unser Wochenlexikon, zusammengestellt von Jan Drees
A
Automatische Literaturkritik Laut Initiatorin Kathrin Passig ein „überwiegend
ernst gemeinter“ Preis der Zentralen Intelligenz Agentur (ZIA), der von 2008 bis
2014 vergeben wurde. Die Preisträger wurden mit Hilfe von Plus- und Minuspunkten ermittelt. Die Helferinnen und Helfer
hatten zum Beispiel nur anzukreuzen, ob
im Text Nagetiere vorkommen (Plus) oder
das Autorenporträt Großaufnahmen gehender Füße enthält (Minus). Lange bevor
Netflix mit House of Cards eine Serie produzierte, die auf Umfragen und Metadaten aus dem Netz zurückgriff, arbeitete
die ZIA an statistisch darstellbaren Kriterien für den chancenreichsten Bachmanntext. Nachdem ZIA-Mitglied Wolfgang Herrndorf 2004 den Klagenfurter
Kelag-Preis für die Geschichte Diesseits des
Van-Allen-Gürtels verliehen bekam, gelang
Kathrin Passig mit einem so optimierten
Text 2006 der Coup, als ihr der Hauptpreis
verliehen wurde. Danach musste sie sich
unsinnigerweise anhören, der errechnete
Erfolg sei Manipulation.
B
Blut Bei der Bewertung des „lobenswerten“ Texts solle es keine Rolle spielen, forderte Jurymitglied Marcel Reich-Ranicki
1983, nachdem der junge Punk Rainald
Goetz einen Ausschnitt aus seinem späteren Debüt Irre gelesen hatte. Mit blutiger
Stirn saß der damals 29-Jährige an seinem
Platz. Es tropfte hinab auf den Tisch, aufs
Papier. Mit einer verborgen gehaltenen
Rasierklinge hatte er sich während seines
eher Performance zu nennenden Vortrags
in die Stirn geschnitten. Angeblich ist die
Narbe heute noch zu sehen. Einen Preis
bekam Dr. med. Dr. phil. R. Goetz übrigens nicht. Dass Provokation kein Garant für Erfolg ist, erfuhr 26 Jahre später
auch der Österreicher Philipp Weiss, der
einen Teil seines Klagenfurt-Beitrags Blätterliebe auf Spezialpapier hatte drucken
lassen, um ihn nach dem Vortrag coram
publico aufzuessen. Ein dahinter verborgener Sinn wird bis heute gesucht.
H
Häschenkurs Nur für Außenstehende abfällig klingende, von Insidern aber aufrichtig liebevoll gemeinte Bezeichnung
für den Klagenfurter Literaturkurs. In diesem Jahr findet er zum 19. Mal statt, traditionell in den Tagen vor dem Bachmannwettlesen. Junge Schreibende werden
zum Workshop eingeladen, bei der Abschlusslesung sind viele Lektoren anwesend, die vielleicht den nächsten Shootingstar casten. Etliche spätere Teilnehmer der Tage der deutschsprachigen
Literatur (TDDL) waren zuerst hier im
Musil-Museum bei Direktor Heimo
Strempfl eingeladen, um unter Anleitung
arrivierter Schriftsteller die eigenen Texte
zu debattieren. Spezielles Zuckerl für alle
Teilnehmer sind die großzügig ausgegebenen, auch während der Bachmanntage
einlösbaren Gutscheine, die zum freien
Verzehr in den meisten Restaurants wie
dem Wirtshaus Zum Augustin (➝ Zweirad) berechtigen. Karrierebewusste Teilnehmer des Häschenkurses laden mit ihren Gutscheinen beizeiten jene Kritiker
ein, die nicht auf Spesenkonto speisen,
weil die Redaktionen sparen, sogar an der
leckeren Erdbeersuppe. Von echter Bestechung ist bislang nichts bekannt.
J
Jens Petersen Arzt wie Rainald Goetz (➝
Blut) und Bachmannpreisträger 2009, auf
dessen Roman, den er damals angekündigt hatte, die Welt bislang wartet. Inzwischen arbeitet der Zweimetermann in
Zürich und bereitet seine Habilitation
vor. Selbst das legendäre Cabrio, das im
Autorenvideo damals zu sehen war, gibt
es nicht mehr. „Das habe ich verkauft; das
Dach wurde im Kreis 4 in Zürich, wo ich
bis vor ein paar Jahren lebte und keine
Garage besaß, zu oft aufgeschlitzt, nicht
von Vandalen, sondern von echten Gaunern; inzwischen habe ich eine Garage
voller Gemüsekisten.“ Aktuellste Veröffentlichung: Variant of Guillain-Barré syndrome with spinal cord involvement in der
Fachzeitschrift Neurology.
L
Lendhafen Lauschiger Treffpunkt, nahe
dem ORF, mit dem obligatorischen Rahmenprogramm wie dem Literatur-MusikQuiz, veranstaltet vom österreichischen
Architekturkritiker und Gewinner des
Bachmannwettschwimmens 2005 (➝
Schwimmbadfigur) Maik Novotny sowie
dem Bachmannpreisträger 2014 Tex Rubinowitz. Beim Bier, das an der Bude geholt
werden muss, relaxed hingefläzt in einer
mit Ingeborg-Bachmann-Zitaten bedruckten Strandliege, vermischen sich
die Besucher. Die anreisenden Studierenden gehören dann selbstverständlich auch
zur Szene. Es wird diskutiert, getanzt, geflirtet. Später geht es zum Weiterfeiern
mit dem ➝ Zweirad ins ➝ Teatro.
O
ORF Wer sich nicht vor den heißen Scheinwerfern fürchtet, der setzt sich direkt in
den Sendesaal des ORF Theaters, um die
Lesungen hautnah zu erleben. Alle anderen verfolgen draußen vor den großen
Fernsehern, an der Biertischgarnitur das
Wettlesen. Der Österreichische Rundfunk
führt die komplette Veranstaltung durch.
Zwölf Jahre lang lag die Organisation in
den Händen von ORF-Redakteurin Michaela Monschein – bis sie 2012 überraschend
abgelöst wurde, was damals zu heller Aufregung führte, hatte die Monschein doch
mit besonderer Sensibilität den Bachmannpreis betreut, auch gegen jene Modernisierungspläne in Schutz genommen,
die mehr nach „Deutschland sucht den
Superdichter“ als nach ernsthafter Literaturkritik aussahen. 2014 stand die Veranstaltung bereits auf der Kippe, nachdem
ORF-Generaldirektor Wrabetz unmittelbar
vor der Eröffnung 2013 gesagt hatte,
nächstes Jahr sei das Landesstudio Kärnten nicht mehr dabei. Gelesen wird weiterhin, gezittert auch.
S
Schwimmbadfigur Körperlicher Zustand,
den man nach jedem Klagenfurt-Besuch
bis zum kommenden Jahr erreichen
möchte, um beim Sonnenbaden im
Strandbad und beim Bachmannwettschwimmen endlich besser auszusehen.
Der Sieger wird traditionell von der Wasserrettung des Wörthersees rumgefahren.
Katharina Wilts, Pressechefin von KlettCotta, gewinnt gefühlt jedes Mal, während
Kathrin Passig (➝ Automatische Literaturkritik) üblicherweise Letzte wird. Das jahrelang abgehaltene Fußballspiel, ORFTechniker gegen Literaten und Kritiker,
findet nicht mehr statt, weil die Techniker jedes Mal den Pokal nach Hause holten. Einen Tipp gab Dumont-Pressechefin
Julia Giordano via Facebook: „How to get a
lake body: go to the lake, have a body.“
T
Teatro Abgesehen von dem manchmal in
Klagenfurt Platten auflegenden Tex Ru­
binowitz (➝ Lendhafen) ist Musikgeschmack ein echtes Problem im deutschen Literaturbetrieb. Das wird jeder
bestätigen, der bei der Frankfurter Buch-
messe zusehen musste, wie gestandene
Verleger und Kulturmenschen im Velvet
Club zu den Bravo-Hits des Technojahrs
1993 ausflippten. In der Teatro-Bar werden zwar die Hits der 80er, 90er und das
Beste von heute gespielt. Aber die Haltung dazu ist ab zwei Uhr nachts eher
ironisch. Bislang nicht geklärt ist, wie es
Hanser-Chef und Klagenfurts Sympathiepreisträger Jo Lendle schafft, stets mit einem Gin Tonic dazustehen, am nächsten
Tag aber null verkatert im ORF aufzuschlagen. Vielleicht ist es nur ein Wasserglas mit Zitronenschnitz?
V
Vroni „Im Café jenseits der Ironie / bedient Sie die bleiche Vroni“, dichtete Hanser-Verleger Jo Lendle (➝ Teatro) im Jahr
2012 für die beliebte Wirtin des Theatercafés, wo die Verkaterten ihr Frühstück
und die ZIA-Helden ihr Abendessen einnehmen. Bachmannpreisgewinner und
Literaturquizmaster Tex Rubinowitz (➝
Lendhafen) erinnert in einem seiner aktuellen Texte, den er als eine „unsichtbare
Hommage“ bezeichnet, dass Vronis Café
eigentlich Cho Cho San heißt. 2015, da ohnehin alles anders ist als bislang (➝ Maria
Loretto), wird das Theatercafé wegen einer Erkrankung Vronis geschlossen bleiben. Man hört zum Glück, dass Vroni wieder gesund wird und die verordnete Reha
anschlägt. Gute Besserung.
W
Winkler, Josef Namentlich nicht zu verwechseln mit Winkels, Hubert, dem neuen Juryvorsitzenden des Bachmannwettbewerbs 2015. Der Kärntner Schriftsteller
und Ehrendoktor der Universität Klagenfurt ist nicht nur einer der interessantesten Gegenwartsautoren (zuletzt Winnetou, Abel und ich bei Suhrkamp), sondern
auch einer der angriffslustigsten. 2009
hielt er die Eröffnungsrede der TDDL im
ORF-Theater, wo alle zur Eröffnung ankommen, weil mit dem späteren Buffet
die Lust auf den Bürgermeister-Empfang
am Donnerstag (➝ Maria Loretto) angestachelt wird. Winkler attackierte 2009
die Stadt Klagenfurt und das Land Kärnten, man habe Geld für einen Steuerberater, der beim Verkauf der Hypo Alpe Adria
an die Bayern LB satte sechs Millionen
Euro eingestrichen hat, während kein
Geld für eine Stadtbibliothek vorhanden
sei. In Anwesenheit der Haider-Witwe sagte er zudem, der 2008 in seinem VW
Phaeton verunglückte einstige Landeshauptmann von Kärnten habe sich „mit
seiner Asche aus dem Staub“ gemacht.
Z
Zweirad Wer außerhalb des Festivals nach
Klagenfurt reist, wird kein Problem haben, eines der 600 Leihradln zu mieten.
Besucher des Bachmannwettlesens sollten aber unbedingt reservieren. Alle fahren Rad: Autoren, Lektoren, Jurymitglieder – vom ORF Theater nachmittags ins
Strandbad am Wörthersee oder abends
vom Bierhaus Zum Augustin nach Klachelsuppe und Schwammerlgulasch zum
➝ Lendhafen oder gleich ins ➝ Teatro.
Sportliche nehmen selbst nachts den Weg
am Minimundus-Modellbaupark vorbei,
um noch einmal ins Wasser zu springen.
Direkt am Neuen Platz in der Klagenfurter Tourismusinformation gibt es eine
große Verleihstelle, wenige Meter von der
über 400 Jahre alten Lindwurmstatue
entfernt. Einer Sage nach soll das spätere
Wappentier in grauer Vorzeit erschlagen
und damit die Gegend um Klagenfurt erst
bewohnbar gemacht worden sein.