Leitfaden für Flüchtlinge in Niedersachsen

Leitfaden für Flüchtlinge
in Niedersachsen
Gefördert mit Mitteln aus dem
Europäischen Flüchtlingsfonds (EFF)
Vorwort
Hier ist er endlich – der neue Leitfaden für Flüchtlinge in Niedersachsen.
Dieser Leitfaden stellt den Versuch dar, das Asylverfahren sowie die aufenthalts- und
sozialrechtliche Situation von Flüchtlingen je nach Status zusammenhängend darzustellen.
Ergänzungen, Korrekturen und Anregungen sind erwünscht, sollten jedoch deutlich zwischen
niedersächsischen Regelungen und allgemeinem (Bundes-)Recht unterscheiden.
Wir danken Professor Dr. Holger Hoffmann (Universität Bielefeld) und Georg Classen
(Flüchtlingsrat Berlin), denen wir einiges zugemutet haben, sowie Volker Maria Hügel (GGUA
Münster) und Eckhard Lang (Diakonisches Werk Rotenburg/Wümme) für ihre fachkundige
Beratung, wertvolle Hinweise und Korrekturen.
Andrea Kothen, Kai Weber
FLÜCHTLINGSRAT
Niedersachsen e. V.
Postadresse:
Langer Garten 23 B
31137 Hildesheim
Tel. 05121 – 15605
Fax 05121 – 31609
www.nds-fluerat.org
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Inhaltsverzeichnis
Teil I: DAS ASYLVERFAHREN..........................................................................................................5
1 Der Beginn des Asylverfahrens........................................................................................................5
1.1 Wer kann einen Asylantrag stellen?..........................................................................................5
1.2 Wie und wo stellt man einen Asylantrag?.................................................................................6
2 Die Anhörung ..................................................................................................................................9
2.1 Vor der Anhörung......................................................................................................................9
2.2 Während der Anhörung...........................................................................................................10
2.3 Nach der Anhörung.................................................................................................................11
3 Wer bekommt Asyl?........................................................................................................................13
3.1 Voraussetzungen für die Flüchtlingsanerkennung..................................................................13
3.2 Voraussetzungen für den Abschiebungsschutz .......................................................................17
3.3 Folgeantrag.............................................................................................................................18
4 Der Bescheid des Bundesamtes......................................................................................................20
4.1 Unzulässiger Asylantrag – Die Dublin-II-Verordnung ..........................................................20
4.2 Kein (neues) Asylverfahren – Folgeantrag.............................................................................22
4.3 Anerkennung als Flüchtling.....................................................................................................22
4.4 Abschiebungsschutz nach § 60 Abs. II, III, V oder VII AufenthG...........................................23
4.5 Ablehnung................................................................................................................................23
4.6 Ablehnung als „offensichtlich unbegründet“..........................................................................24
5. Das Gerichtsverfahren..................................................................................................................25
6. Die gesetzliche Bleiberechtsregelung (§ 104a AufenthG, § 23 Abs. 1 AufenthG)Die gesetzliche
Bleiberechtsregelung (§ 104a AufenthG, § 23 Abs. 1 AufenthG)......................................................26
7. Aufenthaltserlaubnis nach § 18a AufenthG...................................................................................37
8. Perspektiven nach negativem Abschluss eines Asylverfahrens.....................................................40
8.1 Ausreisepflicht und vollziehbare Ausreisepflicht....................................................................46
8.2 Droht die Abschiebung?..........................................................................................................47
8.3 Wenn es keine Chance mehr gibt.............................................................................................48
TEIL II: DIE RECHTE VON FLÜCHTLINGEN...............................................................................53
9. Flüchtlinge mit „Aufenthaltsgestattung“ (im Asylverfahren).......................................................54
9.1 Aufenthaltsrechtliche Situation ...............................................................................................54
9.2 Wohnen, Umziehen und Residenzpflicht..................................................................................55
9.3 Arbeit und Ausbildung............................................................................................................58
9.4 Soziale Sicherung....................................................................................................................61
9.5 Medizinische Versorgung........................................................................................................65
7.6 Familienleistungen, Kinder- und Jugendhilfe.........................................................................69
9.7 Deutschkurs, Kindergarten, Schule, Studium..........................................................................70
10. Flüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis nach § 25 I oder II AufenthG (Asylberechtigte und GFKFlüchtlinge).......................................................................................................................................74
10.1 Aufenthaltsrechtliche Situation .............................................................................................74
10.2 Wohnen, Umziehen und Reisen.............................................................................................80
10.3 Arbeit und Ausbildung...........................................................................................................81
10.4 Soziale Sicherung..................................................................................................................83
10.5 Medizinische Versorgung......................................................................................................86
10.6 Familienleistungen, Kinder- und Jugendhilfe......................................................................87
10.7 Deutschkurs, Kindergarten, Schule, Studium........................................................................89
11. Flüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis nach § 25 III AufenthG (subsidiärer Schutz)..................94
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11.1 Aufenthaltsrechtliche Situation..............................................................................................94
11.2 Wohnen, Umziehen und Reisen...........................................................................................100
11.3 Arbeit und Ausbildung.........................................................................................................102
11.4 Soziale Sicherung................................................................................................................107
11.5 Medizinische Versorgung...................................................................................................110
11.6 Familienleistungen, Kinder- und Jugendhilfe.....................................................................111
11.7 Deutschkurs, Kindergarten, Schule, Studium......................................................................114
12. Flüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis nach §§ 25 IV Satz 1 oder V AufenthG .........................118
12.1 Aufenthaltsrechtliche Situation............................................................................................118
12.2 Wohnen, Umziehen und Reisen...........................................................................................122
12.3 Arbeit und Ausbildung.........................................................................................................124
12.4 Soziale Sicherung................................................................................................................127
12.5 Medizinische Versorgung....................................................................................................132
12.6 Familienleistungen, Kinder- und Jugendhilfe.....................................................................136
12.7 Deutschkurs, Kindergarten, Schule, Studium......................................................................139
13. Flüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis nach § 23 I und § 23a AufenthG (Härtefälle,
Bleiberechtsregelung)......................................................................................................................143
13.1 Aufenthaltsrechtliche Situation ...........................................................................................143
13.2 Wohnen, Umziehen und Reisen...........................................................................................148
13.3 Arbeit und Ausbildung........................................................................................................149
13.4 Soziale Sicherung................................................................................................................151
13.5 Medizinische Versorgung....................................................................................................155
13.6 Familienleistungen, Kinder- und Jugendhilfe.....................................................................156
13.7 Deutschkurs, Kindergarten, Schule, Studium......................................................................159
14. Flüchtlinge mit „Duldung“ ......................................................................................................163
14.1 Aufenthaltsrechtliche Situation............................................................................................163
14.2 Wohnen, Umziehen und Residenzpflicht..............................................................................165
14.3 Arbeit und Ausbildung.........................................................................................................169
14.4 Soziale Sicherung................................................................................................................173
14.5 Medizinische Versorgung....................................................................................................179
14.6 Familienleistungen, Kinder- und Jugendhilfe.....................................................................183
14.7 Deutschkurs, Kindergarten, Schule, Ausbildung, Studium..................................................184
15. Hinweise für andere Flüchtlingsgruppen..................................................................................189
15.1 Flüchtlinge mit Fiktionsbescheinigung...............................................................................189
15.2 Flüchtlinge im „Dublin-Verfahren“....................................................................................189
15.3 Flüchtlinge in Abschiebungshaft.........................................................................................190
15.4 Illegalisierte.........................................................................................................................192
15.5 Aufenthaltsgewährung nach § 23 II AufenthG....................................................................194
15.6 Flüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis nach § 23 I AufenthG in anderen Fällen.................195
15.7 Flüchtlinge mit vorübergehendem Schutz (§ 24 AufenthG)................................................197
15.8 Flüchtlinge mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 IV Satz 2 AufenthG ........................198
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Teil I: DAS ASYLVERFAHREN
1 Der Beginn des Asylverfahrens
1.1
Wer kann einen Asylantrag stellen?
Theoretisch kann jeder Mensch, der in seiner Heimat verfolgt wird oder politische Verfolgung bei
seiner Rückkehr befürchten muss, in Deutschland einen Antrag auf Asyl stellen. In der Praxis
werden aber viele Flüchtlinge schon vorher abgewiesen.Zuerst muss ein Flüchtling die
Grenzkontrollen überwinden. An der Grenze werden Flüchtlinge meist festgenommen und sofort
ins Nachbarland zurückgebracht. Das liegt daran, dass die Staaten der Europäischen Union (EU)
und einige weitere europäische Staaten (Norwegen, Island, Lichtenstein und die Schweiz)
verabredet haben, dass ein Flüchtling nur in einem EU-Staat ein Asylverfahren erhalten soll. Das ist
in der Regel der Staat, den ein Flüchtling zuerst betreten hat oder für den er ein Visum erhalten hat.
Dann ist nicht Deutschland für die Durchführung des Asylverfahrens zuständig, sondern der Staat,
zu dem der erste persönliche Kontakt bestand. Bis 30 Kilometer hinter der Grenze wird einem
Flüchtling unterstellt, aus dem Nachbarland gekommen zu sein. Deshalb finden in einer 30Kilometer-Zone ab der deutschen Grenze besonders viele Polizeikontrollen statt. Aber auch wenn
ein Flüchtling die Grenze weit hinter sich gelassen hat, prüfen die deutschen Behörden nach
Abgabe eines Asylantrages immer, ob ein anderer Staat für die Durchführung des Verfahrens
zuständig ist. Wenn Deutschland beweisen kann, dass eigentlich ein anderer Staat zuständig wäre,
zum Beispiel durch Fingerabdrücke im europäischen Computersystem AFIS oder andere
Anhaltspunkte (z.B. Währung eines anderen EU-Staates mitgeführt, Fahrkarten oder andere
schriftliche Hinweise auf einen früheren Aufenthalt in einem anderen EU-Staat), wird der
Asylantrag nicht bearbeitet, sondern ein „Überstellungsverfahren” in den zuständigen EU-Staat
eingeleitet (lesen Sie dazu genauer Kapitel 4.1).
Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass ein Flüchtling in einen so genannten „sicheren Drittstaat”
außerhalb der EU abgeschoben wird. Dann soll gar kein Asylverfahren in der EU durchgeführt
werden. Derzeit verhandeln die EU-Staaten noch darüber, welche Staaten als sichere Drittstaaten
gelten sollen. Bald soll es eine gemeinsame Liste geben. Nach deutschem Recht gelten bisher außer
allen EU-Mitgliedstaaten nur die Schweiz und Norwegen als sichere Drittstaaten.
Um ein Asylverfahren in Deutschland durchführen zu können, muss man hohe Hürden überwinden.
Einen Asylantrag können Erwachsene, aber auch Kinder stellen. Für Kinder unter 16 Jahren wird
automatisch ein Asylverfahren eingeleitet, wenn die Eltern einen Asylantrag stellen und sie mit
ihren Eltern gemeinsam einreisen oder sich bereits ohne Aufenthaltserlaubnis in Deutschland
aufhalten. Auch für Kinder unter 16 Jahren, die später nachkommen, oder Kinder, die in
Deutschland geboren werden, wird automatisch ein Asylverfahren eingeleitet (§ 14 a AsylVfG).
Dies geschieht auch dann, wenn die Eltern im Asylverfahren bereits abgelehnt wurden und
entweder keine Aufenthaltserlaubnis besitzen oder aber eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 5
AufenthG.
Wird ein Asylverfahren für ein später eingereistes Kind unter 16 Jahren oder für ein in Deutschland
geborenes Kind eingeleitet, werden die Eltern schriftlich gefragt, ob sie auf die Durchführung des
Asylverfahrens für ihr Kind verzichten (§ 14 a Abs. 3 AsylVfG). Es kann sinnvoll sein, dies zu tun.
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Die Eltern sollten daher zusammen mit einer Beratungsstelle oder einer Rechtsanwältin oder einem
Rechtsanwalt gut überlegen, ob sie auf die Durchführung des Asylverfahrens für ihr Kind
verzichten. Denn meistens haben die Kinder kaum eine Chance, als Asylberechtigte oder Flüchtling
anerkannt zu werden. Es besteht aber die große Gefahr, dass das Bundesamt den Asylantrag als
offensichtlich unbegründet ablehnt (vgl. Kapitel 4.6).
1.2
Wie und wo stellt man einen Asylantrag?
Grundsätzlich kann ein Asylwunsch bei jeder Behörde, auch bei der Polizei, geäußert werden.
Diese Behörden schicken einen Flüchtling dann weiter. Zuständig für die Bearbeitung eines
Asylantrags ist das „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge” (BAMF). Dort muss man in der
Regel persönlich erscheinen, um einen Asylantrag zu stellen. Das BAMF befindet sich auf dem
Gelände einer zentralen Erstaufnahmeeinrichtung. Das ist ein großes, oft eingezäuntes Gelände mit
Polizei, Arzt, Kantine und Schlafsälen für viele Personen. In ganz Deutschland gibt es rund 20
solcher Einrichtungen, in denen Asylsuchende nach ihrer Ankunft erst einmal wohnen müssen. In
welche jemand kommt, bestimmt ein bundesweites Quotensystem. In Niedersachsen gibt es zwei
Erstaufnahmeeinrichtungen, die so genannten „Zentralen Aufnahme- und Ausländerbehörden
(ZAAB)”:
ZAAB Braunschweig
Boeselagerstr. 4
38 108 Braunschweig
ZAAB Oldenburg
Klostermark 70
26 135 Oldenburg
Tel.:
Fax:
Tel.:
Fax:
05 31 / 3547-0
05 31 / 3547-200
04 41 / 92 02-0
04 41 / 92 02-1 29
 Sind Sie bei der Polizei nach der Einreise behördlich registriert und zur ZAAB geschickt
worden, müssen Sie sich dort „unverzüglich” melden (das heißt nicht sofort, aber ohne die
Meldung in der ZAAB aus eigener Schuld zu verzögern). Möglicherweise erhalten Sie von der
ZAAB einen genauen Termin, wann Sie sich beim BAMF melden sollen. Halten Sie den Termin
ein oder geben Sie Bescheid, wenn und warum Sie dies nicht können. Wenn Sie ohne wichtige
Entschuldigung nicht erscheinen, riskieren Sie, dass Ihr Asylverfahren ohne Prüfung beendet wird
(vgl. Kapitel 3.3). Dann haben Sie fast alle Chancen auf Asyl vertan.
 Sind Sie ohne Visum eingereist und noch nicht registriert worden, sollten Sie sich ebenfalls so
bald wie möglich bei einer ZAAB und beim BAMF melden. Wenn Sie zu lange warten, kann dies
negative Folgen für ihren Asylantrag haben. Ihr Asylantrag wird dann behandelt, als wäre er ein
„Folgeantrag”. Das bedeutet, dass Ihre Fluchtgründe, die vor der Einreise entstanden sind, nicht
mehr geprüft werden (vgl. zum Folgeantrag Kapitel 3.3). Sie haben dann praktisch keine Chance
mehr auf eine Anerkennung.
 Lassen Sie sich so früh wie möglich bei einer unabhängigen Stelle beraten. Adressen erhalten
Sie beim Flüchtlingsrat Niedersachsen: Telefon 05121-15605; E-Mail [email protected];
www.nds-fluerat.org. Falls Sie einen Rechtsanwalt oder eine Rechtsanwältin einschalten wollen,
sollten Sie das ebenfalls so früh wie möglich machen.
In der ZAAB werden die persönlichen Daten aufgenommen und in einem zentralen Computer
gespeichert. Außerdem müssen alle Asylsuchenden die älter als 14 Jahre sind, ihre Fingerabdrücke
abgeben und werden fotografiert. Über den Fingerabdruckvergleich finden die Behörden heraus, ob
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jemand bereits zu einem früheren Zeitpunkt einen Asylantrag in Deutschland oder einem anderen
EU-Staat gestellt oder sich in einem anderen europäischen Land aufgehalten hat. Unter Umständen
ist damit bereits die Chance auf ein Asylverfahren in Deutschland beendet (lesen Sie dazu genauer
Kapitel 6).
Asylsuchende müssen alle persönlichen Dokumente (Pass, Geburtsurkunde…) und Unterlagen, die
Informationen über ihren Reiseweg enthalten, abgeben. Fahrscheine, Kaufquittungen und
Ähnliches dienen dem BAMF ebenfalls dazu, festzustellen, in welchen Ländern sich jemand
aufgehalten hat. Dann wird möglicherweise die Abschiebung ein einen anderen EU-Staat oder ein
sicheres Drittland eingeleitet.
 Verlangen Sie von allen Dokumenten, die Sie in Ihrem Besitz hatten und nun bei dem
Bundesamt abgeben mussten, auf jeden Fall eine Kopie! Sie haben ein Recht auf diese Kopien
(§ 21 Abs. 4 AsylVfG).
Allein eingereiste Kinder unter 16 Jahren können ihren Asylantrag durch einen gesetzlichen
Vertreter (ein Elternteil oder Vormund, am besten mit Hilfe eines Rechtsanwalts) auch schriftlich
stellen. Der Antrag wird dann zur Zentrale des Bundesamtes geschickt. Die Adresse lautet:
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
Frankenstraße 210
90461 Nürnberg
Telefon: 0911 943-0
Telefax: 0911 943-1000
Die Postanschrift lautet:
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
90 343 Nürnberg
Auch in den folgenden Fällen ist die Zentrale in Nürnberg zuständig und der Antrag kann
schriftlich gestellt werden,
• wenn Sie einen Aufenthaltstitel für mehr als sechs Monate besitzen oder
• wenn Sie sich in Haft, in einem Krankenhaus, in einer Heil- oder Pflegeanstalt oder
Jugendhilfeeinrichtung befinden.
Wenn Sie bereits früher einmal einen Asylantrag in Deutschland gestellt haben, ist jeder weitere
Asylantrag ein so genannter „Folgeantrag“. Ein Folgeantrag muss persönlich bei der Außenstelle
des BAMF gestellt werden, in der man beim ersten Asylverfahren wohnen musste (§ 71 Abs. 2
AsylVfG). Wer nachweislich nicht in der Außenstelle persönlich erscheinen kann (etwa wegen einer
durch ärztliches Attest belegten Krankheit), kann den Folgeantrag schriftlich stellen. Das gilt auch,
wenn er einen Aufenthaltstitel für mehr als sechs Monate besitzt oder sich in Haft, in einem
Krankenhaus, in einer Heil- oder Pflegeanstalt oder Jugendhilfeeinrichtung befindet. Wurde die
zuständige Außenstelle inzwischen geschlossen, muss man den Folgeantrag schriftlich bei der
Zentrale des BAMF in Nürnberg stellen.
Auf Verlangen des Bundesamtes ist ein Folgeantrag schriftlich zu stellen (§ 71 Abs. 3 AsylVfG).
Das Bundesamt soll alle Informationen über einen Asylantrag zusammentragen und entscheidet
dann in erster Instanz. Dazu wird der Flüchtling von einem Mitarbeiter persönlich befragt, in der
Regel innerhalb weniger Tage nach der Antragstellung. Den Termin dazu bekommt man schriftlich.
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 Den Anhörungstermin sollten Sie auf keinen Fall verpassen! Die Beurteilung dieser Befragung
entscheidet über die Frage, ob Sie in Deutschland Asyl erhalten oder nicht. Sind Sie zum
Anhörungstermin nicht da, kann das die Ablehnung Ihres Asylantrags zur Folge haben.
Wenn man einen schriftlichen Asylantrag gestellt hat, erhält man unter Umständen eine schriftliche
Einladung zur Anhörung. Möglicherweise wird aber auch ohne Anhörung, allein auf der Grundlage
der schriftlichen Begründung über den Asylantrag entschieden.
Bei Folgeanträgen entscheidet das Bundesamt meistens ohne Anhörung. Es trifft dann die
Entscheidung auf Grundlage der schriftlichen Angaben (§ 71 Abs. 3 AsylVfG).
 Wenn Sie einen Folgeantrag stellen, achten Sie darauf, dass alle Ihre Gründe im schriftlichen
Antrag aufgeführt sind. Am besten verfassen Sie den Folgeantrag mit Hilfe einer Rechtsanwältin,
eines Rechtsanwalts oder mit einer Beratungsstelle für Flüchtlinge.
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2 Die Anhörung
Die Anhörung ist für Sie das wichtigste Ereignis während Ihres Asylverfahrens. Was Sie in Ihrem
„Interview” sagen, ist entscheidend und kann später kaum noch korrigiert werden.
2.1
Vor der Anhörung
Schon vor der Anhörung können Sie Einiges tun, um zu einem guten Verlauf beizutragen und Ihre
Chancen auf eine Anerkennung als Flüchtling zu erhöhen:
 Wenn Sie die Möglichkeit haben, besuchen Sie vor der Anhörung eine Verfahrensberatung.
Hier können Sie schon im Vorfeld Unsicherheiten klären, Fragen stellen und erhalten hilfreiche
Hinweise für ihre individuelle Situation. Die Adresse einer Beratungsstelle in Ihrer Nähe finden sie
hier oder können Sie beim Flüchtlingsrat Niedersachsen erfahren (Telefon 05121-15605; E-Mail
[email protected]; www.nds-fluerat.org)
 Beauftragen Sie möglichst schon vor der Anhörung einen Rechtsanwalt oder eine
Rechtsanwältin mit der Wahrnehmung ihrer Interessen. Der Anwalt oder die Anwältin kann Sie
vorher beraten, darf bei der Anhörung dabei sein und sogar eingreifen. Das ist auch eine gute
Kontrolle für eine korrekte Durchführung der Anhörung. Ein guter Rechtsbeistand kostet Sie zwar
viel Geld, das Sie möglicherweise viele Jahre abbezahlen müssen. Es kann für Sie aber dennoch
entscheidend sein, ein Anwaltsbüro möglichst früh einzuschalten. Wenn der Asylantrag vom
Bundesamt abgelehnt wurde, ist es für manche Korrekturen schon zu spät.
 Sie dürfen auch eine andere Person Ihres Vertrauens zur Anhörung mitbringen. Die müssen
Sie aber vorher beim BAMF anmelden.
 Sie haben ein Recht darauf, dass die Anhörung in einer Sprache durchgeführt wird, in der Sie
sich gut verständigen können. Das ist normalerweise Ihre Muttersprache. Teilen Sie dem
Bundesamt mit, in welcher Sprache Sie bei der Anhörung sprechen wollen. Der Dolmetscher oder
die Dolmetscherin wird vom Bundesamt gestellt. Sie haben auch das Recht, eine/n Dolmetscher/in
Ihres Vertrauens zur Anhörung mitzubringen.
 Wenn Ihre Geschichte geschlechtsbezogene Probleme oder intime Details enthält, können Sie
darauf bestehen, von einer Frau angehört zu werden. Auch dies sollten Sie vorher sagen.
 Zur Vorbereitung auf die Anhörung schreiben Sie Ihre Fluchtgründe vorher auf. Am besten
erstellen Sie eine genaue Zeittafel Ihrer Verfolgungsgeschichte, in der alle wichtigen Gründe und
Daten für den Asylantrag aufgelistet sind, so dass Sie in der Anhörung alles sicher und in der
richtigen Reihenfolge berichten können. Diese Darstellung kann auch bei der Anhörung abgegeben
werden und so die Grundlage des Gesprächs bilden.
 Sie sollten die Aufstellung aber nicht auswendig lernen, sondern während der Anhörung frei
sprechen. Denn wenn Sie eine auswendig gelernte Geschichte vortragen, wird man Ihnen
wahrscheinlich nicht glauben.
 Falls Sie gesundheitliche Probleme haben, versuchen Sie, möglichst schnell einen Arzt oder
eine Ärztin auszusuchen. Eine Beratungsstelle für Flüchtlinge oder die Sozialarbeiter in der
Erstaufnahmeeinrichtung können Sie dabei unterstützen. Wenn Sie ernsthaft erkrankt sind, bitten
Sie die Ärztin oder den Arzt um eine Attest, dass Sie dem Bundesamt vorlegen können. Denn es
kann sein, dass Sie nicht in Ihr Herkunftsland abgeschoben werden dürfen, wenn sich dadurch Ihre
Gesundheit wesentliche verschlechtern würde.
 Falls Sie Folter erlitten haben oder andere schlimme Erlebnisse hatten, versuchen Sie,
möglichst bald professionelle Hilfe zu erhalten. Auch dabei können Ihnen eine Beratungsstelle für
Flüchtlinge oder die Sozialarbeiter in der Erstaufnahmeeinrichtung helfen.
2.2
Während der Anhörung
Während der Anhörung werden Ihre Aussagen auf Deutsch protokolliert. Das Protokoll ist die
Grundlage für die Entscheidung im Asylverfahren. Am Ende muss das Protokoll Ihnen noch einmal
zurückübersetzt werden. Danach müssen Sie unterschreiben, dass alles richtig und vollständig ist.
Diese Unterschrift bedeutet, dass Sie die Darstellung, die sich im Protokoll findet, als richtig
anerkennen und sich damit einverstanden erklären. Dies sollten Sie nur tun, wenn es wirklich
stimmt. Wenn Sie der Dolmetscher zur Eile gedrängt hat, obwohl Sie noch etwas sagen wollten
oder Sie Fragen nicht verstanden haben, sollten Sie das Protokoll nicht unterschreiben oder in Ihrer
Sprache handschriftlich Ergänzungen hinzufügen. Wenn das Protokoll Fehler enthält oder nicht
vollständig ist, verlangen Sie, dass es korrigiert wird. Achten Sie aber darauf, dass nicht Ihre
Aussage korrigiert wird, sondern das Protokoll (Nicht: „Herr X. ergänzt seine Angaben
dahingehend, dass …”). Wenn Sie etwas Wichtiges vergessen haben, können Sie es noch
ergänzen.Im Übrigen sollten Sie Folgendes beachten:
 Die Anhörung beginnt oft mit ausführlichen Fragen über den Reiseweg. Lassen Sie sich davon
nicht irritieren. Diese Fragen dienen dazu zu klären, ob ein anderer Staat gefunden werden kann,
der für Ihr Asylverfahren zuständig ist oder der Sie aufnehmen kann. Sie müssen alle
entsprechenden Unterlagen (Flug- und Fahrscheine) vorlegen.
 Antworten Sie auf Fragen erst, wenn Sie diese genau verstanden haben. Fragen Sie besser
noch einmal nach.
 Falls Sie Vorbehalte gegen den Dolmetscher oder etwas nicht verstanden haben, geben Sie das
zu Protokoll und verlangen Sie einen anderen Übersetzer. Nicht alle Dolmetscher, die vom
Bundesamt eingesetzt werden, sind genügend qualifiziert. Auch wenn Sie kein Deutsch verstehen,
können Sie feststellen, dass ein Dolmetscher nicht richtig übersetzt. Wenn er beispielsweise lange
Erklärungen oder Fragen des Mitarbeiters des Bundesamtes nur kurz übersetzt, ist das ein Hinweis
für einen schlechten Übersetzer. Verlangen Sie dann unbedingt einen anderen Dolmetscher! Zur
Not muss die Anhörung vertagt werden.
 Nicht immer kann der Dolmetscher die Sprache, in der Sie sich am besten ausdrücken können.
Manchmal sprechen Dolmetscher auch einen anderen Dialekt als Sie. Lassen Sie sich hier auf keine
Kompromisse ein und verlangen Sie einen anderen Dolmetscher!
 Wenn es auf die Übersetzung bestimmter Fachbegriffe ankommt und Sie den Eindruck haben,
dass dem Dolmetscher diese Begriffe nicht geläufig sind, geben Sie das zu Protokoll! Wenn
möglich, schreiben Sie die Begriffe in Ihrer Sprache auf. Sonst kann es vorkommen, dass man
Ihnen wegen schlechten Übersetzungen des Dolmetschers nicht glaubt.
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 Antworten Sie auf alle Fragen möglichst ausführlich. Sie haben das Recht, so lange zu
sprechen, wie es notwendig ist. Je mehr Details Sie einbringen, desto glaubwürdiger erscheinen
Sie.
 Berichten Sie auch Ereignisse, persönliche Erlebnisse oder Vorfälle, nach denen nicht gefragt
wurde. Dies ist Ihre einzige Gelegenheit dazu. Was Sie später noch berichten, zum Beispiel vor
Gericht, kann als „gesteigertes Vorbringen” gewertet und deshalb für unglaubwürdig befunden
werden.
 Zeigen sie alle Beweise (Dokumente, Zeitungsartikel, Fotos …) vor. Verlangen Sie von allen
Dingen eine Kopie.
 Erzählen Sie auch von Dingen, die schmerzlich und peinlich sind. Das ist manchmal schwer
für Sie, kann aber trotzdem für Ihr Asylverfahren sehr wichtig sein. Falls Sie es nicht können, so
sagen Sie wenigstens, dass Sie an dieser Stelle nicht weitersprechen können, weil die Erinnerung zu
schlimm für Sie ist.
 Grundsätzlich sollten Sie auf Richtigkeit und Genauigkeit, vor allem auf die richtige
Reihenfolge der Ereignisse achten. Wenn Sie aber bei bestimmten Dingen Schwierigkeiten haben,
sich genau zu erinnern, oder bestimmte Daten einfach nicht mehr wissen, dann sagen Sie das so. Es
ist besser, auf Erinnerungsschwierigkeiten hinzuweisen, als falsche Vermutungen als Tatsache
hinzustellen. Denn wenn sich Widersprüche in Ihren Aussagen finden, wird man Ihnen
wahrscheinlich nicht glauben.
 Zum Schluss werden sie nach dem Vorlesen und Übersetzen des Protokolls noch einmal
gefragt, ob Sie noch etwas zu sagen haben. Hier sollten Sie auf keinen Fall sofort „nein” sagen.
Überlegen Sie gut, ob Sie alles vollständig und ausführlich geschildert haben. Wenn Sie noch etwas
ergänzen möchten, dann tun Sie das jetzt. Lassen Sie sich nicht unter Zeitdruck setzen.
 Unterschreiben Sie das Protokoll der Anhörung erst, wenn es Ihnen Wort für Wort in Ihre
Sprache zurückübersetzt wurde und Sie es auf seine Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft haben.
Verlangen Sie eine Kopie dieses Protokolls, die Sie zusammen mit den anderen Unterlagen gut
aufheben. Falls Sie einen Rechtsanwalt oder eine Rechtsanwältin haben, schicken Sie ihm/ihr eine
Kopie des Protokolls.
2.3
Nach der Anhörung
Nach der Anhörung entscheidet das Bundesamt über Ihren Asylantrag. Diese Entscheidung erhalten
Sie einige Wochen nach Ihrer Anhörung mit der Post. Üblich ist, dass Sie Ihre Post in der
Postausgabestelle der Erstaufnahmeeinrichtung (ZAAB) abholen müssen. In manchen Fällen
nimmt auch der Verwalter in einer Gemeinschaftsunterkunft die Post an.
 Fragen Sie nach der Anhörung täglich bei der Postausgabestelle in der Aufnahmeeinrichtung,
ob der Bescheid des Bundesamtes schon eingetroffen ist. Dies ist wichtig, denn Sie haben nicht viel
Zeit, um gegen einen negativen Bescheid etwas zu tun. Wenn der Bescheid da ist, gehen sie damit
schnellstmöglich zum Rechtsanwalt oder zu einer Beratungsstelle.
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 Bewahren Sie den Brief zusammen mit dem Briefumschlag (!) auf, denn mit dem Datum auf
dem Briefumschlag beginnt die Frist, innerhalb derer Sie gegen eine Ablehnung gerichtlich
vorgehen können.
 Wenn Sie umziehen, sind Sie verpflichtet, ihre neue Adresse dem Bundesamt mitzuteilen. Tun
Sie das nicht, riskieren Sie, dass Ihr Asylantrag abgelehnt wird, ohne dass Sie davon erfahren und
gegen die Ablehnung gerichtlich vorgehen können. Sie müssen Ihre neue Adresse auch dann dem
Bundesamt mitteilen, wenn Sie von der Erstaufnahmeeinrichtung oder einer anderen Behörde zum
Umzug aufgefordert werden.
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3 Wer bekommt Asyl?
Um als Flüchtling ein Aufenthaltsrecht zu erhalten, gibt es zwei Möglichkeiten:
1. Die Anerkennung als „Asylberechtigter” nach Artikel 16 a des Grundgesetzes oder als
„Flüchtling” nach § 60 Abs. 1 des Aufenthaltsgesetzes . Unter bestimmten Bedingungen
kann ein Flüchtling nicht nach Art. 16 a GG, sondern nur nach § 60 Abs. 1 AufenthG
anerkannt werden. Die Anerkennung als Asylberechtigter ist ausgeschlossen, wenn der
Asylsuchende über den einen sicheren Drittstaat - dazu zählen alle Nachbarstaaten von
Deutschland - eingereist ist. Die Asylanerkennung ist auch ausgeschlossen, wenn er bereits
Schutz vor Verfolgung in einem anderen Staat gefunden hat oder sich ausschließlich auf
Gründe beruft, die er nach Verlassen des Herkunftsstaats selbst geschaffen hat.
In der Praxis ist es aber fast egal, welche der beiden Schutzformen - Art. 16 a GG oder § 60 Abs. 1
AufenthG - man erhält. Die Folgen für die Dauer der Aufenthaltserlaubnis (sie wird für drei Jahre
erteilt - dann erneute Überprüfung) und die Möglichkeit, Unterstützung vom Staat zu erhalten
(Sozialhilfe, Wohngeld, Kindergeld und anderes) sind dieselben.
2. Die Gewährung von Abschiebungsschutz nach § 60 Abs. 2, 3, 5 oder 7 des
Aufenthaltsgesetzes. In diesem Fall sind Sie vor einer Abschiebung vorläufig sicher. Sie
erhalten eine Aufenthaltserlaubnis in der Regel für zunächst ein Jahr, die aber verlängert
werden kann.
Jemand, der wegen eines Verbrechens zu mindestens drei Jahren Haft verurteilt wurde und deshalb
als „Gefahr für die Sicherheit Deutschlands” oder „Gefahr für die Allgemeinheit” eingestuft wird,
kann keine Asyl- oder Flüchtlingsanerkennung erhalten. Das gleiche gilt für jemanden, der im
begründeten Verdacht steht, ein Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder ein
schweres nichtpolitisches Verbrechen begangen zu haben. Auch dann gibt es keine
Asylanerkennung. Unter Umständen darf der betreffende Flüchtling aber trotzdem nicht
abgeschoben werden und erhält deshalb Abschiebungsschutz nach § 60 Abs. 2, 3, 5 oder 7
AufenthG. Das ist etwa der Fall, wenn ihm im Herkunftsland Todesstrafe, Folter oder andere
Menschenrechtsverletzungen drohen.
3.1
Voraussetzungen für die Flüchtlingsanerkennung
Grundlage für die Anerkennung nach § 60 Abs. 1 AufenthG und Art. 16 a GG ist die
Flüchtlingsdefinition der Genfer Flüchtlingskonvention (GFK). Danach ist ein Flüchtling eine
Person,
„… die aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion,
Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Überzeugung” aus dem Heimatland geflohen ist und keinen Schutz vor dieser
Verfolgung durch den Staat erhalten hat.
Diese Formulierung klingt so, als ob viele Flüchtlinge Asyl erhalten könnten. Die Unterscheidung
zwischen denjenigen, die als Flüchtlinge anerkannt werden, und denjenigen, denen dieser Status
verweigert wird, ist in der Praxis jedoch komplizierter als man denkt: Ist jede
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Menschenrechtsverletzung zugleich ein Asylgrund? Wann ist die Furcht eines Flüchtlings vor
Verfolgung nach Auffassung der Behörden begründet? Welche Gewalt muss ein Mensch sich von
seinem Staat „üblicherweise” gefallen lassen? Muss die Verfolgung überall im Herkunftsland
bestehen? Wie weit darf ein Staat die Religionsausübung einschränken? Ist auch die Bedrohung
durch eine kriminelle Mafia ein Akt der Verfolgung? Diese und andere Fragen entscheiden darüber,
ob ein Flüchtling Asyl erhält oder nicht. Wir können hier nur einige Hinweise auf die Probleme in
diesem Zusammenhang geben. Besprechen Sie daher Ihren Fall möglichst mit einer
Rechtsanwältin, einem Rechtsanwalt oder einer Beratungsstelle für Flüchtlinge.
In der Praxis wird vielen Flüchtlingen, die sich persönlich verfolgt fühlen und schweren
Bedrohungen und Gewalterfahrungen ausgesetzt waren, eine Anerkennung als Flüchtling dennoch
verweigert:
Nur wenn eine Verfolgung aufgrund der persönlichen Merkmale erfolgt, die in der
Flüchtlingsdefinition genannt sind, kann eine Anerkennung erfolgen. Zielgerichtet ist eine
politische Verfolgung, wenn eine Person aufgrund ihrer Rasse, Religion, Nationalität,
politischen Überzeugung oder der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe
verfolgt wird. Häufig werden Flüchtlinge abgelehnt, weil nach Auffassung des Bundesamtes
eine Verfolgung zwar stattfand, aber nicht „zielgerichtet” war.
• Zwischen den Gründen, auf die sich ein Asylsuchender beruft, und der Flucht muss ein
innerer Zusammenhang bestehen: Drohende oder erlittene Verfolgung muss die Flucht
ausgelöst haben. Ist zwischen der Verfolgung und der Flucht zu viel Zeit vergangen, wird
die Verfolgung nicht mehr als Begründung für die Flucht akzeptiert.
• Eine Flüchtlingsanerkennung kommt nur dann in Frage, wenn es auch in keinem anderen
Teil des Herkunftslandes Schutz vor Verfolgung gibt. Besteht in einem anderen Landesteil
keine Verfolgungsgefahr, so nennt man dies „inländische Fluchtalternative”. Dies führt
dazu, dass ein Asylantrag abgelehnt wird. Allerdings dürfen in diesem Gebiet keine anderen
Gefahren drohen (zum Beispiel fehlende Existenzmöglichkeiten). Außerdem muss es im
Falle einer freiwilligen Ausreise oder Abschiebung möglich sein, das Gebiet von
Deutschland aus gefahrlos zu erreichen.
• Bis 2005 war eine Verfolgung nur dann relevant, wenn sie vom Staat mit seinen
Institutionen und Kräften (Polizei, Justiz, Militär) ausging. Inzwischen kann auch die
Verfolgung durch andere (zum Beispiel militante Gruppen) als Verfolgung gelten, wenn die
Herrscher keinen Schutz davor bieten oder zu einem Schutz nicht bereit sind (so genannte
nichtstaatliche Verfolgung). In der Praxis wird aber oft angenommen, dass der Staat (oder
Staatsteilherrscher) prinzipiell schutzwillig und schutzfähig sind, so dass eine Anerkennung
trotz Bedrohung doch nicht erfolgt. Oder es wird behauptet, die Verfolgungssituation
bestehe nicht überall im Lande und sei zu vermeiden, wenn man seinen Wohnsitz in einer
anderen Region des Landes nähme. Das gilt insbesondere für Länder, in denen
internationale Organisationen die Staatskontrolle haben.
•
Im Folgenden wollen wir einige Fluchtursachen näher erläutern, die Flüchtlinge häufig als
Asylbegründung angeben:
Asylgrund: drohende Verfolgung?
Eine Verfolgung muss konkret, nachvollziehbar und wahrscheinlich sein. Oft wird Flüchtlingen,
denen noch nichts passiert ist, die aber große Angst vor einer Verfolgung haben, vorgehalten, sie
seien (noch) nicht wirklich bedroht gewesen oder hätten den Schutz der Behörden ihres Staates in
Anspruch nehmen können. Dies wird oft Flüchtlingen entgegengehalten, die sich auf eine
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Verfolgung durch Dritte - z.B. eine andere ethnische Gruppe oder eine Mafiaorganisation - berufen.
Aber auch Flüchtlinge, die eine drohende Verfolgung durch staatliche Kräfte geltend machen,
müssen unter Umständen mit einer Ablehnung rechnen: Der Asylantrag wird dann zum Beispiel
mit der Begründung abgelehnt, dass die Regierung sich um die Einhaltung der Menschenrechte
bemühe und dazu grundsätzlich auch in der Lage sei.
Asylgrund: erlittene Verfolgung?
Wer vor der Flucht bereits verfolgt wurde, hat größere Chancen, als Flüchtling anerkannt zu
werden. Hier geht das BAMF normalerweise davon aus, dass der Flüchtling bei Rückkehr in seinen
Herkunftsstaat erneut verfolgt würde und er deshalb Schutz benötigt. Nur wenn besondere
Umstände dafür sprechen, dass der Flüchtling vor erneuter Verfolgung sicher ist, verliert eine
bereits erlittene Verfolgung diese Indizwirkung.
Ähnlich wie bereits erlittene Verfolgung wirkt sich eine drohende Verfolgung aus, wenn Sie zum
Zeitpunkt der Flucht unmittelbar bevor stand. Auch eine unmittelbar drohende Verfolgung deutet in
der Regel darauf hin, dass der Flüchtling bei Rückkehr verfolgt würde.
Nicht jede frühere Verfolgung wird jedoch als Asylgrund anerkannt: Wenn jemand zum Beispiel
wegen eines unberechtigten Vorwurfs eine Gefängnisstrafe abgesessen hat, jetzt aber entlassen ist,
wird unter Umständen argumentiert, dass die Verfolgung ja vorbei sei und eine erneute Verfolgung
nicht akut drohe.
Ein weiteres wichtiges Kriterium ist, ob die Verfolgung oder Bedrohung schwerwiegend genug ist.
Vorladungen, Verhöre, mehrtägige Inhaftierungen und Schläge gelten oft als nicht gravierend
genug und damit nicht als „asylrelevant”.
Asylgrund: Gefahr für Leben und Freiheit?
Eine drohende Gefahr für Leben und Freiheit kann eine Begründung für die
Flüchtlingsanerkennung sein. Diese besteht aber nur dann, wenn das Leben der Betroffenen aus
politischen Gründen regelmäßig oder sehr stark beeinträchtigt ist und ihr Leben und Freiheit
bedroht sind. Aber auch das führt nicht in jedem Fall zur Anerkennung. Eine drohende
Gefängnisstrafe kann beispielsweise mit der Begründung abgelehnt werden, dass der
Herkunftsstaat ein legitimes Staatsschutzinteresse verfolgt, wenn er den Flüchtling einsperrt.
Asylgrund: (Bürger-) Krieg?
Grundsätzlich sind Kriege und Bürgerkriege kein ausreichender Grund, um Asyl oder einen
anderen Flüchtlingsschutz in Deutschland zu erhalten. Im Gesetz steht, dass ein Asylantrag
abgelehnt wird, wenn jemand nur deshalb Asyl beantragt hat, um einer kriegerischen
Auseinandersetzung zu entgehen. Eine Chance auf Anerkennung besteht nur, wenn über die
allgemeine Gefahr für das Leben in einem Krieg hinaus eine konkrete persönliche Verfolgung oder
Gefährdung belegt werden kann.
Asylgrund: Kriegsdienstverweigerung?
Bisher haben alle deutschen Gerichte entschieden, dass Kriegsdienstverweigerung und Desertion
allein nicht als Asylgrund gelten. Nur dann, wenn jemand, der sich dem Kriegdienst entzieht, eine
besonders hohe Bestrafung zu erwarten hat, weil er einer diskriminierten Gruppe angehört, konnte
dies auch als Asylgrund anerkannt werden. Aufgrund einer europäischen Richtlinie können
zukünftig Kriegsdienstverweigerer und Deserteure unter bestimmten Umständen eine Chance auf
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eine Anerkennung haben. Voraussetzung dafür ist, dass sie im Kriegsdienst zur Teilnahme an
Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen den Frieden oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit
verpflichtet gewesen wäre. Wenn also beispielsweise der Flüchtling während seines Kriegsdienstes
an einem Krieg hätte teilnehmen müssen, in dem die Streitkräfte seines Landes Kriegsverbrechen
begehen (z.B. Angriffe gegen die Zivilbevölkerung), kann er unter Umständen als Flüchtling
anerkannt werden.
Asylgrund: materielle Not?
So genannte „allgemeine” Notsituationen wie zum Beispiel eine Hungersnot oder eine
Umweltkatastrophe werden nicht als Asylgründe anerkannt. Wer sich ausschließlich auf fehlende
Existenzgrundlagen in seinem Herkunftsland beruft, läuft Gefahr, dass sein Asylantrag im
Schnellverfahren als „offensichtlich unbegründet” abgelehnt wird.
Asylgrund: Verfolgung von Frauen?
Nach dem Gesetz kann auch eine Verfolgung aufgrund des Geschlechts zu einer Anerkennung als
Flüchtling führen. Die allgemeine Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen im
Herkunftsland reicht jedoch nicht aus, um Asyl zu erhalten. Den betroffenen Flüchtlingen wird in
der Regel zugemutet, die untergeordnete Stellung der Frau im Rechtssystem des Herkunftslandes
hinzunehmen und sich zum Beispiel den Kleidervorschriften oder sonstigen Normen der
Gesellschaft zu unterwerfen.
Frauen und Mädchen, die sexuelle Gewalt erlitten haben oder befürchten müssen, können als
Flüchtlinge anerkannt werden. Das gilt zum Beispiel für drohende Genitalverstümmelung
(Beschneidung). Es kommt jedoch auch vor, dass entsprechende Asylanträge mit der Begründung
abgelehnt werden, dass nicht jede Frau im Herkunftsland davon betroffen sei und es Möglichkeiten
gäbe, sich dieser Gefahr zu entziehen. Auch Vergewaltigung wird nur in Ausnahmefällen als
Asylgrund akzeptiert.
Asylgrund: religiöse Unterdrückung?
Bislang wurden Flüchtlinge, die eine Verfolgung ihrer Religionsgemeinschaft im Herkunftsland als
Asylgrund angeben, oft mit der Begründung abgelehnt, sie könnten ihre religiösen Überzeugungen
in ihrem privaten Bereich unbemerkt von der Öffentlichkeit ausleben. Eine europäische Richtlinie
legt nun aber fest, dass Menschen auch das Recht haben müssen, ihre Religion öffentlich zu
praktizieren. Es wird dem Asylsuchenden also nicht zugemutet, seine Religion im Herkunftsland zu
verheimlichen oder zu leugnen. Droht wegen der öffentlichen Religionsausübung oder wegen des
öffentlichen Bekenntnisses zur Religion Verfolgung, kann dies zur Anerkennung führen.
Asylgrund: Homosexualität?
Die Verfolgung homosexuellen Männern oder Frauen kann einen Asylgrund darstellen. Allein die
Diskriminierung oder gesellschaftliche Ächtung von Homosexualität reicht aber nicht aus. Die
Verweigerung von Asyl kann zum Beispiel damit begründet werden, dass die sexuelle Orientierung
im Herkunftsland keine Verfolgung nach sich zöge, solange die Öffentlichkeit davon nichts
mitbekäme.
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3.2
Voraussetzungen für den Abschiebungsschutz
In § 60 AufenthG sind eine Reihe von Gefahren aufgezählt, die dazu führen können, dass Sie ein
vorläufiges Aufenthaltsrecht erhalten, auch wenn Ihr Antrag auf Anerkennung als Flüchtling
abgelehnt wurde:
• § 60 Abs. 2: Gefahr der Folter oder einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung
oder Bestrafung
• § 60 Abs. 3: Gefahr der Verhängung oder Vollstreckung Todesstrafe
• § 60 Abs. 5: Verbot der Abschiebung aufgrund der Europäischen
Menschenrechtskonvention, vor allem Gefahr der unmenschlichen oder erniedrigenden
Behandlung oder Bestrafung aber beispielsweise auch die Verletzung der Religionsfreiheit
• § 60 Abs. 7: Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit
In jedem Asylverfahren wird automatisch auch geprüft, ob eine dieser Gefahren vorliegt. Wenn bei
Ihnen nur Abschiebungshindernisse nach § 60 Abs. 2, 3, 5 oder 7 AufenthG in Frage kommen,
können Sie den Antrag darauf beschränken, also kein Asyl oder keine Flüchtlingsanerkennung
beantragen.
Die Anerkennung von Abschiebungshindernissen nach § 60 Abs. 7 AufenthG wegen „Gefahr für
Leib, Leben und Freiheit” ist nur möglich, wenn ein konkreter Bezug zum „Zielstaat” besteht: Von
einem „zielstaatsbezogenen” Abschiebungshindernis spricht man, wenn die Asylbehörde feststellt,
dass einem Flüchtling bei Rückkehr im Herkunftsland schwerwiegende Gefahren drohen. Dies ist
zum Beispiel bei Krankheiten der Fall, die im Herkunftsland nicht behandelbar sind.
Abschiebungsschutz ist auch möglich, wenn die Behandlung für den Betroffenen nicht erreichbar
ist, etwa weil das einzige Krankenhaus, in dem die Krankheit behandelbar ist, zu weit vom
Wohnort entfernt ist. Abschiebungsschutz wird auch gewährt, wenn die Behandlung für den
Betroffenen nicht zu finanzieren ist. Voraussetzung für Abschiebungsschutz wegen einer Krankheit
ist aber in jedem Fall, dass der Stopp der Behandlung zu schwerwiegenden Gesundheitsschäden
oder gar zum Tod führt.
Auch fehlende Existenzmöglichkeiten im Herkunftsland können unter Umständen zu einer
Schutzgewährung führen. Kann eine Abschiebung jedoch aus anderen Gründen nicht stattfinden,
zum Beispiel weil Reiseunfähigkeit vorliegt oder weil kein Pass vorhanden ist, wird kein Schutz
nach § 60 Abs. 7 AufenthG gewährt.
Abschiebungsschutz nach § 60 Abs. 7 AufenthG können Sie leider in der Regel nicht erhalten, wenn
es um Gefahren geht, die der gesamten Bevölkerung des Herkunftsstaats oder einer
Bevölkerungsgruppe drohen. Unter einer Bevölkerungsgruppe kann beispielsweise die
Bevölkerung einer bestimmten Region zu verstehen sein. Das Gleiche gilt, wenn im Herkunftsland
etwa alle Frauen von einer bestimmten Gefahr bedroht sind. Ist eine Krankheit in dem betreffenden
Land weit verbreitet (beispielsweise HIV/Aids), gelten auch alle Menschen, die unter dieser
Krankheit leiden, als Bevölkerungsgruppe.
Droht eine Gefahr einer Bevölkerungsgruppe, stellt das Bundesamt nur dann ein
Abschiebungshindernis nach § 60 Abs. 7 AufenthG fest, wenn die konkret drohende Gefahr
besonders groß ist und sich bald nach der Einreise realisieren würde.
§ 60 Abs. 7 AufenthG gewährt auch Schutz vor Gefahren für Zivilisten durch willkürliche Gewalt
im Rahmen eines bewaffneten Konflikts. Diese Regelung wurde auf Grund einer europäischen
Richtlinie geschaffen und ist noch ziemlich neu. Es ist daher noch unklar, welche Gefahren
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darunter fallen. In der Rechtsprechung ist vor allem umstritten, ob auch allgemeine Gefahren, die
allen Bewohner des Landes oder einer Region drohen, darunter fallen können.
3.3
Folgeantrag
Besonderheiten gelten, wenn Sie bereits früher einen Asylantrag in Deutschland gestellt
haben. Jeder weitere Asylantrag ist ein so genannter Folgeantrag. In diesem Fall prüft das
BAMF zunächst, ob es Gründe gibt, die ein Wiederaufgreifen des Verfahrens rechtfertigen.
Solche Gründe sind in erster Linie:
• eine Änderung der Sachlage (z.B. eine Änderung der politischen Situation in Ihrem
Herkunftsland, die zu einer neuen oder höheren Gefährdung für Sie führt, oder eine
Änderung Ihrer persönlichen Situation, etwa ein neues exilpolitisches Engagement)
• eine Änderung der Rechtslage zu Ihren Gunsten (z.B. Änderung eines Gesetzes in
Deutschland, das kommt aber nur selten vor)
• neue Beweismittel (z.B. Papiere, die Ihre Verfolgung belegen, ein neues ärztliches
Gutachten oder ein inzwischen eingereister Zeuge aus dem Heimatland); neue Beweismittel
sind aber nur dann ein Grund für das Wiederaufgreifen des Verfahrens, wenn Sie sie nicht
beim ersten Verfahren vorlegen konnten.
Ein weiterer Asylantrag ist auch dann ein Folgeantrag, wenn Sie sich zwischenzeitlich in Ihrem
Herkunftsland aufgehalten haben. Dann können Sie sich aber auf Fluchtgründe, die während dessen
entstanden sind, berufen, denn das ist eine Änderung der Sachlage.
Der Folgeantrag muss innerhalb von drei Monaten gestellt werden, nachdem Sie von dem Grund
für das Wiederaufgreifen des Verfahrens erfahren haben.
• Wenn Sie glauben, dass ein neuer Grund für ein Asylantrag vorliegt, wenden Sie sich
möglichst schnell an einen Rechtsanwalt, eine Rechtsanwältin oder eine Beratungsstelle für
Flüchtlinge. So stellen Sie sicher, dass sie den Antrag rechtzeitig stellen können.
Die Drei-Monats-Frist gilt nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts nicht, wenn es
um Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 2, 3, 5 oder 7 AufenthG geht. In diesem Fall können Sie
den Folgeantrag - man spricht dann von einem Antrag auf „Wiederaufgreifen des Verfahrens” auch später stellen (BVerwG, Urteil vom 20.10.2004 - 1 C 15.03 - abgedruckt im
ASYLMAGAZIN 1-2/2005, S. 35). Darauf sollten Sie sich aber nicht verlassen. Besser ist in jeden
Fall, Sie stellen den Antrag rechtzeitig.
Das Bundesamt prüft einen Folgeantrag in zwei Prüfungsschritten. Zuerst prüft es, ob Gründe für
das Wiederaufgreifen des Verfahrens vorliegen. Nur dann wird - rechtlich gesehen - ein weiteres
Asylverfahren durchgeführt. Im zweiten Schritt prüft das Bundesamt dann, ob die Voraussetzungen
für die Anerkennung als Asylberechtigter (Art. 16 a GG), die Zuerkennung der
Flüchtlingseigenschaft (§ 60 Abs. 1 AufenthG) oder der Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 2, 3, 5
oder 7 AufenthG vorliegen. Daraus folgt, dass es nicht genügt, wenn gute Gründe für das
Wiederaufgreifen des Asylverfahrens vorliegen. Erfolgsaussichten hat ein Folgeantrag nur, wenn
auch die Voraussetzungen für eine Asyl- oder Flüchtlingsanerkennung oder von
Abschiebungsverboten vorliegen.
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• Wenn Sie von Abschiebung bedroht sind, wenden Sie sich an einen Rechtsanwalt oder eine
Rechtsanwältin, der/die dann einen Eilantrag bei dem Verwaltungsgericht stellen kann
(lesen Sie dazu auch Kapitel 4.2).
Achtung: Wenn Sie einen Folgeantrag gestellt haben, heißt das nicht, dass Sie während des
Verfahrens in Deutschland bleiben dürfen. Denn ein vorläufiges Aufenthaltsrecht entsteht erst,
wenn ein Folgeverfahren durchgeführt wird. Das BAMF teilt Ihnen in der Regel auch nicht vorher
mit, ob es ein Folgeantrag durchführt, sondern schickt direkt die Ablehnung der Durchführung des
Folgeverfahrens.
Folgeverfahren dauern meist nicht sehr lange. Wenn keine guten Gründe für einen neuen Antrag
vorliegen, lehnt das BAMF den Antrag innerhalb weniger Wochen ab.
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4 Der Bescheid des Bundesamtes
Das BAMF hat mehrere Möglichkeiten, über einen Asylantrag zu entscheiden:
4.1 Unzulässiger Asylantrag – Die Dublin-II-Verordnung
Das BAMF bezeichnet einen Asylantrag als „unzulässig”, wenn es gar keine inhaltliche Prüfung
durchführt. Fast alle europäische Staaten haben miteinander verabredet, dass ein Flüchtling nur in
einem Staat ein Asylverfahren erhalten soll. Welcher Staat das ist, haben sie in der Dublin IIVerordnung geregelt. Ein in Deutschland gestellter Asylantrag wird hier (erst einmal) nicht geprüft,
wenn
• jemand über einen anderen europäischen „Dublin-Staat” (Mehrzahl der EU-Mitgliedstaaten)
eingereist ist, das BAMF dies auch nachweisen kann und davon ausgeht, dass innerhalb von
drei Monaten eine Abschiebung dorthin möglich ist,
• jemand bereits in einem anderen europäischen Staat einen Asylantrag gestellt hat,
• jemand in einem anderen europäischen Staat als „Illegaler” seine Fingerabdrücke abgegeben
hat,
• ein minderjähriger Flüchtling Eltern oder Vormund in einem anderen europäischen Staat
hat. Die Eltern müssen dort rechtmäßig leben und es muss für den Minderjährigen gut sein,
dorthin zu gelangen,
• jemand zu seinen Familienangehörigen (Ehegatten, Kinder) in einen anderen Staat möchte,
sofern diese Familienangehörigen dort als Flüchtlinge anerkannt sind,
• jemand zu seinen Familienangehörigen (Ehegatten, Kinder, bei Minderjährigen die Eltern)
in einen anderen Staat möchte, sofern diese Familienangehörigen dort noch nie einen
Bescheid über ihren Asylantrag erhalten haben.
Wenn ein anderer Staat sich bereit erklärt hat, den Flüchtling aufzunehmen, beschließt das
Bundesamt gleich definitiv die Abschiebung:
„1. Der Asylantrag ist unzulässig.
2. Die Abschiebung nach … (z.B. Polen) wird angeordnet.”
Das bedeutet, ein Flüchtling wird sofort in den zuständigen „Dublin-Staat” zurückgebracht wird.
Wichtig ist: Diese bedeutet nicht, dass zugleich der Asylantrag abgelehnt wäre. Er muss weiter
geprüft werden - nur nicht in Deutschland, sondern in jenem Staat, in den „überstellt” wird.
Es ist zwar möglich, gegen die Ablehnung des Asylantrags als unzulässig Klage zu erheben. Diese
Klage hat aber keine aufschiebende Wirkung. Das heißt, der Flüchtling wird trotz der Klage in den
zuständigen „Dublin-Staat“ gebracht. Nach dem Wortlaut des Gesetzes ist es auch nicht möglich,
vorläufigen Rechtsschutz zu beantragen (§ 34 a Abs. 2 AsylVfG). Diese Regelung bedarf aber
aufgrund der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (BverfG, Urteil vom 14.5.1996 – 2
BvR 1938, 2315/03, BverfGE 94, 49) der Korrektur. In Ausnahmefällen ist es trotzdem möglich,
vorläufigen Rechtsschutz in Anspruch zu nehmen. Ausnahmefälle können beispielsweise vorliegen,
wenn der Flüchtling reiseunfähig ist oder mit Familienangehörigen in Deutschland in familiärer
Lebensgemeinschaft lebt. Theoretisch ist es auch möglich, Gefährdungen im „Dublin-Staat“ oder
die Gefahr der Kettenabschiebung geltend zu machen. Praktisch sind die Erfolgsaussichten eines
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solchen Antrags aber sehr gering, da die meisten Gerichte davon ausgehen, dass die Verhältnisse in
den „Dublin-Staaten“ in Ordnung sind.
In jedem Fall sollte mit einem Eilantrag ein guter Rechtsanwalt oder eine gute Rechtsanwältin
betraut werden. Da meist die Abschiebung in den zuständigen „Dublin-Staat“ sehr schnell
durchgeführt wird, ist es zudem notwendig, bereits vor der Ablehnung Vorbereitungen zu treffen.
Sonst kommt der Eilrechtsschutz zu spät.
Wenn es noch keine Übernahmezusage des anderen Staates gibt, lehnt das Bundesamt den
Asylantrag als unbeachtlich ab und droht das Bundesamt die Abschiebung an:
1. Der Asylantrag wird als unbeachtlich abgelehnt.
2. Der Antragsteller wird aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb einer
Woche … zu verlassen. Sollte der Antragsteller dieses Frist nicht einhalten, wird er nach …
(z.B. Polen) abgeschoben.
In diesem Fall kann man mit Hilfe eines Rechtsanwaltes versuchen, die Abschiebung noch zu
verhindern.
• Sie haben nur eine Woche ab der Zustellung des Ablehnungsbescheids Zeit, gegen die
Entscheidung des BAMF zu klagen. Zusätzlich muss innerhalb derselben Frist ein Eilantrag
gestellt werden. Stellen Sie diesen Eilantrag nicht oder lehnt das Gericht ihn ab, können Sie
abgeschoben werden, obwohl über die Klage noch nicht entschieden ist.
Wenn das BAMF nicht herausfinden oder beweisen kann, in welchem Land ein Flüchtling vorher
gewesen ist, führt es das Asylverfahren selbst durch. Dies gilt auch für den Fall, dass die
Abschiebung in den anderen „Dublin-Staat” nicht innerhalb von sechs Monaten klappt. Dann
erlässt es einen neuen Bescheid. Für die Abschiebung von inhaftierten Menschen gilt eine Frist von
einem Jahr. Ist ein Flüchtling untergetaucht, ist der andere Staat noch 1½ Jahre zuständig und erst
danach wieder das Bundesamt. (In diesem Fall sind allerdings auch die Chancen auf eine positive
Entscheidung äußerst gering.)
Das BAMF kann ein Asylverfahren durchführen, auch wenn es eigentlich nicht zuständig ist
(„Selbsteintrittsrecht”), zum Beispiel, um zu ermöglichen, dass ein in Deutschland angekommener
Flüchtling von seiner hier schon lebenden Familie nicht wieder getrennt wird. Das gilt insbesondere
für Schwangere, Alte und Kranke. Leider kann man das BAMF nur in Ausnahmefällen dazu
verpflichten und freiwillig macht das Bundesamt von sich aus von dieser Möglichkeit nur
außerordentlich selten Gebrauch.
• Wenn Sie in einen anderen Staat abgeschoben werden sollen, aber aus einem wichtigen
Grund Ihr Asylverfahren in Deutschland durchführen wollen, kann es helfen, schon in der
Anhörung die Gründe zu erklären und darum zu bitten, dass das BAMF die Asylprüfung
durchführt.
• Es ist umstritten, welche rechtlichen Möglichkeiten Sie gegen die Überstellung in einen
Dublin-Staat haben (Klagemöglichkeit auf Übernahme des Verfahrens nach Deutschland
oder einstweilige Anordnung auf vorläufigen Verbleib in Deutschland). Falls Sie meinen,
dass bei Ihnen ein wichtiger Grund vorliegt, müssen Sie versuchen, sofort Kontakt zu einem
Rechtsanwalt herzustellen.
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Für diejenigen, die sich länger als drei Monate außerhalb der Dublin-Staaten aufhalten und dann
erneut nach Europa einreisen, ist der „alte” Staat nicht mehr zuständig und das Ganze beginnt von
vorn.
Die „Dublin-Staaten” sind: Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland,
Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Island, Italien, Lettland, Lichtenstein, Litauen,
Luxemburg, Malta, Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden,
Schweiz, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik, Ungarn, Zypern. Die Dublin-IIVerordnung wird auch in der Schweiz angewendet.
4.2 Kein (neues) Asylverfahren – Folgeantrag
Grundsätzlich kann man nach Ablehnung des ersten Asylantrags einen zweiten („Folgeantrag”)
stellen. In den meisten Fällen setzt sich das BAMF jedoch mit der Begründung des Antrags nicht
auseinander, sondern entscheidet, dass sich die „Sach- und Rechtslage” im Vergleich zum ersten
Verfahren nicht geändert hat und deshalb auch keine neue Prüfung stattfinden muss. (Zu den
Möglichkeiten eines Asylfolgeantrags siehe genauer Kapitel 3.3). In diesem Fall schreibt das
Bundesamt:
„Die Durchführung eines weiteren Asylverfahrens wird abgelehnt.”
Wenn Sie ausreisepflichtig sind, ändert sich daran durch diese Entscheidung nichts. Sie bleiben
vollziehbar ausreisepflichtig.
 Gegen die Ablehnung, ein Asylfolgeverfahren durchzuführen, können Sie vor Gericht klagen.
Dafür haben Sie zwei Wochen ab Zustellung des Ablehnungsbescheids Zeit. Um eine akut
drohende Abschiebung zu verhindern, müssen Sie aber zusätzlich sofort, am besten über einen
Rechtsanwalt oder eine Rechtsanwältin, einen „Eilantrag” beim Gericht stellen. Ziel des Antrags
ist, dass das Gericht anordnet, dass mit der Abschiebung gewartet wird, bis es über die Klage
entschieden hat. Stellen Sie keinen Eilantrag oder lehnt das Gericht den Eilantrag ab, können Sie
abgeschoben werden, obwohl über die Klage noch nicht entschieden ist.
4.3
Anerkennung als Flüchtling
Erkennt das Bundesamt einen Asylsuchenden als Flüchtling an, heißt es im Bescheid entweder
„1. Der Antragsteller wird als Asylberechtigter anerkannt.”
oder
„1. Der Antrag auf Anerkennung als Asylberechtigter wird abgelehnt.
2. Dem Antragsteller wird die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt.”
In älteren Entscheidung schrieb das Bundesamt meist:
„2. Die Voraussetzungen des § 60 Abs. 1 des Aufenthaltsgesetzes liegen hinsichtlich … (z.B. des
Iraks) vor.”
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Das ist das Beste, was einem Flüchtling im Asylverfahren passieren kann. In beiden Fällen erhalten
die Betroffenen den Status eines Flüchtlings nach der Genfer Flüchtlingskonvention, einen
Flüchtlingspass und eine Aufenthaltserlaubnis, die zunächst auf drei Jahre befristet ist. Eine
Abschiebung ist verboten. Zu einem späteren Zeitpunkt, regelmäßig nach drei Jahren, überprüft das
BAMF die Entscheidung allerdings und kann sie auch wieder zurücknehmen, im Amtsdeutsch:
„widerrufen”.
 Wenn Sie als „Asylberechtigte/r” nach dem Grundgesetz abgelehnt, aber die
Flüchtlingseigenschaft zuerkannt wurde, ist eine Klage zwar möglich, in der Regel aber nicht nötig.
Die Flüchtlingsanerkennung hat für Sie dieselben aufenthalts-, arbeits- und sozialrechtlichen
Folgen wie eine Anerkennung als Asylberechtigte/r.
4.4
Abschiebungsschutz nach § 60 Abs. II, III, V oder VII AufenthG
Neben dem eigentlichen Recht auf Flüchtlingsschutz gibt es eine andere Möglichkeit, vor der
Abschiebung vorläufig rechtlich geschützt zu werden. In diesem Fall schreibt das Bundesamt:
1. Der Antrag auf Anerkennung als Asylberechtigter wird abgelehnt.
2. Der Antrag auf Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft wird abgelehnt.
3. Das Abschiebungsverbot des § 60 Abs. … (z.B. 2, 3 5 oder 7) des Aufenthaltsgesetzes liegt
hinsichtlich … (z.B. Afghanistan) vor. Im Übrigen liegen Abschiebungsverbote nach § 60
des Aufenthaltsgesetzes nicht vor.
Mit der Zuerkennung von Abschiebungsschutz erhalten die Betroffenen in der Regel ebenfalls eine
Aufenthaltserlaubnis (die meistens auf ein Jahr befristet ist), haben aber weniger Rechte als
anerkannte Flüchtlinge. Das BAMF entscheidet, dass eine Abschiebung nicht stattfinden darf.
Diese Entscheidung müssen die Ausländerbehörden akzeptieren, sie kann allerdings später vom
BAMF selbst wieder aufgehoben werden, wenn ihre Voraussetzungen nicht oder nicht mehr
vorliegen.
 Sie haben zwei Wochen Zeit, gegen die Ablehnung als Flüchtlings vor einem Gericht zu
klagen. Weitere zwei Wochen bleiben Ihnen für die Begründung Ihrer Klage. Mit Ihrem
Rechtsanwalt oder mit einer Beratungsstelle sollten Sie möglichst bald besprechen, ob eine Klage
sinnvoll und Erfolg versprechend ist.
4.5 Ablehnung
Wenn der Asylantrag abgelehnt wird, schreibt das Bundesamt:
1. Der Antrag auf Anerkennung als Asylberechtigter wird abgelehnt.
2. Der Antrag auf Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft wird abgelehnt.
3. Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 2 bis 7 des Aufenthaltsgesetzes liegen nicht vor.
4. Der Antragsteller wird aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb eines
Monats nach Bekanntgabe dieser Entscheidung zu verlassen; im Falle einer Klageerhebung
endet die Ausreisefrist einen Monat nach dem unanfechtbaren Abschluss des
Asylverfahrens. Sollte der Antragsteller die Ausreisefrist nicht einhalten, wird er nach …
(z.B. Liberia) abgeschoben. Der Antragsteller kann auch in einen anderen Staat
abgeschoben werden, in den er einreisen darf oder der zu seiner Rückübernahme
verpflichtet ist.
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Dies ist die vollständige Ablehnung allen Schutzes. Es besteht die Gefahr der Abschiebung, wenn
ein Flüchtling nicht rechtzeitig Klage erhebt.
 Für eine Klage vor Gericht haben Sie zwei Wochen Zeit, weitere zwei Wochen bleiben für die
Begründung. Ein auf Asylrecht spezialisierter Rechtsanwalt kann die Klage besser begründen als
Sie, weil er die deutsche Rechtslage genau kennt. Gut ist es, wenn der Rechtsanwalt sich auf Ihr
Herkunftsland spezialisiert hat. Beachten Sie die Hinweise für das Gerichtsverfahren im folgenden
Kapitel 5.
4.6
Ablehnung als „offensichtlich unbegründet“
Eine für Sie besonders schlechte Entscheidung ist die Ablehnung als „offensichtlich
unbegründet”. In diesem Fall droht Ihnen unmittelbar die Abschiebung. Bei einer Ablehnung
als „offensichtlich unbegründet” steht im Bescheid:
1. Der Antrag auf Anerkennung als Asylberechtigter wird als offensichtlich unbegründet
abgelehnt.
2. Der Antrag auf Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft wird als offensichtlich
unbegründet abgelehnt.
3. Abschiebungshindernisse nach § 60 Abs. 2 bis 7 des Aufenthaltsgesetzes liegen nicht vor.
4. Der Antragsteller wird aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb einer
Woche nach Bekanntgabe dieser Entscheidung zu verlassen; im Falle einer Klageerhebung
endet die Ausreisefrist einen Monat nach dem unanfechtbaren Abschluss des
Asylverfahrens. Sollte der Antragsteller die Ausreisefrist nicht einhalten, wird er nach …
(z.B. Liberia) abgeschoben. Der Antragsteller kann auch in einen anderen Staat
abgeschoben werden, in den er einreisen darf oder der zu seiner Rückübernahme
verpflichtet ist.
Das BAMF lehnt einen Asylantrag unter anderem dann als „offensichtlich unbegründet” ab,
• wenn das Bundesamt dem Flüchtling nicht glaubt, zum Beispiel wegen großer
Widersprüche oder falscher Angaben;
• wenn das Bundesamt die Dokumente des Flüchtlings für falsch hält;
• wenn ein Flüchtling seinen Asylantrag erst lange nach der Einreise stellt;
• wenn das BAMF es für offensichtlich hält, dass wirtschaftliche Verbesserung oder eine
allgemeine Kriegs- oder Notsituation der einzige Grund für den Asylantrag ist;
• bei Kindern, deren Eltern im Asylverfahren bereits abgelehnt wurden.
 Es besteht die Gefahr der Abschiebung. Sie haben nur eine Woche Zeit, gegen die
Entscheidung des BAMF zu klagen. Zusätzlich muss innerhalb derselben Frist ein Eilantrag gestellt
werden. Stellen Sie diesen Eilantrag nicht oder lehnt das Gericht ihn ab, können Sie abgeschoben
werden, obwohl über die Klage noch nicht entschieden ist. Wenn der Eilantrag auf aufschiebende
Wirkung erfolgreich ist, können Sie zumindest für die Dauer des Gerichtsverfahrens in
Deutschland bleiben.
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5. Das Gerichtsverfahren
Wenn man gegen einen negativen Asylbescheid Klage erhebt, überprüft ein Verwaltungsgericht die
Entscheidung des BAMF noch einmal. Grundlage für die neue Entscheidung ist das Protokoll der
Anhörung beim BAMF. Zu der Gerichtsverhandlung werden Sie eingeladen, möglicherweise noch
einmal befragt. Vor Gericht kann Ihr Anwalt und können auch Sie das Wort ergreifen. Bis es zum
Gerichtstermin kommt, vergeht einige Zeit, in der Regel sind es einige Monate. Zur Vorbereitung
auf das Gerichtsverfahren können Sie Folgendes tun:
Lassen Sie sich von Ihrem Anwalt oder einer Beratungsstelle den negativen Bescheid des
Bundesamtes genau erklären und versuchen Sie die Gründe für die Ablehnung zu verstehen. In
vielen Fällen handelt es sich allerdings um juristische Bewertungen und Einschätzungen, auf die
Sie keinen Einfluss haben. Dann kann nur der Rechtsanwalt eine gute Klagebegründung verfassen.
 Falls das BAMF Ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellt oder Widersprüche und falsche Angaben
in Ihrem Vortrag bemängelt, versuchen Sie zu verstehen, wie es dazu gekommen ist: Ist etwas
falsch übersetzt worden? Hat der Bundesamtsmitarbeiter eine Aussage anders verstanden, als Sie
sie gemeint haben? Versuchen Sie, Widersprüche aufzuklären, damit der Richter oder die Richterin
sie nicht noch einmal zu Ihrem Nachteil auslegt.
 Versuchen Sie, neue Beweise für Ihre Fluchtgründe zu bekommen, zum Beispiel durch
Angehörige aus dem Herkunftsland. Oder beschaffen Sie neue Informationen dazu, was Sie
voraussichtlich erwarten wird, falls Sie in Ihre Heimat abgeschoben würden (Steht Ihr Haus/Ihre
Wohnung noch zur Verfügung? Hat Polizei nach Ihnen gesucht und kann man das belegen? Falls
Sie krank sein sollten und Medikamente benötigen: Können Sie diese in der Heimat erhalten und
bezahlen? Gibt es ausreichende Krankenbehandlung und -versicherung?).
 Achten Sie darauf, dass Sie dem Gericht nicht etwas anderes erzählen als dem BAMF. Der
Richter oder die Richterin hat das BAMF-Protokoll gelesen. Wenn Sie Aussagen, die Sie vor dem
BAMF gemacht haben, korrigieren möchten, dann tun Sie das. Dann sollten Sie aber auch erklären,
wie es zu den falschen Aussagen gekommen ist. Zum Beispiel: Hat der Übersetzer Sie nicht
ausreden lassen? Waren Sie besonders müde oder verwirrt in der Anhörung? Wenn ja: Warum
konnten Sie das nicht früher schon sagen?
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6. Die gesetzliche Bleiberechtsregelung (§ 104a AufenthG, § 23
Abs. 1 AufenthG)Die gesetzliche Bleiberechtsregelung (§
104a AufenthG, § 23 Abs. 1 AufenthG)
Nachfolgend eine Darstellung zur gesetzlichen Bleiberechtsregelung und ihrer
Umsetzung in Niedersachsen durch die GGUA Münster
Die gesetzliche Altfallregelung nach § 104a AufenthG in Verbindung mit § 23 Abs. 1
AufenthG
Mit dem Richtlinienumsetzungsgesetz zum Zuwanderungsgesetz ist am 28. August 2007 eine
gesetzliche Alt- oder Bleiberechtsreglung in § 104a AufenthG in Kraft getreten. Grundsätzlich wird
die Sicherung des Lebensunterhaltes vorausgesetzt. Eine Übergangsfrist zur Arbeitsaufnahme wird
eingeräumt und einige Ausnahmen gibt es.
Wer fällt unter die gesetzliche Altfallregelung?
Der § 104a AufenthG enthält einen so genannten Stichtag, an dem bestimmte Aufenthaltszeiten
vorliegen müssen. Dies ist der 1. Juli 2007. Zu diesem Stichtag muss entweder ein 6- oder 8jähriger Inlandsaufenthalt gegeben sein. Das heißt auch, wer den Stichtag auch nur um einen Tag
verpasst hat, kann von dieser Regelung nicht profitieren.
Unter bestimmten Umständen erhalten Flüchtlinge und Migranten/innen eine Aufenthaltserlaubnis
nach § 23 Abs. 1 AufenthG. Diese Aufenthalterlaubnis setzt aber die Lebensunterhaltssicherung
voraus, es sei denn, die Betroffenen fallen unter die unten aufgeführten Ausnahmen. Fällt man also
weder unter die Ausnahmeregelungen noch ist der Lebensunterhalt gesichert, kann nur eine
Aufenthaltserlaubnis nach § 104a Abs. 1 Satz 1 AufenthG erteilt werden. Diese wird auch
Aufenthaltserlaubnis auf Probe genannt, weil sie schlechter ausgestattet ist als die nach § 23 Abs. 1
AufenthG. Wer fällt unter diese gesetzliche Altfallregelung?
•
•
Flüchtlinge und Migranten und Migrantinnen mit mindestens einem minderjährigen (unter
18 Jahre alten) Kind, wenn mindestens ein Elternteil vor dem 1.7.2001 (6-Jahresfrist) nach
Deutschland eingereist ist und sich seit dem ununterbrochen hier aufhält. Bei Kindern im
schulpflichtigen Alter muss der regelmäßige Schulbesuch nachgewiesen werden. Die
jeweiligen Ehegatten oder Partner sind im Gesetzestext nicht benannt und müssen daher
entweder selbst auch die Aufenthaltsbedingungen erfüllen oder erhalten eine
Aufenthalterlaubnis nach § 25 Abs. 5 AufenthG. Im schlimmsten Fall würden sie weiterhin
geduldet.
Flüchtlinge und Migranten und Migrantinnen ohne Kinder oder mit bereits volljährigen
Kindern, wenn sie vor dem 1.7.1999 (8-Jahresfrist) nach Deutschland eingereist sind und
sich seit dem ununterbrochen hier aufhalten. Nach dem Gesetzestext werden die ledigen
volljährigen Kinder von Bleibeberechtigten auch dann begünstigt, wenn sie nicht selbst die
Aufenthaltszeiten erfüllen, aber ihre Eltern. Das niedersächsische Innenministerium
behauptet, dies sei eine “missglückte” Gesetzesformulierung, und will dies nicht
akzeptieren, aber der Gesetzestext ist insoweit eindeutig. In jedem Fall muss eine so
genannte positive Integrationsprognose vorliegen. Das heißt, es wird geschaut, in wie weit
Sprachkenntnisse vorliegen und zumindest in der Zukunft der Lebensunterhalt eigenständig
gesichert sein wird. Die jeweiligen Ehegatten oder Partner sind im Gesetzestext nicht
benannt und müssen daher entweder selbst auch die Aufenthaltsbedingungen erfüllen oder
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•
erhalten eine Aufenthalterlaubnis nach § 25 Abs. 5 AufenthG. Im schlimmsten Fall würden
sie weiterhin geduldet.
Flüchtlinge, die unbegleitet und minderjährig eingereist sind. Für sie gilt der
Einreisestichtag 1.7.2001. Weder aus dem Wortlaut des Paragraphen, noch aus der
Gesetzesbegründung lässt sich entnehmen, ob zum Stichtag 1.7.2007 der unbegleitet
eingereiste Minderjährige noch minderjährig sein muss oder ob er auch zwischenzeitlich
volljährig geworden sein darf. Nach Auffassung des niedersächsischen Innenministeriums
fallen aber auch die mittlerweile volljährig gewordenen unbegleiteten Minderjährigen unter
die Regelung.
Welcher Status ist Voraussetzung für die Erteilung eines Bleiberechts?
Eine Aufenthaltserlaubnis nach der gesetzlichen Altfallregelung können alle Flüchtlinge und
Migranten und Migrantinnen beantragen, die ausreisepflichtig sind oder eine andere
Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen besitzen und sich von einer Aufenthaltserlaubnis
nach § 23 Abs. 1 AufenthG einen sichereren Aufenthalt versprechen. Dazu gehören:
•
•
•
•
Flüchtlinge und Migranten und Migrantinnen mit einer Duldung,
aus sonstigen Gründen ausreisepflichtige Ausländer (zum Beispiel mit einer
„Grenzübertrittsbescheinigung”),
Asylsuchende mit einer Aufenthaltsgestattung,
Flüchtlinge und Migranten und Migrantinnen mit einer Aufenthaltserlaubnis nach den §§
22, 24 oder 25 AufenthG,
Bei den Aufenthaltszeiten zählen nur Zeiten mit, in denen der Flüchtling oder der/die Migrant/in
eines dieser Aufenthaltspapiere besaß. Wurden in der Vergangenheit Aufenthaltserlaubnisse aus
familiären Gründen (§§ 27 bis 36 AufenthG) oder wegen Studium und Ausbildung (§§ 16 und 17
AufenthG) oder wegen Erwerbstätigkeit (§§ 18 bis 21 AufenthG) besessen, werden diese Zeiten
nicht mitgerechnet.
Was erhalten Flüchtlinge, die nicht unter die Regelung fallen, aber nicht abgeschoben werden
können?
Flüchtlinge und Migranten/innen, die nicht unter die Regelung fallen, und deren Aufenthalt nur
wegen tatsächlicher (technischer) Abschiebungshindernisse weiter geduldet wird, erhalten wie
bisher nur eine Duldung nach § 60 a Abs. 2 AufenthG.
Rücknahme von Rechtsmitteln erst nach Zusicherung eines Bleiberechts!
Flüchtlinge oder Migranten/innen, die ein Verfahren auf Gewährung einer Aufenthaltserlaubnis
(aus welchen Gründen auch immer) betreiben, sollten bei der Ausländerbehörde zunächst eine
verbindliche Zusicherung für die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis nach der Altfallregelung
beantragen. Erst wenn diese Zusicherung vorliegt, können sie ihren Antrag oder ihre Klage (zum
Beispiel gegen den Widerruf der Flüchtlingsanerkennung) zurückziehen. Wir empfehlen wegen der
Chancen und Risiken dieser Vorgehensweise dringend die Beratung durch eine ausländer- und
asylrechtlich kompetente Rechtsanwältin oder einen Rechtsanwalt!
Passbeschaffung als Voraussetzung für ein Bleiberecht
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Eine wichtige Voraussetzung für das Bleiberecht ist die Vorlage eines Passes. Bevor Sie eine
Aufenthaltserlaubnis erhalten, müssen Sie sich daher um Ihren Pass kümmern. Vorher sollten Sie
sich jedoch von der Ausländerbehörde bestätigen lassen, dass Sie bei Vorlage des Passes auch unter
die Bleiberechtsregelung fallen und bei Ihnen keine sonstigen Ausschlussgründe vorliegen. Es
besteht sonst die Gefahr, dass die Ausländerbehörde ein Bleiberecht mit der Begründung
verweigert, Sie hätten in den Jahren zuvor Ihre Abschiebung verhindert (siehe nachfolgend:
Ausschlussgründe). Dies könnte zum Beispiel der Fall sein, wenn Sie sich in der Vergangenheit
geweigert haben, einen Pass für die Abschiebung bei der Botschaft Ihres Herkunftslandes zu
beantragen. Auch die Vorlage eines einige Jahre alten Passes könnte Ihnen den Vorwurf eintragen,
dass Sie diesen der Ausländerbehörde in der Vergangenheit vorenthalten haben. Wenn die
Ausländerbehörde Ihnen bestätigt, dass Sie ein Bleiberecht erhalten können, sollten Sie sich um die
Ausstellung eines neuen Passes bemühen!
Welches Arbeitseinkommen muss für eine Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG
nachgewiesen werden?
Wenn Sie die Bedingungen der Bleiberechtsregelung erfüllen, aber noch keine ausreichende
Erwerbstätigkeit nachweisen können, erhalten Sie eine Aufenthaltserlaubnis auf Probe nach § 104a
Abs. 1 Satz 1 AufenthG. Bedingung für Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG ist unter
anderem der Nachweis einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung, durch die der
Lebensunterhalt ohne Inanspruchnahme von Sozialleistungen (das heißt ohne Leistungen nach dem
Asylbewerberleistungsgesetz, Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe oder der Grundsicherung im Alter
und bei Erwerbsminderung oder Wohngeld) gesichert ist.
Lebensunterhaltssicherung bedeutet, dass das erzielte eigene Einkommen (netto) die Summe des
Geldbetrages erreichen sollte, auf den ein Grundanspruch nach dem SGB II (Arbeitslosengeld II)
besteht (Miete inklusive Heizung sowie die Regelsätze und die sogenannten Freibeträge). Zudem
muss eine Krankenversicherung bestehen, die in der Regel über ein sozialversicherungspflichtiges
Arbeitsverhältnis nachgewiesen werden kann (§ 2 Abs. 3 AufenthG). Auch Kindergeld zählt als
eigenes Einkommen, nicht jedoch Wohngeld, Erziehungs- und Elterngeld, Leistungen nach
Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG), Sozialhilfe, Grundsicherung im Alter und bei
Erwerbsminderung oder Arbeitslosengeld
Einige Ausländerbehörden sind dazu übergegangen, für die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis
nach § 23 Abs. 1 den Nachweis nicht nur von Regelsatz und Miete, sondern zusätzlich auch der
Freibeträge einzufordern. Sie berufen sich dabei auf ein Grundsatzurteil des
Bundesverwaltungsgerichts, das am 26.08.2008 (Az 1 C 32.07) entschieden hat, wie hoch der
Lebensunterhalt sein muss, damit ein Visum zum Zweck des Familiennachzugs erteilt werden
kann. Nach dieser Entscheidung müssen nicht nur “Regelsatz plus Miete” nachgewiesen werden,
sondern zusätzlich auch fiktiv die Freibeträge, die Personen mit geringem Einkommen zusätzlich
eingeräumt werden: Solche Freibeträge erhalten Personen, die wenig verdienen, als Anreiz dafür,
dass sie ihre Tätigkeit beibehalten. Die gesetzlichen Regelungen finden sich in den §§ 11, Abs. 2
und 30 SGB II.
Eine Einbeziehung der Freibeträge erscheint uns jedoch rechtlich fragwürdig: Die Entscheidung
des Bundesverwaltungsgerichts regelt die Bedingungen für den Aufenthalt von Menschen, die aus
dem Ausland nach Deutschland einwandern. Beim Bleiberecht nach § 23 Abs. 1 AufenthG geht es
nicht um eine Zuwanderung aus dem Ausland, sondern um den Aufenthalt ohnehin bereits hier
lebender Ausländer. Anders als beim Familiennachzug kann eine Aufenthaltserlaubnis nach § 23
Abs. 1 AufenthG auch bei ergänzendem Bezug öffentlicher Mittel erteilt werden.
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Das niedersächsische Innenministerium will einen ergänzenden Bezug von öffentlichen Mitteln
grundsätzlich nicht zulassen, sieht aber auch das Problem, wenn die betroffenen Flüchtlinge bei
zusätzlicher Anrechnung der Freibeträge ein Einkommen nachweisen müssen, das 20% bis 30%
über dem staatlich definierten Existenzminimum (Regelsatz plus Miete plus Heizkosten) liegt. Den
Ausländerbehörden wird deshalb in Niedersachsen frei gestellt, wie sie verfahren: Sie können die
Freibeträge in die Berechnung des fiktiven Einkommens einbeziehen, müssen dies aber nicht tun.
Damit wird den Ausländerbehörden ein weiter Ermessensspielraum eingeräumt. Es gibt keine
Möglichkeiten, sich etwa beim Innenministerium zu beschweren, wenn die Ausländerbehörde vor
Ort die Freibeträge in Abzug bringt. In der Praxis werden viele Anträge daran scheitern. Bei nur
geringfügig fehlendem Einkommen könnte man das Problem aber u.U. auch durch den
aufenthaltsrechtlich unschädlichen Kinderzuschlag (max 140 € Monat) reparieren.
Die Regelsätze für das Arbeitslosengeld II betragen:
Alleinstehende: 351.- € im Monat
Ehepartner: 2 x 316,- € im Monat = zusammen 632,- € im Monat
Kinder 0 bis 13 Jahre: 211,- € im Monat
Kinder 14 - 17 Jahre: 281,- € im Monat
Kinder 18 - 24 Jahre, die im Haushalt der Eltern leben: 281,- € im Monat
Wenn im Haushalt lebende volljährige Kinder auf Sozialleistungen angewiesen sind, spielt dies für
das Bleiberecht der übrigen Familienangehörigen keine Rolle, da für volljährige Kinder eine
eigenständige Prüfung des Bleiberechts vorgenommen wird.
Die Beschäftigung kann auch in mehreren Arbeitsverhältnissen (z.B. Mini-Jobs) oder von mehreren
Familienangehörigen ausgeübt werden. Auch eine Beschäftigung bei einer Leiharbeitsfirma wird
akzeptiert.
Ist auch eine selbständige Tätigkeit zulässig?
Nach den allgemeinen Verwaltungsvorschriften ist die Erlaubnis zur Ausübung selbständiger
Tätigkeiten für Bleibeberechtigte nur schwer zu bekommen. Für die gesetzliche
Bleiberechtsregelung, die am 22.8.2007 in Kraft getreten ist, gelten jedoch Sonderbedingungen: In
§ 104a Abs. 4 ist ausdrücklich geregelt: “Die Aufenthaltserlaubnis berechtigt zur Ausübung einer
Erwerbstätigkeit.” Die erteilten Aufenthaltserlaubnisse nach der Altfallregelung enthalten daher
den Vermerk “Erwerbstätigkeit gestattet”.
Das bedeutet zum Einen, dass Sie eine unbeschränkte Erlaubnis für Beschäftigungen jeder Art als
Arbeitnehmer bei jedem Arbeitgeber in jedem Betrieb an jedem Ort in Deutschland ausüben
können. Eine Erlaubnis der Ausländerbehörde oder der Agentur für Arbeit müssen Sie also nicht
mehr beantragen.
Zum Anderen bedeutet das, dass auch selbständige Tätigkeiten jeder Art ohne
Beschränkung erlaubt sind. Allerdings müssen Sie die jeweils geltenden berufs- und
steuerrechtlichen und sonstigen rechtlichen Bestimmungen beachten (Steuernummer beim
Finanzamt beantragen, ggf. Gewerbeschein beim Bezirksamt beantragen, für manche selbständige
Tätigkeiten sind besondere Bestimmungen der Berufsordnungen zu beachten, usw.).
Ausnahmen für Sondergruppen
Für folgende Gruppen ist der vorübergehende Bezug von Sozialleistungen kein Ausschlussgrund,
wenn es um die Verlängerung Ihrer Aufenthaltserlaubnis nach § 104a AufenthG (siehe unten) in
Form einer Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG geht:
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•
Volljährige Auszubildenden in anerkannten Lehrberufen oder staatlich geförderten
Berufvorbereitungsmaßnahmen, die sich wahrscheinlich wirtschaftlich und sozial dauerhaft
integrieren werden. Minderjährige Auszubildende bleiben bei der Berechnung des
Gesamtbedarfs einer Familie außen vor, d. h. es ist nicht schädlich, wenn diese
Sozialleistungen erhalten. Studierende dürfen keine Sozialleistungen, gegebenenfalls aber
eine Unterstützung nach dem Bundesausbildungsförderungegesetz BAföG beziehen.
• Die Ausländerbehörde wird Sie unter Umständen auf die Möglichkeit verweisen,
eine Aufenthaltserlaubnis nach § 16 AufenthG zu Studienzwecken zu erhalten. Dies
hätte allerdings für Sie den gravierenden Nachteil, dass Ihre Aufenthaltserlaubnis
(zunächst) nur für die Dauer des Studiums gilt. Außerdem haben Sie dann nur unter
sehr engen Voraussetzungen einen Anspruch auf BAföG. Eine Aufenthaltserlaubnis
nach der Altfallregelung (§ 23 Abs. 1 AufenthG) bietet bessere Chancen für eine
spätere Aufenthaltssicherung. Außerdem haben Sie mit einer Aufenthaltserlaubnis
nach § 23 Abs. 1 AufenthG Anspruch auf BAföG.
•
Familien mit mehreren Kindern: Wenn Sie noch kein Kindergeld erhalten, dürfen Sie
ergänzend zum Einkommen aus einer Beschäftigung Sozialleistungsbezug bis zur Höhe des
mit Erteilung der Aufenthaltserlaubnis bestehenden, voraussichtlichen Kindergeldes
bekommen. Zusätzlich dürfen Familien mit mehr als zwei Kindern laut den
Niedersächsischen Verwaltungsvorschriften zum Aufenthaltsgesetz vom 31. Juli 2008 für
einen begrenzten Zeitraum (normalerweise bis zu sechs Monate) ergänzende
Sozialleistungen in Höhe von je 100 Euro ab dem zweiten Kind beziehen. Dieser Freibetrag
beträgt höchstens 300 Euro pro Familie. Eine Familie mit vier Kindern darf also neben dem
unschädlichen Kindergeld vorübergehend ergänzende Sozialleistungen in Höhe von bis zu
300 Euro beziehen. In der Praxis wird in diesen Fällen allerdings in der Regel der
Kinderzuschlag in Betracht kommen, der ohnehin nicht als schädliche Sozialleistung
gewertet wird und daher zusätzlich zu den 300 Euro bezogen werden darf. Da es neben dem
Kinderzuschlag keine ergänzenden Leistungen nach dem SGB II (Hartz 4) geben kann,
kann die Ausnahme von 100,- Euro pro Kind in der Regel nur für einen ergänzenden
Wohngeldbezug relevant sein.
•
Alleinerziehende mit Kindern unter drei Jahren. Sie müssen normalerweise erst ab dem
dritten Geburtstag des jüngsten Kindes eine ihren Lebensunterhalt sichernde Beschäftigung
nachweisen und dürfen bis dahin ergänzende Sozialleistungen (SGB II oder XII) in Höhe
von 100,- Euro pro Kind bis zu einem Gesamtbetrag von 300,- Euro für die Familie
erhalten. Allerdings ist der Bezug von Unterhaltsvorschuss nach den Niedersächsischen
Verwaltungsvorschriften wiederum schädlich und soll nicht unter diese Ausnahme fallen.
Anmerkung hierzu: Niedersachsen setzt die Bleiberechtsregelung bei der Umsetzung der
Ausnahmeregelungen erheblich restriktiver um als andere Bundesländer. Gerade für
Alleinerziehende deckt sich zudem die Vorgabe in Niedersachsen, nur ergänzende Sozialleistungen
beziehen zu dürfen (wie bei Familien mit mehreren Kindern) nicht mit dem Wortlaut des Gesetzes:
Im Gesetz ist die Ausnahme nämlich nicht beschränkt auf „ergänzende“ Sozialleistungen. Auch die
Ansicht des Niedersächsischen Innenministeriums, Unterhaltsvorschuss solle für Alleinerziehende
nicht unter die Ausnahmeregelung fallen, sondern schädlich sein, ist nicht nur durch das Gesetz
gedeckt, sondern auch in sich unlogisch, da Unterhaltsvorschuss bezogen werden müsste, bevor
überhaupt Leistungen nach dem SGB II oder XII bezahlt werden können.
Die Benachteiligung von Familien mit Kindern und von Alleinerziehenden wird durch die
Einräumung eines Freibetrags für eine begrenzte Zeit von nur sechs Monaten bestenfalls entschärft,
aber keinesfalls beseitigt. Andere Bundesländer ermöglichen Familien mit Kindern und
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Alleinerziehenden den Bezug ergänzender öffentlicher Leistungen in erheblich größerem Umfang
und für einen längeren Zeitraum. Nach wie vor müssen Familien mit Kindern ein höheres
Einkommen nachweisen als Familien ohne Kinder, um eine Aufenthaltserlaubnis zu erhalten (siehe
nachfolgende Berechnungsbeispiele). Auf Kinder- und Erziehungsgeld bzw. Elterngeld haben
Flüchtlinge und Migranten/innen mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG einen
Anspruch. Der Bezug dieser Leistungen ist nach § 2 Abs. 3 AufenthG ausländerrechtlich
unschädlich. Unter Umständen kommt auch die Gewährung eines Kinderzuschlags in Frage. Der
Kinderzuschlag ist eine Familienleistung, sein Bezug ist gemäß § 6a BKGG nach Erteilung der
Aufenthaltserlaubnis grundsätzlich möglich.
Beispielhafte Berechnungen (ohne Freibeträge!)
Beispiel 1: Ehepaar ohne Kinder, Miete 370 €, Heizkosten 70 €
Bedarf Arbeitslosengeld II = Regelsätze 316 € + 316 € + Miete warm 440 € = 1.072 €
Nettoeinkommen, das beide Partner zusammen mindestens erzielen sollten: 1.072 €
Beispiel 2: Ehepaar mit 3 Kindern: 8, 14, 16 Jahre, Miete 550 €, Heizkosten 100 €
Bedarf Arbeitslosengeld II = Regelsätze 316 € + 316 € + 211 € (Kind 1) + 281 € (Kind 2) + 281 €
(Kind 3) + 650 € Miete warm = 2.055 €
Das Nettoeinkommen, das beide Partner zusammen mindestens erzielen sollten, beträgt 2.055 €
abzüglich Kindergeld (2 x 164 € + 1 x 170 € = 498 €) und Kinderfreibetrag (200 €), also: 1.357 €.
Beispiel 3: Ehepaar mit 5 Kindern: 8, 11, 15, 16, 17 Jahre, Miete 640 €, Heizkosten 116 €
Bedarf Arbeitslosengeld II = Regelsätze 316 € + 316 € + 211 € (Kind 1) + 211 € (Kind 2) + 281 €
(Kind 3) + 281 € (Kind 4) + 281 € (Kind 5) + 756 € Miete warm = 2.653 €
Das Nettoeinkommen, das beide Partner zusammen mindestens erzielen sollten, beträgt 2.653 €
abzüglich Kindergeld (2 x 164 €, 1 x 170 €, 2 x 195 € = 888 €) und Kinderfreibetrag (300 €), also:
1.465 €.
Falls Ihre Ausländerbehörde bei der Anrechnung des Einkommens die oben genannten Freibeträge
nach dem SGB II berücksichtigen sollte, wäre das Einkommen, das Sie erreichen müssten, noch
höher: Nach dem SGB II wird nämlich nicht alles als Einkommen gewertet, obwohl es auf Ihrem
Konto eingeht. Im Höchstfall können pro Verdiener 310 € nicht als Einkommen angerechnet
werden, so dass dieser Betrag zusätzlich verdient werden müsste, um ein ausreichendes NettoEinkommen zu erreichen.
Verpflichtungserklärung für alte, kranke und behinderte Flüchtlinge
Für folgende Gruppen können Dritte eine Bürgschaft, das heißt, eine Verpflichtungserklärung für
alle entstehenden Kosten einer Person, übernehmen:
•
•
Erwerbsunfähige, also arbeitsunfähige kranke und behinderte Menschen. Sie erhalten die
Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG nur, wenn ihr
Lebensunterhalt einschließlich einer erforderlichen Betreuung und Pflege ohne staatliche
Leistungen dauerhaft gesichert ist, z.B. durch Familienangehörige. Leistungen aus
Beitragszahlungen, z.B. Renten, stehen einem Bleiberecht nicht entgegen.
Ältere Menschen, die am 1.7.2007 das 65. Lebensjahr vollendet haben. Sie erhalten ein
Bleiberecht nur, wenn sie im Herkunftsland keine Familie haben, aber in Deutschland
Kinder oder Enkel mit dauerhaftem Aufenthaltsrecht oder deutscher Staatsangehörigkeit
leben und sichergestellt ist, dass sie keine Sozialleistungen in Anspruch nehmen.
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Anmerkung: Auch hier halten sich die Niedersächsischen Verwaltungvorschriften nicht an den
Gesetzestext: Im Gesetz ist nämlich klar die Rede von Personen, die am 31.12.2009 das 65.
Lebensjahr vollendet haben und nicht bereits am 1.7.2007! Falls Sie aus diesem Grund von einer
Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis ausgeschlossen werden sollten, wenden Sie sich auf jeden
Fall an eine Beratungsstelle oder einen Rechtsanwalt!
In beiden Fällen wird eine „Verpflichtungserklärung” gefordert (§ 68 AufenthG). Der
Unterzeichner der Erklärung (Kirchengemeinde, über Einkommen verfügende Familienangehörige
usw.) verpflichtet sich, für alle Kosten des Unterhaltes des alten, kranken oder behinderten
Menschen aufzukommen. Durch die Regelung werden alte, kranke und erwerbsunfähige Menschen
weitgehend von der Bleiberechtsregelung ausgeschlossen, da nach den in Deutschland geltenden
rechtlichen Bestimmungen der Abschluss einer Kranken- und Pflegeversicherung für diesen
Personenkreis fast unmöglich ist.
Weitere Voraussetzungen für ein Bleiberecht:
•
•
•
•
Die Familie verfügt über ausreichenden Wohnraum. Die Vorl. Nds. VV-AufenthG Nummer
2.4. besagt: Dies ist in jedem Fall erfüllt, wenn die Gesamtfläche der Wohnung pro Person
12 m2 beträgt, pro Kind unter sechs Jahren 10 m2. Kinder unter zwei Jahren werden nicht
gezählt. Eine Unterschreitung der geforderten Quadratmeterzahl um 10% ist möglich. Eine
Unterbringung im Flüchtlingswohnheim reicht nicht als Nachweis aus.
Der tatsächliche Schulbesuch aller schulpflichtigen Kinder wird durch Vorlage der
Zeugnisse oder einer Schulbescheinigung nachgewiesen.
Es liegt ein gültiger Pass vor. Ausnahmen sind nach den gesetzlichen Bestimmungen nur
möglich, wenn ein Pass auf zumutbare Weise nicht erlangt werden kann (§ 3 AufenthG, § 5
Aufenthaltsverordnung). Um die Passbeschaffung zu erleichtern, können Sie die
Ausländerbehörde darum bitten, eine Bescheinigung auszustellen, dass bei der Vorlage
eines Reisepasses die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis möglich ist. Das Fehlen eines
Passes bei einem Familienmitglied steht der Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis an andere
Familienmitglieder nicht entgegen.
Alle in das Bleiberecht einbezogenen Personen mussten bis zum 1.7.2008 den Nachweis
erbringen, dass sie sich auf einfache Weise mündlich in deutscher Sprache verständigen
können (Stufe A 2 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen GERR). Davon wurde und wird nur abgesehen, wenn eine Person diese Deutschkenntnisse
wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit, Behinderung oder aus
Altersgründen nicht erlernen kann. Die jeweilige Aufenthaltserlaubnis wurde in diesem Fall
nur bis zum 1.7.2008 befristet. Konnten die Deutschkenntnisse bis zu diesem Tag nicht
nachgewiesen werden, wurde die Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert und wieder eine
Duldung erteilt. Dadurch wird eine Abschiebung wieder möglich. Bitte wenden Sie sich
umgehend in diesem Fall an einen Rechtsanwalt oder eine Rechtsanwältin.
Teilnahme an Integrationskursen möglich!
Nach der veränderten Integrationskursverordnung können insbesondere Personen zum
Integrationskurs zugelassen werden, die eine Aufenthaltserlaubnis nach § 104a Abs. 1 Satz
AufenthG oder nach § 23 Abs. 1 in Verbindung mit § 104a AufenthG besitzen (§ 5 Abs. 3 IntV).
Wenn Sie eine der beiden Aufenthaltserlaubnisse besitzen und noch nicht das Sprachniveau A2
GERR vorweisen können, beantragen Sie sofort beim Bundesamt die Zulassung zum
Integrationskurs (Sprachkursus). Sie können diesen Antrag kann auch über einen zugelassenen
Kursanbieter geschehen.
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Besonderheit der Aufenthaltserlaubnisse nach § 104a Abs. 1 Satz 1 und § 23 Abs. 1 AufenthG
Wenn Sie Ihren Lebensunterhalt nicht sichern können, aber im übrigen die Voraussetzungen der
Altfallregelung erfüllen, bekommen Sie eine Aufenthaltserlaubnis nach § 104 a Abs. 1 Satz 1
AufenthG. Diese Aufenthaltserlaubnis „auf Probe” soll Ihnen die Möglichkeit geben, sich eine
Erwerbstätigkeit zu suchen, um dadurch Ihren Lebensunterhalt zu sichern. Der Vorteil gegenüber
der alten Bleiberechtsregelung besteht darin, dass Sie mit der Erteilung der Aufenthaltserlaubnis
frei auf dem Arbeitsmarkt sind und keine „Arbeitserlaubnis” mehr benötigen, also ohne
„Vorrangprüfung” oder „Arbeitsmarktprüfung” und ohne Prüfung der „Arbeitsbedingungen” und
der Lohnhöhe durch die Agentur für Arbeit jede legale selbstständige oder unselbstständige Arbeit
aufnehmen dürfen. Das erleichtert die Arbeitsplatzsuche erheblich.
Wenn Sie die erforderlichen Aufenthaltszeiten haben, beantragen Sie die Aufenthaltserlaubnis nach
§ 104a Abs. 1 Satz 1 AufenthG. Gerade wenn Sie noch keine Arbeit gefunden haben, sollten Sie
bei der Ausländerbehörde einen schriftlichen Antrag auf die Erteilung der Aufenthaltserlaubnis
stellen. Sie können diese Aufenthaltserlaubnis sofort beantragen, auch wenn die Geltungszeit Ihrer
derzeitigen Duldung noch nicht abgelaufen ist! Machen Sie sich eine Fotokopie des Antrags für
Ihre Unterlagen! Lassen Sie sich vom Sachbearbeiter der Ausländerbehörde auf der Kopie die
Abgabe Ihres Antrags quittieren!
Die Aufenthaltserlaubnis „auf Probe” nach § 104a AufenthG ist aber mit einer Reihe von
Einschränkungen verbunden:
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•
•
•
•
•
Sie haben kein Recht auf Familiennachzug.
Sie können keine Niederlassungserlaubnis erhalten.
Sie können nicht eingebürgert werden.
Sie erhalten kein Elterngeld.
Diese Aufenthaltserlaubnis darf nicht über den 31.12.2009 hinaus verlängert werden.
Wenn Sie vor dem 31.12.2009 die Bedingungen für die Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs.
1 AufenthG nicht erfüllen, fallen Sie zurück in die Duldung und Ihnen droht die
Abschiebung.
Achtung: Wenn Sie eine Aufenthaltserlaubnis auf Probe besitzen, und nunmehr der
Lebensunterhalt gesichert ist, beantragen Sie unbedingt die bessere Aufenthaltserlaubnis nach § 23
Abs. 1 AufenthG rechtzeitig. Über den 31.12.2009 hinaus gibt es keine Möglichkeit, die begehrte
Aufenthaltserlaubnis zu erhalten. Auch die rechtzeitige Antragsstellung garantiert kein vorläufiges
Aufenthaltsrecht für die Zeit, in der die Ausländerbehörde Ihren Antrag bearbeitet (§ 104a Abs. 5
Satz 5 AufenthG). Notfalls muss ein Eilantrag beim Verwaltungsgericht gestellt werden. Wenden
Sie sich bitte an einen Rechtsanwalt oder eine Rechtsanwältin.
Auf Ihren Antrag muss die Ausländerbehörde prüfen, ob Sie die Aufenthaltszeiten erfüllen und ob
es Ausschlussgründe gibt. Die Aufenthaltserlaubnis § 104a Abs. 1 Satz 1 AufenthG wird längstens
ausgestellt bis zum 31.12. 2009. Fehlten die Deutschkenntnisse, wurde die Aufenthaltserlaubnis bis
zum 1.7.2008 befristet. Eine Erteilung muss auch dann erfolgen, wenn eine oder auch mehrere der
Voraussetzungen (z.B. die den Lebensunterhalt sichernde Arbeit) noch fehlen, die noch nachgeholt
werden können. Eine Abschiebung vorher ist nur in den Fällen möglich, in denen bereits jetzt
feststeht, dass die Voraussetzungen für ein Bleiberecht nicht erfüllt werden können.
Wenn Sie bereits die Aufenthaltserlaubnis nach § 104a Abs. 1 Satz 1 AufenthG besitzen und alle
übrigen Bedingungen (Deutschkenntnisse, Pass und Lebensunterhaltssicherung) der Altfallregelung
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vorweisen können, erhalten Sie auf Antrag die Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG.
Auch befristete Arbeitsangebote können akzeptiert werden, wenn die Möglichkeit einer
Verlängerung besteht. Zulässig sind auch Leih- und Zeitarbeitsverträge Allerdings kann die
Aufenthaltserlaubnis dann zunächst auch nur für die Dauer des Arbeitsvertrages erteilt werden.
Welche Möglichkeiten habe ich mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG?
Mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG gilt:
•
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•
•
Die Aufenthaltserlaubnis ist räumlich nicht auf das Gebiet von Niedersachsen beschränkt.
Das gibt Ihnen vor allem die Möglichkeit, eine Arbeitsstelle außerhalb Niedersachsens
anzutreten.
Sie können bei Erfüllung der übrigen Voraussetzungen eine Niederlassungserlaubnis nach §
26 Abs. 4 oder § 35 AufenthG erwerben.
Sie können nach den Vorschriften des Staatsangehörigkeitsgesetz (StAG) auf dem
Ermessenswege eingebürgert werden.
Sie haben ein Recht auf Familiennachzug aus humanitären, völkerrechtlichen Gründen oder
wegen deutscher Interessen (§ 29 Abs. 3 AufenthG).
Wichtig: Sobald Sie die Aufenthaltserlaubnis haben, müssen Sie dafür sorgen, dass Sie Ihren
Lebensunterhalt dauerhaft durch Arbeit sichern, Sie bekommen sonst Probleme mit der
Verlängerung Ihres Aufenthaltes.
Ausschlussgründe
Auch wenn alle Bedingungen für ein Bleiberecht erfüllt sind, können Flüchtlinge von der
gesetzlichen Altfallregelung ausgeschlossen werden. Folgende Faktoren können zu einem
Ausschluss führen:
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•
Täuschung über aufenthaltsrechtliche relevante Umstände (z.B. Identität, Herkunft).
Verzögerung oder Behinderung einer Abschiebung (z.B. Untertauchen, Nichtbeschaffung
eines Passes, körperliche Gegenwehr bei einem früheren Abschiebungsversuch).
Vorliegen von Ausweisungsgründen wegen Straftaten.
Verurteilung wegen einer Straftat. Geldstrafen bis 50 Tagessätze bleiben unberücksichtigt,
Geldstrafen bis 90 Tagessätze wegen Verstößen gegen das Aufenthaltsgesetz oder das
Asylverfahrensgesetz bleiben ebenfalls unberücksichtigt. Hat ein Familienmitglied
Straftaten begangen, ist grundsätzlich die ganze Familie (Eltern und minderjährige Kinder)
vom Bleiberecht ausgeschlossen. Ausnahme siehe unten.
Verbindungen zu extremistischen oder terroristischen Gruppen.
Illegale Wiedereinreise nach früherer Ausweisung, Zurückschiebung oder Abschiebung
(§ 11 Abs. 1 AufenthG).
Wird Ihr Antrag aufgrund von angeblich vorliegenden Ausschlussgründen abgelehnt, sollten Sie
mit Hilfe eines Rechtsanwalt oder einer Rechtsanwältin sofort die erforderlichen rechtlichen
Schritte (Widerspruch und Klage, Eilantrag) einleiten, auch um eine mögliche Abschiebung zu
verhindern.
Unterläuft Niedersachsen die gesetzliche Bleiberechtsregelung?
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Am 11.9.2007 gab es in Hannover eine Dienstbesprechung des Referats 42 (Ausländer- und
Asylrecht) im Niedersächsischen Ministerium für Inneres und Sport zur Auslegung der
gesetzlichen Altfallregelung. Ein auf der Grundlage dieser Dienstbesprechung vom
niedersächsischen Innenministerium erstelltes Protokoll verdeutlicht, dass die Landesregierung die
gesetzliche Bleiberechtsregelung in mehreren Punkten erheblich restriktiver auslegen will als
andere Bundesländer:l
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Mit dem Hinweis auf die Gesetzesbegründung wird wiederholt, dass eine Zuwanderung in
die Sozialsysteme zu vermeiden ist. Damit ist gemeint, dass neben der Prüfung der
allgemeinen Erteilungsbedingungen (s.o.) auch eine Prognose erstellt wird, ob Personen, die
auf Grund ihres Alters die Pflichtbeiträge für eine Mindestrente nicht mehr erreichen
werden, wenn sie auch in der Vergangenheit keinerlei Rentenbeiträge gezahlt hätten. Bei
diesen Personen sei es gerechtfertigt, die Aufenthalterlaubnis nicht zu erteilen. Wenn bereits
Rentenansprüche bestehen, ist zu prüfen, ob später die Voraussetzungen für eine
„auskömmliche” Rente bestehen könnten. Die auskömmliche Rente muss hier so verstanden
werden, dass keine zusätzlichen Sozialleistungen gewährt werden dürfen.
Der Grundsatz der Familieneinheit wird besonders betont. Es wird empfohlen, eine
unterschiedliche ausländerrechtliche Behandlung der Familienmitglieder grundsätzlich zu
vermeiden. Das bedeutet allerdings nicht, dass keine Ausnahmen z.B. bei Straftaten zulässig
wären. Bei der Frage des Lebensunterhaltes soll bei Familien mit herkömmlicher
Rollenverteilung: Mann arbeit, Frau kümmert sich um Kinder und Haus von der Frau nicht
verlangt werden, dass auch sie ihren Lebensunterhalt sichern kann.
Ein anerkannter, gültiger Nationalpass muss in jedem Fall vorliegen und die Identität muss
geklärt sein.
Wenn das Einreise- und Aufenthaltsverbot des § 11 Abs. 1 AufenthG vorliegt, darf weder
eine Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG noch nach § 104a Abs. 1 Satz 1
AufenthG erteilt werden. Diese Verbote bestehen nach einer Ausweisung oder Abschiebung
aber auch bereits bei einer Zurückschiebung.
Zum Ausschlussgrund des § 10 Abs. 3 Satz 2 AufenthG: Der Paragraph sieht vor, dass eine
Aufenthaltserlaubnis nicht erteilt wird, wenn der Asylantrag als offensichtlich unbegründet
gemäß § 30 Abs. 3 AsylVfG abgelehnt worden ist. Dieses Verbot gilt aber dann nicht, wenn
Sie einen Anspruch auf die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis haben. Bei der
Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG ist das der Fall. Eine Erteilung nach §
104a Abs. 1 Satz 1 AufenthG dagegen nicht möglich.
Beim Schulbesuch der Kinder finden wir eine weitere einschränkende Interpretation. „Hat
ein Kind mehr als ein Drittel der Schultage im Schulhalbjahr unentschuldigt gefehlt, kann
nicht mehr von einem nachgewiesenen tatsächlichen Schulbesuch ausgegangen werden.”
Da die Zeugnisse, die Angaben über die Fehltage enthalten, vorgelegt werden müssen, wird
hier eventuell ein Problem entstehen.
Bei der Interpretation der Ausschlussgründe gibt es ein weiteres Kriterium zur Frage der
Täuschungen oder der Behinderung der Abschiebung. Wenn es um den Besitz eines
erforderlichen Passes geht, müssen Sie sich auch ohne Aufforderung durch die
Ausländerbehörde um die Ausstellung eines Passes gekümmert haben. Sie haben eine
Initiativpflicht. Ob es bei dieser harte Auslegung bleiben wird müssen wohl die
Verwaltungsgerichte klären.
Zum Thema Vorstrafen wird auch eine restriktive Haltung eingenommen: „Liegen
erhebliche Verurteilungen wegen fahrlässiger und vorsätzlicher Straftaten vor, bei denen
der Ausschlussgrund des § 104a Abs. 1 Nr. 5 AufenthG nicht erreicht wird, ist im Rahmen
der eingeschränkten Ermessensausübung zu prüfen, ob im konkreten Fall das öffentliche
Interesse an einer Nichterteilung der Aufenthaltserlaubnis Vorrang vor dem privaten
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Interesse an einem Bleiberecht hat.” Hiermit ist gemeint, dass auch bei Verurteilungen unter
den oben beschriebenen 50 und 90 Tagessätzen zu einem Ausschluss von der
Bleiberechtsregelung führen kann. Die Tagessätze werden nur dann als bindend angesehen,
wenn sie überschritten werden. Sind es weniger Tagessätze muss aber abgewogen werden.
Die Aufenthalterlaubnis nach § 104a Abs. 1 Satz 1 AufenthG wird immer mit einer
Wohnsitzbeschränkung ausgestellt, die Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG nur
dann, wenn der Lebensunterhalt nicht gesichert ist (siehe Ausnahmeregelungen).
Zu den deutschen Sprachkenntnisse gibt es ebenfalls weitergehende Interpretationen:
„Erfüllt innerhalb der Familie nur ein Ehegatte diese sprachlichen Voraussetzungen nicht,
kann bei Vorliegen der sonstigen Voraussetzungen allen Familienmitgliedern eine
Aufenthaltserlaubnis bis zum 1.7.2008 erteilt werden. Es ist eine Integrationsvereinbarung
darüber zu schließen, dass die Sprachkenntnisse bis zum 1.7.2008 erworben werden. Der
Ausländer ist zusätzlich darüber zu informieren, dass das Vorliegen der Sprachkenntnisse
bis zum 1.7.2008 nachgewiesen werden muss und dass bei fehlendem Nachweis die
Aufenthaltserlaubnis für ihn und die übrigen Familienmitglieder nicht verlängert wird. Über
diese Information ist ein Vermerk in die Akten aufzunehmen.
Achtung: Wenn Sie fehlende Sprachkenntnisse haben, kümmern Sie sich sofort darum,
dass Sie den Nachweis der Sprachkenntnisse erwerben. Ohne diesen Nachweis verlieren Sie
und Ihre Familie Ihre Aufenthaltserlaubnis und können nicht wieder in diese Altfallregelung
hineinkommen. Auch hier gilt: Suchen Sie unbedingt einen Rechtsanwältin oder einen
Rechtsanwalt auf. Wenn Sie noch nicht das Sprachniveau A2 GERR vorweisen können,
beantragen Sie sofort beim Bundesamt die Zulassung zum Integrationskurs (Sprachkursus).
Sie können diesen Antrag kann auch über einen zugelassenen Kursanbieter geschehen (s.o.).
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7. Aufenthaltserlaubnis nach § 18a AufenthG
Die Aufenthaltserlaubnis nach § 18a AufenthG ist seit dem 1. Januar 2009 durch das
Arbeitsmigrationssteuerungsgesetz Bestandteil des Aufenthaltsgesetzes. Sie eröffnet die Chance für
sogenannte Bildungsinländer mit einer Duldung eine Aufenthaltserlaubnis zu erhalten. Der Besitz
einer Duldung ist eine der Bedingungen zum Erhalt der Aufenthaltserlaubnis. Wenn Sie bereits eine
Aufenthaltserlaubnis besitzen (z.B. nach § 25 Abs. 5 AufenthG) können Sie die
Aufenthaltserlaubnis nach § 18a AufenthG nicht erhalten.
Eine weitere Bedingung für die Erteilung der Aufenthaltserlaubnis zur qualifizierten
Erwerbstätigkeit ist, dass die Agentur für Arbeit gemäß § 39 AufenthG der Erteilung der
Aufenthaltserlaubnis zugestimmt hat. Die Regelung des § 18 a enthält drei verschiedene
Möglichkeiten. Die Aufenthaltserlaubnis ist vorgesehen für Menschen, die:
1. im Bundesgebiet eine qualifizierte Berufsausbildung in einem staatlich anerkannten oder
vergleichbar geregelten Ausbildungsberuf oder ein Hochschulstudium abgeschlossen haben
2. im Bundesgebiet mit einem anerkannten oder einem deutschen Hochschulabschluss
vergleichbaren ausländischen Hochschulabschluss seit zwei Jahren ununterbrochen eine
dem Abschluss angemessene Beschäftigung ausgeübt haben, oder
3. im Bundesgebiet als Fachkraft seit 3 Jahren ununterbrochen eine Beschäftigung ausgeübt
haben, die eine qualifizierte Berufsausbildung voraussetzt, und innerhalb des letzten Jahres
vor Beantragung der AE für den eigenen Lebensunterhalt und den ihrer
Familienangehörigen oder anderen Haushaltsangehörigen nicht auf öffentliche Mittel mit
Ausnahme von Leistungen zur Deckung der notwendigen Kosten für Unterkunft und
Heizung angewiesen waren.
Diese drei Regelungen sind wahlweise anzuwenden und enthalten jeweils unterschiedliche
Erteilungsvoraussetzungen.
Für alle drei Varianten gelten aber noch diese weiteren Voraussetzungen für die
Aufenthaltserlaubnis:
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ausreichender Wohnraum muss vorhanden sein,
ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache müssen vorliegen (Niveau B1 des
Gemeinsamen Europäischen Refrenzrahmens für Sprachen - GERR, genau wie bei der
Niederlassungserlaubnis),
die ABH darf nicht vorsätzlich über aufenthaltsrechtlich relevante Umstände getäuscht
worden sein,
behördliche Maßnahmen zur Aufenthaltsbeendigung dürfen nicht vorsätzlich
hinausgezögert oder behindert worden sein
es dürfen keine Bezüge zu extremistischen oder terroristischen Organisationen bestehen und
diese Organisationen auch nicht unterstützt worden sein
es darf keine Verurteilung wegen einer im Bundesgebiet begangenen vorsätzlichen Straftat
geben, wobei Geldstrafen von insgesamt bis zu 50 Tagessätzen oder bis zu 90 Tagessätzen
wegen Straftaten, die nach dem AufenthG oder dem AsylVfG nur von Ausländern
begangen werden können, grundsätzlich außer Betracht bleiben.
Diese weiteren Anforderungen und Ausschlussgründe entsprechen unverkennbar denjenigen der
gesetzlichen Altfallregelung des § 104a AufenthG nur dass das geforderte Sprachniveau deutlich
angehoben wurde.
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Zu 1.:
Hier geht es um den „Bildungsinländer“. Diejenigen, die eine qualifizierte Berufsausbildung in
Deutschland absolviert haben, können diese AE erhalten. Eine „qualifizierte Berufsausbildung“
bedeutet, dass es sich um eine Berufsausbildung mit einer mindestens dreijährigen
Ausbildungsdauer handelt. Eine Aufenthaltserlaubnis kann aber auch erteilt werden, wenn eine
entsprechende Qualifikation vorliegt, die Ausbildung aber in verkürzter Zeit erfolgreich absolviert
wurde.
Merksatz: Ist der geforderte Abschluss in Deutschland erworben worden, reicht das konkrete
Arbeitsplatzangebot für die Erteilung einer AE nach § 18a AufenthG aus.
Zu 2.:
Hier geht es um Geduldete, die erfolgreich eine ausländische Hochschulausbildung absolviert
haben. Dieser muss entweder anerkannt worden sein oder einem deutschen Abschluss vergleichbar
sein. Hierzu wird in der Gesetzesbegründung ausgeführt: “Soweit für einen im Ausland erworbenen
Studienabschluss eine formale Anerkennung nicht vorgesehen oder nicht erforderlich ist, ist für die
Frage, ob es sich um einen (faktisch) anerkannten Studienabschluss handelt, auf die
Bewertungsvorschläge der Zentralstelle für Ausländisches Bildungswesen bei der
Kultusministerkonferenz abzustellen, die im Internet unter www.anabin.de öffentlich zugänglich
sind.”
Zusätzlich wird gefordert, dass bereits seit 2 Jahren in einem dieser Qualifikation entsprechenden
Beruf gearbeitet worden sein muss.
Merksatz: Wurde der geforderte Abschluss im Herkunftsland/Heimatland erworben, müssen
bereits 2 Jahre Erwerbstätigkeit in Deutschland gerade in einer dieser Qualifikation
entsprechenden Stelle vorliegen, um die AE nach § 18a AufenthG zu erhalten.
Zu 3.:
Hier geht es um im Ausland erworbene berufliche Qualifikationen im Sinne von Variante 1, die erst
dann zur Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis führt, wenn zusätzlich eine ununterbrochene
Beschäftigung in den letzten drei Jahren vorgewiesen werden kann. Diese Beschäftigung muss
diese berufliche Qualifikation voraussetzen und zumindest im letzten Jahr dürfen keine
Sozialleistungen (mehr) beansprucht worden sein. Lediglich das Wohngeld ist unschädlich.
Merksatz: Qualifizierte Fachkräfte, mit Ausbildung im Ausland, müssen 3 Jahre
ununterbrochen in Deutschland in einer Stelle, die dieser Qualifikation entspricht, gearbeitet
haben. Im letzten Jahr musste der Lebensunterhalt für Familien- und Haushaltsangehörige
gesichert sein ohne die vollständigen Kosten für Unterkunft und Heizung.
Da die Anforderungen an diese Aufenthaltserlaubnis sehr hoch sind und die Ausschlusskriterien
denen der Altfallregelung ähneln und damit sehr restriktiv sind, wird nur eine sehr kleine Anzahl
Flüchtlinge hiervon profitieren können. Flüchtlinge, die die Stichtagsregelung der gesetzlichen
Altfallregelung verpasst haben, dürften hierin eine Möglichkeit finden, eine Aufenthaltserlaubnis
zu erhalten.
Probleme in der Praxis ergeben sich für die Varianten 2 und 3 des § 18a AufenthG. Vielen
Flüchtliungen dürfte es schwer fallen, ihre im Ausland erworbene Qualifikation in Deutschland
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anerkennen zu lassen. Oftmals fehlen auch die entsprechenden Belege. Daneben dürfte es auch
schwer sein, eine Erwerbstätigkeit in dieser, im Ausland erworbenen Qualifikation zu bekommen.
Was ist aber mit denen, die diese Qualifikation besitzen und nach langem Suchen eine
dementsprechende Anstellung gefunden haben? Der Gesetzgeber hat es unterlassen, dafür einen
Duldungsgrund in § 60a Abs. 2 AufenthG zu bestimmen, damit die geforderten 2 oder 3 Jahre
Beschäftigung überhaupt erfüllt werden können. Allenfalls käme die Ermessensduldung aus
humanitären oder persönlichen Gründen des § 60a Abs. 2 Satz 3 AufenthG als Erteilungsgrundlage
in Frage.
Falls Sie über eine qualifizierte Berufsausbildung verfügen, egal, ob sie in Deutschland oder im
Ausland erworben wurde, wenden Sie sich an eine Rechtsanwältin, einen Rechtsanwalt oder an
eine Beratungsstelle, um zu prüfen, ob Sie die Aufenthaltserlaubnis nach § 18a AufenthG erhalten
können.
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8. Perspektiven nach negativem Abschluss eines
Asylverfahrens
Wenn das Asylverfahren definitiv beendet ist, also das Verfahren unanfechtbar geworden ist,
werden Flüchtlinge aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb kurzer Zeit (in der
Regel ein bis drei Monate) zu verlassen. Unanfechtbar bedeutet, dass kein Widerspruchsverfahren
und keine Klage mehr möglich sind. Verlassen Sie dann Deutschland aber nicht, droht
grundsätzlich die Abschiebung. In dieser Situation müssen Sie überlegen:
1.
2.
3.
4.
Ist eine Abschiebung überhaupt möglich?
Habe ich eine Chance auf ein Aufenthaltsrecht aus anderen Gründen als Asyl?
Habe ich die Chance auf einen weiteren, zumindest befristeten Aufenthalt?
Welche Perspektiven für mein Leben bleiben mir noch?
Unter bestimmten Bedingungen kann ein im Asylverfahren abgelehnter Flüchtling ein
Aufenthaltsrecht aus anderen Gründen erhalten. Die Chancen darauf sind eher gering, sollten aber
dennoch mit einem Rechtsanwalt, einer Rechtsanwältin oder einer Beratungsstelle besprochen
werden.
Heirat, Kinder - Schutz von Ehe und Familie
Eine Ehe mit einem/einer Deutschen oder einer bleibeberechtigten Person kann unter bestimmten
Voraussetzungen zu einem Aufenthaltsrecht in Deutschland führen. Um heiraten zu können,
müssen verschiedene Papiere vorgelegt werden: In der Regel ein Pass, Geburtsurkunde oder
sonstige Abstammungsnachweise, ein „Ehefähigkeitszeugnis” (Bescheinigung darüber, dass Sie
nach dem Recht Ihres Heimatlandes ehefähig sind, vor allem dass Sie nicht oder nicht mehr
verheiratet sind) und weitere Papiere, die sich nach dem Recht des Herkunftslandes richten. Die
Papiere aus einer Reihe von Herkunftsstaaten müssen außerdem durch die Deutsche Botschaft auf
ihre Echtheit geprüft werden. Auch wenn Sie ganz ohne Aufenthaltstitel und ohne Duldung sind
(„illegal”), ist eine Legalisierung des Aufenthalts über eine Heirat möglich. Allerdings erfährt die
Polizei von Ihren Heiratsabsichten, weil zu den notwendigen Unterlagen auch eine
Aufenthaltsbescheinigung der Meldebehörde gehört. Die Abschiebung wird in der Regel erst dann
ausgesetzt, wenn die Heirat unmittelbar bevorsteht, sofern - abgesehen von einem illegalen
Aufenthalt - keine Ausweisungsgründe vorliegen. Dies ist nur dann der Fall, wenn Sie alle Papiere
beschafft haben. Außerdem wird geprüft, ob es sich um eine „Schein-Ehe” handeln könnte, also
eine Ehe, die nur deshalb geschlossen wird, weil Sie ein Aufenthaltsrecht erlangen wollen. Unter
Umständen müssen Sie Wohnungsbesichtigungen und Befragungen über sich ergehen lassen.
Wenn der Verdacht auf „Schein-Ehe” besteht, wird keine Duldung erteilt und die Heirat unter
Umständen verweigert.
Auch ohne Heirat kann der Schutz der Familie unter Umständen zu einem Aufenthaltsrecht führen.
Dies gilt vor allem für Väter von nichtehelichen, aufenthaltsberechtigten Kindern, die ihre
Vaterschaft anerkannt haben und sich um ihr Kind auch tatsächlich kümmern. Auch Mütter können
ein Aufenthaltsrecht erhalten, zum Beispiel wenn ihr Kind einen deutschen Vater hat oder wenn der
Vater einen Aufenthaltstitel besitzt. Nicht in allen Fällen wird allerdings ein Aufenthaltsrecht
aufgrund einer Ehe oder eines Kindes erteilt: Oft argumentieren die Behörden, der Schutz von Ehe
und Familie sei auch im Herkunftsland der Eheleute gewährleistet.
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 Um zu klären, ob Sie sich mit Aussicht auf Erfolg ein Aufenthaltsrecht durch eine Heirat oder
Kinder erhalten können, wenden Sie sich bitte an einen Rechtsanwalt, eine Rechtsanwältin oder
eine Beratungsstelle.
Die humanitäre Duldung nach § 60a Abs. 2 AufenthG
Menschen ohne Aufenthaltsrecht können leider keine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 4 Satz 1
AufenthG mehr erhalten, wenn „dringende humanitäre oder persönliche Gründe” vorliegen.
Stattdessen sind zwei neue Duldungsgründe in das Gesetz geschrieben worden:
1. Die so genannte Zeugenduldung des § 60a Abs. 3 Satz 2 AufenthG. Hier besteht die Möglichkeit,
den Aufenthalt weiter zu dulden, wenn eine Aussage in einem Strafverfahren von der
Staatsanwaltschaft oder vom Gericht als notwendig angesehen wird.
2. Die Ermessensduldung des § 60a Abs. 2 Satz 3 AufenthG. Eine Ermessensduldung kann erteilt
werden, wenn - vorübergehend - dringende humanitäre oder persönliche Gründe oder ein
öffentliches Interesse den weiteren Aufenthalt erfordern. Gründe hierfür könnten unter anderem
sein:
• Durchführung einer Operation, die im Herkunftsland nicht möglich ist
• Beendigung einer Therapie oder sonstigen Behandlung ohne dass Reiseunfähigkeit besteht,
da ansonsten bereits ein Anspruch auf eine Duldung da wäre
• die Beendigung einer Ausbildung
• bevorstehender Schulabschluss
• Beendigung des laufenden Schuljahres
• vorübergehende Betreuung eines schwer kranken Familienangehörigen
• eine unmittelbar bevorstehende Heirat mit einem Deutschen oder einem Bleibeberechtigten
bis zum Hochzeitstermin
Diese Liste ist nicht abgeschlossen, weitere gute Gründe sind denkbar, müssen aber der
Ausländerbehörde gegenüber vorgetragen werden. Lassen Sie sich gut beraten.
Die Behörden machen oft unter anderem zur Bedingung, dass keine Sozialleistungen bezogen
werden und dass die „freiwillige Rückkehr” zugesichert wird. Diese Duldungen werden in der
Regel nur für einige Wochen oder Monate erteilt. Wenn der Erteilungsgrund wegfällt, also zum
Beispiel der pflegebedürftige Angehörige stirbt oder der Schulabschluss gemacht ist, wird die
Duldung in der Regel nicht verlängert und es droht erneut die Abschiebung. Nur bei Vorliegen
eines Abschiebungshindernisses oder eines Anspruchs auf einen Aufenthalt (z.B. durch Heirat),
wird dann eine aus humanitären Gründen befristet erteilte Duldung noch verlängert oder eine
Aufenthaltserlaubnis erteilt.
Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 5 AufenthG
Menschen, die eigentlich abgeschoben werden sollen, können nach § 25 Abs. 5 AufenthG eine
befristete Aufenthaltserlaubnis erhalten, wenn eine „Ausreise aus rechtlichen oder tatsächlichen
Gründen unmöglich” ist. Diese Regelung wird in Niedersachsen leider sehr streng ausgelegt: Wenn
eine Abschiebung nicht stattfinden kann, sagen die Behörden oft, dass zwar keine Abschiebung,
aber eine „freiwillige Ausreise” möglich sei. Dabei interessiert sie nur, ob es irgendeinen Reiseweg
ins Herkunftsland gibt. Die Frage nach der „Zumutbarkeit”, also danach, welche Ängste und
Schwierigkeiten bei einer „freiwilligen” Ausreise entstehen, zum Beispiel, ob das alte Haus noch
steht oder welche Chancen es im Herkunftsland für die Kinder gibt, berücksichtigt die Behörde
dabei nicht.
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Auch wenn die Ausländerbehörde meint, dass eine Ausreise zwar nicht möglich ist, der Betreffende
aber nicht genug dabei mitwirkt habe, die Ausreisehindernisse zu beseitigen (zum Beispiel durch
Passantragstellung bei der Botschaft), wird eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 5 AufenthG
nicht erteilt. Ebenfalls keine Aufenthaltserlaubnis erhalten Menschen, denen die Ausländerbehörde
unterstellt, sie würden über ihre Identität und Staatsangehörigkeit täuschen.
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Unter eng begrenzten Umständen ist es denkbar, dass ein Anspruch auf Erteilung einer
Aufenthaltserlaubnis vor den Verwaltungsgerichten unter Berufung auf Artikel 8 der
Europäischen Menschenrechtskonvention (Recht auf Achtung des Privat- und
Familienlebens) durchgesetzt werden kann: Dies ist trotz bestehender Ausreisemöglichkeit
dann möglich, wenn eine vollständige Integration in die deutsche Gesellschaft stattgefunden
hat und Bindungen an das Herkunftsland nicht mehr bestehen. Das betrifft in erster Linie
Menschen, die in Deutschland geboren oder die als Kinder eingereist sind. Fragen Sie einen
Rechtsanwalt oder eine Rechtsanwältin, ob diese Möglichkeit für Sie besteht.
In seltenen Fällen kann eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 5 AufenthG auch in Frage
kommen, wenn Krankheiten bestehen, die eine Rückkehr in das Herkunftsland unmöglich
machen (z.B. Suizidgefahr, schwere psychische Erkrankungen, AIDS im fortgeschrittenen
Stadium). Bevor eine Aufenthaltserlaubnis erteilt wird, wird oft über einen langen Zeitraum
die Frage einer „Reisefähigkeit” geprüft. Wenn für Sie über längere Zeit durch
amtsärztliche oder fachärztliche Bescheinigungen eine „Reiseunfähigkeit” dokumentiert
wurde, sollten Sie einen Antrag auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 5
AufenthG stellen.
Der Bezug von Sozialleistungen oder das Vorliegen eines Ausweisungsgrundes (insbesondere
Straffälligkeit, aber z.B. auch Drogenkonsum) schließen die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis
nach § 25 Abs. 5 AufenthG nicht unbedingt aus. Die niedersächsischen Behörden verlangen aber in
der Regel die Vorlage eines Heimatpasses.
Wenn eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 5 AufenthG erteilt wird, dann nur für eine befristete
Zeit, in der Regel zunächst für sechs Monate. Ob die Aufenthaltserlaubnis danach verlängert wird,
entscheidet die Ausländerbehörde. Sie prüft dann erneut, ob eine „freiwillige Rückkehr” oder eine
Abschiebung möglich ist. Ist die Ausreise inzwischen möglich, wird die Aufenthaltserlaubnis in der
Regel nicht verlängert. Nur bei Vorliegen einer „außergewöhnlichen Härte”, also in seltenen
Ausnahmefällen, kann eine aus humanitären Gründen befristet erteilte Aufenthaltserlaubnis doch
noch verlängert werden, und zwar nach § 25 Abs. 4 Satz 2 AufenthG.
Recht auf Wiederkehr nach § 37 AufenthG
Personen, die als Kinder schon einmal mit einem Aufenthaltsrecht in Deutschland gelebt haben,
können unter bestimmten Bedingungen ein Aufenthaltsrecht nach § 37 AufenthG erhalten. Sie
haben einen Anspruch darauf, wenn
• seit der Ausreise noch keine fünf Jahre vergangen sind und Sie jetzt zwischen 15 und 20
Jahren alt sind; zur Vermeidung einer „besonderen Härte” darf die Ausländerbehörde
hiervon auch Ausnahmen machen,
• sie sich mindestens acht Jahre erlaubt in Deutschland aufgehalten und sechs Jahre lang eine
Schule besucht haben; auch hiervon darf die Ausländerbehörde bei „besonderer Härte”
Ausnahmen machen, unter Umständen genügt ein deutscher Schulabschluss,
• der Lebensunterhalt gesichert ist, also keine Sozialleistungen bezogen werden.
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Die Erlaubnis nach § 37 AufenthG kann allerdings verweigert werden, wenn früher eine
Ausweisung erfolgte oder jetzt ein Ausweisungsgrund vorliegt (Straffälligkeit, illegale Einreise und
anderes) oder wenn es sich um eine/n Minderjährige/n handelt, deren/dessen Betreuung nicht
sichergestellt ist.
Auch Erwachsene haben ein Recht auf Wiederkehr, wenn sie sich acht Jahre rechtmäßig in
Deutschland aufgehalten haben und von einem deutschen Versicherungsträger Rente beziehen.
Anerkennung als Härtefall nach § 23a AufenthG
Unter Umständen können ausreisepflichtige Flüchtlinge als „Härtefall” nach § 23 a AufenthG
anerkannt werden und darüber ein Aufenthaltsrecht in Deutschland erhalten. Die Umsetzung der
Härtefallregelung ist in Niedersachsen aber leider sehr streng und restriktiver als in den meisten
anderen Bundesländern.
Einen Antrag auf Anerkennung als Härtefall können Sie nicht selbst stellen. Nur die neun
Mitglieder der niedersächsischen Härtefallkommission sowie ihre neun Stellvertreter/innen haben
das Recht, einen Antrag einzubringen. Damit Sie überhaupt ins Antragsverfahren kommen, müssen
Sie also ein Mitglied oder sein/e Stellvertreter/in der Härtefallkommission anschreiben und
überzeugen, dass in Ihrem persönlichen Fall ein Härtefall vorliegt.
Wenn Sie es geschafft haben, dass ein Mitglied der Härtefallkommission einen Antrag stellt, wird
geprüft, ob ein Ausschlussgrund vorliegt. Die Durchführung eines Härtefallverfahrens wird aus
folgenden Gründen abgelehnt:
• Der Abschiebungstermin steht bereits fest oder Abschiebungshaft ist angeordnet.
• Ein Asylantrag wurde nach § 30 Abs. 3 AsylVfG als „offensichtlich unbegründet” abgelehnt
(Ausnahme: Kinder, für die nach §14 a AsylVfG von den Behörden automatisch ein
Asylverfahren eingeleitet wurde).
• Ein Familienmitglied wurde bereits einmal ausgewiesen, zurückgeschoben oder
abgeschoben und unterliegen deshalb noch einem Wiedereinreiseverbot.
• Für ein Familienmitglied liegt eine rechtskräftige Ausweisungsentscheidung vor.
• Ein Familienmitglied wurde zu einer oder mehreren Geldstrafen von insgesamt mindestens
90 Tagessätzen oder zu Freiheitsstrafen von insgesamt mindestens drei Monaten verurteilt.
• Sie haben eine Petition gestellt, über die der niedersächsische Landtag noch nicht
entschieden hat.
• Eine Petition oder ein Härtefallantrag wurde nach dem 1. Januar 2005 abgelehnt und die
Sachlage hat sich seitdem nicht geändert.
• Der Härtefallantrag wird ausschließlich mit der Gefährdung Ihrer Familie im Herkunftsland
begründet (dafür ist nach Auffassung das BAMF zuständig, die Härtefallkommission
befasst sich mit den (Integrations-)Aspekten, die sich auf das Leben in Deutschland
beziehen).
• Sie halten sich nicht in Deutschland auf, sind in einem anderen Bundesland gemeldet oder
untergetaucht.
Wenn einer dieser Ausschlussgründe auch nur für ein Familienmitglied vorliegt, macht der
Versuch, über ein Mitglied der Härtefallkommission ein Härtefallverfahren einzuleiten, keinen
Sinn. Nach der niedersächsischen Verordnung ist dann die gesamte Familie vom Härtefallverfahren
ausgeschlossen. Zur Familie zählen Ehegatten und Eltern mit ihren minderjährigen Kindern. Wenn
sich also der Familienvater vor den Behörden versteckt, um die Familie vor der Abschiebung zu
schützen, können Frau und Kinder nicht ins Härtefallverfahren kommen. Bei einer Trennung oder
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Scheidung werden die beiden Familienteile getrennt behandelt. Ist ein volljähriges Kind
untergetaucht, kann dieses Kind keinen Härtefallverfahren erhalten, wohl aber Eltern und
minderjährige Geschwister.
Wenn keine Ausschlussgründe vorliegen, ordnet das Innenministerium an, dass bis zur
Entscheidung über den Härtefallantrag keine Abschiebung stattfinden darf. Auch für die
Entscheidung über den Härtefallantrag hat die Landesregierung sich Vorgaben ausgedacht: Ein
Härtefallantrag soll „in der Regel” abgelehnt werden, wenn
• soziale Leistungen in Anspruch genommen werden müssen (Kindergeld, Erziehungsgeld,
Elterneld oder Arbeitslosengeld I und andere Versicherungsleistungen zählen nicht dazu), es
sei denn, die Kommune oder ein sonstiger Bürge ist bereit, für den Lebensunterhalt zu
zahlen,
• der Flüchtling die Behörden täuscht oder getäuscht hat,
• der Flüchtling bei seiner Abschiebung nicht mitgewirkt hat (zum Beispiel im Rahmen der
Passbeschaffung) oder
• Gründe für eine Ausweisung aufgrund von schwerwiegenden Straftaten oder wegen
sonstiger „Gefährlichkeit” vorliegen.
Dies bedeutet nicht, dass in diesen Fällen immer eine Ablehnung des Antrags erfolgen muss. Es ist
aber eine besondere Begründung erforderlich, warum ausnahmsweise trotzdem eine positive
Entscheidung getroffen werden soll.
Um ins Härtefallverfahren zu kommen, gehen Sie wie folgt vor:
• Informieren Sie die Ausländerbehörde frühzeitig, dass ein Härtefallantrag gestellt wird,
damit die Ausländerbehörde nicht durch die Festlegung eines Abschiebungstermins ein
Härtefallverfahren unmöglich macht.
• Schreiben Sie direkt an ein Mitglied der Härtefallkommission oder eine/n Stellvertreter/in
und schildern Sie Ihre Geschichte und ihre Lebensumstände in Deutschland. Begründen Sie
ausführlich, wie Sie Ihren Lebensunterhalt zur Zeit und zukünftig sicherstellen wollen.
Wenn möglich, legen Sie entsprechende Bescheinigungen (eines Bürgen oder Arbeitgebers)
vor. Äußern Sie sich auch zu anderen Regelausschlussgründen. Lassen Sie sich bei der
Abfassung Ihres Schreibens an ein Mitglied der Härtefallkommission durch eine
kompetente Beratungsstelle oder einen Rechtsanwalt oder eine Rechtsanwältin helfen,
• Fragen Sie nach und lassen Sie sich versichern, dass das angeschriebene Mitglied einen
Härtefallantrag für Sie stellt; ein persönlicher Kontakt zu diesem Mitglied (zum Beispiel
telefonisch) kann dafür hilfreich sein; gegebenenfalls kann auch eine Beratungsstelle für Sie
den persönlichen Kontakt halten,
• Im laufenden Verfahren ist es manchmal sinnvoll, die Härtefallkommission über
Veränderungen und neue Erkenntnisse zu informieren. Schreiben Sie dazu an die
Geschäftsstelle der Härtefallkommission:
Geschäftsstelle der Härtefallkommission
beim Niedersächsischen Ministerium
für Inneres und Sport
Postfach 221
30002 Hannover
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Telefon derzeit: Stefanie Seeck (Tel.: 0511/ 120 47 86) und Ursel Reichel (Tel.: 0511/ 120 48 13
vormittags)
• Für weitere, detaillierte Hinweise zum Verfahren und zur Antragstellung wenden Sie sich
an das Büro des Flüchtlingsrats Niedersachsen. Einen ausführlichen, empfehlenswerten
Reader der LAG der Freien Wohlfahrtspflege finden Sie hier.
Eine positive Empfehlung der Härtefallkommission kommt nur zustande, wenn sechs der acht
stimmberechtigten Mitgliedern der Kommission dafür stimmen. Der vorsitzende Vertreter des
Innenministeriums darf nicht mit abstimmen. Das letzte Wort über den Härtefallantrag hat der
niedersächsische Innenminister. Er muss sich nicht an die Empfehlung der Härtefallkommission
halten, wird dies aber im Regelfall tun.
Petition
Eine Petition ist kein Rechtsmittel, sondern ein Bittbrief, der sich an das Parlament, also den
Niedersächsischen Landtag, richtet. Darin können Sie Ihre persönliche Situation schildern und um
das bitten, was Ihnen am Herzen liegt: Ein Bleiberecht, den Schulabschluss noch zu Ende machen
zu dürfen oder anderes. Im Unterschied zur Härtefallkommission muss sich der Petitionsausschuss
des Landtags mit jeder Petition beschäftigen und kann Ihren Brief nicht einfach deshalb ignorieren,
weil Sie zum Beispiel Sozialleistungen beziehen. Aber Vorsicht: Mit dem Stellen einer Petition
verhindern Sie, dass Sie zum Härtefallverfahren zugelassen werden.
Der Petitionsausschuss kann nicht selbst ein Aufenthaltsrecht für Sie beschließen. Er kann aber
bestimmte Empfehlungen vorbereiten, mit denen der Landtag zum Beispiel den Innenminister
auffordert, Ihre Petition zu berücksichtigen. Wenn der Petitionsausschuss so etwas macht, steigen
Ihre Chancen auf ein Aufenthaltsrecht. Dafür müssen Sie Ihre Petition besonders gut begründen
und etwas Schwerwiegendes vortragen können, das Sie von anderen abgelehnten Flüchtlingen
unterscheidet. In der Regel müssen Sie allerdings damit rechnen, dass der Petitionsausschuss Ihnen
antwortet, dass er leider nichts für Sie tun kann, weil Ihr Fall schon von einem Gericht und den
Behörden ausführlich geprüft worden ist.
Das Schreiben einer Petition bietet also nur eine kleine Chance auf ein Aufenthaltsrecht. Da ein
Petitionsantrag nach Auffassung des Innenministeriums eine Abschiebung nicht verhindert, macht
eine Petition auch nur dann einen Sinn, wenn die Ausländerbehörde bis zum Ausgang des
Petitionsverfahrens mit der Abschiebung wartet oder ein vorübergehender Verbleib in Deutschland
auf andere Weise gesichert werden kann. Eine Petition sollte auch erwogen werden, wenn ein
Härtefall vorliegt, ein Härtefallantrag aber nicht möglich ist, da formale Ausschlussgründe
vorliegen.
Die neue Ermessensduldung nach § 60a Abs. 2 Satz 3 AufenthG gibt auch dem Petitionsausschuss
ein Instrument in die Hand um der Ausländerbehörde eine vom Gesetz getragene Lösung
vorzuschlagen bzw. das Verfahren abzuwarten (s.o.).
Die Petition kann ohne Formular geschrieben und an folgende Adresse geschickt werden:
Präsident des Niedersächsischen Landtags
Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platz 1
30 159 Hannover
Wenn in Ihrem Asylverfahren etwas gravierend schief gelaufen ist, kann es sinnvoll sein, sich mit
einer Petition an den Petitionsausschuss des Bundestages zu wenden. Während der
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Petitionsausschuss des niedersächsischen Landtags für Fragen eines humanitären Aufenthaltsrechts
zuständig ist, prüft der Petitionsausschuss des Bundestages, ob das Asylverfahren korrekt
durchgeführt wurde. Wenn die Anhörung durch das Bundesamt zum Beispiel unfair durchgeführt
wurde oder wenn ein Flüchtling zum Zeitpunkt der Anhörung körperlich oder seelisch gar nicht in
der Verfassung war, angehört zu werden, kann der Petitionsausschuss eine neue Prüfung (ein
freiwilliges „Wiederaufnahmeverfahren”) anregen. Als Bundesbehörde untersteht das BAMF dem
Bundesinnenministerium und unterliegt damit auch der Kontrolle durch das Parlament, den
Deutschen Bundestag. Die Adresse des Petitionsausschusses des Bundestages lautet:
An den
Deutschen Bundestag
Petitionsausschuss
Platz der Republik 1
11011 Berlin
• Suchen Sie sich für Ihre Petition kompetente Unterstützer/innen
(Flüchtlingsberatungsstellen, soziale Organisationen, Pfarrer/innen, Lehrer/innen,
Ärzte/innen…).
• Schicken Sie eine Kopie der Petition in jedem Fall auch an die Ausländerbehörde, damit
diese darüber rechtzeitig informiert ist.
• Um die Erfolgschancen einer Petition zu erhöhen, ist es immer ratsam, sich an einzelne
Mitglieder des Ausschusses zu wenden und sie, wenn möglich, persönlich zu kontaktieren
und mit Ihrer Geschichte zu konfrontieren.
Asylfolgeantrag
Gibt es neue Gründe, die im Asylverfahren bislang nicht geprüft wurden bzw. erst nach Abschluss
des Asylverfahrens bekannt wurden? Dann ist unter Umständen ein zweiter Asylantrag (so
genannter „Folgeantrag”) sinnvoll. Für die Durchführung eines Asylfolgeverfahrens gelten
allerdings strenge Bedingungen: Die Sach- oder Rechtslage muss sich gegenüber dem ersten
Verfahren gravierend geändert haben. Eine Änderung der Sachlage liegt zum Beispiel vor bei
einem Regierungswechsel im Herkunftsland, der Festnahme von nahen Familienangehörigen oder
wenn es neue Beweise für eine Verfolgung gibt, die im ersten Asylverfahren nicht berücksichtigt
oder geglaubt wurde. Auch das Ausbrechen einer schweren Krankheit, die im Herkunftsland nicht
behandelbar ist oder der Nachweis über eine bislang nicht erkannt, schwere Kriegstraumatisierung
können einen Asylfolgeantrag begründen. In solchen Fällen besteht zumindest eine realistische
Chance auf Abschiebungsschutz nach § 60 Abs. 7 AufenthG. Darüber weiß ein/e auf Asylrecht
spezialisierte/r Rechtsanwalt / Rechtsanwältin oder eine gute Beratungsstelle Bescheid. Ein
Asylfolgeantrag kann beim Bundesamt schriftlich gestellt werden. Die erneute Abgabe von
Fingerabdrücken und der Umzug in die ZAAB sind also nicht notwendig. Näheres zum Folgeantrag
in Kapitel 3.3.
8.1 Ausreisepflicht und vollziehbare Ausreisepflicht
Zusammen mit der negativen Asylentscheidung des Bundesamtes haben Sie eine so genannte
Ordnungsverfügung erhalten. Dieses war die Aufforderung, Deutschland zu verlassen, verbunden
mit einer Androhung, Sie abzuschieben, falls Sie Deutschland nicht „freiwillig” verlassen. Das
deutsche Ausländerrecht unterscheidet zwischen der Ausreisepflicht und der Vollziehbarkeit der
Ausreisepflicht.
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Die Ausreisepflicht ist in § 50 AufenthG geregelt und besagt: Wer keinen Aufenthaltstitel (Visum,
Aufenthaltserlaubnis, Niederlassungserlaubnis oder Erlaubnis zum Daueraufenthalt-EG) besitzt,
muss Deutschland verlassen und ist damit zur Ausreise verpflichtet.
Die Vollziehbarkeit der Ausreisepflicht ist dagegen in § 58 Abs. 2 AufenthG geregelt. Das ist der
Paragraph, der die Abschiebung regelt. Voraussetzung für diese Ermächtigung zur Abschiebung ist
entweder eine unerlaubte Einreise oder eine unanfechtbare negative Entscheidung im
Asylverfahren oder die unanfechtbare Ablehnung eines Aufenthaltstitels.
8.2 Droht die Abschiebung?
Nach negativem Asylverfahren sollten Sie sich so schnell wie möglich eine Rechtsberatung in
Anspruch nehmen und klären, ob und wann Ihnen eine Abschiebung droht. Dabei spielen folgende
Fragen eine Rolle:
Ist eine Abschiebung überhaupt durchführbar?
Manche Flüchtlinge können nicht abgeschoben werden, weil keine Flugverbindungen ins
Herkunftsland bestehen. Sie erhalten dann eine Duldung von der Ausländerbehörde. Ihre
Aufenthaltsgestattung, die für das Asylverfahren galt, müssen Sie nach dem Ende des
Asylverfahrens abgeben. Eine Aufenthaltserlaubnis bekommen Sie deswegen aber im Regelfall
nicht.
Auch wenn kein gültiger Pass vorhanden ist, kann die Abschiebung oft nicht stattfinden. Sie wird
deshalb aufgeschoben. Die Ausländerbehörde kann jahrelang darauf warten, dass eine Abschiebung
wieder möglich ist. Während dieser Zeit muss die Behörde Ihre Duldung immer wieder verlängern.
Dies kann für jeden Zeitraum zwischen einem Tag und einem Jahr geschehen. Üblicherweise
erfolgen Verlängerungen aber um einen, drei oder sechs Monate.
 Wenn Sie eine Duldung besitzen, die jeweils nur für wenige Tage verlängert wird, sollten Sie
mit einer Beratungsstelle sprechen. Nicht immer ist die Ausländerbehörde berechtigt, die Duldung
nur für so kurze Zeit zu verlängern. Wenn abzusehen ist, dass die Abschiebung für längere Zeit
nicht möglich ist, muss die Duldung mindestens für einen bis drei Monate verlängert werden.
Wenn Abschiebungspapiere fehlen, wird die Ausländerbehörde versuchen, Passersatzpapiere bei
der Botschaft zu besorgen. Sie sind dabei zur Mitwirkung verpflichtet. Tun Sie dies nicht, haben
Sie unter Umständen gravierende Nachteile zu befürchten, zum Beispiel Arbeitsverbot,
Bargeldentzug oder Umzug in ein Ausreisezentrum.
 Informieren Sie sich, welche Schritte Sie unternehmen müssen, um Ihren
Mitwirkungspflichten nachzukommen. Ein guter Rechtsanwalt, eine gute Rechtsanwältin oder eine
gute Beratungsstelle kann Ihnen genau Auskunft geben.
Reiseunfähigkeit
Wenn Sie aus gesundheitlichen Gründen nicht reisefähig sind, darf die Ausländerbehörde Sie noch
nicht abschieben. Dies gilt nicht nur bei Krankheiten, sondern auch für die Zeiten des
Mutterschutzes (sechs Wochen vor dem Geburtstermin bis acht Wochen nach der Geburt). Bei
Risikoschwangerschaften, Mehrlingsgeburten oder Komplikationen kann diese Frist auch länger
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andauern. Dauert eine Erkrankung länger oder ist sie besonders schwerwiegend, kann es sinnvoll
sein, deshalb eine Aufenthaltserlaubnis zu beantragen oder einen Asylfolgeantrag zu stellen (lesen
Sie dazu genauer das folgende Kapitel 6.2.).
Ist bei der Geburt eines Kindes in Deutschland die Mutter geduldet oder sogar ohne ein
Aufenthaltspapier (also „illegal”), ist das Kind mit der Geburt auch ausreisepflichtig. Das bedeutet,
dass das Kind und natürlich die Mutter ausreisen müssen. Da das Kind aber noch nicht vollziehbar
ausreisepflichtig ist, also nicht direkt abgeschoben werden darf, haben Mutter und Kind entweder
Zeit bis zum Erlass einer Ordnungsverfügung (siehe Kapitel 6.0), wodurch die vollziehbare
Ausreisepflicht entstünde oder die vom Gesetzgeber in § 81 Abs.. 2 AufenthG eingeräumte Frist
von sechs Monaten. Während dieser Zeiten haben Mutter und Kind einen Anspruch auf eine
Duldung. Geburt ist nämlich keine unerlaubte Einreise, nur der Aufenthalt ist unerlaubt (Vorläufige
niedersächsische VV 33.6).
 Wenn Sie krank sind, lassen Sie sich Ihre Reiseunfähigkeit möglichst frühzeitig ärztlich
bestätigen und reichen Sie dieses Attest bei der Ausländerbehörde ein. Sind Sie zum Beispiel
aufgrund von Kriegserfahrungen psychisch krank, ist unter Umständen ist ein aufwändiges und
teures medizinisches Gutachten erforderlich. Lassen Sie sich beraten.
„Abschiebungsstopp“
Das Innenministerium darf anordnen, dass Abschiebungen einer bestimmten Gruppe von
Flüchtlingen für einige Wochen oder Monate nicht erfolgen dürfen. In der Praxis wird ein solcher
Abschiebungsstopp gemäß § 60 a Abs. 1 AufenthG allerdings sehr selten verhängt. Dies geschieht
allenfalls, wenn akute Katastrophen in bestimmten Ländern ausbrechen, die durch das Fernsehen
oder Zeitungen sehr stark im Bewusstsein der Öffentlichkeit sind.
 Auf einen Abschiebungsstopp gibt es keinen Anspruch. Wenn in ihrer Herkunftsregion eine
akute Krise herrscht, können Sie versuchen, Politik und Öffentlichkeit zu überzeugen und
aufzufordern, einen Abschiebungsstopp zu verhängen. Tun Sie sich dazu mit anderen Flüchtlingen
und Flüchtlingsorganisationen zusammen. Gerne erhalten Sie dabei Unterstützung vom
Niedersächsischen Flüchtlingsrat.
8.3 Wenn es keine Chance mehr gibt...
Treffen die hier geschilderten Konstellationen nicht auf Sie zu, haben Sie leider nicht mehr viele
Möglichkeiten. Sie können freiwillig ausreisen, in ein anderes Land auswandern oder Schutz in
einem Kirchenasyl suchen. Wenn Sie ohne Aufenthaltsrecht in Deutschland bleiben, machen Sie
sich damit allerdings strafbar. Bedenken sollten Sie dabei auch die Risken von Abschiebungshaft
und die Folgen einer Abschiebung.
Abschiebungshaft
Nach dem Gesetz (§ 62 AufenthG ) darf jemand in Abschiebungshaft (Sicherungshaft) genommen
werden,
• wenn ein Flüchtling aufgrund einer unerlaubten Einreise nach Deutschland ausreisepflichtig
ist. Wenn man zum Beispiel als Illegale/r von der Polizei am Arbeitsplatz erwischt wird,
auch ein erster Asylantrag führt dann nicht automatisch zur Haftentlassung (§ 14 Abs. 3
AsylVerfG ),
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• ein Flüchtling nach Ablauf der Frist zur freiwilligen Ausreise untergetaucht ist,
• ein Flüchtling bei einem festgesetzten Termin zur Abschiebung nicht angetroffen wird und
keine Entschuldigung dafür hat,
• sich ein Flüchtling auf andere Weise der Abschiebung entzieht oder
• wenn ein begründeter Verdacht besteht, dass sich ein Flüchtling der Abschiebung entziehen
will.
Eine besondere Form der Abschiebungshaft ist die „Vorbereitungshaft”. Sie wird verhängt, wenn
eine Ausweisung (z.B. wegen Straffälligkeit) in Vorbereitung ist, die endgültige Entscheidung
darüber aber noch aussteht und die Abschiebung ohne Haft wesentlich erschwert oder unmöglich
würde.
Wenn Flüchtlinge im Abschiebungsgefängnis sind, sind sie aber in der Regel nicht in
Vorbereitungshaft, sondern in „Sicherungshaft”, das heißt, allein zu dem Zweck, die Abschiebung
zu sichern. Die oben aufgezählten Haftgründe zeigen: Wenn die Behörden vermuten, dass Sie sich
einer Abschiebung entziehen oder mit Tricks eine Abschiebung verhindern wollen, steigt das
Risiko einer Inhaftierung. Abschiebungshaftgefahr entsteht zum Beispiel, wenn Sie zu
Behördenterminen nicht erscheinen oder Ihren Aufenthaltsort dauerhaft ohne Erlaubnis wechseln.
 Bleiben Sie deshalb möglichst mit der Ausländerbehörde im Kontakt und sichern Sie zu, dass
Sie sich einer eventuellen Abschiebung nicht entziehen werden.
Durch den seit dem 28.8.2007 eingefügten § 62 Abs. 4 AufenthG hat die Ausländerbehörde jetzt das
Recht, ohne richterliche Anordnung, Betroffenen festzuhalten und in Gewahrsam zu nehmen.
Wenn die Ausländerbehörde jemanden festhält, um ihn/sie in Abschiebungshaft zu nehmen, muss
die Inhaftierung zum frühest möglichen Zeitpunkt durch das Amtsgericht angeordnet werden. Das
geschieht oft, ohne dass der Richter oder die Richterin gewissenhaft überprüfen, ob wirklich einer
der oben genannten gesetzlichen Haftgründe vorliegt und die Haft nach dem Gesetz auch wirklich
erlaubt ist. Das Gericht ist grundsätzlich verpflichtet, einen Menschen vor der Entscheidung für die
Inhaftierung mündlich anzuhören.
 Wenn Sie festgenommen und dann dem Amtsgericht zur Haftentscheidung vorgeführt werden,
versuchen Sie zu begründen, warum keiner der oben genannten gesetzlichen Haftgründe vorliegt
oder welche Gründe gegen die Inhaftierung sprechen. Sie dürfen einen Rechtsanwalt oder eine
Rechtsanwältin hinzuziehen und eine/n Dolmetscher/in verlangen. Auch die Unterstützung durch
eine nicht-anwaltliche Vertrauensperson ist erlaubt, dann müssen Sie aber alle Ausführungen und
Anträge vor dem Gericht selbst machen. Auf den Rechtsanwalt oder die Vertrauensperson muss das
Gericht warten, gleichzeitig muss es aber auch schnell entscheiden. Wenn der Rechtsanwalt nicht
sofort kommen kann, ist es deshalb unter Umständen sinnvoll, darum zu bitten, dass nur eine
vorläufige Entscheidung für die Inhaftierung ergeht und das Hauptsacheverfahren um ein oder zwei
Tage verschoben wird. Hat das Gericht die Haft erst einmal angeordnet, ist es schwieriger, die
Haftentlassung zu erreichen. Wenn Sie verheiratet sind, muss das Gericht auch Ihren in
Deutschland anwesenden Ehegatten anhören.
 Gegen den Haftbeschluss des Amtsgericht können Sie innerhalb von zwei Wochen
Beschwerde beim Landgericht einlegen. Da die Amtsgerichte häufig nicht sorgfältig prüfen, ob die
Voraussetzungen der Abschiebungshaft vorliegen, ist es in der Regel sinnvoll, das zu tun. Haben
Sie keine Unterstützung durch eine Anwältin oder einen Anwalt, können auch Sie selbst,
Ehepartner/in, Eltern, Vormund oder eine Vertrauensperson (Gefängnispfarrer/in, Besucher/in,
Verwandte/r) eine Haftbeschwerde einreichen. Stimmt das Landgericht dem Amtsgericht zu,
können Sie dagegen innerhalb von zwei Wochen Beschwerde beim Oberlandesgericht einlegen.
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Am besten lassen Sie sich von einem Rechtsanwalt oder einer Rechtsanwältin vertreten. Darüber
hinaus können Sie zu jeder Zeit einen Haftprüfungsantrag beim Amtsgericht stellen.
Abschiebung und die Folgen
Oft erfahren Flüchtlinge vorher, an welchem Tag sie abgeschoben werden sollen. Allerdings sind
die niedersächsischen Behörden nicht verpflichtet, Ihnen den Abschiebungstermin vorher
mitzuteilen. Zwar sieht § 60a Abs. 5 AufenthG vor, das die Abschiebung vorher angekündigt
werden muss. Das gilt aber nur für Personen, die einen Aufenthaltstitel durch Widerruf verloren
haben, nicht aber bei Ablauf und Erneuerung einer Duldung nach erfolglosem Asylverfahren. Es
wird in Zukunft verstärkt vorkommen, dass die Behörde auch bei Flüchtlingen, die schon viele
Jahre hier leben, plötzlich und überraschend vor der Tür steht. Dann bleiben den Flüchtlingen meist
nur wenige Stunden, um ihre Sachen zu packen. Und es bleibt keine Zeit mehr, die persönlichen
Dinge zu regeln und sich zu verabschieden. Die Gefahr einer unangekündigten Abschiebung ist
besonders groß, wenn Sie sich schon einmal einem Abschiebungstermin entzogen haben oder die
Ausländerbehörde glaubt, dass Sie sich vor der Abschiebung verstecken werden.
Bei einer Abschiebung wird in Ihren Pass oder in Ihr Passersatzpapier (laissez passer) der Begriff
„abgeschoben” gestempelt, so dass Sie auch gegenüber den Behörden Ihres Landes als Flüchtling
kenntlich sind. Dies hat möglicherweise unangenehme Folgen für Sie.
Darüber hinaus hat jede Abschiebung eine so genannte „Wiedereinreisesperre” zur Folge. Das
heißt, Sie dürfen nie wieder nach Deutschland zurückkehren, auch wenn Sie zum Beispiel durch
Heirat ein Aufenthaltsrecht in Deutschland erworben haben. Zwar kann das Verbot der
Wiedereinreise auf Antrag befristet werden, es ist jedoch in aller Regel für mindestens 1-2 Jahre in
Kraft und kann auch länger gelten. Um eine Wiedereinreise „ordnungsgemäß” zu erreichen, sollte
man Kontakt zu einem Anwalt oder einer Anwältin in Deutschland aufnehmen, der/die die
erforderlichen Anträge stellen kann.
Auch müssen Sie vor einer Aufhebung der Sperre fast immer die Abschiebungskosten bezahlen.
Das können mehrere tausend Euro sein.
Sich bei einer Abschiebung zu wehren, kann dazu führen, dass eine Abschiebung abgebrochen
wird. An Bord eines Flugzeugs entscheidet immer der Kapitän und nicht die Polizei, ob ein
Flüchtling mitgenommen wird oder nicht. Wenn zum Beispiel andere Passagiere sich weigern, sich
hinzusetzen oder ihr Mobiltelefon auszumachen, dann genügt das unter Umständen schon, damit
der Kapitän den Flüchtling wieder aus dem Flugzeug bringen lässt. Auch ein psychischer
Zusammenbruch eines Flüchtlings oder heftige körperliche Gegenwehr führt immer wieder dazu,
dass die Polizeibeamten sich entscheiden, die Abschiebung abzubrechen und die/den Betroffene/n
gegebenenfalls in ein Krankenhaus zu bringen. Scheitert ein Abschiebungsversuch, müssen Sie
allerdings damit rechnen, dass in Kürze ein neuer Abschiebungstermin feststeht. Haben Sie sich
beim ersten Mal gewehrt, ist es wahrscheinlich, dass mehrere Beamte kommen und Sie unter
Umständen auch mit Medikamenten oder Fesseln versuchen, ruhig zu stellen. Auch besteht nach
einem gescheiterten Abschiebungsversuch ein erhöhtes Risiko der Inhaftierung. Um kranke
Menschen abzuschieben, wird manchmal ein Arzt beauftragt, mit zu fliegen.
Rückkehr oder Weiterwanderung
Wenn Ihnen konkret die Abschiebung droht, sollten Sie über die Möglichkeit einer Ausreise in Ihr
Herkunftsland, gegebenenfalls auch die Weiterwanderung in einen dritten Staat nachdenken. Dann
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können Sie zumindest Ihre persönlichen Dinge in Ruhe regeln und eine eigenständige Ausreise hat
keine Wiedereinreisesperre zur Folge. Außerdem können Sie das Geld für den Rückflug sowie
einen zusätzlichen Bargeldbetrag erhalten. Dafür werden von IOM (International Organisation for
Migration) Gelder bereitgestellt. Für manche Herkunftsländer von Flüchtlingen gibt es von Zeit zu
Zeit so genannte „REAG-”, „GARP-” oder andere Programme, über die ebenfalls Geld für eine
Rückkehr beantragt werden kann. Sie werden zunehmend als finanzielle Starthilfen erst nach der
Ankunft im Herkunftsland ausgezahlt.
 Ausführliche Informationen zur Rückkehrförderung finden Sie auf der Homepage des
niedersächsischen Innenministeriums unter
http://www.mi.niedersachsen.de/master/C24448088_N13699_L20_D0_I522.html.
 Beratungsstellen, aber auch die Ausländerbehörde und das Sozialamt können Sie über die
Möglichkeiten einer finanziellen Hilfe bei einer Rückkehr informieren und die entsprechenden
Anträge für Sie stellen. Auch das Raphaelswerk in Hannover bietet eine kompetente
Rückkehrberatung an. Dort können Sie auch konkrete Fragen zur Situation in ihrem Zielstaat
klären. Die Adresse lautet:
Raphaels-Werk in Hannover
Vordere Schöneworth 10
30 167 Hannover
Tel. (05 11) 71 32 37 oder 713238
Telefax: (05 11) 71 32 39
Email: [email protected]
 Wenn Sie ohne Visum in ein anderes (europäisches) Land flüchten, können Sie nach
Deutschland zurückgeschoben werden und bis zur Abschiebung in Haft kommen. Eine legale
Weiterwanderung zum Beispiel in die USA oder nach Kanada ist nur unter sehr engen
Voraussetzungen möglich. Die wichtigsten Informationen und Unterlagen über die Möglichkeiten,
in einen Drittstaat auszuwandern, erhalten Sie ebenfalls beim Raphaelswerk in Hannover.
 Zu einer Rückkehr müssen Sie sich rechtzeitig entschließen. Wenn der Termin für die
Abschiebung schon fest steht, akzeptieren viele Ausländerbehörden die Möglichkeit einer
eigenständigen Ausreise nicht mehr und schieben Sie ab.
Leben in der Illegalität
Um der Abschiebung zu entgehen, tauchen vermehrt Flüchtlinge unter und halten sich vor den
Behörden versteckt. Wenn sie darüber nachdenken, sollten Sie bedenken, dass ein Überleben in der
Illegalität in Deutschland sehr schwierig zu organisieren ist und nur wenig Aussicht auf
Legalisierung besteht. Im Unterschied zu anderen europäischen Staaten hat es in Deutschland
bislang noch nie eine Amnestieregelung für Illegalisierte gegeben.
 Welche Rechte Sie als Illegalisierte/r haben und welche Schwierigkeiten Sie befürchten müssen,
sind in Kapitel 13.4 beschrieben.
Kirchenasyl
Die Unterbringung in einer religiösen Gemeinde, das Kirchenasyl, ist für einige Flüchtlinge der
letzte Ausweg vor der akut drohenden Abschiebung. In der Regel wird der Flüchtlingen gewährte
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Schutz in Kirchen von den Behörden respektiert, das heißt auf die gewaltsame Durchsetzung einer
Abschiebung wird verzichtet, solange sich die Betroffenen in den kirchlichen Räumen aufhalten.
Allerdings ist ein Kirchenasyl keine dauerhafte Lösung für ein Leben in Deutschland. In der Regel
muss die Kirchengemeinde für den Lebensunterhalt der Kirchenasylflüchtlinge aufkommen und
kann und will dies nur für eine begrenzte Zeit. Auch die Organisation eines Alltags und das
Verlassen der Gemeinderäume (zu Arbeit, Schulbesuch, Einkaufen etc.) ist aus dem Kirchenasyl
heraus generell schwierig oder unmöglich. Ein Kirchenasyl ist also nur dann sinnvoll, wenn es
darum geht, Zeit zu gewinnen, und wenn konkrete Hoffnung auf ein Aufenthaltsrecht besteht. Die
Zeit im Kirchenasyl ermöglicht es dann, eine bestehende Bedrohung oder Verfolgung
nachzuweisen oder den Ausgang eines anderen Verfahrens abzuwarten. Um Kirchenasyl zu
erhalten, sollten Sie sich an die Gemeinden in Ihrer Stadt oder Ihrem Landkreis sowie an die
ökumenische Arbeitsgemeinschaft „Asyl in der Kirche” wenden. Die Adresse lautet:
Ökumenische Arbeitsgemeinschaft
„Asyl in der Kirche“
c/o Hildegard Grosse
Schwalbenweg 10
30 966 Hemmingen
Tel./Fax: 0 51 01 / 47 58
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TEIL II: DIE RECHTE VON FLÜCHTLINGEN
Die Rechte von Flüchtlingen in Deutschland sind zum Teil stark eingeschränkt. Dies gilt für das
Asylverfahren, aber auch für Flüchtlinge ohne Asylverfahren oder nach einem negativen
Abschluss. Abhängig davon, wie das Asylverfahren endet, bekommen Flüchtlinge unterschiedliche
Aufenthaltstitel und haben mehr oder weniger Rechte. Am besten ist die Rechtsposition von
anerkannten Flüchtlingen. Weniger Rechte haben Flüchtlinge, für die nach § 60 II-VII AufenthG
Abschiebungshindernisse vom BAMF festgestellt wurden. Auch Flüchtlinge, die trotz negativen
Abschlusses ihres Asylverfahrens zu späterer Zeit ein humanitäres Aufenthaltsrecht erhalten haben
(zum Beispiel wegen einer Altfall-, Härtefall oder Bleiberechtsregelung oder gemäß § 25 V
AufenthG), oder sich ohne Asylverfahren kurzfristig in Deutschland aufhalten dürfen, sind im
Alltag Beschränkungen unterworfen – welchen genau, ist abhängig davon, nach welchem
Paragrafen die Erlaubnis erteilt wurde. Geduldete und alle anderen Flüchtlinge ohne
Aufenthaltserlaubnis haben noch weniger Rechte. Die geringsten Rechte haben Ausländer, die sich
als „Illegale“ vor den Behörden verstecken, .
 Sehen Sie in ihrem Ausweis nach, mit welchem Status genau Sie in Deutschland leben. Wichtig
ist die Bezeichnung (z.B. „Aufenthaltsgestattung“, „Duldung“ oder „Aufenthaltserlaubnis“). Falls
Sie eine Aufenthaltserlaubnis besitzen, ist die gesetzliche Grundlage von Bedeutung, nach der die
Erlaubnis erteilt wurde (z.B. § 25 I AufenthG oder § 25 V AufenthG). Im Folgenden können Sie
nachlesen, welche Rechte Sie mit ihrem Status haben, und was Sie (nicht) dürfen oder (nicht) tun
sollten.
 Die beschriebenen Rechte und Pflichten gelten oft, aber nicht immer auch für Ihre
Familienangehörigen. Möglicherweise hat die Ausländerbehörde für Ihr/e Partner/in oder Kinder
einen anderen Aufenthaltszweck festgelegt. Dann wird es kompliziert. Leider können wir Ihnen in
diesem Leitfaden nicht auf alle diesbezüglichen Fragen eine Antwort geben. Wenden Sie sich im
Zweifelsfall an eine Beratungsstelle oder einen Rechtsanwalt / eine Rechtsanwältin.
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9. Flüchtlinge mit „Aufenthaltsgestattung“ (im Asylverfahren)
9.1
Aufenthaltsrechtliche Situation
Nachdem der Asylantrag gestellt ist, erhalten Flüchtlinge eine „Aufenthaltsgestattung”. Diesen Titel
behalten Sie für die gesamte Dauer des Asylverfahrens. Solange eine Entscheidung des BAMF noch nicht
vorliegt, sind Sie vor einer Abschiebung sicher. Wenn Sie sich vor Gericht gegen einen negativen
Bescheid des BAMF wehren, gilt Ihre Aufenthaltsgestattung weiter, solange das Verfahren noch andauert
und nicht rechtskräftig beendet ist. Sie können während dieser Zeit in der Regel nicht abgeschoben
werden
 Achtung Ausnahme: Wenn Ihr Asylantrag als „offensichtlich unbegründet” abgelehnt wird,
müssen Sie innerhalb einer Woche einen Eilantrag schicken, der innerhalb dieser Frist beim
Verwaltungsgericht angekommen sein muss, um eine Abschiebung vor der Asylentscheidung zu
verhindern (Lesen Sie dazu im ersten Teil dieses Leitfadens Kapitel 4.6). Wenn das
Verwaltungsgericht den Eilantrag ablehnt, können Sie abgeschoben werden, noch bevor das
Gericht eine endgültige Entscheidung über Ihre Klage trifft.
Im Regelfall werden auch ihr/e Partner/in und die minderjährigen Kinder nicht abgeschoben,
solange Ihre Aufenthaltsgestattung gilt. Die niedersächsischen Behörden sind angewiesen,
Ehegatten oder Eltern und ihre minderjährigen Kinder grundsätzlich nicht durch Abschiebung
auseinander zu reißen, wenn noch ein Asylverfahren läuft und der Asylantrag gleich nach der
Einreise gestellt wurde (§ 43 Abs. 3 AsylVfG, 58.0.8.1Vorl. Nds. VV-AufenthG). Unverheiratete
Paare können sich darauf allerdings nur berufen, wenn sie gemeinsame Kinder haben. Manchmal
kommt es vor, dass Ausländerbehörden argumentieren, es handele sich ja nur um eine Trennung
auf Zeit, und Familienmitglieder abschieben, obwohl ein Mitglied eine Aufenthaltsgestattung hat.
Schwierigkeiten könnte es geben, wenn die Familienangehörigen (zum Beispiel erwachsene
Kinder) nicht zusammen mit Ihnen eingereist sind und keine eigene Aufenthaltsgestattung, sondern
nur eine Duldung besitzen. Nicht geschützt sind entferntere Verwandte (z.B. erwachsene
Geschwister, Großeltern).
 Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob alle Familienmitglieder bis zum Abschluss eines noch
laufenden Asylverfahrens eines oder mehrerer Familienmitglieder in Deutschland bleiben können,
setzen Sie sich frühzeitig mit der Ausländerbehörde in Verbindung. Klären Sie, gegebenenfalls mit
Hilfe einer Beratungsstelle oder eines Rechtsanwaltes, ob bis zum Ende des Asylverfahrens aller
Familienangehörigen keine Abschiebung stattfinden wird.
Was Flüchtlinge mit Aufenthaltsgestattung dürfen oder nicht dürfen, steht zu großen Teilen im
Asylverfahrensgesetz (AsylVfG). Die Aufenthaltsgestattung genügt, um sich bei Behörden oder der
Polizei auszuweisen. Wenn Flüchtlinge einen Heimatpass besitzen, müssen Sie ihn beim
Bundesamt abgeben. Er wird an die Ausländerbehörde übergeben, die den Pass bis auf Weiteres
behält.
Die Aufenthaltsgestattung wird ungültig, sobald das Asylverfahren zu Ende ist. Dann ist der
Asylbescheid die Grundlage für den weiteren Aufenthalt oder die Abschiebung. Aus dem Besitz
der Aufenthaltsgestattung leitet sich kein Aufenthaltsrecht ab, auch wenn das Asylverfahren viele
Jahre dauert. Die Dauer der Aufenthaltsgestattung kann aber später bei bestimmten
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aufenthaltsrechtlichen Regelungen eine Rolle spielen (zum Beispiel bei Inanspruchnahme einer
Bleiberechtsregelung oder beim Erwerb der Niederlassungserlaubnis).
9.2
Wohnen, Umziehen und Residenzpflicht
Zuweisung
Wenn Sie einen Asylantrag in Niedersachsen gestellt haben, heißt das noch nicht, dass Sie auch in
Niedersachsen bleiben dürfen: Über ein computergesteuertes Quotensystem (EASY) stellt das
BAMF fest, welches Bundesland Sie aufnehmen muss. Da Niedersachsen nicht zu den
Bundesländern zählt, in denen überdurchschnittlich viele Asylanträge gestellt werden, ist jedoch
eine Aufnahme in Niedersachsen wahrscheinlich.
Ist Niedersachsen zuständig, müssen Sie zunächst für einige Wochen, längstens drei Monate, in
einem der beiden niedersächsischen „Erstaufnahmeeinrichtungen” in Braunschweig oder
Oldenburg wohnen. Von diesen Aufnahmelagern werden Flüchtlinge dann in eine
Anschlusseinrichtung (zum Beispiel die landeseigene Aufnahmeeinrichtung in Bramsche)
eingewiesen oder auf Städte oder Landkreise verteilt, die eine Unterkunft für die zugewiesenen
Flüchtlinge bereitstellen müssen.
Vor der Verteilung können Sie einen Zuweisungswunsch äußern. Ein Anspruch, in einer
bestimmten Kommune untergebracht zu werden, besteht nur, wenn dort bereits der Ehegatte lebt
oder wenn minderjährige Kinder zu ihren Eltern (oder umgekehrt) gelangen sollen (§ 50 Abs. 4
AsylVfG). Die Familienzusammenführung zwischen Ehepaaren sowie zwischen Eltern und
minderjährigen Kindern muss also in jedem Fall ermöglicht werden. Darüber hinaus können auch
so genannte „Härtefälle” berücksichtigt werden, zum Beispiel, wenn ein älterer, kranker Flüchtling
den Wunsch hat, in die Kommune zugewiesen zu werden, in der seine erwachsenen Kinder leben.
Auch andere Wünsche können geäußert werden, werden aber nur sehr selten erfüllt. Die Chancen,
in eine große Stadt (zum Beispiel Hannover) zu gelangen, sind eher gering, weil deren Quote oft
erfüllt ist. Das heißt, wenn eine Stadt oder ein Landkreis bereits seine Anzahl von Flüchtlingen
aufgenommen hat, werden keine weiteren Flüchtlinge dorthin geschickt.
In Niedersachsen wird die Verteilung von Flüchtlingen auf die Kommunen zunehmend vermieden:
Auf dem Gelände der ZAAB Oldenburg und der ZAAB Braunschweig sowie in Bramsche (bei
Osnabrück) gibt es Wohnhäuser, die nicht von der örtlichen Kommune, sondern vom Land
Niedersachsen betrieben werden. Diese Lager haben zum Ziel, die Integration von Flüchtlingen in
die Gesellschaft von vornherein zu verhindern und sie schnellstmöglich wieder abzuschieben. Da
die Zahl der Flüchtlinge in den letzten Jahren stark zurückgegangen ist, werden kaum noch
Flüchtlinge aus den o.g. Lagern auf dezentrale Unterkünfte in den Kommunen verteilt.
 Eine Verteilung aus dem Lager können Sie in der Regel nicht erzwingen, solange Sie sich im
Asylverfahren befinden. Nur wenn bereits enge Familienangehörige (Eltern oder minderjährige
Kinder) in Deutschland leben, haben Sie ein Anrecht darauf, mit diesen zusammenzuleben.
 Wenn Sie einen konkreten Zuweisungswunsch haben, wenden Sie sich an das Büro des
Sozialdienstes in der ZAAB und geben Sie dabei möglichst gute Gründe an (z.B. enge Verwandte,
die Pflege alter oder kranker Angehöriger, das Vorhandensein der Religionsgemeinde an einem
bestimmten Wohnort). Die Mitarbeiter/innen geben Ihren Wunsch an die Verwaltung der ZAAB
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Braunschweig weiter. Diese entscheidet auf der Grundlage der rechtlichen Voraussetzungen, des
Gewichts der Gründe und des Verteilungssystems.
 Über Ihre Zuweisung erhalten Sie einen schriftlichen Bescheid. Dagegen können Sie vor dem
Verwaltungsgericht klagen. Die Erfolgsaussichten sind jedoch gering. Eine Klage verhindert auch
nicht, dass Sie sich erst einmal dort hinbegeben und dort wohnen müssen, wo Sie zugewiesen sind.
Umziehen
Wenn Sie bereits eine Zuweisung in eine bestimmte Kommune haben, ist der Umzug in eine andere
Stadt nur unter sehr engen Voraussetzungen gesetzlich zulässig. Hierfür müssen Sie einen
schriftlichen „Umverteilungsantrag” stellen. Diesen richten Sie an die für Sie zuständige
Ausländerbehörde.
Die Chancen auf „Umverteilung” sind gering: Ein Recht darauf besteht - wie bei der Erstzuweisung
- nur bei einer Familienzusammenführung zum/zur Ehepartner/in oder Kindern unter 18 Jahren
(§ 51 AsylVfG). Härtefälle sollen beachtet und auch andere Wünsche können berücksichtigt
werden. Das Umverteilungsverfahren, insbesondere, wenn es mehrere Bundesländer betrifft (zum
Beispiel von Niedersachsen nach Nordrhein-Westfalen, Berlin oder Bayern), soll nach dem Willen
der Innenminister nur als Ausnahme möglich sein (obwohl das nicht so im Gesetz steht). Der
Umzug in ein anderes Bundesland ist also nur sehr schwer zu erreichen. Umverteilungsanträge aus
den ostdeutschen Bundesländern (Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen,
Sachsen, Brandenburg) nach Niedersachsen sind fast immer aussichtslos, weil die Quoten der
ostdeutschen Länder nicht erfüllt werden. Wenn die Quote für eine bestimmte Stadt noch nicht voll
ist, können Sie mit einem Umverteilungsantrag Glück haben.
 Geben Sie beim Umverteilungsantrag möglichst konkrete und nachprüfbare Gründe an (zum
Beispiel das Vorhandensein eines auf Ihre Krankheit spezialisierten Arztes, die Pflege kranker
Familienangehöriger, das Vorhandensein einer Religionsgemeinde am Zielort, Linderung von
Isolation und psychischer Erkrankung durch einen Umzug zu Angehörigen …). Krankheiten und
Behandlungs-/Linderungsmöglichkeiten durch den Umzug müssen Sie durch ein fachärztliches
Attest nachweisen.
 Gegen die Ablehnung eines Umverteilungsantrags können Sie vor dem Verwaltungsgericht
klagen. Solche Klagen hatten aber bisher nur in Einzelfällen Erfolg.
Wohnen
Die Kommune weist Ihnen Wohnraum zu. Von der Politik ist die Unterbringung im Wohnheim
oder Sammellager, offiziell „Gemeinschaftsunterkunft” genannt, die gewünschte
Unterbringungsform. Gesetzlich vorgeschrieben ist die Unterbringung in einer
Gemeinschaftsunterkunft aber nur für die ersten drei Monate nach Einreise und Asylantragstellung
(§ 47 Abs. 1 AsylVfG). Danach „sollen” in der Regel alle Flüchtlinge so untergebracht werden (§ 53
Abs. 1 AsylVfG). Im Einzelfall kann das aber auch anders sein: Wenn gute Gründe vorliegen,
können Sie die Zuweisung einer Wohnung beantragen. Nicht alle Kommunen haben große
Sammellager. Deshalb haben Sie unter Umständen auch Glück und bekommen gleich eine
Wohnung zugewiesen oder dürfen sich selbst eine Wohnung suchen und anmieten. Einen Anspruch
darauf, eine eigene Wohnung zu beziehen, haben Sie im Regelfall nicht.
Die einzelnen Voraussetzungen für einen vorzeitigen Auszug sind sehr kompliziert, zumal es sich
um eine Ermessensentscheidung der Behörde handelt, das heißt, die Behörde darf immer, muss
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aber nicht den Umzug genehmigen. Wenn Sie ausziehen wollen, sollten Sie zuvor immer die Hilfe
eines Anwalts oder einer Beratungsstelle suchen.
 Das Leben im Sammellager kann sehr belastend sein. Wenn Sie oder Ihre Kinder unter der
Situation im Wohnheim sehr leiden oder krank werden (z.B. Allergien entwickeln), können Sie
versuchen, mit medizinischen Attesten nachzuweisen, dass Sie eine eigene Wohnung brauchen und
beim Sozialamt einen Antrag darauf stellen.
 Auch wenn Sie Ihr Einkommen durch Arbeit selbst verdienen und selber Miete zahlen
können, können Sie unter Umständen aus dem Wohnheim ausziehen. (Wenn Sie weiter im
Wohnheim leben, müssen Sie damit rechnen, dass Sie von Ihrem Arbeitslohn eine hohe Miete (für
den Wohnheimplatz zahlen müssen. Es handelt sich dabei aber nicht um eine normale Miete, denn
Sie haben im Wohnheim weniger Rechte als in einer Privatwohnung. Deshalb ist der Name für
dass, was Sie eventuell bezahlen müssen „Nutzungsgebühr”. Im Wohnheim haben Sie also nur ein
eingeschränktes „Hausrecht”. Die Wohnheimsleitung kann, auch gegen Ihren Willen, jederzeit in
Ihre Zimmer kommen.
 Wenn Sie schon länger als vier Jahre Sozialleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz
erhalten haben und für Sie deswegen § 2 AsylbLG gilt (lesen Sie dazu Kapitel 7.4), sollten Sie
ebenfalls die Erlaubnis für einen Umzug in eine Wohnung beantragen. Gegebenenfalls müssen Sie
dafür vorher bei der Ausländerbehörde beantragen, dass eine entsprechende Auflage in Ihrer
Aufenthaltsgestattung gestrichen wird (Die Auflage lautet zum Beispiel: „Der Inhaber ist
verpflichtet, in der Gemeinschaftsunterkunft … zu wohnen”).
 Wenn ein Antrag auf eine Unterbringung in der Wohnung abgelehnt wird, können Sie vor
Gericht dagegen klagen Die Erfolgsaussicht ist allerdings gering, weil es sich um eine behördliche
Ermessensentscheidung handelt und das Gericht nur prüft, ob die Behörde ihr Ermessen ausgeübt
und die Grenzen der Ermessensausübung beachtet hat.
Residenzpflicht
Als Asylbewerber mit Aufenthaltsgestattung ist Ihr Aufenthaltsrecht grundsätzlich auf den Bezirk
Ihrer zuständigen Ausländerbehörde beschränkt (§ 56 Abs. 1 AsylVfG). In der Regel ist das der
Landkreis, dem Sie zugewiesen sind. Der Bezirk, in dem Sie sich aufhalten dürfen, ist in Ihrer
Aufenthaltsgestattung eingetragen. Wenn Sie ihn verlassen wollen, brauchen Sie eine
Genehmigung. Diese müssen Sie bei der Ausländerbehörde beantragen. Solange Sie noch in der
Aufnahmeeinrichtung (ZAAB) wohnen, müssen Sie diesen Antrag an das Bundesamt richten.
 Für Termine bei Behörden und Gerichten brauchen Sie keine Genehmigung. Wenn Sie noch
in der ZAAB wohnen, müssen sie diese Termine aber vorher beim Bundesamt und der ZAAB
anzeigen (§ 57 Abs. 3 AsylVfG, § 58 Abs. 3 AsylVfG).
 Für Termine beim Rechtsanwaltsbüro, beim Vormund, bei UNHCR oder anderen
Flüchtlingshilfsorganisationen sollen die Behörden die Erlaubnis erteilen (§ 57 Abs. 2 AsylVfG, §
58 Abs. 3 AsylVfG). Ein solcher Antrag darf also in der Regel nicht abgelehnt werden.
 Ob die Behörde es Ihnen erlaubt, den Landkreis oder Niedersachsen für andere Aktivitäten zu
verlassen, liegt in den meisten Fällen in ihrem Ermessen (§ 57 Abs. 1 AsylVfG, § 58 Abs. 1
AsylVfG). Ein Rechtsanspruch auf eine Genehmigung besteht nur, wenn hieran ein dringendes
öffentliches Interesse besteht, zwingende Gründe es erfordern oder die Versagung der Erlaubnis
eine unbillige Härte bedeuten würde. Erfahrungsgemäß ist es kein Problem, eine Erlaubnis zu
bekommen für Familienangelegenheiten (Krankenbesuch, Hochzeit, Sterbefall etc.) oder wichtige
Arztbesuche. Bei religiösen Festen verweigern allerdings manche Behörden die Erlaubnis. Für die
Seite 58 von 201
Teilnahme an Demonstrationen soll nach den verfassungsrechtlich fragwürdigen Vorgaben des
niedersächsischen Innenministeriums die Reiseerlaubnis sogar generell verweigert werden.
Beantragen Sie trotzdem eine Genehmigung, wenn die Teilnahme an der Demonstration für Sie
wichtig ist, zum Beispiel weil sich die Oppositionsgruppe, der Sie zugehören, dort trifft.
 Wenn Sie für die Teilnahme an politischen oder religiösen Veranstaltungen keine
Reiseerlaubnis erhalten, legen Sie dagegen mit Hilfe eines Rechtsanwalts oder einer
Beratungsstelle Rechtsmittel ein.
 Aus anderen Gründen, zum Beispiel, um eine Arbeit in einem anderen Landkreis auszuüben,
kann die Ausländerbehörde den Aufenthalt in dem anderen Landkreis auch generell erlauben. Das
wird dann in die Aufenthaltsgestattung eingetragen.
Für die Ausstellung einer Erlaubnis zum Verlassen des Landes bzw. des Landkreises verlangen
manche Ausländerbehörden eine Gebühr von bis zu 30 Euro. Dies ist allerdings unzulässig!
 Legen Sie der Ausländerbehörde in diesem Fall eine Bescheinigung über Ihr Einkommen oder
ihren Sozialleistungsbezug vor und beantragen Sie, dass die Gebühr für Sie erlassen wird.
Wenn Sie Ihren Aufenthaltsbezirk ohne Erlaubnis zum ersten Mal verlassen und dabei von der
Polizei überprüft werden, droht Ihnen ein” Bußgeld” (§ 86 AsylVfG). Wenn Sie mehrmals dabei
erwischt werden, machen Sie sich strafbar und es droht eine Geld oder Gefängnisstrafe (§ 85 Abs. 2
AsylVfG). Noch wichtiger ist: Unter Umständen führt eine höhere Geld- oder Gefängnisstrafe dazu,
dass Sie Ihre späteren Chancen auf ein humanitäres Aufenthaltsrecht verspielen. Nehmen Sie
deshalb eine Strafe wegen Residenzpflichtverletzung nicht auf die leichte Schulter.
 Zu einem Bußgeldbescheid kann man schriftlich Stellung nehmen. Vielleicht war das Bußgeld
gar nicht gerechtfertigt, weil Sie einen Gerichtstermin hatten. Oder es handelte sich um einen
medizinischen Notfall. Schreiben Sie Ihre Gründe auf und fügen Sie Belege (Terminbestätigung,
ärztliche Bescheinigung) bei. Unter Umständen wird dann auf das Bußgeld verzichtet und das
Verfahren eingestellt. Auch wenn es zum Gerichtsverfahren gegen Sie kommt, müssen Sie
aufpassen: Wenn der Richter oder die Richterin mehrere kleine Strafen zu einer insgesamt
niedrigeren Gesamtstrafe zusammenzieht, ist das eigentlich als Abmilderung gedacht. Eine hohe
Gesamtstrafe kann sich aber letztendlich schädlicher auf ein künftiges Aufenthaltsrecht auswirken
als mehrere kleinere! Lassen Sie sich im Ernstfall noch einmal beraten und gehen Sie, wenn nötig,
mit einem Rechtsanwalt oder einer Rechtsanwältin gegen eine Strafe wegen
Residenzpflichtverletzung vor! Das geht in manchen Fällen auch im Nachhinein, also wenn das
Bußgeldverfahren schon abgeschlossen ist. Der Flüchtlingsrat Niedersachsen kann Ihnen
spezialisierte Rechtsanwälte nennen, die sich mit dem rechtlichen Vorgehen gegen die Bestrafung
von Residenzpflichtverletzungen gut auskennen.
9.3
Arbeit und Ausbildung
Im ersten Jahr in Deutschland ist das Arbeiten für Flüchtlinge mit Aufenthaltsgestattung ganz
verboten. Danach können Sie eine „nachrangige” Arbeitserlaubnis bei der Ausländerbehörde
beantragen (§ 61 Abs. 2 AsylVfG in Verbindung mit § 39 Abs. 2 AufenthG). Diese Arbeitserlaubnis
gilt nur für eine ganz bestimmte Tätigkeit in einem bestimmten Betrieb. Sie müssen sich also
vorher darum bemühen, einen Arbeitsplatz zu finden, und können dann erst den Antrag auf
Arbeitserlaubnis dafür stellen. Die Erlaubnis wird aber nur dann erteilt, wenn für diesen
Seite 59 von 201
Arbeitsplatz kein/e bevorrechtigte/r Arbeitnehmer/in (das sind zum Beispiel Deutsche, EUBürger/innen oder anerkannte Flüchtlinge) zur Verfügung stehen und Sie nicht zu schlechteren
Arbeitsbedingungen als vergleichbare deutsche Arbeitnehmer/innen beschäftigt werden. Dies sind
die Schritte zur nachrangigen Arbeitserlaubnis:
• Besorgen Sie sich bei der Ausländerbehörde die Formulare „Antrag auf Erlaubnis einer
Beschäftigung, die der Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit bedarf” sowie
„Stellenbeschreibung”.
• Suchen Sie sich eine Arbeitsstelle.
• Der/die Arbeitgeber/in muss die „Stellenbeschreibung” ausfüllen und unterschreiben. Er
sollte sich damit einverstanden erklären, dass sein Stellenangebot von der Agentur für
Arbeit für veröffentlicht wird. Berücksichtigen Sie bei dem Termin für den Arbeitsbeginn,
dass das Antragsverfahren einige Wochen dauert.
• Machen Sie sich Kopien für Ihre Unterlagen (sie können später mal wichtig sein, um Ihr
Bemühen um Arbeit nachzuweisen) und geben Sie die Formulare bei der Ausländerbehörde
ab. Nehmen Sie dazu auch Ihren Ausweis mit.
• Nun müssen Sie mehrere Wochen warten. Erst wenn die Behörden meinen, dass der
Arbeitsplatz nicht an einen bevorrechtigten Arbeitnehmer vermittelt werden kann, erhalten
Sie die Arbeitserlaubnis.
Die nachrangige Arbeitserlaubnis ist befristet und kann nach Fristablauf verlängert werden.
Beantragen Sie eine Verlängerung rechtzeitig vor dem Fristablauf der bis dahin geltenden
Erlaubnis! Haben Sie länger als 12 Monate dieselbe Arbeitsstelle, dann kann die Erlaubnis
verlängert werden, ohne dass die Ausländerbehörde wieder prüft, ob es bevorrechtigte andere
Arbeitnehmer/innen (zum Beispiel Deutsche, EU-Bürger/innen, anerkannte Flüchtlinge) gibt (§ 6
BeschVerfV).
Arbeitserlaubnis ohne Vorrangprüfung
In besonderen Fällen kann eine Arbeitserlaubnis erteilt werden, ohne dass die Arbeitsagentur prüft,
ob es bevorrechtigte Arbeitnehmer/innen gibt. Dabei bleibt die Arbeitsgenehmigung aber an die
beantragte Tätigkeit und den/die Arbeitgeber/in gebunden. Auf die Vorrangprüfung wird verzichtet,
wenn
• Sie im Betrieb Ihres / Ihrer Ehepartner/in, unverheirateten Lebenspartner/in oder sonstigen
Verwandten ersten Grades arbeiten wollen und mit diesen zusammen in einem Haushalt
leben (§ 3 BeschVerfV) oder
• ein Härtefall vorliegt (Härtefallarbeitsgenehmigung, § 7 BeschVerfV).
Ob eine Härtefallarbeitsgenehmigung erteilt wird, hängt von den besonderen Umständen des
Einzelfalls ab. Ein Härtefall kann zum Beispiel festgestellt werden, wenn eine Person nur
eingeschränkt arbeiten kann, wenn wegen einer Behinderung die Chancen auf einen Arbeitsplatz
ohnehin bereits eingeschränkt sind oder wenn trotz des ungesicherten Aufenthaltsstatus
ausnahmsweise bereits feststeht, dass der Antragsteller (z.B. wegen eines deutschen Ehepartners)
voraussichtlich auf Dauer in Deutschland bleiben wird. Traumatisierten Personen wird die
Arbeitserlaubnis ohne Vorrangprüfung erteilt, wenn die Beschäftigung von dem behandelnden Arzt
oder Psychotherapeuten als wichtiger Teil der Therapie bezeichnet wird.
Seite 60 von 201
 Prüfen Sie, ob in Ihrem Fall konkrete Gründe für eine Härtefallarbeitsgenehmigung vorliegen.
Versuchen Sie gegebenenfalls mit Hilfe einer Beratungsstelle, den Anspruch auf eine
Härtefallarbeitsgenehmigung durchzusetzen.
Ausbildung
Um mit Aufenthaltsgestattung eine betriebliche Ausbildung beginnen zu können, brauchen Sie eine
Arbeitsgenehmigung. Dafür gelten im Prinzip dieselben Regelungen wie bei der Aufnahme einer
Arbeit. Nichtbetriebliche, das heißt schulische Ausbildungen können Sie ohne Arbeitserlaubnis
absolvieren. Fach- und Berufsfachschulen vermitteln in Vollzeitunterricht die für den Beruf
erforderlichen Kenntnisse. Schulische Ausbildungen werden unter anderem in folgenden Bereichen
angeboten:
•
•
•
•
•
•
Fremdsprachen
Gestaltung
Informationstechnik
Sozial- und Gesundheitswesen
Technik
Wirtschaft
Eine berufliche Vorbildung ist für den Besuch einer Berufsfachschule nicht erforderlich, zum Teil
werden jedoch Praktika in den jeweiligen Tätigkeitsfeldern erwartet. Mindestens ein
Hauptschulabschluss ist erforderlich, meistens sogar ein Realschulabschluss. Oft gibt es mehr
Bewerber/innen als Ausbildungsplätze, und es kommt zu einem Auswahlverfahren.
Auswahlkriterien können bestimmte Schulnoten, der Notendurchschnitt oder auch die Art der
schulischen Vorbildung und die Wartezeit sein. Auch Eignungsprüfungen und
Vorstellungsgespräche sind üblich. Schulische Ausbildungen kosten bei privat geführten Schulen
oft Gebühren. Ausbildungsstellen ohne Gebühren gibt es zum Beispiel für Erzieher/innen,
Heilerziehungspfleger/innen, Hebammen, Medizinisch-technische/r Assistenten/innen.
 Erkundigen Sie sich bei der für Sie zuständigen Arbeitsagentur nach kostenlosen schulischen
Ausbildungsangeboten oder schauen Sie im Internet nach unter
http://infobub.arbeitsagentur.de/kurs/index.jsp.
Einen Anspruch auf Berufsausbildungsbeihilfe (BAB), die die Arbeitsagentur in bestimmten
Fällen zusätzlich zum Azubi-Gehalt zahlt, haben Sie nicht (§§ 59 ff. SGB III). Zwar sind Sie als
Flüchtling mit Aufenthaltsgestattung nach dem Gesetzeswortlaut nicht ausdrücklich von der BAB
ausgeschlossen. Es kommt aber darauf an, ob davon ausgegangen werden kann, dass Sie
voraussichtlich nach der Ausbildung in Deutschland erwerbstätig sein werden. Eine
Aufenthaltsgestattung dürfte daher in der Regel nicht zum Bezug von BAB berechtigen.
Arbeitsgelegenheiten
Nach dem Asylbewerberleistungsgesetz können Sie verpflichtet werden, „gemeinnützige Arbeit”
zu leisten (§ 5 AsylbLG). Oft sind dies Putz- oder Aufräumarbeiten im Wohnheim, aber auch
andere Arbeiten sind möglich, zum Beispiel Laubharken im städtischen Park. Für diese Arbeit
erhalten Sie zusätzlich zu Ihren Sozialleistungen 1,05 Euro pro Stunde. Regulär angestellt werden
Sie allerdings nicht. Wenn Sie sich weigern, die angebotene Arbeit auszuführen, oder ohne
Entschuldigung fehlen, kann das Sozialamt Ihre Sozialleistungen kürzen. Gekürzt werden darf im
Seite 61 von 201
Regelfall nur ein Teil des Barbetrags der Person, die die Arbeit verweigert. Die Sozialleistungen für
Kinder dürfen also wegen verweigerter gemeinnütziger Arbeit nicht gekürzt werden.
• Wenn es wichtige Gründe dafür gibt, dass Sie eine gemeinnützige Arbeit nicht ausführen
können oder wollen (z.B. Krankheit, fehlende gesundheitliche Eignung für die konkrete
Tätigkeit, fehlende Betreuungsmöglichkeit für die Kinder oder anderes), teilen Sie das dem
Sozialamt so schnell wie möglich mit. Wenn Sie krank sind, sollten Sie ein Attest vorlegen,
aus dem Ihre Arbeitsunfähigkeit hervorgeht. Wenn Ihre Sozialleistungen gekürzt wurden,
muss die Kürzung wieder aufgehoben werden, sobald Sie ihre Arbeitsbereitschaft zeigen.
Sollten Ihre Sozialleistungen nach Ihrem Eindruck zu Unrecht oder zu stark gekürzt werden
oder auch andere Familienangehörige betreffen, wenden Sie sich an einen Rechtsanwalt
oder eine Beratungsstelle.
• Das Sozialamt muss Ihnen mit der Zuweisung der Arbeitsstelle schriftlich Informationen
über den Arbeitsort, die Arbeitszeiten sowie eine Beschreibung der konkreten Tätigkeit
mitteilen.
• Die Tätigkeit muss „gemeinnützig” und „zusätzlich” sein. Durch die Tätigkeit dürfen also
keine regulären Arbeitskräfte eingespart werden, und sie darf nicht dem Profit einer privaten
Person oder Firma dienen.
Wenn Sie Leistungen nach § 2 AsylbLG erhalten (siehe Kapitel 7.4), ist die Möglichkeit der
Arbeitsgelegenheiten gesetzlich nicht eindeutig geregelt. Manche Sozialämter bieten auch in diesen
Fällen „gemeinnützige Arbeit” an.
9.4
Soziale Sicherung
Ihre Rechte auf soziale und medizinische Versorgung sind im Asylbewerberleistungsgesetz
(AsylbLG) geregelt. Danach erhalten Sie, mindestens für die ersten vier Jahre, um etwa ein Drittel
geringere Sozialleistungen als die meisten Deutschen und selbst diese geringen Leistungen erhalten
Sie vorwiegend als „Sachleistungen”, in der Regel in Gutscheinen. Welche Leistungen Sie genau
erhalten, hängt davon ab, ob auf Ihre Situation §§ 3-7 AsylbLG oder § 2 AsylbLG anzuwenden ist.
Etwas anderes gilt, wenn Sie zunächst bereits sozialversicherungspflichtig gearbeitet haben und
anschließend arbeitslos werden. Dann bekommen Sie unter bestimmten Bedingungen für eine kurze
Zeit Arbeitslosengeld I. Einen darauf folgenden Anspruch auf Arbeitslosengeld II haben Sie nicht
(§ 7 SBG II).
Die drei Möglichkeiten werden im Folgenden erklärt.
Absicherung bei Arbeitslosigkeit (ALG I)
Wenn Sie Ihre Arbeit verloren haben, haben Sie unter Umständen einen Anspruch auf
Arbeitslosengeld I (ALG I) erworben (§ 16 SGB III, § 118 SGB III). Das gilt, wenn Sie
1. innerhalb der letzten zwei Jahre mindestens zwölf Monate sozialversicherungspflichtig
beschäftigt waren,
2. sich darum bemühen, wieder Arbeit zu erhalten und
3. den Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung stehen.
Seite 62 von 201
 Um ALG I zu erhalten, müssen Sie sich bei der Arbeitsagentur Arbeit suchend melden. Dafür
haben Sie, wenn Sie von Ihrer Kündigung bzw. dem Ende Ihrer Arbeitsverhältnisses erfahren, nur
drei Tage Zeit (§ 122 SGB III ). Melden Sie sich später, müssen Sie damit rechnen, dass Ihnen die
Leistungen für die ersten sieben Tage gestrichen werden (§ 128 Nr. 3 SGB III). ALG I wird nicht
rückwirkend gezahlt, sondern frühestens ab dem Tag Ihrer Meldung als Arbeit suchend.
Das ALG I beträgt 67% Ihres Nettolohns, wenn Sie Kinder haben, und 60% ohne Kinder. Die
Dauer des ALG I beträgt normalerweise zwischen 6 und 12 Monaten und ist davon abhängig, wie
lange Sie innerhalb der letzten zwei Jahre gearbeitet haben (§ 127 SGB III). Personen ab 50 Jahre
können künftig bis zu bis zu 15 Monate, Personen ab 55 Jahre bis zu 18 Monate und Personen ab
58 Jahre bis zu 24 Monate, wenn Sie Beschäftigungszeiten bis zu vier Jahren vorweisen können.
Liegt Ihr Anspruch auf ALG I niedriger als ihre Sozialleistungen nach dem
Asylbewerberleistungsgesetz wären, wird dies ergänzend gezahlt.
Nach Ablauf der Bezugszeit von ALG I erhalten Sie nicht, wie die meisten anderen Arbeitslosen,
ALG II, sondern nur Sozialleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.
 Um (nach dem Ende von ALG I oder währenddessen) Sozialleistungen nach AsylbLG zu
erhalten, müssen Sie rechtzeitig einen Antrag beim Sozialamt stellen.
Leistungen nach §§ 3-7 AsylbLG
Im Normalfall erhalten Sie mindestens für vier Jahre die Grundleistungen nach §§ 3-7 AsylbLG.
Danach erhalten Sie in Niedersachsen
• eine Unterkunft,
• Gutscheine für Lebensmittel, Kleidung, Hygieneartikel und alles sonst Notwendige
insgesamt in folgender Höhe: 184,07 Euro monatlich für Alleinstehende bzw. den
Haushaltsvorstand, 158,50 Euro für Haushaltsangehörige ab 7 Jahren, 112,48 Euro für
Kinder bis 6 Jahren; im Wohnheim werden hiervon Beträge zwischen 20 und 35 Euro für
Haushaltswaren (zum Beispiel Glühbirnen, Besen, Staubsauger) und Energiekosten
abgezogen,
• einen zusätzlichen Bargeldbetrag von 40,90 Euro im Monat (für Personen ab 14 Jahre) und
20,45 Euro (für Kinder bis 13 Jahre).
Diese Leistungen teilen sich in Niedersachsen wie folgt auf:
Seite 63 von 201
Ernährung
Eine gesunde Ernährung muss Ihnen möglich sein. Auch sollen religiöse und durch
Schwangerschaft oder Krankheit bedingte besondere Ernährungsgewohnheiten bei der Versorgung
beachtet werden. Wenn Ihnen das nicht möglich ist, stellen Sie einen schriftlichen „Antrag auf
besondere Ernährung nach § 6 AsylbLG” bei Ihrem Sozialamt. Begründen Sie Ihren Antrag (z.B.
Schwangerschaft, Diabetes, Neurodermitis usw.).
Bekleidungsgeld
Das monatliche Bekleidungsgeld in Höhe von 15,34 € wird von den Sozialämtern meist
halbjährlich in Form von Gutscheinen ausgegeben. Das Bekleidungsgeld steht Ihnen in jedem Fall
zu, auch wenn Sie noch genügend Kleidung haben.
Ge- und Verbrauchsgüter des Haushaltes
Der Betrag für Ge- und Verbrauchsgüter des Haushalts kann Ihnen von Ihren Leistungen
abgezogen werden, wenn Sie in einer Gemeinschaftsunterkunft leben. Das geht allerdings nur,
wenn das Wohnheim Ihnen kostenlos folgende Dinge zur Verfügung stellt: Möbel (Bett, Stuhl,
Tisch, Schrank usw.), Bettdecke und Bettwäsche, Handtücher, Küchenausstattung (Herd,
Kochtöpfe, Geschirr usw.), Waschmaschine und Waschmittel, WC-Papier, Putz- und
Reinigungsmittel, Heizung, Haushaltsenergie (Warmwasser, Kochen, Strom).
 Im Wohnheim sind viele Dinge oft nicht vorhanden oder defekte Gegenstände werden nicht
ersetzt. Verlangen Sie die Bereitstellung der Dinge, die Sie brauchen, und beschweren Sie sich,
wenn nötig, beim Sozialamt. Manchmal ist es sinnvoll, einen schriftlichen Antrag zu verfassen.
Wenn das nicht hilft, können Sie einen schriftlichen „Widerspruch” an das Sozialamt schreiben.
Dabei kann Sie eine Beratungsstelle unterstützen.
Wenn Sie in einer Wohnung wohnen, müssen Sie Strom und Gas, Putz- und Reinigungsmittel in
der Regel selbst bezahlen. Dann sind Kürzungen bei den Ge- und Verbrauchsgütern unzulässig.
Seite 64 von 201
Gutscheinpraxis
In Niedersachsen erhalten Sie Leistungen für Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs
in Form von Gutscheinen ausgezahlt. Damit sind Sie in Ihrem Alltag stark eingeschränkt. Politische
Proteste und Aktionen dagegen haben in anderen Bundesländern dazu geführt, dass Bargeld
ausgezahlt wird. Die Niedersächsische Landesregierung bleibt in diesem Punkt aber hart und
verlangt von den Kommunen, kein Bargeld zu gewähren. In manchen anderen Bundesländern
erhalten Flüchtlinge Essen und Hygieneartikel nur in Paketen zugeteilt.
 In vielen Kommunen Niedersachsens gibt es politische Initiativen, die zumindest einen
kleinen Teil Ihrer Gutscheine in Bargeld umtauschen und selber damit einkaufen gehen.
Erkundigen Sie sich beim Flüchtlingsrat Niedersachsen, ob es einen Umtausch in Ihrer Stadt gibt.
 Sie haben nur eine sehr geringe Chance, beim Sozialamt Bargeld für sich durchzusetzen. Das
wäre zum Beispiel denkbar, wenn Sie gehbehindert oder krank sind und der Weg zum nächsten
Laden, der Gutscheine akzeptiert, zu weit weg ist.
 Wenn Sie sich mit den Gutscheinen diskriminiert fühlen oder in bestimmten Geschäften unfair
behandelt werden (zum Beispiel kein Wechselgeld erhalten, was illegal wäre!), können Sie das
öffentlich machen. Gehen Sie zur örtlichen Presse und besuchen Sie die Parteien. Schreiben Sie an
das Niedersächsische Innenministerium und schildern Sie Ihre Erfahrungen. Schließen Sie sich
einer Initiative an oder gründen Sie mit anderen Flüchtlingen und Unterstützern eine Initiative, um
gegen die Gutscheine zu kämpfen. Sprechen Sie die örtliche Presse an und versuchen Sie so,
unfaire Geschäfte zu einer anderen Praxis zu bewegen.
Höhere Leistungen nach § 2 AsylbLG – keine Gutscheine mehr
Wenn Sie vier Jahre Leistungen nach dem AsylbLG bezogen haben, werden Ihre Leistungen nach
§ 2 AsylbLG auf das Niveau der Sozialhilfe für Deutsche erhöht. Diese Umstellung muss für
Flüchtlinge mit Aufenthaltsgestattung automatisch erfolgen. Falls das Sozialamt diese Umstellung
nicht automatisch gemacht haben sollte und Sie deshalb länger als vier Jahre Grundleistungen
erhalten haben, können Sie rückwirkend eine Nachzahlung der Leistungen nach § 2 AsylbLG
beantragen (Antrag auf Überprüfung eines rechtswidrigen Verwaltungsaktes, auch wenn er
unanfechtbar geworden ist, gemäß § 44 SGB X).
Für die Vierjahresfrist zählen die Zeiten, in denen Sie tatsächlich Leistungen nach dem
Asylbewerberleistungsgesetz in Anspruch genommen haben. Wenn Sie sich also zum Beispiel ein
Jahr lang durch Arbeit selbst finanzieren, zählt dieses Jahr nicht mit, und die Bezugszeit verlängert
sich um ein Jahr.
Ob für die Berechnung der Bezugszeiten andere Sozialleistungen angerechnet werden
(Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe), ist umstritten. Nach Ansicht des niedersächsischen
Innenministeriums zählen diese Zeiten für die Vierjahresfrist nicht mit (Erlass vom 4.9.2007).
Auch das Bundessozialgericht hat im Jahr 2008 entschieden, dass zumindest Leistungen nach § 2
AsylbLG nicht auf die Vierjahresfrist angerechnet werden. Wenn bei Ihnen für die Berechnung der
Vierjahresfrist der Bezug anderer Sozialleistungen nach Ansicht des Sozialamtes nicht angerechnet
werden soll, wenden Sie sich bitte an eine Beratungsstelle.
Vom Arbeitslosengeld II („ALG II”, auch „Hartz IV” genannt) sind Sie ausgeschlossen (§ 7 Abs. 1
SGB II). Die Leistungen nach § 2 AsylbLG orientieren sich an der „Sozialhilfe” nach dem Zwölften
Seite 65 von 201
Sozialgesetzbuch (SGB XII). In Niedersachsen gelten seit Juli 2008 folgende Leistungen nach § 2
AsylbLG:
Regelsatz
(Seit Juli
08)
Alleinstehende/
Alleinerziehende
Volljährige
Partner
Haushaltsangehörige
0 bis 13 Jahre
Haushaltsangehörige
ab 14 Jahre
in %
100 %
90 %
60 %
80 %
in €
351 €
316 €
211 €
281 €
Zusätzlich übernimmt das Sozialamt die Kosten für Unterkunft und Heizung: Bezahlt wird die
„angemessene” Miete für eine Wohnung, jedoch nicht die Kosten für Haushaltsenergie (Strom für
Licht, Warmwasser, Kochen).
• Erkundigen Sie sich bei einer Beratungsstelle oder beim Mieterverein, bis zu welcher Höhe
das Sozialamt die Miete für eine Wohnung für Sie (und Ihre Familie) übernehmen muss.
Wenn Sie weiterhin in einer Gemeinschaftsunterkunft leben, werden die Regelsätze wegen der dort
kostenlos bereitgestellten Ge- und Verbrauchsgüter des Haushalts oder auch Hygieneartikeln um
die entsprechenden Teilbeträge gekürzt (s. Tabelle oben).
In bestimmten Lebenslagen erhöhen sich die Regelsätze um einen Mehrbedarfszuschlag:
• bei Alleinerziehenden mit einem oder mehreren Kindern,
• bei Schwangeren ab der 13. Woche,
• bei Kranken, die sich in besonderer Weise kostenaufwändig ernähren müssen (z.B.
Krebserkrankung, HIV, schwere chronische Magen- oder Darmerkrankung, Leber- oder
Nierenerkrankung),
• bei dauerhaft erwerbsunfähigen, anerkannten Schwerbehinderten mit Ausweis G).
Zusätzlich kann man auf Antrag einmalige Beihilfen erhalten, so für Erstausstattungen bei
Schwangerschaft und Geburt (Kleidung, Kinderwagen, Kinderbett usw.), Erstausstattungen an
Möbeln und Hausrat (wenn erstmals eine Wohnung bezogen wird, bzw. die beantragten
Gegenstände bisher nicht vorhanden waren), sowie für mehrtägige Klassenfahrten der Schule.
Anstelle der bisher vom Sozialamt gewährten Krankenscheine erhalten Sie auf Kosten des
Sozialamts eine Krankenversichertenkarte (Chipkarte) von einer gesetzlichen Krankenkasse Ihrer
Wahl (§ 264 SGB V). Sie haben damit einen uneingeschränkten Anspruch auf Krankenbehandlung
wie deutsche Versicherte auch.
Die Leistungen nach § 2 AsylbLG sollten Sie nicht mehr in Gutscheinen, sondern in Bargeld
erhalten. Wenn Sie in einer Wohnung leben, haben Sie auf jeden Fall Anspruch auf Bargeld.
Solange Sie noch im Wohnheim leben, kann das Sozialamt argumentieren, dass weiter nur in Form
Seite 66 von 201
von Gutscheinen Leistungen erbracht werden, zum Beispiel um Konflikte im Wohnheim zu
vermeiden.
 Sobald Sie Leistungen nach § 2 AsylbLG erhalten, sollten Sie erstens die Erlaubnis für den
Umzug in eine Wohnung (siehe Kapitel 7.2 „Wohnen”) und zweitens die Auszahlung in Bargeld
beantragen und gegebenenfalls auch gerichtlich durchzusetzen versuchen. Lassen Sie sich von einer
Beratungsstelle unterstützen.
9.5 Medizinische Versorgung
Im Asylbewerberleistungsgesetz (§ 4 AsylbLG, § 6 AsylbLG) ist auch die Krankenversorgung
geregelt:
• Medizinische Versorgung, (zahn-)ärztliche Hilfe und sonstige erforderlichen Leistungen
müssen bei allen akuten oder akut behandlungsbedürftigen Erkrankungen gewährt werden.
• Medizinische Versorgung, (zahn-)ärztliche Hilfe und sonstige erforderlichen Leistungen
müssen bei allen mit Schmerzen verbundenen Erkrankungen gewährt werden.
• Eine Versorgung mit Zahnersatz erfolgt nur, wenn dies „unaufschiebbar” (das heißt jetzt
unmittelbar notwendig) ist.
• Bei Schwangerschaft und Geburt erhalten Frauen alle auch für Deutsche üblichen
medizinischen Leistungen bei Arzt und Krankenhaus, sämtliche Vorsorgeuntersuchungen
für Mutter und Kind, Hebammenhilfe, Medikamente und Heilmittel.
• „Sonstige” medizinische Leistungen müssen gewährt werden, wenn dies „zur Sicherung der
Gesundheit unerlässlich” ist.
Die Regelungen zur medizinischen Versorgung machen in der Praxis oft Schwierigkeiten. Manche
Ärzte tun nicht alles, was nötig wäre. Damit der Arzt Sie behandelt, müssen Sie in der Regel einen
Krankenschein vorlegen. Manche Sozialämter lehnen Anträge ab oder schicken Flüchtlinge, die um
einen Krankenschein bitten, wieder weg, weil sie meinen, dass die Krankheit nicht akut, sondern
chronisch sei. Probleme gibt es vor allem mit Heil- und Hilfsmitteln wie Brillen, Hörgeräten,
Prothesen, Rollstühlen, aber auch Medikamenten und Operationen.
Nach unserer Rechtsauffassung werden die Bestimmungen des AsylbLG, die die Versorgung bei
Krankheiten betreffen, in der Praxis zu eng und von vielen Ärzten zu ängstlich ausgelegt. Es gibt
viele, teilweise auch von Gerichten bestätigte Argumente, die für eine Behandlung in den meisten
Fällen sprechen. Hierzu einige Hinweise:
• Die meisten chronischen Krankheiten sind auch gleichzeitig schmerzhaft, viele können sich
akut verschlechtern, wenn keine Behandlung erfolgt (z.B. Diabetes oder eine
Gehbehinderung). Deshalb sind solche dauerhaften Krankheiten auch vom Arzt zu
behandeln.
• Ein Zahnersatz ist „unaufschiebbar”, wenn Folgeschäden drohen. Das heißt, wenn ohne
Behandlung weitere Zähne verloren gehen können oder eine Magenerkrankung droht, weil
Sie nicht mehr richtig kauen können.
• Die Verweigerung von Krankenscheinen durch das Sozialamt ist rechtswidrig, weil der/die
Sozialamtsmitarbeiter/in nicht beurteilen kann, ob eine akute Erkrankung vorliegt und was
zur Sicherung der Gesundheit „unerlässlich” ist. Die Diagnose durch einen Arzt muss in
jedem Fall möglich sein.
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• Viele „sonstige” Leistungen können für die Gesundheit unerlässlich sein: Zum Beispiel
Mehrkosten für besondere Ernährung bei Schwangerschaft oder bestimmten Krankheiten,
Versorgung und Pflege von Behinderten und Pflegebedürftigen, Psychotherapie (zum
Beispiel nach Kriegserfahrungen, Folter oder Vergewaltigung); Reha-Maßnahmen nach
Schlaganfall oder Unfall; Fahrtkosten, wenn sonst keine Möglichkeit besteht, zum Arzt oder
Krankenhaus zu gelangen und anderes.
 Um bestimmte Leistungen zu erhalten, tragen Sie beim Sozialamt gute Gründe vor (dass Sie
Schmerzen haben, dass die Krankheit jetzt akut ist, dass Ihre Erkrankung sich verschlimmert, wenn
nicht behandelt wird, warum eine bestimmte Leistung für die Gesundheit unerlässlich ist).
 In bestimmten Fällen kann ein Attest oder Gutachten helfen, einen Anspruch beim Sozialamt
durchzusetzen: Zum Beispiel wenn die Schule oder eine Logopädin bescheinigt, dass ein Kind ein
Hörgerät braucht, um in seiner sprachlichen und geistigen Entwicklung nicht geschädigt zu werden.
Oder wenn ein Arzt bescheinigt, dass eine Brille notwendig ist, weil jemand sonst im
Straßenverkehr erheblich gefährdet ist.
 Wenn Ihnen ärztliche Hilfe, Heil- oder Hilfsmittel verweigert werden, können Sie beim
Sozialamt dagegen Widerspruch einlegen. Dann muss die Entscheidung noch einmal überprüft
werden. Dafür haben Sie einen Monat, bei nur mündlicher Ablehnung ein Jahr Zeit, um einen
Widerspruch einzulegen. Eine Beratungsstelle hilft Ihnen, einen schriftlichen Widerspruch zu
verfassen. Wenn der Widerspruch zurückgewiesen wird, können Sie sich an das Sozialgericht
wenden und eine Klage einlegen. Eine gute Beratungsstelle weiß, wie die einzelnen Gerichte zu
bestimmten medizinischen Leistungen entscheiden und ob eine Klage sinnvoll ist. In dringenden
Fällen oder wenn das Sozialamt eine Entscheidung zu lange verschleppt, kann das Gericht auch
sofort (gleichzeitig mit dem Widerspruch) eingeschaltet werden und muss innerhalb von wenigen
Tagen vorläufig entscheiden. Dafür müssen Sie zusätzlich einen „Eilantrag” an das Gericht stellen
und begründen, warum eine Entscheidung sofort notwendig ist (zum Beispiel weil Ihnen schwere
Schäden drohen, wenn eine Krankheit nicht sofort behandelt wird).
 Wenn Sie sich Sorgen wegen einer Erkrankung machen oder Schmerzen haben, aber eine
Behandlung abgelehnt wird, können Sie auch in das nächste Krankenhaus gehen. Dort muss man
Sie zumindest untersuchen und eine Diagnose stellen.
 Wenn Sie medizinische Leistungen erhalten werden, darf von Ihnen kein Geld für
Zuzahlungen (zum Beispiel als „Praxisgebühr” oder „Zuzahlung” für ein Medikament) verlangt
werden. Weisen Sie die Arztpraxis, die Apotheke oder das Krankenhaus darauf hin, dass das
Sozialamt alle Kosten zu 100% übernimmt. Verlangen Sie bereits geleistete Zuzahlungen wieder
zurück! Wird die Rückzahlung verweigert, wäre das Betrug, weil der Arzt/die Apotheke/das
Krankenhaus zu seinem Vorteil doppelt abkassiert: von Ihnen die Zuzahlung und vom Sozialamt
noch einmal 100 % der Kosten.
Bessere medizinische Versorgung nach vier Jahren
Wenn Sie schon vier Jahre Leistungen nach dem AsylbLG erhalten haben, können Sie Leistungen
nach § 2 AsylbLG beanspruchen (siehe Kapitel 7.4). Dies wirkt sich auch auf die
Krankenversorgung aus.
Nach § 2 AsylbLG erhalten Sie die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung im gleichen
Umfang wie Deutsche. Sie gelten zwar streng genommen nicht als Krankenversicherte, erhalten
Seite 68 von 201
aber eine Versicherungskarte und bekommen alle Leistungen, auf die auch deutsche Versicherte
einen Anspruch haben, von der von Ihnen gewählten gesetzlichen Krankenkasse. Die Kasse holt
sich das Geld anschließend vom Sozialamt zurück. Leistungen der Pflegeversicherung erhalten Sie
allerdings nicht über die Krankenkasse. Diese können Sie gegebenenfalls beim Sozialamt
beantragen.
Von den Krankenkassen nicht bezahlt werden Brillen und nicht verschreibungspflichtige
Medikamente, Dolmetscher- und Fahrtkosten. Ausnahmen gelten für Kinder.
 Wenn Sie mit einer Entscheidung der Krankenkasse nicht einverstanden sind, legen Sie
schriftlich „Widerspruch” ein. Der Widerspruch richtet sich dann direkt an die Krankenkasse (nicht
mehr ans Sozialamt). Außerdem können Sie eine Klage und gegebenenfalls einen Eilantrag an das
Sozialgericht schicken.
 Wenn die Krankenkasse nach den gesetzlichen Voraussetzungen nicht zur Kostenübernahme
verpflichtet ist, können Sie bestimmte laufend benötigte Dinge beim Sozialamt als „vom Regelfall
abweichenden Lebensunterhaltsbedarf” beantragen (§ 28 Abs. 1 SGB XII).
Sie sind nach dem Gesetz zu bestimmten Zuzahlungen verpflichtet. Dazu gehören die Praxisgebühr
beim Zahnarzt und Arzt (je 10 Euro im Quartal) und eine Beteiligung an Medikamenten (pro
Medikament bis zu 10 Euro in der Apotheke) und anderen Leistungen (zum Beispiel bei
Krankenhausaufenthalten oder für spezielle, nicht von der Kasse getragene
Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft und anderes). Für Kinder und Jugendliche fallen
keine Zuzahlungen an.
Für Empfänger von Leistungen nach § 2 AsylbLG gilt die Höchstgrenze von 2% des Regelsatzes.
Das heißt: 2% von 12 x 351 Euro = 84,24 Euro pro Jahr. Der Betrag gilt nicht pro Person, sondern
für alle Mitglieder der Familie zusammen. Für chronisch Kranke gilt unter bestimmten
Bedingungen eine Grenze von 1% = 42,12 Euro pro Jahr.
 Um Mehrfachzahlungen der Praxisgebühr zu vermeiden, lassen Sie sich eine Quittung
ausstellen. Wenn Sie in einem Quartal zu verschiedenen Ärzten gehen, besorgen Sie sich eine
Überweisung des Arztes, bei dem Sie bereits die Gebühr für das laufende Quartal entrichtet haben.
Dann müssen Sie nicht erneut zahlen.
 Sammeln Sie alle Zuzahlungsquittungen Ihrer Familie. Wenn der Betrag von 84,24 Euro
erreicht ist, muss die Krankenkasse Ihnen bescheinigen, dass Sie für den Rest des Jahres von
weiteren Zuzahlungen befreit sind und Ihnen bereits zu viel gezahlte Beträge zurückzahlen. Stellen
Sie dazu einen Antrag und fügen Sie die Quittungen bei.
Krankenversicherung für Arbeitnehmer
Wenn Sie eine gemeinnützige Arbeit ausüben oder als Arbeitnehmer weniger als 400 Euro im
Monat verdienen, sind Sie nicht sozialversicherungspflichtig und es ändert sich an Ihrer
Krankenversorgung nichts.
Wenn Sie als Arbeitnehmer eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung (für mehr als 400
Euro im Monat) ausüben, werden Ihnen vom Lohn prozentuale Zahlungen in die
Sozialversicherungen (Kranken-, Renten-, Pflegeversicherung u.a.) abgezogen. Sie werden
reguläres Mitglied einer Krankenkasse. Sie erhalten eine Versicherungskarte und alle gesetzlichen
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Krankenkassenleistungen. Das gilt auch für den Fall, dass Sie wegen geringen Einkommens noch
ergänzende Sozialleistungen nach AsylbLG erhalten. Wenn Sie Ihre Arbeit verlieren, endet auch
ihre Mitgliedschaft in der Krankenkasse. Sie sollten dies der Krankenkasse und dem Sozialamt
sofort mitteilen. Sie erhalten dann wieder Leistungen zur medizinischen Versorgung wie in den
vorigen Abschnitten beschrieben. Unter bestimmten Voraussetzungen kommt aber auch eine
Krankenversicherung als „freiwillige Weiterversicherung” (§ 9 SGB V, § 32 SGB XII) oder über das
Arbeitsamt (bei Anspruch auf Arbeitslosengeld I) in Frage.
Als Mitglied einer Krankenkasse gilt alles das, was im vorherigen Abschnitt („Bessere
medizinische Versorgung nach drei Jahren”) beschrieben ist. Sie sind gesetzlich zu Zuzahlungen
verpflichtet. Die Höchstgrenze für Ihre ganze Familie liegt bei 2% Ihres Bruttojahreseinkommens.
Abgezogen werden Freibeträge für Ihre/n Ehepartner/in (4.536 Euro) und Kinder (je 3.864 Euro).
Beispiel: Sie sind verheiratet, haben zwei Kinder und ein Jahresbruttoeinkommen von 20.000 Euro.
Abzüglich der Freibeträge sind das 20.000 - 4.536 - 2 x 3.864 = 7.736 Euro. In diesem Fall beträgt
die Belastungsgrenze also 2% von 7.736 Euro = 154,72 Euro. Diese Belastungsgrenze gilt nicht pro
Person, sondern für alle Mitglieder der Familie zusammen. Für chronisch Kranke gilt unter
bestimmten, allerdings strengen Bedingungen, die Hälfte - nur 1%.
Verdienen Sie so wenig, dass Sie noch ergänzende Leistungen nach § 2 AsylbLG erhalten, gilt die
Höchstgrenze von 2% des jährlichen Regelsatzes des Haushaltsvorstands. Das heißt: 2% von 12 x
351 Euro = 84,24 Euro pro Jahr bzw. 42,12 Euro pro Jahr für chronisch Kranke.
 Um Ihre Kosten so gering wie möglich zu halten, beachten Sie die im vorhergehenden
Abschnitt („Bessere medizinische Versorgung nach drei Jahren”) gegebenen Hinweise und
Ratschläge zu Widerspruch und Klage, Praxisgebühren und Erreichen der Belastungsgrenze.
Wenn Sie sozialversicherungspflichtig arbeiten und ergänzende Leistungen nicht nach § 2
AsylbLG, sondern nur §§ 3-7 AsylbLG beziehen (siehe Kapitel 7.4), ergibt sich ein Problem:
Durch eine gesetzliche Regelungslücke liegt die Belastungsgrenze bei 2% der Einkünfte und
Sozialleistungen der ganzen Familie.
 Beantragen Sie die nicht von der Krankenkasse übernommenen Leistungen nach § 4 und § 6
AsylbLG und legen Sie notfalls Widerspruch beim Sozialamt, Klage und Eilantrag beim
Sozialgericht ein.
7.6 Familienleistungen, Kinder- und Jugendhilfe
Kindergeld
Jede deutsche Familie hat unabhängig von ihrer Einkommenssituation Anspruch auf ein
monatliches Kindergeld von 164 Euro im Monat für das erste und zweite Kind, 170 Euro für das
dritte Kind und 195 Euro für jedes weitere Kind. Dies gilt für Kinder bis 18 Jahre, für Kinder in
Ausbildung, die kein oder nur sehr wenig eigenes Einkommen haben und weitere Bedingungen
erfüllen, bis 24 Jahre. Flüchtlinge mit Aufenthaltsgestattung sind vom Kindergeld in der Regel
gesetzlich ausgeschlossen (§ 1 Abs. 3 BKGG, § 62 Abs. 2 EStG).
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Es gibt aber aufgrund von internationalen Abkommen Ausnahmen. Sie erhalten für Ihre Familie
auch mit Aufenthaltsgestattung Kindergeld, wenn Sie
• aus der Türkei, Algerien, Tunesien oder Marokko kommen und eine Arbeit haben, über die
Sie in eine Sozialversicherung (Arbeitslosen-, Kranken-, Renten- oder Unfallversicherung)
einzahlen; dies ist auch bei einem 400-Euro-Job der Fall, bei dem in die gesetzliche
Unfallversicherung eingezahlt wird
• aus der Türkei kommen, nicht arbeiten, aber mindestens sechs Monate in Deutschland in
leben,
• aus Kosovo, Serbien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina oder Mazedonien kommen und
eine arbeitslosenversicherungspflichtige Arbeit haben; wenn Sie keine Arbeit mehr haben,
gilt auch der Bezug von Kranken- oder Arbeitslosengeld I.
 Familienkassen lehnen Anträge, die sich auf diese Ausnahmeregelungen beziehen, zunächst
regelmäßig ab! Legen Sie dagegen mit Hilfe einer Beratungsstelle unbedingt Einspruch und, wenn
nötig, Klage beim Finanzgericht ein. Die Einsprüche haben fast immer Erfolg!
 Wenn Sie Sozialleistungen nach dem AsylbLG beziehen, wird das Kindergeld mit den
Sozialleistungen verrechnet. Das heißt, am Ende haben Sie wahrscheinlich gar nicht mehr Geld.
Trotzdem ist es in den obigen Fällen sinnvoll, den Kindergeldantrag zu stellen. Denn der Bezug
von Kindergeld gilt nicht als Sozialleistung und Sie haben so leichter die Möglichkeit, Ihr Leben
selbst zu finanzieren, und erfüllen damit unter Umständen eine wichtige Voraussetzung für eine
Aufenthaltserlaubnis. Sie beantragen das Kindergeld bei der Familienkasse der Agentur für Arbeit
(Arbeitsamt).
 Kindergeld kann auch rückwirkend für die letzten vier Kalenderjahre beansprucht werden. Das
kann viel Geld sein. Dieses Geld wird allerdings ebenfalls möglicherweise (teilweise) einbehalten,
um erhaltene Sozialleistungen nach AsylbLG zurückzuzahlen.
Elterngeld
Das Elterngeld gibt es für Kinder, die ab 1.1.2007 geboren werden. Im Elterngeldgesetz ist jedoch
festgelegt, dass Personen mit Aufenthaltsgestattung kein Elterngeld erhalten können (§ 1 Abs. 7
BEEG). Ausnahmen gelten jedoch für erwerbstätige Menschen aus Algerien, Marokko, Tunesien
und der Türkei: Für sie besteht auch mit einer Aufenthaltsgestattung ein Anspruch auf Elterngeld,
wenn sie sozialversicherungspflichtig arbeiten oder wenn sie eine geringfügige Beschäftigung
(400-Euro-Job) ausüben, über die sie unfallversichert sind.
Falls Sie unter die Ausnahmeregelung fallen, sollten Sie Folgendes wissen: Beim Elterngeld ersetzt
der Staat einem Elternteil 67 Prozent des durch die Geburt und Kinderbetreuung wegfallenden
Arbeitseinkommens, maximal 1.800 Euro im Monat. Wenn der das Kind betreuende Elternteil vor
der Geburt nicht gearbeitet hat, beträgt das Elterngeld 300 Euro im Monat. Während des Bezugs
von Elterngeld darf der Antragsteller gar nicht oder nicht mehr als 30 Stunden in der Woche
arbeiten. Voraussetzung ist außerdem, dass der Antragsteller in einem Haushalt mit dem Kind lebt
und das Kind tatsächlich betreut. Auch der nicht verheiratete Vater kann unter dieser
Voraussetzung Elterngeld beanspruchen. Der Mindestbetrag von 300 Euro wird nicht auf andere
Sozialleistungen angerechnet. Elterngeld wird an den das Kind betreuenden Elternteil für maximal
12 Monate gezahlt. Wenn auch der andere Elternteil zwei Monate oder länger für die Betreuung
zuständig ist, wird das Elterngeld um zwei Monate auf maximal 14 Monate verlängert.
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 Elterngeld beantragen Sie beim Jugendamt oder der Elterngeldstelle Ihrer Stadt- oder
Kreisverwaltung. Das Formular, eine Liste der zuständigen Stellen in Niedersachsen und weitere
Informationen gibt es im Internet unter
http://www.ms.niedersachsen.de/master/C29974090_N8150_L20_D0_I674.
Unterhaltsvorschuss
Auch der Unterhaltsvorschuss wird Flüchtlingen mit Aufenthaltsgestattung per Gesetz verweigert
(§ 1 Abs. 2a UhVorschG ). Hierbei handelt es sich um einen staatlichen Zuschuss, der einem
alleinerziehenden Elternteil für bis zu sechs Jahren gezahlt wird, wenn der andere Elternteil (in der
Regel der Vater) seiner Verpflichtung, für das Kind Unterhalt zu zahlen, nicht nachkommt. Der
Unterhaltsvorschuss beträgt 117 € monatlich für Kinder unter 6 Jahren und 158 € monatlich für
ältere Kinder unter 12 Jahren.
9.7 Deutschkurs, Kindergarten, Schule, Studium
Deutschkurs
Einen Anspruch darauf, einen Deutschkurs zu besuchen, haben Sie während des Asylverfahrens
nicht. Eventuell können Sie versuchen, einen der freien Plätze in den staatlich organisierten
„Integrationskursen” für anerkannte Flüchtlinge zu bekommen (lesen Sie dazu im Kapitel 10.7
„Deutschkurse” für Personen mit Aufenthaltserlaubnis). Ihre Chancen darauf sind mit einer
Aufenthaltsgestattung allerdings denkbar gering, weil Ihr Aufenthaltsrecht nicht als dauerhaft
eingestuft wird.
Es gibt aber in den Städten auch einige Deutschkurse, die unabhängig vom staatlichen Angebot
existieren. Diese Kurse müssen Sie in der Regel selbst bezahlen, bei manchen Trägern sind die
Kosten für Sozialleistungsempfänger aber deutlich gesenkt.
 Fragen Sie bei ihrer örtlichen Volkshochschule oder den Beratungsstellen für Migrant/innen,
Aussiedler/innen oder Flüchtlinge nach, wo es Deutschkurse gibt.
Kindergarten
Sobald ein Kind drei Jahre alt ist, hat es in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen
Kindergartenplatz (§ 24 SGB VIII). Bei geringem Einkommen sind die Kosten dafür ganz oder
teilweise vom Jugendamt zu tragen (§ 90 Abs. 2 und 3 SGB VIII). Das gilt auch für Flüchtlinge mit
Aufenthaltsgestattung.
 Melden Sie Ihr Kind frühzeitig für einen Kindergartenplatz an. Dort wird ihr Kind eine
erheblich bessere Förderung in der deutschen Sprache erhalten und so besser auf einen Schulbesuch
vorbereitet werden als im Wohnheim. Wenden Sie sich bei Problemen mit dem Kindergartenplatz
an eine Beratungsstelle.
Schule
Alle in Niedersachsen lebenden Kinder haben das Recht und die Pflicht, eine Schule zu besuchen
und regelmäßig am Unterricht teilzunehmen (§ 63 NSchG). Das gilt auch für Flüchtlinge mit
Aufenthaltsgestattung. Die Schulpflicht beginnt für Kinder, die bis zum 30. Juni eines Jahres sechs
Jahre alt geworden sind, mit dem nächsten beginnenden Schuljahr (§ 64 NSchG). Das
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Einschulungsalter ist aber auch abhängig von der körperlichen und geistigen Entwicklung Ihres
Kindes. Unter Umständen kann der Schuleintritt Ihres Kindes ein Jahr zurückgestellt werden.
Deshalb werden alle Kinder vor dem Schuleintritt vom Amtsarzt untersucht. Bei fehlenden
Deutschkenntnissen können die Kinder verpflichtet werden, vor Schuleintritt an besonderen
Sprachfördermaßnahmen teilzunehmen (§ 54 a NSchG). Schon eingeschulte Schülerinnen und
Schüler mit schlechten Deutschkenntnissen sollen besonderen Deutschunterricht erhalten. Die
Schulpflicht endet in der Regel nach 12 Jahren des Schulbesuchs.
 Fragen Sie gegebenenfalls im Kindergarten oder in der Schule nach, ob es
Fördermöglichkeiten für Ihr Kind gibt. In vielen Schulen wird auch muttersprachlicher Unterricht,
Hausaufgabenhilfe und anderes angeboten.
 Wenn mit dem Schulbesuch besondere Kosten verbunden sind, zum Beispiel für den
Fahrtweg, für Klassenfahrten oder sonstiges, können Sie das Geld dafür als „sonstige Leistung”
nach § 6 AsylbLG beantragen. Damit soll den besonderen Bedürfnissen von Kindern Rechnung
getragen werden. Erhalten Sie Leistungen nach § 2 AsylbLG, können Sie lediglich für mehrtägige
Klassenfahrten Zuschüsse nach § 31 SGB XII erhalten. In jedem Fall ist ein gut begründeter, auf
Ihren Fall zugeschnittener Antrag erforderlich. Bei einer Ablehnung haben Sie die Möglichkeit,
Widerspruch zu erheben und Klage beim Sozialgericht einzulegen. Lassen Sie sich gegebenenfalls
von einer Beratungsstelle unterstützen.
Studium
Formal gibt es für die Aufnahme eines Studiums keine aufenthaltsrechtlichen Einschränkungen,
studieren ist also theoretisch auch mit Aufenthaltsgestattung in Niedersachsen möglich. Das
niedersächsische Hochschulgesetz setzt den allgemeinen Rahmen: Dort ist beispielsweise geregelt,
dass die für ein Studium erforderlichen deutschen Sprachkenntnisse vorhanden sein müssen. Die
Studienordnungen der Hochschulen sehen detailliertere und durchaus auch unterschiedliche
Regelungen zu den Studienvoraussetzungen vor. In der Praxis reicht einigen Universitäten und
Fachhochschulen die Vorlage einer Aufenthaltsgestattung nicht, stattdessen verlangen sie eine
Aufenthaltserlaubnis. Es kommt auf den Versuch an!
Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe praktischer Probleme, die ein Studium für Sie erschweren
oder unmöglich machen: Sofern die Universität oder (Fach-)Hochschule, an der Sie studieren
wollen, außerhalb des Ihnen zugewiesenen Aufenthaltsbereichs liegt, benötigen Sie für den
Aufenthalt am Studienort eine Genehmigung der Ausländerbehörde (so genannte Residenzpflicht,
siehe Kapitel 7.2). Eine solche Erlaubnis dürfte schwer zu erhalten sein, auch ein Umzug zu
Studienzwecken wird in der Regel nicht erlaubt.
Das größte Problem dürfte für Sie die Finanzierung eines Studiums sein. Als Student/in haben Sie
das Recht und auch die Pflicht, in eine gesetzliche Krankenversicherung einzutreten. Die
Übernahme von Krankheitskosten durch das Sozialamt reicht als Nachweis einer
Krankenversicherung nicht aus. Studierende bis zum 14. Semester, maximal bis zum 30.
Lebensjahr, können sich über die gesetzliche Krankenversicherung für etwa 56 Euro pro Monat
versichern. Studierende über 30 Jahre werden von der gesetzlichen Krankenversicherung nicht
aufgenommen und müssen eine private Krankenversicherung abschließen. Hinzu kommen die
Studiengebühren, die in Niedersachsen 500 Euro pro Semester betragen, die Kosten für ein
Semesterticket sowie weitere Gebühren (ca. 100 bis 150 Euro im Semester).
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Wenn Sie Sozialleistungen nach §§ 3-7 AsylbLG in Anspruch nehmen, dürfen Sie gleichzeitig
studieren. Denn anders als bei Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II oder XII gibt es im
AsylbLG kein ausdrückliches Verbot zu studieren. Schwieriger ist die Aufnahme eines Studiums,
wenn Sie Leistungen nach § 2 AsylbLG gemäß den Bestimmungen des SGB XII beziehen. Das
Sozialgesetzbuch verbietet den Bezug von Sozialleistungen zum Zweck der Finanzierung eines
Studiums. Sie können allerdings versuchen, Sozialleistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts
als Darlehen oder als Beihilfe über die Härtefallregelung des § 22 Abs. 1 Satz 2 SGB XII zu
beantragen - z. B. dann, wenn Sie bereits kurz vor Abschluss Ihres Studiums stehen. Wenn Sie dem
Sozialamt verschweigen, dass Sie studieren, und die Behörde dies später erfährt, wird die
Sozialhilfe wieder zurückgefordert. Wenn Sie studieren wollen, ohne Sozialleistungen zu beziehen,
brauchen Sie also eine Arbeitsgenehmigung und eine Arbeit, mit der Sie sich vollständig selbst
finanzieren können, oder andere Finanzierungsquellen.
Flüchtlinge mit Aufenthaltsgestattung haben in der Regel keinen Anspruch auf
Ausbildungsförderung nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG). Nur wenn Sie
selbst vor Beginn der Ausbildung fünf Jahre in Deutschland erwerbstätig waren oder ein Elternteil
hier während der letzten sechs Jahre drei Jahre gearbeitet hat, haben Sie Anspruch auf BAföGLeistungen (§ 8 BAföG). Auch wenn einer Ihrer Elternteile mindestens sechs Monate hier gearbeitet
hat und aus einem wichtigen Grund (Krankheit, Kindererziehung, nicht aber Arbeitsverbot) nicht
mehr arbeiten konnte, können Sie unter Umständen BAföG-Förderung erhalten.
Möglicherweise können auch leistungsfähige Verwandte die Kosten des Studiums aufbringen.
Schließlich sollten Sie prüfen, ob Stiftungen für die (Teil-)Finanzierung in Frage kommen. Viele
Stiftungen fördern Studierende mit besonders guten Leistungen, aber auch gesellschaftliches
Engagement und materielle Bedürftigkeit können Kriterien für die Stipendienvergabe sein. Im
Internet finden Sie unter http://www.bildungsserver.de/zeigen.html?seite=427 eine Übersicht und
weiterführende Links.
Das Diakonische Werk der evangelischen Kirche hat ein spezielles FlüchtlingsStipendienprogramm, das eine Finanzierung des Studiums für Menschen mit unsicherem
Aufenthaltsstatus ermöglicht. Es gilt allerdings nur für Flüchtlinge aus Staaten außerhalb Europas.
Gefördert werden sollen Verfolgte, die in ihrem Herkunftsland eine Ausbildung nicht aufnehmen
konnten oder abbrechen mussten. Sie sollten nicht älter als 35 Jahre sein und bei Antragstellung in
der Regel nicht länger als drei Jahre in Deutschland leben. Bedingung ist ferner, dass Sie die
Absicht haben, nach Beendigung des Studiums in Ihr Heimatland zurückzukehren. Tun Sie das
nicht, müssen Sie das Stipendium später gegebenenfalls zurückzahlen.
 Wenden Sie sich an die Evangelische Studentengemeinde oder das Diakonische Werk in Ihrer
Stadt. Diese Stellen werden mit Ihnen gemeinsam eine Bewerbung für das Stipendienprogramm
verfassen. Dabei ist es wichtig zu erläutern, dass Sie aufgrund Ihrer aufenthaltsrechtlichen Situation
nur schwer oder gar keinen Zugang zu anderen Finanzierungsquellen (Arbeitsgenehmigung,
BAföG etc.) haben. Ein Merkblatt mit den Kriterien für die Förderung können Sie auch beim
Flüchtlingsrat Niedersachsen erhalten. Wenn Sie den Ansprechpartner vor Ort nicht kennen,
können Sie sich an die zuständige Mitarbeiterin des Diakonischen Werkes in Stuttgart wenden:
Frau Sylvia Karlev
Telefon 0711-2159-506
Fax 0711-2159-8 506
Email [email protected]
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Die formale Zugangsvoraussetzung für den Besuch einer Universität oder Fachhochschule ist die
allgemeine Hochschulreife / Abitur (bei Universität) oder die Fachhochschulreife / Fachabitur (bei
Fachhochschule) oder eine als gleichwertig anerkannte Schulausbildung im Herkunftsland. Wenn
Ihre Schulausbildung nicht als (Fach-)hochschulreife anerkannt ist, können Sie über das
erfolgreiche Ablegen der „Feststellungsprüfung” zur Studieneignung die Zugangsberechtigung
erwerben. Dafür müssen Sie in der Regel bei der Hochschule einen einjährigen Vorbereitungskurs
(„Studienkolleg”) absolvieren.
Bei Kunst- und Musikhochschulen können Sie unter Umständen auch ohne Abitur studieren, wenn
Sie besondere künstlerische Fähigkeiten haben. In manchen anderen Studiengängen genügt auch
ein Nachweis über bestimmte berufliche Vorbildungen (zum Beispiel Meisterprüfung).
 Ob Ihre Hochschulzugangsberechtigung der deutschen gleichwertig ist, können Sie in der
Datenbank der Kultusminister-Konferenz www.anabin.de abfragen.
Zweite Studienvoraussetzung ist der Nachweis von deutschen Sprachkenntnissen: Dazu müssen Sie
in der Regel die „Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang ausländischer
Studienberechtigter (DSH)” ablegen. Bestimmte andere Nachweise (Goethe-Sprachdiplom, Test
Deutsch als Fremdsprache für ausländische Studienbewerber „TestDaF” und andere) werden
ersatzweise anerkannt.
 Genauere Informationen zu Studienzulassung erhalten Sie beim Deutschen Akademischen
Austauschdienst DAAD (www.daad.de) oder bei den akademischen Auslandsämtern /
Studentensekretariaten der Universitäten und Fachhochschulen. Die Adressen aller deutschen
Hochschulen sowie Infos zu den angebotenen Studienfächern und Abschlüssen finden Sie unter
http://www.studienwahl.de.
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10. Flüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis nach § 25 I oder II
AufenthG (Asylberechtigte und GFK-Flüchtlinge)
10.1 Aufenthaltsrechtliche Situation
Wenn Sie nach Art. 16 a Grundgesetz als „Asylberechtigte/r” anerkannt sind, erhalten Sie eine
Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 1 AufenthG. Im Fall einer Anerkennung als Flüchtling nach §
60 Abs. 1 AufenthG (Anerkennung nach der Genfer Flüchtlingskonvention =
„Konventionsflüchtling”) erhalten Sie eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 2 AufenthG. Beide
Aufenthaltstitel haben die gleichen Rechtsfolgen. Sie erhalten mit der Aufenthaltserlaubnis einen
internationalen Reiseausweis für Flüchtlinge, den „GFK-Pass”. In der Regel gilt ihre
Aufenthaltserlaubnis für die nächsten zwei Jahre und wird danach um ein weiteres Jahr verlängert.
Spätestens nach drei Jahren überprüft das Bundesamt ihre Flüchtlingsanerkennung noch einmal.
Wenn das BAMF davon überzeugt ist, dass Sie immer noch in Ihrem Herkunftsland gefährdet sind,
wird es keinen Widerruf einleitet. Sie erhalten Sie dann eine Niederlassungserlaubnis, die Ihnen ein
dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland ermöglicht.
Widerruf
Der Verlust der Aufenthaltserlaubnis ist dann möglich, wenn das Bundesamt den Widerruf der
Flüchtlingsanerkennung beschließt. Dabei sind zwei Verfahren zu unterscheiden. In einem ersten
Verfahren prüft das BAMF, ob die Asyl- oder Flüchtlingsanerkennung widerrufen wird. Danach
entscheidet die Ausländerbehörde, ob Sie trotzdem in Deutschland bleiben dürfen.
Widerruf der Asyl- oder Flüchtlingsanerkennung durch das BAMF
Eine Prüfung, ob ein Widerruf eingeleitet wird oder nicht, findet seit 2005 regelmäßig nach drei
Jahren statt, kann aber grundsätzlich auch früher oder später jederzeit erfolgen. Ein Widerruf ist vor
allem dann möglich, wenn sich die Verhältnisse in Ihrem Herkunftsland so gravierend verändert
haben, dass Sie bei einer Rückkehr nicht mehr von Verfolgung bedroht sind. In den Jahren 2005
und 2006 führte das Bundesamt fast 17.000 Widerrufsverfahren durch, vor allem bei Flüchtlingen
aus dem Irak und dem Kosovo, aber auch bei Flüchtlingen aus Bosnien, Montenegro, Serbien,
Türkei, Sri Lanka, Iran, Afghanistan und anderen Staaten.
In vielen hundert Fällen hat aber das Verwaltungsgericht im Klageverfahren den Widerruf als
falsch erachtet und die Flüchtlingsanerkennung bestätigt. Beispielsweise wurde der Widerruf der
Flüchtlingsanerkennung von Flüchtlingen aus der Türkei mit der Begründung abgelehnt, dass die
Verfolgungsgefahr zwar geringer geworden sei, aber nach wie vor bestehe.
Aber auch dann, wenn eine Verfolgungsgefahr inzwischen weggefallen ist, weil das alte
Herrschaftssystem nicht mehr besteht, ist der Widerruf der Flüchtlingsanerkennung nicht unbedingt
die Folge: Das Gesetz sieht vor, dass Sie Ihren Flüchtlingspass behalten können, wenn Sie sich auf
zwingende, auf früheren Verfolgungen beruhende Gründe berufen können, um die Rückkehr in den
ehemaligen Verfolgerstaat abzulehnen. Mit dieser Vorschrift wird Rücksicht auf Menschen
genommen, die sich, etwa nach schlimmen Gewalterfahrungen, in einer psychischen
Sondersituation befinden.
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 In der Regel erhalten Sie vor dem Widerrufsbescheid zunächst eine Aufforderung, zu einem
beabsichtigten Widerruf Stellung zu nehmen (so genannte Anhörung). Im Falle eines drohenden
Widerrufs sollten Sie auf jeden Fall rechtzeitig die Hilfe eines Rechtsanwalts oder einer
Rechtsanwältin in Anspruch nehmen.
 Gegen einen Widerrufsbescheid durch das BAMF kann man innerhalb von zwei Wochen nach
dessen Zustellung vor dem Verwaltungsgericht klagen. Dann wird ein Widerruf erst mit der
Gerichtsentscheidung wirksam. Bis das Gericht entscheidet, vergehen in der Regel einige Monate.
Es kann sinnvoll sein, für ein solches Klageverfahren denselben Anwalt oder dieselbe Anwältin zu
beauftragen, die schon im ersten Asylverfahren tätig war, weil er/sie die Akten kennt.
Prüfung des weiteren Aufenthalts durch die Ausländerbehörde
Auch der endgültige Verlust der Flüchtlingsanerkennung bedeutet nicht automatisch, dass Sie Ihr
Aufenthaltsrecht verlieren. Unter Umständen haben Sie wegen der Dauer Ihres Aufenthalts und
Ihrer Integration in Deutschland Anspruch auf ein Aufenthaltsrecht aus anderen Gründen (lesen Sie
dazu Kapitel 6.2 und 6.3).
 Wen Sie noch im Besitz einer Aufenthaltserlaubnis sind, wird die Ausländerbehörde diese
wahrscheinlich widerrufen oder nicht verlängern. Das bedeutet wahrscheinlich, dass Sie nicht in
Deutschland bleiben können. Sie sollten aber mit einem Rechtsanwalt, einer Rechtsanwältin oder
einer Beratungsstelle für Flüchtlinge prüfen, ob für Sie etwas anderes gilt.
 Wenn Sie schon im Besitz der Niederlassungserlaubnis sind, ist Ihr Aufenthalt nicht
unmittelbar gefährdet. Der drohende Widerruf der Flüchtlingsanerkennung hat in der Regel nicht
den Entzug der Niederlassungserlaubnis zur Folge. Allerdings müssen Sie Ihren Reiseausweis für
Flüchtlinge bei der Ausländerbehörde abgeben. Sie müssen sich einen Pass Ihres Heimatlandes
besorgen. Nur wenn das ausnahmsweise nicht möglich ist, können Sie einen Reiseausweis für
Ausländer bekommen. Das ist etwa der Fall, wenn die Auslandsvertretung Ihres Heimatlandes die
Ausstellung eines Passes verweigert.
 Im laufenden Widerrufverfahren darf die Ausländerbehörde die Aufenthaltserlaubnis nicht
einfach entziehen, sondern muss warten, bis die Entscheidung der BAMF oder des Gerichts
rechtskräftig ist. Dies haben mehrere Verwaltungsgerichte so entschieden. Dennoch kommt es
immer wieder vor, dass die Ausländerbehörde ein Verfahren zum Widerruf der
Aufenthaltserlaubnis schon einleitet, bevor der Widerrufsbescheid zum Vorliegen von
Abschiebungshindernissen rechtskräftig geworden ist. Sie sollten dagegen mit Hilfe eines
Rechtsanwalts oder einer Rechtsanwältin Klage erheben!
 Hat das BAMF innerhalb der ersten drei Jahre nach Ihrer Asyl- oder Flüchtlingsanerkennung
den Widerruf geprüft, aber die Anerkennung nicht widerrufen, haben Sie ein Anspruch auf eine
Niederlassungserlaubnis (§ 26 Abs. 3 AufenthG). Beantragen Sie die Niederlassungserlaubnis bei
der Ausländerbehörde. Falls es dabei Probleme gibt, wenden Sie sich an einen Rechtsanwalt, eine
Rechtsanwältin oder eine Beratungsstelle für Flüchtlinge.
Familienasyl und Familienflüchtlingsanerkennung
Wenn Sie als Flüchtling anerkannt sind, können Ihr/e Ehepartner/in und Ihre Kinder das so
genannte „Familienasyl” oder „Familienflüchtlingsanerkennung” erhalten (§ 26 AsylVfG). Das
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heißt, sie werden ebenfalls als Flüchtlinge anerkannt und erhalten einen GFK-Reiseausweis. Für
das Familienasyl gelten allerdings bestimmte Regeln:
• Der/die Ehepartner/in erhält nur dann Familienasyl, wenn die Ehe schon im Herkunftsland
bestanden hat.
• Der/die Ehepartner/in muss gleichzeitig mit dem Flüchtling oder bei seiner/ihrer Ankunft
ebenfalls einen Asylantrag gestellt haben.
• Nur unverheiratete Kinder unter 18 Jahren können Familienasyl erhalten; entscheidend ist
der Zeitpunkt der Asylantragstellung.
• Der Antrag auf Familienasyl für neu geborene Kinder muss innerhalb eines Jahres nach der
Geburt gestellt werden.

Familienasyl müssen Sie beim BAMF beantragen. Vor der Entscheidung zum Familienasyl
prüft das Bundesamt allerdings, ob nicht ein Widerruf Ihrer Asylanerkennung in Betracht kommt.
Diese Gefahr sollten Sie bedenken.
Wenn sich Ihre Angehörigen in Deutschland aufhalten und aufgrund dieser Regelungen kein
Familienasyl erhalten, können sie dennoch eine Aufenthaltserlaubnis erhalten. Dies richtet sich
nach den Regeln für den Familiennachzug. Dabei spielt es keine Rolle, dass Ihre Angehörigen gar
nicht nachziehen, sondern schon in Deutschland sind. Diese Regeln werden im Folgenden
beschrieben. Wichtiger Unterschied: Das Visumsverfahren bei der deutschen Botschaft fällt für
Ihre Angehörigen weg.
Familiennachzug und Aufenthaltsrecht der Familienangehörigen
Ihr/e Ehepartner/in und ihre minderjährigen Kinder haben grundsätzlich einen Anspruch auf
Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis (§§ 30 und 32 AufenthG). Falls Ihr/e Ehepartner/in und Ihre
minderjährigen, unverheirateten Kinder noch nicht in Deutschland leben, dürfen sie in die
Bundesrepublik einreisen, um mit Ihnen gemeinsam zu leben. Die Erlaubnis zum Familiennachzug
müssen Ihre Angehörigen vor der Einreise im Herkunftsland bei der deutschen Botschaft einholen.
Eine Ausnahme liegt aber vor, wenn der nachzugswillige Familienangehörige bereits mit
Daueraufenthaltsrecht oder als anerkannter Flüchtling in einem Drittstaat (also nicht dem
Verfolgerstaat) lebt. Dann prüft die Ausländerbehörde zuerst, ob Ihrer Familie das gemeinsame
Leben im Drittstaat zumutbar ist. Außerdem besteht beim Antrag auf Familiennachzug die Gefahr,
dass das BAMF ein Widerrufsverfahren einleitet. Dann wird mit der Entscheidung über den
Familiennachzug so lange gewartet, bis entschieden ist, ob die Flüchtlingsanerkennung widerrufen
wird.
Ein „Familiennachzug” ist auch möglich, wenn sich Ihre Familienangehörige bereits in
Deutschland aufhalten. In diesem Fall ist die Ausländerbehörde für die Erteilung der
Aufenthaltserlaubnis zuständig.
 Wenn sich Ihre Familienangehörige bereits in Deutschland aufhalten, prüfen Sie zusammen
mit einer Beratungsstelle, ob nicht zusätzlich oder anstelle eines Antrags auf Familiennachzug ein
Antrag auf Familienasyl sinnvoll ist (s.o.).
Grundsätzlich ist der Familiennachzug nur für verheiratete Partner/innen sowie Eltern mit ihren
minderjährigen Kindern möglich. Zu den Kindern gehören auch Adoptiv-, Stief- oder Pflegekinder.
Ausgeschlossen sind unverheiratete Partner/innen. Der/die gleichgeschlechtliche Lebenspartner/in
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zählt nach niedersächsischer Lesart nur dann dazu, wenn die Lebenspartnerschaft schon im Ausland
vom Staat anerkannt oder registriert wurde.
Nach dem Gesetz kann auch anderen Familienangehörigen (zum Beispiel Großeltern, volljährige
Kinder, Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen oder Enkel) der Familiennachzug erlaubt
werden, wenn eine „außergewöhnliche Härte” vorliegt, also zum Beispiel wenn diese
Familienangehörigen aufgrund besonderer Lebensumstände auf die Betreuung gerade durch
diese/diesen Verwandte/n angewiesen sind. Die Behörden machen aber nur selten von dieser
Vorschrift Gebrauch, weil hier zunächst festgestellt werden muss, ob eine „außergewöhnliche
Härte” vorliegt. Auch wenn dies der Fall ist, besteht noch keine Anspruch auf Nachzug, sondern es
steht im Ermessen der Behörde, ob dieser gestattet werden soll.
Für den Familiennachzug müssen Ihre Angehörigen die Passpflicht erfüllen.
Normalerweise ist für den Familiennachzug erforderlich, dass genügend Wohnraum für Sie und
Ihre Familienangehörigen zu Verfügung steht. Außerdem muss der Lebensunterhalt gesichert sein.
Wenn aber Familienangehörige von anerkannten Flüchtlingen nach Deutschland kommen, kann
davon abgesehen werden. Die Entscheidung steht im Ermessen der deutschen Auslandsvertretung.
Es besteht also kein Anspruch auf Familienzusammenführung. Wird aber der Antrag auf
Familienzusammenführung innerhalb von drei Monaten nach Anerkennung als Flüchtling gestellt,
muss von der Sicherung des Lebensunterhaltes und vom Erfordernis ausreichenden Wohnraums
abgesehen werden. Die Auslandsvertretung darf als die Familienzusammenführung nicht mit der
Begründung verweigern, dass Ihre Wohnung zu klein oder Ihre Einkommen zu niedrig ist.
 Wenn Sie als Flüchtling anerkannt wurden und Sie wollen Familienangehörige zu sich nach
Deutschland holen, stellen Sie den Antrag auf Familienzusammenführung innerhalb von drei
Monaten nach ihrer Anerkennung. Hält sich Ihr Familienangehörige noch im Ausland auf, kann er
den Antrag bei der deutschen Auslandsvertretung stellen. Der Frist von drei Monaten wahren Sie
aber auch, wenn Sie einen Antrag bei der Ausländerbehörde stellen. Hält sich Ihr
Familienangehöriger bereits in Deutschland auf, können Sie oder der Familienangehörige den
Antrag bei der Ausländerbehörde stellen.
Wenn Ihr Ehegatte noch keine 18 Jahre alt ist, kann er oder sie noch nicht nach Deutschland
kommen. Sie müssen abwarten, bis er oder sie 18 Jahre alt ist. Sind Sie beide noch keine 18 Jahre
alt, kann davon in Härtefällen abgesehen werden, z.B. bei Vorliegen einer Schwangerschaft.
Normalerweise ist es Voraussetzung für den Ehegattennachzug, dass der Ehegatte sich auf einfache
Art in deutscher Sprache verständigen kann. Das gilt aber nicht für Ehegatten von anerkannten
Flüchtlingen, wenn die Ehe bereits bestand, als der Flüchtling nach Deutschland gekommen ist.
 Verlangt die deutsche Auslandsvertretung den Nachweis von Deutschkenntnissen, obwohl Sie
als Flüchtling anerkannt sind und schon vor Ihrer Einreise verheiratet waren, weisen Sie oder Ihr
Angehöriger auf Ihre Anerkennung hin. Wenn das nichts hilft, legen Sie gegen die Entscheidung
Rechtsmittel ein (s.o.).
Ist der Familienangehörige, der nachziehen will, bereits einmal ausgewiesen, an der Grenze
zurückgeschoben oder abgeschoben worden, wurde gegen ihn eine Wiedereinreisesperre verhängt.
Ein Familiennachzug ist in solchen Fällen nur möglich, wenn man erfolgreich einen Antrag auf
Befristung der Wiedereinreisesperre stellt, diese Zeit abwartet und mit einem gültigen Visum zum
Zweck der Familienzusammenführung einreist. Zuständig dafür ist die Behörde, die die
Ausweisung verhängt und die Abschiebung oder Zurückschiebung durchgeführt hat. Oft macht sie
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vor der Entscheidung über die Befristung zur Bedingung, dass vorher die Abschiebungskosten
bezahlt wurden. Erst danach können die Familienangehörigen bei der deutschen Botschaft im
Ausland ein Visum für die Einreise erhalten.
 Bedenken Sie bei Beantragung einer Familienzusammenführung, dass die Ausländerbehörde
beim BAMF anfragen wird, ob ein Widerruf der Asylanerkennung möglich ist. Wenn Ihr
Abschiebungsverbot erst vor Kurzem rechtskräftig geworden ist, ist diese Gefahr gering. Wenn Sie
aber schon längere Zeit anerkannt sind oder sich die Situation in Ihrem Herkunftsland erheblich
verändert hat, sollten Sie vor einem Antrag auf Familienzusammenführung den Rat eines
Rechtsanwalts, einer Rechtsanwältin oder einer Beratungsstelle für Flüchtlinge einholen.
 Sobald Sie im Besitz einer Niederlassungserlaubnis sind, haben Sie ein Aufenthaltsrecht, das
unbefristet gilt, also normalerweise auch dann fortbesteht, wenn ein Widerruf Ihrer
Asylanerkennung erfolgen sollte. Ein Antrag auf Familiennachzug hat also wahrscheinlich keine
nachteiligen Folgen für Sie. Gefährlich kann es aber sein, wenn Sie auf Sozialleistungen
angewiesen sind oder Ausweisungsgründe vorliegen. Im Zweifel wenden Sie sich an einen
Rechtsanwalt, eine Rechtsanwältin oder eine Beratungsstelle für Flüchtlinge.
 Falls die Auslandsvertretung den Visumsantrag ablehnt, macht sie keinen schriftlichen
Bescheid. Sie oder Ihr Familienangehörige können sich aber bei der Auslandsvertretung oder dem
Auswärtigen Amt in Berlin über die Ablehnung beschweren. Man nennt das „Remonstration”.
Darauf hin schreibt das Auswärtige Amt einen schriftlichen Bescheid, in dem es die Gründe für die
Ablehnung erläutert. Gegen diesen Bescheid können Sie oder Ihr Angehöriger innerhalb von einem
Monat nach Zugang Klage beim Verwaltungsgericht Berlin erheben. Die Klage muss innerhalb der
Frist beim Verwaltungsgericht eingehen. Wenden Sie sich am besten an einen Rechtsanwalt oder
eine Rechtsanwältin.
 Ist ein Familiennachzug im regulären Verfahren mit gültigem Pass und Visum für Ihre
Familienangehörigen nicht möglich, können sie auch als Flüchtlinge ohne gültigen Pass und Visum
nach Deutschland fliehen. Ihre Angehörigen erhalten ebenfalls einen Flüchtlingspass, wenn die
Bedingungen zum Familienasyl erfüllt sind. Allerdings ist es schwierig, ohne Visum nach
Deutschland zu kommen.
Einbürgerung
Einen Anspruch auf Einbürgerung haben Sie nach acht Jahren rechtmäßigem Aufenthalt (§§ 10 ff.
StAG). Hierbei zählt nicht nur die Zeit der Aufenthaltserlaubnis oder Niederlassungserlaubnis,
sondern auch die Dauer der Aufenthaltsgestattung während des Asylverfahrens mit. Zusätzlich
müssen Sie folgende Bedingungen erfüllen:
• Sie können den Lebensunterhalt für Ihre Familie ohne Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld II
sichern. Kinder- und Erziehungsgeld spielen keine Rolle.
• Es gibt keinen Ausweisungsgrund, insbesondere keine Verurteilungen wegen Straftaten.
Strafen bis zu 90 Tagessätzen sind in der Regel unproblematisch. Wenn die Grenze
überschritten wird, kann im Einzelfall dennoch eingebürgert werden.
• Sie bekennen sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung.
• Sie verfügen über Deutschkenntnisse. Voraussetzung ist, dass Sie das Zertifikat Deutsch
(B1 des so genannten Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen)
bestanden haben.
• Sie verfügen über Kenntnisse der Rechts- und Gesellschaftsordnung.
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Die Aufenthaltsfrist wird auf sieben Jahre verkürzt, wenn man den erfolgreichen Besuch eines
Integrationskurses nachweisen kann (lesen Sie dazu in Kapitel 8.7 den Abschnitt Deutschkurse).
Eine weitere Verkürzung auf sechs Jahr ist möglich, wenn Sie besondere Integrationsleistungen
erbracht haben. Dazu zählen insbesondere besonders gute Deutschkenntnisse. Hilfreich ist aber
beispielsweise auch ein Engagement bei der Freiwilligen Feuerwehr, dem Roten Kreuz oder in
Sportvereinen.
Ab dem 1.9.2008 sollen Einbürgerungstest eingeführt werden. Dort soll geprüft werden, ob die
erforderlichen Kenntnisse der Rechts- und Gesellschaftsordnung gegeben sind. Zur Vorbereitung
werden freiwillige Einbürgerungskurse angeboten werden.
Als anerkannter Flüchtling können Sie nach sechs Jahren auch im Rahmen der
„Ermessenseinbürgerung” Deutsche/r werden. Hier hat die Behörde einen
Entscheidungsspielraum. Auch hier zählen die Zeiten des Asylverfahrens mit. Zusätzlich gelten
folgende Mindestbedingungen:
• Es darf kein Ausweisungsgrund vorliegen, vor allem keine schweren Straftaten.
• Sie haben eine Wohnung.
• Sie können sich und Ihre Angehörigen finanziell versorgen.
Als anerkannter Flüchtling müssen Sie ihre alte Staatsbürgerschaft nicht aufgeben, einen deutschen
Pass können Sie zusätzlich erhalten (§ 12 Abs. 6 StAG). Abgeben müssen Sie aber nach der
Einbürgerung den GFK-Flüchtlingspass, den Sie aber als deutscher Staatsangehöriger nicht mehr
benötigen.

Allerdings fragt die Ausländerbehörde vor der Erteilung der doppelten Staatsangehörigkeit,
also vor der Erteilung der deutschen zusätzlich zur bisherigen Staatsangehörigkeit, beim
Bundesamt nach, ob die Anerkennungsgründe weiter fortbestehen oder ob ein Widerruf eingeleitet
wird. Das ist unproblematisch, wenn Sie auch ohne die Privilegien als anerkannter Flüchtling
eingebürgert werden könnten. Wenn es aber bei der Einbürgerung darauf ankommt, dass Sie
anerkannter Flüchtling sind, sollten Sie genau prüfen, wie groß die Gefahr eines Widerrufs ist.
Unter Umständen ist es besser, mit dem Antrag auf Einbürgerung noch zu warten. Lassen Sie sich
von einem Rechtsanwalt, einer Rechtsanwältin oder einer Beratungsstelle beraten.
Ehegatten und Kinder können miteingebürgert werden, auch wenn Sie die Aufenthaltszeiten
selbst noch nicht erfüllen. Für Ehepartner/innen sollen in der Regel vier Jahre Aufenthalt
ausreichen, wenn die Ehe zwei Jahre in Deutschland bestanden hat. Für Kinder gelten meist drei
Jahre Aufenthalt.
Achtung: Wenn der Ehegatte oder die Kinder Familienasyl oder Familienabschiebungsschutz
genießen, besteht die große Gefahr, dass die Anerkennung widerrufen wird, wenn Sie eingebürgert
werden.
 Bevor Sie einen Antrag auf Einbürgerung stellen, besprechen Sie mit einem Rechtsanwalt,
einer Rechtsanwältin oder einer Beratungsstelle, welche rechtlichen Folgen die Einbürgerung für
Ihre Angehörigen hat.
Die Einbürgerung kostet für einen Erwachsenen 255 Euro, für miteingebürgerte Kinder 51 Euro.
Seite 81 von 201
10.2
Wohnen, Umziehen und Reisen
Wohnen
Spätestens mit der Flüchtlingsanerkennung haben Sie auch das Recht, eine eigene Wohnung zu
beziehen. Das Sozialamt übernimmt dafür die Miete, solange Sie kein eigenes Einkommen haben.
Allerdings gibt es eine Höchstgrenze für „angemessene” Mietkosten.
 Erkundigen Sie sich bei einer Beratungsstelle oder beim örtlichen Mieterverein, bis zu welcher
Höhe die Arbeitsagentur bzw. das Sozialamt die Mietkosten für Sie und Ihre Familie übernehmen
muss.
Arbeitslose junge Menschen unter 25 Jahren, die aus der Wohnung der Eltern ausziehen, erhalten
unter Umständen keine soziale Unterstützung für die Wohnung und nur 80 Prozent des
Arbeitslosengeldes II (§§ 22 Abs. 2 a, 20 Abs. 2 a SGB II).
Wohnsitzauflage
Mit einer Niederlassungserlaubnis können Sie innerhalb Deutschlands umziehen, wohin Sie wollen.
Ob Sie an Ihrem Zuzugsort auf Sozialleistungen angewiesen sind, spielt dabei keine Rolle.
Auch mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 1 oder 2 AufenthG darf die Ausländerbehörde
Ihnen einen Umzug nicht mehr verbieten. Das Bundesverwaltungsgericht hat im 15. Januar 2008
entschieden, dass eine Wohnsitzauflage für anerkannte Flüchtlinge rechtswidrig ist. Deshalb dürfen
Sie mit einer dieser Aufenthaltserlaubnisse frei umziehen - sowohl innerhalb Nidersachsens als
auch in ein anderes Bundesland. Wenn Sie Familienangehörige (minderjährige Kinder oder
Ehegatte) haben, die eine andere Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen besitzen, wird
auch für diese keine Beschränkung bei der Wohnsitznahme verfügt. Sie können ohne Erlaubnis der
Ausländerbehörde zusammenziehen.
 Wenn Ihnen die Ausländerbehörde einen Umzug verweigert, lassen Sie sich von einem
Rechtsanwalt, einer Rechtsanwältin oder einer Beratungsstelle beraten.
Reisen und Umzug ins Ausland
Reisen ist für Sie weitgehend unproblematisch. Als anerkannter Flüchtling dürfen Sie sich
innerhalb Deutschlands grundsätzlich frei bewegen. Alle Staaten, die die Genfer
Flüchtlingskonvention unterzeichnet haben, erkennen den GFK-Pass als Ausweis und Reisepass an.
Dies sind weltweit über 100 Staaten. Damit ist eine visumfreie Einreise in fast alle europäischen
Länder (Schengen-Staaten) problemlos möglich. Dort dürfen Sie sich für drei Monate - jeweils
innerhalb eines Zeitraums von sechs Monaten - ohne Visum aufhalten. Sie dürfen dort allerdings
nicht arbeiten.
Als anerkannter Flüchtling besitzen Sie aber keine Freizügigkeit in der EU. Das heißt, Sie müssen
grundsätzlich in dem Staat leben, in dem Sie die Anerkennung und Aufenthaltserlaubnis erhalten
haben. Im Einzelfall kann aber der andere Staat aus besonderen Gründen (zum Beispiel Heirat mit
einem Staatsangehörigen dieses Staates) einen Umzug zulassen.
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Entscheidend sind also die jeweiligen Einreisebestimmungen des Landes, in welches Sie reisen
oder umziehen wollen.
 Wenn Sie reisen oder umziehen wollen, erkundigen Sie sich bei der Botschaft des
betreffenden Landes über die genauen Bedingungen (Visumspflicht, Einwanderungsmöglichkeiten
und anderes) und wenden Sie sich bei besonderen Problemen (zum Beispiel
Familienzusammenführung) an einen Rechtsanwalt oder eine Rechtsanwältin. Botschafts- und
Konsulatsadressen in Deutschland sowie weitere Informationen zu den Staaten erhalten Sie im
Internet beim Auswärtigen Amt: http://www.auswaertigesamt.de/diplo/de/LaenderReiseinformationen.jsp.
Wenn Sie aus Deutschland auswandern wollen, können Ihnen auch spezialisierte Beratungsstellen
weiterhelfen:
Raphaels-Werk
Vordere Schöneworth 10
30167 Hannover
Tel.: 0511/7132-37/ -38
Fax: 0511/7132-39
E-Mail: [email protected]
Deutsches Rotes Kreuz
Bergstr. 6
26122 Oldenburg
Tel.: 0441/77934-12
Fax: 0441/7793355
Eine Reise in Ihr Herkunftsland sollten Sie sich als in Deutschland anerkannter Flüchtling gut
überlegen, auch wenn Ihnen dies dringend notwendig oder momentan wenig gefährlich erscheint.
Sie wurden anerkannt, weil Sie in Ihrer Heimat Verfolgung befürchten müssen. Erfahren die
Behörden von Ihrer Heimreise, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Widerrufsverfahren
eingeleitet, weil Sie offenbar selbst nicht mehr befürchten, verfolgt zu werden. Dann verlieren Sie
Ihren Flüchtlingsstatus. Ob Sie dann Ihr Aufenthaltsrecht für Deutschland behalten, ist ungewiss.
Sie dürfen sich auch nicht Ihren nationalen Reisepass verlängern oder neu erteilen lassen. Es droht
dann die Gefahr, dass Ihre Flüchtlingsanerkennung erlischt.
Wenn Sie die Staatsangehörigkeit eines anderen Staates annehmen, erlischt ebenfalls Ihre
Flüchtlingsanerkennung. Sie sollten das bedenken, bevor Sie einen Antrag auf Einbürgerung in
einem anderen Staat stellen.
10.3
Arbeit und Ausbildung
Arbeit
Als anerkannter Flüchtling bekommen Sie eine uneingeschränkte und unbefristete Arbeitserlaubnis.
Die Ausländerbehörde macht einen entsprechenden Vermerk in ihre Aufenthaltserlaubnis. Auch
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eine selbstständige Erwerbstätigkeit ist erlaubt. Mit dieser Arbeitserlaubnis können Sie sich selbst
eine Arbeit suchen und die Förderangebote der staatlichen Arbeitsagentur in Anspruch nehmen.
Wenn Sie Arbeitslosengeld I oder II erhalten, sind Sie verpflichtet, nach Arbeit zu suchen. Die
Arbeitsagentur kann Sie verpflichten, sich auf konkrete Stellen zu bewerben und an
Bewerbungstrainings oder bestimmten Qualifizierungsmaßnahmen teilzunehmen. Die Agentur soll
Sie bei der Arbeitssuche unterstützen und Ihnen konkrete Jobs anbieten. Auch wenn diese Arbeiten
schlecht bezahlt werden und Sie aufgrund ihrer Ausbildung lieber eine andere Arbeit hätten, dürfen
Sie die angebotenen Jobs nicht ohne Weiteres ausschlagen. Wenn Sie ohne triftigen Grund eine
Arbeit ablehnen, können Ihnen die Sozialleistungen gekürzt oder sogar ganz gestrichen werden.
Die Arbeitsagentur übernimmt Ihre Kosten für Bewerbungen (Bewerbungsmappen,
Beglaubigungen, Fotos, Gesundheitszeugnis, Übersetzung von Zeugnissen). Auch Fahrtkosten zu
Vorstellungsgesprächen oder zu einer speziellen Berufsberatung können erstattet werden. Die
Arbeitsagentur kann außerdem finanzielle Unterstützung leisten, um Ihre Eingliederung in den
Arbeitsmarkt zu fördern. Dazu zählt zum Beispiel die Kostenübernahme für eine ABM-Stelle, ein
Einstiegsgeld als Zuschuss für die Aufnahme einer Arbeit, die Finanzierung einer psychosozialen
Beratung oder einer Suchtberatung.
 Sammeln Sie die Quittungen und Belege für die Ausgaben bei der Arbeitsuche. Erkundigen
Sie sich nach speziellen Fördermöglichkeiten für Sie.
Rechte als Arbeitnehmer
Als Arbeitnehmer haben Sie gegenüber dem Arbeitgeber bestimmte Rechte. Dazu gehören die
Auszahlung des vereinbarten Lohns, die Lohnzahlung im Krankheitsfall, Urlaubsanspruch und
anderes.
 Wenn Sie Schwierigkeiten mit Ihrem Arbeitgeber haben, können Sie vor dem Arbeitsgericht
klagen. Lassen Sie sich vorher gut beraten, zum Beispiel bei der Gewerkschaft.
Wenn Sie eine Arbeit gefunden haben, sind Sie verpflichtet, dies dem Sozialamt und dem
Arbeitsamt so schnell wie möglich mitzuteilen. Wenn Sie nicht viel verdienen, bekommen Sie
weiterhin ergänzende Sozialleistungen und einen neuen Bescheid über Ihre Sozialleistungen. Wenn
Sie Ihre Arbeit nicht unverzüglich melden, fordern die Ämter das von ihnen zuviel gezahlte Geld
zurück. Unter Umständen bekommen Sie auch Probleme, weil man Ihnen Betrug vorwirft.
Ausbildung
Der Aufnahme einer Ausbildung steht formal nichts im Wege, Ihre Arbeitserlaubnis bezieht sich
auch auf Ausbildungen. Sie müssen sich allerdings überlegen, wie Sie eine Ausbildung finanzieren
wollen, denn die Bezahlung einer Ausbildung ist in den meisten Fällen sehr schlecht. Als
anerkannter Flüchtling können Sie Anspruch auf Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) haben (§ 59 ff.
SGB III). Sie wird zusätzlich zu Ihrem Gehalt als Auszubildende/r gezahlt.
Berufsausbildungsbeihilfe wird während einer beruflichen Ausbildung oder einer
berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme gewährt. In der Regel wird nur die erste Ausbildung
gefördert, es sei denn, die frühere Ausbildung wurde aus wichtigem Grund abgebrochen. Gefördert
wird nur, wer in einer Wohnung ohne seine Eltern lebt. Jugendliche unter 18 Jahren erhalten unter
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Umständen keine BAB, weil ihre Ausbildungsstätte in der Nähe der Wohnung der Eltern liegt und
die Behörde argumentiert, dass Sie auch dort wohnen könnten. Für Verheiratete und Personen mit
Kindern spielt die elterliche Wohnung keine Rolle.
Selbstständigkeit
Auch die selbstständige Tätigkeit ist Ihnen erlaubt. Um den Einstieg in die Selbstständigkeit
finanzieren zu können, können Sie von der Arbeitsagentur einen so genannten
Gründungszuschuss von 300 Euro monatlich erhalten (§ 57 f. SGB III). Der Gründungszuschuss
wird neun Monate lang zusätzlich zu Ihrem Arbeitslosengeld gezahlt und kann dann noch einmal
für sechs Monate verlängert werden. Um einen Gründungszuschuss zu erhalten, müssen Sie noch
mindestens drei Monate lang Anspruch auf Arbeitslosengeld I haben. Außerdem müssen Sie der
Arbeitsagentur nachweisen, dass Ihre Gründungsidee tragfähig ist und Sie die dafür benötigten
Kenntnisse und Fähigkeiten besitzen.
 Vor einer Existenzgründung sollten Sie sich in jedem Fall umfassend bei der Industrie- und
Handelskammer, dem Deutschen Hotel und Gaststättenverband, der Handwerkskammer oder
anderen kompetenten Stellen beraten lassen. Diese Vereinigungen bieten auch
Existenzgründungsseminare an. Gründen Sie nicht übereilt ein Gewerbe. Schließen Sie vor allem
erst einen Mietvertrag oder andere Verträge ab, nachdem Sie sich umfassend beraten lassen haben
und ein tragfähiges Konzept haben. Es besteht die große Gefahr dauerhafter Verschuldung.
Arbeitsgelegenheiten
Wenn Sie arbeitslos sind, können Sie vom Sozialamt zu „gemeinnütziger” Arbeit verpflichtet
werden (§ 16 Abs. 3 SGB II). Sie können sich auch selbst darum bemühen und bei den örtlichen
Job-Centern danach fragen. Solche Arbeiten sind zum Beispiel Laubharken im städtischen Park,
Mitarbeit in gemeinnützigen Vereinen oder Ähnliches. Für diese Arbeit erhalten Sie zusätzlich zu
ihren Sozialleistungen einen geringen Stundenlohn von 1 bis 2 Euro. Dies ist aber keine reguläre
Arbeit und Sie sind darüber nicht sozialversichert. Wenn Sie sich weigern, die angebotene Arbeit
auszuführen, oder ohne Entschuldigung fehlen, können Ihre Sozialleistungen gekürzt werden.
Gekürzt werden darf im Regelfall nur die Sozialleistung der Person, die die Arbeit verweigert, nicht
aber die Sozialleistung für Ihre Kinder.
 Wenn es wichtige Gründe dafür gibt, dass Sie eine gemeinnützige Arbeit nicht ausführen
können oder wollen (Krankheit, fehlende Betreuungsmöglichkeit für die Kinder oder anderes),
teilen Sie das dem Arbeitsamt so schnell wie möglich mit. Wenn Sie krank sind, sollten Sie ein
Attest vorlegen, aus dem Ihre Arbeitsunfähigkeit hervorgeht. Wenn Ihre Sozialleistungen gekürzt
wurden, muss die Kürzung wieder aufgehoben werden, sobald Sie ihre Arbeitsbereitschaft zeigen.
Sollten Ihre Sozialleistungen zu Unrecht oder zu stark gekürzt werden oder auch andere
Familienangehörige betreffen, wenden Sie sich an einen Rechtsanwalt oder eine Beratungsstelle.
10.4
Soziale Sicherung
Wenn Sie arbeitslos sind, haben Sie Anspruch auf soziale Leistungen.
Welche Sozialleistungen Sie erhalten können, hängt von Ihrer persönlichen Lage ab. Wenn Sie
bereits längere Zeit gearbeitet haben, erhalten Sie unter Umständen das so genannte
Arbeitslosengeld I (ALG I). Haben Sie keinen Anspruch nach ALG I, sind aber zwischen 15 und 64
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Jahren alt und arbeitsfähig, erhalten Sie Leistungen der „Grundsicherung für Arbeitssuchende”
nach dem Zweiten Sozialgesetzbuch (SGB II), das so genannte „Arbeitslosengeld Zwei” (ALG II).
Ältere Menschen und dauerhaft erwerbsunfähige Erwachsene erhalten die Grundsicherung im Alter
und bei Erwerbsminderung nach dem Vierten Kapitel des SGB XII. Wenn Sie grundsätzlich
erwerbsfähig, aber längere Zeit krank sind, erhalten Sie Leistungen nach dem Dritten Kapitel des
SGB XII. Die Leistungen nach SGB II und XII sind in der Höhe weitgehend identisch.
Absicherung bei Arbeitslosigkeit (ALG I)
Bei Arbeitslosigkeit haben Sie unter Umständen Anspruch auf Arbeitslosengeld I (ALG I). Das
gilt, wenn Sie
innerhalb der letzten zwei Jahre mindestens zwölf Monate sozialversicherungspflichtig beschäftigt
waren,
sich darum bemühen, wieder Arbeit zu erhalten,
den Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung stehen.
Das ALG I beträgt 67% Ihres Nettolohns, wenn Sie Kinder haben, und 60% ohne Kinder. Die
Dauer des ALG I beträgt normalerweise zwischen sechs und zwölf Monaten und ist davon
abhängig, wie lange Sie innerhalb der letzten zwei Jahre gearbeitet haben. Personen ab 50 Jahre
können künftig bis zu bis zu 15 Monate, Personen ab 55 Jahre bis zu 18 Monate und Personen ab
58 Jahre bis zu 24 Monate lang ALG I erhalten, wenn Sie Beschäftigungszeiten bis zu vier Jahren
vorweisen können. Liegt Ihr Anspruch auf ALG I niedriger als der ALG II, wird dieses ergänzend
gezahlt.
 Um ALG I zu erhalten, müssen Sie sich bei der Arbeitsagentur Arbeit suchend melden. Dafür
haben Sie, wenn Sie von Ihrer Kündigung bzw. dem Ende Ihres Arbeitsverhältnisses erfahren, nur
drei Tage Zeit (§ 122 SGB III). Melden Sie sich später, müssen Sie damit rechnen, dass Ihnen die
Leistungen für die ersten sieben Tage gestrichen werden (§ 128 SGB III). ALG I wird nicht
rückwirkend gezahlt, sondern frühestens ab dem Tag Ihrer Meldung als Arbeit suchend.
Arbeitslosengeld II (ALG II)
Das ALG II, umgangssprachlich auch „Hartz IV” genannt, erhalten Sie auch, wenn Sie noch nie
gearbeitet haben. Es kommt auch nicht darauf an, ob Sie einen eingeschränkten
Arbeitsmarktzugang haben oder ohne Einschränkungen arbeiten dürfen.
Das ALG II besteht aus einem Regelsatz für Ernährung, Kleidung, Hausrat und persönliche
Bedürfnisse sowie eventuell einem Zuschuss wegen Mehrbedarfs. Zusätzlich werden die Kosten für
Unterkunft und Heizung übernommen. Sie erhalten diese Leistung, wenn Ihr Einkommen und
Vermögen nicht ausreicht.
Wenn Sie Arbeitseinkommen oder Vermögen haben, wird dies zum großen Teil angerechnet. Bis
zu 150 Euro im Lebensjahr, mindestens jedoch 3.100 € pro Person, zuzüglich 750 € pro Person
dürfen Sie besitzen. Ein Freibetrag von 3.750 € gilt auch für jedes Kind. In diesem Fall erhalten Sie
weniger oder gar kein ALG II. Wohnen Sie mit anderen, zum Beispiel Großeltern oder Partner/in,
zusammen, dann vermutet das Sozialamt, dass Sie gemeinsam wirtschaften, und rechnet das
Einkommen aller Haushaltsangehörigen zusammen. Folgende Leistungen werden gewährt:
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Regelsatz
(Seit Juli
08)
Alleinstehende/
Alleinerziehende
Volljährige
Partner
Haushaltsangehörige
0 bis 13 Jahre
Haushaltsangehörige
ab 14 Jahre
in %
100 %
90 %
60 %
80 %
in €
351 €
316 €
211 €
281 €
Der Regelsatz für eine allein stehende Person oder den Haushaltsvorstand beträgt derzeit 351 Euro
monatlich. Volljährige Haushaltsangehörige (also in der Regel der/die Partner/in und erwachsene
Kinder) erhalten 316 Euro, Kinder ab 14 Jahren 281 Euro, Kinder bis einschließlich 13 Jahre 211
Euro.
Einen Mehrbedarfszuschuss gibt es für Alleinerziehende, die ein Kind unter 7 Jahren oder mehrere
Kinder unter 16 Jahren haben (126 Euro). Alternativ dazu erhalten Sie einen Mehrbedarfszuschlag
von 42 Euro pro Kind, falls Ihre Kinder nicht die oben genannten Altersgrenzen erfüllen. Die
Höchstgrenze für den Mehrbedarfszuschlag für alle Kinder beträgt 211 Euro. Werdende Mütter
erhalten 60 Euro Mehrbedarfszuschlag, falls sie ohne Partner leben, oder 54 Euro, falls sie mit
Partner leben. Auch Menschen mit Behinderung oder einer Erkrankung, die eine kostenaufwändige
Ernährung erfordert, können oft einen Mehrbedarfszuschlag beanspruchen.
Daneben können Sie in wenigen Fällen einen Antrag auf „einmalige Beihilfen” stellen,
insbesondere für die erste Möblierung einer Wohnung und die Erstausstattung eines Babys oder
nachgezogenen Kindes, sowie für mehrtägige Klassenfahrten von Schüler/innen. Unter bestimmten
Bedingungen kann das Sozialamt auch Mietschulden als „einmalige Beihilfe” übernehmen.
Zu den Kosten für die Unterkunft gehören Miete, Heiz- und Betriebskosten. Auch wenn nach der
jährlichen Abrechnung Nachzahlungen fällig werden, werden diese vom Sozialamt übernommen.
Ebenso die Kosten für mietvertraglich vorgeschriebene Renovierungen (ggf. jedoch in Eigenarbeit,
d.h. nur die Materialkosten). Die Mietkosten sind allerdings begrenzt: In Abhängigkeit von der
Zahl der Familienmitglieder und den örtlichen Gegebenheiten erstattet das Sozialamt die Miete nur
bis zu einer Höchstgrenze. Wenn beispielsweise ein Jugendlicher aus Ihrer Wohnung auszieht,
kann es geschehen, dass das Sozialamt nicht mehr sämtliche Mietkosten bezahlt und Sie auffordert,
sich eine kleinere Wohnung zu suchen. Arbeitslose junge Menschen unter 25 Jahren, die aus der
Wohnung der Eltern ausziehen, erhalten keine soziale Unterstützung für die Wohnung und nur
noch 80 Prozent des Arbeitslosengeldes II, wenn die Arbeitsagentur dem Auszug nicht vorher
zugestimmt hat (§ 22 Abs. 2 a SGB II, § 20 Abs. 2 a SGB II).
 Erkundigen Sie sich bei einer Beratungsstelle oder beim Mieterverein, bis zu welcher Höhe
das Sozialamt die Miete für eine Wohnung für Sie und Ihre Familie übernehmen muss.
Soziale Leistungen im Alter, bei Erwerbsunfähigkeit und Krankheit
Alte Menschen ab 65 Jahren und Erwerbsunfähige haben keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld II.
Wenn Sie 65 Jahre oder älter sind, oder dauerhaft nicht in der Lage sind zu arbeiten, erhalten Sie
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nach dem Vierten Kapitel des SGB XII die so genannte „Grundsicherung im Alter und bei
Erwerbsminderung”. Sind Sie nur vorübergehend krank (länger als sechs Monate, jedoch nicht auf
Dauer) und stehen dem Arbeitsmarkt nicht als Arbeitssuchender zur Verfügung, erhalten Sie
soziale Leistungen nach dem dritten Kapitel des SGB XII.
 Besprechen Sie mit Ihrem Rechtsanwalt oder Ihrer Rechtsanwältin, welche rechtlichen Folgen
der Bezug von Leistungen nach dem SGB XII für Ihren Aufenthalt oder den Sie Ihrer Familie hat.
Die Leistungen sind in beiden Fällen im Wesentlichen gleich. Sie umfassen in Niedersachsen
derzeit:
Regelsatz
(Seit Juli
08)
Alleinstehende/
Alleinerziehende
Volljährige
Partner
Haushaltsangehörige
0 bis 13 Jahre
Haushaltsangehörige
ab 14 Jahre
in %
100 %
90 %
60 %
80 %
in €
351 €
316 €
211 €
281 €
Zusätzlich übernimmt das Sozialamt die Kosten für Unterkunft und Heizung. Bezahlt wird die
„angemessene” Miete für eine Wohnung, jedoch nicht die Kosten für Haushaltsenergie (Strom für
Licht, Warmwasser, Kochen).
 Erkundigen Sie sich bei einer Beratungsstelle oder beim Mieterverein, bis zu welcher Höhe
das Sozialamt die Miete für eine Wohnung für Sie (und Ihre Familie) übernehmen muss.
In bestimmten Lebenslagen erhöhen sich die Regelsätze (bei Alleinerziehenden, bei Schwangeren
ab der 13. Woche; bei Kranken, die sich in besonderer Weise ernähren müssen; bei
Schwerbehinderten mit dem Ausweis G oder Bestehen einer Schwangerschaft ab der 12. Woche).
Zusätzlich kann man auf Antrag einmalige Beihilfen erhalten, zum Beispiel für die Erstausstattung
des neuen Babys oder eine mehrtägige Klassenfahrt.
Anstelle der bisher vom Sozialamt gewährten Krankenscheine erhalten Sie auf Kosten des
Sozialamts eine Krankenversichertenkarte (Chipkarte) von einer gesetzlichen Krankenkasse Ihrer
Wahl. Sie haben damit einen uneingeschränkten Anspruch auf Krankenbehandlung wie deutsche
Versicherte auch.
10.5
Medizinische Versorgung
Sie haben Anspruch auf alle Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung im gleichen Umfang
wie Deutsche. Als Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse erhalten Sie eine
Krankenversicherungskarte, die Sie bei jedem Arztbesuch vorzeigen müssen. Wenn Sie
Sozialleistungen nach SGB XII beziehen, erhalten Sie über die Krankenkasse im Fall Ihrer
Seite 88 von 201
Pflegebedürftigkeit allerdings keine Leistungen der Pflegeversicherung, sondern müssen sich dafür
an das Sozialamt wenden. Von den Krankenkassen nicht bezahlt werden Brillen und nicht
verschreibungspflichtige Medikamente, Dolmetscher- und Fahrtkosten. Ausnahmen gelten für
Kinder.
 Wenn Sie mit einer Entscheidung der Krankenkasse nicht einverstanden sind, legen Sie
schriftlich „Widerspruch” ein. Der Widerspruch richtet sich dann direkt an die Krankenkasse (nicht
mehr ans Sozialamt). Außerdem können Sie eine Klage und gegebenenfalls einen Eilantrag an das
Sozialgericht schicken.
 Wenn Sie Leistungen nach SGB XII beziehen, können Sie bestimmte laufend benötigte Dinge,
die die Krankenkasse nicht zahlt, beim Sozialamt als „vom Regelfall abweichenden
Lebensunterhaltsbedarf” beantragen (§ 28 Abs. 1 Satz 2 SGB XII).
Sie sind nach dem Gesetz zu bestimmten Zuzahlungen verpflichtet. Dazu gehören die Praxisgebühr
beim Zahnarzt und Arzt (je 10 Euro im Quartal) und eine Beteiligung an Medikamenten (pro
Medikament bis zu 10 Euro in der Apotheke) und anderen Leistungen (zum Beispiel bei
Krankenhausaufenthalten oder für spezielle, nicht von der Kasse getragene
Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft und anderes). Für Kinder und Jugendliche fallen
keine Zuzahlungen an. Die Höchstgrenze für Ihre ganze Familie liegt bei 2% Ihres
Bruttojahreseinkommens. Abgezogen werden Freibeträge für Ihre/n Ehepartner/in (4.536 Euro) und
Kinder (je 3.864 Euro).
Beispiel: Sie sind verheiratet, haben zwei Kinder und ein Jahresbruttoeinkommen von 20.000 Euro.
Abzüglich der Freibeträge sind das 20.000 - 4.536 - 2 x 3.864 = 7.736 Euro. In diesem Fall beträgt
die Belastungsgrenze also 2% von 7.736 Euro = 154,72 Euro. Diese Belastungsgrenze gilt nicht pro
Person, sondern für alle Mitglieder der Familie zusammen. Für chronisch Kranke gilt unter
bestimmten, allerdings strengen Bedingungen, die Hälfte - nur 1%.
Für Empfänger von Leistungen nach SGB II und SGB XII gilt die Höchstgrenze von 2% des
Regelsatzes. Das heißt: 2% von 12 x 351 Euro = 84,24 Euro pro Jahr. Der Betrag gilt nicht pro
Person, sondern für alle Mitglieder der Familie zusammen. Für chronisch Kranke gilt unter
bestimmten Bedingungen eine Grenze von 1% = 42,12 Euro pro Jahr.
 Um Mehrfachzahlungen der Praxisgebühr zu vermeiden, lassen Sie sich eine Quittung
ausstellen. Wenn Sie in einem Quartal zu verschiedenen Ärzten gehen, besorgen Sie sich eine
Überweisung des Arztes, bei dem Sie bereits die Gebühr für das laufende Quartal entrichtet haben.
Dann müssen Sie nicht erneut zahlen.
 Sammeln Sie alle Zuzahlungsquittungen Ihrer Familie. Wenn der Betrag von 84,24 Euro
erreicht ist, muss die Krankenkasse Ihnen bescheinigen, dass Sie für den Rest des Jahres von
weiteren Zuzahlungen befreit sind und Ihnen bereits zu viel gezahlte Beträge zurückzahlen. Stellen
Sie dazu einen Antrag und fügen Sie die Quittungen bei.
10.6
Familienleistungen, Kinder- und Jugendhilfe
Kindergeld
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Dieser Anspruch besteht bereits ab Rechtskraft der Flüchtlingsanerkennung,. Rechtskräftig ist Ihre
Anerkennung - auch dann, wenn Sie noch keinen GFK-Pass mit Aufenthaltserlaubnis erhalten
haben:
• mit dem positiven Bescheid des Bundesamtes;
• wenn die Klagefrist gegen ein positives Gerichtsurteil verstrichen ist.
 Beantragen Sie das Kindergeld bei der Familienkasse der staatlichen Agentur für Arbeit
(Arbeitsamt) und legen Sie eine Kopie Ihres Anerkennungsbescheides bei. Das Formular finden Sie
auch im Internet, zum Beispiel http://www.bund.de/nn_174760/DE/BuB/A-Z/F-wieFamilie/Formulare-fuer/Formulare-fuer-knoten,param=nc_253D1.html__nnn=true?
FormId=319790&exactPhrase=kindergeld
 Wenn Ihre Anerkennung schon länger zurück liegt, können Sie Kindergeld für bis zu vier
Jahren rückwirkend beantragen. Eine rückwirkende Beantragung kommt auch dann in Frage, wenn
Sie aufgrund einer Ausnahmeregelung für Bürger/innen aus der Türkei, Tunesien, Algerien,
Marokko oder den jugoslawischen Nachfolgestaaten bereits vor Ihrer Anerkennung Anspruch auf
Kindergeld hatten (zu den Ausnahmeregelungen lesen Sie bitte im Kapitel für Menschen mit
Aufenthaltsgestattung den Abschnitt 7.6 „Kindergeld”)
 Wenn Sie Sozialleistungen beziehen, wird das Kindergeld mit den Sozialleistungen
verrechnet. Das heißt, am Ende haben Sie wahrscheinlich gar nicht mehr Geld. Trotzdem ist es
sinnvoll, den Kindergeldantrag zu stellen. Denn der Bezug von Kindergeld gilt nicht als
Sozialleistung und Sie haben so leichter die Möglichkeit, Ihr Leben selbst zu finanzieren. Für die
Einbürgerung oder weil Sie die Flüchtlingsanerkennung auch durch einen Widerruf wieder
verlieren könnten, kann es wichtig sein, den Lebensunterhalt ohne Sozialleistungen zu sichern. Sie
beantragen das Kindergeld bei der Familienkasse der Agentur für Arbeit.
Kinderzuschlag
Wenn Sie über ein geringes Einkommen verfügen oder Arbeitslosengeld I beziehen, aber ansonsten
keine Sozialleistungen erhalten, können Sie versuchen, zusätzlich zum Kindergeld einen
Kinderzuschlag zu beantragen (§ 6a Bundeskindergeldgesetz). Voraussetzung für die Gewährung
ist allerdings, dass Sie kindergeldberechtigt sind (siehe vorheriger Abschnitt). Mit dem
Kindergeldzuschlag soll vermieden werden, dass Geringverdienende Leistungen nach SGB II
beantragen müssen. Der Kinderzuschlag beträgt maximal 140,- Euro monatlich pro Kind. Der
Kinderzuschlag ist bei der Agentur für Arbeit zu beantragen.
Unterhaltsvorschuss
Hierbei handelt es sich um einen staatlichen Zuschuss, der einem alleinerziehenden Elternteil für
bis zu sechs Jahren gezahlt wird, wenn der andere Elternteil (in der Regel der Vater) seiner
Verpflichtung, für das Kind Unterhalt zu zahlen, nicht nachkommt. Der Unterhaltsvorschuss
beträgt 117 € monatlich für Kinder unter 6 Jahren und 158 € monatlich für ältere Kinder unter 12
Jahren.
Die Bedingungen für den Unterhaltsvorschuss sind die gleichen wie beim Kindergeld: Flüchtlinge
mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 1 oder Abs. 2 AufenthG haben per Gesetz Anspruch
Seite 90 von 201
auf Unterhaltsvorschuss (§ 1 Abs. 2 a UhVorschG). Dieser Anspruch wird daran festgemacht, dass
Sie eine Aufenthaltserlaubnis haben, die zu einer Erwerbstätigkeit berechtigt.
 Unterhaltsvorschuss beantragen Sie beim Jugendamt. Das Amt holt sich das Unterhaltsgeld
vom nicht zahlenden Elternteil wieder zurück, wenn dieser über ausreichendes Einkommen verfügt.
 Jugendämter lehnen Anträge, die sich auf die genannten Ausnahmeregelungen beziehen,
zunächst regelmäßig ab! Legen Sie dagegen mit Hilfe einer Beratungsstelle unbedingt Widerspruch
und, wenn nötig, Klage beim Verwaltungsgericht ein.
Elterngeld
Elterngeld gibt es für Kinder ab der Geburt. Dabei ersetzt der Staat einem Elternteil 67 Prozent des
durch die Geburt und Kinderbetreuung wegfallenden Arbeitseinkommens, maximal 1.800 Euro im
Monat. Elterngeld wird an den das Kind betreuenden Elternteil für maximal 12 Monate gezahlt.
Wenn auch der andere Elternteil zwei Monate oder länger für die Betreuung zuständig ist, wird das
Elterngeld um zwei Monate auf maximal 14 Monate verlängert.
Elterngeld können Sie für Kinder erhalten, die ab 1.1.2007 geboren werden. Flüchtlinge mit einer
Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 1 oder Abs. 2 AufenthG haben per Gesetz Anspruch auf
Elterngeld (§ 1 Abs. 7 BEEG). Dieser Anspruch wird daran festgemacht, dass Sie eine
Aufenthaltserlaubnis haben, die zu einer Erwerbstätigkeit berechtigt.
Sie stellen den Antrag auf Elterngeld beim Jugendamt oder der Elterngeldstelle ihrer Stadt oder
Ihres Landkreises. Das Formular, eine Liste der zuständigen Stellen in Niedersachsen und weitere
Informationen gibt es im Internet unter
http://www.ms.niedersachsen.de/master/C29974090_N8150_L20_D0_I674.
10.7 Deutschkurs, Kindergarten, Schule, Studium
Deutschkurse
Seit 2005 gibt es in Deutschland ein einheitliches Konzept für einen so genannten
„Integrationskurs” für Personen mit dauerhafter Aufenthaltsperspektive. Der Integrationskurs
besteht hauptsächlich aus Deutschunterricht (in der Regel 600 Unterrichtsstunden), zusätzlich wird
Alltagswissen und Wissen über die Rechtsordnung, Kultur und Geschichte Deutschlands vermittelt
(45 Unterrichtsstunden). Es gibt zudem spezielle Kurse für besondere Zielgruppen. So gibt es
Kurse für Analphabeten sowie für „Schnelllerner”, denen das Tempo im normalen Integrationskurs
zu langsam ist.
Am Schluss des Integrationskurses steht ein Abschlusstest, bei dem die Teilnehmer/innen das
„Zertifikat Deutsch” erhalten können, das unter anderem die Einbürgerung erleichtert.
Integrationskurse werden vor Ort von vielen verschiedenen Trägern durchgeführt und zentral vom
BAMF organisiert.
Anerkannte Flüchtlinge haben einen Anspruch auf Teilnahme am Integrationskurs, wenn Sie nach
dem 1.1.2004 eingereist sind (§ 44 AufenthG, § 4 IntV). Sind Sie vorher eingereist, können Sie
einen Antrag stellen, um einen noch freien Platz zu erhalten. Keinen Anspruch auf Teilnahme
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haben Sie, wenn Sie in Deutschland zur Schule gehen oder eine schulische Ausbildung machen.
Wenn Sie nur wenige Kenntnisse über die deutsche Sprache haben, kann die Ausländerbehörde Sie
verpflichten, an einem Integrationskurs teilzunehmen.
Die Ausländerbehörde sollte Ihnen nach Ihrer Anerkennung Informationen über die
Integrationskurse und eine Liste mit den in Ihrer Region zugelassenen Sprachkursanbietern
aushändigen. Wenn Sie sich direkt bei einem Anbieter anmelden, müssen Sie eine Bescheinigung
der Ausländerbehörde vorlegen, dass Sie zur Teilnahme berechtigt sind. Eine Liste der Anbieter,
das Anmeldungsformular und weitere Informationen erhalten Sie auch auf der Homepage des
BAMF: http://www.bamf.de/cln_042/nn_566316/DE/Integration/integrationnode.html__nnn=true.
Für die Teilnahme am Integrationskurs müssen Sie pro Unterrichtsstunde 1,- Euro Beitrag leisten,
das heißt derzeit in der Regel 645,- Euro, zahlbar in verschiedenen Etappen (§ 9 IntV). Erhalten Sie
Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe, können Sie sich vom Kursbeitrag befreien lassen. Dazu
müssen Sie einen Antrag stellen. Das Formular dafür erhalten Sie bei der Ausländerbehörde, den
Kursträgern oder auf der Homepage des BAMF.
Der erfolgreiche Deutschtest im Integrationskurs reicht nicht aus, um zum Studium in Deutschland
zugelassen zu werden. Dafür gibt es spezielle Aufbaukurse, für die Sie gegebenenfalls auch ein
Stipendium erhalten können. Näheres siehe in diesem Kapitel den Abschnitt „Studium“.
Kindergarten
Sobald ein Kind drei Jahre alt ist, hat es in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen
Kindergartenplatz (§ 24 SGB VIII). Bei geringem Einkommen sind die Kosten dafür ganz oder
teilweise vom Jugendamt zu tragen (§ 90 Abs. 2 und 3 SGB VIII). Nach dem Niedersächsischen
Regierungsprogramm zur Integration und den Grundsätzen für Kindertagesstätten soll Ihr Kind im
Kindergarten eine Förderung in der deutschen Sprache erhalten und so besser auf einen
Schulbesuch vorbereitet werden.
 Melden Sie Ihr Kind frühzeitig für einen Kindergartenplatz an. Dort wird ihr Kind eine
erheblich bessere Förderung in der deutschen Sprache erhalten und so besser auf einen Schulbesuch
vorbereitet werden als im Wohnheim oder zuhause. Wenden Sie sich bei Problemen mit dem
Kindergartenplatz an eine Beratungsstelle.
Schule
Alle in Niedersachsen lebenden Kinder haben das Recht und die Pflicht, eine Schule zu besuchen
und regelmäßig am Unterricht teilzunehmen (§ 63 NSchG). Die Schulpflicht beginnt für Kinder, die
bis zum 30. Juni eines Jahres sechs Jahre alt geworden sind, mit dem nächsten beginnenden
Schuljahr (§ 64 NSchG). Das Einschulungsalter ist aber auch abhängig von der körperlichen und
geistigen Entwicklung Ihres Kindes. Unter Umständen kann der Schuleintritt Ihres Kindes ein Jahr
zurückgestellt werden. Deshalb werden alle Kinder vor dem Schuleintritt vom Amtsarzt untersucht.
Bei fehlenden Deutschkenntnissen können die Kinder verpflichtet werden, vor Schuleintritt an
besonderen Sprachfördermaßnahmen teilzunehmen (§ 54 a NSchG). Schon eingeschulte
Schülerinnen und Schüler mit schlechten Deutschkenntnissen sollen besonderen Deutschunterricht
erhalten. Die Schulpflicht endet in der Regel nach 12 Jahren des Schulbesuchs.
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 Fragen Sie gegebenenfalls im Kindergarten oder in der Schule nach, ob es
Fördermöglichkeiten für Ihr Kind gibt. In vielen Schulen wird auch muttersprachlicher Unterricht,
Hausaufgabenhilfe und anderes angeboten.
 Wenn Sie nur über ein geringes oder gar kein Einkommen verfügen und mit dem Schulbesuch
besondere Kosten verbunden sind, zum Beispiel für den Fahrtweg, für Klassenfahrten oder
sonstiges, können Sie das Geld dafür beim Sozialamt auf der Grundlage von § 27 SGB XII
beantragen. Bei einer Ablehnung haben Sie die Möglichkeit, Widerspruch zu erheben und Klage
beim Sozialgericht einzulegen. Lassen Sie sich gegebenenfalls von einer Beratungsstelle
unterstützen.
Studium
Mit einer Aufenthaltserlaubnis oder Niederlassungserlaubnis steht es Ihnen frei, in Deutschland zu
studieren. Die formale Zugangsvoraussetzung für den Besuch einer Universität oder
Fachhochschule ist die allgemeine Hochschulreife/Abitur (bei einer Universität) oder die
Fachhochschulreife/Fachabitur (bei einer Fachhochschule) oder eine als gleichwertig anerkannte
Schulausbildung im Herkunftsland. Wenn Ihre Schulausbildung nicht als (Fach-)hochschulreife
anerkannt ist, können Sie über das erfolgreiche Ablegen der „Feststellungsprüfung” zur
Studieneignung die Zugangsberechtigung erwerben. Dafür müssen Sie in der Regel bei der
Hochschule einen einjährigen Vorbereitungskurs („Studienkolleg”) absolvieren. Bei Kunst- und
Musikhochschulen können Sie unter Umständen auch ohne Abitur studieren, wenn Sie besondere
künstlerische Fähigkeiten haben. In manchen anderen Studiengängen genügt auch ein Nachweis
über bestimmte berufliche Vorbildungen (zum Beispiel Meisterprüfung).
 Ob Ihre Hochschulzugangsberechtigung der deutschen gleichwertig ist, können Sie in der
Datenbank der Kultusminister-Konferenz www.anabin.de abfragen.
 Genauere Informationen zur Studienzulassung erhalten Sie beim Deutschen Akademischen
Austauschdienst DAAD (www.daad.de) oder bei den akademischen Auslandsämtern /
Studentensekretariaten der Universitäten und Fachhochschulen. Die Adressen aller deutschen
Hochschulen sowie Infos zu den angebotenen Studienfächern und Abschlüssen finden Sie unter
http://www.studienwahl.de.
Zweite Studienvoraussetzung ist der Nachweis von deutschen Sprachkenntnissen: Dazu müssen
Sie in der Regel die „Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang ausländischer
Studienberechtigter (DSH)” ablegen. Bestimmte andere Nachweise (Goethe-Sprachdiplom, Test
Deutsch als Fremdsprache für ausländische Studienbewerber „TestDaF” und andere) werden
ersatzweise anerkannt. Deutschkurse, die zur Vorbereitung auf das Studium dienen, werden unter
anderem von der Otto-Benecke-Stiftung angeboten und durch die Vergabe von Stipendien zum Teil
sogar finanziert (lesen Sie dazu weiter unten „Otto-Benecke-Stiftung“).
Das größte Problem dürfte für Sie die Finanzierung eines Studiums sein. Als Student/in müssen
Sie nicht nur Ihren Lebensunterhalt sichern, sondern auch eine Krankenversicherung nachweisen.
Studierende bis zum 14. Semester, maximal bis zum 30. Lebensjahr, können sich über die
gesetzliche Krankenversicherung für etwa 56 Euro pro Monat versichern. Studierende über 30
Jahre werden von der gesetzlichen Krankenversicherung nicht aufgenommen und müssen eine
private Krankenversicherung abschließen. Hinzu kommen die Studiengebühren, die in
Niedersachsen 500 € pro Semester betragen, die Kosten für ein Semesterticket sowie weitere
Gebühren von 100 bis 150 Euro im Semester).
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Das Sozialgesetzbuch verbietet den Bezug von Sozialleistungen zum Zweck der Finanzierung eines
Studiums. Nur in besonderen Härtefällen können die Leistungen (ggf. als Darlehen) gewährt
werden. Wenn Sie dem Sozialamt verschweigen, dass Sie studieren, und die Behörde dies später
erfährt, wird die Sozialhilfe wieder zurückgefordert. Wenn Sie studieren wollen, ohne
Sozialleistungen zu beziehen, brauchen Sie also eine Arbeitsgenehmigung und eine Arbeit, mit der
Sie sich vollständig selbst finanzieren können, oder andere Finanzierungsquellen. Dabei müssen
Sie nicht unbedingt Ihre ganze Familie finanzieren: Ihr/e Partner/in und Kinder können, auch wenn
Sie studieren, gegebenenfalls Anspruch auf Sozialleistungen haben.
Eine Finanzierungsmöglichkeit ist die Ausbildungsförderung nach dem
Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG). Asylberechtigte und anerkannte Flüchtlinge haben
aufgrund ihres Aufenthaltstatus bzw. ihrer Flüchtlingsanerkennung grundsätzlich Anspruch auf
BAföG. Sie wird regelmäßig aber nur für Studierende gewährt, die bei Beginn des Studiums unter
30 Jahre alt sind und noch kein anderes Studium abgeschlossen haben. Sind Sie 30 oder älter,
können Sie BAföG auch erhalten, wenn Sie Ihre Ausbildung im Herkunftsland aufgrund Ihrer
Situation nicht möglich war und Sie das Studium nach Wegfall des Hindernisses unverzüglich
aufnehmen, also in der Regel so bald wie möglich nach der Flüchtlingsanerkennung. Gibt es
wichtige persönliche Gründe dafür, später das Studium zu beginnen, können Sie versuchen, diese
geltend zu machen und eine Förderung auch dann zu beantragen, wenn Sie die Altersgrenze
überschritten haben. Wenn Sie die Hochschulzugangsberechtigung erst in Deutschland auf dem
zweiten Bildungsweg (Abendschule oder anderes) erwerben und direkt im Anschluss studieren, gilt
die Altersgrenze von 30 Jahren ebenfalls nicht.
Um Ihr Studium zu finanzieren, sollten Sie prüfen, ob Stiftungen für die (Teil-)Finanzierung in
Frage kommen. Es gibt einige Stiftungen und Programme, über die man unter bestimmten
Voraussetzungen ein Stipendium bekommen kann. Meist werden eine besondere Begabung und
sehr gute Studienleistungen vorausgesetzt, aber auch materielle Bedürftigkeit und gesellschaftliches
Engagement können Kriterien bei der Vergabe von Stipendien sein. Im Internet finden Sie unter
http://www.bildungsserver.de/zeigen.html?seite=427 eine Übersicht und weiterführende Links.
Spezielle Förderprogramme für ausländische Studierende sind meist auf Menschen beschränkt, die
zum Zweck des Studiums nach Deutschland einreisen durften und danach wieder zurückkehren
wollen. Nur wenige Stiftungen sind ausdrücklich auch für Flüchtlinge gedacht.
Die Otto-Benecke-Stiftung ist eine Stiftung der Bundesregierung und bietet für alle anerkannten
Flüchtlinge Deutschkurse, Prüfungsvorbereitungskurse, Orientierungsmaßnahmen, Berufsberatung
und anderes mehr an.
Bei der Otto-Benecke-Stiftung können anerkannte Flüchtlinge auch vor Beginn des Studiums ein
Stipendium für einen Deutschkurs erhalten. Dieser Deutschkurs (die Förderung über den so
genannten „Garantiefonds”) dauert insgesamt sechs Monate (zwei Kursstufen mit je drei Monaten).
Am Ende kann der für ein Studium notwendige Deutschtest TestDaF abgelegt werden. Sie erhalten
dann das Geld für das Lehrmaterial, eine Eingliederungspauschale, gegebenenfalls Mittel für
Nachhilfeunterricht und unter Umständen auch Unterkunfts- und Lebenshaltungskosten bis zu
mehreren hundert Euro monatlich. Ein erster Antrag auf Förderung muss innerhalb eines Jahres
nach Erhalt des Reiseausweises gestellt werden. Die Deutschkursförderung gilt für alle anerkannten
Flüchtlinge.
Die Studienförderung der Otto-Benecke-Stiftung (das so genannte Akademikerprogramm) wird
aber bislang nur anerkannten Flüchtlingen mit Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 1 AufenthG und
nicht Flüchtlingen mit Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 2 AufenthG gewährt. In Zukunft sollen
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alle anerkannten Flüchtlinge bei der Stipendienvergabe berücksichtigt werden können, dies
verhandelt aber die Stiftung derzeit noch mit dem dafür zuständigen Bildungsministerium - fragen
Sie gegebenenfalls noch einmal nach.
Auch die weiteren Voraussetzungen für ein Stipendium von der Otto-Benecke-Stiftung sind hoch:
Um als Student/in gefördert zu werden, muss man bereits im Herkunftsland ein Hochschulstudium
abgeschlossen haben, dessen Abschluss hier jedoch nicht oder nur teilweise anerkannt wird oder
nicht zur Ausübung eines Berufes ausreicht. Außerdem muss man zwischen 30 und 50 Jahren alt
sein und der Antrag auf Förderung muss innerhalb eines Jahres nach Ausstellung der
Aufenthaltserlaubnis gestellt werden. Nur in Ausnahmefällen und auch nur, wenn die Einreise nach
Deutschland noch nicht länger als drei Jahre zurück liegt, kann ein Antrag auch nach Ablauf eines
Jahres gestellt werden. Weitere Informationen finden Sie im Internet unter http://www.obs-ev.de.
Zwei Beratungsstellen der Stiftung gibt es in Niedersachsen, in denen Sie sich auch zu sonstigen
Fragen der Berufsfindung beraten lassen können:
OBS e.V. Beratungsstelle
Alexanderstr. 3
30159 Hannover
Tel.: 0511/32 85 26
Fax: 0511/32 81 87
E-mail: [email protected]
OBS e.V. Beratungsstelle
Reinhäuser Landstr. 57
37083 Göttingen
Tel.: 0551/77 03 777
Fax: 0551/50 77 44
E-Mail: [email protected]
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11. Flüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis nach § 25 III
AufenthG (subsidiärer Schutz)
11.1
Aufenthaltsrechtliche Situation
Die Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 3 AufenthG soll erteilt werden, wenn das Bundesamt ein
Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 2, Abs. 3, Abs. 5 oder Abs. 7 AufenthG festgestellt hat. Durch
die Entscheidung des Bundesamtes oder des Verwaltungsgerichtes sind Sie vor einer Abschiebung
rechtlich geschützt.
Keine Aufenthaltserlaubnis erhalten Personen, die aus bestimmten Gründen eine Gefahr für die
Sicherheit darstellen. Das sind Personen, die
• ein Verbrechen gegen den Frieden, ein Kriegsverbrechen oder ein Verbrechen gegen die
Menschlichkeit begangen haben,
• eine Straftat von erheblicher Bedeutung begangen haben,
• sich an terroristischen Handlungen beteiligt oder diese unterstützt haben oder
• eine Gefahr für die Allgemeinheit oder die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland
darstellen.
Wer aus diesen Gründen keine Aufenthaltserlaubnis bekommt, kann aber trotzdem nicht
abgeschoben werden. Er erhält eine Duldung (siehe Kapitel 12).
Der Wortlaut des § 25 Abs. 3 AufenthG sieht außerdem vor, dass keine Aufenthaltserlaubnis erhält,
wem die Ausreise in einen anderen Staat möglich und zumutbar ist. Ihre Ausreise in einen
Drittstaat kann beispielsweise möglich und zumutbar sein wenn Ihr Ehegatte aus diesem Staat
kommt und Sie dort einen sicheren, dauerhaften Aufenthalt nehmen können. Sie ist nicht zumutbar,
wenn Sie sich nur vorübergehend in dem Drittstaat aufhalten können.
Das Gleiche gilt für Personen, die entsprechende Mitwirkungspflichten nicht erfüllen, also sich
etwa nicht um eine Aufenthaltserlaubnis in dem Staat bemühen, obwohl sie gute Aussichten darauf
haben. Diese Regelung betrifft aber nur die Ausreise in einen Drittstaat, also nicht in den Staat, für
den Abschiebungshindernisse festgestellt wurden.
 Sollte Ihnen die Ausländerbehörde die Aufenthaltserlaubnis mit der Begründung verweigern,
Sie könnten freiwillig in Ihren Herkunftsstaat ausreisen, so ist das rechtswidrig. Sie sollten
unbedingt dagegen vorgehen. Wenden Sie sich an einen Rechtsanwalt, eine Rechtsanwältin oder
eine Beratungsstelle.
Entgegen den Wortlaut von § 25 Abs. 3 AufenthG kann nicht auf die Ausreise in einen Drittstaat
verwiesen werden, wenn ein Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 2, Abs. 3 oder Abs. 7 Satz 2
AufenthG festgestellt wurde. Das ergibt sich aus einer europäischen Richtlinie, der so genannten
Qualifikationsrichtlinie.
 Wenn bei Ihnen ein entsprechendes Abschiebungsverbot festgestellt wurde, die
Ausländerbehörde Sie aber dennoch auf die Ausreise in einen Drittstaat verweist, gehen Sie
dagegen vor. Wenden Sie sich an einen Rechtsanwalt, eine Rechtsanwältin oder eine
Beratungsstelle.
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Die Aufenthaltserlaubnis wird für mindestens ein Jahr erteilt. Sie müssen also immer einen Antrag
auf Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis stellen. Die Ausländerbehörde prüft bei jedem
Verlängerungsantrag, ob die Bedingungen noch vorliegen, die zu der Erteilung der ersten
Aufenthaltserlaubnis geführt haben. Wenn die Gründe für das Abschiebungsverbot nach
Auffassung der Ausländerbehörde noch vorliegen, verlängert sie die Aufenthaltserlaubnis. Hat sie
daran jedoch Zweifel, fordert sie das BAMF auf zu prüfen, ob das Abschiebungsverbot noch
fortbesteht. Die Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis hängt dann von der Antwort des BAMF ab.
 Beantragen Sie die Verlängerung ihrer Aufenthaltserlaubnis immer frühzeitig, das heißt vor
ihrem Ablaufdatum (§ 81 Abs. 4 und 5 AufenthG). Denn dann werden Sie bis zu einer Entscheidung
der Ausländerbehörde über die Verlängerung auf jeden Fall so weiter behandelt, als sei die
Aufenthaltserlaubnis noch gültig. Sie erhalten in diesem Fall eine so genannte
„Fiktionsbescheinigung” (siehe dazu Kapitel 13.1), das heißt, Ihr bisher gültiges Aufenthaltsrecht
gilt uneingeschränkt weiter bis zur Entscheidung der Ausländerbehörde über Ihren Antrag auf
Verlängerung.
 Prüfen Sie, ob und wann Sie die Bedingungen für die Erteilung einer Niederlassungserlaubnis
erfüllen (siehe Abschnitt Aufenthaltssicherung in diesem Kapitel). Erst wenn Sie eine
Niederlassungserlaubnis erhalten haben, haben Sie ein gesichertes Aufenthaltsrecht. Viele
Einschränkungen, die für Flüchtlinge mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 3 AufenthG
gelten, bestehen für Sie dann nicht mehr. Mit einer Niederlassungserlaubnis dürfen Sie unbefristet
in Deutschland leben und arbeiten.
Pass
Anders als anerkannte Flüchtlinge haben Personen, bei denen Abschiebungsverbote nach § 60 Abs.
2, 3, 5 oder 7 AufenthG vorliegen, keinen Anspruch auf einen Flüchtlingspass. Sie sind daher
normalerweise verpflichtet, sich um einen Pass Ihres Heimatlandes zu bemühen. Sie müssen einen
Antrag bei der Auslandsvertretung ihres Heimatlandes stellen und alle zumutbaren Anforderungen
der Auslandsvertretung erfüllen.
Nur wenn es ausnahmsweise nicht möglich ist, einen Pass zu erlangen, können Sie ein deutsches
Reisedokument erhalten. Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn es keine Auslandsvertretung
gibt oder die Auslandsvertretung Ihnen den Pass aus Gründen verweigert, die Sie nicht zu
verantworten haben (z.B. Ihre Volkszugehörigkeit). Das Gleiche gilt auch, wenn die
Auslandsvertretung die Passerteilung von unzumutbaren Bedingungen abhängig macht (z.B.
Schmiergeldzahlungen) oder es Ihnen aus anderen Gründen nicht zumutbar ist, den Pass zu
beantragen (z.B. weil dadurch Ihre Angehörigen in Ihrem Heimatland gefährdet werden könnten).
 Wenn Sie keinen Nationalpass erhalten können oder nicht beantragen wollen, setzen Sie sich
mit einer Beratungsstelle oder einem Rechtsanwalt oder einer Rechtsanwältin in Verbindung. Dort
kann man mit Ihnen zusammen prüfen, ob Sie eine Chance auf ein deutsches Reisedokument
haben.
Familiennachzug
Ein Familiennachzug von Ehegatten und minderjährigen Kindern soll nach der niedersächsischen
Gesetzesauslegung grundsätzlich erlaubt werden. Bedingung ist allerdings, dass Sie und Ihre
Familienangehörigen keine Möglichkeit haben, in einem anderen Land (nicht im Fluchtland) als
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Familie mit einem dauerhaften Aufenthaltsrecht legal zusammen zu leben - dies kann zum Beispiel
binationale Paare vom Familiennachzug ausschließen.
Für den Familiennachzug müssen Ihre Angehörigen die Passpflicht erfüllen und ein Visum
beantragen. Sie selbst müssen ausreichenden Wohnraum nachweisen und dürfen in der Regel weder
einen Ausweisungsgrund erfüllen (z.B. schwere Straffälligkeit) noch Sozialleistungen für sich und
die nachziehende Familie beziehen. Als ausreichender Wohnraum gilt in der Regel: 12
Quadratmeter für Personen ab 6 Jahren, 10 Quadratmeter für Personen unter 6 Jahren. 0-2-Jährige
werden bei der Bemessung nicht mitgerechnet. Ausnahmen sind im Einzelfall möglich, die
Wohnung darf bis zu 10% kleiner sein.
Sie sollten vor einer Beantragung einer Familienzusammenführung bedenken, dass die
Ausländerbehörde Ihren Antrag unter Umständen zum Anlass nimmt, um beim BAMF anzufragen,
ob ein Widerruf Ihres Abschiebungsverbotes möglich ist. Sofern ein Widerruf der Entscheidung
des BAMF über das Vorliegen Ihres Abschiebungsverbotes droht oder eingeleitet ist, wird der
Antrag auf Familienzusammenführung erst einmal nicht bearbeitet.
• Überlegen Sie sich, ob Ihr Antrag auf Familiennachzug ein Widerrufsverfahren in Gang
setzen könnte, und besprechen Sie sich vorher mit einem Anwalt oder einer Anwältin.
• Sobald Sie im Besitz einer Niederlassungserlaubnis sind, haben Sie ein Aufenthaltsrecht,
das unbefristet gilt. Es besteht also auch dann fort, wenn ein Widerruf Ihres
Abschiebungsverbots erfolgen sollte - sofern keine sonstigen Ausweisungsgründe vorliegen.
Ein Antrag auf Familiennachzug kann dann keine nachteiligen Folgen mehr für Sie haben.
Ist der Familienangehörige, der nachziehen will, bereits früher einmal aus Deutschland oder einem
anderen EU-Staat ausgewiesen, an der Grenze zurückgeschoben oder abgeschoben worden, wird
gegen die Person eine Wiedereinreisesperre verhängt. Ein Familiennachzug ist dann nur möglich,
wenn man erfolgreich einen Antrag auf Befristung der Wiedereinreisesperre stellt, diese Zeit
abwartet und mit einem gültigen Visum zum Zweck der Familienzusammenführung einreist. Die
Ausländerbehörde macht vor der Entscheidung über die Befristung zur Bedingung, dass vorher die
Abschiebungskosten bezahlt werden. Erst danach können die Familienangehörigen bei der
deutschen Botschaft im Ausland ein Visum für die Einreise erhalten.
Grundsätzlich ist der Familiennachzug nur für verheiratete Partner/innen sowie Eltern mit ihren
minderjährigen Kindern möglich. Ausgeschlossen sind unverheiratete Partner/innen. Zu den
Kindern gehören auch Adoptiv , Stief- oder Pflegekinder. Der/die gleichgeschlechtliche
Lebenspartner/in zählt nach niedersächsischer Auslegung des Gesetzes nur dann dazu, wenn die
Lebenspartnerschaft schon im Ausland vom Staat anerkannt oder registriert wurde.
Nach dem Gesetz kann auch anderen Familienangehörigen (z.B. Geschwistern, Eltern bereits
erwachsener Kinder, entfernteren Verwandten) der Familiennachzug erlaubt werden, wenn eine
„besondere Härte” im Einzelfall vorliegt, also zum Beispiel wenn diese Familienangehörigen
aufgrund besonderer Lebensumstände (Krankheit, Alter) auf eine unmittelbare Lebenshilfe durch
ihre Verwandten angewiesen sind. Nach der niedersächsischen Auslegung soll der
Familiennachzug aber für „sonstige Angehörige” von Menschen mit Aufenthaltserlaubnis nach
§ 25 Abs. 3 AufenthG nicht möglich sein.
Ein Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis nach dem Aufenthaltsgesetz - unabhängig
davon, ob es um Nachzug aus dem Ausland geht oder um ein Aufenthaltsrecht für bereits hier
Lebende - entsteht für Ihre/n Ehepartner/in erst, wenn Sie eine Niederlassungserlaubnis erhalten.
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Minderjährige Kinder teilen in der Regel das aufenthaltsrechtliche Schicksal ihrer Eltern, sofern
sie noch keine Niederlassungserlaubnis besitzen.
Nach dem Europarecht muss allerdings der Familienverband gewahrt werden: Ehegatten und
Kinder sollten deshalb auch eine Aufenthaltserlaubnis erhalten.
 Beantragen Sie so früh wie möglich eine Niederlassungserlaubnis (siehe Abschnitt
Aufenthaltssicherung in diesem Kapitel). Jugendliche und junge Erwachsene erhalten unter
Umständen unter erleichterten Bedingungen eine Niederlassungserlaubnis.
Aufenthaltsrecht von Familienangehörigen
Unter dem Begriff des Familiennachzugs regelt das Gesetz nicht nur die Erteilung eines
Aufenthaltstitels für im Ausland lebende Familienangehörige, sondern auch das Aufenthaltsrecht
von Angehörigen, die bereits in Deutschland sind. Angehörige, die sich in Deutschland befinden
und behördlich registriert sind, können eine Aufenthaltserlaubnis nach einem der §§ 27 bis 36
AufenthG erhalten. Oft erhalten Ihre hier lebenden Familienmitglieder auch eine
Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 5 AufenthG. Bedingung ist in beiden Fällen, dass die Familie
nicht in einem Drittland legal zusammenleben könnte. Sie müssen ausreichenden Wohnraum
nachweisen und dürfen in der Regel weder einen Ausweisungsgrund erfüllen (z.B. schwere
Straffälligkeit) noch Sozialleistungen beziehen (auch bei der Verlängerung!). Auf das Nachholen
des Visumverfahrens wird verzichtet, wenn die Aus- und Wiedereinreise im Einzelfall nicht
zumutbar ist, zum Beispiel bei Müttern kleiner Kinder (§ 5 Abs. 2 AufenthG).
Wenn Ihren Angehörigen erstmalig eine Aufenthaltserlaubnis erteilt wird, heißt das, dass der
Aufenthalt von Ihrem Aufenthaltsrecht abgeleitet wird. Das abgeleitete Aufenthaltsrecht ist daran
geknüpft, dass Sie als Familie zusammenleben. Wenn Ihr Aufenthaltsrecht nicht verlängert wird,
kann auch Ihren Angehörigen das Aufenthaltsrecht entzogen werden. Minderjährige Kinder teilen
in der Regel das aufenthaltsrechtliche Schicksal ihrer Eltern, sofern sie selbst noch keine
Niederlassungserlaubnis besitzen.
Im Falle einer Scheidung oder Trennung kann der/die Partner/in das Aufenthaltsrecht verlieren,
wenn die Ehe noch keine zwei Jahre bestand. Die Zwei-Jahres-Frist bemisst sich nicht daran, wie
lange die Ehe formal bestand. Entscheidend ist, wie lange die Partner/innen tatsächlich als Eheleute
zusammenlebten („Tisch und Bett teilen”). Außerdem zählen nur Zeiten mit, in denen sich der
Ehegatte erlaubt in Deutschland aufgehalten hat (z.B. mit einer Aufenthaltserlaubnis). Zeiten mit
Duldung oder Aufenthaltsgestattung zählen nicht mit.
Die/der Ehepartner/in kann nach zwei Jahren ein eheunabhängiges, eigenständiges Aufenthaltsrecht
erhalten. Bei erstmaliger Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis ist der Bezug von Sozialleistungen
unschädlich. Danach muss man im Regelfall von Sozialleistungen unabhängig sein. Liegt eine
„besonderen Härte” vor, kann jederzeit, das heißt theoretisch bereits am Tag nach der
Eheschließung, jedenfalls aber vor Ablauf von zwei Jahren, ein eigenständiges Aufenthaltsrecht
entstehen. Dies kann zum Beispiel bei schwerer Gewalt in der Familie der Fall sein.
 Beantragen Sie so früh wie möglich eine Niederlassungserlaubnis (siehe nachfolgendes
Kapitel). Nehmen Sie die Hilfe einer Beratungsstelle oder eines Rechtsanwaltes in Anspruch, wenn
der Verlust des Aufenthaltsrechts droht.
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Aufenthaltssicherung
Unter bestimmten Bedingungen können Sie eine Niederlassungserlaubnis erhalten. Dafür müssen
Sie aktuell eine Aufenthaltserlaubnis besitzen und seit insgesamt sieben Jahren eine der folgenden
Bescheinigungen besessen haben (§ 26 Abs. 4 AufenthG, Nr. 26.4.1 Vorl. Nds. VV AufenthG):
• Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen (nach Abschnitt 5 des Aufenthaltsgesetzes =
§§ 22 bis 26 AufenthG)
• Aufenthaltsgestattung (bei mehreren Asylverfahren zählt nur die Zeit des längsten
Asylverfahrens)
• Duldung, wobei nur die Zeit vor dem 1.1.2005 zählt
• „Aufenthaltsbefugnis” nach dem alten Ausländergesetz
• befristete Aufenthaltserlaubnis nach § 35 Abs. 2 des alten Ausländergesetzes für
Familienangehörige
• „befristete Aufenthaltserlaubnis” nach dem alten Ausländergesetz aus anderen Gründen
(z.B. durch Heirat), wenn gleichzeitig auch die Voraussetzungen für eine
Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen (§§ 22 bis 26 AufenthG) vorgelegen haben
Außerdem müssen Sie für die Niederlassungserlaubnis folgende Bedingungen erfüllen:
• eigene Lebensunterhaltssicherung, also keine Sozialleistungen (Kinder- und Erziehungsgeld
zählen nicht als Sozialleistungen)
• mindestens 60 Monate Zahlen von Rentenversicherungsbeiträgen (Kinderbetreuungszeiten
oder häusliche Pflege zählen auch) - Ausnahme siehe Übergangsregelung unten!
• Gründe der öffentlichen Sicherheit oder Ordnung unter Berücksichtigung der Schwere oder
der Art des Verstoßes gegen die öffentliche Sicherheit oder Ordnung oder der vom
Ausländer ausgehenden Gefahr unter Berücksichtigung der Dauer des bisherigen
Aufenthalts und dem Bestehen von Bindungen im Bundesgebiet nicht entgegenstehen,
hiermit sind Straftaten gemeint. Bis zu Verurteilungen von etwa 90 Tagessätzen dürfte es in
der Regel problemlos sein die Niederlassungserlaubnis zu erhalten.
• Arbeitserlaubnis
• ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache und Grundkenntnisse der Rechts- und
Gesellschaftsordnung und der Lebensverhältnisse in Deutschland (beispielsweise die
erfolgreiche Teilnahme an einem Integrationskurs; eine Teilnahme daran ist aber keine
zwingende Voraussetzung - die Kenntnisse können auch anders erworben werden.)
• ausreichender Wohnraum für sich und die Familienangehörigen, die in der gleichen
Wohnung leben
Es reicht aus, wenn ein/e Ehepartner/in die Versicherungsbeiträge geleistet und eine
Arbeitserlaubnis hat. Dann kann auch der andere Ehepartner die Niederlassungserlaubnis erhalten.
Kranke und Behinderte können eine Niederlassungserlaubnis auch dann erhalten, wenn sie
aufgrund Ihrer Krankheit oder Behinderung nicht alle Bedingungen erfüllen, also zum Beispiel
nicht arbeiten oder nicht lesen oder schreiben können.
Übergangsregelung: Wenn Sie schon vor 2005 eine Aufenthaltsbefugnis oder
Aufenthaltserlaubnis besessen haben, müssen Sie die Rentenversicherungszeiten nicht nachweisen.
Auch auf den Nachweis von Kenntnissen der deutschen Rechts- und Gesellschaftsordnung wird
dann verzichtet und es genügt, dass Sie sich auf Deutsch mündlich verständigen können (§ 104
Abs. 2 AufenthG). Unterbrechungen des rechtmäßigen (in diesem Fall wohl auch des geduldeten)
Aufenthalts bis zu einem Jahr können außer Betracht bleiben (§ 85 AufenthG).
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Jugendliche und junge Erwachsene, die als Minderjährige nach Deutschland eingereist sind,
können unter Umständen bereits früher eine Niederlassungserlaubnis erhalten. Dies betrifft
diejenigen, die
• seit fünf Jahren eine Aufenthaltserlaubnis nach Abschnitt 6 des AufenthG im Rahmen des
Familiennachzugs (§§ 27 bis 36 AufenthG) besitzen oder
• aktuell eine Aufenthaltserlaubnis besitzen und vorher eine der folgenden Bescheinigungen
besessen haben - zusammen für insgesamt fünf Jahre:
• Aufenthaltsgestattung (Bei mehreren Asylverfahren zählt nur die Zeit des längsten
Asylverfahrens)
• Duldung, wobei nur die Zeit vor dem 1.1.2005 zählt
• „Aufenthaltsbefugnis” nach dem alten Ausländergesetz
• Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen (nach Abschnitt 5 des
Aufenthaltsgesetzes = §§ 22 bis 26 AufenthG)
• befristete Aufenthaltserlaubnis nach § 35 Abs. 2 des alten Ausländergesetzes für
Familienangehörige
• „befristete Aufenthaltserlaubnis” nach dem alten Ausländergesetz aus anderen
Gründen (z.B. durch Heirat), wenn gleichzeitig auch die Voraussetzungen für eine
Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen (§§ 22 bis 26 AufenthG) vorgelegen
haben.
Jugendliche und junge Erwachsene, die eine Niederlassungserlaubnis erhalten wollen, müssen
ausreichend Deutsch sprechen und dürfen nicht erheblich straffällig geworden sein. In der Regel
wird außerdem die eigenständige Sicherung des Lebensunterhaltes verlangt. Wenn Jugendliche
aber eine anerkannte Schul- oder Berufsausbildung absolvieren, müssen sie ihren Lebensunterhalt
nicht selbst sichern können.
Die Niederlassungserlaubnis soll nach den Vorschriften des niedersächsischen Innenministeriums
erst ab einem Alter von 16 Jahren erteilt werden und die Eltern sollen eine langfristige
Aufenthaltsperspektive besitzen. Das heißt aber nicht, dass die Kinder erst dann eine
Niederlassungserlaubnis erhalten können, wenn auch die Eltern bereits die Voraussetzungen dafür
erfüllen. Es reicht aus, wenn für die Eltern eine langfristige Aufenthaltsperspektive besteht. Dies ist
gegeben, wenn die Eltern eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 3 AufenthG besitzen und es
keine Hinweise dafür gibt, dass das Abschiebungsverbot in Kürze wegfallen wird.
Von der Sonderregelung können junge Erwachsene auch dann profitieren, wenn sie als
Minderjährige eingereist und inzwischen verheiratet sind.
Mit Erteilung einer Niederlassungserlaubnis erhalten die Kinder ein eigenständiges, von den Eltern
unabhängiges Aufenthaltsrecht.
Widerruf
Der Verlust oder die Nichtverlängerung der Aufenthaltserlaubnis ist möglich, wenn das Bundesamt
den Widerruf des Abschiebungsverbots beschließt (§ 73 Abs. 3 AsylVfG). Diese Gefahr besteht,
wenn sich in Ihrem Herkunftsland oder an Ihrer persönlichen Situation etwas verändert hat: Zum
Beispiel, wenn das Bundesamt meint, dass eine Krankheit, die im Herkunftsland in der
Vergangenheit nicht behandelbar war, nun aber dort behandelt werden kann, oder wenn sich eine
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Kriegssituation sich so deutlich und dauerhaft entschärft hat, so dass das Bundesamt keine
individuelle Gefährdung mehr sieht.
In Gefahr, einen Widerruf des Abschiebungsschutzes zu erhalten, sind insbesondere junge
Erwachsene, die als Minderjährige Abschiebungsschutz erhielten und mit Eintritt der Volljährigkeit
vom BAMF nicht mehr als schutzbedürftig angesehen werden. In den Jahren 2005 und 2006 hat
das BAMF in hunderten Fällen ein Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 2, 3, 5 oder 7 AufenthG
widerrufen, vor allem bei Flüchtlingen aus Angola, Serbien, Montenegro und Afghanistan, aber
auch aus anderen Staaten.
 Wenn Sie schon im Besitz der Niederlassungserlaubnis sind, müssen Sie sich keine Sorgen
machen. Der Widerruf des Abschiebungsverbots hat in der Regel nicht den Entzug der
Niederlassungserlaubnis zur Folge. Trotzdem sollten Sie alles daran setzen, den Widerruf des
Abschiebungsverbotes zu verhindern (s.u.).
 In der Regel erhalten Sie vor dem Widerrufsbescheid zunächst eine Aufforderung, zu einem
beabsichtigten Widerruf Stellung zu nehmen („Anhörung”). Diese Chance sollten Sie nutzen und
dafür sowie für den weiteren Rechtsweg auf jeden Fall rechtzeitig die Hilfe eines kompetenten
Rechtsanwalts oder einer Rechtsanwältin in Anspruch nehmen.
 Gegen einen Widerruf durch das BAMF kann man innerhalb von zwei Wochen vor dem
Verwaltungsgericht klagen. Dann wird ein Widerruf erst mit der Gerichtsentscheidung wirksam.
Bis das Gericht entscheidet, können einige Monate vergehen.
 Auch wenn das BAMF oder das Gericht entschieden hat, dass ein Abschiebungsverbot nicht
mehr vorliegt, bedeutet dies nicht automatisch, dass Sie Ihr Aufenthaltsrecht verlieren. Unter
Umständen haben Sie wegen der Dauer Ihres Aufenthalts und Ihrer Integration in Deutschland
Anspruch auf ein Aufenthaltsrecht aus anderen Gründen (lesen Sie dazu Kapitel 6.2 und 6.3).
 Im laufenden Widerrufverfahren darf die Ausländerbehörde die Aufenthaltserlaubnis nicht
einfach entziehen, sondern muss warten, bis die Entscheidung der BAMF oder des Gerichts
rechtskräftig ist. Dies haben mehrere Verwaltungsgerichte so entschieden. Dennoch kommt es
immer wieder vor, dass die Ausländerbehörde die Aufenthaltserlaubnis schon entziehen will oder
eine Verlängerung verweigert, bevor über den Widerruf des Abschiebungsverbots endgültig
entschieden ist. Sie sollten dagegen Klage erheben!
11.2 Wohnen, Umziehen und Reisen
Wohnen
Wenn Sie eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 3 AufenthG erhalten, können Sie sich selbst
eine Wohnung suchen. Die staatliche Agentur für Arbeit bzw. das Sozialamt übernimmt dafür die
Miete, solange Sie kein oder nur geringes eigenes Einkommen haben. Allerdings gibt es eine
Höchstgrenze für „angemessene” Mietkosten.
 Erkundigen Sie sich bei einer Beratungsstelle oder beim örtlichen Mieterverein, bis zu welcher
Höhe die Arbeitsagentur bzw. das Sozialamt die Mietkosten für Sie und Ihre Familie übernehmen
muss.
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Sie sind gesetzlich nicht mehr verpflichtet, im Wohnheim zu wohnen. Theoretisch könnte die
Ausländerbehörde Ihre Aufenthaltserlaubnis zwar mit dem Vermerk versehen, dass Sie in einem
bestimmten Wohnheim wohnen müssen. In der Praxis in Niedersachsen werden solche
„Wohnheim-Auflagen” für Menschen mit Aufenthaltserlaubnis unserer Erfahrung nach aber nicht
erteilt.
 Falls Sie trotz Aufenthaltserlaubnis von der Ausländerbehörde verpflichtet werden, im
Wohnheim zu wohnen, sollten Sie rechtliche Schritte dagegen unternehmen. Stellen Sie einen
Antrag auf Streichung der Auflage. Wenn die Ausländerbehörde ablehnt, legen Sie Widerspruch
ein, am besten mit Hilfe einer Beratungsstelle, einer Rechtsanwältin oder eines Rechtsanwaltes.
Wenn auch der Widerspruch zurückgewiesen wird, können Sie vor Gericht klagen. Informieren Sie
auch den Flüchtlingsrat Niedersachsen über das Verhalten der Ausländerbehörde.
Arbeitslose junge Menschen unter 25 Jahren, die aus der Wohnung der Eltern ausziehen, erhalten
unter Umständen keine soziale Unterstützung für die Wohnung und nur noch 80 Prozent des
Arbeitslosengeldes II (§§ 22 Abs. 2 a, 20 Abs. 2 a SGB II).
Wohnsitzauflage
Wenn Sie Sozialleistungen erhalten, wird in Ihrer Aufenthaltserlaubnis eine so genannte
Wohnsitzauflage vermerkt: „Die Wohnsitznahme ist auf das Land Niedersachsen beschränkt.” So
lange dieser Satz in Ihrer Aufenthaltserlaubnis steht, dürfen Sie nicht in ein anderes Bundesland
umziehen. Ein Umzug innerhalb Niedersachsens ist nicht verboten. Sozialleistungen sind
Leistungen nach dem AsylbLG, SGB II (ALG II) oder SGB XII (Sozialhilfe). Kinder- und
Elterngeld zählen nicht dazu, dieser Bezug ist in jedem Fall unproblematisch. Unter bestimmten
Bedingungen können Sie die Streichung der Auflage beantragen und danach umziehen:
Wenn Sie nachweisen können, dass Sie den Lebensunterhalt Ihrer Familie durch Arbeit oder
sonstiges Einkommen vollständig sichern können, soll die Ausländerbehörde die Wohnsitzauflage
aus Ihrer Aufenthaltserlaubnis streichen. Dazu müssen Sie beim Antrag an die Ausländerbehörde
die entsprechenden Nachweise (Arbeitsvertrag und anderes) vorlegen. Ein unbefristeter
Arbeitsvertrag ist nicht notwendig, aber die Ausländerbehörde muss davon ausgehen können, dass
das Einkommen für lange Zeit gesichert ist.
Wenn Sie arbeiten, aber noch ergänzende Sozialleistungen beziehen, wird die Wohnsitzauflage in
der Regel nicht gestrichen. Eine Ausnahme gilt allerdings, wenn die ergänzenden Sozialleistungen
höchstens 10% des Nettoeinkommens betragen und der - voraussichtlich dauerhafte - Arbeitsplatz
in einer unzumutbaren Entfernung vom bisherigen Wohnort liegt.
Für den Fall, dass Ihr/e Ehepartner/in oder Ihre minderjährigen Kinder in einem anderen Ort
wohnen, muss die Ausländerbehörde Ihnen ermöglichen, dass Ihre Familie zusammenleben kann,
auch wenn Sie Sozialleistungen beziehen. Allerdings können Sie nicht in jedem Fall bestimmen, an
welchem der beiden Wohnorte Sie gemeinsam wohnen. Die Ausländerbehörde kann die Streichung
Ihrer Auflage verweigern, wenn Ihr Ehepartner/in seinen Wohnsitz verlegen kann. Das wird
insbesondere dann angenommen, wenn der/die Ehepartnerin Deutscher ist oder seinen Wohnort frei
wählen darf. Dabei soll die Ausländerbehörde in gewissem Maß auf Ihre Wünsche Rücksicht
nehmen, aber auch andere Faktoren berücksichtigen, vor allem wo eine Arbeitsstelle vorhanden ist
oder wo ausreichend Wohnraum zur Verfügung steht. Daneben haben die Bundesländer vereinbart,
dass ein Wohnsitzwechsel auch bei Sozialhilfebezug zur Sicherstellung der Pflege und
medizinischen Versorgung eines Angehörigen erlaubt werden soll.
Seite 103 von 201
In allen anderen Fällen entscheiden die Ausländerbehörden des Ortes, an den Sie umziehen
möchten nach den Regeln des jeweiligen Bundeslandes, ob einem Umzug zugestimmt wird. In der
Regel führt der Bezug von (ergänzenden) Sozialleistungen zu einer Ablehnung des Antrags.
Reisen und Umziehen
Innerhalb Deutschlands dürfen Sie sich frei bewegen. Sie können nur in und durch die Europäische
Union reisen, sofern Sie bestimmte Einreisebedingungen erfüllen. So müssen Sie unter anderem im
Besitz eines gültigen Reisedokuments oder, wenn gefordert, eines Visums sein.
In der EU dürfen Sie sich dann für drei Monate - jeweils innerhalb einer Frist von sechs Monaten ohne einen speziellen Aufenthaltstitel aufhalten, allerdings nur, wenn Sie dort keine Arbeit
aufnehmen.
Ein Umzug ist schwierig: Grundsätzlich müssen Sie in Deutschland leben, weil nur hier ihre
Aufenthaltserlaubnis gilt. Im Einzelfall kann aber ein anderer Staat aus besonderen Gründen (zum
Beispiel Heirat mit einem Staatsangehörigen dieses Staates) einen Umzug zulassen.
Entscheidend sind also immer die jeweiligen Einreisebestimmungen des Landes, in welches Sie
reisen oder umziehen wollen.
 Wenn Sie reisen oder umziehen wollen, erkundigen Sie sich im Einzelfall bei der Botschaft
des betreffenden Landes über die genauen Bedingungen (Visumspflicht,
Einwanderungsmöglichkeiten und anderes) und wenden Sie sich bei besonderen Problemen (zum
Beispiel Familienzusammenführung) an einen Rechtsanwalt oder eine Rechtsanwältin. Botschaftsund Konsulatsadressen in Deutschland sowie weitere Informationen zu den Staaten erhalten Sie im
Internet beim Auswärtigen Amt: http://www.auswaertigesamt.de/diplo/de/LaenderReiseinformationen.jsp.
Eine Reise in Ihr Herkunftsland sollten Sie sich gut überlegen, auch wenn Ihnen dies dringend
notwendig oder momentan wenig gefährlich erscheint. Erfahren die Behörden von Ihrer Heimreise,
wird unter Umständen ein Widerrufsverfahren eingeleitet - das hängt von der konkreten
Begründung für die Erteilung des Abschiebungsschutzes ab. Möglicherweise schließt die Behörde
aus Ihrer Heimreise, dass das Abschiebungshindernis nicht mehr vorliegt. Ob Sie dann Ihr
Aufenthaltsrecht für Deutschland behalten, ist ungewiss.
11.3
Arbeit und Ausbildung
Um arbeiten oder eine Ausbildung absolvieren zu können, brauchen Sie eine Arbeitserlaubnis. In
den ersten drei Jahren Ihres Aufenthalts in Deutschland gibt es Beschränkungen: Sie können
allenfalls eine so genannte „nachrangige Arbeitserlaubnis” erhalten. Erst danach erhalten Sie vorausgesetzt, Sie sind noch im Besitz einer Aufenthaltserlaubnis - eine uneingeschränkte
Arbeitserlaubnis für unselbstständige Tätigkeiten.
Als Arbeitnehmer/in haben Sie gegenüber dem/der Arbeitgeber/in bestimmte Rechte. Dazu gehören
die Auszahlung des vereinbarten Lohns, die Lohnzahlung im Krankheitsfall, Urlaubsanspruch und
anderes.
Seite 104 von 201
à Wenn Sie Schwierigkeiten mit Ihrem Arbeitgeber haben, können Sie vor dem Arbeitsgericht
klagen. Lassen Sie sich vorher gut beraten, zum Beispiel bei der Gewerkschaft.
Wenn Sie eine Arbeit gefunden haben, sind Sie verpflichtet, dies dem Sozialamt und dem
Arbeitsamt so schnell wie möglich mitzuteilen. Wenn Sie nicht viel verdienen, bekommen Sie
weiterhin ergänzende Sozialleistungen und einen neuen Bescheid darüber. Wenn Sie Ihre
Arbeitsaufnahme nicht unverzüglich melden, fordern die Ämter das von ihnen zuviel gezahlte Geld
zurück. Unter Umständen bekommen Sie auch Probleme, weil man Ihnen Betrug vorwirft.
Im Folgenden werden Ihre Arbeitsmöglichkeiten genauer beschrieben.
Nachrangige Arbeitserlaubnis
Um eine nachrangige Arbeitserlaubnis für einen bestimmten Arbeitsplatz zu erhalten, brauchen Sie
in der Regel Zeit, gute Nerven und mehrere Versuche. Anträge werden häufig abgelehnt. Wenn Sie
eine Arbeitserlaubnis erhalten, gilt diese nur für eine ganz bestimmte Tätigkeit in einem
bestimmten Betrieb. Sie müssen sich also vorher darum bemühen, einen Arbeitsplatz zu finden, und
können dann erst den Antrag auf Arbeitserlaubnis dafür stellen. Die Erlaubnis wird aber nur dann
erteilt, wenn für diesen Arbeitsplatz kein/e bevorrechtigte/r Arbeitnehmer/in (das sind zum Beispiel
Deutsche, EU-Bürger/innen oder anerkannte Flüchtlinge) zur Verfügung stehen und Sie nicht zu
schlechteren Arbeitsbedingungen als vergleichbare deutsche Arbeitnehmer/innen beschäftigt
werden. Dies sind die Schritte zur nachrangigen Arbeitserlaubnis:
• Besorgen Sie sich bei der Ausländerbehörde die Formulare „Antrag auf Erlaubnis einer
Beschäftigung, die der Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit bedarf” sowie
„Stellenbeschreibung”.
• Suchen Sie sich eine Arbeitsstelle.
• Der/die Arbeitgeber/in muss die „Stellenbeschreibung” ausfüllen und unterschreiben. Er
sollte sich damit einverstanden erklären, dass sein Stellenangebot von der Agentur für
Arbeit für veröffentlicht wird. Berücksichtigen Sie bei dem Termin für den Arbeitsbeginn,
dass das Antragsverfahren einige Wochen dauert.
• Machen Sie sich Kopien für Ihre Unterlagen und geben die Formulare bei der
Ausländerbehörde ab. Nehmen Sie dazu auch Ihren Ausweis mit.
• Nun müssen Sie bis zu acht Wochen warten. Erst wenn die Behörden meinen, dass der
Arbeitsplatz nicht an einen bevorrechtigten Arbeitnehmer vermittelt werden kann, erhalten
Sie die Arbeitserlaubnis.
Die nachrangige Arbeitserlaubnis ist befristet und kann nach Ablauf der Frist verlängert werden.
à Beantragen Sie eine Verlängerung frühzeitig! Haben Sie länger als zwölf Monate dieselbe
Arbeitsstelle, dann kann die Erlaubnis verlängert werden, ohne dass die Ausländerbehörde wieder
prüft, ob es bevorrechtigte Arbeitnehmer/innen gibt.
Arbeitserlaubnis ohne Vorrangprüfung
In besonderen Fällen kann eine Arbeitserlaubnis erteilt werden, ohne dass die Arbeitsagentur prüft,
ob es bevorrechtigte Arbeitnehmer/innen gibt. Dabei bleibt die Arbeitsgenehmigung aber an die
beantragte Tätigkeit und den/die Arbeitgeber/in gebunden. Auf die Vorrangprüfung wird verzichtet,
wenn
Seite 105 von 201
• Sie im Betrieb Ihres/Ihrer Ehepartner/in, unverheirateten Lebenspartner/in oder sonstigen
Verwandten ersten Grades arbeiten wollen und mit diesen zusammen in einem Haushalt
leben (§ 3 BeschVerfV);
• ein Härtefall vorliegt (Härtefallarbeitsgenehmigung, § 7 BeschVerfV).
Ob eine Härtefallarbeitsgenehmigung erteilt wird, hängt von den besonderen Umständen des
Einzelfalls ab. Ein Härtefall kann zum Beispiel festgestellt werden, wenn eine Person nur
eingeschränkt arbeiten kann, wenn wegen einer Behinderung die Chancen auf einen Arbeitsplatz
ohnehin bereits eingeschränkt sind. Traumatisierten Personen wird die Arbeitserlaubnis ohne
Vorrangprüfung erteilt, wenn die Beschäftigung von dem behandelnden Arzt/Psychotherapeuten als
wichtiger Teil der Therapie bezeichnet wird.
à Prüfen Sie, ob in Ihrem Fall konkrete Gründe für eine Härtefallarbeitsgenehmigung vorliegen.
Versuchen Sie gegebenenfalls mit Hilfe einer Beratungsstelle, den Anspruch auf eine
Härtefallarbeitsgenehmigung durchzusetzen.
Uneingeschränkte Arbeitserlaubnis
Sie können eine Arbeitserlaubnis erhalten, mit der Sie sich uneingeschränkt überall bewerben
können (§ 9 BeschVerfV):
• nach zwei Jahren sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung oder
• nach drei Jahren in Deutschland (tatsächlicher Aufenthalt - Zeiten der Duldung oder
Aufenthaltsgestattung zählen mit).
• Auch Menschen mit Aufenthaltserlaubnis, die als Minderjährige eingereist sind, erhalten
nach dem Gesetz eine Arbeitserlaubnis ohne alle Beschränkungen, wenn sie einen
deutschen Schulabschluss haben, eine abgeschlossene berufsvorbereitende Maßnahme
nachweisen können oder eine anerkannte Berufsausbildung aufnehmen möchten (§ 8
BeschVerfV).
• Die uneingeschränkte Arbeitserlaubnis erteilen die Behörden oft nicht von selbst. Stellen
Sie rechtzeitig einen Antrag, wenn Sie eine der drei Bedingungen erfüllen.
Selbstständigkeit
Wenn Sie sich selbstständig machen wollen, müssen Sie die Erlaubnis zur Ausübung einer
Erwerbstätigkeit bei der Ausländerbehörde beantragen. Nach den Niedersächsischen Vorschriften
ist die Erlaubnis dazu in den ersten zwei Jahren nach Erteilung der Aufenthaltserlaubnis praktisch
ausgeschlossen - es sei denn, Sie wollten in Deutschland 250.000 Euro investieren und fünf
Arbeitsplätze schaffen…
Nach Ablauf von zwei Jahren erhalten Sie die Erlaubnis zur selbstständigen Erwerbstätigkeit unter
folgenden Bedingungen:
• Sie erfüllen Ihre Passpflicht.
• Es liegt kein Ausweisungsgrund (z.B. schwere Straftaten) vor.
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• Sie können ausreichende Deutschkenntnisse sowie „Grundkenntnisse der Rechts- und
Gesellschaftsordnung sowie der deutschen Lebensverhältnisse” nachweisen.
• Sie haben sich in den letzten zwei Jahren intensiv um Arbeit bemüht, aber keine gefunden.
• Sie können Ihren Lebensunterhalt durch die Selbstständigkeit voraussichtlich sichern.
• Sie wollen sich an Ihrem Wohnort selbstständig machen, so dass die Wohnsitzauflage (lesen
Sie dazu im Kapitel 9.2 den Abschnitt Wohnsitzauflage) nicht geändert werden muss.
Die Ausländerbehörde fragt unter Umständen noch fachkundige Institutionen (Industrie- und
Handelskammer), ob Bedenken gegen die von Ihnen angestrebte Form der Selbstständigkeit
bestehen. Unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls entscheidet die Ausländerbehörde
dann, ob Sie Ihnen die Selbstständigkeit erlaubt, und trägt die Erlaubnis gegebenenfalls in Ihre
Aufenthaltserlaubnis ein.
Um den Einstieg in die Selbstständigkeit finanzieren zu können, können Sie von der Arbeitsagentur
einen so genannten Gründungszuschuss von 300 Euro monatlich erhalten (§ 57 f. SGB III). Der
Gründungszuschuss wird neun Monate lang zusätzlich zu Ihrem Arbeitslosengeld gezahlt und kann
dann noch einmal für sechs Monate verlängert werden. Um einen Gründungszuschuss zu erhalten,
müssen Sie noch mindestens drei Monate lang Anspruch auf Arbeitslosengeld I haben. Außerdem
müssen Sie der Arbeitsagentur nachweisen, dass Ihre Gründungsidee tragfähig ist und Sie die dafür
benötigten Kenntnisse und Fähigkeiten besitzen.
à Vor einer Existenzgründung sollten Sie sich in jedem Fall umfassend bei der Industrie- und
Handelskammer, dem Deutschen Hotel und Gaststättenverband, der Handwerkskammer oder
anderen kompetenten Stellen beraten lassen. Diese Vereinigungen bieten auch
Existenzgründungsseminare an. Gründen Sie nicht übereilt ein Gewerbe. Schließen Sie vor allem
erst einen Mietvertrag oder andere Verträge ab, nachdem Sie sich umfassend beraten lassen haben
und ein tragfähiges Konzept haben. Es besteht die große Gefahr dauerhafter Verschuldung.
Ausbildung
Um mit Aufenthaltsgestattung eine betriebliche Ausbildung beginnen zu können, brauchen Sie eine
Arbeitsgenehmigung. Dafür gelten im Prinzip dieselben Regelungen wie bei der Aufnahme einer
Arbeit. Nichtbetriebliche, das heißt schulische Ausbildungen können Sie auch ohne
Arbeitserlaubnis absolvieren. Fach- und Berufsfachschulen vermitteln in Vollzeitunterricht die für
den Beruf erforderlichen Kenntnisse. Schulische Ausbildungen werden u.a. in folgenden Bereichen
angeboten:
•
•
•
•
•
•
Fremdsprachen
Gestaltung
Informationstechnik
Sozial- und Gesundheitswesen
Technik
Wirtschaft
Eine berufliche Vorbildung ist für den Besuch einer Berufsfachschule nicht erforderlich, zum Teil
werden jedoch Praktika in den jeweiligen Tätigkeitsfeldern erwartet. Mindestens ein
Hauptschulabschluss ist erforderlich, meistens sogar ein Realschulabschluss. Oft gibt es mehr
Bewerber/innen als Ausbildungsplätze und es kommt zu einem Auswahlverfahren.
Auswahlkriterien können bestimmte Schulnoten, der Notendurchschnitt oder auch die Art der
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schulischen Vorbildung und die Wartezeit sein. Auch Eignungsprüfungen und
Vorstellungsgespräche sind üblich. Schulische Ausbildungen kosten oft Gebühren.
Ausbildungsstellen ohne Gebühren gibt es zum Beispiel für Erzieher/innen,
Heilerziehungspfleger/innen oder Hebammen, Medizinisch-technische/r Assistenten/innen.
à Erkundigen Sie sich bei der für Sie zuständigen Arbeitsagentur nach kostenlosen schulischen
Ausbildungsangeboten oder schauen Sie im Internet nach unter
http://infobub.arbeitsagentur.de/kurs/index.jsp.
Unter Umständen haben Sie als Auszubildende/r Anspruch auf Berufsausbildungsbeihilfe (BAB),
die Sie zusätzlich zu Ihrem Azubi-Gehalt von der Arbeitsagentur erhalten. Voraussetzung ist, dass
Sie voraussichtlich nach der Ausbildung im Inland rechtmäßig erwerbstätig sein werden und
• mindestens vier Jahre ununterbrochen in Deutschland leben, wobei Zeiten mit Duldung oder
Aufenthaltsgestattung mitzählen,
• eines Ihrer Elternteile sich insgesamt drei Jahre in Deutschland aufgehalten hat und
rechtmäßig gearbeitet hat (Ausnahmen sind möglich, wenn der Elternteil z.B. wegen einer
Krankheit nicht arbeiten konnte. Ein Arbeitverbot zählt nicht als Ausnahmegrund.) oder
• wenn Sie bei einem Verwandten leben, der die Voraussetzungen anstelle eines Elternteils
erfüllt und Sie selbst seit drei Jahren in Deutschland leben.
Berufsausbildungsbeihilfe wird während einer beruflichen Ausbildung oder einer
berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme gewährt. In der Regel wird nur die erste Ausbildung
gefördert, es sei denn, die frühere Ausbildung wurde aus wichtigem Grund abgebrochen. Gefördert
wird nur, wer in einer Wohnung ohne seine Eltern lebt. Jugendliche unter 18 Jahren erhalten unter
Umständen keine BAB, weil ihre Ausbildungsstätte in der Nähe der Wohnung der Eltern liegt und
die Behörde argumentiert, dass Sie auch dort wohnen könnten. Für Verheiratete und Personen mit
Kindern spielt die elterliche Wohnung keine Rolle.
Arbeitsuche bei unbeschränkter Arbeitserlaubnis
Wenn Sie bereits eine unbeschränkte Arbeitserlaubnis haben und Arbeitslosengeld I oder II
erhalten, sind sie verpflichtet, nach Arbeit zu suchen. Die Arbeitsagentur kann Sie zum Beispiel
verpflichten, sich zu bewerben und an Bewerbungstrainings oder bestimmten
Qualifizierungsmaßnahmen teilzunehmen. Die Agentur soll Sie bei der Arbeitssuche unterstützen
und Ihnen konkrete Jobs anbieten. Auch wenn diese Arbeiten schlecht bezahlt werden und Sie
aufgrund ihrer Ausbildung lieber eine andere Arbeit hätten, dürfen Sie die angebotenen Jobs nicht
ohne Weiteres ausschlagen. Wenn Sie ohne triftigen Grund eine Arbeit ablehnen, können Ihnen die
Sozialleistungen gekürzt oder sogar ganz gestrichen werden. Vieles hängt davon ab, wie gut Ihr
Sachbearbeiter sich in Ihre Situation versetzen kann, ihre Arbeitsmotivation und ihr Bemühen
wahrnimmt.
Die Arbeitsagentur übernimmt Ihre Kosten für Bewerbungen (Bewerbungsmappen,
Beglaubigungen, Fotos, Gesundheitszeugnis, Übersetzung von Zeugnissen). Auch Fahrtkosten zu
Vorstellungsgesprächen oder zu einer speziellen Berufsberatung können erstattet werden. Die
Arbeitsagentur kann außerdem finanzielle Unterstützung leisten, um Ihre Eingliederung in den
Arbeitsmarkt zu fördern. Dazu zählt zum Beispiel die Kostenübernahme für eine ABM-Stelle, ein
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Einstiegsgeld als Zuschuss für die Aufnahme einer Arbeit, die Finanzierung einer psychosozialen
Beratung oder einer Suchtberatung.
à Sammeln Sie die Quittungen und Belege für die Ausgaben bei der Arbeitsuche. Erkundigen
Sie sich nach Fördermöglichkeiten.
Arbeitsgelegenheiten
Solange Sie Sozialleistungen erhalten, können Sie verpflichtet werden, „gemeinnützige Arbeit” zu
leisten. Sie können sich auch selbst darum bemühen und bei den örtlichen Job-Centern danach
fragen. Oft sind dies einfache Hilfstätigkeiten, zum Beispiel Laubharken im städtischen Park. Für
diese Arbeit erhalten Sie zusätzlich zu Ihren Sozialleistungen 1 bis 2 Euro pro Stunde. Dies ist aber
keine reguläre Arbeit und Sie sind darüber nicht sozialversichert. Wenn Sie sich weigern, die
angebotene Arbeit auszuführen, oder ohne Entschuldigung fehlen, kann die Arbeitsagentur Ihre
Sozialleistungen kürzen. Gekürzt werden darf im Regelfall nur ein Teil der Sozialleistung der
Person, die die Arbeit verweigert, nicht aber die Sozialleistung der Kinder.
à Wenn es wichtige Gründe dafür gibt, dass Sie eine gemeinnützige Arbeit nicht ausführen
können oder wollen (z.B. Krankheit, fehlende gesundheitliche Eignung für die konkrete Tätigkeit,
fehlende Betreuungsmöglichkeit für die Kinder oder anderes), teilen Sie das der Arbeitsagentur so
schnell wie möglich mit. Wenn Sie krank sind, sollten Sie ein Attest vorlegen, aus dem Ihre
Arbeitsunfähigkeit hervorgeht. Wenn Ihre Sozialleistungen gekürzt wurden, muss die Kürzung
wieder aufgehoben werden, sobald Sie ihre Arbeitsbereitschaft zeigen. Sollten Ihre
Sozialleistungen zu Unrecht oder zu stark gekürzt werden oder auch andere Familienangehörige
betreffen, wenden Sie sich an einen Rechtsanwalt oder eine Beratungsstelle.
11.4
Soziale Sicherung
Wenn Sie arbeitslos sind, haben Sie Anspruch auf soziale Leistungen.
Welche Sozialleistungen Sie erhalten können, hängt von Ihrer persönlichen Lage ab. Wenn Sie
bereits längere Zeit gearbeitet haben, erhalten Sie unter Umständen das so genannte
Arbeitslosengeld I (ALG I). Haben Sie keinen Anspruch nach ALG I, sind aber zwischen 15 und 64
Jahren alt und arbeitsfähig, erhalten Sie Leistungen der „Grundsicherung für Arbeitssuchende”
nach dem Zweiten Sozialgesetzbuch (SGB II), das so genannte „Arbeitslosengeld II” (ALG II).
Ältere Menschen und dauerhaft erwerbsunfähige Erwachsene erhalten die Grundsicherung im Alter
und bei Erwerbsminderung nach dem Vierten Kapitel des SGB XII. Wenn Sie grundsätzlich
erwerbsfähig, aber längere Zeit krank sind, erhalten Sie Leistungen nach dem Dritten Kapitel des
SGB XII. Die Leistungen nach SGB II und XII sind in der Höhe weitgehend identisch.
Absicherung bei Arbeitslosigkeit (ALG I)
Bei Arbeitslosigkeit haben Sie unter Umständen Anspruch auf Arbeitslosengeld I (ALG I). Das
gilt, wenn Sie
1. innerhalb der letzten zwei Jahre mindestens zwölf Monate sozialversicherungspflichtig
beschäftigt waren,
2. sich darum bemühen, wieder Arbeit zu erhalten,
Seite 109 von 201
3. den Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung stehen.
Das ALG I beträgt 67% Ihres Nettolohns, wenn Sie Kinder haben, und 60% ohne Kinder. Die
Dauer des ALG I beträgt zwischen sechs und zwölf Monaten und ist davon abhängig, wie lange Sie
innerhalb der letzten zwei Jahre gearbeitet haben. Personen ab 50 Jahre können künftig bis zu bis
zu 15 Monate, Personen ab 55 Jahre bis zu 18 Monate und Personen ab 58 Jahre bis zu 24 Monate
lang ALG I erhalten, wenn Sie Beschäftigungszeiten bis zu vier Jahren vorweisen können. Liegt Ihr
Anspruch auf ALG I niedriger als der ALG II, wird dieses ergänzend gezahlt.
 Um ALG I zu erhalten, müssen Sie sich bei der Arbeitsagentur Arbeit suchend melden. Dafür
haben Sie, wenn Sie von Ihrer Kündigung bzw. dem Ende Ihrer Arbeitsverhältnisses erfahren, nur
drei Tage Zeit (§ 122 SGB III). Melden Sie sich später, müssen Sie damit rechnen, dass Ihnen die
Leistungen für die ersten sieben Tage gestrichen werden (§ 128 SGB III). ALG I wird nicht
rückwirkend gezahlt, sondern frühestens ab dem Tag Ihrer Meldung als Arbeit suchend.
Arbeitslosengeld II (ALG II)
Das ALG II, umgangssprachlich auch „Hartz IV” genannt, erhalten Sie auch, wenn Sie noch nie
gearbeitet haben. Es kommt auch nicht darauf an, ob Sie einen eingeschränkten
Arbeitsmarktzugang haben oder ohne Einschränkungen arbeiten dürfen.
Das ALG II besteht aus einem Regelsatz für Ernährung, Kleidung, Hausrat und persönliche
Bedürfnisse sowie eventuell einem Zuschuss wegen Mehrbedarfs. Zusätzlich werden die Kosten für
Unterkunft und Heizung übernommen. Sie erhalten diese Leistung, wenn Ihr Einkommen und
Vermögen nicht ausreicht.
Wenn Sie Arbeitseinkommen oder Vermögen haben, wird dies zum großen Teil angerechnet. Bis
zu 150 Euro im Lebensjahr, mindestens jedoch 3.100 € pro Person, zuzüglich 750 € pro Person
dürfen Sie besitzen. Ein Freibetrag von 3.750 € gilt auch für jedes Kind. In diesem Fall erhalten Sie
weniger oder gar kein ALG II. Wohnen Sie mit anderen, zum Beispiel Großeltern oder Partner/in,
zusammen, dann vermutet das Sozialamt, dass Sie gemeinsam wirtschaften, und rechnet das
Einkommen aller Haushaltsangehörigen zusammen. Folgende Leistungen werden gewährt:
Regelsatz
(Seit Juli
08)
Alleinstehende/
Alleinerziehende
Volljährige
Partner
Haushaltsangehörige
0 bis 13 Jahre
Haushaltsangehörige
ab 14 Jahre
in %
100 %
90 %
60 %
80 %
in €
351 €
316 €
211 €
281 €
Der Regelsatz für eine allein stehende Person oder den Haushaltsvorstand beträgt derzeit 351 Euro
monatlich. Volljährige Haushaltsangehörige (also in der Regel der/die Partner/in und erwachsene
Kinder) erhalten 316 Euro, Kinder ab 14 Jahren 281 Euro, Kinder bis einschließlich 13 Jahre 211
Euro.
Seite 110 von 201
Einen Mehrbedarfszuschuss gibt es für Alleinerziehende, die ein Kind unter 7 Jahren oder mehrere
Kinder unter 16 Jahren haben (126 Euro). Alternativ dazu erhalten Sie einen Mehrbedarfszuschlag
von 42 Euro pro Kind, falls Ihre Kinder nicht die oben genannten Altersgrenzen erfüllen. Die
Höchstgrenze für den Mehrbedarfszuschlag für alle Kinder beträgt 211 Euro. Werdende Mütter
erhalten 60 Euro Mehrbedarfszuschlag, falls sie ohne Partner leben, oder 54 Euro, falls sie mit
Partner leben. Auch Menschen mit Behinderung oder einer Erkrankung, die eine kostenaufwändige
Ernährung erfordert, können oft einen Mehrbedarfszuschlag beanspruchen.
Daneben können Sie in wenigen Fällen einen Antrag auf „einmalige Beihilfen” stellen,
insbesondere für die erste Möblierung einer Wohnung und die Erstausstattung eines Babys oder
nachgezogenen Kindes, sowie für mehrtägige Klassenfahrten von Schüler/innen. Unter bestimmten
Bedingungen kann das Sozialamt auch Mietschulden als „einmalige Beihilfe” übernehmen.
Zu den Kosten für die Unterkunft gehören Miete, Heiz- und Betriebskosten. Auch wenn nach der
jährlichen Abrechnung Nachzahlungen fällig werden, werden diese vom Sozialamt übernommen.
Ebenso die Kosten für mietvertraglich vorgeschriebene Renovierungen (ggf. jedoch in Eigenarbeit,
d.h. nur die Materialkosten). Die Mietkosten sind allerdings begrenzt: In Abhängigkeit von der
Zahl der Familienmitglieder und den örtlichen Gegebenheiten erstattet das Sozialamt die Miete nur
bis zu einer Höchstgrenze. Wenn beispielsweise ein Jugendlicher aus Ihrer Wohnung auszieht,
kann es geschehen, dass das Sozialamt nicht mehr sämtliche Mietkosten bezahlt und Sie auffordert,
sich eine kleinere Wohnung zu suchen.
Arbeitslose junge Menschen unter 25 Jahren, die aus der Wohnung der Eltern ausziehen, erhalten
keine soziale Unterstützung für die Wohnung und nur noch 80 Prozent des Arbeitslosengeldes II,
wenn die Arbeitsagentur dem Auszug nicht vorher zugestimmt hat (§ 22 Abs. 2 a SGB II, § 20 Abs.
2 a SGB II).
 Erkundigen Sie sich bei einer Beratungsstelle oder beim Mieterverein, bis zu welcher Höhe
das Sozialamt die Miete für eine Wohnung für Sie und Ihre Familie übernehmen muss.
Soziale Leistungen im Alter, bei Erwerbsunfähigkeit und Krankheit
Alte Menschen ab 65 Jahren und Erwerbsunfähige haben keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld II.
Wenn Sie 65 Jahre oder älter sind, oder dauerhaft nicht in der Lage sind zu arbeiten, erhalten Sie
nach dem Vierten Kapitel des SGB XII die so genannte „Grundsicherung im Alter und bei
Erwerbsminderung”. Sind Sie nur vorübergehend krank (länger als 6 Monate, jedoch nicht auf
Dauer) und stehen dem Arbeitsmarkt nicht als Arbeitssuchender zur Verfügung, erhalten Sie
soziale Leistungen nach dem dritten Kapitel des SGB XII.
 Besprechen Sie mit Ihrem Rechtsanwalt oder Ihrer Rechtsanwältin, welche rechtlichen Folgen
der Bezug von Leistungen nach dem SGB XII für Ihren Aufenthalt oder den Sie Ihrer Familie hat.
Die Leistungen sind in beiden Fällen im Wesentlichen gleich. Sie umfassen in Niedersachsen
derzeit:
Regelsatz
(Seit Juli
08)
Alleinstehende/
Alleinerziehende
Volljährige
Partner
Haushaltsangehörige
0 bis 13 Jahre
Haushaltsangehörige
ab 14 Jahre
Seite 111 von 201
in %
100 %
90 %
60 %
80 %
in €
351 €
316 €
211 €
281 €
Zusätzlich übernimmt das Sozialamt die Kosten für Unterkunft und Heizung. Bezahlt wird die
„angemessene” Miete für eine Wohnung, jedoch nicht die Kosten für Haushaltsenergie (Strom für
Licht, Warmwasser, Kochen).
 Erkundigen Sie sich bei einer Beratungsstelle oder beim Mieterverein, bis zu welcher Höhe
das Sozialamt die Miete für eine Wohnung für Sie (und Ihre Familie) übernehmen muss.
In bestimmten Lebenslagen erhöhen sich die Regelsätze (bei Alleinerziehenden, bei Schwangeren
ab der 13. Woche; bei Kranken, die sich in besonderer Weise ernähren müssen; bei
Schwerbehinderten mit dem Ausweis G).
Zusätzlich kann man auf Antrag einmalige Beihilfen erhalten, zum Beispiel für die Erstausstattung
des neuen Babys oder eine mehrtägige Klassenfahrt.
Anstelle der bisher vom Sozialamt gewährten Krankenscheine erhalten Sie auf Kosten des
Sozialamts eine Krankenversichertenkarte (Chipkarte) von einer gesetzlichen Krankenkasse Ihrer
Wahl. Sie haben damit einen uneingeschränkten Anspruch auf Krankenbehandlung wie deutsche
Versicherte auch.
11.5
Medizinische Versorgung
Sie haben Anspruch auf alle Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung im gleichen Umfang
wie Deutsche. Als Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse erhalten Sie eine
Krankenversicherungskarte, die Sie bei jedem Arztbesuch vorzeigen müssen. Wenn Sie
Sozialleistungen nach SGB XII beziehen, erhalten Sie über die Krankenkasse im Fall Ihrer
Pflegebedürftigkeit allerdings keine Leistungen der Pflegeversicherung, sondern müssen sich dafür
an das Sozialamt wenden. Von den Krankenkassen nicht bezahlt werden Brillen und nicht
verschreibungspflichtige Medikamente, Dolmetscher- und Fahrtkosten. Ausnahmen gelten für
Kinder.
 Wenn Sie mit einer Entscheidung der Krankenkasse nicht einverstanden sind, legen Sie
schriftlich „Widerspruch” ein. Der Widerspruch richtet sich dann direkt an die Krankenkasse (nicht
mehr ans Sozialamt). Außerdem können Sie eine Klage und gegebenenfalls einen Eilantrag an das
Sozialgericht schicken.
 Wenn Sie Leistungen nach SGB XII beziehen, können Sie bestimmte laufend benötigte Dinge,
die die Krankenkasse nicht zahlt, beim Sozialamt als „vom Regelfall abweichenden
Lebensunterhaltsbedarf” beantragen (§ 28 Abs. 1 Satz 2 SGB XII).
Seite 112 von 201
Sie sind nach dem Gesetz zu bestimmten Zuzahlungen verpflichtet. Dazu gehören die Praxisgebühr
beim Zahnarzt und Arzt (je 10 Euro im Quartal) und eine Beteiligung an Medikamenten (pro
Medikament bis zu 10 Euro in der Apotheke) und anderen Leistungen (zum Beispiel bei
Krankenhausaufenthalten oder für spezielle, nicht von der Kasse getragene
Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft und anderes). Für Kinder und Jugendliche fallen
keine Zuzahlungen an. Die Höchstgrenze für Ihre ganze Familie liegt bei 2% Ihres
Bruttojahreseinkommens. Abgezogen werden Freibeträge für Ihre/n Ehepartner/in (4.536 Euro) und
Kinder (je 3.864 Euro).
Beispiel: Sie sind verheiratet, haben zwei Kinder und ein Jahresbruttoeinkommen von 20.000 Euro.
Abzüglich der Freibeträge sind das 20.000 - 4.536 - 2 x 3.864 = 7.736 Euro. In diesem Fall beträgt
die Belastungsgrenze also 2% von 7.736 Euro = 154,72 Euro. Diese Belastungsgrenze gilt nicht pro
Person, sondern für alle Mitglieder der Familie zusammen. Für chronisch Kranke gilt unter
bestimmten, allerdings strengen Bedingungen, die Hälfte - nur 1%.
Für Empfänger von Leistungen nach SGB II und SGB XII gilt die Höchstgrenze von 2% des
Regelsatzes. Das heißt: 2% von 12 x 351 Euro = 84,24 Euro pro Jahr. Der Betrag gilt nicht pro
Person, sondern für alle Mitglieder der Familie zusammen. Für chronisch Kranke gilt unter
bestimmten Bedingungen eine Grenze von 1% = 42,12 Euro pro Jahr.
 Um Mehrfachzahlungen der Praxisgebühr zu vermeiden, lassen Sie sich eine Quittung
ausstellen. Wenn Sie in einem Quartal zu verschiedenen Ärzten gehen, besorgen Sie sich eine
Überweisung des Arztes, bei dem Sie bereits die Gebühr für das laufende Quartal entrichtet haben.
Dann müssen Sie nicht erneut zahlen.
 Sammeln Sie alle Zuzahlungsquittungen Ihrer Familie. Wenn der Betrag von 84,24 Euro
erreicht ist, muss die Krankenkasse Ihnen bescheinigen, dass Sie für den Rest des Jahres von
weiteren Zuzahlungen befreit sind und Ihnen bereits zu viel gezahlte Beträge zurückzahlen. Stellen
Sie dazu einen Antrag und fügen Sie die Quittungen bei.
11.6 Familienleistungen, Kinder- und Jugendhilfe
Kindergeld
Jede deutsche Familie hat unabhängig von ihrer Einkommenssituation Anspruch auf ein
monatliches Kindergeld von 164 Euro im Monat für das erste und zweite Kind, 170 Euro für das
dritte Kind und 195 Euro für jedes weitere Kind. Dies gilt für Kinder bis 18 Jahre, für Kinder in
Ausbildung, die kein oder nur sehr wenig eigenes Einkommen haben und weitere Bedingungen
erfüllen, bis 24 Jahre. (§ 1 Abs. 3 BKGG, § 62 Abs. 2 EStG)
Anders sieht es allerdings für Flüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Absatz 3 AufenthG
aus (§ 1 Abs. 3 BKGG, § 62 Abs. 2 EStG). Sie können Kindergeld erhalten, wenn Sie sich drei Jahre
in Deutschland aufhalten (dabei zählen die Zeiten der Aufenthaltsgestattung, der
Aufenthaltserlaubnis und - falls vorhanden - auch der Duldung) und
1. arbeiten,
2. einen Arbeitsvertrag haben und sich nach der Geburt des Kindes in der Elternzeit befinden
oder
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3. Sozialleistungen nach SGB III oder Krankengeld erhalten,;
Wenn Sie also arbeitslos sind und Leistungen nach SGB II (= ALG II) erhalten, haben Sie keinen
Kindergeldanspruch. Dann sollten Sie überlegen, ob Ihr/e Partner/in Kindergeld beanspruchen
kann. Kindergeld kann der Vater oder die Mutter beantragen. Ihr Partner/in erhält Kindergeld unter
den gleichen Bedingungen wie Sie, wenn er/sie über eine Aufenthaltserlaubnis nach §§ 23 Abs. 1
als Bürgerkriegsflüchtling, 23a, 24, 25 Abs. 3, 25 Abs. 4 oder 25 Abs. 5 AufenthG verfügt. Keinen
Kindergeldanspruch hat Ihr/e Partner/in mit einer Aufenthaltsgestattung oder Duldung.
Auch bei fehlendem Anspruch auf Kindergeld können Sie möglicherweise aufgrund von
internationalen Abkommen unter eine Ausnahmeregelung fallen. Sie erhalten für Ihre Familie auch
vor Ablauf von drei Jahren und ohne weitere Bedingungen Kindergeld, wenn Sie
• aus der Türkei, Algerien, Tunesien oder Marokko kommen und eine Arbeit haben, über die
Sie in eine Sozialversicherung (Arbeitslosen-, Kranken-, Renten- oder Unfallversicherung)
einzahlen;
• aus der Türkei kommen, nicht arbeiten, aber mindestens sechs Monate in Deutschland
leben;
• aus Kosovo, Serbien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina oder Mazedonien kommen und
eine arbeitslosenversicherungspflichtige Arbeit haben. Wenn Sie keine Arbeit mehr haben,
gilt auch der Bezug von Kranken- oder Arbeitslosengeld I.

Wenn Sie die Bedingungen erfüllen, sollten Sie so schnell wie möglich einen
Kindergeldantrag bei der Bundesagentur für Arbeit (Arbeitsamt) stellen. Dann können Sie
Kindergeld rückwirkend vom 1.1.2006 an erhalten!
 Familienkassen lehnen Anträge, die sich auf die genannten Ausnahmeregelungen beziehen,
zunächst regelmäßig ab! Legen Sie dagegen mit Hilfe einer Beratungsstelle unbedingt Einspruch
und, wenn nötig, Klage beim Finanzgericht ein. Die Einsprüche haben fast immer Erfolg!
 Sollten Sie - auch vorübergehend oder ergänzend - Sozialleistungen beziehen, wird der
Anspruch auf Kindergeld mit den Sozialleistungen verrechnet (auch rückwirkend). Unter
Umständen haben Sie dann am Ende gar nicht mehr Geld. Trotzdem ist es sinnvoll, den
Kindergeldantrag zu stellen, weil der Bezug von Kindergeld nicht als Sozialleistung gilt und Sie so
leichter die Möglichkeit haben, Ihr Leben selbst zu finanzieren.
Kinderzuschlag
Wenn Sie über ein geringes Einkommen verfügen oder Arbeitslosengeld I beziehen, aber ansonsten
keine Sozialleistungen erhalten, können Sie versuchen, zusätzlich zum Kindergeld einen
Kinderzuschlag zu beantragen (§ 6a Bundeskindergeldgesetz). Voraussetzung für die Gewährung
ist allerdings, dass Sie kindergeldberechtigt sind (siehe vorheriger Abschnitt). Mit dem
Kindergeldzuschlag soll vermieden werden, dass Geringverdienende Leistungen nach SGB II
beantragen müssen. Der Kinderzuschlag beträgt maximal 140,-Euro monatlich pro Kind. Der
Kinderzuschlag ist bei der Agentur für Arbeit zu beantragen.
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Unterhaltsvorschuss
Hierbei handelt es sich um einen staatlichen Zuschuss, der einem alleinerziehenden Elternteil für
bis zu sechs Jahren gezahlt wird, wenn der andere Elternteil (in der Regel der Vater) seiner
Verpflichtung, für das Kind Unterhalt zu zahlen, nicht nachkommt. Der Unterhaltsvorschuss
beträgt 117 € monatlich für Kinder unter 6 Jahren und 158 € monatlich für ältere Kinder unter 12
Jahren.
Die Bedingungen für den Unterhaltsvorschuss sind die gleichen wie beim Kindergeld: Flüchtlinge
mit Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 3 AufenthG können Unterhaltsvorschuss nur erhalten
(§ 1 Abs. 2 a UhVorschG), wenn Sie sich drei Jahre in Deutschland aufhalten (dabei zählen die
Zeiten der Aufenthaltsgestattung, der Aufenthaltserlaubnis und - falls vorhanden - auch der
Duldung) und
1. arbeiten,
2. einen Arbeitsvertrag haben und sich nach der Geburt des Kindes in der Elternzeit befinden
oder
3. Sozialleistungen nach SGB III, oder Krankengeld erhalten.
Wenn Sie also eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 3 AufenthG besitzen, arbeitslos sind und
Leistungen nach SGB II (= ALG II) erhalten, haben Sie keinen Anspruch auf Unterhaltsvorschuss.
 Unterhaltsvorschuss beantragen Sie beim Jugendamt. Das Amt holt sich das Unterhaltsgeld
vom nicht zahlenden Elternteil wieder zurück, wenn dieser über ausreichendes Einkommen verfügt.
 Jugendämter lehnen Anträge, die sich auf die genannten Ausnahmeregelungen beziehen,
zunächst regelmäßig ab! Legen Sie dagegen mit Hilfe einer Beratungsstelle unbedingt Widerspruch
und, wenn nötig, Klage beim Verwaltungsgericht ein.
Elterngeld
Elterngeld gibt es für Kinder ab der Geburt. Dabei ersetzt der Staat einem Elternteil 67 Prozent des
durch die Geburt und Kinderbetreuung wegfallenden Arbeitseinkommens, maximal 1.800 Euro im
Monat. Elterngeld wird an den das Kind betreuenden Elternteil für maximal 12 Monate gezahlt.
Wenn auch der andere Elternteil zwei Monate oder länger für die Betreuung zuständig ist, wird das
Elterngeld um zwei Monate auf maximal 14 Monate verlängert.
Elterngeld können Sie für Kinder erhalten, die ab 1.1.2007 geboren werden. Mit einer
Niederlassungserlaubnis können Sie Elterngeld beanspruchen (§ 1 Abs. 7 BEEG).
Anderes gilt, wenn Sie eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 3 AufenthG besitzen. Dann haben
Sie nur Anspruch auf Elterngeld, wenn Sie sich drei Jahre in Deutschland aufhalten (dabei zählen
die Zeiten der Aufenthaltsgestattung, der Aufenthaltserlaubnis und - falls vorhanden - auch der
Duldung) und
1. in Teilzeit arbeiten (maximal 30 Stunden in der Woche),
2. einen Arbeitsvertrag haben und sich nach der Geburt des Kindes in der Elternzeit befinden
oder
3. Sozialleistungen nach SGB III oder Krankengeld erhalten,
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Wenn Sie also eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 3 AufenthG besitzen, gar nicht arbeiten
und sich auch nicht in der Elternzeit befinden, erhalten Sie also kein Elterngeld, auch nicht den
sonst an nichterwerbstätige Erziehende gezahlten Grundbetrag von 300 Euro im Monat.
Ausnahmen gelten jedoch für erwerbstätige Menschen aus Algerien, Marokko, Tunesien und der
Türkei: Für sie besteht auch mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 3 AufenthG ein
Anspruch auf Elterngeld, wenn sie sozialversicherungspflichtig arbeiten oder wenn sie eine
geringfügige Beschäftigung (400-Euro-Job) ausüben, über die sie unfallversichert sind.
Sie stellen den Antrag auf Elterngeld beim Jugendamt oder der Elterngeldstelle ihrer Stadt / Ihres
Landkreises. Das Formular, eine Liste der zuständigen Stellen in Niedersachsen und weitere
Informationen gibt es im Internet unter
http://www.ms.niedersachsen.de/master/C29974090_N8150_L20_D0_I674
11.7 Deutschkurs, Kindergarten, Schule, Studium
Deutschkurse
Seit 2005 gibt es in Deutschland ein einheitliches Konzept für so genannte „Integrationskurse”. Sie
bestehen hauptsächlich aus Deutschunterricht (in der Regel 600 Unterrichtsstunden), zusätzlich
wird Alltagswissen und Wissen über die Rechtsordnung, Kultur und Geschichte Deutschlands
vermittelt (45 Unterrichtsstunden). Es gibt zudem spezielle Kurse für besondere Zielgruppen. So
gibt es Kurse für Analphabeten sowie für „Schnelllerner”, denen das Tempo im normalen
Integrationskurs zu langsam ist.
Am Schluss des Integrationskurses steht ein Abschlusstest, bei dem die Teilnehmer/innen das
„Zertifikat Deutsch” erhalten können, das unter anderem die Einbürgerung erleichtert.
Integrationskurse werden vor Ort von vielen verschiedenen Trägern durchgeführt und zentral vom
BAMF organisiert.
Einen Anspruch darauf, einen der staatlich organisierten Integrationskurse zu besuchen, haben Sie
nicht. Sie können aber versuchen, einen noch freien Platz zu erhalten (§ 5 IntV). Wenden Sie sich
an die Ausländerbehörde oder eine Beratungsstelle. Sie sollten Ihnen Informationen über die
Integrationskurse und eine Liste mit den in Ihrer Region zugelassenen Sprachkursanbietern
aushändigen. Eine Liste der Anbieter, das Anmeldungsformular und weitere Informationen erhalten
Sie auch auf der Homepage des BAMF:
http://www.bamf.de/cln_042/nn_566316/DE/Integration/integration-node.html__nnn=true.
Sie können die Zulassung zum Kurs entweder direkt schriftlich beim BAMF oder über einen der
Kursanbieter beantragen. Das BAMF berücksichtigt bei der Verteilung der freien Plätze die
„Integrationsbedürftigkeit”. Eine gute Chance auf einen freien Platz haben Sie, wenn Sie schon
einige Jahre in Deutschland leben und mit einem erfolgreichen Deutschkurs die Voraussetzungen
für die Niederlassungserlaubnis erfüllen wollen.
Für die Teilnahme am Integrationskurs müssen Sie pro Unterrichtsstunde 1,- Euro Beitrag leisten,
das heißt derzeit in der Regel 645,-Euro, zahlbar in mehreren Etappen (§ 9 IntV). Erhalten Sie
Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe, können Sie sich vom Kursbeitrag befreien lassen. Dazu
müssen Sie einen Antrag stellen. Das Formular dafür erhalten Sie bei der Ausländerbehörde, den
Kursträgern oder auf der Homepage des BAMF.
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Der erfolgreiche Deutschtest im Integrationskurs reicht nicht aus, um zum Studium in Deutschland
zugelassen zu werden. Dafür gibt es spezielle Aufbaukurse, für die Sie gegebenenfalls auch ein
Stipendium erhalten können. Näheres siehe Kapitel „Studium”.
Es gibt in den Städten auch einige Deutschkurse, die unabhängig vom staatlichen Angebot
existieren. Diese Kurse müssen Sie in der Regel selbst bezahlen, bei manchen Trägern sind die
Kosten für Sozialleistungsempfänger aber deutlich gesenkt.
 Fragen Sie bei ihrer örtlichen Volkshochschule oder den Beratungsstellen für Migranten und
Migrantinnen, Aussiedler und Aussiedlerinnen oder Flüchtlinge nach, wo es Deutschkurse gibt.
Kindergarten
Sobald ein Kind drei Jahre alt ist, hat es in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen
Kindergartenplatz (§ 24 SGB VIII). Bei geringem Einkommen sind die Kosten dafür ganz oder
teilweise vom Jugendamt zu tragen (§ 90 Abs. 2 und 3 SGB VIII). Nach dem Niedersächsischen
Regierungsprogramm zur Integration und den Grundsätzen für Kindertagesstätten soll Ihr Kind im
Kindergarten eine Förderung in der deutschen Sprache erhalten und so besser auf einen
Schulbesuch vorbereitet werden.
 Melden Sie Ihr Kind frühzeitig für einen Kindergartenplatz an. Dort wird ihr Kind eine
erheblich bessere Förderung in der deutschen Sprache erhalten und so besser auf einen Schulbesuch
vorbereitet werden als im Wohnheim. Wenden Sie sich bei Problemen mit dem Kindergartenplatz
an eine Beratungsstelle.
Schule
Alle in Niedersachsen lebenden Kinder haben das Recht und die Pflicht, eine Schule zu besuchen
und regelmäßig am Unterricht teilzunehmen (§ 63 NSchG). Die Schulpflicht beginnt für Kinder, die
bis zum 30. Juni eines Jahres sechs Jahre alt geworden sind, mit dem nächsten beginnenden
Schuljahr (§ 64 NSchG). Das Einschulungsalter ist aber auch abhängig von der körperlichen und
geistigen Entwicklung Ihres Kindes. Unter Umständen kann der Schuleintritt Ihres Kindes ein Jahr
zurückgestellt werden. Deshalb werden alle Kinder vor dem Schuleintritt vom Amtsarzt untersucht.
Bei fehlenden Deutschkenntnissen können die Kinder verpflichtet werden, vor Schuleintritt an
besonderen Sprachfördermaßnahmen teilzunehmen (§ 54 a NSchG). Schon eingeschulte
Schülerinnen und Schüler mit schlechten Deutschkenntnissen sollen besonderen Deutschunterricht
erhalten. Die Schulpflicht endet in der Regel nach 12 Jahren des Schulbesuchs.
 Fragen Sie gegebenenfalls im Kindergarten oder in der Schule nach, ob es
Fördermöglichkeiten für Ihr Kind gibt. In vielen Schulen wird auch muttersprachlicher Unterricht,
Hausaufgabenhilfe und anderes angeboten.
 Wenn Sie nur über ein geringes oder gar kein Einkommen verfügen und mit dem Schulbesuch
besondere Kosten verbunden sind, zum Beispiel für den Fahrtweg, für Klassenfahrten oder
sonstiges, können Sie das Geld dafür beim Sozialamt auf der Grundlage von § 27 SGB XII
beantragen. Bei einer Ablehnung haben Sie die Möglichkeit, Widerspruch zu erheben und Klage
beim Sozialgericht einzulegen. Lassen Sie sich gegebenenfalls von einer Beratungsstelle
unterstützen.
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Studium
Mit einer Aufenthaltserlaubnis oder Niederlassungserlaubnis steht es Ihnen frei, in Deutschland zu
studieren. Die formale Zugangsvoraussetzung für den Besuch einer Universität oder
Fachhochschule ist die allgemeine Hochschulreife/Abitur (bei einer Universität) oder die
Fachhochschulreife / Fachabitur (bei einer Fachhochschule) oder eine als gleichwertig anerkannte
Schulausbildung im Herkunftsland. Wenn Ihre Schulausbildung nicht als (Fach-)hochschulreife
anerkannt ist, können Sie über das erfolgreiche Ablegen der „Feststellungsprüfung” zur
Studieneignung die Zugangsberechtigung erwerben. Dafür müssen Sie in der Regel bei der
Hochschule einen einjährigen Vorbereitungskurs („Studienkolleg”) absolvieren. Bei Kunst- und
Musikhochschulen können Sie unter Umständen auch ohne Abitur studieren, wenn Sie besondere
künstlerische Fähigkeiten haben. In manchen anderen Studiengängen genügt auch ein Nachweis
über bestimmte berufliche Vorbildungen (zum Beispiel Meisterprüfung).
 Ob Ihre Hochschulzugangsberechtigung der deutschen gleichwertig ist, können Sie in der
Datenbank der Kultusminister-Konferenz www.anabin.de abfragen.
 Genauere Informationen zur Studienzulassung erhalten Sie beim Deutschen Akademischen
Austauschdienst DAAD (www.daad.de) oder bei den akademischen Auslandsämtern /
Studentensekretariaten der Universitäten und Fachhochschulen. Die Adressen aller deutschen
Hochschulen sowie Infos zu den angebotenen Studienfächern und Abschlüssen finden Sie unter
http://www.studienwahl.de.
Zweite Studienvoraussetzung ist der Nachweis von deutschen Sprachkenntnissen: Dazu müssen
Sie in der Regel die „Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang ausländischer
Studienberechtigter (DSH)” ablegen. Bestimmte andere Nachweise (Goethe-Sprachdiplom, Test
Deutsch als Fremdsprache für ausländische Studienbewerber „TestDaF” und andere) werden
ersatzweise anerkannt. Deutschkurse, die zur Vorbereitung auf das Studium dienen, werden unter
anderem von der Otto-Benecke-Stiftung angeboten und durch die Vergabe von Stipendien zum Teil
sogar finanziert (lesen Sie dazu weiter unten „Otto-Benecke-Stiftung”).
Das größte Problem dürfte für Sie die Finanzierung eines Studiums sein. Als Student/in müssen
Sie nicht nur Ihren Lebensunterhalt sichern, sondern auch eine Krankenversicherung nachweisen.
Studierende bis zum 14. Semester, maximal bis zum 30. Lebensjahr, können sich über die
gesetzliche Krankenversicherung für etwa 56 Euro pro Monat versichern. Studierende über 30
Jahre werden von der gesetzlichen Krankenversicherung nicht aufgenommen und müssen eine
private Krankenversicherung abschließen. Hinzu kommen die Studiengebühren, die in
Niedersachsen 500.- € pro Semester betragen, die Kosten für ein Semesterticket sowie weiterer
Gebühren (ca. 100 bis 150 Euro/Semester).
Das Sozialgesetzbuch verbietet den Bezug von Sozialleistungen zum Zweck der Finanzierung eines
Studiums. Nur in besonderen Härtefällen können die Leistungen (ggf. als Darlehen) gewährt
werden. Wenn Sie dem Sozialamt verschweigen, dass Sie studieren, und die Behörde dies später
erfährt, wird die Sozialhilfe wieder zurückgefordert. Wenn Sie studieren wollen, ohne
Sozialleistungen zu beziehen, brauchen Sie also eine Arbeitsgenehmigung und eine Arbeit, mit der
Sie sich vollständig selbst finanzieren können, oder andere Finanzierungsquellen. Dabei müssen
Sie nicht unbedingt Ihre ganze Familie finanzieren: Ihr/e Partner/in und Kinder können, auch wenn
Sie studieren, gegebenenfalls Anspruch auf Sozialleistungen haben.
Eine Finanzierungsmöglichkeit ist die Ausbildungsförderung nach dem
Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG). Mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 3
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AufenthG haben Sie grundsätzlich Zugang zu Leistungen nach dem BAföG, wenn Sie sich
mindestens vier Jahre in Deutschland aufhalten (§ 8 Abs. 2 Nr. 2 BAföG). Dabei zählen Zeiten mit,
in denen Sie im Asylverfahren waren oder eine Duldung besaßen.
Ausbildungsförderung nach dem BAföG wird regelmäßig aber nur für Studierende gewährt, die bei
Beginn des Studiums unter 30 Jahre alt sind und noch kein anderes Studium abgeschlossen haben.
Sind Sie 30 oder älter, können Sie BAföG auch erhalten, wenn Sie Ihre Ausbildung im
Herkunftsland aufgrund Ihrer Situation nicht möglich war und Sie das Studium nach Wegfall des
Hindernisses unverzüglich aufnehmen, also in der Regel so bald wie möglich nach der
Flüchtlingsanerkennung. Gibt es wichtige persönliche Gründe dafür, später das Studium zu
beginnen, können Sie versuchen, diese geltend zu machen und eine Förderung auch dann zu
beantragen, wenn Sie die Altersgrenze überschritten haben. Wenn Sie die
Hochschulzugangsberechtigung erst in Deutschland auf dem zweiten Bildungsweg (Abendschule
oder anderes) erwerben und direkt im Anschluss studieren, gilt die Altersgrenze von 30 Jahren
ebenfalls nicht.
Um Ihr Studium zu finanzieren, sollten Sie ansonsten prüfen, ob Stiftungen für die (Teil-)
Finanzierung in Frage kommen. Es gibt einige Stiftungen und Programme, über die man unter
bestimmten Voraussetzungen ein Stipendium bekommen kann. Meist werden eine besondere
Begabung und sehr gute Studienleistungen vorausgesetzt, aber auch materielle Bedürftigkeit und
gesellschaftliches Engagement können Kriterien bei der Vergabe von Stipendien sein. Im Internet
finden Sie unter http://www.bildungsserver.de/zeigen.html?seite=427 eine Übersicht und
weiterführende Links.
Spezielle Förderprogramme für ausländische Studierende sind meist auf Menschen beschränkt, die
zum Zweck des Studiums nach Deutschland einreisen durften und danach wieder zurückkehren
wollen.
Das Diakonische Werk der evangelischen Kirche hat ein spezielles FlüchtlingsStipendienprogramm, das eine Finanzierung des Studiums für Menschen ohne offiziellen
Flüchtlingsstatus ermöglicht. Es gilt allerdings nur für Flüchtlinge aus Staaten außerhalb Europas.
Gefördert werden sollen Verfolgte, die in ihrem Herkunftsland eine Ausbildung nicht aufnehmen
konnten oder abbrechen mussten. Sie sollten nicht älter als 35 Jahre sein und bei Antragstellung in
der Regel nicht länger als drei Jahre in Deutschland leben. Bedingung ist ferner, dass Sie die
Absicht haben, nach Beendigung des Studiums in Ihr Heimatland zurückzukehren. Tun Sie das
nicht, müssen Sie das Stipendium später gegebenenfalls zurückzahlen.
 Wenden Sie sich an die Evangelische Studentengemeinde oder das Diakonische Werk in Ihrer
Stadt. Diese Stellen werden mit Ihnen gemeinsam eine Bewerbung für das Stipendienprogramm
verfassen. Dabei ist es wichtig zu erläutern, dass Sie aufgrund Ihrer aufenthaltsrechtlichen Situation
nur schwer oder gar keinen Zugang zu anderen Finanzierungsquellen (Arbeitsgenehmigung,
BAföG etc.) haben. Ein Merkblatt mit den Kriterien für die Förderung können Sie auch beim
Flüchtlingsrat Niedersachsen erhalten. Wenn Sie den Ansprechpartner vor Ort nicht kennen,
können Sie sich an die zuständige Mitarbeiterin des Diakonischen Werkes in Stuttgart wenden:
Frau Sylvia Karlev
Telefon 0711-2159-506
Fax 0711-2159-8 506
Email [email protected]
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12. Flüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis nach §§ 25 IV Satz 1
oder V AufenthG
12.1 Aufenthaltsrechtliche Situation
In diesem Kapitel geht es um Personen, die nicht als Flüchtlinge anerkannt wurden oder gar kein
Asylverfahren durchlaufen haben, die aber dennoch eine Aufenthaltserlaubnis aus humanitären
Gründen nach
• § 25 Abs. 4 Satz 1 AufenthG (vorübergehender Aufenthalt aus humanitären Gründen),
• § 25 Abs. 5 AufenthG (bei Ausreisehindernissen)
erhalten haben. Zu den Erteilungsvoraussetzungen siehe Kapitel 6.3
(Achtung: Personen mit Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 4 Satz 2 AufenthG - Verlängerung
der Aufenthaltserlaubnis - werden in diesem Kapitel nicht behandelt. Ihre Situation wird im Kapitel
13.8 beschrieben.).
Im Bereich der sozialen Rechte unterliegen Flüchtlinge mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25
Abs. 4 Satz 1 AufenthG und Flüchtlinge mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 5 AufenthG
weitgehend den gleichen Einschränkungen. Für Ihre Aufenthaltserlaubnis gilt generell: Ihr
Aufenthaltsrecht ist befristet. Sie können sich nicht ohne Weiteres darauf verlassen, dass die
Aufenthaltserlaubnis auch verlängert wird.
 Beantragen Sie die Verlängerung ihrer Aufenthaltserlaubnis rechtzeitig, das heißt, vor ihrem
Ablaufdatum. Denn dann werden Sie bis zu einer Entscheidung der Ausländerbehörde über die
Verlängerung auf jeden Fall so weiter behandelt, als sei die Aufenthaltserlaubnis noch gültig (§ 81
Abs. 4 und Abs. 5 AufenthG ). Mit der „Fiktionsbescheinigung” behalten Sie für die Zeit, in der die
Ausländerbehörde Ihren Verlängerungsantrag prüft, alle Rechte, die Sie vorher auch hatten.
 Um Ihren Aufenthalt zu sichern, sollten Sie eine unbedingt eine Niederlassungserlaubnis
anstreben. Erst mit diesem Aufenthaltstitel können Sie unbefristet in Deutschland leben und
arbeiten. Lesen Sie in diesem Kapitel im Abschnitt „Aufenthaltssicherung“, unter welchen
Bedingungen Sie eine Niederlassungserlaubnis erhalten können.
§ 25 Abs. 4 Satz 1 AufenthG
Wenn Sie in der Vergangenheit auf der Grundlage des § 25 Abs. 4 Satz 1 AufenthG eine
Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen erhalten haben, dürfen Sie sich nur für einen kurzen
Zeitraum in Deutschland aufhalten. Über den Grund für die Aufenthaltserlaubnis hat Sie die
Ausländerbehörde wahrscheinlich auch informiert: Möglicherweise erlaubt die Behörde Ihnen
lediglich, das Schuljahresende abzuwarten, in einem Prozess als Zeuge oder Zeugin auszusagen
oder einen schwer kranken Angehörigen zu pflegen. Abhängig vom Grund für die
Aufenthaltserlaubnis ist diese zeitlich befristet, manchmal auf nur wenige Wochen. Fällt der Grund
für die Erteilung weg, wird die Erlaubnis nicht mehr verlängert. Eine Verlängerung ist allenfalls
ausnahmsweise bei Vorliegen einer „außergewöhnlichen Härte” nach § 25 Abs. 4 Satz 2 AufenthG
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möglich. In der Regel steht nach dem Wegfall des Grundes für die Erlaubnis nach § 25 Abs. 4 Satz
1 AufenthG die Ausreise oder Abschiebung im Raum.
 Wenn Sie geduldet werden, kommt für Sie die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25
Abs. 4 Satz 1 AufenthG nicht in Frage. Durch die letzte Gesetzesänderung dürfen Geduldete diese
Aufenthaltserlaubnis nicht mehr bekommen. Stattdessen kommt eine Ermessensduldung aus
humanitären Gründen in Frage (lesen Sie dazu Kapitel 6.3).
 Diese Ermessensduldung wird in der Regel nur erteilt, wenn Sie gegenüber der
Ausländerbehörde in nachvollziehbarer Weise (zum Beispiel durch eine Schulbescheinigung,
ärztliche Atteste oder Ähnliches) erklärt und nachgewiesen haben, dass Sie nur noch für einen
kurzen Zeitraum hier bleiben wollen. Sollten sich während der Aufenthaltsdauer mit einer
Ermessensduldung jedoch neue Gründe dafür ergeben, warum Sie nicht ausreisen können
(unvorhersehbare Erkrankung, Unfall, Risikoschwangerschaft, Eheschließung mit einer Person mit
Aufenthaltsrecht oder Ähnliches), sollten Sie eine Beratungsstelle, einen Rechtsanwalt oder eine
Rechtsanwältin aufsuchen und Ihre Möglichkeiten klären.
§ 25 Abs. 5 AufenthG
Eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 5 AufenthG haben Sie erhalten, weil Sie weder freiwillig
ausreisen noch abgeschoben werden können. Dies kann verschiedene Gründe haben, zum Beispiel
eine langfristige Reiseunfähigkeit oder die Weigerung Ihres Herkunftsstaates, Ihnen trotz Ihrer
aktiven Mitwirkung bei dem Versuch der Passbeschaffung Ausweispapiere auszustellen. Ob Ihnen
die Ausreise zuzumuten ist, wird in Niedersachsen - anders als in Rheinland-Pfalz oder SchleswigHolstein - nicht geprüft. Ihre Befürchtungen und Schwierigkeiten im Fall einer „freiwilligen”
Ausreise berücksichtigt die Ausländerbehörde dabei ebenso wenig wie die Dauer Ihres Aufenthalts
in Deutschland.
Bei jeder Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis prüft die Ausländerbehörde, ob die Ausreise oder
Abschiebung weiterhin unmöglich ist. Wenn Sie eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 5
AufenthG besitzen, ist Ihr Aufenthaltsrecht also noch nicht dauerhaft gesichert. Sollte eine
Abschiebung oder Ausreise zu einem späteren Zeitpunkt wieder möglich sein, müssen Sie damit
rechnen, dass die Ausländerbehörde Ihre Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert und Sie zur Ausreise
auffordert.
 Sollte die Ausländerbehörde Ihre Aufenthaltserlaubnis nicht verlängern, weil eine
Abschiebung oder Rückkehr möglich sein soll, suchen Sie sofort einen Anwalt oder eine Anwältin
auf! Wenn eine Rückkehr zwar technisch möglich, aber aufgrund Ihrer persönlichen Umstände
unzumutbar ist, sollte unter Umständen ein Antrag nach § 25 Abs. 4 Satz 2 AufenthG gestellt
werden.
 Unter eng begrenzten Umständen ist es denkbar, dass ein Anspruch auf Erteilung einer
Aufenthaltserlaubnis vor den Verwaltungsgerichten unter Berufung auf Artikel 8 der Europäischen
Menschenrechtskonvention (Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens) auch dann
durchgesetzt werden kann, wenn eine Ausreisemöglichkeit besteht, weil eine vollständige
Integration in die deutsche Gesellschaft stattgefunden hat und Bindungen an das Herkunftsland
nicht mehr bestehen. Diese Möglichkeit kommt vor allem für Personen in Frage, die in Deutschland
geboren oder als Kinder eingereist sind. Fragen Sie einen Rechtsanwalt oder eine Rechtsanwältin,
ob diese Möglichkeit für Sie besteht.
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Trotz Bezugs von Sozialleistungen oder bei Vorliegen eines Ausweisungsgrundes (insbesondere
Straffälligkeit, aber zum Beispiel auch Drogenkonsum) kann eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25
Abs. 5 AufenthG verlängert werden. Es handelt sich dabei aber stets um eine
Ermessenentscheidung der Behörde, das heißt, es gibt keinen Anspruch auf eine Verlängerung.
Dies gilt insbesondere dann, wenn die Behörde zu der Auffassung gelangt ist, die Hindernisse,
deretwegen sie eine Erlaubnis gemäß § 25 Abs. 5 AufenthG erhalten haben, seien nunmehr
weggefallen.
Familiennachzug
Die Erlaubnis, Ehepartner/in und/oder Kinder aus dem Ausland nachzuholen, bleibt Ihnen
verwehrt. Denn alle Personen mit Aufenthaltserlaubnis nach §§ 25 Abs. 4 und 5 AufenthG sind vom
Familiennachzug gesetzlich ausgeschlossen (§ 29 Abs. 3 AufenthG). Sie haben erst dann eine
Chance darauf, ein Familienmitglied legal nach Deutschland nachziehen zu lassen, wenn Sie eine
Niederlassungserlaubnis erhalten haben.
Aufenthaltsrecht der Familienangehörigen
Für Inhaber/innen einer Aufenthaltserlaubnis nach §§ 25 Abs. 4 Satz 1 und 5 AufenthG gilt: Im
Regelfall hat Ihr/e Ehepartner/in dieselbe Aufenthaltserlaubnis und damit die gleichen Rechte wie
Sie. Minderjährige Kinder erhalten in der Regel ebenfalls eine Aufenthaltserlaubnis, wenn beide
Eltern (oder der allein personensorgeberechtigte Elternteil) eine Aufenthaltserlaubnis haben. Sind
die Kinder bei Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 5 AufenthG an die Eltern bereits
16 oder 17 Jahre alt und besteht die Möglichkeit einer Rückkehr, erhalten die Kinder unter
Umständen nur eine Duldung und müssen bei Erreichen der Volljährigkeit mit einer Abschiebung
rechnen. Leben die Kinder dagegen schon längere Zeit mit ihren Eltern in Deutschland, erhalten sie
unter Umständen unter erleichterten Bedingungen eine Niederlassungserlaubnis.
 Beantragen Sie so früh wie möglich eine Niederlassungserlaubnis (siehe nachfolgendes
Kapitel).
Aufenthaltssicherung
Unter bestimmten Bedingungen können Sie eine Niederlassungserlaubnis erhalten. Dafür müssen
Sie aktuell eine Aufenthaltserlaubnis besitzen und seit insgesamt sieben Jahren eine der folgenden
Bescheinigungen besessen haben (§ 26 Abs. 4 AufenthG):
• Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen (nach Abschnitt 5 des Aufenthaltsgesetzes =
§§ 22 bis 26),
• Aufenthaltsgestattung (bei mehreren Asylverfahren zählt nur die Zeit des längsten
Asylverfahrens),
• Duldung, wobei nur die Zeit vor dem 1.1.2005 zählt,
• „Aufenthaltsbefugnis” nach dem alten Ausländergesetz,
• befristete Aufenthaltserlaubnis nach § 35 Abs. 2 des alten Ausländergesetzes für
Familienangehörige,
• „befristete Aufenthaltserlaubnis” nach dem alten Ausländergesetz aus anderen Gründen
(z.B. durch Heirat), wenn gleichzeitig auch die Voraussetzungen für eine
Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen (§§ 22 bis 26 AufenthG) vorgelegen haben.
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Außerdem müssen Sie für die Niederlassungserlaubnis folgende Bedingungen erfüllen:
• eigene Lebensunterhaltssicherung, also keine Sozialleistungen (Kinder- und Erziehungsgeld
zählen nicht als Sozialleistungen)
• mindestens 60 Monate Zahlen von Rentenversicherungsbeiträgen (Kinderbetreuungszeiten
oder häusliche Pflege zählen auch) - Ausnahme siehe Übergangsregelung unten!
• Gründe der öffentlichen Sicherheit oder Ordnung unter Berücksichtigung der Schwere oder
der Art des Verstoßes gegen die öffentliche Sicherheit oder Ordnung oder der vom
Ausländer ausgehenden Gefahr unter Berücksichtigung der Dauer des bisherigen
Aufenthalts und dem Bestehen von Bindungen im Bundesgebiet nicht entgegenstehen;
hiermit sind Straftaten gemeint. Bis zu Verurteilungen von etwa 90 Tagessätzen dürfte es in
der Regel problemlos sein die Niederlassungserlaubnis zu Erhalten. Diese Grenze von 90
Tagessätzen gilt auch im eigenständigen Aufenthaltsrecht für Kinder (§ 35 AufenthG) und
bei der Einbürgerung.
• Arbeitserlaubnis;
• ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache und Grundkenntnisse der Rechts- und
Gesellschaftsordnung und der Lebensverhältnisse in Deutschland (Nachweis zum Beispiel
über den Besuch eines „Integrationskurses”)
• ausreichender Wohnraum
Es reicht aus, wenn ein/e Ehepartner/in die Versicherungsbeiträge geleistet und eine
Arbeitserlaubnis hat. Dann kann auch der andere Ehepartner die Niederlassungserlaubnis erhalten.
Kranke und Behinderte können eine Niederlassungserlaubnis auch dann erhalten, wenn sie
aufgrund Ihrer Krankheit oder Behinderung nicht alle Bedingungen erfüllen, also zum Beispiel
nicht arbeiten oder schreiben können.
Übergangsregelung: Wenn Sie schon vor 2005 eine Aufenthaltbefugnis oder Aufenthaltserlaubnis
besessen haben, müssen Sie die Rentenversicherungszeiten nicht nachweisen. Auch auf den
Nachweis von Kenntnissen der deutschen Rechts- und Gesellschaftsordnung wird dann verzichtet
und es genügt, dass Sie sich auf Deutsch mündlich verständigen können (§ 104 Abs. 2 AufenthG).
Unterbrechungen des rechtmäßigen (in diesem Fall wohl auch des geduldeten) Aufenthalts bis zu
einem Jahr können außer Betracht bleiben(§ 85 AufenthG).
Jugendliche und junge Erwachsene, die als Minderjährige nach Deutschland eingereist sind,
können unter Umständen bereits früher eine Niederlassungserlaubnis erhalten. Dies betrifft
diejenigen, die
• seit fünf Jahren eine Aufenthaltserlaubnis nach Abschnitt 6 des AufenthG im Rahmen des
Familiennachzugs (§§ 27 bis 36 AufenthG) besitzen oder
• aktuell eine Aufenthaltserlaubnis besitzen und vorher eine der folgenden Bescheinigungen
besessen haben - zusammen für insgesamt fünf Jahre:
• Aufenthaltsgestattung (Bei mehreren Asylverfahren zählt nur die Zeit des längsten
Asylverfahrens)
• Duldung, wobei nur die Zeit vor dem 1.1.2005 zählt
• „Aufenthaltsbefugnis” nach dem alten Ausländergesetz
• Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen (nach Abschnitt 5 des
Aufenthaltsgesetzes = §§ 22 bis 26)
• befristete Aufenthaltserlaubnis nach § 35 Abs. 2 des alten Ausländergesetzes für
Familienangehörige
Seite 123 von 201
• „befristete Aufenthaltserlaubnis” nach dem alten Ausländergesetz aus anderen
Gründen (z.B. durch Heirat), wenn gleichzeitig auch die Voraussetzungen für eine
Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen (§§ 22 bis 26 AufenthG) vorgelegen
haben.
Jugendliche und junge Erwachsene, die eine Niederlassungserlaubnis erhalten wollen, müssen
ausreichend Deutsch sprechen und dürfen nicht erheblich straffällig geworden sein. Eine
Verurteilung zu einer Strafe von weniger als 90 Tagessätzen ist in der Regel kein Problem. In der
Regel wird außerdem die eigenständige Sicherung des Lebensunterhaltes verlangt. Wenn
Jugendliche aber eine anerkannte Schul- oder Berufsausbildung absolvieren, müssen sie ihren
Lebensunterhalt nicht selbst sichern können.
Die Niederlassungserlaubnis soll nach den Vorschriften des niedersächsischen Innenministeriums
erst ab einem Alter von 16 Jahren erteilt werden und die Eltern sollen eine langfristige
Aufenthaltsperspektive besitzen. Das heißt aber nicht, dass die Kinder erst dann eine
Niederlassungserlaubnis erhalten können, wenn auch die Eltern bereits die Voraussetzungen dafür
erfüllen. Es reicht aus, wenn für die Eltern eine langfristige Aufenthaltsperspektive besteht.
Von der Sonderregelung können junge Erwachsene auch dann profitieren, wenn sie als
Minderjährige eingereist und inzwischen verheiratet sind.
Mit Erteilung einer Niederlassungserlaubnis erhalten die Kinder ein eigenständiges, von den Eltern
unabhängiges Aufenthaltsrecht.
12.2 Wohnen, Umziehen und Reisen
Wohnen
Wenn Sie eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 4 Satz 1 oder Abs. 5 AufenthG erhalten haben
und noch im Wohnheim wohnen sollten, können Sie sich selbst eine Wohnung suchen. Das
Sozialamt übernimmt dafür die Miete, solange Sie kein oder nur geringes eigenes Einkommen
haben. Allerdings gibt es eine Höchstgrenze für „angemessene” Mietkosten.
 Erkundigen Sie sich bei einer Beratungsstelle oder beim örtlichen Mieterverein, bis zu welcher
Höhe die Arbeitsagentur bzw. das Sozialamt die Mietkosten für Sie und Ihre Familie übernehmen
muss.
Sie sind gesetzlich nicht mehr verpflichtet, im Wohnheim zu wohnen. Die Ausländerbehörde
könnte Ihre Aufenthaltserlaubnis zwar theoretisch mit dem Vermerk versehen, dass Sie in einem
bestimmten Wohnheim wohnen müssen. Eine solche „Wohnheim-Auflage” ist für Menschen mit
Aufenthaltserlaubnis aber in der Regel unverhältnismäßig. Eine Wohnheim-Auflage ist ein
tiefgreifender Eingriff in die Persönlichkeitsrechte und daher bei Menschen mit einer
Aufenthaltserlaubnis nur im Ausnahmefall zulässig. Ausdrücklich vorgesehen ist sie im Gesetz für
den Fall, dass jemand unter dem Verdacht steht, Terrorist zu sein.
 Falls Sie trotz Aufenthaltserlaubnis von der Ausländerbehörde verpflichtet werden, im
Wohnheim zu wohnen, sollten Sie rechtliche Schritte dagegen unternehmen. Stellen Sie einen
Antrag auf Streichung der Auflage. Wenn die Ausländerbehörde ablehnt, legen Sie Widerspruch
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ein, am besten mit Hilfe einer Beratungsstelle oder eines Rechtsanwaltes. Wenn auch der
Widerspruch zurückgewiesen wird, können Sie vor Gericht klagen. Informieren Sie auch den
Flüchtlingsrat Niedersachsen über das Verhalten der Ausländerbehörde.
Wohnsitzauflage
Wenn Sie Sozialleistungen erhalten, wird in Ihrer Aufenthaltserlaubnis eine so genannte
Wohnsitzauflage vermerkt: „Die Wohnsitznahme ist auf (Bezirk der Ausländerbehörde)
beschränkt.” Solange dieser Satz in Ihrer Aufenthaltserlaubnis steht, dürfen Sie nicht umziehen (§
12 Abs. 2 AufenthG, 12.1.1. Vorl. Nds. VV AufenthG, § 23 Abs. 5 SGB XII). Offizielle Begründung
dieser Regelung ist, dass die Kommunen, die die Sozialleistungen bezahlen müssen, möglichst
gleichmäßig mit diesen Ausgaben belastet werden sollen. Sozialleistungen sind in Ihrem Fall
Leistungen nach §§ 3-7 oder § 2 AsylbLG. Kinder-, Erziehungs- und Elterngeld zählen nicht dazu,
dieser Bezug ist in jedem Fall unproblematisch. Unter bestimmten Bedingungen können Sie die
Streichung der Auflage beantragen und danach umziehen.
Für einen Umzug innerhalb Niedersachsens gelten folgende Regeln:
Wenn Sie nachweisen können, dass Sie den Lebensunterhalt Ihrer Familie durch Arbeit oder
sonstiges Einkommen vollständig sichern können, soll die Ausländerbehörde die Wohnsitzauflage
aus Ihrer Aufenthaltserlaubnis streichen. Dazu müssen Sie beim Antrag an die Ausländerbehörde
die entsprechenden Nachweise (Arbeitsvertrag und anderes) vorlegen. Ein unbefristeter
Arbeitsvertrag ist nicht notwendig, aber die Ausländerbehörde muss davon ausgehen können, dass
das Einkommen für lange Zeit gesichert ist.
Wenn Sie arbeiten, aber noch ergänzende Sozialleistungen beziehen, wird die Wohnsitzauflage
nicht gestrichen. Eine Ausnahme gilt allerdings, wenn die ergänzenden Sozialleistungen höchstens
10% des Nettoeinkommens betragen und der - voraussichtlich dauerhafte - Arbeitsplatz in einer
unzumutbaren Entfernung vom bisherigen Wohnort liegt.
Für den Fall, dass Ihr/e Ehepartner/in oder Ihre minderjährigen Kinder in einem anderen Ort
wohnen, muss die Ausländerbehörde ermöglichen, dass Ihre Familie zusammenleben kann, auch
wenn Sie Sozialleistungen beziehen. Allerdings können Sie nicht in jedem Fall bestimmen, an
welchem der beiden Wohnorte Sie gemeinsam wohnen. Die Ausländerbehörde kann die Streichung
Ihrer Auflage verweigern, wenn Ihr Ehepartner/in seinen Wohnsitz verlegen kann. Das wird
insbesondere dann angenommen, wenn der/die Ehepartnerin Deutscher ist oder seinen Wohnort frei
wählen darf. Dabei soll die Ausländerbehörde in gewissem Maß auf Ihre Wünsche Rücksicht
nehmen, aber auch andere Faktoren berücksichtigen, vor allem, wo eine Arbeitsstelle vorhanden ist
oder wo ausreichend Wohnraum zur Verfügung steht.
Die Ausländerbehörde kann - muss aber nicht - auch aus anderen Gründen die Wohnsitznahme in
einer anderen Stadt oder einem anderen Landkreis ermöglichen, insbesondere, wenn eine Frau zum
Schutz vor ihrem Ehemann in einem entfernten Frauenhaus untergebracht werden soll. Auch bei
Alleinerziehenden mit Kleinkindern, Alten oder erwerbsunfähigen Menschen darf die
Ausländerbehörde die Wohnsitzauflage streichen, wenn wichtige Gründe für einen Umzug
sprechen. Der Bezug von Sozialleistungen ist dann trotzdem erlaubt.
Wenn Sie aus Niedersachsen in ein anderes Bundesland umziehen wollen, gilt ebenfalls
grundsätzlich, dass die dauerhafte Sicherung des Lebensunterhaltes die entscheidende Bedingung
für eine Streichung der Wohnsitzauflage ist. Sie erhalten aber auch dann die Erlaubnis umzuziehen,
Seite 125 von 201
wenn das erforderliche Einkommen um bis zu 10% unterschritten wird. Daneben haben die
Bundesländer vereinbart, dass ein Wohnsitzwechsel auch bei Sozialhilfebezug erlaubt werden soll,
• wenn Sie zu Ihrem/Ihrer Ehepartner/in umziehen wollen. Bedingung ist, dass sie dafür nicht
einen Arbeitsplatz aufgeben müssen oder der/die Partner/in den Lebensunterhalt finanziert,
• zur Sicherstellung der Pflege und medizinischen Versorgung eines Angehörigen.
In allen anderen Fällen entscheiden die Ausländerbehörden des Zielortes nach den Regeln ihres
jeweiligen Bundeslandes, ob sie dem Umzug in ihren Bezirk zustimmen.
Reisen
Innerhalb Deutschlands dürfen Sie sich mit Ihrer Aufenthaltserlaubnis frei bewegen.
Bürger aus Drittländern dürfen für einen Zeitraum von bis zu drei Monaten in und durch die
Europäische Union reisen, sofern sie bestimmte Einreisebedingungen erfüllen; so müssen sie unter
anderem im Besitz eines gültigen Reisedokuments oder, wenn gefordert, eines Visums sein.
12.3
Arbeit und Ausbildung
Um arbeiten oder eine Ausbildung absolvieren zu können, brauchen Sie eine Arbeitserlaubnis. In
den ersten drei Jahren Ihres Aufenthalts in Deutschland gibt es Beschränkungen: Sie können
allenfalls eine so genannte „nachrangige Arbeitserlaubnis” erhalten. Erst danach erhalten Sie vorausgesetzt, Sie sind noch im Besitz einer Aufenthaltserlaubnis - eine uneingeschränkte
Arbeitserlaubnis für unselbstständige Tätigkeiten.
Als Arbeitnehmer/in haben Sie gegenüber dem/der Arbeitgeber/in bestimmte Rechte. Dazu gehören
die Auszahlung des vereinbarten Lohns, die Lohnzahlung im Krankheitsfall, Urlaubsanspruch und
anderes.
à Wenn Sie Schwierigkeiten mit Ihrem Arbeitgeber haben, können Sie vor dem Arbeitsgericht
klagen. Lassen Sie sich vorher gut beraten, zum Beispiel bei der Gewerkschaft.
Wenn Sie eine Arbeit gefunden haben, sind Sie verpflichtet, dies dem Sozialamt und dem
Arbeitsamt so schnell wie möglich mitzuteilen. Wenn Sie nicht viel verdienen, bekommen Sie
weiterhin ergänzende Sozialleistungen und einen neuen Bescheid darüber. Wenn Sie Ihre
Arbeitsaufnahme nicht unverzüglich melden, fordern die Ämter das von ihnen zuviel gezahlte Geld
zurück. Unter Umständen bekommen Sie auch Probleme, weil man Ihnen Betrug vorwirft.
Im Folgenden werden Ihre Arbeitsmöglichkeiten genauer beschrieben.
Nachrangige Arbeitserlaubnis
Um eine nachrangige Arbeitserlaubnis für einen bestimmten Arbeitsplatz zu erhalten, brauchen Sie
in der Regel Zeit, gute Nerven und mehrere Versuche. Anträge werden häufig abgelehnt. Wenn Sie
eine Arbeitserlaubnis erhalten, gilt diese nur für eine ganz bestimmte Tätigkeit in einem
bestimmten Betrieb. Sie müssen sich also vorher darum bemühen, einen Arbeitsplatz zu finden, und
können dann erst den Antrag auf Arbeitserlaubnis dafür stellen. Die Erlaubnis wird aber nur dann
Seite 126 von 201
erteilt, wenn für diesen Arbeitsplatz kein/e bevorrechtigte/r Arbeitnehmer/in (das sind zum Beispiel
Deutsche, EU-Bürger/innen oder anerkannte Flüchtlinge) zur Verfügung stehen und Sie nicht zu
schlechteren Arbeitsbedingungen als vergleichbare deutsche Arbeitnehmer/innen beschäftigt
werden. Dies sind die Schritte zur nachrangigen Arbeitserlaubnis:
• Besorgen Sie sich bei der Ausländerbehörde die Formulare „Antrag auf Erlaubnis einer
Beschäftigung, die der Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit bedarf” sowie
„Stellenbeschreibung”.
• Suchen Sie sich eine Arbeitsstelle.
• Der/die Arbeitgeber/in muss die „Stellenbeschreibung” ausfüllen und unterschreiben. Er
sollte sich damit einverstanden erklären, dass sein Stellenangebot von der Agentur für
Arbeit für veröffentlicht wird. Berücksichtigen Sie bei dem Termin für den Arbeitsbeginn,
dass das Antragsverfahren einige Wochen dauert.
• Machen Sie sich Kopien für Ihre Unterlagen und geben die Formulare bei der
Ausländerbehörde ab. Nehmen Sie dazu auch Ihren Ausweis mit.
• Nun müssen Sie bis zu acht Wochen warten. Erst wenn die Behörden meinen, dass der
Arbeitsplatz nicht an einen bevorrechtigten Arbeitnehmer vermittelt werden kann, erhalten
Sie die Arbeitserlaubnis.
Die nachrangige Arbeitserlaubnis ist befristet und kann nach Ablauf der Frist verlängert werden.
à Beantragen Sie eine Verlängerung frühzeitig! Haben Sie länger als zwölf Monate dieselbe
Arbeitsstelle, dann kann die Erlaubnis verlängert werden, ohne dass die Ausländerbehörde wieder
prüft, ob es bevorrechtigte Arbeitnehmer/innen gibt.
Arbeitserlaubnis ohne Vorrangprüfung
In besonderen Fällen kann eine Arbeitserlaubnis erteilt werden, ohne dass die Arbeitsagentur prüft,
ob es bevorrechtigte Arbeitnehmer/innen gibt. Dabei bleibt die Arbeitsgenehmigung aber an die
beantragte Tätigkeit und den/die Arbeitgeber/in gebunden. Auf die Vorrangprüfung wird verzichtet,
wenn
• Sie im Betrieb Ihres/Ihrer Ehepartner/in, unverheirateten Lebenspartner/in oder sonstigen
Verwandten ersten Grades arbeiten wollen und mit diesen zusammen in einem Haushalt
leben (§ 3 BeschVerfV);
• ein Härtefall vorliegt (Härtefallarbeitsgenehmigung, § 7 BeschVerfV).
Ob eine Härtefallarbeitsgenehmigung erteilt wird, hängt von den besonderen Umständen des
Einzelfalls ab. Ein Härtefall kann zum Beispiel festgestellt werden, wenn eine Person nur
eingeschränkt arbeiten kann, wenn wegen einer Behinderung die Chancen auf einen Arbeitsplatz
ohnehin bereits eingeschränkt sind. Traumatisierten Personen wird die Arbeitserlaubnis ohne
Vorrangprüfung erteilt, wenn die Beschäftigung von dem behandelnden Arzt/Psychotherapeuten als
wichtiger Teil der Therapie bezeichnet wird.
à Prüfen Sie, ob in Ihrem Fall konkrete Gründe für eine Härtefallarbeitsgenehmigung vorliegen.
Versuchen Sie gegebenenfalls mit Hilfe einer Beratungsstelle, den Anspruch auf eine
Härtefallarbeitsgenehmigung durchzusetzen.
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Uneingeschränkte Arbeitserlaubnis
Sie können eine Arbeitserlaubnis erhalten, mit der Sie sich uneingeschränkt überall bewerben
können (§ 9 BeschVerfV):
• nach zwei Jahren sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung oder
• nach drei Jahren in Deutschland (tatsächlicher Aufenthalt - Zeiten der Duldung oder
Aufenthaltsgestattung zählen mit).
à Auch Menschen mit Aufenthaltserlaubnis, die als Minderjährige eingereist sind, erhalten nach
dem Gesetz eine Arbeitserlaubnis ohne alle Beschränkungen, wenn sie einen deutschen
Schulabschluss haben, eine abgeschlossene berufsvorbereitende Maßnahme nachweisen können
oder eine anerkannte Berufsausbildung aufnehmen möchten (§ 8 BeschVerfV).
à Die uneingeschränkte Arbeitserlaubnis erteilen die Behörden oft nicht von selbst. Stellen Sie
rechtzeitig einen Antrag, wenn Sie eine der drei Bedingungen erfüllen.
Wenn Sie sich selbstständig machen wollen, müssen Sie die Erlaubnis zur Ausübung einer
Erwerbstätigkeit bei der Ausländerbehörde beantragen. Nach den niedersächsischen Vorschriften
ist die Erlaubnis dazu in den ersten zwei Jahren nach Erteilung der Aufenthaltserlaubnis praktisch
ausgeschlossen - es sei denn, Sie wollten in Deutschland 250.000 Euro investieren oder fünf
Arbeitsplätze schaffen…Nach Ablauf von zwei Jahren können Sie die Erlaubnis zur
selbstständigen Erwerbstätigkeit erhalten, aber nur, wenn Sie eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25
Abs. 5 AufenthG haben. Für Menschen mit Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 4 Satz 1 AufenthG
ist eine Erlaubnis zur Selbstständigkeit in den niedersächsischen Vorschriften nicht vorgesehen.
Die Erlaubnis zur Selbstständigkeit wird in Niedersachsen unter folgenden Bedingungen erteilt:
• Sie erfüllen Ihre Passpflicht.
• Es liegt kein Ausweisungsgrund (z.B. schwere Straftaten) vor;
• Sie können ausreichende Deutschkenntnisse sowie „Grundkenntnisse der Rechts- und
Gesellschaftsordnung sowie der deutschen Lebensverhältnisse” nachweisen.
• Sie haben sich in den letzten zwei Jahren intensiv um Arbeit bemüht, aber keine gefunden.
• Sie können Ihren Lebensunterhalt durch die Selbstständigkeit voraussichtlich sichern.
• Sie wollen sich an Ihrem Wohnort selbstständig machen, so dass die Wohnsitzauflage (lesen
Sie dazu den entsprechenden Absatz in Kapitel 10.2) nicht geändert werden muss.
Die Ausländerbehörde fragt dann immer noch fachkundige Institutionen (Industrie- und
Handelskammer), ob Bedenken gegen die von Ihnen angestrebte Form der Selbstständigkeit
bestehen. Unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls entscheidet die Ausländerbehörde
dann, ob Sie Ihnen die Selbstständigkeit erlaubt, und trägt die Erlaubnis gegebenenfalls in Ihre
Aufenthaltserlaubnis ein. Das größte Problem bei der Selbstständigkeit dürfte für Sie die
Einstiegsfinanzierung sein. Eine finanzielle Unterstützung bei der Existenzgründung durch die
Arbeitsagentur („Gründungszuschuss”) können Sie nicht erhalten, da Sie systematisch unter das
Asylbewerberleistungsgesetz fallen und von den Vorschriften der Arbeitsförderung (SGB III) nicht
profitieren.
à Vor einer Existenzgründung sollten Sie sich in jedem Fall umfassend bei der Industrie- und
Handelskammer, dem Deutschen Hotel und Gaststättenverband, der Handwerkskammer oder
anderen kompetenten Stellen beraten lassen. Diese Vereinigungen bieten auch
Existenzgründungsseminare an. Gründen Sie nicht übereilt ein Gewerbe. Schließen Sie vor allem
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erst einen Mietvertrag oder andere Verträge ab, nachdem Sie sich umfassend beraten lassen haben
und ein tragfähiges Konzept haben. Es besteht die große Gefahr dauerhafter Verschuldung.
Arbeitsgelegenheiten
Solange Sie Sozialleistungen nach §§ 3-7 AsylbLG erhalten, können Sie verpflichtet werden,
„gemeinnützige Arbeit” zu leisten (§ 5 AsylbLG). Oft sind dies einfache Hilfstätigkeiten, zum
Beispiel Laubharken im städtischen Park. Sie können sich auch selbst darum bemühen und beim
Sozialamt danach fragen. Manche Sozialämter bieten gemeinnützige Arbeit auch für
Sozialleistungsempfänger nach § 2 AsylbLG an. Für diese Arbeit erhalten Sie zusätzlich zu Ihren
Sozialleistungen 1 bis 2 Euro pro Stunde. Aber beachten Sie: Dies ist keine reguläre Arbeit, und Sie
sind darüber nicht sozialversichert. Sie sollten sich deshalb grundsätzlich darum bemühen, einen
regulären Arbeitsplatz zu finden. Wenn Sie sich weigern, die angebotene gemeinnützige Arbeit
auszuführen, oder ohne Entschuldigung fehlen, kann die Arbeitsagentur Ihre Sozialleistungen
kürzen. Gekürzt werden darf im Regelfall nur ein Teil der Sozialleistung der Person, die die Arbeit
verweigert, nicht aber die Sozialleistung der Kinder.
à Wenn es wichtige Gründe dafür gibt, dass Sie eine gemeinnützige Arbeit nicht ausführen
können oder wollen (z.B. Krankheit, fehlende gesundheitliche Eignung für die konkrete Tätigkeit,
fehlende Betreuungsmöglichkeit für die Kinder oder anderes), teilen Sie das der Arbeitsagentur so
schnell wie möglich mit. Wenn Sie krank sind, sollten Sie ein Attest vorlegen, aus dem Ihre
Arbeitsunfähigkeit hervorgeht. Wenn Ihre Sozialleistungen gekürzt wurden, muss die Kürzung
wieder aufgehoben werden, sobald Sie ihre Arbeitsbereitschaft zeigen. Sollten Ihre
Sozialleistungen zu Unrecht oder zu stark gekürzt werden oder auch andere Familienangehörige
betreffen, wenden Sie sich an einen Rechtsanwalt oder eine Beratungsstelle.
12.4 Soziale Sicherung
Auch nach der Erteilung Ihrer Aufenthaltserlaubnis sind ihre Rechte auf soziale und medizinische
Versorgung im Asylbewerberleistungsgesetz geregelt (§ 1 Abs. 1 AsylbLG). Wenn Ihr
Arbeitseinkommen nicht ausreicht, haben Sie also Anspruch auf Sozialleistungen: Entweder
niedrige „Sachleistungen” nach §§ 3-7 AsylbLG oder - nach vier Jahren Leistungsbezug Sozialleistungen nach § 2 AsylbLG (analog der normalen Sozialhilfe nach SGB XII). Etwas
anderes gilt, wenn Sie sozialversicherungspflichtig gearbeitet haben und arbeitslos sind. Dann
bekommen Sie unter bestimmten Bedingungen für eine kurze Zeit Arbeitslosengeld I. Einen darauf
folgenden Anspruch auf Arbeitslosengeld II haben Sie nicht (§ 7 SBG II). Ihre Rechte auf ALG I
oder Sozialleistungen nach dem AsylbLG werden im Folgenden genau erklärt.
Absicherung bei Arbeitslosigkeit (ALG I)
Wenn Sie Ihre Arbeit verloren haben, haben Sie unter Umständen einen Anspruch auf
Arbeitslosengeld I (ALG I) erworben. Das gilt, wenn Sie
1. innerhalb der letzten zwei Jahre mindestens 12 Monate sozialversicherungspflichtig
beschäftigt waren,
2. sich darum bemühen, wieder Arbeit zu erhalten,
3. den Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung stehen.
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 Um ALG I zu erhalten, müssen Sie sich bei der Arbeitsagentur Arbeit suchend melden. Dafür
haben Sie, wenn Sie von Ihrer Kündigung bzw. dem Ende Ihrer Arbeitsverhältnisses erfahren, nur
drei Tage Zeit (§ 122 SGB III). Melden Sie sich später, müssen Sie damit rechnen, dass Ihnen die
Leistungen für die ersten sieben Tage gestrichen werden (§ 128 Nr. 3 SGB III). ALG I wird nicht
rückwirkend gezahlt, sondern frühestens ab dem Tag Ihrer Meldung als Arbeit suchend.
Das ALG I beträgt 67% Ihres Nettolohns, wenn Sie Kinder haben, und 60% ohne Kinder. Die
Dauer des ALG I beträgt zwischen sechs und zwölf Monaten und ist davon abhängig, wie lange Sie
innerhalb der letzten zwei Jahre gearbeitet haben (§ 127 SGB III). Personen ab 50 Jahre können
künftig bis zu bis zu 15 Monate, Personen ab 55 Jahre bis zu 18 Monate und Personen ab 58 Jahre
bis zu 24 Monate lang ALG I erhalten, wenn Sie Beschäftigungszeiten bis zu vier Jahren vorweisen
können. Liegt Ihr Anspruch auf ALG I niedriger als ihre Sozialleistungen nach dem
Asylbewerberleistungsgesetz, wären, wird dies ergänzend gezahlt.
Nach Ablauf der Bezugszeit von ALG I erhalten Sie nicht, wie die meisten anderen Arbeitslosen,
ALG II, sondern nur Sozialleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.
 Um (nach dem Ende von ALG I oder währenddessen) Sozialleistungen nach AsylbLG zu
erhalten, müssen Sie rechtzeitig einen Antrag beim Sozialamt stellen.
Sozialleistungen nach §§ 3-7 AsylbLG
Im Normalfall erhalten Sie für vier Jahre die Grundleistungen nach §§ 3-7 AsylbLG. Danach
erhalten Sie in Niedersachsen
• eine Unterkunft,
• Gutscheine für Lebensmittel, Kleidung, Hygieneartikel und alles sonst Notwendige
insgesamt in folgender Höhe: 184,07 Euro monatlich für Alleinstehende bzw. den
Haushaltsvorstand, 158,50 Euro für Haushaltsangehörige ab 7 Jahren, 112,48 Euro für
Kinder bis 6 Jahren, im Wohnheim werden hiervon Beträge zwischen 20 und 35 Euro für
Haushaltswaren (zum Beispiel Glühbirnen, Besen, Staubsauger) und Energiekosten
abgezogen,
• einen zusätzlichen Bargeldbetrag von 40,90 Euro/Monat (für Personen ab 14 Jahre) und
20,45 Euro (für Kinder bis 13 Jahre).
Diese Leistungen teilen sich in Niedersachsen wie folgt auf:
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Ernährung
Eine gesunde Ernährung muss Ihnen möglich sein. Auch sollen religiöse und durch
Schwangerschaft oder Krankheit bedingte besondere Ernährungsgewohnheiten bei der Versorgung
beachtet werden. Wenn Ihnen das nicht möglich ist, stellen Sie einen schriftlichen „Antrag auf
besondere Ernährung nach § 6 AsylbLG” bei Ihrem Sozialamt. Begründen Sie Ihren Antrag (z.B.
Schwangerschaft, Diabetes, Neurodermitis, usw.).
Bekleidungsgeld
Das monatliche Bekleidungsgeld in Höhe von 15,34 € wird von den Sozialämtern meist
halbjährlich in Form von Gutscheinen ausgegeben. Das Bekleidungsgeld steht Ihnen in jedem Fall
zu, auch wenn Sie noch genügend Kleidung haben.
Ge- und Verbrauchsgüter des Haushaltes
Der Betrag für Ge- und Verbrauchsgüter des Haushalts kann Ihnen von Ihren Leistungen
abgezogen werden, wenn Sie in einer Gemeinschaftsunterkunft leben. Das geht allerdings nur,
wenn das Wohnheim Ihnen kostenlos u.a. folgende Dinge zur Verfügung stellt: Möbel (Bett, Stuhl,
Tisch, Schrank usw.), Bettdecke und Bettwäsche, Handtücher, Küchenausstattung (Herd,
Kochtöpfe, Geschirr usw.), Waschmaschine und Waschmittel, WC-Papier, Putz- und
Reinigungsmittel, Heizung, Haushaltsenergie (Warmwasser, Kochen, Strom).
 Im Wohnheim sind viele Dinge oft nicht vorhanden, oder defekte Gegenstände werden nicht
ersetzt. Verlangen Sie die Bereitstellung der Dinge, die Sie brauchen, und beschweren Sie sich,
wenn nötig, beim Sozialamt. Manchmal ist es sinnvoll, einen schriftlichen Antrag zu verfassen.
Wenn das nicht hilft, können Sie einen schriftlichen „Widerspruch” an das Sozialamt schreiben.
Dabei kann Sie eine Beratungsstelle unterstützen.
Wenn Sie in einer Wohnung wohnen, müssen Sie Strom und Gas, Putz- und Reinigungsmittel in
der Regel selbst bezahlen. Dann sind Kürzungen bei den Ge- und Verbrauchsgütern unzulässig.
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Gutscheinpraxis
In Niedersachsen erhalten Sie Leistungen für Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs
in Form von Gutscheinen ausgezahlt. Damit sind Sie in Ihrem Alltag stark eingeschränkt. Politische
Proteste und Aktionen dagegen haben in anderen Bundesländern dazu geführt, dass Bargeld
ausgezahlt wird. Die Niedersächsische Landesregierung bleibt in diesem Punkt aber hart und
verlangt von den Kommunen, kein Bargeld zu gewähren. In manchen Bundesländern ist es auch
noch schlimmer, dort erhalten Flüchtlinge Essen und Hygieneartikel in Paketen zugeteilt.
 In vielen Kommunen Niedersachsens gibt es politische Initiativen, die zumindest einen
kleinen Teil Ihrer Gutscheine in Bargeld umtauschen und selber damit einkaufen gehen.
Erkundigen Sie sich beim Flüchtlingsrat Niedersachsen, ob es einen Umtausch in Ihrer Stadt gibt.
 Sie haben nur eine sehr geringe Chance, beim Sozialamt Bargeld für sich durchzusetzen. Das
wäre zum Beispiel denkbar, wenn Sie gehbehindert oder krank sind und der Weg zum nächsten
Laden, der Gutscheine akzeptiert, zu weit weg ist.
 Wenn Sie sich mit den Gutscheinen diskriminiert fühlen oder in bestimmten Geschäften unfair
behandelt werden (zum Beispiel gar kein Wechselgeld erhalten, was illegal wäre!), können Sie das
auch öffentlich machen. Gehen Sie zur örtlichen Presse und besuchen Sie die Parteien. Schreiben
Sie an das Niedersächsische Innenministerium und schildern Sie Ihre Erfahrungen. Schließen Sie
sich einer Initiative an, oder gründen Sie mit anderen Flüchtlingen und Unterstützern eine
Initiative, um gegen die Gutscheine zu kämpfen. Sprechen Sie die örtliche Presse an und versuchen
Sie so, unfaire Geschäfte zu einer anderen Praxis zu bewegen.
Höhere Leistungen nach § 2 AsylbLG - keine Gutscheine mehr
Wenn Sie vier Jahre Leistungen nach dem AsylbLG bezogen haben, werden Ihre Leistungen nach
§ 2 AsylbLG normalerweise auf das Niveau der Sozialhilfe für Deutsche erhöht. Diese Umstellung
muss für Flüchtlinge mit Aufenthaltsgestattung automatisch erfolgen. Falls das Sozialamt diese
Umstellung nicht automatisch gemacht haben sollte und Sie deshalb länger als vier Jahre
Grundleistungen erhalten haben, können Sie rückwirkend eine Nachzahlung der Leistungen nach §
2 AsylbLG beantragen (Antrag auf Überprüfung eines rechtswidrigen Verwaltungsaktes, auch wenn
er unanfechtbar geworden ist, gemäß § 44 SGB X).
Für die Vierjahresfrist zählen die Zeiten, in denen Sie tatsächlich Leistungen nach dem
Asylbewerberleistungsgesetz in Anspruch genommen haben. Wenn Sie sich also zum Beispiel ein
Jahr lang durch Arbeit selbst finanzieren, zählt dieses Jahr nicht mit, und die Bezugszeit verlängert
sich um ein Jahr.
Ob für die Berechnung der Bezugszeiten andere Sozialleistungen angerechnet werden
(Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe), ist umstritten. Nach Ansicht des niedersächsischen
Innenministeriums zählen diese Zeiten für die Vierjahresfrist nicht mit (Erlass vom 4.9.2007).
Auch das Bundessozialgericht hat im Jahr 2008 entschieden, dass zumindest Leistungen nach § 2
AsylbLG nicht auf die Vierjahresfrist angerechnet werden. Wenn bei Ihnen für die Berechnung der
Vierjahresfrist der Bezug anderer Sozialleistungen nach Ansicht des Sozialamtes nicht angerechnet
werden soll, wenden Sie sich bitte an eine Beratungsstelle.
 Die höheren Leistungen werden oft zu Unrecht verweigert! Sollte das Sozialamt Ihnen nach
vierjährigem Leistungsbezug weiterhin nur Gutscheine nach § 3 AsylbLG gewähren, holen Sie sich
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rechtliche Hilfe! Legen Sie Widerspruch gegen Ihren Bescheid ein und wenden Sie sich
gegebenenfalls auch mit einer Klage und einem Eilantrag an das Sozialgericht.
 Sie können auch versuchen, zu Unrecht verweigerte Leistungen nach § 2 AsylbLG lange Zeit
später nachzufordern (§ 44 SGB X). Denn eigentlich muss das Sozialamt automatisch die höheren
Leistungen gewähren, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind.
Vom Arbeitslosengeld II („ALG II”, auch „Hartz IV” genannt) sind Sie ausgeschlossen (§ 7 Abs. 1
SGB II). Die Leistungen nach § 2 AsylbLG orientieren sich an der „Sozialhilfe” nach dem Zwölften
Sozialgesetzbuch (SGB XII). In Niedersachsen gelten seit Juli 2008 folgende Leistungen nach § 2
AsylbLG:
Regelsatz
(Seit Juli
08)
Alleinstehende/
Alleinerziehende
Volljährige
Partner
Haushaltsangehörige
0 bis 13 Jahre
Haushaltsangehörige
ab 14 Jahre
in %
100 %
90 %
60 %
80 %
in €
351 €
316 €
211 €
281 €
Zusätzlich übernimmt das Sozialamt die Kosten für Unterkunft und Heizung: Bezahlt wird die
„angemessene” Miete für eine Wohnung, jedoch nicht die Kosten für Haushaltsenergie (Strom für
Licht, Warmwasser, Kochen).
 Erkundigen Sie sich bei einer Beratungsstelle oder beim Mieterverein, bis zu welcher Höhe
das Sozialamt die Miete für eine Wohnung für Sie (und Ihre Familie) übernehmen muss.
Wenn Sie weiterhin in einer Gemeinschaftsunterkunft leben, werden die Regelsätze wegen der dort
kostenlos bereitgestellten Ge- und Verbrauchsgüter des Haushalts oder auch Hygieneartikeln um
die entsprechenden Teilbeträge gekürzt (s. Tabelle oben).
 Erkundigen Sie sich bei einer Beratungsstelle oder beim Mieterverein, bis zu welcher Höhe
das Sozialamt die Miete für eine Wohnung für Sie (und Ihre Familie) übernehmen muss.
Wenn Sie weiterhin in einer Gemeinschaftsunterkunft leben, werden die Regelsätze wegen der dort
kostenlos bereitgestellten Ge- und Verbrauchsgüter des Haushalts sowie gegebenenfalls auch
Hygieneartikel um die entsprechenden Teilbeträge gekürzt (s. Tabelle oben).
In bestimmten Lebenslagen erhöhen sich die Regelsätze um einen Mehrbedarfszuschlag:
• bei Alleinerziehenden mit einem oder mehreren Kindern,
• bei Schwangeren ab der 13. Woche,
• bei Kranken, die sich in besonderer Weise kostenaufwändig ernähren müssen (z.B.
Krebserkrankung, HIV, schwere chronische Magen- oder Darmerkrankung; Leber- oder
Nierenerkrankung),
• bei dauerhaft erwerbsunfähigen, anerkannten Schwerbehinderten mit Ausweis G oder Ag).
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Zusätzlich kann man auf Antrag einmalige Beihilfen erhalten, so für Erstausstattungen bei
Schwangerschaft und Geburt (Kleidung, Kinderwagen, Kinderbett usw.), Erstausstattungen an
Möbeln und Hausrat (wenn erstmals eine Wohnung bezogen wird, bzw. die beantragten
Gegenstände bisher nicht vorhanden waren), sowie für mehrtägige Klassenfahrten der Schule.
Anstelle der bisher vom Sozialamt gewährten Krankenscheine erhalten Sie auf Kosten des
Sozialamts eine Krankenversichertenkarte (Chipkarte) von einer gesetzlichen Krankenkasse Ihrer
Wahl (§ 264 SGB V). Sie haben damit einen uneingeschränkten Anspruch auf Krankenbehandlung
wie deutsche Versicherte.
Die Leistungen nach § 2 AsylbLG sollten Sie nicht mehr in Gutscheinen, sondern in Bargeld
erhalten. Wenn Sie in einer Wohnung leben, haben Sie auf jeden Fall Anspruch auf Bargeld.
Solange Sie noch im Wohnheim leben, kann das Sozialamt argumentieren, dass weiter nur
Gutscheine gezahlt werden, zum Beispiel, um Konflikte im Wohnheim zu vermeiden, weil einige
Bewohner über Bargeld, andere aber nur über Gutscheine verfügen.
 Tipp: Sobald Sie Leistungen nach § 2 AsylbLG erhalten, sollten Sie erstens die Erlaubnis für
den Umzug in eine Wohnung (siehe dazu den Abschnitt „Wohnen” in Kapitel 12.2) und zweitens
die Auszahlung in Bargeld beantragen und gegebenenfalls auch gerichtlich durchzusetzen
versuchen. Lassen Sie sich von einer Beratungsstelle unterstützen.
12.5 Medizinische Versorgung
Wenn Sie sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind oder Arbeitslosengeld I erhalten, übernimmt
Ihre Krankenkasse die Kosten für die medizinische Versorgung im Krankheitsfall. Sofern Sie nicht
über eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung oder die Arbeitsagentur krankenversichert
sind, richtet sich Ihre Krankenversorgung für drei Jahre nach § 4 und § 6 AsylbLG und ist in der
Praxis eingeschränkt. Wenn Sie drei Jahre Leistungen nach dem AsylbLG erhalten haben, können
Sie Leistungen nach § 2 AsylbLG beanspruchen und erhalten die gleiche Krankenversorgung wie
deutsche Sozialleistungsempfänger. Die drei Möglichkeiten werden im Folgenden genauer erklärt.
Eingeschränkte medizinische Versorgung nach § 4 und 6 AsylbLG
Im Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) gibt es zwei Paragrafen, die die Krankenversorgung
regeln: § 4 AsylbLG und § 6 AsylbLG. Darin steht:
• Medizinische Versorgung, (zahn-)ärztliche Hilfe und sonstige erforderlichen Leistungen
müssen bei allen akuten oder akut behandlungsbedürftigen Erkrankungen gewährt werden.
• Medizinische Versorgung, (zahn-)ärztliche Hilfe und sonstige erforderlichen Leistungen
müssen bei allen mit Schmerzen verbundenen Erkrankungen gewährt werden.
• Eine Versorgung mit Zahnersatz erfolgt nur, wenn dies „unaufschiebbar” (das heißt jetzt
unmittelbar notwendig) ist.
• Bei Schwangerschaft und Geburt erhalten Frauen alle auch für Deutsche üblichen
medizinischen Leistungen bei Arzt und Krankenhaus, sämtliche Vorsorgeuntersuchungen
für Mutter und Kind, Hebammenhilfe, Medikamente und Heilmittel.
• „Sonstige” medizinische Leistungen müssen gewährt werden, wenn dies „zur Sicherung der
Gesundheit unerlässlich” ist.
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Die Regelungen zur medizinischen Versorgung machen in der Praxis oft Schwierigkeiten. Manche
Ärzte tun nicht alles, was nötig wäre. Damit der Arzt Sie behandelt, müssen Sie in der Regel einen
Krankenschein vorlegen. Manche Sozialämter lehnen Anträge ab oder schicken Flüchtlinge, die um
einen Krankenschein bitten, wieder weg, weil sie meinen, dass die Krankheit nicht akut, sondern
chronisch sei. Probleme gibt es vor allem mit Heil- und Hilfsmitteln wie Brillen, Hörgeräten,
Prothesen, Rollstühlen, aber auch Medikamenten und Operationen.
Nach unserer Rechtsauffassung werden die Paragrafen der Krankheitsversorgung in der Praxis zu
eng und von vielen Ärzten zu ängstlich ausgelegt. Es gibt viele, teilweise auch von Gerichten
bestätigte Argumente, die für eine Behandlung in den meisten Fällen sprechen. Hierzu einige
Hinweise:
 Die meisten chronischen Krankheiten sind auch gleichzeitig schmerzhaft, viele können sich
akut verschlechtern, wenn keine Behandlung erfolgt (z.B. Diabetes oder eine Gehbehinderung).
Deshalb sind solche dauerhaften Krankheiten auch vom Arzt zu behandeln.
 Ein Zahnersatz ist „unaufschiebbar”, wenn Folgeschäden drohen. Das heißt, wenn ohne
Behandlung weitere Zähne verloren gehen können oder wenn eine Magenerkrankung droht, weil
Sie nicht mehr richtig kauen können.
 Die Verweigerung von Krankenscheinen durch das Sozialamt ist rechtswidrig, weil der/die
Sozialamtsmitarbeiter/in gar nicht beurteilen kann, ob eine akute Erkrankung vorliegt und was zur
Sicherung der Gesundheit „unerlässlich” ist. Die Diagnose durch einen Arzt muss in jedem Fall
möglich sein.
 Viele „sonstige” Leistungen können für die Gesundheit unerlässlich sein: Zum Beispiel
Mehrkosten für besondere Ernährung bei Schwangerschaft oder bestimmten Krankheiten,
Versorgung und Pflege von Behinderten und Pflegebedürftigen; Psychotherapie (zum Beispiel nach
Kriegserfahrungen, Folter oder Vergewaltigung); Reha-Maßnahmen nach Schlaganfall oder Unfall;
Fahrtkosten, wenn sonst keine Möglichkeit besteht, zum Arzt oder Krankenhaus zu gelangen; und
anderes.
 Um bestimmte Leistungen zu erhalten, tragen Sie beim Sozialamt gute Gründe vor (dass Sie
Schmerzen haben; dass die Krankheit jetzt akut ist; dass Ihre Erkrankung sich verschlimmert, wenn
nicht behandelt wird; warum eine bestimmte Leistung für die Gesundheit unerlässlich ist)
 In bestimmten Fällen kann ein Attest oder Gutachten helfen, einen Anspruch beim Sozialamt
durchzusetzen: Zum Beispiel wenn die Schule oder eine Logopädin bescheinigt, dass ein Kind ein
Hörgerät braucht, um in seiner sprachlichen und geistigen Entwicklung nicht geschädigt zu werden.
Oder wenn ein Arzt bescheinigt, dass eine Brille notwendig ist, weil jemand sonst im
Straßenverkehr erheblich gefährdet ist.
 Wenn Ihnen ärztliche Hilfe, Heil- oder Hilfsmittel verweigert werden, können Sie beim
Sozialamt dagegen Widerspruch einlegen. Dann muss die Entscheidung noch einmal überprüft
werden. Dafür haben Sie einen Monat, bei nur mündlicher Ablehnung ein Jahr Zeit, um einen
Widerspruch einzulegen. Eine Beratungsstelle hilft Ihnen, einen schriftlichen Widerspruch zu
verfassen. Wenn der Widerspruch zurückgewiesen wird, können Sie sich an das Sozialgericht
wenden und eine Klage einlegen. Eine gute Beratungsstelle weiß, wie die einzelnen Gerichte zu
bestimmten medizinischen Leistungen entscheiden und ob eine Klage sinnvoll ist. In dringenden
Fällen oder wenn das Sozialamt eine Entscheidung zu lange verschleppt, kann das Gericht auch
sofort (gleichzeitig mit dem Widerspruch) eingeschaltet werden und muss innerhalb von wenigen
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Tagen vorläufig entscheiden. Dafür müssen Sie zusätzlich einen „Eilantrag” an das Gericht stellen
und begründen, warum eine Entscheidung sofort notwendig ist (zum Beispiel weil Ihnen schwere
Schäden drohen, wenn eine Krankheit nicht sofort behandelt wird).
 Wenn Sie sich Sorgen wegen einer Erkrankung machen oder Schmerzen haben, aber eine
Behandlung abgelehnt wird, können Sie auch in das nächste Krankenhaus gehen. Dort muss man
Sie zumindest untersuchen und eine Diagnose stellen.
 Wenn Sie medizinische Leistungen erhalten werden, darf von Ihnen kein Geld für
„Zuzahlungen” (zum Beispiel als „Praxisgebühr” oder „Zuzahlung” für ein Medikament) verlangt
werden. Weisen Sie die Arztpraxis, die Apotheke oder das Krankenhaus darauf hin, dass das
Sozialamt alle Kosten zu 100% übernimmt. Verlangen Sie bereits geleistete Zuzahlungen wieder
zurück! Wird die Rückzahlung verweigert, wäre das Betrug, weil der Arzt/die Apotheke/das
Krankenhaus zu seinem Vorteil doppelt abkassiert: von Ihnen die Zuzahlung und vom Sozialamt
noch einmal 100 % der Kosten!
Bessere medizinische Versorgung nach vier Jahren
Wenn Sie schon vier Jahre Leistungen nach dem AsylbLG erhalten haben, können Sie unter
bestimmten Voraussetzungen Leistungen nach § 2 AsylbLG beanspruchen. Dies wirkt sich auch
auf die Krankenversorgung aus.
Nach § 2 AsylbLG erhalten Sie die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung im gleichen
Umfang wie Deutsche. Sie gelten zwar streng genommen nicht als Krankenversicherte, erhalten
aber eine Versicherungskarte und bekommen alle Leistungen, auf die auch deutsche Versicherte
einen Anspruch haben, von der von Ihnen gewählten gesetzlichen Krankenkasse. Die Kasse holt
sich das Geld anschließend vom Sozialamt zurück. Leistungen der Pflegeversicherung erhalten Sie
allerdings nicht über die Krankenkasse (ggf. beim Sozialamt beantragen, § 32 II und III SGB XII).
 Wenn Sie mit einer Entscheidung der Krankenkasse nicht einverstanden sind, legen Sie
schriftlich „Widerspruch” ein! Der Widerspruch richtet sich dann direkt an die Krankenkasse (nicht
mehr ans Sozialamt). Außerdem können Sie eine Klage und gegebenenfalls einen Eilantrag an das
Sozialgericht schicken.
 Wenn die Krankenkasse gesetzlich nicht zahlen muss, können Sie bestimmte laufend benötigte
Dinge beim Sozialamt als „vom Regelfall abweichenden Lebensunterhaltsbedarf nach § 28 I Satz 2
SGB XII” beantragen.
Sie sind nach dem Gesetz zu bestimmten Zuzahlungen verpflichtet. Dazu gehören die Praxisgebühr
beim Zahnarzt und Arzt (je 10 Euro im Quartal) und eine Beteiligung an Medikamenten (pro
Medikament bis zu 10 Euro in der Apotheke) und anderen Leistungen (zum Beispiel bei
Krankenhausaufenthalten oder für spezielle, nicht von der Kasse getragene
Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft und anderes). Für Kinder und Jugendliche fallen
keine Zuzahlungen an.
Für Empfänger von Leistungen nach § 2 AsylbLG gilt die Höchstgrenze von 2% des Regelsatzes.
Das heißt: 2% von 12 x 351 Euro = 84,24 Euro pro Jahr. Der Betrag gilt nicht pro Person, sondern
für alle Mitglieder der Familie zusammen. Für chronisch Kranke gilt unter bestimmten
Bedingungen eine Grenze von 1% = 42,12 Euro pro Jahr.
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 Um Mehrfachzahlungen der Praxisgebühr zu vermeiden, lassen Sie sich eine Quittung
ausstellen. Wenn Sie in einem Quartal zu verschiedenen Ärzten gehen, besorgen Sie sich eine
Überweisung des Arztes, bei dem Sie bereits die Gebühr für das laufende Quartal entrichtet haben.
Dann müssen Sie nicht erneut zahlen.
 Sammeln Sie alle Zuzahlungsquittungen Ihrer Familie. Wenn der Betrag von 84,24 Euro
erreicht ist, muss die Krankenkasse Ihnen bescheinigen, dass Sie für den Rest des Jahres von
weiteren Zuzahlungen befreit sind und Ihnen bereits zu viel gezahlte Beträge zurückzahlen. Stellen
Sie dazu einen Antrag und fügen Sie die Quittungen bei.
Krankenversicherung für Arbeitnehmer
Wenn Sie eine gemeinnützige Arbeit ausüben oder als Arbeitnehmer weniger als 400 Euro im
Monat verdienen, sind Sie nicht sozialversicherungspflichtig, und es ändert sich an Ihrer
Krankenversorgung nichts.
Wenn Sie als Arbeitnehmer eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung (für mehr als 400
Euro im Monat) ausüben, werden Ihnen vom Lohn prozentuale Zahlungen in die
Sozialversicherungen (Kranken-, Renten-, Pflegeversicherung u.a.) abgezogen. Sie werden
reguläres Mitglied einer Krankenkasse. Sie erhalten eine Versicherungskarte und alle gesetzlichen
Krankenkassenleistungen. Das gilt auch für den Fall, dass Sie wegen geringen Einkommens noch
ergänzende Sozialleistungen nach AsylbLG erhalten. Wenn Sie Ihre Arbeit verlieren, endet auch
ihre Mitgliedschaft in der Krankenkasse. Sie sollten dies der Krankenkasse und dem Sozialamt
sofort mitteilen. Sie erhalten dann wieder Leistungen zur medizinischen Versorgung wie in den
vorigen Abschnitten beschrieben. Unter bestimmten Voraussetzungen kommt aber auch eine
Krankenversicherung als „freiwillige Weiterversicherung” (§ 9 SGB V, § 32 SGB XII) oder über das
Arbeitsamt (bei Anspruch auf Arbeitslosengeld I) in Frage.
Als Mitglied einer Krankenkasse gilt alles das, was im vorherigen Abschnitt („Bessere
medizinische Versorgung nach drei Jahren”) beschrieben ist. Sie sind gesetzlich zu Zuzahlungen
verpflichtet. Die Höchstgrenze für Ihre ganze Familie liegt bei 2% Ihres Bruttojahreseinkommens.
Abgezogen werden Freibeträge für Ihre/n Ehepartner/in (4.536 Euro) und Kinder (je 3.864 Euro).
Beispiel: Sie sind verheiratet, haben zwei Kinder und ein Jahresbruttoeinkommen von 20.000 Euro.
Abzüglich der Freibeträge sind das 20.000 - 4.536 - 2 x 3.864 = 7.736 Euro. In diesem Fall beträgt
die Belastungsgrenze also 2% von 7.736 Euro = 154,72 Euro. Diese Belastungsgrenze gilt nicht pro
Person, sondern für alle Mitglieder der Familie zusammen. Für chronisch Kranke gilt unter
bestimmten, allerdings strengen Bedingungen, die Hälfte - nur 1%.
Verdienen Sie so wenig, dass Sie noch ergänzende Leistungen nach § 2 AsylbLG erhalten, gilt die
Höchstgrenze von 2% des jährlichen Regelsatzes des Haushaltsvorstands. Das heißt: 2% von 12 x
351 Euro = 84,24 Euro pro Jahr bzw. 42,12 Euro pro Jahr für chronisch Kranke.
 Um Ihre Kosten so gering wie möglich zu halten, beachten Sie die im vorhergehenden
Abschnitt („Bessere medizinische Versorgung nach drei Jahren”) gegebenen Hinweise und
Ratschläge zu Widerspruch und Klage, Praxisgebühren und Erreichen der Belastungsgrenze.
Wenn Sie sozialversicherungspflichtig arbeiten und ergänzende Leistungen nicht nach § 2
AsylbLG, sondern nur §§ 3-7 AsylbLG beziehen (siehe Kapitel 10.4), ergibt sich ein Problem:
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Durch eine gesetzliche Regelungslücke liegt die Belastungsgrenze bei 2% der Einkünfte und
Sozialleistungen der ganzen Familie.
 Beantragen Sie die nicht von der Krankenkasse übernommenen Leistungen nach § 4 und § 6
AsylbLG und legen Sie notfalls Widerspruch beim Sozialamt, Klage und Eilantrag beim
Sozialgericht ein.
12.6 Familienleistungen, Kinder- und Jugendhilfe
Kindergeld
Jede deutsche Familie hat unabhängig von ihrer Einkommenssituation Anspruch auf ein
monatliches Kindergeld von 164 Euro im Monat für das erste und zweite Kind, 170 Euro für das
dritte Kind und 195 Euro für jedes weitere Kind. Dies gilt für Kinder bis 18 Jahre, für Kinder in
Ausbildung, die kein oder nur sehr wenig eigenes Einkommen haben und weitere Bedingungen
erfüllen, bis 24 Jahre.
Flüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 4 Satz 1 und § 25 Abs. 5 AufenthG können
Kindergeld erhalten, wenn Sie sich drei Jahre in Deutschland aufhalten (dabei zählen die Zeiten der
Aufenthaltsgestattung, der Aufenthaltserlaubnis und - falls vorhanden - auch der Duldung) und
1. arbeiten,
2. einen Arbeitsvertrag haben und sich nach der Geburt des Kindes in der Elternzeit befinden
oder
3. Sozialleistungen nach SGB III oder Krankengeld erhalten.
Wenn Sie also eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 4 Satz 1 oder § 25 Abs. 5 AufenthG haben,
arbeitslos sind und Sozialhilfe nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten, haben Sie keinen
Kindergeldanspruch. Dann sollten Sie überlegen, ob Ihr/e Partner/in Kindergeld beanspruchen
kann. Kindergeld kann der Vater oder die Mutter beantragen. Ihr Partner/in erhält Kindergeld unter
den gleichen Bedingungen wie Sie, wenn er/sie über eine Aufenthaltserlaubnis nach §§ 23 Abs. 1
AufenthG als Bürgerkriegsflüchtling, 23a, 24, 25 Abs. 3, 25 Abs. 4 oder 25 Abs. 5 AufenthG
verfügt. Keinen Kindergeldanspruch hat Ihr/e Partner/in mit einer Aufenthaltsgestattung oder
Duldung.
Auch bei fehlendem Anspruch auf Kindergeld können Sie möglicherweise aufgrund von
internationalen Abkommen unter eine Ausnahmeregelung fallen. Sie erhalten für Ihre Familie auch
vor Ablauf von drei Jahren und ohne weitere Bedingungen Kindergeld, wenn Sie
• aus der Türkei, Algerien, Tunesien oder Marokko kommen und eine Arbeit haben, über die
Sie in eine Sozialversicherung (Arbeitslosen-, Kranken-, Renten- oder Unfallversicherung)
einzahlen,
• aus der Türkei kommen, nicht arbeiten, aber mindestens sechs Monate in Deutschland
leben,
• aus Kosovo, Serbien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina oder Mazedonien kommen und
eine arbeitslosenversicherungspflichtige Arbeit haben. Wenn Sie keine Arbeit mehr haben,
gilt auch der Bezug von Kranken- oder Arbeitslosengeld I.
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 Wenn Sie die Bedingungen erfüllen, sollten Sie so schnell wie möglich einen
Kindergeldantrag bei der Bundesagentur für Arbeit (Arbeitsamt) stellen. Dann können Sie
Kindergeld unter Umständen rückwirkend vom 1.1.2006 an erhalten!
 Wir halten die neue Regelung, mit der arbeitslosen Familien Kindergeld verweigert wird, für
verfassungswidrig. Auch wenn Sie die rechtlichen Voraussetzungen nicht erfüllen, sollten Sie aus
unserer Sicht einen Antrag auf Kindergeld stellen. Wenn dieser abgelehnt wird, sollten Sie
Einspruch dagegen einlegen und mit Hilfe eines Rechtsanwalts/ einer Rechtsanwältin den
Klageweg beschreiten, bis das Verfassungsgericht über die Rechtmäßigkeit des neuen Gesetzes
entscheidet.
 Familienkassen lehnen Anträge, die sich auf die genannten Ausnahmeregelungen beziehen,
zunächst regelmäßig ab! Legen Sie dagegen mit Hilfe einer Beratungsstelle unbedingt Einspruch
und, wenn nötig, Klage beim Finanzgericht ein. Die Einsprüche haben fast immer Erfolg!
 Sollten Sie - auch vorübergehend oder ergänzend - Sozialleistungen beziehen, wird der
Anspruch auf Kindergeld mit den Sozialleistungen verrechnet (auch rückwirkend). Unter
Umständen haben Sie dann am Ende gar nicht mehr Geld. Trotzdem ist es sinnvoll, den
Kindergeldantrag zu stellen, weil der Bezug von Kindergeld nicht als Sozialleistung gilt und Sie so
leichter die Möglichkeit haben, Ihr Leben selbst zu finanzieren.
Kinderzuschlag
Sie haben leider nicht die Möglichkeit, zusätzlich zum Kindergeld einen Kinderzuschlag zu
erhalten (§ 6a BKGG). Voraussetzung für die Gewährung ist nicht nur, dass Sie
kindergeldberechtigt sind, sondern auch, dass mit dem Kindergeldzuschlag ein Anspruch auf
Leistungen nach SGB II vermieden wird. Da Sie gesetzlich von Leistungen nach SGB II
ausgeschlossen sind, können Sie diese Voraussetzung nicht erfüllen.
Unterhaltsvorschuss
Hierbei handelt es sich um einen staatlichen Zuschuss, der einem alleinerziehenden Elternteil für
bis zu sechs Jahren gezahlt wird, wenn der andere Elternteil (in der Regel der Vater) seiner
Verpflichtung, für das Kind Unterhalt zu zahlen, nicht nachkommt. Der Unterhaltsvorschuss
beträgt 117 € monatlich für Kinder unter 6 Jahren und 158 € monatlich für ältere Kinder unter 12
Jahren.
Die Bedingungen für den Unterhaltsvorschuss sind die gleichen wie beim Kindergeld (§ 1 Abs. 2 a
UhVorschG).
Mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 4 Satz 1 oder § 25 Abs. 5 AufenthG können Sie
Unterhaltsvorschuss erhalten, wenn Sie sich drei Jahre in Deutschland aufhalten (dabei zählen die
Zeiten der Aufenthaltsgestattung, der Aufenthaltserlaubnis und - falls vorhanden - auch der
Duldung) und
1. arbeiten,
2. einen Arbeitsvertrag haben und sich nach der Geburt des Kindes in der Elternzeit befinden
oder
3. Sozialleistungen nach SGB III oder Krankengeld erhalten.
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Wenn Sie also eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 4 Satz 1 oder § 25 Abs. 5 AufenthG
besitzen, arbeitslos sind und Sozialhilfe nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten, haben Sie
keinen Anspruch auf Unterhaltsvorschuss.
 Unterhaltsvorschuss beantragen Sie beim Jugendamt. Das Amt holt sich das Unterhaltsgeld
vom nicht zahlenden Elternteil wieder zurück, wenn dieser über ausreichendes Einkommen verfügt.
 Jugendämter lehnen Anträge, die sich auf die genannten Ausnahmeregelungen beziehen,
zunächst regelmäßig ab! Legen Sie dagegen mit Hilfe einer Beratungsstelle unbedingt Widerspruch
und, wenn nötig, Klage beim Verwaltungsgericht ein.
Elterngeld
Elterngeld gibt es für Kinder ab der Geburt. Dabei ersetzt der Staat einem Elternteil 67 Prozent des
durch die Geburt und Kinderbetreuung wegfallenden Arbeitseinkommens, maximal 1.800 Euro im
Monat. Elterngeld wird an den das Kind betreuenden Elternteil für maximal 12 Monate gezahlt.
Wenn auch der andere Elternteil zwei Monate oder länger für die Betreuung zuständig ist, wird das
Elterngeld um zwei Monate auf maximal 14 Monate verlängert.
Elterngeld können Sie für Kinder erhalten, die ab 1.1.2007 geboren werden. Mit einer
Niederlassungserlaubnis können Sie Elterngeld beanspruchen. § 1 Abs. 7 BEEG
Anderes gilt, wenn Sie eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 bs. 4 Satz 1 oder § 25 Abs. 5 AufenthG
besitzen. Dann haben Sie nur Anspruch auf Elterngeld, wenn Sie sich drei Jahre in Deutschland
aufhalten (dabei zählen die Zeiten der Aufenthaltsgestattung, der Aufenthaltserlaubnis und - falls
vorhanden - auch der Duldung) und
1. in Teilzeit arbeiten (maximal 30 Stunden in der Woche),
2. einen Arbeitsvertrag haben und sich nach der Geburt des Kindes in der Elternzeit befinden
oder
3. Sozialleistungen nach SGB III oder Krankengeld erhalten,
Wenn Sie also eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 4 Satz 1 oder § 25 Abs. 5 AufenthG
besitzen, gar nicht arbeiten und sich auch nicht in der Elternzeit befinden, erhalten Sie also kein
Elterngeld, auch nicht den sonst an nichterwerbstätige Erziehende gezahlten Grundbetrag von 300
Euro im Monat.
Ausnahmen gelten jedoch für erwerbstätige Menschen aus Algerien, Marokko, Tunesien und der
Türkei: Für sie besteht auch mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 4 Satz 1 oder § 25 Abs.
5 AufenthG ein Anspruch auf Elterngeld, wenn sie sozialversicherungspflichtig arbeiten oder wenn
sie eine geringfügige Beschäftigung (400-Euro-Job) ausüben, über die sie unfallversichert sind.
Das Bundesverfassungsgericht hat schon 2004 entschieden, dass in Deutschland dauerhaft lebende
Ausländer bei den Familienleistungen gleichbehandelt werden müssen. Es ist aus unserer Sicht
zweifelhaft, ob die gesetzliche Regelung zum Elterngeld verfassungsgemäß ist.
 Auch wenn Sie die rechtlichen Voraussetzungen nicht erfüllen, sollten Sie aus unserer Sicht
einen Antrag auf Elterngeld beim Jugendamt stellen. Wenn der Antrag abgelehnt wird, sollten Sie
Widerspruch dagegen einlegen und mit Hilfe eines Rechtsanwalts/ einer Rechtsanwältin den
weiteren Klageweg besprechen.
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 Das Formular, eine Liste der zuständigen Stellen in Niedersachsen und weitere Informationen
gibt es im Internet unter
http://www.ms.niedersachsen.de/master/C29974090_N8150_L20_D0_I674. 10.
12.7 Deutschkurs, Kindergarten, Schule, Studium
Deutschkurse
Seit 2005 gibt es in Deutschland ein einheitliches Konzept für sogenannte „Integrationskurse”. Sie
bestehen hauptsächlich aus Deutschunterricht (in der Regel 600 Unterrichtsstunden), zusätzlich
wird Alltagswissen und Wissen über die Rechtsordnung, Kultur und Geschichte Deutschlands
vermittelt (45 Unterrichtsstunden). Am Schluss steht ein Abschlusstest, bei dem die
Teilnehmer/innen das „Zertifikat Deutsch” erhalten können, das unter anderem die Einbürgerung
erleichtert. Integrationskurse werden vor Ort von vielen verschiedenen Trägern durchgeführt und
zentral vom BAMF organisiert.
Einen Anspruch darauf, einen der staatlich organisierten Integrationskurse zu besuchen, haben Sie
nicht. Sie können aber versuchen, einen noch freien Platz zu erhalten (§ 5 IntV). Wenden Sie sich
an die Ausländerbehörde oder eine Beratungsstelle. Sie sollten Ihnen Informationen über die
Integrationskurse und eine Liste mit den in Ihrer Region zugelassenen Sprachkursanbietern
aushändigen. Eine Liste der Anbieter, das Anmeldungsformular und weitere Informationen erhalten
Sie auch auf der Homepage des BAMF:
http://www.bamf.de/cln_042/nn_566316/DE/Integration/integration-node.html__nnn=true. Sie
können die Zulassung zum Kurs entweder direkt schriftlich beim BAMF oder über einen der
Kursanbieter beantragen. Das BAMF berücksichtigt bei der Verteilung der freien Plätze die
„Integrationsbedürftigkeit”. Mit Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 4 Satz 1 AufenthG ist Ihre
Zulassung zum Deutschkurs unwahrscheinlich, da Ihr Aufenthalt nicht als dauerhaft betrachtet wird
und deshalb kein „Integrationsbedürfnis” gesehen wird. Eine gute Chance auf einen freien Platz
haben Sie, wenn Sie schon einige Jahre in Deutschland leben und mit einem erfolgreichen
Deutschkurs die Voraussetzungen für die Niederlassungserlaubnis erfüllen wollen.
Für die Teilnahme am Integrationskurs müssen Sie pro Unterrichtsstunde 1 Euro Beitrag leisten,
das heißt derzeit in der Regel 645,-Euro, zahlbar in mehreren Etappen (§ 9 IntV). Eine Befreiung
vom Kursbeitrag ist per Gesetz nur für diejenigen vorgesehen, die Sozialleistungen nach dem SGB
II oder SGB XII beziehen. Da Sie im Bedarfsfall nur Sozialleistungen nach § 3-7 oder § 2 AsylbLG
erhalten können, haben Sie keine Möglichkeit, vom Kursbeitrag befreit zu werden.
Der erfolgreiche Deutschtest im Integrationskurs reicht nicht aus, um zum Studium in Deutschland
zugelassen zu werden. Dafür gibt es spezielle Aufbaukurse, für die Sie gegebenenfalls auch ein
Stipendium erhalten können. Näheres siehe Kapitel „Studium”.
Es gibt in den Städten auch einige Deutschkurse, die unabhängig vom staatlichen Angebot
existieren. Diese Kurse müssen Sie in der Regel selbst bezahlen, bei manchen Trägern sind die
Kosten für Sozialleistungsempfänger aber deutlich gesenkt.
 Fragen Sie bei ihrer örtlichen Volkshochschule oder den Beratungsstellen für Migrant/innen,
Aussiedler/innen oder Flüchtlinge nach, wo es Deutschkurse gibt.
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Kindergarten
Sobald ein Kind drei Jahre alt ist, hat es in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen
Kindergartenplatz (§ 24 SGB VIII). Bei geringem Einkommen sind die Kosten dafür ganz oder
teilweise vom Jugendamt zu tragen (§ 90 Abs. 2 und 3 SGB VIII). Nach dem Niedersächsischen
Regierungsprogramm zur Integration und den Grundsätzen für Kindertagesstätten soll Ihr Kind im
Kindergarten eine Förderung in der deutschen Sprache erhalten und so besser auf einen
Schulbesuch vorbereitet werden.
 Melden Sie Ihr Kind frühzeitig für einen Kindergartenplatz an. Dort wird ihr Kind eine
erheblich bessere Förderung in der deutschen Sprache erhalten und so besser auf einen Schulbesuch
vorbereitet werden als im Wohnheim. Wenden Sie sich bei Problemen mit dem Kindergartenplatz
an eine Beratungsstelle.
Schule
Alle in Niedersachsen lebenden Kinder haben das Recht und die Pflicht, eine Schule zu besuchen
und regelmäßig am Unterricht teilzunehmen (§ 63 NSchG). Die Schulpflicht beginnt für Kinder, die
bis zum 30. Juni eines Jahres sechs Jahre alt geworden sind, mit dem nächsten beginnenden
Schuljahr (§ 64 NSchG). Das Einschulungsalter ist aber auch abhängig von der körperlichen und
geistigen Entwicklung Ihres Kindes. Unter Umständen kann der Schuleintritt Ihres Kindes ein Jahr
zurückgestellt werden. Deshalb werden alle Kinder vor dem Schuleintritt vom Amtsarzt untersucht.
Bei fehlenden Deutschkenntnissen können die Kinder verpflichtet werden, vor Schuleintritt an
besonderen Sprachfördermaßnahmen teilzunehmen (§ 54 a NSchG). Schon eingeschulte
Schülerinnen und Schüler mit schlechten Deutschkenntnissen sollen besonderen Deutschunterricht
erhalten. Die Schulpflicht endet in der Regel nach 12 Jahren des Schulbesuchs.
 Fragen Sie gegebenenfalls im Kindergarten oder in der Schule nach, ob es
Fördermöglichkeiten für Ihr Kind gibt. In vielen Schulen wird auch muttersprachlicher Unterricht,
Hausaufgabenhilfe und anderes angeboten.
 Wenn Sie nur über ein geringes oder gar kein Einkommen verfügen und mit dem Schulbesuch
besondere Kosten verbunden sind, zum Beispiel für den Fahrtweg, für Klassenfahrten oder
sonstiges, können Sie das Geld dafür beim Sozialamt auf der Grundlage von § 27 SGB XII bzw. § 6
Abs. 1 AsylbLG beantragen. Bei einer Ablehnung haben Sie die Möglichkeit, Widerspruch zu
erheben und Klage beim Sozialgericht einzulegen. Lassen Sie sich gegebenenfalls von einer
Beratungsstelle unterstützen.
Studium
Mit einer Aufenthaltserlaubnis oder Niederlassungserlaubnis steht es Ihnen frei, in Deutschland zu
studieren. Die formale Zugangsvoraussetzung für den Besuch einer Universität oder
Fachhochschule ist die allgemeine Hochschulreife oder Abitur (bei einer Universität) oder die
Fachhochschulreife oder Fachabitur (bei einer Fachhochschule) oder eine als gleichwertig
anerkannte Schulausbildung im Herkunftsland. Wenn Ihre Schulausbildung nicht als
(Fach-)hochschulreife anerkannt ist, können Sie über das erfolgreiche Ablegen der
„Feststellungsprüfung” zur Studieneignung die Zugangsberechtigung erwerben. Dafür müssen Sie
in der Regel bei der Hochschule einen einjährigen Vorbereitungskurs („Studienkolleg”)
absolvieren. Bei Kunst- und Musikhochschulen können Sie unter Umständen auch ohne Abitur
studieren, wenn Sie besondere künstlerische Fähigkeiten haben. In manchen anderen
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Studiengängen genügt auch ein Nachweis über bestimmte berufliche Vorbildungen (zum Beispiel
Meisterprüfung).
 Ob Ihre Hochschulzugangsberechtigung der deutschen gleichwertig ist, können Sie in der
Datenbank der Kultusminister-Konferenz www.anabin.de abfragen.
 Genauere Informationen zur Studienzulassung erhalten Sie beim Deutschen Akademischen
Austauschdienst DAAD (www.daad.de) oder bei den akademischen Auslandsämtern /
Studentensekretariaten der Universitäten und Fachhochschulen. Die Adressen aller deutschen
Hochschulen sowie Infos zu den angebotenen Studienfächern und Abschlüssen finden Sie unter
www.studienwahl.de.
Zweite Studienvoraussetzung ist der Nachweis von deutschen Sprachkenntnissen: Dazu müssen
Sie in der Regel die „Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang ausländischer
Studienberechtigter (DSH)” ablegen. Bestimmte andere Nachweise (Goethe-Sprachdiplom, Test
Deutsch als Fremdsprache für ausländische Studienbewerber „TestDaF” und andere) werden
ersatzweise anerkannt. Deutschkurse, die zur Vorbereitung auf das Studium dienen, werden unter
anderem von der Otto-Benecke-Stiftung angeboten und durch die Vergabe von Stipendien zum Teil
sogar finanziert (lesen Sie dazu weiter unten „Otto-Benecke-Stiftung”).
Das größte Problem dürfte für Sie die Finanzierung eines Studiums sein. Als Student/in müssen
Sie nicht nur Ihren Lebensunterhalt sichern, sondern auch eine Krankenversicherung nachweisen.
Studierende bis zum 14. Semester, maximal bis zum 30. Lebensjahr, können sich über die
gesetzliche Krankenversicherung für etwa 56 Euro pro Monat versichern. Studierende über 30
Jahre werden von der gesetzlichen Krankenversicherung nicht aufgenommen und müssen eine
private Krankenversicherung abschließen. Hinzu kommen die Studiengebühren, die in
Niedersachsen 500.- € pro Semester betragen, die Kosten für ein Semesterticket sowie weiterer
Gebühren (ca. 100 bis 150 Euro im Semester).
Wenn Sie Leistungen nach § 2 AsylbLG - das bedeutet Leistungen entsprechend dem SGB XII erhalten, ist der Bezug von Sozialleistungen zum Zweck der Finanzierung eines Studiums
ausgeschlossen. Nur in besonderen Härtefällen können die Leistungen (gegebenenfalls als
Darlehen) gewährt werden - z. B., wenn Sie bereits ganz kurz vor Ihrem Studienabschluss stehen
oder wenn sich die Beendigung des Studiums wegen Schwangerschaft oder Geburt eines Kindes
oder wegen der Pflege eines nahen Angehörigen verzögert hat
Das Sozialgesetzbuch verbietet den Bezug von Sozialleistungen zum Zweck der Finanzierung eines
Studiums. Nur in besonderen Härtefällen können die Leistungen (gegebenenfalls als Darlehen)
gewährt werden. Wenn Sie dem Sozialamt verschweigen, dass Sie studieren, und die Behörde dies
später erfährt, wird die Sozialhilfe wieder zurückgefordert. Wenn Sie studieren wollen, ohne
Sozialleistungen zu beziehen, brauchen Sie also eine Arbeitsgenehmigung und eine Arbeit, mit der
Sie sich vollständig selbst finanzieren können, oder andere Finanzierungsquellen. Dabei müssen
Sie nicht unbedingt Ihre ganze Familie finanzieren: Ihr/e Partner/in und Kinder können, auch wenn
Sie studieren, gegebenenfalls Anspruch auf Sozialleistungen haben.
Wenn Sie Grundleistungen nach § 3 AsylbLG erhalten, gilt dieser Leistungsausschluss nicht. In
diesem Fall ist es Ihnen möglich, Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zu erhalten
und dennoch zu studieren.
Eine Finanzierungsmöglichkeit ist die Ausbildungsförderung nach dem
Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG). Mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 4
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Satz 2 oder Abs. 5 AufenthG haben Sie grundsätzlich Zugang zu Leistungen nach dem BAföG,
wenn Sie sich mindestens vier Jahre in Deutschland aufhalten (§ 8 Abs. 2 Nr. 2 BAföG). Dabei
zählen Zeiten mit, in denen Sie im Asylverfahren waren oder eine Duldung besaßen.
Ausbildungsförderung nach dem BAföG wird regelmäßig aber nur für Studierende gewährt, die bei
Beginn des Studiums unter 30 Jahre alt sind und noch kein anderes Studium abgeschlossen haben.
Sind Sie 30 oder älter, können Sie BAföG auch erhalten, wenn Sie Ihre Ausbildung im
Herkunftsland aufgrund Ihrer Situation nicht möglich war und Sie das Studium nach Wegfall des
Hindernisses unverzüglich aufnehmen, also in der Regel so bald wie möglich nach der
Flüchtlingsanerkennung. Gibt es wichtige persönliche Gründe dafür, später das Studium zu
beginnen, können Sie versuchen, diese geltend zu machen und eine Förderung auch dann zu
beantragen, wenn Sie die Altersgrenze überschritten haben. Wenn Sie die
Hochschulzugangsberechtigung erst in Deutschland auf dem zweiten Bildungsweg (Abendschule
oder anderes) erwerben und direkt im Anschluss studieren, gilt die Altersgrenze von 30 Jahren
ebenfalls nicht.
Um Ihr Studium zu finanzieren, sollten Sie prüfen, ob Stiftungen für die (Teil-)Finanzierung in
Frage kommen. Es gibt einige Stiftungen und Programme, über die man unter bestimmten
Voraussetzungen ein Stipendium bekommen kann. Meist werden eine besondere Begabung und
sehr gute Studienleistungen vorausgesetzt, aber auch materielle Bedürftigkeit und gesellschaftliches
Engagement können Kriterien bei der Vergabe von Stipendien sein. Im Internet finden Sie unter
http://www.bildungsserver.de/zeigen.html?seite=427 eine Übersicht und weiterführende Links.
Spezielle Förderprogramme für ausländische Studierende sind meist auf Menschen beschränkt, die
zum Zweck des Studiums nach Deutschland einreisen durften und danach wieder zurückkehren
wollen.
Das Diakonische Werk der evangelischen Kirche hat ein spezielles FlüchtlingsStipendienprogramm, das eine Finanzierung des Studiums für Menschen ohne offiziellen
Flüchtlingsstatus ermöglicht. Es gilt allerdings nur für Flüchtlinge aus Staaten außerhalb Europas.
Gefördert werden sollen Verfolgte, die in ihrem Herkunftsland eine Ausbildung nicht aufnehmen
konnten oder abbrechen mussten. Sie sollten nicht älter als 35 Jahre sein und bei Antragstellung in
der Regel nicht länger als drei Jahre in Deutschland leben. Bedingung ist ferner, dass Sie die
Absicht haben, nach Beendigung des Studiums in Ihr Heimatland zurückzukehren. Tun Sie das
nicht, müssen Sie das Stipendium später gegebenenfalls zurückzahlen.
 Wenden Sie sich an die Evangelische Studentengemeinde oder das Diakonische Werk in Ihrer
Stadt. Diese Stellen werden mit Ihnen gemeinsam eine Bewerbung für das Stipendienprogramm
verfassen. Dabei ist es wichtig zu erläutern, dass Sie aufgrund Ihrer aufenthaltsrechtlichen Situation
nur schwer oder gar keinen Zugang zu anderen Finanzierungsquellen (Arbeitsgenehmigung,
BAföG etc.) haben. Ein Merkblatt mit den Kriterien für die Förderung können Sie auch beim
Flüchtlingsrat Niedersachsen erhalten. Wenn Sie den Ansprechpartner vor Ort nicht kennen,
können Sie sich an die zuständige Mitarbeiterin des Diakonischen Werkes in Stuttgart wenden:
Frau Sylvia Karlev
Telefon 0711-2159-506
Fax 0711-2159-8 506
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13. Flüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis nach § 23 I und § 23a
AufenthG (Härtefälle, Bleiberechtsregelung)
Es geht im Folgenden um alle Menschen mit Aufenthaltserlaubnis nach
•
•
§ 23 Abs. 1 AufenthG nach einer Altfall- oder Bleiberechtsregelung (nicht als BürgerKriegsflüchtling oder Angehörige/r jüdischer Flüchtlinge! Siehe dazu Kapitel 13) oder
§ 23 a AufenthG nach der Härtefallregelung.
13.1 Aufenthaltsrechtliche Situation
§ 23 I AufenthG
Eine Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG wird in unterschiedlichen Fällen erteilt: Bei
offizieller Aufnahme von (Bürger-) Kriegsflüchtlingen durch die Bundesrepublik Deutschland, bei
der Aufnahme von Familienangehörigen jüdischer Flüchtlinge aus Osteuropa und bei Anwendung
einer Altfall- oder Bleiberechtsregelung.
Als dieser Leitfaden geschrieben wurde, gab es in Deutschland keine Flüchtlinge, die aufgrund
eines (Bürger-)Kriegs in ihrem Herkunftsland eine Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG
besaßen. Eine solche Aufnahme von (Bürger-)Kriegsflüchtlingen ist ausgesprochen selten. Deshalb
wird die besondere Rechtssituation der (Bürger-)Kriegsflüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis nach
§ 23 Abs. 1 AufenthG hier nicht behandelt. Lesen Sie dazu Kapitel 13.
Ein relativ häufiger Anwendungsfall (derzeit cirka 15.000 pro Jahr) für § 23 Abs. 1 AufenthG
betrifft die Familienangehörigen von Menschen, die als jüdische Flüchtlinge nach § 23 Abs. 2
AufenthG offiziell aufgenommen werden. Bei der Aufnahme von Jüdinnen und Juden aus
Osteuropa handelt es sich um besonders privilegierte Flüchtlingsgruppe. Auf sie nehmen wir
ebenfalls im Kapitel 13 Bezug.
In diesem Kapitel geht es, wenn von § 23 Abs. 1 AufenthG die Rede ist, ausschließlich um
Bleibeberechtigte nach einer Altfall- oder Bleiberechtsregelung. Wenn eine solche Regelung
getroffen wird, erlassen die Innenminister der Bundesländer eine spezielle Anordnung, in der das
Verfahren geregelt ist und Rechte und Pflichten der Betroffenen genannt sind. Die letzte
Bleiberechtsregelung wurde am 17.11.2006 von der Innenministerkonferenz beschlossen. Darüber
hinaus hat der Bundestag eine gesetzliche Altfallregelung beschlossen, die am 28.8.2007 in Kraft
getreten ist. Die Details dieser gesetzlichen Regelung finden Sie im Kapitel 6.2 in diesem
Leitfaden. Nähere Informationen dazu gibt es auch unter http://www.ndsfluerat.org/infomaterial/bleiberecht.
Mit der Entscheidung für eine Altfallregelung akzeptiert die Politik grundsätzlich, dass Sie auf
Dauer in Deutschland leben. Eine Änderung der Situation in Ihrem Herkunftsland kann also in der
Regel nicht mehr zu einem Entzug des Bleiberechts führen. Nur in außergewöhnlichen Fällen kann
die Entscheidung, Ihnen ein Bleiberecht zu erteilen, später widerrufen werden (etwa bei
nachträglicher Feststellung einer falschen Identität).
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Allerdings ist die Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis daran geknüpft, dass die Bedingungen für
die erstmalige Erteilung fortbestehen (§ 8 Abs. 1 AufenthG). Wenn Sie also zum Beispiel Ihre
Arbeit verlieren und Sozialleistungen in Anspruch nehmen müssen, besteht die Gefahr, dass Sie
Ihre Aufenthaltserlaubnis wieder verlieren. Dies gilt im Prinzip auch für alle Flüchtlinge, die
bereits zu einem früheren Zeitpunkt eine Aufenthaltserlaubnis (früher: Aufenthaltsbefugnis)
aufgrund einer Bleiberechtsregelung erhalten haben: Während der Bezug von Arbeitslosengeld I
kein Problem darstellt, droht bei Bezug von Leistungen nach SGB II (Arbeitslosengeld II) oder
SGB XII (Sozialhilfe) die Nichtverlängerung der Aufenthaltserlaubnis. Lediglich die Flüchtlinge,
die aufgrund der Bleiberechtsregelung von 1990 in Deutschland ein Aufenthaltsrecht erhalten
haben, brauchen auch bei (unverschuldetem) Bezug von staatlichen Leistungen einen Verlust ihrer
Aufenthaltserlaubnis nicht zu befürchten.
 Beachten Sie die Regeln zum Erhalt einer Niederlassungserlaubnis im Kapitel
„Aufenthaltssicherung”. Da Sie bereits lange in Deutschland leben, haben Sie möglicherweise
schon kurz nach der Erteilung der Aufenthaltserlaubnis eine Chance auf eine
Niederlassungserlaubnis. Dann befinden Sie sich in einer erheblich besseren rechtlichen Situation.
§ 23a AufenthG
Wenn Sie eine Aufenthaltserlaubnis nach § 23 a AufenthG erhalten haben, sind Sie (und
wahrscheinlich auch Ihre Familienmitglieder) als „Härtefall” anerkannt worden. Damit besitzen Sie
eine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland. Deren Verlängerung ist möglich, allerdings können
neue Ausweisungsgründe (zum Beispiel eine schwere Straftat, unter Umständen auch der Bezug
von sozialen Leistungen) auch zur Nichtverlängerung führen.
Werden nachträglich Informationen bekannt, die die Feststellung eines Härtefalls für die
Ausländerbehörde zweifelhaft erscheinen lassen, kann dies möglicherweise dazu führen, dass die
Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert wird. Im Regelfall ist aber von einer Verlängerung der
Aufenthaltserlaubnis auszugehen.
Gegebenenfalls müssen Personen, die eine Bürgschaftserklärung (Übernahmeverpflichtung für
entstehende Kosten) für Sie unterschrieben haben, mit Kostenerstattungsforderungen der Behörden
rechnen, wenn Sie soziale Leistungen in Anspruch nehmen. Wie lange eine Bürgschaftserklärung
die bürgenden Personen zur Kostenerstattung verpflichtet, ist umstritten. Klar ist jedoch, dass eine
unbefristete Bürgschaft sittenwidrig ist. Sie sollten in einem solchen Fall anwaltliche Hilfe in
Anspruch nehmen.
Familiennachzug
Personen mit Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 2 oder § 23 a AufenthG kann ein
Familiennachzug erlaubt werden. Ein Anspruch auf Familiennachzug besteht nicht. Es gibt im § 29
Abs. 3 AufenthG eine Einschränkung, wonach Familiennachzug nur aus völkerrechtlichen oder
humanitären Gründen oder zur Wahrung politischer Interessen der Bundesrepublik Deutschland
gewährt werden kann. Das bedeutet, dass der Familiennachzug auf Ehegatten und minderjährige
ledige Kinder beschränkt ist. Im wird auch nur dann zugestimmt, wenn die Familieneinheit nicht im
Ausland hergestellt werden kann.
Grundsätzlich müssen Sie in der Lage sein, den Lebensunterhalt für sich selbst und Ihre
Familienangehörigen sicherzustellen. Eine Befreiung von der Lebensunterhaltssicherung auf dem
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Ermessensweg ist allerdings möglich - nur nicht sehr wahrscheinlich. In diesem Falle suchen Sie
unbedingt um Rat nach.
Daneben gibt es seit dem 28. August 2007 beim Ehegattennachtzug - also wenn Ihr Ehepartner sich
noch im Ausland befindet - neue Schwierigkeiten:
§ 30 Abs. 1 AufenthG fordert:
1. beide Ehegatten müssen das 18. Lebensjahr vollendet haben und
2. der nachtiehende Ehegatte sich zumindest auf einfache Art in deutscher Sprache
verständigen können.
Sind Sie beide noch keine 18 Jahre alt, kann davon in Härtefällen abgesehen werden, z.B. bei
Vorliegen einer Schwangerschaft. Auf einfache Sprachkenntnissen wird aber nur verzichtet, wenn
der nachziehende Ehergatte diese Kenntnisse wegen Kranheit oder Behinderung nicht erwerben
kann. Derzeit gibt es noch keine gesetzliche Ausnahme für den Fall, dass Ihr Ehegatte in dessen
Herkunftsort keinen Sprachkurs machen kann. Holen Sie sich Rat bei einer Anwältin oder einem
Anwalt oder gehen Sie zu einer Beratungsstelle.
Für den Nachzug Ihrer Kinder gibt es ähnliche Einschränkungen. Auch hier gilt, dass die Kinder
nur aus völkerrechtlichen oder humanitären Gründen oder zur Wahrung politischer Interessen der
Bundesrepublik Deutschland nachreisen dürfen. Dem Kindernachzug wird auch nur dann
zugestimmt, wenn die Familieneinheit nicht im Ausland hergestellt werden kann. Wenn das so ist,
ist bei unverheirateten (und nicht geschiedenen oder verwitweten) Kindern bis zur Vollendung des
16. Lebensjahres der Nachzug unproblematisch. Ab Vollendung des 16. Lebensjahres gibt es
alledings weitere Schwierigkeiten: Das Kind muss entweder die deutsche Sprache beherrschen oder
es muss als gewährleistet erscheinen, dass es sich auf Grund seiner bisherigen Ausbildung und
Lebensverhältnisse in die Lebensverhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland einfügen kann.
Bei diesen Fällen holen Sie sich Rat bei einer Anwältin oder einem Anwalt.
Sonstige Familienangehörige, können Sie nicht nachziehen lassen. Das geht frühestens, wenn Sie
eine Niederlassungserlaubnis erworben haben (Vorläufige Niedersächsische VV Nr. 29.3.1.1).
Ganz anders ist dagegen die Situation, wenn Ihr Ehepartner oder Ihre Kinder bereits in Deutschland
sind. Werden die jeweiligen oben geschilderten Bedingungen erfüllt, wird eine
Aufenthaltserlaubnis aus familiären Gründen erteilt. Falls aber z.B. die Sprachkenntnisse bei Ihrem
Ehegatten fehlen, gibt es verschiedenen Möglichkeiten. Die Ausländerbehörde belässt es bei der
Duldung, die vermutlich vorliegt oder die Behörde kann eine Aufenthaltserlaubnis aus humanitären
Gründen nach § 25 Abs. 5 AufenthG erteilen. Auch hier gilt: Holen Sie sich Rat und Unterstützung
bei einem Rechtsanwalt, einer Rechtsanwältin oder in einer Beratungsstelle.
Aufenthaltsrecht der Familienangehörigen
Im Regelfall haben Ihr/e Ehepartner/in und ihre Kinder dieselbe Aufenthaltserlaubnis und damit die
gleichen Rechte wie Sie. Sowohl nach der niedersächsischen Härtefallregelung als auch nach der
IMK-Bleiberechtsregelung vom November 2006 wird über das Aufenthaltsrecht der
Familienmitglieder nur zusammen entschieden.
Einen anderen Aufenthaltstitel, möglicherweise auch nur eine Duldung, können Angehörige haben,
die nicht als Familienangehörige im engeren Sinne gelten: Volljährige Kinder, vom anderen
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Elternteil getrennt lebende Mütter oder Väter, Großeltern und andere Verwandte. Ihre Rechte sind
dann im Einzelfall zu klären.
Aufenthaltssicherung
Unter bestimmten Bedingungen können Sie eine Niederlassungserlaubnis erhalten. Dafür müssen
Sie aktuell eine Aufenthaltserlaubnis besitzen und seit mindestens sieben Jahren eine der folgenden
Bescheinigungen besessen haben (§ 26 Abs. 4 AufenthG):
• Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen (nach Abschnitt 5 des Aufenthaltsgesetzes =
§§ 22 bis 26)
• Aufenthaltsgestattung (bei mehreren Asylverfahren zählt nur die Zeit des längsten
Asylverfahrens)
• Duldung, wobei nur die Zeit vor dem 1.1.2005 zählt
• „Aufenthaltsbefugnis” nach dem alten Ausländergesetz
• befristete Aufenthaltserlaubnis nach § 35 Abs. 2 des alten Ausländergesetzes für
Familienangehörige
• „befristete Aufenthaltserlaubnis” nach dem alten Ausländergesetz aus anderen Gründen
(z.B. durch Heirat), wenn gleichzeitig auch die Voraussetzungen für eine
Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen (§§ 22 bis 26 AufenthG) vorgelegen haben.
Außerdem müssen Sie für die Niederlassungserlaubnis folgende Bedingungen erfüllen:
• eigene Lebensunterhaltssicherung, also keine Sozialleistungen (Kinder- und Erziehungsgeld
zählen nicht als Sozialleistungen)
• mindestens 60 Monate Zahlen von Rentenversicherungsbeiträgen (Kinderbetreuungszeiten
oder häusliche Pflege zählen auch) - Ausnahme siehe Übergangsregelung unten!
• Gründe der öffentlichen Sicherheit oder Ordnung unter Berücksichtigung der Schwere oder
der Art des Verstoßes gegen die öffentliche Sicherheit oder Ordnung oder der vom
Ausländer ausgehenden Gefahr unter Berücksichtigung der Dauer des bisherigen
Aufenthalts und dem Bestehen von Bindungen im Bundesgebiet nicht entgegenstehen,
hiermit sind Straftaten gemeint. Bis zu Verurteilungen von etwa 90 Tagessätzen dürfte es in
der Regel problemlos sein die Niederlassungserlaubnis zu erhalten, weil diese Grenze von
90 Tagessätzen auch im eigenständigen Aufenthaltsrecht für Kinder (§ 35 AufenthG) und
bei der Einbürgerung gilt.
• ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache und Grundkenntnisse der Rechts- und
Gesellschaftsordnung und der Lebensverhältnisse in Deutschland (Nachweis zum Beispiel
über den Besuch eines „Integrationskurses”)
• ausreichender Wohnraum
Es reicht aus, wenn ein/e Ehepartner/in die Versicherungsbeiträge geleistet und eine
Arbeitserlaubnis hat. Dann kann auch der andere Ehepartner die Niederlassungserlaubnis erhalten.
Kranke und Behinderte können eine Niederlassungserlaubnis auch dann erhalten, wenn sie
aufgrund Ihrer Krankheit oder Behinderung nicht alle Bedingungen erfüllen, also zum Beispiel
„erwerbsunfähig” sind oder wegen ihrer Behinderung keine Deutschkenntnisse erwerben können.
Übergangsregelung: Wenn Sie vor 2005 eine Aufenthaltbefugnis besessen haben, müssen Sie die
Rentenversicherungszeiten nicht nachweisen. Auch auf den Nachweis von Kenntnissen der
deutschen Rechts- und Gesellschaftsordnung wird dann verzichtet und es genügt, dass Sie sich auf
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Deutsch mündlich verständigen können (§ 102 Abs. 2 AufenthG, § 104 Abs. 2 AufenthG).
Unterbrechungen des rechtmäßigen (in diesem Fall wohl auch des geduldeten) Aufenthalts bis zu
einem Jahr können außer Betracht bleiben (§ 85 AufenthG).
Jugendliche und junge Erwachsene, die als Minderjährige nach Deutschland eingereist sind,
können unter Umständen bereits früher eine Niederlassungserlaubnis erhalten. Dies betrifft
diejenigen, die
• § 35 AufenthG seit fünf Jahren eine Aufenthaltserlaubnis nach Abschnitt 6 des AufenthG im
Rahmen des Familiennachzugs (§§ 27 bis 36 AufenthG) besitzen, oder
• aktuell eine Aufenthaltserlaubnis besitzen und vorher eine der folgenden Bescheinigungen
besessen haben - zusammen für insgesamt fünf Jahre:
• Aufenthaltsgestattung (Bei mehreren Asylverfahren zählt nur die Zeit des längsten
Asylverfahrens)
• Duldung, wobei nur die Zeit vor dem 1.1.2005 zählt
• „Aufenthaltsbefugnis” nach dem alten Ausländergesetz
• Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen (nach Abschnitt 5 des
Aufenthaltsgesetzes = §§ 22 bis 26)
• befristete Aufenthaltserlaubnis nach §35 Abs. 2 des alten Ausländergesetzes für
Familienangehörige
• „befristete Aufenthaltserlaubnis” nach dem alten Ausländergesetz aus anderen
Gründen (z.B. durch Heirat), wenn gleichzeitig auch die Voraussetzungen für eine
Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen (§§ 22 bis 26 AufenthG) vorgelegen
haben.
Jugendliche und junge Erwachsene, die eine Niederlassungserlaubnis erhalten wollen, müssen
ausreichend Deutsch sprechen und dürfen nicht erheblich straffällig geworden sein. Eine
Verurteilung zu einer Strafe von weniger als 90 Tagessätzen ist kein Problem (s.o.). In der Regel
wird außerdem die eigenständige Sicherung des Lebensunterhaltes verlangt. Wenn Jugendliche
aber eine anerkannte Schul- oder Berufsausbildung absolvieren, müssen sie ihren Lebensunterhalt
nicht selbst sichern können.
Die Niederlassungserlaubnis soll nach den Vorschriften des niedersächsischen Innenministeriums
erst ab einem Alter von 16 Jahren erteilt werden und die Eltern sollen eine langfristige
Aufenthaltsperspektive besitzen. Das heißt aber nicht, dass die Kinder erst dann eine
Niederlassungserlaubnis erhalten können, wenn auch die Eltern bereits die Voraussetzungen dafür
erfüllen. Es reicht aus, wenn für die Eltern eine langfristige Aufenthaltsperspektive besteht.
Von der Sonderregelung können junge Erwachsene auch dann profitieren, wenn sie als
Minderjährige eingereist und inzwischen verheiratet sind.
Mit Erteilung einer Niederlassungserlaubnis erhalten die Kinder ein eigenständiges, von den Eltern
unabhängiges Aufenthaltsrecht.
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13.2 Wohnen, Umziehen und Reisen
Wohnsitzauflage
Grundsätzlich kann in Ihrer Aufenthaltserlaubnis eine so genannte Wohnsitzauflage vermerkt
werden: „Die Wohnsitznahme ist auf (Bezirk der Ausländerbehörde) beschränkt.”
Diese Wohnsitzauflage soll aber nur erteilt werden, solange Sie Sozialhilfe, Leistungen nach dem
Asylbewerberleistungsgesetz oder Arbeitslosengeld II beziehen. Offizielle Begründung dieser
Regelung ist, dass die Kommunen, die die Sozialleistungen bezahlen müssen, möglichst
gleichmäßig mit diesen Ausgaben belastet werden sollen.
Wenn Sie eine Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG oder § 23 a AufenthG erhalten
haben, haben Sie in der Regel bereits nachgewiesen, dass Sie Ihr Leben ohne Sozialleistungen
sichern können. Sie sollten deshalb keine Wohnsitzauflage in Ihrer Aufenthaltserlaubnis haben.
In Ausnahmefällen, zum Beispiel wenn Sie noch ergänzende Sozialleistungen erhalten, gilt für Sie
die Wohnsitzauflage. Dann unterliegen Sie einem Umzugsverbot. Unter Umständen können Sie die
Streichung der Auflage beantragen.
Für einen Umzug innerhalb Niedersachsens gelten folgende Bedingungen:
Wenn Sie nachweisen können, dass Sie den Lebensunterhalt Ihrer Familie durch Arbeit oder
sonstiges Einkommen vollständig sichern können, soll die Ausländerbehörde die Wohnsitzauflage
aus Ihrer Aufenthaltserlaubnis streichen. Dazu müssen Sie beim Antrag an die Ausländerbehörde
die entsprechenden Nachweise (Arbeitsvertrag und anderes) vorlegen. Ein unbefristeter
Arbeitsvertrag ist nicht notwendig, aber die Ausländerbehörde muss davon ausgehen können, dass
das Einkommen für lange Zeit gesichert ist.
Wenn Sie arbeiten, aber noch ergänzende Sozialleistungen beziehen, wird die Wohnsitzauflage
nicht gestrichen. Eine Ausnahme gilt allerdings, wenn die ergänzenden Sozialleistungen höchstens
10% des Nettoeinkommens betragen und der - voraussichtlich dauerhafte - Arbeitsplatz in einer
unzumutbaren Entfernung vom bisherigen Wohnort liegt.
Für den Fall, dass Ihr/e Ehepartner/in oder Ihre minderjährigen Kinder in einem anderen Ort
wohnen, muss die Ausländerbehörde ermöglichen, dass Ihre Familie zusammenleben kann, auch
wenn Sie Sozialleistungen beziehen. Allerdings können Sie nicht in jedem Fall bestimmen, an
welchem der beiden Wohnorte Sie gemeinsam wohnen. Die Ausländerbehörde muss auf Ihre
Wünsche Rücksicht nehmen, aber auch andere Faktoren berücksichtigen, vor allem, wo eine
Arbeitsstelle vorhanden ist oder wo ausreichend Wohnraum zur Verfügung steht.
Die Ausländerbehörde kann - muss aber nicht - auch aus anderen Gründen die Wohnsitznahme in
einer anderen Stadt oder einem anderen Landkreis ermöglichen, zum Beispiel, wenn eine Frau zum
Schutz vor ihrem Ehemann in einem entfernten Frauenhaus untergebracht werden soll. Auch bei
Alleinerziehenden mit Kleinkindern, Alten oder erwerbsunfähigen Menschen kann die
Ausländerbehörde die Wohnsitzauflage streichen, wenn wichtige Gründe für einen Umzug
sprechen. Der Bezug von Sozialleistungen ist dann trotzdem erlaubt.
Wenn Sie aus Niedersachsen in ein anderes Bundesland umziehen wollen, gilt ebenfalls
grundsätzlich, dass die dauerhafte Sicherung des Lebensunterhaltes die entscheidende Bedingung
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für eine Streichung der Wohnsitzauflage ist. Sie erhalten aber auch dann die Erlaubnis umzuziehen,
wenn das erforderliche Einkommen um bis zu 10% unterschritten wird. Daneben haben die
Bundesländer vereinbart, dass ein Wohnsitzwechsel auch bei Sozialhilfebezug erlaubt werden soll,
• wenn Sie zu Ihrem/Ihrer Ehepartner/in umziehen wollen. Bedingung ist, dass sie dafür nicht
einen Arbeitsplatz aufgeben müssen oder der/die Partner/in den Lebensunterhalt finanziert.
• zur Sicherstellung der Pflege und medizinischen Versorgung eines Angehörigen.
In allen anderen Fällen entscheiden die Ausländerbehörden des Zielortes nach den Regeln ihres
jeweiligen Bundeslandes, ob sie dem Umzug in ihren Bezirk zustimmen.
13.3
Arbeit und Ausbildung
Um arbeiten oder eine Ausbildung absolvieren zu können, brauchen Sie eine Arbeitserlaubnis. Von
Verboten und Beschränkungen dürften Sie mit Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG
oder § 23 a AufenthG nicht mehr betroffen sein: Denn in der Regel sind Sie bereits mindestens drei
Jahre in Deutschland und haben gegenüber der Behörde schon nachgewiesen, dass Sie Ihren
Lebensunterhalt über Ihre Erwerbstätigkeit selbst sichern - das waren die Voraussetzungen, um
überhaupt eine unbeschränkte Arbeitserlaubnis beziehungsweise eine Aufenthaltserlaubnis zu
erhalten. Deshalb gehen wir in diesem Kapitel davon aus, dass Sie bereits über eine
uneingeschränkte Arbeitserlaubnis verfügen.
à Sollte dies nicht der Fall sein, wenden Sie sich an eine Beratungsstelle, um Ihre Situation zu
klären. Die uneingeschränkte Arbeitserlaubnis erteilen die Behörden nicht von selbst. Vielleicht
müssen Sie lediglich einen Antrag stellen?
Rechte als Arbeitnehmer/in
Als Arbeitnehmer/in haben Sie gegenüber dem/der Arbeitgeber/in bestimmte Rechte. Dazu gehören
die Auszahlung des vereinbarten Lohns, die Lohnzahlung im Krankheitsfall, Urlaubsanspruch und
anderes.
à Wenn Sie Schwierigkeiten mit Ihrem Arbeitgeber haben, können Sie vor dem Arbeitsgericht
klagen. Lassen Sie sich vorher gut beraten, zum Beispiel bei der Gewerkschaft.
Wenn Sie nach einer Phase der Arbeitslosigkeit wieder eine Arbeit gefunden haben, sind Sie
verpflichtet, dies dem Sozialamt und dem Arbeitsamt so schnell wie möglich mitzuteilen. Wenn Sie
nicht viel verdienen, bekommen Sie weiterhin ergänzende Sozialleistungen und einen neuen
Bescheid darüber. Wenn Sie Ihre Arbeitsaufnahme nicht unverzüglich melden, fordern die Ämter
das von ihnen zuviel gezahlte Geld zurück. Unter Umständen bekommen Sie auch Probleme, weil
man Ihnen Betrug vorwirft.
Arbeitsuche mit unbeschränkter Arbeitserlaubnis
Wie schon mehrfach erwähnt, ist die Tatsache, dass Sie Ihren Lebensunterhalt selbst sichern
können, wichtig für die Verlängerung Ihrer Aufenthaltserlaubnis oder die Erteilung einer
Niederlassungserlaubnis. Solange Sie keine Niederlassungserlaubnis besitzen, droht Ihnen bei
Verlust der Arbeit und Inanspruchnahme öffentlicher Leistungen auch der Verlust Ihres
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Aufenthaltsrechts! Die Arbeitsagentur soll Sie bei der Arbeitssuche unterstützen und Ihnen
konkrete Jobs anbieten. Sie übernimmt Ihre Kosten für Bewerbungen (Bewerbungsmappen,
Beglaubigungen, Fotos, Gesundheitszeugnis, Übersetzung von Zeugnissen). Die Arbeitsagentur
kann außerdem finanzielle Unterstützung leisten, um Ihre Eingliederung in den Arbeitsmarkt zu
fördern. Dazu zählt zum Beispiel die Kostenübernahme für eine ABM-Stelle, ein Einstiegsgeld als
Zuschuss für die Aufnahme einer Arbeit, die Finanzierung einer psychosozialen Beratung oder
einer Suchtberatung.
à Sammeln Sie die Quittungen und Belege für die Ausgaben bei der Arbeitsuche. Erkundigen
Sie sich nach Fördermöglichkeiten.
Ausbildung
Der Aufnahme einer Ausbildung steht formal nichts im Wege. Wenn Sie eine unbeschränkte
Arbeitserlaubnis besitzen, bezieht diese sich auch auf Ausbildungen. Sie müssen sich allerdings
überlegen, wie Sie eine Ausbildung finanzieren und Ihren Lebensunterhalt weiter sicherstellen
wollen, denn die Bezahlung einer Ausbildung ist in den meisten Fällen sehr schlecht. Unter
Umständen haben Sie als Auszubildende/r Anspruch auf Berufsausbildungsbeihilfe (BAB), die
Sie zusätzlich zu Ihrem Azubi-Gehalt von der Arbeitsagentur erhalten. Voraussetzung ist, dass Sie
voraussichtlich nach der Ausbildung im Inland rechtmäßig erwerbstätig sein werden und sich seit
mindestens vier Jahren ununterbrochen in Deutschland aufhalten, wobei Zeiten mit
Aufenthaltsgestattung oder Duldung mitzählen.
Berufsausbildungsbeihilfe wird während einer beruflichen Ausbildung oder einer
berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme gewährt. In der Regel wird nur die erste Ausbildung
gefördert, es sei denn, die frühere Ausbildung wurde aus wichtigem Grund abgebrochen. Gefördert
wird nur, wer in einer Wohnung ohne seine Eltern lebt. Jugendliche unter 18 Jahren erhalten unter
Umständen keine BAB, weil ihre Ausbildungsstätte in der Nähe der Wohnung der Eltern liegt und
die Behörde argumentiert, dass Sie auch dort wohnen könnten. Für Verheiratete und Personen mit
Kindern spielt die elterliche Wohnung keine Rolle.
Selbstständigkeit
Wenn Sie sich selbstständig machen wollen, müssen Sie die Erlaubnis zur Ausübung einer
selbstständigen Erwerbstätigkeit bei der Ausländerbehörde beantragen. Nach den bisherigen
niedersächsischen Vorschriften, die aber wahrscheinlich bald geändert werden, ist die Erlaubnis
dazu in den ersten zwei Jahren nach Erteilung der Aufenthaltserlaubnis praktisch ausgeschlossen
und danach nur unter großen Sachwierigkeiten möglich.
Im Zuge der zweiten Änderungsgesetzes zum Zuwanderungsgesetz wurde in § 104 Abs. 4
AufenthG jedoch für Flüchtlinge mit einer „Aufenthaltserlaubnis auf Probe” im Rahmen der
gesetzlichen Bleiberechtsregelung ausdrücklich festgeschrieben: „Die Aufenthaltserlaubnis
berechtigt zur Ausübung einer Erwerbstätigkeit.” Die Aufenthaltserlaubnisse nach der
Altfallregelung enthalten daher den Vermerk “Erwerbstätigkeit gestattet”. Damit sind selbständige
Tätigkeiten jeder Art ohne Beschränkung erlaubt, wobei aber die jeweils geltenden berufs- und
steuerrechtlichen und sonstigen rechtlichen Bestimmungen zu beachten sind (Steuernummer beim
Finanzamt beantragen, ggf. Gewerbeschein beim Bezirksamt beantragen, für manche selbständige
Tätigkeiten sind besondere Bestimmungen der Berufsordnungen zu beachten, usw.).
Rechtssystematisch wäre es unsinnig, Personen mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 104 a
AufenthG besser zu stellen als Personen mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG.
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Insofern ist davon auszugehen, dass Sie auf Antrag die Erlaubnis zur Ausübung einer selbständigen
Tätigkeit erhalten werden.Um den Einstieg in die Selbstständigkeit finanzieren zu können, können
Sie von der Arbeitsagentur einen so genannten Gründungszuschuss von 300 Euro monatlich
erhalten (§ 57 f. SGB III). Der Gründungszuschuss wird neun Monate lang zusätzlich zu Ihrem
Arbeitslosengeld I gezahlt und kann dann noch einmal für sechs Monate verlängert werden. Um
einen Gründungszuschuss zu erhalten, müssen Sie noch mindestens drei Monate lang Anspruch auf
Arbeitslosengeld I vor sich haben. Außerdem müssen Sie der Arbeitsagentur nachweisen, dass Ihre
Gründungsidee tragfähig ist und Sie die dafür benötigten Kenntnisse und Fähigkeiten besitzen.
à Der Gründungszuschuss ist keine Sozialleistung, sondern ein Instrument der Arbeitsförderung.
Sie sollten trotzdem durch eine Rückfrage bei der Ausländerbehörde sicher stellen, dass ein
eventueller Bezug des Gründungszuschusses Ihr Aufenthaltsrecht nicht gefährdet.
à Vor einer Existenzgründung sollten Sie sich in jedem Fall umfassend bei der Industrie- und
Handelskammer, dem Deutschen Hotel und Gaststättenverband, der Handwerkskammer oder
anderen kompetenten Stellen beraten lassen. Diese Vereinigungen bieten auch
Existenzgründungsseminare an. Gründen Sie nicht übereilt ein Gewerbe. Schließen Sie vor allem
erst einen Mietvertrag oder andere Verträge ab, nachdem Sie sich umfassend beraten lassen haben
und ein tragfähiges Konzept haben. Es besteht die große Gefahr dauerhafter Verschuldung.
Arbeitsgelegenheiten
Solange Sie Sozialleistungen erhalten, können Sie verpflichtet werden, „gemeinnützige Arbeit” zu
leisten (§ 16 Abs. 3 SGB II). Sie können sich auch selbst darum bemühen und bei den örtlichen JobCentern danach fragen. Oft sind dies einfache Hilfstätigkeiten, zum Beispiel Laubharken im
städtischen Park. Für diese Arbeit erhalten Sie zusätzlich zu Ihren Sozialleistungen 1 bis 2 Euro pro
Stunde. Dies ist aber keine reguläre Arbeit und Sie sind darüber nicht sozialversichert!
à Gegebenenfalls ist es dennoch ratsam, eine solche Stelle anzutreten, um Ihre
„Arbeitsbereitschaft” unter Beweis zu stellen. Um zu erreichen, dass Ihre Aufenthaltserlaubnis
verlängert wird, sollten Sie sich trotz „Ein-Euro-Jobs” um eine reguläre Arbeit bemühen bemühen.
Wenn Sie sich weigern, die angebotene Arbeit auszuführen, oder ohne Entschuldigung fehlen, kann
die Arbeitsagentur Ihre Sozialleistungen kürzen oder im Wiederholungsfall sogar ganz streichen.
Gekürzt werden darf im Regelfall nur ein Teil der Sozialleistung der Person, die die Arbeit
verweigert, nicht aber die Sozialleistung der Kinder.
à Wenn es wichtige Gründe dafür gibt, dass Sie eine gemeinnützige Arbeit nicht ausführen
können oder wollen (z.B. Krankheit, fehlende gesundheitliche Eignung für die konkrete Tätigkeit,
fehlende Betreuungsmöglichkeit für die Kinder oder anderes), teilen Sie das der Arbeitsagentur so
schnell wie möglich mit. Wenn Sie krank sind, sollten Sie ein Attest vorlegen, aus dem Ihre
Arbeitsunfähigkeit hervorgeht. Wenn Ihre Sozialleistungen gekürzt wurden, muss die Kürzung
wieder aufgehoben werden, sobald Sie ihre Arbeitsbereitschaft zeigen. Sollten Ihre
Sozialleistungen zu Unrecht oder zu stark gekürzt werden oder auch andere Familienangehörige
betreffen, wenden Sie sich an einen Rechtsanwalt oder eine Beratungsstelle.
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13.4 Soziale Sicherung
Wenn Sie arbeitslos sind, haben Sie Anspruch auf soziale Leistungen. Aber Vorsicht: Beachten Sie,
dass der Sozialleistungsbezug unter Umständen dazu führt, dass Ihre Aufenthaltserlaubnis nicht
verlängert wird und Sie womöglich Ihr Aufenthaltsrecht verlieren. Für Ihre Aufenthaltsperspektive
in Deutschland kann es sehr wichtig werden, dass Sie Ihren Lebensunterhalt selbst sichern!
Welche Sozialleistungen Sie erhalten können, hängt von Ihrer persönlichen Lage ab. Wenn Sie
bereits längere Zeit gearbeitet haben, erhalten Sie unter Umständen das so genannte
Arbeitslosengeld I (ALG I). Haben Sie keinen Anspruch nach ALG I, sind aber zwischen 15 und 64
Jahren alt und arbeitsfähig, erhalten Sie Leistungen der „Grundsicherung für Arbeitssuchende”
nach dem Zweiten Sozialgesetzbuch (SGB II), das so genannte „Arbeitslosengeld II” (ALG II).
Ältere Menschen und dauerhaft erwerbsunfähige Erwachsene erhalten die Grundsicherung im Alter
und bei Erwerbsminderung nach dem Vierten Kapitel des SGB XII. Wenn Sie grundsätzlich
erwerbsfähig, aber längere Zeit krank sind, erhalten Sie Leistungen nach dem Dritten Kapitel des
SGB XII. Die Leistungen nach SGB II und XII sind in der Höhe weitgehend identisch.
Absicherung bei Arbeitslosigkeit (ALG I)
Bei Arbeitslosigkeit haben Sie unter Umständen Anspruch auf Arbeitslosengeld I (ALG I). Das
gilt, wenn Sie
innerhalb der letzten zwei Jahre mindestens zwölf Monate sozialversicherungspflichtig beschäftigt
waren,
sich darum bemühen, wieder Arbeit zu erhalten,
den Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung stehen.
Das ALG I beträgt 67% Ihres Nettolohns, wenn Sie Kinder haben, und 60% ohne Kinder. Die
Dauer des ALG I beträgt zwischen 6 und 12 Monaten und ist davon abhängig, wie lange Sie
innerhalb der letzten zwei Jahre gearbeitet haben (§ 127 SGB III). Personen ab 50 Jahre können
künftig bis zu bis zu 15 Monate, Personen ab 55 Jahre bis zu 18 Monate und Personen ab 58 Jahre
bis zu 24 Monate lang ALG I erhalten, wenn Sie Beschäftigungszeiten bis zu vier Jahren vorweisen
können. Liegt Ihr Anspruch auf ALG I niedriger als der ALG II, wird dieses ergänzend gezahlt.
 Um ALG I zu erhalten, müssen Sie sich bei der Arbeitsagentur Arbeit suchend melden. Dafür
haben Sie, wenn Sie von Ihrer Kündigung bzw. dem Ende Ihrer Arbeitsverhältnisses erfahren, nur
drei Tage Zeit (§ 122 SGB III). Melden Sie sich später, müssen Sie damit rechnen, dass Ihnen die
Leistungen für die ersten sieben Tage gestrichen werden (§ 128 SGB III). ALG I wird nicht
rückwirkend gezahlt, sondern frühestens ab dem Tag Ihrer Meldung als Arbeit suchend.
Arbeitslosengeld II (ALG II)
Das ALG II, umgangssprachlich auch „Hartz IV” genannt, erhalten Sie auch, wenn Sie noch nie
gearbeitet haben. Es kommt auch nicht darauf an, ob Sie einen eingeschränkten
Arbeitsmarktzugang haben oder ohne Einschränkungen arbeiten dürfen.
 Eine Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG ist üblicherweise daran geknüpft, dass
Sie selbst für Ihren Lebensunterhalt sorgen können. Auch eine Verlängerung der
Aufenthalterlaubnis nach § 23 a AufenthG ist bei ALG-II-Bezug möglicherweise in Gefahr.
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Besprechen Sie mit Ihrem Rechtsanwalt oder Ihrer Rechtsanwältin, welche rechtlichen Folgen der
Bezug von ALG II für Ihren Aufenthalt oder den Ihrer Familie hat.
Das ALG II besteht aus einem Regelsatz für Ernährung, Kleidung, Hausrat und persönliche
Bedürfnisse sowie eventuell einem Zuschuss wegen Mehrbedarfs. Zusätzlich werden die Kosten für
Unterkunft und Heizung übernommen. Sie erhalten diese Leistung, wenn Ihr Einkommen und
Vermögen nicht ausreicht.
Wenn Sie Arbeitseinkommen oder Vermögen haben, wird dies zum großen Teil angerechnet. Bis
zu 150 Euro im Lebensjahr, mindestens jedoch 3.100 € pro Person, zuzüglich 750 € pro Person
dürfen Sie besitzen. Ein Freibetrag von 3.750 € gilt auch für jedes Kind. In diesem Fall erhalten Sie
weniger oder gar kein ALG II. Wohnen Sie mit anderen, zum Beispiel Großeltern oder Partner/in,
zusammen, dann vermutet das Sozialamt, dass Sie gemeinsam wirtschaften, und rechnet das
Einkommen aller Haushaltsangehörigen zusammen. Folgende Leistungen werden gewährt:
Regelsatz
(Seit Juli
08)
Alleinstehende/
Alleinerziehende
Volljährige
Partner
Haushaltsangehörige
0 bis 13 Jahre
Haushaltsangehörige
ab 14 Jahre
in %
100 %
90 %
60 %
80 %
in €
351 €
316 €
211 €
281 €
Der Regelsatz für eine allein stehende Person oder den Haushaltsvorstand beträgt derzeit 351 Euro
monatlich. Volljährige Haushaltsangehörige (also in der Regel der/die Partner/in und erwachsene
Kinder) erhalten 316 Euro, Kinder ab 14 Jahren 281 Euro, Kinder bis einschließlich 13 Jahre 211
Euro.
Einen Mehrbedarfszuschuss gibt es für Alleinerziehende, die ein Kind unter 7 Jahren oder mehrere
Kinder unter 16 Jahren haben (126 Euro). Alternativ dazu erhalten Sie einen Mehrbedarfszuschlag
von 42 Euro pro Kind, falls Ihre Kinder nicht die oben genannten Altersgrenzen erfüllen. Die
Höchstgrenze für den Mehrbedarfszuschlag für alle Kinder beträgt 211 Euro. Werdende Mütter
erhalten 60 Euro Mehrbedarfszuschlag, falls sie ohne Partner leben, oder 54 Euro, falls sie mit
Partner leben. Auch Menschen mit Behinderung oder einer Erkrankung, die eine kostenaufwändige
Ernährung erfordert, können oft einen Mehrbedarfszuschlag beanspruchen.
Daneben können Sie in wenigen Fällen einen Antrag auf „einmalige Beihilfen” stellen,
insbesondere für die erste Möblierung einer Wohnung und die Erstausstattung eines Babys oder
nachgezogenen Kindes, sowie für mehrtägige Klassenfahrten von Schüler/innen. Unter bestimmten
Bedingungen kann das Sozialamt auch Mietschulden als „einmalige Beihilfe” übernehmen.
Zu den Kosten für die Unterkunft gehören Miete, Heiz- und Betriebskosten. Auch wenn nach der
jährlichen Abrechnung Nachzahlungen fällig werden, werden diese vom Sozialamt übernommen.
Ebenso die Kosten für mietvertraglich vorgeschriebene Renovierungen (ggf. jedoch in Eigenarbeit,
d.h. nur die Materialkosten). Die Mietkosten sind allerdings begrenzt: In Abhängigkeit von der
Zahl der Familienmitglieder und den örtlichen Gegebenheiten erstattet das Sozialamt die Miete nur
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bis zu einer Höchstgrenze. Wenn beispielsweise ein Jugendlicher aus Ihrer Wohnung auszieht,
kann es geschehen, dass das Sozialamt nicht mehr sämtliche Mietkosten bezahlt und Sie auffordert,
sich eine kleinere Wohnung zu suchen. Arbeitslose junge Menschen unter 25 Jahren, die aus der
Wohnung der Eltern ausziehen, erhalten keine soziale Unterstützung für die Wohnung und nur
noch 80 Prozent des Arbeitslosengeldes II, wenn die Arbeitsagentur dem Auszug nicht vorher
zugestimmt hat (§ 22 Abs. 2 a SGB II, § 20 Abs. 2 a SGB II).
 Erkundigen Sie sich bei einer Beratungsstelle oder beim Mieterverein, bis zu welcher Höhe
das Sozialamt die Miete für eine Wohnung für Sie und Ihre Familie übernehmen muss.
Soziale Leistungen im Alter, bei Erwerbsunfähigkeit und Krankheit
Alte Menschen ab 65 Jahren und Erwerbsunfähige haben keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld II.
Wenn Sie 65 Jahre oder älter sind, oder dauerhaft nicht in der Lage sind zu arbeiten, erhalten Sie
nach dem Vierten Kapitel des SGB XII die so genannte „Grundsicherung im Alter und bei
Erwerbsminderung”. Sind Sie nur vorübergehend krank (länger als sechs Monate, jedoch nicht auf
Dauer) und stehen dem Arbeitsmarkt nicht als Arbeitssuchender zur Verfügung, erhalten Sie
soziale Leistungen nach dem dritten Kapitel des SGB XII.
 Besprechen Sie mit Ihrem Rechtsanwalt oder Ihrer Rechtsanwältin, welche rechtlichen Folgen
der Bezug von Leistungen nach dem SGB XII für Ihren Aufenthalt oder den Sie Ihrer Familie hat.
Die Leistungen sind in beiden Fällen im Wesentlichen gleich. Sie umfassen in Niedersachsen
derzeit:
Regelsatz
(Seit Juli
08)
Alleinstehende/
Alleinerziehende
Volljährige
Partner
Haushaltsangehörige
0 bis 13 Jahre
Haushaltsangehörige
ab 14 Jahre
in %
100 %
90 %
60 %
80 %
in €
351 €
316 €
211 €
281 €
Zusätzlich übernimmt das Sozialamt die Kosten für Unterkunft und Heizung. Bezahlt wird die
„angemessene” Miete für eine Wohnung, jedoch nicht die Kosten für Haushaltsenergie (Strom für
Licht, Warmwasser, Kochen).
 Erkundigen Sie sich bei einer Beratungsstelle oder beim Mieterverein, bis zu welcher Höhe
das Sozialamt die Miete für eine Wohnung für Sie (und Ihre Familie) übernehmen muss.
In bestimmten Lebenslagen erhöhen sich die Regelsätze (bei Alleinerziehenden, bei Schwangeren
ab der 13. Woche, bei Kranken, die sich in besonderer Weise ernähren müssen, bei
Schwerbehinderten mit dem Ausweis G).
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Zusätzlich kann man auf Antrag einmalige Beihilfen erhalten, zum Beispiel für die Erstausstattung
des neuen Babys oder eine mehrtägige Klassenfahrt.
13.5 Medizinische Versorgung
Sie haben Anspruch auf alle Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung im gleichen Umfang
wie Deutsche. Als Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse erhalten Sie eine
Krankenversicherungskarte (Chipkarte), die Sie bei jedem Arztbesuch vorzeigen müssen. Wenn Sie
Sozialleistungen nach SGB XII beziehen, erhalten Sie über die Krankenkasse im Fall Ihrer
Pflegebedürftigkeit allerdings keine Leistungen der Pflegeversicherung, sondern müssen sich dafür
an das Sozialamt wenden. Von den Krankenkassen nicht bezahlt werden Brillen und nicht
verschreibungspflichtige Medikamente, Dolmetscher- und Fahrtkosten. Ausnahmen gelten für
Kinder.
 Wenn Sie mit einer Entscheidung der Krankenkasse nicht einverstanden sind, legen Sie
schriftlich „Widerspruch” ein. Der Widerspruch richtet sich dann direkt an die Krankenkasse (nicht
mehr ans Sozialamt). Außerdem können Sie eine Klage und gegebenenfalls einen Eilantrag an das
Sozialgericht schicken.
 Wenn Sie Leistungen nach SGB XII beziehen, können Sie bestimmte laufend benötigte Dinge,
die die Krankenkasse nicht zahlt, beim Sozialamt als „vom Regelfall abweichenden
Lebensunterhaltsbedarf nach § 28 Abs. 1 Satz 2 SGB XII” beantragen.
Sie sind nach dem Gesetz zu bestimmten Zuzahlungen verpflichtet. Dazu gehören die Praxisgebühr
beim Zahnarzt und Arzt (je 10 Euro im Quartal) und eine Beteiligung an Medikamenten (pro
Medikament bis zu 10 Euro in der Apotheke) und anderen Leistungen (zum Beispiel bei
Krankenhausaufenthalten oder für spezielle, nicht von der Kasse getragene
Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft und anderes). Für Kinder und Jugendliche fallen
keine Zuzahlungen an. Die Höchstgrenze für Ihre ganze Familie liegt bei 2% Ihres
Bruttojahreseinkommens. Abgezogen werden Freibeträge für Ihre/n Ehepartner/in (4.536 Euro) und
Kinder (je 3.864 Euro).
Beispiel: Sie sind verheiratet, haben zwei Kinder und ein Jahresbruttoeinkommen von 20.000 Euro.
Abzüglich der Freibeträge sind das 20.000 - 4.536 - 2 x 3.864 = 7.736 Euro. In diesem Fall beträgt
die Belastungsgrenze also 2% von 7.736 Euro = 154,72 Euro. Diese Belastungsgrenze gilt nicht pro
Person, sondern für alle Mitglieder der Familie zusammen. Für chronisch Kranke gilt unter
bestimmten, allerdings strengen Bedingungen, die Hälfte - nur 1%.
Für Empfänger von Leistungen nach SGB II und SGB XII gilt die Höchstgrenze von 2% des
Regelsatzes. Das heißt: 2% von 12 x 351 Euro = 84,24 Euro pro Jahr. Der Betrag gilt nicht pro
Person, sondern für alle Mitglieder der Familie zusammen. Für chronisch Kranke gilt unter
bestimmten Bedingungen eine Grenze von 1% = 42,12 Euro pro Jahr.
 Um Mehrfachzahlungen der Praxisgebühr zu vermeiden, lassen Sie sich eine Quittung
ausstellen. Wenn Sie in einem Quartal zu verschiedenen Ärzten gehen, besorgen Sie sich eine
Überweisung des Arztes, bei dem Sie bereits die Gebühr für das laufende Quartal entrichtet haben.
Dann müssen Sie nicht erneut zahlen.
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 Sammeln Sie alle Zuzahlungsquittungen Ihrer Familie. Wenn der Betrag von 84,24 Euro
erreicht ist, muss die Krankenkasse Ihnen bescheinigen, dass Sie für den Rest des Jahres von
weiteren Zuzahlungen befreit sind und Ihnen bereits zu viel gezahlte Beträge zurückzahlen. Stellen
Sie dazu einen Antrag und fügen Sie die Quittungen bei.
13.6 Familienleistungen, Kinder- und Jugendhilfe
Kindergeld
Jede deutsche Familie hat unabhängig von ihrer Einkommenssituation Anspruch auf ein
monatliches Kindergeld von 164 Euro im Monat für das erste und zweite Kind, 170 Euro für das
dritte Kind und 195 Euro für jedes weitere Kind. Dies gilt für Kinder bis 18 Jahre, für Kinder in
Ausbildung, die kein oder nur sehr wenig eigenes Einkommen haben und weitere Bedingungen
erfüllen, bis 24 Jahre.
Bleibeberechtigte nach § 23 Abs. 1 AufenthG haben per Gesetz Anspruch auf Kindergeld (§ 1
Abs. 3 BKGG, § 62 Abs. 2 EStG). Dieser Anspruch wird daran festgemacht, dass Sie eine
Aufenthaltserlaubnis haben, die zu einer Erwerbstätigkeit berechtigt. Das dürfte in der Regel der
Fall sein.
 Sie sollten so schnell wie möglich einen Kindergeldantrag bei der Bundesagentur für Arbeit
(Arbeitsamt) stellen. Dann können Sie Kindergeld rückwirkend vom 1.1.2006 an erhalten.
Anders sieht es allerdings für Flüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis nach § 23a AufenthG aus. Sie
können Kindergeld erhalten, wenn Sie sich drei Jahre in Deutschland aufhalten (dabei zählen die
Zeiten der Aufenthaltsgestattung, der Aufenthaltserlaubnis und - falls vorhanden - auch der
Duldung) und
• arbeiten,
• einen Arbeitsvertrag haben und sich nach der Geburt des Kindes in der Elternzeit befinden
oder
• Sozialleistungen nach SGB III oder Krankengeld erhalten.
Wenn Sie also eine Aufenthaltserlaubnis nach § 23a AufenthG haben, arbeitslos sind und
Leistungen nach SGB II (= ALG II) erhalten, haben Sie keinen Kindergeldanspruch. Dann sollten
Sie überlegen, ob Ihr/e Partner/in Kindergeld beanspruchen kann. Kindergeld kann der Vater oder
die Mutter beantragen. Ihr Partner/in erhält Kindergeld unter den gleichen Bedingungen wie Sie,
wenn er/sie über eine Aufenthaltserlaubnis nach §§ 23 Abs. 1 AufenthG als Bürgerkriegsflüchtling,
23a, 24, 25 Abs. 3, 25 Abs. 4 oder 25 Abs. 5 AufenthG verfügt. Keinen Kindergeldanspruch hat Ihr/
e Partner/in mit einer Aufenthaltsgestattung oder Duldung.
Auch bei fehlendem Anspruch auf Kindergeld können Sie möglicherweise aufgrund von
internationalen Abkommen unter eine Ausnahmeregelung fallen. Sie erhalten für Ihre Familie auch
vor Ablauf von drei Jahren und ohne weitere Bedingungen Kindergeld, wenn Sie
• aus der Türkei, Algerien, Tunesien oder Marokko kommen und eine Arbeit haben, über die
Sie in eine Sozialversicherung (Arbeitslosen-, Kranken-, Renten- oder Unfallversicherung)
einzahlen,
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• aus der Türkei kommen, nicht arbeiten, aber mindestens sechs Monate in Deutschland leben
oder
• aus Kosovo, Serbien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina oder Mazedonien kommen und
eine arbeitslosenversicherungspflichtige Arbeit haben. Wenn Sie keine Arbeit mehr haben,
gilt auch der Bezug von Kranken- oder Arbeitslosengeld I.
 Wenn Sie die Bedingungen erfüllen, sollten Sie so schnell wie möglich einen
Kindergeldantrag bei der Bundesagentur für Arbeit (Arbeitsamt) stellen. Dann können Sie
Kindergeld rückwirkend vom 1.1.2006 an erhalten!
 Familienkassen lehnen Anträge, die sich auf die genannten Ausnahmeregelungen beziehen,
zunächst regelmäßig ab. Legen Sie dagegen mit Hilfe einer Beratungsstelle unbedingt Einspruch
und, wenn nötig, Klage beim Finanzgericht ein. Die Einsprüche haben fast immer Erfolg.
 Sollten Sie - auch vorübergehend oder ergänzend - Sozialleistungen beziehen, wird der
Anspruch auf Kindergeld mit den Sozialleistungen verrechnet (auch rückwirkend). Unter
Umständen haben Sie dann am Ende gar nicht mehr Geld. Trotzdem ist es sinnvoll, den
Kindergeldantrag zu stellen, weil der Bezug von Kindergeld nicht als Sozialleistung gilt und Sie so
leichter die Möglichkeit haben, Ihr Leben selbst zu finanzieren.
Kinderzuschlag
Wenn Sie über ein geringes Einkommen verfügen oder Arbeitslosengeld I beziehen, aber ansonsten
keine Sozialleistungen erhalten, können Sie versuchen, zusätzlich zum Kindergeld einen
Kinderzuschlag zu beantragen (§ 6a Bundeskindergeldgesetz). Voraussetzung für die Gewährung
ist allerdings, dass Sie kindergeldberechtigt sind (siehe vorheriger Abschnitt). Mit dem
Kindergeldzuschlag soll vermieden werden, dass Geringverdienende Leistungen nach SGB II
beantragen müssen. Der Kinderzuschlag beträgt maximal 140,- Euro monatlich pro Kind. Der
Kinderzuschlag ist bei der Agentur für Arbeit zu beantragen.
Unterhaltsvorschuss
Der Unterhaltsvorschuss ist ein staatlicher Zuschuss, der einem allein erziehenden Elternteil für bis
zu sechs Jahren gezahlt wird, wenn der andere Elternteil (in der Regel der Vater) seiner
Verpflichtung, für das Kind Unterhalt zu zahlen, nicht nachkommt. Der Unterhaltsvorschuss
beträgt 117 € monatlich für Kinder unter 6 Jahren und 158 € monatlich für ältere Kinder unter 12
Jahren.
Die Bedingungen für den Unterhaltsvorschuss sind die gleichen wie beim Kindergeld (§ 1 Abs. 2 a
UhVorschG): Bleibeberechtigte nach § 23 Abs. 1 AufenthG haben per Gesetz Anspruch auf
Kindergeld. Dieser Anspruch wird daran festgemacht, dass Sie eine Aufenthaltserlaubnis haben, die
zu einer Erwerbstätigkeit berechtigt. Das dürfte in der Regel der Fall sein.
Etwas anderes gilt für Flüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis nach § 23a AufenthG. Sie können
Sie Unterhaltsvorschuss nur unter folgenden Bedingungen erhalten, wenn sie sich drei Jahre in
Deutschland aufhalten (dabei zählen die Zeiten der Aufenthaltsgestattung, der Aufenthaltserlaubnis
und - falls vorhanden - auch der Duldung) und
• arbeiten,
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• einen Arbeitsvertrag haben und sich nach der Geburt des Kindes in der Elternzeit befinden
oder
• Sozialleistungen nach SGB III oder Krankengeld erhalten.
Wenn Sie also eine Aufenthaltserlaubnis nach § 23a AufenthG besitzen, arbeitslos sind und
Leistungen nach SGB II (= ALG II) erhalten, haben Sie keinen Anspruch auf Unterhaltsvorschuss.
 Unterhaltsvorschuss beantragen Sie beim Jugendamt. Das Amt holt sich das Unterhaltsgeld
vom nicht zahlenden Elternteil wieder zurück, wenn dieser über ausreichendes Einkommen verfügt.
 Jugendämter lehnen Anträge, die sich auf die genannten Ausnahmeregelungen beziehen,
zunächst regelmäßig ab. Legen Sie dagegen mit Hilfe einer Beratungsstelle unbedingt Widerspruch
und, wenn nötig, Klage beim Verwaltungsgericht ein.
Elterngeld
Elterngeld gibt es für Kinder ab der Geburt. Dabei ersetzt der Staat einem Elternteil 67 Prozent des
durch die Geburt und Kinderbetreuung wegfallenden Arbeitseinkommens, maximal 1.800 Euro im
Monat. Elterngeld wird an den das Kind betreuenden Elternteil für maximal 12 Monate gezahlt.
Wenn auch der andere Elternteil zwei Monate oder länger für die Betreuung zuständig ist, wird das
Elterngeld um zwei Monate auf maximal 14 Monate verlängert.
Elterngeld können Sie für Kinder erhalten, die ab 1.1.2007 geboren werden. Mit einer
Niederlassungserlaubnis können Sie Elterngeld beanspruchen. Bleibeberechtigte nach § 23 Abs. 1
AufenthG haben per Gesetz Anspruch auf Elterngeld (§ 1 Abs. 7 BEEG). Dieser Anspruch wird
daran festgemacht, dass Sie eine Aufenthaltserlaubnis haben, die zu einer Erwerbstätigkeit
berechtigt. Das dürfte in der Regel der Fall sein.
Anderes gilt, wenn Sie eine Aufenthaltserlaubnis nach § 23a AufenthG besitzen. Dann haben Sie
nur unter folgenden Bedingungen Anspruch, wenn Sie sich drei Jahre in Deutschland aufhalten
(dabei zählen die Zeiten der Aufenthaltsgestattung, der Aufenthaltserlaubnis und - falls vorhanden auch der Duldung) und
• in Teilzeit arbeiten (maximal 30 Stunden in der Woche),
• einen Arbeitsvertrag haben und sich nach der Geburt des Kindes in der Elternzeit befinden
oder
• Sozialleistungen nach SGB III oder Krankengeld erhalten,
Wenn Sie also eine Aufenthaltserlaubnis nach § 23a AufenthG besitzen, gar nicht arbeiten und sich
auch nicht in der Elternzeit befinden, erhalten Sie also kein Elterngeld, auch nicht den sonst an
nichterwerbstätige Erziehende gezahlten Grundbetrag von 300 Euro im Monat.
Ausnahmen gelten jedoch für erwerbstätige Menschen aus Algerien, Marokko, Tunesien und der
Türkei: Für sie besteht auch mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 23 a AufenthG ein Anspruch auf
Elterngeld, wenn sie sozialversicherungspflichtig arbeiten oder wenn sie eine geringfügige
Beschäftigung (400-Euro-Job) ausüben, über die sie unfallversichert sind.
Sie stellen den Antrag auf Elterngeld beim Jugendamt oder der Elterngeldstelle ihrer Stadt oder
Ihres Landkreises. Das Formular, eine Liste der zuständigen Stellen in Niedersachsen und weitere
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Informationen gibt es im Internet unter
http://www.ms.niedersachsen.de/master/C29974090_N8150_L20_D0_I674.
13.7 Deutschkurs, Kindergarten, Schule, Studium
Deutschkurse
Seit 2005 gibt es in Deutschland ein einheitliches Konzept für so genannte „Integrationskurse”. Sie
bestehen hauptsächlich aus Deutschunterricht (in der Regel 600 Unterrichtsstunden), zusätzlich
wird Alltagswissen und Wissen über die Rechtsordnung, Kultur und Geschichte Deutschlands
vermittelt (45 Unterrichtsstunden). Am Schluss steht ein Abschlusstest, bei dem die
Teilnehmer/innen das „Zertifikat Deutsch” erhalten können, das unter anderem die Einbürgerung
erleichtert. Integrationskurse werden vor Ort von vielen verschiedenen Trägern durchgeführt und
zentral vom BAMF organisiert.
Einen Anspruch darauf, einen der staatlich organisierten Integrationskurse zu besuchen, haben Sie
nicht. Sie können aber versuchen, einen noch freien Platz zu erhalten (§ 5 IntV). Wenden Sie sich
an die Ausländerbehörde oder eine Beratungsstelle. Sie sollten Ihnen Informationen über die
Integrationskurse und eine Liste mit den in Ihrer Region zugelassenen Sprachkursanbietern
aushändigen. Eine Liste der Anbieter, das Anmeldungsformular und weitere Informationen erhalten
Sie auch auf der Homepage des BAMF:
http://www.bamf.de/cln_042/nn_566316/DE/Integration/integration-node.html__nnn=true. Sie
können die Zulassung zum Kurs entweder direkt schriftlich beim BAMF oder über einen der
Kursanbieter beantragen. Das BAMF berücksichtigt bei der Verteilung der freien Plätze die
„Integrationsbedürftigkeit”. Eine gute Chance auf einen freien Platz haben Sie, wenn Sie schon
einige Jahre in Deutschland leben und mit einem erfolgreichen Deutschkurs die Voraussetzungen
für die Niederlassungserlaubnis erfüllen wollen.
Für die Teilnahme am Integrationskurs müssen Sie pro Unterrichtsstunde 1 Euro Beitrag leisten,
das heißt derzeit in der Regel 645,-Euro, zahlbar in mehreren Etappen (§ 9 IntV). Erhalten Sie
Sozialleistungen nach dem SGB II oder SGB XII, können Sie sich vom Kursbeitrag befreien lassen.
Dazu müssen Sie einen Antrag stellen. Das Formular dafür erhalten Sie bei der Ausländerbehörde,
den Kursträgern oder auf der Homepage des BAMF.
Der erfolgreiche Deutschtest im Integrationskurs reicht nicht aus, um zum Studium in Deutschland
zugelassen zu werden. Dafür gibt es spezielle Aufbaukurse, für die Sie gegebenenfalls auch ein
Stipendium erhalten können. Näheres siehe Kapitel „Studium”.
Es gibt in den Städten auch einige Deutschkurse, die unabhängig vom staatlichen Angebot
existieren. Diese Kurse müssen Sie in der Regel selbst bezahlen, bei manchen Trägern sind die
Kosten für Sozialleistungsempfänger aber deutlich gesenkt.
 Fragen Sie bei ihrer örtlichen Volkshochschule oder den Beratungsstellen für Migrant/innen,
Aussiedler/innen oder Flüchtlinge nach, wo es Deutschkurse gibt.
Kindergarten
Sobald ein Kind drei Jahre alt ist, hat es in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen
Kindergartenplatz (§ 24 SGB VIII). Bei geringem Einkommen sind die Kosten dafür ganz oder
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teilweise vom Jugendamt zu tragen (§ 90 Abs. 2 und 3 SGB VIII). Nach dem Niedersächsischen
Regierungsprogramm zur Integration und den Grundsätzen für Kindertagesstätten soll Ihr Kind im
Kindergarten eine Förderung in der deutschen Sprache erhalten und so besser auf einen
Schulbesuch vorbereitet werden.
 Melden Sie Ihr Kind frühzeitig für einen Kindergartenplatz an. Dort wird ihr Kind eine
erheblich bessere Förderung in der deutschen Sprache erhalten und so besser auf einen Schulbesuch
vorbereitet werden als im Wohnheim. Wenden Sie sich bei Problemen mit dem Kindergartenplatz
an eine Beratungsstelle.
Schule
Alle in Niedersachsen lebenden Kinder haben das Recht und die Pflicht, eine Schule zu besuchen
und regelmäßig am Unterricht teilzunehmen (§ 63 NSchG). Die Schulpflicht beginnt für Kinder, die
bis zum 30. Juni eines Jahres sechs Jahre alt geworden sind, mit dem nächsten beginnenden
Schuljahr (§ 64 NSchG). Das Einschulungsalter ist aber auch abhängig von der körperlichen und
geistigen Entwicklung Ihres Kindes. Unter Umständen kann der Schuleintritt Ihres Kindes ein Jahr
zurückgestellt werden. Deshalb werden alle Kinder vor dem Schuleintritt vom Amtsarzt untersucht.
Bei fehlenden Deutschkenntnissen können die Kinder verpflichtet werden, vor Schuleintritt an
besonderen Sprachfördermaßnahmen teilzunehmen (§ 54 a NSchG). Schon eingeschulte
Schülerinnen und Schüler mit schlechten Deutschkenntnissen sollen besonderen Deutschunterricht
erhalten. Die Schulpflicht endet in der Regel nach 12 Jahren des Schulbesuchs.
 Fragen Sie gegebenenfalls im Kindergarten oder in der Schule nach, ob es
Fördermöglichkeiten für Ihr Kind gibt. In vielen Schulen wird auch muttersprachlicher Unterricht,
Hausaufgabenhilfe und anderes angeboten.
 Wenn Sie nur über ein geringes oder gar kein Einkommen verfügen und mit dem Schulbesuch
besondere Kosten verbunden sind, zum Beispiel für den Fahrtweg, für Klassenfahrten oder
sonstiges, können Sie das Geld dafür beim Sozialamt auf der Grundlage von § 27 SGB XII
beantragen. Bei einer Ablehnung haben Sie die Möglichkeit, Widerspruch zu erheben und Klage
beim Sozialgericht einzulegen. Lassen Sie sich gegebenenfalls von einer Beratungsstelle
unterstützen.
Studium
Mit einer Aufenthaltserlaubnis steht es Ihnen frei, in Deutschland zu studieren. Die formale
Zugangsvoraussetzung für den Besuch einer Universität oder Fachhochschule ist die allgemeine
Hochschulreife / Abitur (bei Universität) oder die Fachhochschulreife / Fachabitur (bei
Fachhochschule) oder eine als gleichwertig anerkannte Schulausbildung im Herkunftsland. Wenn
Ihre Schulausbildung nicht als (Fach-)Hochschulreife anerkannt ist, können Sie über das
erfolgreiche Ablegen der „Feststellungsprüfung” zur Studieneignung die Zugangsberechtigung
erwerben. Dafür müssen Sie in der Regel bei der Hochschule einen einjährigen Vorbereitungskurs
(„Studienkolleg”) absolvieren. Bei Kunst- und Musikhochschulen können Sie unter Umständen
auch ohne Abitur studieren, wenn Sie besondere künstlerische Fähigkeiten haben. In manchen
anderen Studiengängen genügt auch ein Nachweis über bestimmte berufliche Vorbildungen (zum
Beispiel Meisterprüfung).
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 Ob Ihre Hochschulzugangsberechtigung der deutschen gleichwertig ist, können Sie in der
Datenbank der Kultusminister-Konferenz www.anabin.de abfragen.
 Genauere Informationen zur Studienzulassung erhalten Sie beim Deutschen Akademischen
Austauschdienst DAAD (www.daad.de) oder bei den akademischen Auslandsämtern /
Studentensekretariaten der Universitäten und Fachhochschulen. Die Adressen aller deutschen
Hochschulen sowie Infos zu den angebotenen Studienfächern und Abschlüssen finden Sie unter
www.studienwahl.de.
Zweite Studienvoraussetzung ist der Nachweis von deutschen Sprachkenntnissen: Dazu müssen
Sie in der Regel die „Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang ausländischer
Studienberechtigter (DSH)” ablegen. Bestimmte andere Nachweise (Goethe-Sprachdiplom, Test
Deutsch als Fremdsprache für ausländische Studienbewerber „TestDaF” und andere) werden
ersatzweise anerkannt. Deutschkurse, die zur Vorbereitung auf das Studium dienen, werden unter
anderem von der Otto-Benecke-Stiftung angeboten und durch die Vergabe von Stipendien zum Teil
sogar finanziert (lesen Sie dazu weiter unten „Otto-Benecke-Stiftung”).
Das größte Problem dürfte für Sie die Finanzierung eines Studiums sein. Als Student/in müssen
Sie nicht nur Ihren Lebensunterhalt sichern, sondern auch eine Krankenversicherung nachweisen.
Studierende bis zum 14. Semester, maximal bis zum 30. Lebensjahr, können sich über die
gesetzliche Krankenversicherung für etwa 56 Euro pro Monat versichern. Studierende über 30
Jahre werden von der gesetzlichen Krankenversicherung nicht aufgenommen und müssen eine
private Krankenversicherung abschließen. Hinzu kommen die Studiengebühren, die in
Niedersachsen 500.- € pro Semester betragen, die Kosten für ein Semesterticket sowie weiterer
Gebühren (ca. 100 bis 150 Euro im Semester).
Das Sozialgesetzbuch verbietet den Bezug von Sozialleistungen zum Zweck der Finanzierung eines
Studiums. Nur in besonderen Härtefällen können die Leistungen (ggf. als Darlehen) gewährt
werden. Wenn Sie dem Sozialamt verschweigen, dass Sie studieren, und die Behörde dies später
erfährt, wird die Sozialhilfe wieder zurückgefordert. Wenn Sie studieren wollen, ohne
Sozialleistungen zu beziehen, brauchen Sie also eine Arbeitsgenehmigung und eine Arbeit, mit der
Sie sich vollständig selbst finanzieren können, oder andere Finanzierungsquellen. Dabei müssen
Sie nicht unbedingt Ihre ganze Familie finanzieren: Ihr/e Partner/in und Kinder können, auch wenn
Sie studieren, gegebenenfalls Anspruch auf Sozialleistungen haben. Bedenken Sie aber, dass
Sozialleistungsbezug unter Umständen die Nichtverlängerung Ihrer Aufenthaltserlaubnis nach sich
zieht!
Eine Finanzierungsmöglichkeit ist die Ausbildungsförderung nach dem
Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG). Mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1
oder § 23a AufenthG haben Sie grundsätzlich Zugang zu Leistungen nach dem BAföG (§ 8 Abs. 2
Nr. 1 BAföG). Ausbildungsförderung nach dem BAföG wird regelmäßig aber nur für Studierende
gewährt, die bei Beginn des Studiums unter 30 Jahre alt sind und noch kein anderes Studium
abgeschlossen haben. Sind Sie 30 oder älter, können Sie BAföG auch erhalten, wenn Sie Ihre
Ausbildung im Herkunftsland aufgrund Ihrer Situation nicht möglich war und Sie das Studium
nach Wegfall des Hindernisses unverzüglich aufnehmen, also in der Regel so bald wie möglich
nach der Flüchtlingsanerkennung. Gibt es wichtige persönliche Gründe dafür, später das Studium
zu beginnen, können Sie versuchen, diese geltend zu machen und eine Förderung auch dann zu
beantragen, wenn Sie die Altersgrenze überschritten haben. Wenn Sie die
Hochschulzugangsberechtigung erst in Deutschland auf dem zweiten Bildungsweg (Abendschule
oder anderes) erwerben und direkt im Anschluss studieren, gilt die Altersgrenze von 30 Jahren
ebenfalls nicht.
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Um Ihr Studium zu finanzieren, sollten Sie prüfen, ob Stiftungen für die (Teil-)Finanzierung in
Frage kommen. Es gibt einige Stiftungen und Programme, über die man unter bestimmten
Voraussetzungen ein Stipendium bekommen kann. Meist werden eine besondere Begabung und
sehr gute Studienleistungen vorausgesetzt, aber auch materielle Bedürftigkeit und gesellschaftliches
Engagement können Kriterien bei der Vergabe von Stipendien sein. Im Internet finden Sie unter
http://www.bildungsserver.de/zeigen.html?seite=427 eine Übersicht und weiterführende Links.
Spezielle Förderprogramme für ausländische Studierende sind meist auf Menschen beschränkt, die
zum Zweck des Studiums nach Deutschland einreisen durften und danach wieder zurückkehren
wollen.
Das Diakonische Werk der evangelischen Kirche hat ein spezielles FlüchtlingsStipendienprogramm, das eine Finanzierung des Studiums für Menschen ohne offiziellen
Flüchtlingsstatus ermöglicht. Es gilt allerdings nur für Flüchtlinge aus Staaten außerhalb Europas.
Gefördert werden sollen Verfolgte, die in ihrem Herkunftsland eine Ausbildung nicht aufnehmen
konnten oder abbrechen mussten. Sie sollten nicht älter als 35 Jahre sein und bei Antragstellung in
der Regel nicht länger als 3 Jahre in Deutschland leben. Bedingung ist ferner, dass Sie die Absicht
haben, nach Beendigung des Studiums in Ihr Heimatland zurückzukehren. Tun Sie das nicht,
müssen Sie das Stipendium später gegebenenfalls zurückzahlen.
 Wenden Sie sich an die Evangelische Studentengemeinde oder das Diakonische Werk in Ihrer
Stadt. Diese Stellen werden mit Ihnen gemeinsam eine Bewerbung für das Stipendienprogramm
verfassen. Dabei ist es wichtig zu erläutern, dass Sie aufgrund Ihrer aufenthaltsrechtlichen Situation
nur schwer oder gar keinen Zugang zu anderen Finanzierungsquellen (Arbeitsgenehmigung,
BAföG etc.) haben. Ein Merkblatt mit den Kriterien für die Förderung können Sie auch beim
Flüchtlingsrat Niedersachsen erhalten. Wenn Sie den Ansprechpartner vor Ort nicht kennen,
können Sie sich an die zuständige Mitarbeiterin des Diakonischen Werkes in Stuttgart wenden:
Frau Sylvia Karlev
Telefon 0711-2159-506
Fax 0711-2159-8 506
Email [email protected]
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14. Flüchtlinge mit „Duldung“
14.1 Aufenthaltsrechtliche Situation
Eine Duldung erhält, wer zur Ausreise verpflichtet ist, aber vorerst nicht abgeschoben werden kann
(§ 60 a Abs. 2 AufenthG). Das ist oft nach dem endgültigen negativen Abschluss des
Asylverfahrens der Fall. Auch Flüchtlinge, die ohne Visum nach Deutschland kommen oder nach
Ablauf des Visums in Deutschland bleiben und kein Asyl beantragen, erhalten eine Duldung, wenn
eine Abschiebung nicht möglich ist. Dies ist zum Beispiel der Fall, solange kein Pass vorliegt oder
es keine Flugverbindung in eine Bürgerkriegsregion gibt. Wenn jedoch das Abschiebungshindernis
wegfällt, droht akute Abschiebungsgefahr.
Menschen ohne Aufenthaltsrecht und ohne dass ein Abschiebungshindernis vorliegt, können leider
keine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 4 Satz 1 AufenthG mehr erhalten, wenn „dringende
humanitäre oder persönliche Gründe” vorübergehend vorliegen. Statt dessen sind zwei neue
Duldungsgründe in das Gesetz geschrieben worden:
1. Die so genannte Zeugenduldung des § 60a Abs. 3 Satz 2 AufenthG. Hier besteht die
Möglichkeit, wenn eine Aussage in einem Strafverfahren von der Staatsanwaltschaft oder
vom Gericht als notwendig angesehen wird, den Aufenthalt weiterhin zu dulden.
2. Die Ermessensduldung des § 60a Abs. 2 Satz 3 AufenthG. Diese Regel gab es bereits im
alten Ausländergesetz. Mit dem Zuwanderungsgesetz war sie seit dem 1.1.2005 abgeschafft.
Stattdessen sollte - immer nur vorübergehend - bei dringenden humanitären oder
persönlichen Gründen oder bei einem öffentlichen Interesse eine kurzfristige
Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 4 Satz 1 AufenthG erteilt werden. Diese
Aufenthaltserlaubnis ist seit dem 28. August 2007 (in Krafttreten des
Richtlinienumsetzungsgesetzes) für Geduldete nicht mehr möglich. Nunmehr kann für einen
vorübergehenden Satz aus den oben erwähnten Gründen eine Ermessensduldung erteilt
werden. Gründe hierfür können beispielsweise folgende sein:
• Durchführung einer Operation, die im Herkunftsland nicht möglich ist,
• Beendigung einer Therapie oder sonstigen Behandlung ohne dass Reiseunfähigkeit besteht,
da ansonsten bereits ein Anspruch auf eine Duldung da wäre,
• Beendigung einer Ausbildung,
• bevorstehender Schulabschluss,
• Beendigung des laufenden Schuljahres,
• vorübergehende Betreuung eines schwer kranken Familienangehörigen,
• eine unmittelbar bevorstehende Heirat mit einem Deutschen oder einem Bleibeberechtigten
bis zum Hochzeitstermin.
Diese Liste ist nicht abgeschlossen, weitere gute Gründe sind denkbar, müssen aber der
Ausländerbehörde gegenüber vorgetragen werden. Lassen Sie sich gut beraten.
Die Behörden machen oft unter anderem zur Bedingung, dass keine Sozialleistungen bezogen
werden und dass die „freiwillige Rückkehr” zugesichert wird. Diese Duldungen werden in der
Regel nur für einige Wochen oder Monate erteilt. Wenn der Erteilungsgrund wegfällt, also zum
Beispiel der pflegebedürftige Vater stirbt oder der Schulabschluss gemacht ist, wird die Duldung in
der Regel nicht verlängert und es droht erneut die Abschiebung. Nur bei Vorliegen eines
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Abschiebungshindernisses oder eines Anspruchs auf einen Aufenthalt (z.B. durch Heirat), wird
dann eine aus humanitären Gründen befristet erteilte Duldung noch verlängert oder eine
Aufenthaltserlaubnis erteilt.
Eine Duldung kann auch angeordnet oder verlängert werden, weil das Innenministerium des
Landes für eine bestimmte Flüchtlingsgruppe oder für Flüchtlinge aus einem bestimmten Land
einen Abschiebungsstopp angeordnet hat (§ 60 a Abs. 1 AufenthG).
Eine Duldung gilt immer nur für wenige Wochen oder Monate, wird jedoch verlängert, wenn eine
Abschiebung weiterhin nicht möglich ist. Auf diese Weise kann es sein, dass ein geduldeter
Aufenthalt viele Jahre andauert. Auch wenn man viele Jahre lang eine Duldung besitzt, leitet sich
aus einer Duldung kein Recht ab, in Deutschland zu bleiben.
 Lesen Sie sich Ihre Duldung genau durch! Nicht immer bietet das in der Duldung genannte
Datum auch eine Sicherheit dafür, dass bis dahin keine Abschiebung stattfindet: Oftmals findet sich
in der Duldung ein Hinweis darauf, dass die Duldung ungültig wird, wenn ein bestimmtes Ereignis
eintritt (zum Beispiel wenn Reisepapiere eintreffen oder wenn eine Petition entschieden ist).
 Suchen Sie eine Beratungsstelle auf und klären Sie, welche Möglichkeiten Sie haben, anstelle
einer Duldung ein Aufenthaltsrecht in Deutschland zu bekommen. Lesen Sie dazu auch Kapitel 6.
Wenn Sie länger als ein Jahr geduldet sind, musste die Ausländerbehörde bis zum 27.8.2007 Ihnen
eine Abschiebung mindestens einen Monat vorher erneut ankündigen. Dies muss die
Ausländerbehörde nur noch tun, wenn Sie zwar jetzt eine Duldung haben, aber vorher einen
Aufenthaltstitel besessen haben (§ 60 a Abs. 5 AufenthG). Beispiel: Sie hatten bis vor wenigen
Monaten eine Aufenthaltserlaubnis wegen eines Abschiebungsverbotes. Nachdem das Verbot
wegfiel hat die Ausländerbehörde Ihre Aufenthaltserlaubnis widerrufen und Ihnen die Duldung
erteilt. Wenn Sie diese Duldung nun länger als ein Jahr besitzen und nunmehr die Abschiebung
möglich ist, wird diese einen Monat vorher angekündigt.
 Wenn Sie einen Brief bekommen, in dem Ihre Abschiebung angekündigt wird, wenden Sie
sich an Ihren Anwalt, Ihre Anwältin oder eine Beratungsstelle, um zu klären, ob es eine konkrete
Abschiebungsgefahr für Sie gibt.
Als Geduldete/r sind Sie grundsätzlich dazu verpflichtet, freiwillig auszureisen oder daran
mitzuwirken, dass eine Abschiebung möglich wird. Zu Ihren Pflichten gehört es zum Beispiel, sich
um Ihren Pass oder sonstige Papiere zu kümmern, wenn Sie dazu aufgefordert werden. Eine
mangelnde Mitwirkung kann für Sie unangenehme Konsequenzen haben: Arbeitsverbot (§ 11
BeschVerfV), Bargeldentzug (§ 1 a AsylbLG), unter Umständen sogar Einweisung in ein
Ausreisezentrum (§ 61 Abs. 2 AufenthG) und anderes.
Oftmals werfen die Ausländerbehörden Flüchtlingen zu Unrecht eine mangelnde Kooperation bei
der Passbeschaffung vor. Besuche bei der Botschaft Ihres Herkunftslandes sollten Sie daher durch
Zeugenaussagen oder andere geeignete Unterlagen (z.B. Fahrquittungen, Fotos, Bestätigungen der
Botschaft) dokumentieren. Wenn Sie einen Termin für einen Botschaftsbesuch nicht wahrnehmen
können, weil sie krank geworden sind, holen Sie sich eine Bestätigung vom Arzt und schicken Sie
diese zur Ausländerbehörde.
Nicht alle denkbaren Methoden zur Beschaffung von Passpapieren sind zumutbar: Sie dürfen zum
Beispiel nicht verpflichtet werden, Pässe auf gesetzeswidrige Weise, etwa durch Bestechung, zu
erlangen. Manche Ausländerbehörden stellen auch Anforderungen, die Sie objektiv nicht erbringen
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können, zum Beispiel die Beschaffung von verschollenen Urkunden. Informieren Sie sich im
Zweifelsfall bei Ihrem Rechtsanwalt oder Ihrer Rechtsanwältin genau über die Einzelheiten und
den zumutbaren Umfang Ihrer Mitwirkungspflichten.
14.2 Wohnen, Umziehen und Residenzpflicht
Zuweisung
Als Geduldeter müssen Sie sich weiterhin an dem Ort aufhalten, der Ihnen von der ZAAB schon
während des Asylverfahrens zugewiesen wurde.
Aber auch Flüchtlinge, die ohne Visum einreisen und gleich eine Duldung beantragen (also kein
Asylverfahren durchlaufen), können sich ihren Aufenthaltsort nicht aussuchen (§ 15 a AufenthG).
Wer beispielsweise in Göttingen eine Duldung beantragt, wird von der Ausländerbehörde (sofern er
nicht abgeschoben werden kann) zur ZAAB nach Braunschweig geschickt. Vorher nimmt die
Ausländerbehörde die Personaldaten auf und gegebenenfalls auch die Fingerabdrücke ab. In der
ZAAB wird dann nach dem Computer-Quotensystem VilA („Verteilung illegaler Ausländer”)
entschieden, welcher Kommune ein Flüchtling zugewiesen wird. Die Verteilung erfolgt
bundesweit. Das heißt, der Duldungsantragsteller aus Göttingen könnte von Braunschweig aus zum
Beispiel nach Gera in Thüringen geschickt werden.
Vor der Verteilung können Sie einen Zuweisungswunsch äußern. Das Recht, in einer bestimmten
Kommune untergebracht zu werden, gibt es aber nur in Fällen, in denen der/die Ehepartner/in
bereits in einer Kommune lebt oder wenn minderjährige Kinder zu ihren Eltern (oder umgekehrt)
gelangen sollen. Die Familienzusammenführung zwischen Ehepaaren sowie zwischen Eltern und
minderjährigen Kindern muss also in jedem Fall ermöglicht werden. Darüber hinaus können auch
so genannte „Härtefälle” berücksichtigt werden, zum Beispiel, wenn ein älterer, kranker Flüchtling
den Wunsch äußert, in die Kommune zugewiesen zu werden, in der seine erwachsenen Kinder
leben. Auch andere Wünsche können geäußert werden, aber sie werden oft auch nicht erfüllt. Zum
Beispiel sind die Chancen, in eine große Stadt (zum Beispiel Hannover) zu gelangen, eher gering,
weil deren Quote oft erfüllt ist. Das heißt, wenn eine Stadt oder ein Landkreis bereits seine Anzahl
von Flüchtlingen aufgenommen hat, werden keine weiteren Flüchtlinge dorthin geschickt.
In Niedersachsen wird die Verteilung von Flüchtlingen auf die Kommunen zunehmend vermieden:
Auf dem Gelände der ZAAB Oldenburg und der ZAAB Braunschweig sowie in Bramsche (bei
Osnabrück) gibt es Wohnhäuser in Sammellagern, die nicht von der örtlichen Kommune, sondern
vom Land Niedersachsen betrieben werden. Diese Lager haben zum Ziel, die Integration von
bestimmten Gruppen von Flüchtlingen in die Gesellschaft von vornherein zu verhindern und sie
schnellstmöglich wieder abzuschieben. Vor allem diejenigen Flüchtlinge, die kein Asyl, sondern
nur einen Duldungsantrag stellen, laufen Gefahr, in diesen Lagern untergebracht zu werden. Deren
Verteilung innerhalb Niedersachsens soll nämlich nach dem Willen der Landesregierung vorrangig
in die landeseigenen Sammellager erfolgen. Betroffen sind aber zunehmend auch Flüchtlinge, die
einen Asylantrag gestellt haben und nach Ansicht der Behörden schnell wieder abgeschoben
werden können.
 Wenn Sie einen konkreten Zuweisungswunsch haben, wenden Sie sich an das Büro des
Sozialdienstes in der ZAAB und geben Sie dabei möglichst gute Gründe an (z.B. enge Verwandte,
die Pflege alter oder kranker Angehöriger, das Vorhandensein der Religionsgemeinde an einem
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bestimmten Wohnort). Die Mitarbeiter/innen geben Ihren Wunsch an die Verwaltung der ZAAB
Braunschweig weiter. Die entscheidet entscheiden auf der Grundlage der rechtlichen Bedingungen,
der Art der Gründe und des Quotensystems.
 Über Ihre Zuweisung erhalten Sie einen schriftlichen Bescheid. Dagegen können Sie vor dem
Verwaltungsgericht klagen. Die Erfolgsaussichten sind jedoch in aller Regel gering. Eine Klage
verhindert auch nicht, dass Sie erst einmal dort wohnen müssen, wo Sie zugewiesen sind.
Umziehen
Wenn Sie bereits eine Zuweisung in eine bestimmte Kommune haben, ist der Umzug in eine andere
Stadt nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich (Vorl. Nds. VV-AufenthG Punkt 61.1).
Hierfür müssen Sie einen schriftlichen „Umverteilungsantrag” stellen. Bei Geduldeten richtet sich
der Umverteilungsantrag an die Ausländerbehörde Ihrer Kommune, die die Möglichkeit eines
Umzugs dann mit der Ausländerbehörde der Zielkommune klärt. Das gilt auch dann, wenn die
Zielkommune in einem anderen Bundesland liegt.
Die Chancen auf „Umverteilung” sind gering: Ein Recht darauf besteht - wie bei der Erstzuweisung
- nur bei einer Familienzusammenführung zum/zur Ehepartner/in oder Kindern unter 18 Jahren.
Härtefälle sollen beachtet und auch andere Wünsche können berücksichtigt werden. Das
Umverteilungsverfahren, insbesondere, wenn es mehrere Bundesländer betrifft (zum Beispiel von
Niedersachsen nach Nordrhein-Westfalen, Berlin oder Bayern), soll nach dem Willen der
Innenminister nur als Ausnahme möglich sein (obwohl das nicht so im Gesetz steht). Der Umzug in
ein anderes Bundesland ist also nur sehr schwer zu erreichen. Oft lehnen auch die Zielkommunen
eine Aufnahme von Geduldeten ab, weil Sie die damit verbundenen Sozialhilfekosten nicht tragen
wollen. Umzüge werden in der Regel nur dann von der Ausländerbehörde der aufnehmenden Stadt
oder des Landkreises gestattet, wenn Ehegatten so gemeinsam untergebracht werden oder
minderjährige Kinder zu ihren Eltern kommen können.
 Geben Sie beim Umverteilungsantrag möglichst gute Gründe an (zum Beispiel das
Vorhandensein eines auf Ihre Krankheit spezialisierten Arztes, die Pflege kranker
Familienangehöriger, das Vorhandensein einer Religionsgemeinde am Zielort, Linderung von
Isolation und psychischer Erkrankung durch einen Umzug zu Angehörigen …) Krankheiten und
Behandlungs-/Linderungsmöglichkeiten durch den Umzug müssen Sie durch ein ärztliches Attest
nachweisen.
 Ihre Chancen auf Umzug steigen, wenn Sie in der Zielkommune die konkrete Aussicht auf
Arbeit haben oder Ihr Lebensunterhalt dort auf andere Weise gesichert ist.
 Gegen die Ablehnung eines Umverteilungsantrags können Sie vor dem Verwaltungsgericht
klagen. Solche Klagen haben aber nur in wenigen Einzelfällen Aussicht auf Erfolg.
Wohnen
Die Kommune weist Ihnen Wohnraum zu. Von der Politik ist die Unterbringung im Wohnheim
oder Sammellager, offiziell „Gemeinschaftsunterkunft” genannt, die gewünschte
Unterbringungsform. Im Einzelfall kann das aber auch anders sein: Wenn gute Gründe vorliegen,
können Sie die Zuweisung einer Wohnung beantragen. Nicht alle Kommunen haben große
Sammellager. Deshalb haben Sie unter Umständen auch Glück und bekommen gleich eine
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Wohnung zugewiesen oder dürfen sich selbst eine Wohnung suchen und anmieten. Einen Anspruch
darauf, eine eigene Wohnung zu beziehen, haben Sie aber im Regelfall nicht.
Das Leben im Sammellager kann sehr belastend sein.
 Wenn Sie oder Ihre Kinder unter der Situation im Wohnheim sehr leiden oder krank werden
(z.B. Allergien entwickeln), können Sie versuchen, mit (fach-)ärztlichen Attesten nachzuweisen,
dass Sie eine eigene Wohnung brauchen und beim Sozialamt einen Antrag darauf stellen.
 Wenn Sie Ihr Einkommen durch Arbeit selbst verdienen und selber Miete zahlen können,
können Sie unter Umständen aus dem Wohnheim ausziehen. Wenn Sie weiter im Wohnheim leben,
müssen Sie damit rechnen, dass Sie von Ihrem Arbeitslohn eine hohe Miete für den
Wohnheimplatz zahlen müssen.
 Wenn Sie schon länger als vier Jahre Sozialleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz
erhalten haben und unter § 2 AsylbLG fallen (lesen Sie dazu den entsprechenden Abschnitt in
Kapitel 12.4), sollten Sie ebenfalls die Erlaubnis für einen Umzug in eine Wohnung beantragen.
Gegebenenfalls müssen Sie dafür vorher bei der Ausländerbehörde beantragen, dass eine
entsprechende Auflage in Ihrer Duldung gestrichen wird (Die Auflage lautet zum Beispiel: „Der
Inhaber ist verpflichtet, in der Gemeinschaftsunterkunft … zu wohnen.”).
 Wenn ein Antrag auf eine Unterbringung in der Wohnung abgelehnt wird, können Sie gegen
diese Entscheidung zunächst Widerspruch einlegen. Bleibt dieser erfolglos, besteht die
Möglichkeit, bei dem Verwaltungsgericht dagegen zu klagen. Allerdings sind die Erfolgsaussichten
gering, wenn Sie nicht tatsächlich in Ihrer Situation besondere Gründe (insbesondere psychische
oder physische Beeinträchtigungen) vortragen können, die eine Unterbringung außerhalb einer
Gemeinschaftsunterkunft erforderlich machen.
Residenzpflicht
Als Geduldete/r ist Ihr Aufenthaltsrecht in der Regel auf das Land Niedersachsen beschränkt, in
manchen Fällen aber auch auf einen kleineren Bereich (§ 61 Abs. 1 AufenthG; Vorl. Nds. VVAufenthG Punkt 61.1). Dies ist in Ihrer Duldung vermerkt: „Nur gültig für das Land
Niedersachsen.” Wenn Sie den Ihnen zugewiesenen Aufenthaltsbezirk verlassen wollen, brauchen
Sie eine Genehmigung dafür, die Sie bei der Ausländerbehörde beantragen müssen. Für den Fall,
dass Sie eine Duldung besitzen und bereits seit vier Jahren gestattet oder geduldet in Deutschland
leben und zusätzlich bei Ihnen keine Vorrangprüfung mehr durch die Agentur für Arbeit auf dem
Arbeitsmarkt durchgeführt wird, kann diese räumliche Beschränkung geändert oder aufgehoben
werden. Sie können sich also auch außerhalb von Niedersachsen aufhalten und dort auch Arbeit
suchen (§ 61 Abs. 1 Satz 3 AufenthG).
 Für Termine bei Behörden und Gerichten brauchen Sie keine Genehmigung. Wenn Sie noch
in der ZAAB wohnen, müssen sie diese Termine aber vorher beim Bundesamt und der ZAAB
anzeigen.
 Für Termine beim Rechtsanwaltsbüro, beim Vormund, bei UNHCR oder anderen
Flüchtlingshilfsorganisationen oder bei Gerichtsterminen sollen die Behörden die Erlaubnis
erteilen. Ein solcher Antrag darf also in der Regel nicht abgelehnt werden.
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 Ob die Behörde es Ihnen erlaubt, den Landkreis bzw. Niedersachsen für andere Aktivitäten zu
verlassen, liegt in den meisten Fällen in ihrem Ermessen. Ein Rechtsanspruch darauf besteht nur,
wenn hieran ein dringendes öffentliches Interesse besteht, zwingende Gründe es erfordern oder die
Versagung der Erlaubnis eine unbillige Härte bedeuten würde. Erfahrungsgemäß ist es kein
Problem, eine Erlaubnis zu bekommen für Familienangelegenheiten (Krankenbesuch, Hochzeit,
Sterbefall etc.) oder wichtige Arztbesuche. Bei religiösen Festen verweigern allerdings manche
Behörden die Erlaubnis. Für die Teilnahme an Demonstrationen soll nach den verfassungsrechtlich
fragwürdigen Vorgaben des niedersächsischen Innenministeriums die Reiseerlaubnis sogar generell
verweigert werden.
 Sie sollten gegen die Ablehnung einer Reiseerlaubnis zur Teilnahme an einer Demonstration
Widerspruch einlegen und notfalls klagen. Es ist nicht hinnehmbar, dass durch eine
Verwaltungsvorschrift Grundrechte ausgehebelt werden.
 Aus anderen Gründen, zum Beispiel, um eine Arbeit in einem anderen Landkreis auszuüben,
kann die Ausländerbehörde den Aufenthalt in dem anderen Landkreis auch generell erlauben. Das
wird dann in die Duldung eingetragen.
Für die Ausstellung einer Erlaubnis zum Verlassen des Landes bzw. des Landkreises verlangen
manche Ausländerbehörden eine Gebühr von bis zu 30 Euro.
 Legen Sie der Ausländerbehörde in diesem Fall eine Bescheinigung über Ihr Einkommen oder
ihren Sozialleistungsbezug vor und beantragen Sie, dass Ihnen die Gebühr erlassen wird.
Wenn Sie Ihren Aufenthaltsbezirk ohne Erlaubnis verlassen, droht Ihnen eine Geldstrafe
(„Bußgeld”) (§ 98 Abs. 3 AufenthG). Wenn Sie mehrmals dabei erwischt werden, sogar eine
Gefängnisstrafe (§ 95 Abs. 1 Nr. 7 AufenthG). Noch wichtiger ist: Unter Umständen führt eine
höhere Geld- oder Gefängnisstrafe dazu, dass Sie Ihre späteren Chancen auf ein humanitäres
Aufenthaltsrecht verspielen. Nehmen Sie deshalb eine Strafe wegen Residenzpflichtverletzung
nicht auf die leichte Schulter.
 Zu einem Bußgeldbescheid kann man schriftlich Stellung nehmen. Vielleicht war das Bußgeld
gar nicht gerechtfertigt, weil Sie einen Gerichtstermin hatten. Oder Sie hatten schon einen BAMFBescheid erhalten und Ihre Aufenthaltsgestattung war dadurch zum Zeitpunkt der „Tat” bereits
ungültig. Oder es handelte sich um einen medizinischen Notfall. Schreiben Sie Ihre Gründe auf und
fügen Sie Belege bei (Terminbestätigung, BAMF-Bescheid, ärztliche Bescheinigung). Unter
Umständen wird dann auf das Bußgeld verzichtet und das Verfahren eingestellt. Auch wenn es zum
Gerichtsverfahren gegen Sie kommt, müssen Sie aufpassen: Wenn der Richter oder die Richterin
mehrere kleine Strafen zu einer insgesamt niedrigere Gesamtstrafe zusammenzieht, ist das
eigentlich als Abmilderung gedacht. Eine hohe Gesamtstrafe kann sich aber letztendlich
schädlicher auf ein künftiges Aufenthaltsrecht auswirken als mehrere kleinere. Lassen Sie sich im
Ernstfall noch einmal beraten und gehen Sie, wenn nötig, mit einem Rechtsanwalt oder einer
Rechtsanwältin gegen eine Strafe wegen Residenzpflichtverletzung vor! Das geht in manchen
Fällen auch im Nachhinein, also wenn das Bußgeldverfahren schon abgeschlossen ist. Der
Flüchtlingsrat Niedersachsen kann Ihnen spezialisierte Rechtsanwälte nennen, die sich mit
Residenzpflicht-Strafen gut auskennen.
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Ausreisezentren
Als Abschreckungsmaßnahme und Strafe für eine mangelnde Kooperation bei der Abschiebung
unterhält das Land Niedersachsen seit Jahren so genannte „Ausreisezentren” in Braunschweig und
Oldenburg. Bei diesen Zentren, die eigentlich Abschiebungslager sind, handelt es sich um
Lagerkomplexe innerhalb der ZAAB in Braunschweig und Oldenburg mit jeweils 50 Plätzen. Die
„Ausreisezentren” haben Ähnlichkeiten mit dem Lager in Bramsche, in dem Flüchtlinge ebenfalls
weitgehend isoliert und zur „freiwilligen” Ausreise genötigt werden. Während in Bramsche jedoch
Flüchtlinge leben, die nach wenigen Wochen im Erstaufnahmelager direkt dorthin verteilt wurden
und sich teilweise noch im Asylverfahren befinden, betrifft die Einweisung ins Ausreisezentrum
Flüchtlinge, die bereits in einer dezentralen Unterkunft oder Wohnung gewohnt haben und sich
teilweise schon jahrelang in Deutschland aufhalten. Die Ausländerbehörden werfen ihnen vor, dass
sie ihre Abschiebung durch falsche oder unzureichende Angaben verhindern. Um ihren Widerstand
zu brechen, sollen sie durch regelmäßige Verhöre, persönliche Arbeitsverbote und
Leistungskürzungen unter Druck gesetzt und davon überzeugt werden, dass sie in Deutschland
keine Chance auf ein „normales” Leben haben. Das Innenministerium erhofft sich davon, dass die
betroffenen Flüchtlinge resignieren und ihre Ausreise vorbereiten.
 Gegen die Einweisung in das Ausreisezentrum können Sie vor Gericht Klage einlegen. Dies
sollten Sie unbedingt mit einem Anwalt oder einer Anwältin tun. Da die Klage in der Regel keine
aufschiebende Wirkung hat, müssen Sie zusätzlich einen vorläufigen Rechtsschutzantrag stellen.
 Auch nach einer Einweisung ins Lager können Sie gerichtlich dagegen vorgehen.
Erfahrungsgemäß heben die Verwaltungsgerichte die Entscheidung, Sie ins Lager einzuweisen,
zumindest dann auf, wenn sich herausgestellt hat, dass die Behörden auch über Monate oder Jahre
nicht zu neuen Erkenntnissen gelangt sind und in absehbarer Zeit wohl auch nicht gelangen
werden. Unterstützung für Verfahren zur Entlassung aus einem Ausreisezentrum erhalten Sie unter
anderem beim Flüchtlingsrat Niedersachsen.
14.3 Arbeit und Ausbildung
Im ersten Jahr in Deutschland ist das Arbeiten für Flüchtlinge mit Duldung ganz verboten. Danach
können Sie für eine Berufsausbildung eine Arbeitserlaubnis ohne Arbeitsmarktprüfung erhalten (§
10 Abs. 2 Nr. 1 BeschVerfV). Ansonsten können Sie - falls Sie bislang kürzer als vier Jahre in
Deutschland leben - nur eine „nachrangige” Arbeitserlaubnis bei der Ausländerbehörde beantragen
(§ 10 Abs. 1 BeschVerfV). Diese Arbeitserlaubnis gilt nur für eine ganz bestimmte Tätigkeit in
einem bestimmten Betrieb. Sie müssen sich also vorher darum bemühen, einen Arbeitsplatz zu
finden, und können dann erst den Antrag auf Arbeitserlaubnis dafür stellen. Die Erlaubnis wird
aber nur dann erteilt, wenn für diesen Arbeitsplatz kein/e bevorrechtigte/r Arbeitnehmer/in (das
sind zum Beispiel Deutsche, EU-Bürger/innen oder anerkannte Flüchtlinge) zur Verfügung stehen
und Sie nicht zu schlechteren Arbeitsbedingungen als vergleichbare deutsche Arbeitnehmer/innen
beschäftigt werden.
Manchmal steht in der Duldung der Vermerk: „Erwerbstätigkeit nicht gestattet.” Das muss nicht
heißen, dass Arbeit generell verboten ist. In den meisten Fällen kann trotzdem ein Antrag auf eine
nachrangige Arbeitserlaubnis gestellt werden. Nur in bestimmten Fällen verhängen die Behörden
auch nach einem Jahr noch ein persönliches Arbeitsverbot (lesen Sie dazu den Punkt
„Arbeitsverbot” weiter unten).
Dies sind die Schritte zur nachrangigen Arbeitserlaubnis:
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• Besorgen Sie sich bei der Ausländerbehörde die Formulare „Antrag auf Erlaubnis einer
Beschäftigung, die der Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit bedarf” sowie
„Stellenbeschreibung”.
• Suchen Sie sich eine Arbeitsstelle.
• Der/die Arbeitgeber/in muss die „Stellenbeschreibung” ausfüllen und unterschreiben. Er
sollte sich damit einverstanden erklären, dass sein Stellenangebot von der Agentur für
Arbeit für veröffentlicht wird. Berücksichtigen Sie bei dem Termin für den Arbeitsbeginn,
dass das Antragsverfahren einige Wochen dauert.
• Machen Sie sich Kopien für Ihre Unterlagen und geben die Formulare bei der
Ausländerbehörde ab. Nehmen Sie dazu auch Ihren Ausweis mit.
• Nun müssen Sie bis zu acht Wochen warten. Die Arbeitsagentur sucht bevorrechtigte
Personen für den Arbeitsplatz. Erst wenn die Behörden meinen, dass der Arbeitsplatz nicht
an einen bevorrechtigten Arbeitnehmer vermittelt werden kann, erhalten Sie die
Arbeitserlaubnis.
Die nachrangige Arbeitserlaubnis ist befristet und kann nach Fristablauf verlängert werden.
Beantragen Sie eine Verlängerung also rechtzeitig! Haben Sie länger als zwölf Monate dieselbe
Arbeitsstelle, dann kann die Erlaubnis verlängert werden, ohne dass die Ausländerbehörde wieder
prüft, ob es bevorrechtigte Arbeitnehmer/innen gibt (§ 6 BeschVerfV).
Arbeitserlaubnis ohne Vorrangprüfung
In besonderen Fällen kann eine Arbeitserlaubnis erteilt werden, ohne dass die Arbeitsagentur prüft,
ob es bevorrechtigte Arbeitnehmer/innen gibt. Dabei bleibt die Arbeitsgenehmigung aber an die
beantragte Tätigkeit und den/die Arbeitgeber/in gebunden. Auf die Vorrangprüfung wird verzichtet,
wenn
• Sie im Betrieb Ihres / Ihrer Ehepartner/in, unverheirateten Lebenspartner/in oder sonstigen
Verwandten ersten Grades arbeiten wollen und mit diesen zusammen in einem Haushalt
leben (§ 3 BeschVerfV);
• ein Härtefall vorliegt (Härtefallarbeitsgenehmigung, § 7 BeschVerfV).
Ob eine Härtefallarbeitsgenehmigung erteilt wird, hängt von den besonderen Umständen des
Einzelfalls ab. Ein Härtefall kann zum Beispiel festgestellt werden, wenn eine Person nur
eingeschränkt arbeiten kann, wenn wegen einer Behinderung die Chancen auf einen Arbeitsplatz
ohnehin bereits eingeschränkt sind oder wenn trotz des ungesicherten Aufenthaltsstatus
ausnahmsweise bereits feststeht, dass der Antragsteller (zum Beispiel wegen eines deutschen
Ehepartners) voraussichtlich auf Dauer in Deutschland bleiben wird. Traumatisierten Personen
wird die Arbeitserlaubnis ohne Vorrangprüfung erteilt, wenn die Beschäftigung von dem
behandelnden Arzt/Psychotherapeuten als wichtiger Teil der Therapie bezeichnet wird.
à Prüfen Sie, ob in Ihrem Fall konkrete Gründe für eine Härtefallarbeitsgenehmigung vorliegen.
Versuchen Sie gegebenenfalls mit Hilfe einer Beratungsstelle, den Anspruch auf eine
Härtefallarbeitsgenehmigung durchzusetzen.
Unbeschränkte Arbeitserlaubnis ohne Vorrangprüfung und ohne Lohnprüfung
Wenn Sie bereits seit vier Jahren oder länger mit einer Duldung, einer Aufenthaltsgestattung oder
Aufenthaltserlaubnis in Deutschland leben (die Zeiten mit verschiedenen Papieren werden
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zusammengerechnet), haben Sie Anspruch auf eine unbeschränkte Arbeitserlaubnis (§ 10 Abs. 2
Nr. 2 BeschVerfV) - es sei denn, Sie unterliegen einem Arbeitsverbot (s.u.). Falls die
Ausländerbehörde Ihnen nach vierjährigem Aufenthalt nicht automatisch diese unbeschränkte
Zustimmung zur Beschäftigung in Ihre Duldung stempelt, sollten Sie diese dort beantragen. Nach
den Durchführungsanweisungen der Bundesagentur für Arbeit muss die Agentur für Arbeit zwar
weiterhin meistens beteiligt werden. Sie muss aber einer unbeschränkten Arbeitserlaubnis
zustimmen, wenn Sie vier Jahre hier leben. Falls die Arbeitserlaubnis dennoch nicht erteilt wird
sollten Sie
• Widerspruch bei der Ausländerbehörde innerhalb von vier Wochen einlegen, wenn Ihr
Antrag nur mündlich abgelehnt worden ist, haben Sie sogar ein Jahr Zeit.
• Gleichzeitig einen Eilantrag beim Verwaltungsgericht einreichen, da sonst Ihre freie Stelle
an andere Personen vergeben würde.
• Sich von einer guten Beratungsstelle oder einem guten Rechtsanwalt beraten lassen.
Die unbeschränkte Arbeitserlaubnis darf nicht auf einen bestimmten Betrieb, eine bestimmte
Tätigkeit oder einen bestimmten Arbeitszeitumfang beschränkt werden (§ 10 Abs. 2 Satz 2 in
Verbindung mit § 13 BeschVerfV). Das bedeutet, Sie können nun jederzeit und ohne einen neuen
Antrag stellen zu müssen, Ihre Arbeit wechseln.
Falls Sie eine Arbeitserlaubnis ohne Vorrangprüfung erhalten können, kann die Ausländerbehörde
von der Residenzpflicht, die normalerweise auf das Bundesland Niedersachsen beschränkt werden
muss, abweichen: Sie dürfen auch in einem anderen Bundesland oder in einem anderen Landkreis
arbeiten, bzw. sich dort Arbeit suchen (§ 61 Abs. 1 Satz 1 AufenthG). Allerdings dürfen Sie dort
nicht ohne weiteres wohnen.
Ausbildung
Um mit Duldung eine betriebliche Ausbildung beginnen zu können, brauchen Sie eine
Arbeitsgenehmigung. Dafür gelten im Prinzip dieselben Regelungen wie bei der Aufnahme einer
Arbeit. Allerdings können Sie seit Januar 2009 die Ausbildungserlaubnis ohne Vorrang- und
Lohnprüfung bereits nach dem ersten Jahr des Aufenthalts und nicht erst nach dem vierten Jahr
erhalten. Nichtbetriebliche, das heißt schulische Ausbildungen können Sie sowieso ohne
Arbeitserlaubnis absolvieren. Fach- und Berufsfachschulen vermitteln in Vollzeitunterricht die für
den Beruf erforderlichen Kenntnisse. Schulische Ausbildungen werden u.a. in folgenden Bereichen
angeboten:
•
•
•
•
•
•
Fremdsprachen
Gestaltung
Informationstechnik
Sozial- und Gesundheitswesen
Technik
Wirtschaft
Eine berufliche Vorbildung ist für den Besuch einer Berufsfachschule nicht erforderlich, zum Teil
werden jedoch Praktika in den jeweiligen Tätigkeitsfeldern erwartet. Mindestens ein
Hauptschulabschluss ist erforderlich, meistens sogar ein Realschulabschluss. Oft gibt es mehr
Bewerber/innen als Ausbildungsplätze und es kommt zu einem Auswahlverfahren.
Auswahlkriterien können bestimmte Schulnoten, der Notendurchschnitt oder auch die Art der
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schulischen Vorbildung und die Wartezeit sein. Auch Eignungsprüfungen und
Vorstellungsgespräche sind üblich. Schulische Ausbildungen kosten oft Gebühren.
Ausbildungsstellen ohne Gebühren gibt es zum Beispiel für Erzieher/innen,
Heilerziehungspfleger/innen oder Hebammen, Medizinisch-technische/r Assistenten/innen.
à Erkundigen Sie sich bei der für Sie zuständigen Arbeitsagentur nach kostenlosen schulischen
Ausbildungsangeboten oder schauen Sie im Internet nach unter
http://infobub.arbeitsagentur.de/kurs/index.jsp.
Seit dem 1. Januar 2009 haben Sie auch einen Anspruch auf Berufsausbildungsbeihilfe (BAB),
die die Arbeitsagentur in bestimmten Fällen zusätzlich zum Azubi-Gehalt zahlt, wenn Sie sich
bereits seit vier Jahren in Deutschland aufhalten. Die Zeiten, in denen Sie eine
Aufenthaltsgestattung oder eine Aufenthaltserlaubnis besessen haben, zählen dabei mit (§§ 63 Abs.
2a SGB III).
Arbeitsgelegenheiten
Nach § 5 AsylbLG können Sie verpflichtet werden, „gemeinnützige Arbeit” zu leisten. Oft sind dies
Putz- oder Aufräumarbeiten im Wohnheim, aber auch andere Arbeiten sind möglich, zum Beispiel
Laubharken im städtischen Park. Für diese Arbeit erhalten Sie zusätzlich zu Ihren Sozialleistungen
1,05 Euro pro Stunde. Regulär angestellt werden Sie allerdings nicht. Wenn Sie sich weigern, die
angebotene Arbeit auszuführen, oder ohne Entschuldigung fehlen, kann das Sozialamt Ihre
Sozialleistungen kürzen. Gekürzt werden darf im Regelfall nur ein Teil des Barbetrags der Person,
die die Arbeit verweigert. Die Sozialleistungen für Kinder dürfen also wegen verweigerter
gemeinnütziger Arbeit nicht gekürzt werden.
à Wenn es wichtige Gründe dafür gibt, dass Sie eine gemeinnützige Arbeit nicht ausführen
können oder wollen (z.B. Krankheit, fehlende gesundheitliche Eignung für die konkrete Tätigkeit,
fehlende Betreuungsmöglichkeit für die Kinder oder anderes), teilen Sie das dem Sozialamt so
schnell wie möglich mit. Wenn Sie krank sind, sollten Sie ein Attest vorlegen, aus dem Ihre
Arbeitsunfähigkeit hervorgeht. Wenn Ihre Sozialleistungen gekürzt wurden, muss die Kürzung
wieder aufgehoben werden, sobald Sie ihre Arbeitsbereitschaft zeigen. Sollten Ihre
Sozialleistungen zu Unrecht oder zu stark gekürzt werden oder auch andere Familienangehörige
betreffen, wenden Sie sich an einen Rechtsanwalt, eine Rechtsanwältin oder eine Beratungsstelle.
à Das Sozialamt muss Ihnen mit der Zuweisung der Arbeitsstelle schriftlich Informationen über
den Arbeitsort, die Arbeitszeiten sowie eine Beschreibung der konkreten Tätigkeit mitteilen.
à Die Tätigkeit muss „gemeinnützig” und „zusätzlich” sein. Durch die Tätigkeit dürfen also
keine regulären Arbeitskräfte eingespart werden, und sie darf nicht dem Profit einer privaten Person
oder Firma dienen.
à Wenn Sie Leistungen nach § 2 AsylbLG erhalten, ist die Möglichkeit der „gemeinnützigen
Arbeit” gesetzlich nicht eindeutig geregelt. Manche Sozialämter bieten auch in diesen Fällen
„gemeinnützige Arbeit” an.
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Arbeitsverbot
Eine Arbeitsaufnahme kann Geduldeten auch ganz verweigert werden (§ 11 BeschVerfV). Zwei
Begründungen werden von den Ausländerbehörden zur Rechtfertigung eines allgemeinen
Arbeitsverbots genannt:
1. Die Ausländerbehörde behauptet, Sie seien nach Deutschland geflohen, um Leistungen nach
dem Asylbewerberleistungsgesetz zu beziehen. Diese Begründung ist oft falsch: Selbst
wenn auch materielle Not ein Motiv für die Einreise war, so darf das Arbeitsverbot nur
ausgesprochen werden, wenn der Bezug von sozialen Leistungen entscheidend für die
Einreise nach Deutschland war. Haben andere Gründe (zum Beispiel die Flucht vor dem
Krieg) eine wesentliche Rolle gespielt, darf mit dieser Begründung kein Arbeitsverbot
verhängt werden. Wenn Sie vor Ihrer Duldung einen Asylantrag gestellt haben, kann dieser
Fall in der Regel auf Sie nicht zutreffen. Denn dann haben Sie ja im Asylverfahren schon
deutlich gemacht, dass Sie hier Schutz suchen und aus welchen Gründen.
2. Die Ausländerbehörde behauptet, Sie würden durch Ihr Verhalten eine Abschiebung
verhindern. Dies geschieht zum Beispiel, wenn Sie sich weigern, ein Formblatt zur
Beantragung eines Passes auszufüllen, wenn Sie die Botschaft Ihres Herkunftsstaates nicht
besuchen wollen oder falsche Angaben zu Ihrer Identität machen. Die Ausländerbehörde
muss Ihnen mitgeteilt haben, welche konkreten Handlungen sie von Ihnen erwartet. Diese
Mitwirkungshandlungen müssen verhältnismäßig und zumutbar sein.
Ein Arbeitsverbot ist nur solange zulässig, wie Ihr Verhalten eine Abschiebung verhindert. Es spielt
also keine Rolle, ob Sie früher einmal die Abschiebung verhindert haben, entscheidend ist die
aktuelle Situation. Auch muss die Abschiebung allein an Ihrem Verhalten scheitern. Wenn auch aus
anderen Gründen eine Abschiebung nicht möglich ist, zum Beispiel weil der Herkunftsstaat
grundsätzlich keine Heimreisedokumente ausstellt, weil dies wegen des Schutzes von Ehe und
Familie nach der deutschen Verfassung gar nicht erlaubt wäre oder weil Sie wegen einer schweren
Krankheit im Moment nicht abgeschoben werden können, darf kein generelles Arbeitsverbot erteilt
werden. Rechtswidrig ist das Arbeitsverbot auch dann, wenn Sie sich weigern, in Ihr Herkunftsland
„freiwillig” auszureisen, ansonsten aber Ihre Pflichten erfüllen.
à Wenn die Ausländerbehörde Ihnen eine Arbeitserlaubnis verweigert, bestehen Sie auf einer
schriftlichen Begründung. Wenn Ihnen mit einer der obigen Begründungen ein generelles
Arbeitsverbot erteilt wurde, wenden Sie sich an Ihren Rechtsanwalt oder Ihre Anwältin oder eine
Beratungsstelle, um zu klären, ob das Arbeitsverbot rechtmäßig ist, und gegebenenfalls weitere
Schritte zu unternehmen.
14.4 Soziale Sicherung
Ihre Rechte auf soziale und medizinische Versorgung sind im Asylbewerberleistungsgesetz
geregelt. Danach erhalten Sie, mindestens für die ersten vier Jahre, sehr viel geringere
Sozialleistungen als die meisten Deutschen und selbst diese geringen Leistungen erhalten Sie
vorwiegend als „Sachleistungen”, in der Regel in Gutscheinen. Welche Leistungen Sie genau
erhalten, hängt davon ab, ob Sie unter
• §§ 3-7 AsylbLG
• § 2 AsylbLG
• oder unter § 1a AsylbLG fallen.
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Etwas anderes gilt, wenn Sie sozialversicherungspflichtig gearbeitet haben und arbeitslos sind.
Dann bekommen Sie unter bestimmten Bedingungen für eine kurze Zeit Arbeitslosengeld I.
Einen darauf folgenden Anspruch auf Arbeitslosengeld II haben Sie nicht (§ 7 SBG II).
Die vier Möglichkeiten werden im Folgenden erklärt.
Absicherung bei Arbeitslosigkeit (ALG I)
Wenn Sie Ihre Arbeit verloren haben, haben Sie unter Umständen einen Anspruch auf
Arbeitslosengeld I (ALG I) erworben. Das gilt, wenn Sie
• innerhalb der letzten zwei Jahre mindestens zwölf Monate sozialversicherungspflichtig
beschäftigt waren,
• sich darum bemühen, wieder Arbeit zu erhalten,
• den Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung stehen.
 Um ALG I zu erhalten, müssen Sie sich bei der Arbeitsagentur Arbeit suchend melden. Dafür
haben Sie, wenn Sie von Ihrer Kündigung bzw. dem Ende Ihrer Arbeitsverhältnisses erfahren, nur
drei Tage Zeit (§ 122 SGB III). Melden Sie sich später, müssen Sie damit rechnen, dass Ihnen die
Leistungen für die ersten sieben Tage gestrichen werden (§ 128 Nr. 3 SGB III). ALG I wird nicht
rückwirkend gezahlt, sondern frühestens ab dem Tag Ihrer Meldung als Arbeit suchend.
Das ALG I beträgt 67% Ihres Nettolohns, wenn Sie Kinder haben, und 60% ohne Kinder. Die
Dauer des ALG I beträgt zwischen sechs und zwölf Monaten und ist davon abhängig, wie lange Sie
innerhalb der letzten zwei Jahre gearbeitet haben (§ 127 SGB III). Personen ab 50 Jahre können
künftig bis zu bis zu 15 Monate, Personen ab 55 Jahre bis zu 18 Monate und Personen ab 58 Jahre
bis zu 24 Monate lang ALG I erhalten, wenn Sie Beschäftigungszeiten bis zu vier Jahren vorweisen
können. Liegt Ihr Anspruch auf ALG I niedriger als ihre Sozialleistungen nach dem
Asylbewerberleistungsgesetz, wären, wird dies ergänzend gezahlt.
Nach Ablauf der Bezugszeit von ALG I erhalten Sie nicht, wie die meisten anderen Arbeitslosen,
ALG II, sondern nur Sozialleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.
 Um (nach dem Ende von ALG I oder währenddessen) Sozialleistungen nach AsylbLG zu
erhalten, müssen Sie rechtzeitig einen Antrag beim Sozialamt stellen.
Sozialleistungen nach §§ 3-7 AsylbLG
Im Normalfall erhalten Sie mindestens für vier Jahre die Grundleistungen nach §§ 3-7 AsylbLG.
Danach erhalten Sie in Niedersachsen
• eine Unterkunft,
• Gutscheine für Lebensmittel, Kleidung, Hygieneartikel und alles sonst Notwendige
insgesamt in folgender Höhe: 184,07 Euro monatlich für Alleinstehende bzw. den
Haushaltsvorstand; 158,50 Euro für Haushaltsangehörige ab 7 Jahren, 112,48 Euro für
Kinder bis 6 Jahren, im Wohnheim werden hiervon Beträge zwischen 20 und 35 Euro für
Haushaltswaren (zum Beispiel Glühbirnen, Besen, Staubsauger) und Energiekosten
abgezogen,
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• einen zusätzlichen Bargeldbetrag von 40,90 Euro/Monat (für Personen ab 14 Jahre) und
20,45 Euro (für Kinder bis 13 Jahre).
Diese Leistungen teilen sich in Niedersachsen wie folgt auf:
Ernährung
Eine gesunde Ernährung muss Ihnen möglich sein. Auch sollen religiöse und durch
Schwangerschaft oder Krankheit bedingte besondere Ernährungsgewohnheiten bei der Versorgung
beachtet werden. Wenn Ihnen das nicht möglich ist, stellen Sie einen schriftlichen „Antrag auf
besondere Ernährung nach § 6 AsylbLG” bei Ihrem Sozialamt. Begründen Sie Ihren Antrag (z.B.
Schwangerschaft, Diabetes, Neurodermitis usw.).
Bekleidungsgeld
Das monatliche Bekleidungsgeld in Höhe von 15,34 € wird von den Sozialämtern meist
halbjährlich in Form von Gutscheinen ausgegeben. Das Bekleidungsgeld steht Ihnen in jedem Fall
zu, auch wenn Sie noch genügend Kleidung haben.
Ge- und Verbrauchsgüter des Haushaltes
Der Betrag für Ge- und Verbrauchsgüter des Haushalts kann Ihnen von Ihren Leistungen
abgezogen werden, wenn Sie in einer Gemeinschaftsunterkunft leben. Das geht allerdings nur,
wenn das Wohnheim Ihnen kostenlos u.a. folgende Dinge zur Verfügung stellt: Möbel (Bett, Stuhl,
Tisch, Schrank usw.), Bettdecke und Bettwäsche, Handtücher, Küchenausstattung (Herd,
Kochtöpfe, Geschirr usw.), Waschmaschine und Waschmittel, WC-Papier, Putz- und
Reinigungsmittel, Heizung, Haushaltsenergie (Warmwasser, Kochen, Strom).
 Im Wohnheim sind viele Dinge oft nicht vorhanden oder defekte Gegenstände werden nicht
ersetzt. Verlangen Sie die Bereitstellung der Dinge, die Sie brauchen, und beschweren Sie sich,
wenn nötig, beim Sozialamt. Manchmal ist es sinnvoll, einen schriftlichen Antrag zu verfassen.
Wenn das nicht hilft, können Sie einen schriftlichen „Widerspruch” an das Sozialamt schreiben.
Dabei kann Sie eine Beratungsstelle unterstützen.
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Wenn Sie in einer Wohnung wohnen, müssen Sie Strom und Gas, Putz- und Reinigungsmittel in
der Regel selbst bezahlen. Dann sind Kürzungen bei den Ge- und Verbrauchsgütern unzulässig.
Gutscheinpraxis
In Niedersachsen erhalten Sie Leistungen für Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs
in Form von Gutscheinen ausgezahlt. Damit sind Sie in Ihrem Alltag stark eingeschränkt. Politische
Proteste und Aktionen dagegen haben in anderen Bundesländern dazu geführt, dass Bargeld
ausgezahlt wird. Die Niedersächsische Landesregierung bleibt in diesem Punkt aber hart und
verlangt von den Kommunen, kein Bargeld zu gewähren. In manchen Bundesländern ist es auch
noch schlimmer, dort erhalten Flüchtlinge Essen und Hygieneartikel in Paketen zugeteilt.
 In vielen Kommunen Niedersachsens gibt es politische Initiativen, die zumindest einen
kleinen Teil Ihrer Gutscheine in Bargeld umtauschen und selber damit einkaufen gehen.
Erkundigen Sie sich beim Flüchtlingsrat Niedersachsen, ob es einen Umtausch in Ihrer Stadt gibt.
 Sie haben nur eine sehr geringe Chance, beim Sozialamt Bargeld für sich durchzusetzen. Das
wäre zum Beispiel denkbar, wenn Sie gehbehindert oder krank sind und der Weg zum nächsten
Laden, der Gutscheine akzeptiert, zu weit weg ist.
 Wenn Sie sich mit den Gutscheinen diskriminiert fühlen oder in bestimmten Geschäften unfair
behandelt werden (zum Beispiel gar kein Wechselgeld erhalten, was illegal wäre!), können Sie das
auch öffentlich machen. Gehen Sie zur örtlichen Presse und besuchen Sie die Parteien. Schreiben
Sie an das Niedersächsische Innenministerium und schildern Sie Ihre Erfahrungen. Schließen Sie
sich einer Initiative an oder gründen Sie mit anderen Flüchtlingen und Unterstützern eine Initiative,
um gegen die Gutscheine zu kämpfen. Sprechen Sie die örtliche Presse an und versuchen Sie so,
unfaire Geschäfte zu einer anderen Praxis zu bewegen.
Höhere Leistungen nach § 2 AsylbLG - keine Gutscheine mehr
Wenn Sie vier Jahre Leistungen nach dem AsylbLG bezogen haben, werden Ihre Leistungen nach
§ 2 AsylbLG möglicherweise auf das Niveau der Sozialhilfe für Deutsche erhöht. Für die
Vierjahresfrist zählen nur die Zeiten der tatsächlichen Inanspruchnahme von AsylbLG-Hilfe, egal
ob mit Aufenthaltsgestattung oder Duldung.
Für die Vierjahresfrist zählen die Zeiten, in denen Sie tatsächlich Leistungen nach dem
Asylbewerberleistungsgesetz in Anspruch genommen haben. Wenn Sie sich also zum Beispiel ein
Jahr lang durch Arbeit selbst finanzieren, zählt dieses Jahr nicht mit, und die Bezugszeit verlängert
sich um ein Jahr.
Ob für die Berechnung der Bezugszeiten andere Sozialleistungen angerechnet werden
(Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe), ist umstritten. Nach Ansicht des niedersächsischen
Innenministeriums zählen diese Zeiten für die Vierjahresfrist nicht mit (Erlass vom 4.9.2007).
Auch das Bundessozialgericht hat im Jahr 2008 entschieden, dass zumindest Leistungen nach § 2
AsylbLG nicht auf die Vierjahresfrist angerechnet werden. Wenn bei Ihnen für die Berechnung der
Vierjahresfrist der Bezug anderer Sozialleistungen nach Ansicht des Sozialamtes nicht angerechnet
werden soll, wenden Sie sich bitte an eine Beratungsstelle.
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Für geduldete Flüchtlinge gibt es außerdem eine entscheidende Bedingung: Nur wer die Dauer
seines Aufenthalts nicht „rechtsmissbräuchlich” selbst beeinflusst hat, kann Leistungen nach § 2
AsylbLG erhalten. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn Sie durch falsche Namens- oder
Herkunftsangaben oder die Weigerung, bei der Passbeschaffung mitzuwirken, eine ansonsten
mögliche Abschiebung verhindert haben. Allein die Tatsache, dass Sie nicht freiwillig ausreisen,
reicht in der Regel nicht aus, um Ihnen Leistungen nach § 2 AsylbLG zu verweigern - insbesondere
dann nicht, wenn Ihnen eine Ausreise nicht zuzumuten wäre. Die Frage, ob Sie selbst Ihren
Aufenthalt vorsätzlich verlängert haben ist, muss vom Sozialamt geprüft werden. Das Sozialamt
darf sich dabei nicht einfach auf die Einschätzung der Ausländerbehörde berufen, sondern muss
selbst alle Argumente abwägen.
Die höheren Leistungen werden oft zu Unrecht verweigert! Sollte das Sozialamt Ihnen nach
vierjährigem Leistungsbezug weiterhin nur Gutscheine nach § 3 AsylbLG gewähren, holen Sie sich
rechtliche Hilfe! Legen Sie Widerspruch gegen Ihren Bescheid ein und wenden Sie sich
gegebenenfalls auch mit einer Klage und einem Eilantrag an das Sozialgericht.
 Sie können auch versuchen, zu Unrecht verweigerte Leistungen nach § 2 AsylbLG lange Zeit
später nachzufordern (§ 44 SGB X). Denn eigentlich muss das Sozialamt automatisch die höheren
Leistungen gewähren, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind.
Die Leistungen nach § 2 AsylbLG orientieren sich an der „Sozialhilfe” nach dem Zwölften
Sozialgesetzbuch (SGB XII). In Niedersachsen gelten seit Juli 2008 folgende Leistungen nach § 2
AsylbLG:
Regelsatz
(Seit Juli
08)
Alleinstehende/
Alleinerziehende
Volljährige
Partner
Haushaltsangehörige
0 bis 13 Jahre
Haushaltsangehörige
ab 14 Jahre
in %
100 %
90 %
60 %
80 %
in €
351 €
316 €
211 €
281 €
Zusätzlich übernimmt das Sozialamt die Kosten für Unterkunft und Heizung: Bezahlt wird die
„angemessene” Miete für eine Wohnung, jedoch nicht die Kosten für Haushaltsenergie (Strom für
Licht, Warmwasser, Kochen).
• Erkundigen Sie sich bei einer Beratungsstelle oder beim Mieterverein, bis zu welcher Höhe
das Sozialamt die Miete für eine Wohnung für Sie (und Ihre Familie) übernehmen muss.
Wenn Sie weiterhin in einer Gemeinschaftsunterkunft leben, werden die Regelsätze wegen der dort
kostenlos bereitgestellten Ge- und Verbrauchsgüter des Haushalts oder auch Hygieneartikeln um
die entsprechenden Teilbeträge gekürzt (s. Tabelle oben).
In bestimmten Lebenslagen erhöhen sich die Regelsätze um einen Mehrbedarfszuschlag:
• bei Alleinerziehenden mit einem oder mehreren Kindern,
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• bei Schwangeren ab der 13. Woche,
• bei Kranken, die sich in besonderer Weise kostenaufwändig ernähren müssen (z.B.
Krebserkrankung, HIV, schwere chronische Magen- oder Darmerkrankung; Leber- oder
Nierenerkrankung),
• bei dauerhaft erwerbsunfähigen, anerkannten Schwerbehinderten mit Ausweis G).
Zusätzlich kann man auf Antrag einmalige Beihilfen erhalten, so für Erstausstattungen bei
Schwangerschaft und Geburt (Kleidung, Kinderwagen, Kinderbett usw.), Erstausstattungen an
Möbeln und Hausrat (wenn erstmals eine Wohnung bezogen wird, bzw. die beantragten
Gegenstände bisher nicht vorhanden waren), sowie für mehrtägige Klassenfahrten der Schule.
Anstelle der bisher vom Sozialamt gewährten Krankenscheine erhalten Sie auf Kosten des
Sozialamts eine Krankenversichertenkarte (Chipkarte) von einer gesetzlichen Krankenkasse Ihrer
Wahl (§ 264 SGB V). Sie haben damit einen uneingeschränkten Anspruch auf Krankenbehandlung
wie deutsche Versicherte.
Die Leistungen nach § 2 AsylbLG sollten Sie nicht mehr in Gutscheinen, sondern in Bargeld
erhalten. Wenn Sie in einer Wohnung leben, haben Sie auf jeden Fall Anspruch auf Bargeld.
Solange Sie noch im Wohnheim leben, kann das Sozialamt argumentieren, dass weiter nur
Gutscheine gezahlt werden, zum Beispiel, um Konflikte im Wohnheim zu vermeiden, weil einige
Bewohner über Bargeld, andere aber nur über Gutscheine verfügen.
 Tipp: Sobald Sie Leistungen nach § 2 AsylbLG erhalten, sollten Sie erstens die Erlaubnis für
den Umzug in eine Wohnung (siehe dazu den Abschnitt „Wohnen” in Kapitel 12.2) und zweitens
die Auszahlung in Bargeld beantragen und gegebenenfalls auch gerichtlich durchzusetzen
versuchen. Lassen Sie sich von einer Beratungsstelle unterstützen.
Anspruchseinschränkung nach § 1a AsylbLG
Nach § 1a AsylbLG können für Geduldete die ohnehin geringen Leistungen nach dem AsylbLG
noch weiter bis auf das „unabweisbar Gebotene” eingeschränkt werden. Dies bedeutet in
Niedersachsen in der Regel eine Streichung des Bargeldbetrags (bei Erwachsenen 40,90 Euro).
Wenn Sie vom Sozialamt nach § 1a AsylbLG eingestuft werden, müssen Sie oft auch damit
rechnen, dass Sie ein Arbeitsverbot von der Ausländerbehörde erhalten (Lesen Sie dazu im Kapitel
Arbeit den Abschnitt Arbeitsverbot” in Kapitel 12.3). In manchen Fällen geht mit der Einstufung
nach § 1a AsylbLG auch einher, dass Sie gezwungen werden, in ein so genanntes Ausreisezentrum
(in Braunschweig) umzuziehen. Dort will man Sie durch möglichst unangenehme
Lebensbedingungen (permanente Befragungen, Arbeitsverbot, strikte Residenzpflicht und anderes)
zwingen, an Ihrer Abschiebung mitzuwirken (Lesen Sie dazu auch im Kapitel 12.2 den Abschnitt
„Ausreisezentren“).
Im Gesetz sind zwei mögliche Gründe genannt, nach denen eine Kürzung nach § 1a AsylbLG
erfolgt:
• Jemand ist vor allem deshalb nach Deutschland eingereist, um Sozialleistungen zu beziehen.
• Die Abschiebung ist wegen des Verhaltens des Flüchtlings unmöglich.
Wenn Sie vor Ihrer Duldung einen Asylantrag gestellt haben, kann der erste Fall in der Regel auf
Sie nicht zutreffen. Denn dann haben Sie ja im Asylverfahren schon deutlich gemacht, dass Sie hier
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Schutz suchen und aus welchen Gründen. Wenn Sie jedoch eingereist sind und nur eine Duldung
beantragt haben, kann es sein, dass Ihnen das Sozialamt unterstellt, vor allem wegen der
Sozialleistungen gekommen zu sein.
 In diesem Fall ist es wichtig, den Behörden frühzeitig klarzumachen, dass Sie zum Beispiel
Schutz vor dem Krieg suchen und keinesfalls wegen der Sozialleistungen hierher gekommen sind.
Notfalls müssen Sie Widerspruch erheben und gegebenenfalls eine Klage und einen Eilantrag vor
Gericht einlegen.
Der zweite Fall ist weit häufiger: Oft wird geduldeten Flüchtlingen vorgeworfen, dass sie nicht
genug tun, um ihre Abschiebung zu ermöglichen, oder ihre Abschiebung durch das Wegwerfen
ihres Passes oder die Angabe falscher Personaldaten bewusst verhindert haben. Dazu zählt vor
allem die Passbeschaffung, die Angabe aller persönlichen Daten, eventuell Botschaftsbesuche und
anderes. Wenn Sie solche Handlungen nicht unternehmen, obwohl die Ausländerbehörde Sie dazu
auffordert, müssen Sie mit einer Kürzung Ihrer Leistungen rechnen. Auch wenn Sie sich schon
einmal bei einem Abschiebungstermin versteckt haben oder sich bei einem Abschiebungsversuch
körperlich gewehrt haben, wird dies vermutlich eine Kürzung Ihrer Leistungen nach § 1a AsylbLG
nach sich ziehen.
Eine Kürzung ist aber rechtswidrig,
• wenn Sie sich lediglich weigern, freiwillig auszureisen, Ihre Mitwirkungspflichten bei der
Passbeschaffung aber erfüllen,
• wenn Sie Ihre Mitwirkungspflichten bei der Passbeschaffung zwar früher verletzt haben,
inzwischen aber alle erforderlichen Dinge tun,
• wenn Sie derzeit ohnehin nicht abgeschoben werden könnten, zum Beispiel wegen
Krankheit oder Schwangerschaft oder weil gerade ein Abschiebungsstopp für Ihr
Herkunftsland verhängt wurde.
 Wenn Ihre Leistungen nach § 1a AsylbLG gekürzt werden, sollten Sie in jedem Fall prüfen, ob
dies rechtmäßig ist. Die Behörde muss eine Kürzung schriftlich begründen, wenn Sie das
verlangen. Sie haben dann einen Monat Zeit, Widerspruch gegen die Kürzung einzulegen und
gegebenenfalls eine Klage und einen Eilantrag an das Gericht zu schicken. Sie können aber auch
gegen einen mündlichen Bescheid Widerspruch erheben und Rechtsmittel einlegen. Lassen Sie sich
dabei von einer Beratungsstelle und/oder einem Anwaltsbüro helfen.
 Beachten Sie auch, für welches Mitglied Ihrer Familie die Kürzungen vollzogen werden.
Wenn zum Beispiel nur ein Elternteil die Mitwirkung an der Passbeschaffung verweigert, ist eine
Kürzung für die Kinder und den/die Partner/in rechtswidrig. Auch in diesem Fall sollten Sie sich
rechtlich wehren.
14.5 Medizinische Versorgung
Im Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) gibt es zwei Paragrafen, die die Krankenversorgung
regeln: § 4 AsylbLG und § 6 AsylbLG. Darin steht:
• Medizinische Versorgung, (zahn-)ärztliche Hilfe und sonstige erforderlichen Leistungen
müssen bei allen akuten oder akut behandlungsbedürftigen Erkrankungen gewährt werden.
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• Medizinische Versorgung, (zahn-)ärztliche Hilfe und sonstige erforderlichen Leistungen
müssen bei allen mit Schmerzen verbundenen Erkrankungen gewährt werden.
• Eine Versorgung mit Zahnersatz erfolgt nur, wenn dies „unaufschiebbar” (das heißt jetzt
unmittelbar notwendig) ist.
• Bei Schwangerschaft und Geburt erhalten Frauen alle auch für Deutsche üblichen
medizinischen Leistungen bei Arzt und Krankenhaus, sämtliche Vorsorgeuntersuchungen
für Mutter und Kind, Hebammenhilfe, Medikamente und Heilmittel.
• „Sonstige” medizinische Leistungen müssen gewährt werden, wenn dies „zur Sicherung der
Gesundheit unerlässlich” ist.
Die Regelungen zur medizinischen Versorgung machen in der Praxis oft Schwierigkeiten. Manche
Ärzte tun nicht alles, was nötig wäre. Damit der Arzt Sie behandelt, müssen Sie in der Regel einen
Krankenschein vorlegen. Manche Sozialämter lehnen Anträge ab oder schicken Flüchtlinge, die um
einen Krankenschein bitten, wieder weg, weil sie meinen, dass die Krankheit nicht akut, sondern
chronisch sei. Probleme gibt es vor allem mit Heil- und Hilfsmitteln wie Brillen, Hörgeräten,
Prothesen, Rollstühlen, aber auch Medikamenten und Operationen.
Nach unserer Rechtsauffassung werden die Paragrafen der Krankheitsversorgung in der Praxis zu
eng und von vielen Ärzten zu ängstlich ausgelegt. Es gibt viele, teilweise auch von Gerichten
bestätigte Argumente, die für eine Behandlung in den meisten Fällen sprechen. Hierzu einige
Hinweise:
 Die meisten chronischen Krankheiten sind auch gleichzeitig schmerzhaft, viele können sich
akut verschlechtern, wenn keine Behandlung erfolgt (z.B. Diabetes oder eine Gehbehinderung).
Deshalb sind solche dauerhaften Krankheiten auch vom Arzt zu behandeln.
 Ein Zahnersatz ist „unaufschiebbar”, wenn Folgeschäden drohen. Das heißt, wenn ohne
Behandlung weitere Zähne verloren gehen können oder wenn eine Magenerkrankung droht, weil
Sie nicht mehr richtig kauen können.
 Die Verweigerung von Krankenscheinen durch das Sozialamt ist rechtswidrig, weil der/die
Sozialamtsmitarbeiter/in gar nicht beurteilen kann, ob eine akute Erkrankung vorliegt und was zur
Sicherung der Gesundheit „unerlässlich” ist. Die Diagnose durch einen Arzt muss in jedem Fall
möglich sein.
 Viele „sonstige” Leistungen können für die Gesundheit unerlässlich sein: Zum Beispiel
Mehrkosten für besondere Ernährung bei Schwangerschaft oder bestimmten Krankheiten,
Versorgung und Pflege von Behinderten und Pflegebedürftigen; Psychotherapie (zum Beispiel nach
Kriegserfahrungen, Folter oder Vergewaltigung); Reha-Maßnahmen nach Schlaganfall oder Unfall;
Fahrtkosten, wenn sonst keine Möglichkeit besteht, zum Arzt oder Krankenhaus zu gelangen und
anderes.
 Um bestimmte Leistungen zu erhalten, tragen Sie beim Sozialamt gute Gründe vor (dass Sie
Schmerzen haben, dass die Krankheit jetzt akut ist, dass Ihre Erkrankung sich verschlimmert, wenn
nicht behandelt wird; warum eine bestimmte Leistung für die Gesundheit unerlässlich ist).
 In bestimmten Fällen kann ein Attest oder Gutachten helfen, einen Anspruch beim Sozialamt
durchzusetzen: Zum Beispiel wenn die Schule oder eine Logopädin bescheinigt, dass ein Kind ein
Hörgerät braucht, um in seiner sprachlichen und geistigen Entwicklung nicht geschädigt zu werden.
Oder wenn ein Arzt bescheinigt, dass eine Brille notwendig ist, weil jemand sonst im
Straßenverkehr erheblich gefährdet ist.
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 Wenn Ihnen ärztliche Hilfe, Heil- oder Hilfsmittel verweigert werden, können Sie beim
Sozialamt dagegen Widerspruch einlegen. Dann muss die Entscheidung noch einmal überprüft
werden. Dafür haben Sie einen Monat, bei nur mündlicher Ablehnung ein Jahr Zeit, um einen
Widerspruch einzulegen. Eine Beratungsstelle hilft Ihnen, einen schriftlichen Widerspruch zu
verfassen. Wenn der Widerspruch zurückgewiesen wird, können Sie sich an das Sozialgericht
wenden und eine Klage einlegen. Eine gute Beratungsstelle weiß, wie die einzelnen Gerichte zu
bestimmten medizinischen Leistungen entscheiden und ob eine Klage sinnvoll ist. In dringenden
Fällen oder wenn das Sozialamt eine Entscheidung zu lange verschleppt, kann das Gericht auch
sofort (gleichzeitig mit dem Widerspruch) eingeschaltet werden und muss innerhalb von wenigen
Tagen vorläufig entscheiden. Dafür müssen Sie zusätzlich einen „Eilantrag” an das Gericht stellen
und begründen, warum eine Entscheidung sofort notwendig ist (zum Beispiel weil Ihnen schwere
Schäden drohen, wenn eine Krankheit nicht sofort behandelt wird).
 Wenn Sie sich Sorgen wegen einer Erkrankung machen oder Schmerzen haben, aber eine
Behandlung abgelehnt wird, können Sie auch in das nächste Krankenhaus gehen. Dort muss man
Sie zumindest untersuchen und eine Diagnose stellen.
 Wenn Sie medizinische Leistungen erhalten werden, darf von Ihnen kein Geld für
„Zuzahlungen” (zum Beispiel als „Praxisgebühr” oder „Zuzahlung” für ein Medikament) verlangt
werden. Weisen Sie die Arztpraxis, die Apotheke oder das Krankenhaus darauf hin, dass das
Sozialamt alle Kosten zu 100% übernimmt. Verlangen Sie bereits geleistete Zuzahlungen wieder
zurück! Wird die Rückzahlung verweigert, wäre das Betrug, weil der Arzt/die Apotheke/das
Krankenhaus zu seinem Vorteil doppelt abkassiert: von Ihnen die Zuzahlung und vom Sozialamt
noch einmal 100 % der Kosten.
Bessere medizinische Versorgung nach vier Jahren
Wenn Sie schon vier Jahre Leistungen nach dem AsylbLG erhalten haben, können Sie unter
bestimmten Voraussetzungen Leistungen nach § 2 AsylbLG beanspruchen (siehe Kapitel 12.4).
Dies wirkt sich auch auf die Krankenversorgung aus.
Nach § 2 AsylbLG erhalten Sie die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung im gleichen
Umfang wie Deutsche. Sie gelten zwar streng genommen nicht als Krankenversicherte, erhalten
aber eine Versicherungskarte und bekommen alle Leistungen, auf die auch deutsche Versicherte
einen Anspruch haben, von der von Ihnen gewählten gesetzlichen Krankenkasse. Die Kasse holt
sich das Geld anschließend vom Sozialamt zurück. Leistungen der Pflegeversicherung erhalten Sie
allerdings nicht über die Krankenkasse. Diese können Sie gegebenenfalls beim Sozialamt
beantragen.
 Wenn Sie mit einer Entscheidung der Krankenkasse nicht einverstanden sind, legen Sie
schriftlich „Widerspruch” ein! Der Widerspruch richtet sich dann direkt an die Krankenkasse (nicht
mehr ans Sozialamt). Außerdem können Sie eine Klage und gegebenenfalls einen Eilantrag an das
Sozialgericht schicken.
 Wenn die Krankenkasse gesetzlich nicht zahlen muss, können Sie bestimmte laufend benötigte
Dinge beim Sozialamt als „vom Regelfall abweichenden Lebensunterhaltsbedarf” beantragen (§ 28
Abs. 1 SGB XII).
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Sie sind nach dem Gesetz zu bestimmten Zuzahlungen verpflichtet. Dazu gehören die Praxisgebühr
beim Zahnarzt und Arzt (je 10 Euro im Quartal) und eine Beteiligung an Medikamenten (pro
Medikament bis zu 10 Euro in der Apotheke) und anderen Leistungen (zum Beispiel bei
Krankenhausaufenthalten oder für spezielle, nicht von der Kasse getragene
Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft und anderes). Für Kinder und Jugendliche fallen
keine Zuzahlungen an.
Für Empfänger von Leistungen nach § 2 AsylbLG gilt die Höchstgrenze von 2% des Regelsatzes.
Das heißt: 2% von 12 x 351 Euro = 84,24 Euro pro Jahr. Der Betrag gilt nicht pro Person, sondern
für alle Mitglieder der Familie zusammen. Für chronisch Kranke gilt unter bestimmten
Bedingungen eine Grenze von 1% = 42,12 Euro pro Jahr.
 Um Mehrfachzahlungen der Praxisgebühr zu vermeiden, lassen Sie sich eine Quittung
ausstellen. Wenn Sie in einem Quartal zu verschiedenen Ärzten gehen, besorgen Sie sich eine
Überweisung des Arztes, bei dem Sie bereits die Gebühr für das laufende Quartal entrichtet haben.
Dann müssen Sie nicht erneut zahlen.
 Sammeln Sie alle Zuzahlungsquittungen Ihrer Familie. Wenn der Betrag von 84,24 Euro
erreicht ist, muss die Krankenkasse Ihnen bescheinigen, dass Sie für den Rest des Jahres von
weiteren Zuzahlungen befreit sind und Ihnen bereits zu viel gezahlte Beträge zurückzahlen. Stellen
Sie dazu einen Antrag und fügen Sie die Quittungen bei.
Krankenversicherung für Arbeitnehmer
Wenn Sie eine gemeinnützige Arbeit ausüben oder als Arbeitnehmer weniger als 400 Euro im
Monat verdienen, sind Sie nicht sozialversicherungspflichtig und es ändert sich an Ihrer
Krankenversorgung nichts.
Wenn Sie als Arbeitnehmer eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung (für mehr als 400
Euro im Monat) ausüben, werden Ihnen vom Lohn prozentuale Zahlungen in die
Sozialversicherungen (Kranken-, Renten-, Pflegeversicherung u.a.) abgezogen. Sie werden
reguläres Mitglied einer Krankenkasse. Sie erhalten eine Versicherungskarte und alle gesetzlichen
Krankenkassenleistungen. Das gilt auch für den Fall, dass Sie wegen geringen Einkommens noch
ergänzende Sozialleistungen nach AsylbLG erhalten. Wenn Sie Ihre Arbeit verlieren, endet auch
ihre Mitgliedschaft in der Krankenkasse. Sie sollten dies der Krankenkasse und dem Sozialamt
sofort mitteilen. Sie erhalten dann wieder Leistungen zur medizinischen Versorgung wie in den
vorigen Abschnitten beschrieben. Unter bestimmten Voraussetzungen kommt aber auch eine
Krankenversicherung als „freiwillige Weiterversicherung” (§ 9 SGB V, § 32 SGB XII) oder über das
Arbeitsamt (bei Anspruch auf Arbeitslosengeld I) in Frage.
Als Mitglied einer Krankenkasse gilt alles das, was im vorherigen Abschnitt („Bessere
medizinische Versorgung nach drei Jahren”) beschrieben ist. Sie sind gesetzlich zu Zuzahlungen
verpflichtet. Die Höchstgrenze für Ihre ganze Familie liegt bei 2% Ihres Bruttojahreseinkommens.
Abgezogen werden Freibeträge für Ihre/n Ehepartner/in (4.536 Euro) und Kinder (je 3.864 Euro).
Beispiel: Sie sind verheiratet, haben zwei Kinder und ein Jahresbruttoeinkommen von 20.000 Euro.
Abzüglich der Freibeträge sind das 20.000 - 4.536 - 2 x 3.864 = 7.736 Euro. In diesem Fall beträgt
die Belastungsgrenze also 2% von 7.736 Euro = 154,72 Euro. Diese Belastungsgrenze gilt nicht pro
Person, sondern für alle Mitglieder der Familie zusammen. Für chronisch Kranke gilt unter
bestimmten, allerdings strengen Bedingungen, die Hälfte - nur 1%.
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Verdienen Sie so wenig, dass Sie noch ergänzende Leistungen nach § 2 AsylbLG erhalten, gilt die
Höchstgrenze von 2% des jährlichen Regelsatzes des Haushaltsvorstands. Das heißt: 2% von 12 x
351 Euro = 84,24 Euro pro Jahr bzw. 42,12 Euro pro Jahr für chronisch Kranke.
 Um Ihre Kosten so gering wie möglich zu halten, beachten Sie die im vorhergehenden
Abschnitt („Bessere medizinische Versorgung nach drei Jahren”) gegebenen Hinweise und
Ratschläge zu Widerspruch und Klage, Praxisgebühren und Erreichen der Belastungsgrenze.
Wenn Sie sozialversicherungspflichtig arbeiten und ergänzende Leistungen nicht nach § 2
AsylbLG, sondern nur §§ 3-7 AsylbLG beziehen (siehe Kapitel 7.4), ergibt sich ein Problem: Durch
eine gesetzliche Regelungslücke liegt die Belastungsgrenze bei 2% der Einkünfte und
Sozialleistungen der ganzen Familie.
 Beantragen Sie die nicht von der Krankenkasse übernommenen Leistungen nach § 4 und § 6
AsylbLG und legen Sie notfalls Widerspruch beim Sozialamt, Klage und Eilantrag beim
Sozialgericht ein.
14.6 Familienleistungen, Kinder- und Jugendhilfe
Kindergeld
Flüchtlinge mit Duldung sind vom Kindergeld in der Regel gesetzlich ausgeschlossen. Es gibt aber
aufgrund von internationalen Abkommen Ausnahmen. Sie erhalten für Ihre Familie auch mit
Duldung Kindergeld, wenn Sie
• aus der Türkei, Algerien, Tunesien oder Marokko kommen und eine Arbeit haben, über die
Sie in eine Sozialversicherung (Arbeitslosen-, Kranken-, Renten- oder Unfallversicherung)
einzahlen; dies ist auch der Fall, wenn Sie eine geringfügige Beschäftigung (400-Euro-Job)
haben, für di Unfallversicherungspflicht besteht,
• aus der Türkei kommen, nicht arbeiten, aber mindestens sechs Monate in Deutschland
leben,
• aus Kosovo, Serbien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina oder Mazedonien kommen und
eine arbeitslosenversicherungspflichtige Arbeit haben, wenn Sie keine Arbeit mehr haben,
gilt auch der Bezug von Kranken- oder Arbeitslosengeld I.
 Familienkassen lehnen Anträge, die sich auf diese Abkommen beziehen, zunächst regelmäßig
ab! Legen Sie dagegen mit Hilfe einer Beratungsstelle unbedingt Einspruch und, wenn nötig, Klage
beim Finanzgericht ein. Die Einsprüche haben fast immer Erfolg!
 Wenn Sie Sozialleistungen nach dem AsylbLG beziehen, wird das Kindergeld mit den
Sozialleistungen verrechnet. Das heißt, am Ende haben Sie wahrscheinlich gar nicht mehr Geld.
Trotzdem ist es in den obigen Fällen sinnvoll, den Kindergeldantrag zu stellen. Denn der Bezug
von Kindergeld gilt nicht als Sozialleistung, und Sie haben so leichter die Möglichkeit, Ihr Leben
selbst zu finanzieren und erfüllen damit unter Umständen eine wichtige Voraussetzung für eine
Aufenthaltserlaubnis. Sie beantragen das Kindergeld bei der Familienkasse der Agentur für Arbeit
(Arbeitsamt).
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 Kindergeld kann auch rückwirkend für die letzten vier Kalenderjahre beansprucht werden. Das
kann viel Geld sein. Dieses Geld wird allerdings ebenfalls möglicherweise (teilweise) einbehalten,
um erhaltene Sozialleistungen nach AsylbLG zurückzuzahlen.
Kinderzuschlag
Sie haben leider nicht die Möglichkeit, zusätzlich zum Kindergeld einen Kinderzuschlag zu
erhalten (§ 6a BKGG). Voraussetzung für die Gewährung ist nicht nur, dass Sie
kindergeldberechtigt sind, sondern auch, dass mit dem Kindergeldzuschlag ein Anspruch auf
Leistungen nach SGB II vermieden wird. Da Sie gesetzlich von Leistungen nach SGB II
ausgeschlossen sind, können Sie diese Voraussetzung nicht erfüllen.
Elterngeld
Elterngeld gibt es für Kinder, die ab 1.1.2007 geboren werden. Bei der Gesetzesverabschiedung hat
die Regierung festgelegt, dass Personen mit Duldung kein Elterngeld erhalten können. Ausnahmen
gelten jedoch für erwerbstätige Menschen aus Algerien, Marokko, Tunesien und der Türkei: Für sie
besteht auch mit einer Duldung ein Anspruch auf Elterngeld, wenn sie sozialversicherungspflichtig
arbeiten oder wenn sie eine geringfügige Beschäftigung (400-Euro-Job) ausüben, über die sie
unfallversichert sind.
Falls Sie unter die Ausnahmeregelung fallen, sollten Sie Folgendes wissen: Beim Elterngeld ersetzt
der Staat einem Elternteil 67 Prozent des durch die Geburt und Kinderbetreuung wegfallenden
Arbeitseinkommens, maximal 1.800 Euro im Monat. Wenn der das Kind betreuende Elternteil vor
der Geburt nicht gearbeitet hat, beträgt das Elterngeld 300 Euro im Monat. Während des Bezugs
von Elterngeld darf der Antragsteller gar nicht oder nicht mehr als 30 Stunden in der Woche
arbeiten. Voraussetzung ist außerdem, dass der Antragsteller in einem Haushalt mit dem Kind lebt
und das Kind tatsächlich betreut. Auch der nicht verheiratete Vater kann unter dieser
Voraussetzung Erziehungsgeld beanspruchen. Der Mindestbetrag von 300 Euro wird nicht auf
andere Sozialleistungen angerechnet. Elterngeld wird an den das Kind betreuenden Elternteil für
maximal 12 Monate gezahlt. Wenn auch der andere Elternteil zwei Monate oder länger für die
Betreuung zuständig ist, wird das Elterngeld um zwei Monate auf maximal 14 Monate verlängert.
 Elterngeld beantragen Sie, wenn für Sie die Ausnahmeregelungen gelten, beim Jugendamt
oder der Elterngeldstelle Ihrer Stadt- oder Kreisverwaltung. Das Formular, eine Liste der
zuständigen Stellen in Niedersachsen und weitere Informationen gibt es im Internet unter
http://www.ms.niedersachsen.de/master/C29974090_N8150_L20_D0_I674.
Unterhaltsvorschuss
Auch der Unterhaltsvorschuss wird Flüchtlingen mit Duldung per Gesetz verweigert. Hierbei
handelt es sich um einen staatlichen Zuschuss, der einem alleinerziehenden Elternteil für bis zu
sechs Jahren gezahlt wird, wenn der andere Elternteil (in der Regel der Vater) seiner Verpflichtung,
für das Kind Unterhalt zu zahlen, nicht nachkommt. Der Unterhaltsvorschuss beträgt 117 €
monatlich für Kinder unter 6 Jahren und 158 € monatlich für ältere Kinder unter 12 Jahren.
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14.7 Deutschkurs, Kindergarten, Schule, Ausbildung, Studium
Deutschkurs
Einen Anspruch darauf, einen Deutschkurs zu besuchen, haben Sie nicht. Eventuell können Sie
versuchen, einen der freien Plätze in den staatlich organisierten „Integrationskursen” für anerkannte
Flüchtlinge über das BAMF zu bekommen (lesen Sie dazu im Kapitel 10.7 den Abschnitt
„Deutschkurse” für Personen mit Aufenthaltserlaubnis). Ihre Chancen darauf sind mit Duldung
allerdings denkbar gering, weil Ihr Aufenthaltsrecht nicht als dauerhaft eingestuft wird.
Es gibt aber in den Städten auch einige Deutschkurse, die unabhängig vom staatlichen Angebot
existieren. Diese Kurse müssen Sie in der Regel selbst bezahlen, bei manchen Trägern sind die
Kosten für Sozialleistungsempfänger aber deutlich gesenkt.
 Fragen Sie bei ihrer örtlichen Volkshochschule oder den Beratungsstellen für Migranten und
Migrantinnen, Aussiedler und Aussiedlerinnen oder Flüchtlinge nach, wo es Deutschkurse gibt.
Kindergarten
Sobald ein Kind drei Jahre alt ist, hat es in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen
Kindergartenplatz (§ 24 SGB VIII). Bei geringem Einkommen sind die Kosten dafür ganz oder
teilweise vom Jugendamt zu tragen (§ 90 Abs. 2 und 3 SGB VIII). Das gilt auch für Flüchtlinge mit
Duldung.
 Melden Sie Ihr Kind frühzeitig für einen Kindergartenplatz an. Dort wird ihr Kind eine
erheblich bessere Förderung in der deutschen Sprache erhalten und so besser auf einen Schulbesuch
vorbereitet werden als im Wohnheim. Wenden Sie sich bei Problemen mit dem Kindergartenplatz
an eine Beratungsstelle.
Schule
Alle in Niedersachsen lebenden Kinder haben das Recht und die Pflicht, eine Schule zu besuchen
und regelmäßig am Unterricht teilzunehmen (§ 63 NSchG). Das gilt auch für Flüchtlinge mit
Duldung. Die Schulpflicht beginnt für Kinder, die bis zum 30. Juni eines Jahres sechs Jahre alt
geworden sind, mit dem nächsten beginnenden Schuljahr (§ 64 NSchG). Das Einschulungsalter ist
aber auch abhängig von der körperlichen und geistigen Entwicklung Ihres Kindes. Unter
Umständen kann der Schuleintritt Ihres Kindes ein Jahr zurückgestellt werden. Deshalb werden alle
Kinder vor dem Schuleintritt vom Amtsarzt untersucht. Bei fehlenden Deutschkenntnissen können
die Kinder verpflichtet werden, vor Schuleintritt an besonderen Sprachfördermaßnahmen
teilzunehmen (§ 54 a NSchG). Schon eingeschulte Schülerinnen und Schüler mit schlechten
Deutschkenntnissen sollen besonderen Deutschunterricht erhalten. Die Schulpflicht endet in der
Regel nach 12 Jahren des Schulbesuchs.
 Fragen Sie gegebenenfalls im Kindergarten oder in der Schule nach, ob es
Fördermöglichkeiten für Ihr Kind gibt. In vielen Schulen wird auch muttersprachlicher Unterricht,
Hausaufgabenhilfe und anderes angeboten.
 Wenn mit dem Schulbesuch besondere Kosten verbunden sind, zum Beispiel für den
Fahrtweg, für Klassenfahrten oder sonstiges, können Sie das Geld dafür als „sonstige Leistung”
nach § 6 AsylbLG beantragen. Damit soll den besonderen Bedürfnissen von Kindern Rechnung
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getragen werden. Erhalten Sie Leistungen nach § 2 AsylbLG, können Sie lediglich für mehrtägige
Klassenfahrten Zuschüsse nach § 31 SGB XII erhalten. In jedem Fall ist ein gut begründeter, auf
Ihren Fall zugeschnittener Antrag erforderlich. Bei einer Ablehnung haben Sie die Möglichkeit,
Widerspruch zu erheben und Klage beim Sozialgericht einzulegen. Lassen Sie sich gegebenenfalls
von einer Beratungsstelle unterstützen.
Studium
Formal gibt es für die Aufnahme eines Studiums keine aufenthaltsrechtlichen Einschränkungen,
studieren wäre also theoretisch auch mit Duldung in Niedersachsen möglich, sofern Ihre Duldung
nicht mit der Nebenbestimmung „Studium nicht gestattet” versehen ist. Eine solche Auflage ist
erlaubt, wird aber unseres Wissens in Niedersachsen in der Regel nicht gemacht. In der Praxis gibt
es allerdings eine Reihe von Hindernissen und Schwierigkeiten, so dass ein Studium in den meisten
Fällen wohl praktisch unmöglich ist.
Das niedersächsische Hochschulgesetz setzt den allgemeinen Rahmen für ein Studium: Dort ist
beispielsweise geregelt, dass die für ein Studium erforderlichen deutschen Sprachkenntnisse
vorhanden sein müssen. Die Studienordnungen der Hochschulen sehen detailliertere und durchaus
auch unterschiedliche Regelungen zu den Studienvoraussetzungen vor. In der Praxis reicht einigen
Universitäten und Fachhochschulen die Vorlage einer Duldung nicht, stattdessen verlangen sie eine
Aufenthaltserlaubnis. Es kommt auf den Versuch an!
Sofern die Universität oder (Fach-)Hochschule, an der Sie studieren wollen, außerhalb des Ihnen
zugewiesenen Aufenthaltsbereichs liegt, benötigen Sie für den Aufenthalt am Studienort eine
Genehmigung der Ausländerbehörde (lesen Sie dazu den Abschnitt Residenzpflicht in Kapitel
12.2). Die Erlaubnis dafür zu bekommen, dürfte schwierig werden. Eine Erlaubnis zum Umzug in
den Studienort zu erhalten, ist praktisch ausgeschlossen.
Das größte Problem dürfte für Sie die Finanzierung eines Studiums sein. Als Student/in haben Sie
das Recht und auch die Pflicht, in eine gesetzliche Krankenversicherung einzutreten. Die
Übernahme von Krankheitskosten durch das Sozialamt reicht als Nachweis einer
Krankenversicherung nicht aus. Studierende bis zum 14. Semester, maximal bis zum 30.
Lebensjahr, können sich über die gesetzliche Krankenversicherung für etwa 56 Euro pro Monat
versichern. Studierende über 30 Jahre werden von der gesetzlichen Krankenversicherung nicht
aufgenommen und müssen eine private Krankenversicherung abschließen. Hinzu kommen die
Studiengebühren, die in Niedersachsen 500 Euro pro Semester betragen, die Kosten für ein
Semesterticket sowie weitere Gebühren (ca. 100 bis 150 Euro im Semester).
Wenn Sie Leistungen nach §§ 3-7 AsylbLG in Anspruch nehmen (lesen Sie dazu Kapitel 12.4),
dürfen Sie gleichzeitig studieren. Denn anders als bei Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II
oder XII gibt es im AsylbLG kein ausdrückliches Verbot zu studieren. Schwieriger ist die
Aufnahme eines Studiums, wenn Sie Leistungen nach § 2 AsylbLG gemäß den Bestimmungen des
SGB XII beziehen (lesen Sie hierzu ebenfalls Kapitel 12.4). Das Sozialgesetzbuch verbietet den
Bezug von Sozialleistungen zum Zweck der Finanzierung eines Studiums. Wenn Sie dem
Sozialamt verschweigen, dass Sie studieren, und die Behörde dies später erfährt, wird die
Sozialhilfe wieder zurückgefordert. Sie können allerdings versuchen, Sozialleistungen zur
Sicherung des Lebensunterhalts als Darlehen oder als Beihilfe über die Härtefallregelung des § 22
Abs. 1 Satz 2 SGB XII zu beantragen - z. B. dann, wenn Sie bereits kurz vor Abschluss Ihres
Studiums stehen. Wenn Sie studieren wollen, ohne Sozialleistungen zu beziehen, brauchen Sie also
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eine Arbeitsgenehmigung und eine Arbeit, mit der Sie sich vollständig selbst finanzieren können,
oder andere Finanzierungsquellen.
Flüchtlinge mit Duldung haben seit dem 1. Januar 2009 grundsätzlich einen Anspruch auf
Ausbildungsförderung nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG), wenn sie sich seit
vier Jahren in Deutschland aufhalten. Die Zeiten, in denen Sie eine Aufenthaltsgestattung oder
Aufenthaltserlaubnis besessen haben, zählen dabei mit (§ 8 Abs. 2a BAföG).
Wenn Sie noch keine vier Jahre in Deutschland leben, haben Sie nur dann einen Anspruch auf
BAföG, wenn Sie selbst vor Beginn der Ausbildung fünf Jahre in Deutschland erwerbstätig waren
oder ein Elternteil hier während der letzten sechs Jahre drei Jahre gearbeitet hat, haben Sie
Anspruch auf BAföG-Leistungen. Auch wenn einer Ihrer Elternteile mindestens sechs Monate hier
gearbeitet hat und aus einem wichtigen Grund (Krankheit, Kindererziehung, nicht aber
Arbeitsverbot) nicht mehr arbeiten konnte, können Sie unter Umständen BAföG-Förderung
erhalten.
Unter Umständen können leistungsfähige Verwandte die Kosten des Studiums aufbringen.
Schließlich sollten Sie prüfen, ob Stiftungen für die (Teil-) Finanzierung in Frage kommen. Viele
Stiftungen fördern Studierende mit besonders guten Leistungen, aber auch gesellschaftliches
Engagement und materielle Bedürftigkeit können Kriterien für die Stipendienvergabe sein. Im
Internet finden Sie unter http://www.bildungsserver.de/zeigen.html?seite=427 eine Übersicht und
weiterführende Links.
Das Diakonische Werk der evangelischen Kirche hat ein spezielles FlüchtlingsStipendienprogramm, das eine Finanzierung des Studiums für Menschen mit unsicherem
Aufenthaltsstatus ermöglicht. Es gilt allerdings nur für Flüchtlinge aus Staaten außerhalb Europas.
Gefördert werden sollen Verfolgte, die in ihrem Herkunftsland eine Ausbildung nicht aufnehmen
konnten oder abbrechen mussten. Sie sollten nicht älter als 35 Jahre sein und bei Antragstellung in
der Regel nicht länger als 3 Jahre in Deutschland leben. Bedingung ist ferner, dass Sie die Absicht
haben, nach Beendigung des Studiums in Ihr Heimatland zurückzukehren. Tun Sie das nicht,
müssen Sie das Stipendium später gegebenenfalls zurückzahlen.
 Wenden Sie sich an die Evangelische Studentengemeinde oder das Diakonische Werk in Ihrer
Stadt. Diese Stellen werden mit Ihnen gemeinsam eine Bewerbung für das Stipendienprogramm
verfassen. Dabei ist es wichtig zu erläutern, dass Sie aufgrund Ihrer aufenthaltsrechtlichen Situation
nur schwer oder gar keinen Zugang zu anderen Finanzierungsquellen (Arbeitsgenehmigung,
BAföG etc.) haben. Ein Merkblatt mit den Kriterien für die Förderung können Sie auch beim
Flüchtlingsrat Niedersachsen erhalten. Wenn Sie den Ansprechpartner vor Ort nicht kennen,
können Sie sich an die zuständige Mitarbeiterin des Diakonischen Werkes in Stuttgart wenden:
Frau Sylvia Karlev
Telefon 0711-2159-506
Fax 0711-2159-8 506
Email [email protected]
Die formale Zugangsvoraussetzung für den Besuch einer Universität oder Fachhochschule ist die
allgemeine Hochschulreife / Abitur (bei einer Universität) oder die Fachhochschulreife /
Fachabitur (bei einer Fachhochschule) oder eine als gleichwertig anerkannte Schulausbildung im
Herkunftsland. Wenn Ihre Schulausbildung nicht als (Fach-)hochschulreife anerkannt ist, können
Sie über das erfolgreiche Ablegen der „Feststellungsprüfung” zur Studieneignung die
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Zugangsberechtigung erwerben. Dafür müssen Sie in der Regel bei der Hochschule einen
einjährigen Vorbereitungskurs („Studienkolleg”) absolvieren.
Bei Kunst- und Musikhochschulen können Sie unter Umständen auch ohne Abitur studieren, wenn
Sie besondere künstlerische Fähigkeiten haben. In manchen anderen Studiengängen genügt auch
ein Nachweis über bestimmte berufliche Vorbildungen (zum Beispiel Meisterprüfung).
 Ob Ihre Hochschulzugangsberechtigung der deutschen gleichwertig ist, können Sie in der
Datenbank der Kultusminister-Konferenz www.anabin.de abfragen.
Zweite Studienvoraussetzung ist der Nachweis von deutschen Sprachkenntnissen: Dazu müssen
Sie in der Regel die „Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang ausländischer
Studienberechtigter (DSH)” ablegen. Bestimmte andere Nachweise (Goethe-Sprachdiplom, Test
Deutsch als Fremdsprache für ausländische Studienbewerber „TestDaF” und andere) werden
ersatzweise anerkannt.
 Genauere Informationen zu Studienzulassung erhalten Sie beim Deutschen Akademischen
Austauschdienst DAAD (www.daad.de) oder bei den akademischen Auslandsämtern /
Studentensekretariaten der Universitäten und Fachhochschulen. Die Adressen aller deutschen
Hochschulen sowie Infos zu den angebotenen Studienfächern und Abschlüssen finden Sie unter
http://www.studienwahl.de.
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15. Hinweise für andere Flüchtlingsgruppen
15.1 Flüchtlinge mit Fiktionsbescheinigung
Eine so genannte Fiktionsbescheinigung wird Personen ausgestellt, die sich in Deutschland
aufhalten und die Erteilung oder Verlängerung einer Aufenthaltserlaubnis oder
Niederlassungserlaubnis beantragt haben, über den die Ausländerbehörde nicht gleich entscheiden
kann oder will (§ 81 AufenthG). Hierbei wird zwischen Staatsbürgern, die ohne Visum einreisen
dürfen (Positivstaater) und Personen, die für die Einreise ein Visum benötigen (Negativstaater)
unterschieden. § 81 Abs. 3 AufenthG regelt für die visumsfrei einreisenden Positivstaater, dass sie
eine Erlaubnisfiktion erhalten, wenn sie rechtzeitig einen Aufenthaltstitel beantragt haben. Falls der
Antrag verspätet, also nach Ablauf von drei Monaten gestellt wird, gilt der Aufenthalt als geduldet.
Negativstaater dagegen müssen ihren Antrag auf Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis oder
Erteilung einer Niederlassungserlaubnis rechtzeitig vor Ablauf des bestehenden Aufenthaltstitels
stellen. Kann die Ausländerbehörde nicht sofort entscheiden erhält man auch eine
Fiktionsbescheinigung nach § 81 Abs. 4 AufenthG. Damit wird Fortbestehen des bisherigen
Aufenthaltstitels dokumentiert. Das bedeutet, dass Sie alle Rechte und Pflichten des alten
Aufenthaltstitels behalten und die Zeit der Fiktionsbescheinigung auch bei der
Aufenthaltsverfestigung oder einer Einbürgerung angerechnet wird.
Wenn Sie es allerdings versäumt haben, einen Antrag auf Verlängerung einer Aufenthaltserlaubnis
rechtzeitig vor Ablauf der Frist zu verlängern, erhalten Sie bis zur Neuentscheidung über Ihren
Antrag nur eine Duldung.
 Stellen Sie immer rechtzeitig vor Ablauf Ihrer Aufenthaltserlaubnis oder Ihres Visums einen
Verlängerungsantrag. Lassen Sie sich nicht bei der Ausländerbehörde abwimmeln. Lassen Sie sich
den Eingang Ihres Antrags quittieren.
Rechtlich gilt eine Fiktionsbescheinigung so viel wie die Aufenthaltserlaubnis, die Sie vorher
besessen haben. Dennoch kann die Ausstellung einer Fiktionsbescheinigung ein Alarmzeichen sein:
Die Behörden nutzen dieses Instrument auch, wenn sie zum Beispiel nach dem Widerruf des
Flüchtlingsstatus eine Ablehnung des Antrags auf die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis oder
Niederlassungserlaubnis in Erwägung ziehen.
15.2 Flüchtlinge im „Dublin-Verfahren“
Wenn Flüchtlinge trotz aller Widrigkeiten die Grenze in die EU überwunden haben, haben sie allenfalls - das Recht auf ein einziges Asylverfahren. Das Land, in dem sie das Verfahren
durchführen, dürfen sie nicht frei wählen. Welches Land zuständig ist, hängt von vielen Faktoren
ab, die in der so genannten Dublin II-Verordnung aufgezählt werden. Zuständig ist (in der hier
dargestellten Reihenfolge) der Staat,
1. in dem sich ein Familienangehöriger eines unbegleiteten Minderjährigen rechtmäßig aufhält,
sofern dies im Interesse des Minderjährigen liegt (Art. 6),
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2. in dem sich ein Familienangehöriger als Flüchtling oder als Asylsuchender, über dessen
Asylantrag noch keine erste Sachentscheidung getroffen wurde, aufhält (Art. 7 und 8),
3. der einen Aufenthaltstitel oder ein Visum ausgestellt hat (Art. 9),
4. in dessen Territorium der/die Asylsuchende illegal eingereist ist (Art. 10),
5. der dem Drittstaatenangehörigen die Einreise in sein Territorium ohne Visum erlaubt hat
(Art. 11),
6. in dem der Asylantrag in einem internationalen Transitbereich eines Flughafens gestellt
wurde (Art. 12),
7. in dem der erste Asylantrag gestellt wurde, wenn keines der vorstehenden Kriterien erfüllt
ist (Art. 13),
8. der für den größten Teil asylsuchender Familienmitglieder oder für den Asylantrag des
Ältesten von ihnen zuständig ist, wenn die Anwendung der genannten Kriterien die
Trennung der Familie zur Folge haben würde (Art. 14).
Gegen einen Bescheid, der Ihnen in Anwendung der Dublin II-Verordnung das Recht abspricht, ein
Asylverfahren in Deutschland durchzuführen, haben Sie kaum Rechtsmittel. Achtung! Sie müssen
mit einer umgehenden Abschiebung bzw. Zurückschiebung in einen anderen Staat rechnen, der
nach der Verordnung für die Durchführung des Verfahrens zuständig ist. Fast ein Viertel aller in
Deutschland um Asyl nachsuchenden Flüchtlinge erhält mittlerweile einen solchen Bescheid.
Wenn Sie aufgrund Ihres Fluchtwegs oder eines ausgestellten Visums befürchten müssen, einen
Dublin II-Bescheid zu erhalten, sollten Sie sich umgehend an einen Anwalt oder eine Anwältin
wenden! Genaueres zum Ablauf des Dublin II-Verfahrens können Sie in Kapitel 4.1.
Solange Sie sich im „Dublin-Verfahren” befinden, haben Sie eine
 Aufenthaltsgestattung (siehe Kapitel 7) oder eine
 Duldung (siehe Kapitel 12).
15.3 Flüchtlinge in Abschiebungshaft
In Abschiebungshaft werden in der Regel Menschen festgehalten, von denen die Ausländerbehörde
meint, dass Sie sich einer Abschiebung zu entziehen versuchen. § 62 Abs. 4 AufenthG ermächtigt
die Ausländerbehörde, Personen ohne vorherige richterliche Anordnung festhalten und vorläufig in
Gewahrsam nehmen, wenn
1. der dringende Verdacht für das Vorliegen der Voraussetzungen für die Abschiebungshaft
bestehen,
2. die richterliche Entscheidung über die Anordnung der Abschiebungshaft nicht vorher
eingeholt werden kann und
3. der begründete Verdacht vorliegt, dass sich der Ausländer der Anordnung der
Sicherungshaft entziehen will.
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Im Normalfall wird die Abschiebungshaft vorher vom Richter am Amtsgericht angeordnet.
Das Gericht ordnet die Haft zunächst für einige Wochen bis zu drei Monaten an. Danach muss das
Gericht neu entscheiden. Nach jeder Haftanordnung und -verlängerung hat ein
Abschiebungshäftling die Möglichkeit einer Haftbeschwerde.
 Lesen Sie unbedingt die allgemeinen Hinweise im Abschnitt Abschiebungshaft in Kapitel 6.3.
Eine Rechtsanwältin oder ein Rechtsanwalt kann Sie genauer über die gesetzlichen Haftgründe
informieren.
 Gegen den Haftbeschluss des Amtsgericht können Sie innerhalb von zwei Wochen
Beschwerde beim Landgericht einlegen. Da die Amtsgerichte häufig nicht sorgfältig prüfen, ob die
Voraussetzungen der Abschiebungshaft vorliegen, ist es in der Regel sinnvoll, das zu tun. Haben
Sie keine Unterstützung durch eine Anwältin oder einen Anwalt, können auch Sie selbst,
Ehepartner/in, Eltern, Vormund oder eine Vertrauensperson (Gefängnispfarrer/in, Besucher/in,
Verwandte/r) eine Haftbeschwerde einreichen. Stimmt das Landgericht dem Amtsgericht zu,
können Sie dagegen innerhalb von zwei Wochen Beschwerde beim Oberlandesgericht einlegen.
Am besten lassen Sie sich von einem Rechtsanwalt oder einer Rechtsanwältin vertreten. Darüber
hinaus können Sie zu jeder Zeit einen Haftprüfungsantrag beim Amtsgericht stellen.
Gegen die Anordnung von Sicherungshaft spricht,
• dass keiner der gesetzlichen Haftgründe vorliegt,
• dass die Abschiebung nicht innerhalb von drei Monaten organisiert werden kann (zum
Beispiel weil noch Papiere fehlen, die erfahrungsgemäß nicht so schnell besorgt werden
können),
• dass ein Flüchtling aufgrund einer Erkrankung nicht haftfähig ist.
Ein Asylantrag führt nicht automatisch zur Haftentlassung.
Die Hafthöchstdauer beträgt sechs Monate. Danach kann die Haft noch einmal um höchstens zwölf
Monate verlängert werden, aber unter sehr engen Voraussetzungen. Die Verlängerung ist nur
zulässig, wenn Sie Ihre Abschiebung verhindern. Als „Beugehaft” darf die Haft aber nicht genutzt
werden, das heißt: Abschiebungshaft darf nicht verhängt werden, um Sie zur Mitwirkung an Ihrer
Abschiebung (Passantrag etc.) zu zwingen. Wenn die Ausländerbehörde keine Chance hat, noch
Abschiebungspapiere zu beschaffen, müssen Sie aus der Haft entlassen werden. Nach 18 Monaten
Höchstdauer muss ein Häftling auf jeden Fall freigelassen werden.
 Neben der Beschwerde kann man aus der Haft heraus auch jederzeit die Aufhebung der Haft
beantragen. Mit diesem Antrag muss sich das Amtsgericht befassen. Ein solcher Antrag ist dann
sinnvoll, wenn sich neue Tatsachen oder Perspektiven ergeben haben, zum Beispiel eine
Erkrankung oder eine Änderung im laufenden Asylverfahren oder eine Eheschließung.
In der Haftanstalt werden Sie gegen Ihren Willen festgehalten. Andererseits sind Sie kein/e
Strafgefangene/r: Gesetzlich geht es nur darum, Ihre Abschiebung zu sichern. Die Behörden dürfen
Ihnen deshalb nur dann Beschränkungen auferlegen, wenn es die Sicherheit und Ordnung in der
Haft erfordern. Die Bediensteten sollen Ihre Würde achten, Ihr Ehrgefühl schonen und Sie
menschlich behandeln. Die niedersächsischen Regelungen im Einzelnen:
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Es soll Ihnen großzügig erlaubt werden, sich innerhalb der Haftanstalt zu bewegen und im Freien
aufzuhalten. Ihnen sollen Sport- und Freizeitangebote gemacht werden.
 Zur Aufnahme einer Arbeit in der Haft sind Sie nicht verpflichtet, sie soll Ihnen aber nach
Möglichkeit angeboten werden.
 Bei einer mehr als vierwöchigen Haftdauer sollen Sie auf Wunsch an beruflichen oder
schulischen Förderungsmaßnahmen teilnehmen können.
 Mindestens einmal in der Woche soll Ihnen der Besuch von nahestehenden Personen erlaubt
werden. Angehörige von Hilfsorganisationen und Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte sollen
auch außerhalb der üblichen Besuchszeiten Eintritt erhalten.
 Die Ausübung von Religion und die Betreuung durch einen Seelsorger sollen ermöglicht
werden.
 Die Möglichkeit zu telefonieren, Briefe zu schreiben und Pakete zu erhalten, sollen großzügig
gehandhabt werden. Auch sollen Sie die Möglichkeit erhalten, Zeitungen zu beziehen.
 Auf Ihre Ernährungsgewohnheiten, kulturelle und religiöse Speisegebote soll bei der
Verpflegung Rücksicht genommen werden. Sie dürfen auch Nahrungs- und Körperpflegemittel auf
eigene Kosten erwerben, wenn Sie nicht gesundheitsgefährdend sind. Die Bediensteten sollen
Ihnen beim Kauf behilflich sein.
Diese Regelungen machen die Abschiebungshaft nicht wieder gut. Sie sollten Sie dennoch kennen,
um die Zeit in der Haft einigermaßen erträglich gestalten zu können.
Wenn Sie nicht über Geld verfügen, steht Ihnen in Abschiebungshaft ein kleiner Bargeldbetrag zu.
Er beträgt 70% des üblichen Bargeldbetrags nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, also 28,63
Euro monatlich.
 Wenn Sie Probleme in der Haft haben oder Unterstützung brauchen, wenden Sie sich an den
Flüchtlingsrat Niedersachsen, Telefon 05121/15605.
15.4 Illegalisierte
Mit dem Begriff „Illegalisierte” sind hier nicht Geduldete gemeint, sondern Menschen, die sich
ohne behördliche Registrierung in Deutschland aufhalten und/oder sich vor dem Zugriff der
Polizei durch „Untertauchen” entzogen haben. Sozialleistungen nach dem
Asylbewerberleistungsgesetz können Sie in der Praxis nicht in Anspruch nehmen, da ein
Behördenkontakt mit einer Festnahme und Inhaftierung verbunden wäre oder - wenn Sie als
Bürger/in Ihres Herkunftslandes visumsfrei einreisen durften - eine behördliche Registrierung und
Überwachung zur Folge hätte. Die Behörden (Sozialamt, Arbeitsagentur, Ausländerbehörde)
tauschen Ihre Daten untereinander aus. Wenn Sie Sozialleistungen beim Sozialamt beantragen,
benachrichtigt das Amt die Ausländerbehörde oder die Polizei.
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In einem medizinischen Notfall ist jeder Arzt und jedes Krankenhaus verpflichtet, Ihnen zu helfen.
In manchen Städten gibt es Initiativen, die Sie an Ärzte oder Ärztinnen vermitteln können, die
Illegalisierte kostenlos behandeln.
 Erkundigen Sie sich bei einer Beratungsstelle oder dem Flüchtlingsrat Niedersachsen nach
solchen Initiativen.
Im Krankenhaus brauchen Sie eine Abschiebung in der Regel nicht zu befürchten, solange Sie
aufgrund Ihrer Erkrankung nicht reisefähig sind. Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass die
Ausländerbehörde Sie unter Umständen schon im Krankenhaus festzunehmen versucht, wenn die
Ärzte Sie wieder für „transportfähig” halten. In Ausnahmefällen ist es auch schon vorgekommen,
dass die Ausländerbehörde Menschen aus öffentlichen Krankenhäusern hat abholen lassen, um sie
in einem Haftkrankenhaus unterzubringen und von dort aus später abzuschieben. In solchen Fällen
ist es entscheidend, ob der behandelnde Arzt im Krankenhaus einer solchen „Überführung”
zustimmt.
 Es kann deshalb für Sie hilfreich sein, Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt im Krankenhaus frühzeitig
von Ihrer Situation zu berichten und ihr/sein Verständnis zu wecken für Ihre Angst vor Haft oder
Abschiebung.
Ein Besuch einer staatlichen Schule oder eines staatlichen Kindergartens ist ebenfalls riskant, da
auch diese Einrichtungen zur Meldung an die Ausländerbehörde verpflichtet sind. In der Praxis
kommt es dennoch zuweilen vor, dass Kinder ohne behördliche Registrierung in Schule oder
Kindergarten betreut und unterrichtet werden, weil niemand genau nachfragt. Für nichtstaatliche
Organisationen und Privatpersonen (zum Beispiel Deutschlehrer/innen an Volkshochschulen) gibt
es keine Verpflichtung zur Denunziation.
Eine Legalisierung Ihres Aufenthalts ist sehr schwierig. Generell gibt es keine Bleiberechts- oder
Legalisierungsregelung für Personen ohne Status. Ein Aufenthaltsrecht können Sie zum Beispiel
bekommen, wenn Sie einen/eine Deutsche/n heiraten oder Vater/Mutter eines deutschen Kindes
sind, um dessen Erziehung Sie sich kümmern. Auch eine Heirat mit einer Person mit
Aufenthaltsrecht und/oder eine Vaterschaft/Mutterschaft zu einem ausländischen Kind kann in
bestimmten Fällen ein Aufenthaltsrecht für Sie nach sich ziehen. Allerdings müssen Sie in der
Regel zunächst ausreisen und bei der deutschen Botschaft im Ausland ein Visum zum Zweck der
Familienzusammenführung beantragen.
Im Falle einer Schwangerschaft können Sie erst dann eine Duldung erhalten, wenn Sie sich bereits
in der Mutterschutzzeit befinden (ab sechs Wochen vor der Geburt) oder wenn eine ärztlich
attestierte Risikoschwangerschaft vorliegt, aufgrund derer Sie reiseunfähig sind. Welche
Voraussetzungen genau zu erfüllen sind und welche rechtlichen Möglichkeiten bestehen, um, wird
Ihnen im jeweiligen Einzelfall am Besten ein Anwalt, eine Anwältin oder eine Beratungsstelle
erläutern können. Dort erfahren Sie auch, was Sie tun müssen, um in Deutschland standesamtlich
zu heiraten, obwohl kein Aufenthaltsrecht (mehr) besteht.
 Besprechen Sie sich auf jeden Fall mit einem Rechtsanwalt oder einer Rechtsanwältin, bevor
Sie sich bei den Behörden (wieder) melden.
Wenn Sie glauben, in Ihrem Herkunftsland verfolgt oder gefährdet zu sein, können Sie einen
Asylantrag stellen, um eine Aufenthaltsgestattung zu bekommen. Wenn Sie allerdings
festgenommen wurden und einen Asylantrag erst aus der Haft heraus stellen, führt der Asylantrag
nicht automatisch zu einer Haftentlassung (§ 14 Abs. 3 AsylVfG).
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 Lesen Sie zum Asylverfahren Kapitel 1 bis 3 dieses Leitfadens
15.5 Aufenthaltsgewährung nach § 23 II AufenthG
Nach § 23 Abs. 2 AufenthG werden Menschen aufgrund „besonders gelagerter Interessen der
Bundesrepublik Deutschland” offiziell aufgenommen. Dabei handelt es sich vor allem um Jüdinnen
und Juden aus Osteuropa, in Einzelfällen auch um andere Flüchtlingsgruppen. Die Regelung wird
aber zum Beispiel auch auf Spione angewandt, die aufgenommen werden, weil der Boden in der
Heimat ihnen „zu heiß” geworden ist. Wenn Sie zu diesen Gruppen gehören, haben Sie die
Erlaubnis zur Einreise nach Deutschland und ein entsprechendes Visum schon im Heimatland
erhalten. Hier bekommen Sie eine Aufenthaltserlaubnis oder eine Niederlassungserlaubnis, mit der
Ihnen der Aufenthalt in Deutschland auf befristete oder im Fall der Niederlassungserlaubnis auf
unbefristete Zeit gestattet wird und Sie weit gehende soziale Rechte erhalten:
• Mit einer Niederlassungserlaubnis erhalten Sie erhalten von Beginn an eine unbeschränkte
Arbeitserlaubnis, mit der Sie sich auch selbstständig machen können (§ 9 Abs. 1 AufenthG).
Für die Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 2 Satz 5 AufenthG gilt das Gleiche.
• Ihre soziale Sicherung ist wie bei Deutschen geregelt: Im Fall von Arbeitslosigkeit erhalten
Sie Arbeitslosengeld I nach dem SGB III oder Arbeitslosengeld II nach dem SGB II. Wenn
Sie 65 Jahre oder älter sind, oder dauerhaft nicht in der Lage sind zu arbeiten, erhalten Sie
nach dem Vierten Kapitel des SGB XII die so genannte „Grundsicherung im Alter und bei
Erwerbsminderung”. Sind Sie nur vorübergehend krank (länger als sechs Monate, jedoch
nicht auf Dauer) und stehen dem Arbeitsmarkt nicht als Arbeitssuchender zur Verfügung,
erhalten Sie soziale Leistungen nach dem dritten Kapitel des SGB XII. Lesen Sie zu den
einzelnen Regelungen die Kapitel 8.4 und 8.5.
• Sie können sich eine Wohnung suchen und grundsätzlich in Deutschland frei bewegen,
allerdings sind Ihre Wohnortwahl und Umzugsmöglichkeiten eingeschränkt: In Ihre
Aufenthaltserlaubnis oder Niederlassungserlaubnis kann eine wohnsitzbeschränkende
Auflage eingetragen werden (§ 23 Abs. 2 AufenthG; Nr. 12.2 Vorl. Nds. VV-AufenthG).
Genaueres dazu lesen Sie bitte in Kapitel 9.2 den Abschnitt „Wohnsitzauflage”.
• Sowohl mit Ihrer Aufenthaltserlaubnis als auch mit Ihrer Niederlassungserlaubnis haben Sie
im Bedarfsfall Anspruch auf Kindergeld, Kinderzuschlag, Elterngeld und
Unterhaltsvorschuss (§ 1 Abs. 3 BKGG, § 62 Abs. 2 EStG; § 6a BKGG; § 1 Abs. 7 BEEG; §
1 Abs. 2a UhVorschG ). Lesen Sie dazu Kapitel 8.6.
• Sie haben einen Anspruch auf Teilnahme an einem staatlich organisierten Deutschkurs (§
44 AufenthG). Genaueres dazu lesen Sie bitte in Kapitel 8.7 den Abschnitt „Deutschkurs”
nach.
• Wenn Sie studieren wollen, haben Sie unter bestimmten Bedingungen Anspruch auf
finanzielle Unterstützung durch das Bundesausbildungsförderungsgesetz: Ohne weitere
Bedingungen haben Sie den Anspruch nur mit einer Niederlassungserlaubnis (§ 8 BAföG).
Lesen Sie dazu bitte Kapitel 8.6, Abschnitt „Studium“.
Erst mit Erteilung der Niederlassungserlaubnis kann Ihr Aufenthalt in Deutschland als gesichert
gelten. Probleme kann es aber dann immer noch geben, wenn Sie in erheblichen Maß straffällig
werden (insbesondere auch bei Drogen oder Gewaltdelikten) (§ 10 ff. StAG).
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Nach acht, unter besonderen Bedingungen schon nach sieben oder sechs Jahren, können Sie sich
einbürgern lassen. Dafür müssen Sie Ihre derzeitige Staatsangehörigkeit nicht aufgeben: Die
Einbürgerungsbedingungen können Sie in Kapitel 8.1 im Abschnitt „Einbürgerung” nachlesen.
 Vordrucke, Merkblätter und Informationen zum Antragsverfahren und Aufenthalt jüdischer
Flüchtlinge gibt es auf der Homepage des BAMF. Dort ist insbesondere die Broschüre
„Willkommen in Deutschland” zu finden, die Ihnen grundlegende Informationen vermittelt.
Ihre Angehörigen erhalten, wenn Sie nicht ebenfalls persönlich als Jüdinnen oder Juden
aufgenommen wurden, nur eine Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG. Sie haben damit
weniger Rechte als Sie, die im folgenden Kapitel 13.6 beschrieben sind.
15.6 Flüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis nach § 23 I AufenthG in anderen Fällen
Eine Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG wird in unterschiedlichen Fällen erteilt: Auf
die Möglichkeit einer Bleiberechtsregelung für langjährig Geduldete sind wir bereits ausführlich
eingegangen. Wenn Sie eine Bleiberechtsregelung in Anspruch genommen haben oder nehmen
wollen, lesen Sie dazu bitte Kapitel 11. Daneben kommt § 23 Abs. 1 AufenthG hauptsächlich in
zwei Fällen zur Anwendung: Bei (Bürger-) Kriegsflüchtlingen und bei Angehörigen von jüdischen
Flüchtlingen mit Niederlassungserlaubnis.
Angehörige von jüdischen Flüchtlingen
Nahe Familienangehörige von jüdischen Flüchtlingen werden gemeinsam mit diesen von der
Bundesrepublik Deutschland offiziell aufgenommen. Die jüdischen Nachfahren von Deutschen
bzw. Opfer des Nationalsozialismus erhalten selbst eine Niederlassungserlaubnis nach § 23 Abs. 2
AufenthG (siehe dazu Kapitel 13.5). Als Angehörige/r erhalten Sie eine Aufenthaltserlaubnis nach
§ 23 Abs. 1 AufenthG, die zunächst auf ein Jahr befristet ist und dann jeweils um zwei Jahre
verlängert wird.
Ihr Aufenthaltsrecht in Deutschland kann als sicher gelten, so lange Sie mit dem Familienmitglied,
das über die Niederlassungserlaubnis verfügt, zusammenleben. Im Fall einer Trennung oder
Scheidung kann dieses Aufenthaltsrecht in Gefahr geraten. Aufenthaltsrechtliche Probleme kann es
auch dann geben, wenn Sie in erheblichen Maß straffällig werden (insbesondere auch bei
Drogendelikten).
 Lassen Sie sich bei drohenden Schwierigkeiten mit dem Aufenthaltsrecht von einem Anwalt
oder einer Anwältin beraten.
 Beachten Sie die Möglichkeiten zum Erhalt einer Niederlassungserlaubnis (siehe dazu im
Kapitel 9.1 den Abschnitt „Aufenthaltssicherung“.) Damit erhalten Sie ein eigenes, unbefristetes
Aufenthaltsrecht.
Ihre sozialen Rechte im Überblick:
 Sie erhalten zunächst nur eine nachrangige Arbeitserlaubnis mit eingeschränkten Arbeits- und
Ausbildungsmöglichkeiten. Nach dreijährigem Aufenthalt in Deutschland können Sie eine
unbeschränkte Arbeitserlaubnis erhalten.
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 Ihre soziale Sicherung ist wie bei Ihrem Angehörigen mit Niederlassungserlaubnis geregelt:
Im Fall von Arbeitslosigkeit erhalten Sie Arbeitslosengeld I nach dem SGB III oder
Arbeitslosengeld II nach dem SGB II. Bei geringem Einkommen erhalten Sie gegebenenfalls den
Kinderzuschlag. Wenn Sie 65 Jahre oder älter sind, oder dauerhaft nicht in der Lage sind zu
arbeiten, erhalten Sie nach dem Vierten Kapitel des SGB XII die so genannte „Grundsicherung im
Alter und bei Erwerbsminderung”. Sind Sie nur vorübergehend krank (länger als sechs Monate,
jedoch nicht auf Dauer) und stehen dem Arbeitsmarkt nicht als Arbeitssuchender zur Verfügung,
erhalten Sie soziale Leistungen nach dem dritten Kapitel des SGB XII. Lesen Sie zu den einzelnen
Regelungen die Kapitel 8.4 und 8.5.
 Ihr Recht auf eine Wohnung und die Beschränkung des Wohnortes (Wohnsitzauflage) richtet
sich nach dem Recht Ihres Angehörigen mit Niederlassungserlaubnis. Sie dürfen sich theoretisch
auch eine eigene Wohnung suchen, sollten aber beachten, dass bei Trennung oder Scheidung Ihr
Aufenthaltsrecht gefährdet sein kann. § 22 Abs. 2a SGB Abs. 2, § 20 Abs. 2a SGB II Arbeitslose
junge Menschen unter 25 Jahren, die aus der Wohnung der Eltern ausziehen, erhalten unter
Umständen keine soziale Unterstützung für die Wohnung und nur 80 Prozent des
Arbeitslosengeldes II.
 Sie haben mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 23 Abs. 1 AufenthG als Angehörige einen
Anspruch auf Kindergeld, Elterngeld und Unterhaltsvorschuss, wenn Sie die allgemeinen
Voraussetzungen dafür erfüllen (§ 1 Abs. 3 BKGG, § 62 Abs. 2 EStG; § 6a BKGG; § 1 Abs. 7
BEEG; § 1 Abs. 2a UhVorschG).
 Sie haben keinen Anspruch auf Teilnahme an einem staatlich organisierten Deutschkurs,
können sich allerdings um einen freien Platz bewerben (5 IntV). Klappt das nicht, sollten Sie sich
nach örtlichen Trägern erkundigen, die Kurse für alle Personengruppen durchführen. Genaueres
dazu lesen Sie bitte in Kapitel 9.7 im Abschnitt „Deutschkurs” nach.
 Es steht Ihnen grundsätzlich frei zu studieren. Grundsätzlich können Sie auch
Ausbildungsförderung nach dem BAföG erhalten. Lesen Sie dazu bitte Kapitel 9.7, Überschrift
„Studium“.
(Bürger-) Kriegsflüchtlinge nach § 23 Abs. 1 AufenthG
In seltenen Fällen beschließt die Politik, dass eine bestimmte Anzahl von Flüchtlingen, die sich
noch im Heimatland in einer akuten Kriegssituation befinden, als Kriegs- oder
Bürgerkriegsflüchtlinge von der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen werden. Sie fliehen
also nicht auf eigene Faust, sondern werden von der Bundesrepublik ausgeflogen und reisen
offiziell ein. Die Aufnahme als Bürgerkriegsflüchtling gilt nur für eine begrenzte Zeit. Wenn Sie
diesen Status haben, ist es für Sie äußerst schwierig, ein Daueraufenthaltsrecht zu erreichen. Denn
eine dauerhafte Aufnahme ist politisch nicht gewollt, und eine Ausreise wird wahrscheinlich von
den deutschen Behörden erzwungen, sobald der Krieg nach Auffassung der Innenminister zu Ende
ist. Es ist daher unwahrscheinlich, dass Sie den Status als Bürgerkriegsflüchtling sieben Jahre
behalten und dann eine Niederlassungserlaubnis bekommen. Ihre Rechte und Pflichten und den
Status ihrer Familienangehörigen regelt die niedersächsische Landesregierung in Absprache mit
den anderen Bundesländern in einer speziellen Anordnung.
 Besorgen Sie sich diese Anordnung oder lassen Sie sich von einer Beratungsstelle über deren
Inhalt informieren. Daraus können Sie entnehmen, welche der in diesem Leitfaden beschriebenen
aufenthaltsrechtlichen und sozialen Regelungen auf Sie zutreffen.
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 Es ist wahrscheinlich, dass Sie nach dieser Anordnung behandelt werden wie Menschen mit
Aufenthaltserlaubnis nach § 24 AufenthG - lesen Sie in diesem Fall bitte Kapitel 13.7. § 24
AufenthG ist im Prinzip für denselben Fall gedacht - Aufnahme von (Bürger-)Kriegsflüchtlingen basiert aber auf einer Verabredung der europäischen Länder. Theoretisch kann die Anordnung nach
§ 23 Abs. 1 AufenthG aber auch Regelungen treffen, die sich von § 24 AufenthG unterscheiden.
15.7 Flüchtlinge mit vorübergehendem Schutz (§ 24 AufenthG)
Wenn Sie eine Aufenthaltserlaubnis nach § 24 AufenthG besitzen, sind Sie nach einer Verabredung
der europäischen Länder in einer Massenfluchtsituation als (Bürger )Kriegsflüchtling
aufgenommen worden. Diese Aufnahme ist zeitlich befristet. Die Dauer Ihres „vorübergehenden
Schutzes” ist abhängig von der Entscheidung des Europäischen Rats: Sie beträgt zunächst ein Jahr,
verlängert sich unter Umständen zweimal um jeweils sechs Monate, und kann schließlich noch
einmal um bis zu einem Jahr verlängert werden. Nach diesen Etappen richtet sich auch die
Gültigkeit Ihrer Aufenthaltserlaubnis. Insgesamt beträgt die vorgesehene Schutzdauer also
höchstens drei Jahre. Danach geht die Entscheidung über eine weitere Aufenthaltsgewährung in die
Zuständigkeit Deutschlands über. Wahrscheinlich ist, dass Sie nach Ablauf der von der EU
beschlossenen Schutzdauer von der Ausländerbehörde zur Ausreise genötigt oder abgeschoben
werden.
Mit einer nur dreijährigen Aufenthaltsdauer in Deutschland können Sie die Voraussetzungen für
eine Aufenthaltssicherung (Niederlassungserlaubnis) nicht erfüllen. In Einzelfällen ist es möglich,
dass Ihre Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 4 Satz 2 AufenthG verlängert wird, weil individuelle,
außergewöhnliche Härtegründe vorliegen. Denkbar ist theoretisch auch die Erteilung einer
Aufenthaltserlaubnis nach einem anderen Paragrafen, etwa aufgrund einer Bleiberechtsregelung
oder nach einem Härtefallverfahren.
 Sobald Ihre Aufenthaltserlaubnis nicht mehr verlängert wird und Sie zur Ausreise aufgefordert
werden, sollten Sie eine Beratungsstelle oder einen Rechtsanwalt oder eine Rechtsanwältin
aufsuchen und Ihre Perspektiven klären.
Ihre sozialen Rechte sind - kurzgefasst - wie folgt geregelt:
• Es ist davon auszugehen, dass Sie nur eine nachrangige Arbeitserlaubnis erhalten können es sei denn, im Fall Ihrer speziellen Personengruppe hat die Politik ausnahmsweise etwas
anderes beschlossen (§ 24 Abs. 4 AufenthG). Ist dies nicht der Fall, können Sie Genaueres
zu Ihren Arbeitsmöglichkeiten in Kapitel 7.3 nachlesen. Auch eine Ausbildung können Sie
unter den in Kapitel 7.3 beschriebenen Bedingungen machen. Dabei ist vielleicht die
nichtbetriebliche Ausbildung für Sie interessant - dass Sie für eine betriebliche Ausbildung
eine Arbeitserlaubnis erhalten, ist angesichts der Kurzfristigkeit Ihrer Aufenthaltserlaubnis
unwahrscheinlich. Die Ausübung einer selbständigen Tätigkeit darf zwar nach dem Gesetz
nicht ausgeschlossen werden. Es ist allerdings sehr unwahrscheinlich, dass Sie die Erlaubnis
dazu erhalten.
• Ihre soziale Absicherung ist im Asylbewerberleistungsgesetz geregelt. Danach erhalten Sie
deutlich geringere Sozialleistungen als üblich. Ausführliches dazu steht in den Kapiteln 7.4
und 7.5. Die dort beschriebenen Regelungen zur medizinischen Versorgung (und
besonderen Bedarf) treffen grundsätzlich auch auf Sie zu, allerdings mit einer kleinen
Besserstellung: Als unbegleitete Minderjährige oder wenn Sie Folter, Vergewaltigung oder
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sonstige schwere Formen psychischer, physischer oder sexueller Gewalt erlitten haben,
„soll” Ihnen „die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe gewährt werden.”
• Ihnen wird ein bestimmter Wohnort in Deutschland vorgeschrieben, wo Sie wohnen und
sich gewöhnlich aufhalten müssen (Residenzpflicht, § 24 Abs. 2 AufenthG). Einen
Widerspruch gegen die Zuweisungsentscheidung, zum Beispiel, weil Sie zu Verwandten
ziehen wollen, können Sie nicht einlegen (§ 24 Abs. 4 AufenthG). Die Klage vor Gericht ist
möglich, verhindert aber nicht, dass Sie sich zunächst an dem vorgeschriebenen Ort
aufhalten müssen.
• Wenn Ihre Familie in einem anderen Staat lebt, können Sie bei der Ausländerbehörde einen
Antrag auf Wohnsitzverlegung in einen anderen EU-Staat stellen (§ 42 AufenthV). Wenn
der andere Staat zustimmt, erhalten Sie die Erlaubnis zum Umzug. Ihre
Familienangehörigen dürfen nach Deutschland kommen (§ 43 AufenthV), wenn
• das Zusammenleben als Familie durch die Flucht unterbrochen wurde und
• das nachzuholende Familienmitglied entweder von einem Europäischen Staat
aufgenommen wurde oder sich außerhalb der Europäischen Union befindet und
schutzbedürftig ist.
Dabei kommt es nicht darauf an, ob Sie Sozialleistungen beziehen oder nicht. Ihre nachgezogenen
Familienangehörigen AufenthG erhalten ebenfalls eine Aufenthaltserlaubnis nach § 24 AufenthG,
ihr Aufenthalt ist also ebenfalls nicht auf Dauer gesichert.
 Mit Ihrer Aufenthaltserlaubnis erhalten Sie die Familienleistungen wie Kindergeld, Elterngeld
und Unterhaltsvorschuss nur dann,wenn Sie bereits drei Jahr in Deutschland leben und zur Zeit
jetzt arbeiten, Arbeitlosengeld I oder Krankengeld beziehen oder in Elternzeit sind. Wenn Sie als
Bürger/in bestimmter Herkunftsländer (Tunesien, Marokko, Algerien, Türkei, Nachfolgestaaten
Jugoslawiens) unter bestimmte Sonderregelungen, haben Sie sogar ohne diese Voraussetzung zu
erfüllen eventuell einen Anspruch auf die genannten Leistungen (§ 1 Abs. 3 BKGG, § 62 Abs. 2
EStG, § 6a BKGG, § 1 Abs. 7 BEEG, § 1 Abs. 2a UhVorschG). Lesen Sie in diesem Fall Kapitel
10.6.
 Es steht Ihnen grundsätzlich frei zu studieren. Auf Ausbildungsförderung nach dem BAföG
haben Sie aber keinen Anspruch. Auch auf die Teilnahme an einem der staatlich organisierten
Deutschkurse haben Sie keinen Anspruch und sollten sich daher um einen Deutschkurs bemühen,
der von nichtstaatlichen Trägern angeboten wird und für alle Personen offen ist. Lesen Sie
Genaueres in Kapitel 7.7.
15.8 Flüchtlinge mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 IV Satz 2 AufenthG
Wenn Sie eine Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 4 Satz 2 AufenthG erhalten haben, handelt es
sich um die Verlängerung einer vorher schon bestehenden Aufenthaltserlaubnis. In Niedersachsen
erhielten Flüchtlinge eine solche Aufenthaltserlaubnis bis zum Herbst 2006 als Verlängerung einer
Aufenthaltserlaubnis nach einer positiven Entscheidung im Petitionsverfahren. Da mit der
Einrichtung einer Härtefallkommission der Petitionsausschuss nicht mehr über Härtefälle
entscheidet, gibt es diese Fallkonstellation nicht mehr.
Mit Ausstellung dieser Aufenthaltserlaubnis hat die Ausländerbehörde anerkannt, dass es für Sie
aufgrund Ihrer individuellen Situation eine „außergewöhnliche Härte” bedeutet hätte, Deutschland
zu verlassen. Solange die Gründe für die Feststellung einer „außergewöhnlichen Härte”
fortbestehen, können Sie im Regelfall davon ausgehen, dass Ihr Aufenthaltsrecht verlängert wird.
Aber Vorsicht: Die gesetzlichen Grundlagen für eine Beendigung ihres Aufenthaltsrechts (vor
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allem Sozialhilfebezug und Straffälligkeit) bleiben grundsätzlich bestehen und können zu
Problemen führen.
Personen mit Aufenthaltserlaubnis nach §§ 25 Abs. 4 Satz 2 AufenthG sind vom Familiennachzug
gesetzlich ausgeschlossen (§ 29 Abs. 3 AufenthG). Sie haben erst dann eine Chance darauf, ein
Familienmitglied legal nach Deutschland nachziehen zu lassen, wenn Sie eine
Niederlassungserlaubnis erhalten haben.
Im Regelfall haben Ihr/e Ehepartner/in und ihre Kinder dieselbe Aufenthaltserlaubnis und damit die
gleichen Rechte wie Sie. Einen anderen Aufenthaltstitel, möglicherweise auch nur eine Duldung,
können Angehörige haben, die nicht als Familienangehörige im engeren Sinne gelten: Volljährige
Kinder, vom anderen Elternteil getrennt lebende Mütter oder Väter, Großeltern und andere
Verwandte. Ihre Rechte sind dann im Einzelfall zu klären.
Sie haben in der Regel einen nachrangigen Zugang zum Arbeitsmarkt, d. h., Sie erhalten die
Zustimmung zu einer konkreten Beschäftigung nur, wenn die Agentur für Arbeit festgestellt hat,
dass für diese Arbeitsstelle keine bevorrechtigten Arbeitnehmer (z. B. Deutsche, EU-Bürger,
Auländer mit Niederlassungserlaubnis) zur Verfügung stehen. Wenn Sie bereits drei Jahre mit einer
Duldung, Aufenthaltserlaubnis oder Aufenthaltsgestattung in Deutschland gelebt haben, können Sie
allerdings einen unbeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten. Damit dürfen Sie jede legale
Beschäftigung ausüben, ohne nochmals eine Arbeitserlaubnis beantragen zu müssen.
Mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 4 Satz 2 AufenthG haben Sie Anspruch auf
Arbeitslosengeld II (Hartz IV) oder, falls Sie nicht erwerbsfähig sind, auf Sozialhilfe oder
Grundsicherung nach dem SGB XII (§ 7 Abs. 1 SGB II).
Sie haben mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 4 Satz 2 AufenthG einen Anspruch auf
Kindergeld, Elterngeld und Unterhaltsvorschuss nur unter bestimmten Voraussetzungen: Sie
müssen sich seit mindestens drei Jahren rechtmäßig, gestattet oder geduldet im Bundesgebiet
aufhalten und gegenwärtig berechtigt erwerbstätig sein, laufende Geldleistungen nach dem Dritten
Buch Sozialgesetzbuch beziehen oder Elternzeit in Anspruch nehmen (§ 1 Abs. 3 BKGG, § 62 Abs.
2 EStG, § 6a BKGG, § 1 Abs. 7 BEEG, § 1 Abs. 2a UhVorschG).
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