Minister Meyer: mit Industrie 4.0 und Breitband in die Zukunft 22

Wirtschaftsland
2016
Minister Meyer:
mit Industrie 4.0
und Breitband in
die Zukunft
22
Neue Dimensionen:
3-D-Metalldruck für
Mondrakete
10
Die Herrin der Reben
Melanie Engel bewirtschaftet
das größte zusammenhängende
Weinanbaugebiet in SH
40
Wertvoll:
Unternehmenskultur in SH
06
Der echte Norden:
eine Marke auf Erfolgskurs
46
EDITORIAL
www.wtsh.de
Für Unternehmer mit Weitblick:
Schleswig-Holstein
Liebe Leserin,
lieber Leser,
Wenn Sie zu den vielen Menschen gehören, die am Ende
ihres Urlaubs in Schleswig-Holstein wehmütig die Koffer
packen: Bleiben Sie doch gleich hier! In Schleswig-Holstein
lässt es sich ausgezeichnet leben und arbeiten. Hier finden
Sie optimale Standortbedingungen für Ihr Unternehmen –
und das ganz entspannt. Wir helfen Ihnen beim Aufbau
einer Niederlassung oder der Gründung einer Firma.
Bis demnächst in Schleswig-Holstein.
WTSH – Wirtschaftsförderung und
Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH
Lorentzendamm 24, 24103 Kiel
P +49 431 66 66 6-0
F +49 431 66 66 6-7 00
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seit 2013 tritt Schleswig-Holstein unter
der Dachmarke „Schleswig-Holstein.
Der echte Norden“ auf. Was zunächst
kontrovers diskutiert wurde, stellte
sich in der Zwischenzeit als Erfolgsmodell heraus: Der echte Norden
schneidet nicht nur in Umfragen gut
ab, sondern wird im Land intensiv
gelebt. Allen voran von den Landesbehörden und -institutionen, aber
auch zunehmend im Rahmen des
Partnerprogramms der Wirtschaftsförderung und Technologietransfer
Schleswig-Holstein GmbH (WTSH)
von der schleswig-holstei­nischen
Wirtschaft. Das freut uns, denn nur
gemeinsam können wir glaubhaft
darauf aufmerksam machen, dass der
echte Norden viel zu bieten hat. Nun
sind wir noch einen großen Schritt
weiter: Mit dem Start der Standortmarketingkampagne im November
2015 werden die vielfältigen Facetten
des Wirtschaftsstandortes Schleswig-Holstein in den kommenden
Jahren noch stärker vermarktet.
03
Wir sind stolz darauf, diese Aufgabe
für unser Bundesland übernehmen zu
dürfen. Und wir freuen uns, dass wir
Ihnen auch in dieser „Wirtschafts­
land“-­Aus­gabe wieder einmal
deutlich machen können, dass die
Menschen und Macher im Land auf
authen­tische, bodenständige Art mit
Pionierleis­tungen, die vielleicht
zunächst belächelt werden, von sich
reden machen. Wo entstehen solche
innovativen Ideen? Dort, wo es sich
gut arbeiten lässt. Und wo lässt es
sich gut arbeiten? Dort, wo es sich
gut leben lässt und wo die Unternehmenskultur für ein klares JA oder ein
klares NEIN steht. Im echten Norden
ist das so.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen
viel Vergnügen beim Lesen.
Ihr
Dr. Bernd Bösche,
Geschäftsführer der
Wirtschaftsförderung
und Technologietransfer
Schleswig-Holstein
GmbH – WTSH
Dr. Bernd Bösche
Wirtschaftsland 2016
I N H A LT
06 Verbindlichkeit als echter Vorteil
Unternehmenskultur in SH
10 Wachstum mit einem „hippen“ Produkt
Revolutionen im 3-D-Metalldruck
14
14 Westhof – alles Bio
Mit einzigartiger Technologie zum Erfolg
18 Einfach, praktisch, erfolgreich
Rückenwind für Gründerszene
20 Hanse zum Anfassen
Das Europäische Hansemuseum in Lübeck
Inhalt
22 Attraktiver Industriestandort SH
Interview mit Wirtschaftsminister
Reinhard Meyer
24 Industrie-Leuchtturm am Tor zur Welt
Investitionsschub im ChemCoast Park
Brunsbüttel
28 Patenter Schutz für patente Ideen
Innovative Firmen brauchen gutes
Patent-Management
Bio-Pionier Westhof
setzt neue Maßstäbe
24
Leuchtturmprojekt
ChemCoast Park Brunsbüttel
Unternehmen von Welt produzieren
seit 40 Jahren im größten Industriegebiet Schleswig-Holsteins, wo Elbe
und Nord-Ostsee-Kanal aufeinandertreffen und die Wege nach Hamburg
kurz sind. Der Standort boomt. Jetzt
sorgen millionenschwere Investitionen für noch mehr Strahlkraft.
In Dithmarschen erschafft die Westhof
Bio Group neue Dimensionen in der
ökologischen Landwirtschaft. Dort
steht das größte Bio-Gewächshaus
Deutschlands, das seine Energie
aus dem Blockheizkraftwerk und der
Biogasanlage auf dem Hof bezieht.
Auf den Feldern trifft man einen Forschungsroboter der Fachhochschule
Westküste.
38
32 Angekommen in SH
Wie Menschen aus aller Welt in SH
arbeiten und leben
36 Starke Partner für den echten Norden
Das WTSH-Partnerprogramm
32
Zweite Heimat
Schleswig-Holstein
Hier oben im „echten Norden“ arbei­
ten Menschen aus aller Welt – als
Fachkräfte, Gründer und Unternehmer.
Allen gemeinsam ist unbändiger Tatendrang, leidenschaftliches Engagement und die Liebe zu ihrer neuen
Heimat. „Wirtschaftsland“ erzählt
exemplarisch vier Erfolgsgeschichten.
38 Voll auf die Ohren
Open-Air-Festivals mit Rock, Jazz und Blues
40 Die Winzerin vom Gröndalberg
Melanie Engel – von der Autodidaktin zur
Herrin der Weine
43 Eine Box voller Möglichkeiten
Innovative Systeme für das Smart Home
46 Der echte Norden
Eine Landesmarke auf dem Weg zum Erfolg
48 Intelligente Life-Science-Lösungen
Wie Profisportler mit Vitaldaten ihre
Leistung steigern
Open-Air-Geheimtipps
im echten Norden
In Schleswig-Holstein gibt’s von Mai
bis September ordentlich was auf die
Ohren. Immer mehr kleine, aber feine
Open-Air-Festivals mausern sich zu
großen musikalischen Events. Musikfans freuen sich auf die Live-Auftritte
rund um Rock, Jazz und Blues in der
Freiluft-Saison 2016.
05
W E R T V O L L : U N T E R N E H M E N S K U LT U R I N S H
„Verbindlich zu sein,
ist ein echter Vorteil“
Fünf Führungskräfte aus Schleswig-Holstein über Unternehmens­
kultur, typisch norddeutsche Werte und ehrlichen Erfolg
In den Sechzigern galt die Produkt­
orientierung als Erfolgsfaktor eines
Unternehmens, in den Siebzigern war
es die Marketingorientierung, in den
Achtzigern die Service­kultur – und seit
den Neunzigern gilt zu­nehmend die
Unternehmenskultur als ausschlag­
gebender Wettbewerbsfaktor.
Wie sieht sie denn nun bei uns aus –
die Unternehmens­kultur im mittel­
ständisch geprägten SchleswigHolstein? Welchen Anteil hat sie am
Erfolg unseres gesunden Mittelstandes? Und gibt es etwas Typisches an
der Unter­nehmenskultur im echten
Norden?
„Wirtschaftsland“ hat fünf Führungs­
kräfte aus unterschiedlichen Branchen
in Schleswig-Holstein zu einem Gespräch am runden Tisch eingeladen.
Nach zwei Stunden stand fest: In der
Unternehmenskultur im echten Norden wird Wert auf ein klares Ja und
Nein gelegt – und auf Kreativität, die
von innen kommt.
Wirtschaftsland: Welche Werte ge­
hören zur Ihrer Unternehmenskultur
im echten Norden?
Norbert Basler: Für uns stehen ein
respektvoller und wertschätzender
Umgang, Ehrlichkeit und Vertrauen
im Mittelpunkt. Im Kern geht es um
die Frage, welches Menschenbild wir
zugrunde legen: Ist dies ein positives,
vertrauen wir zum Beispiel erst einmal
unserem Gegenüber. Unterstellen wir
den Willen zu Leistung, Verantwortungsübernahme und persönlicher
Weiterentwicklung, dann leben wir
auch fast automatisch die Werte, die
es den Menschen ermöglichen, ihre
Potenziale zu entfalten, die eigene
Motivation zu erhalten und Kreativität
zu entwickeln.
Randolph Schröder: Gutes Auskommen untereinander, das ist ein Wert,
der uns sehr wichtig ist, und das war,
denke ich, schon immer so. Und jeder
einzelne Mitarbeiter wird als Mensch
gesehen. Das stärkt die Motivation.
Wenn einer ein Problem hat, kann
er zu mir oder einer anderen Führungskraft kommen. Wir versuchen,
unseren Mitarbeitern viel zu geben –
bekommen aber auch ganz viel
zurück.
Wirtschaftsland: Mit den Problemen
zum Chef zu gehen, das funktioniert
natürlich einfacher in mittelständischen Betrieben als in Großkonzernen – da haben wir in Schleswig-Holstein Vorteile. Welche Werte sind es
denn, die gerade in diesen mittelständischen Strukturen gelebt werden?
Britta Blömke: Die Werte, die unsere
Firmengründer von Anfang vorgelebt
haben und die bis heute prägend für
unsere Unternehmenskultur stehen,
sind der herzliche Umgang untereinander, Offenheit und schlanke
Hierarchien.
Norbert Basler, Aufsichtsratsvorsitzender
Basler AG, Ahrensburg
Britta Blömke, Geschäftsführerin
FLS GmbH, Heikendorf
7
Randolph Schröder, Geschäftsführer
Gebr. Schröder GmbH, Kiel
Torben Luther: Auch wir haben eine
offene Gesprächskultur und flache
Hierarchien. Jeder Mitarbeiter weiß:
Verbesserungsvorschläge sind willkommen und werden auch honoriert.
Schließlich können auch kleine
Veränderungen teilweise enorm viel
bewirken und Dynamik und Schwung
bringen. Und es gibt einfach viele
kleine Dinge, die einem als Führungskraft verborgen bleiben.
Wirtschaftsland: Das hört sich alles
sehr schön an. Aber einen netten,
offenen Umgang zu pflegen, reicht ja
nicht, oder?
Norbert Basler: Genau, schließlich
verdienen wir unser Geld im Wettbewerb mit anderen. Wenn die Kasse
stimmt, dann ist es nicht schwer, nett
zu sein und Verständnis zu haben.
Aber eine konjunkturell schwierige
Phase ist dann die Nagelprobe für
jede Unternehmenskultur. Dann zeigt
sich, ob man nur eine Schönwetterkultur hat. Denn zu einer wirklich
echten Unternehmenskultur gehören
bei uns zu jeder Zeit Transparenz und
Ehrlichkeit, eben nicht nur in guten
Zeiten.
Wirtschaftsland 2016
W E R T V O L L : U N T E R N E H M E N S K U LT U R I N S H
8
Frederike Walter: Transparenz ist sehr
wichtig! Man muss zum Beispiel auch
den Mitarbeitern in der Produktion
zeigen, welchen Anteil sie am Unternehmenserfolg haben. Natürlich ist
das oft nicht einfach, aber versuchen
sollte man es in jedem Fall. Schon allein, weil es noch mehr Identifikation
mit dem Unternehmen bringen kann.
W E R T V O L L : U N T E R N E H M E N S K U LT U R I N S H
Wirtschaftsland: Heißt das auch, dass
sie als Aufsichtsratsvorsitzender keinen eigenen, also markierten
Parkplatz haben?
Frederike Walter: Ich weiß natürlich
nicht, was junge Menschen bei uns
oder außerhalb von SchleswigHolstein mit Unternehmenskultur in
Schleswig-Holstein verbinden. Womöglich fallen da dann auch Begriffe
wie konservativ, rauere Mentalität
oder Ähnliches. Aber authentisch –
das sind wir wohl. Und wir sind
echt, halt der „echte Norden“. Und
wenn wir mit „echt“ meinen, dass wir
bodenständig, unkompliziert und
zuverlässig sind, dann ist das sicherlich ein Alleinstellungsmerkmal bzw.
ein großer Wettbewerbsvorteil für
Schleswig-Holstein.
Norbert Basler: Das stimmt. Das
wäre ein Privileg mit einer schlechten
Signalwirkung für die Unternehmenskultur. Unternehmenskultur muss
bewusst entwickelt werden. Sie ist
eine Aufgabe des Managements.
Randolph Schröder: Die klassischen
Hierarchien – das war früher. Nehmen
wir das Beispiel VW: ein hierarchisches
System in einem angstgetriebenen
Unternehmen. Da ist keiner aufgestanden und hat gesagt: Das machen wir
nicht. Das ist nicht anständig. Arbeitgeber, Gewerkschaften und Betriebsrat haben sich um das Thema Unternehmenskultur nicht gekümmert.
Frederike Walter, Marketing-Managerin
punker GmbH, Eckernförde
Wirtschaftsland: Stichwort Transparenz: Welchen Vorbildcharakter
haben denn dabei die Führungsverantwortlichen?
Norbert Basler: Man kann sich nicht
die neue S-Klasse bestellen, damit
auf den Hof fahren und allen anderen Leuten erzählen, dass man den
Gürtel enger schnallen muss. Eine
Belegschaft sieht sofort, wenn man
Wasser predigt und Wein trinkt! Das
ist unglaubwürdig und dann hat man
eigentlich schon verloren.
Wirtschaftsland 2016
Britta Blömke: Deswegen ist es wichtig, dass wir gemeinsam auftreten
und zeigen, dass der Mittelstand in
Schleswig-Holstein ein sehr moderner
Mittelstand ist. Und da spielen die
jeweiligen Werte der Unternehmenskultur eine wichtige Rolle.
alle Trümpfe in der Hand haben, um
daraus etwas für den Norden zu machen. Schleswig-Holstein tatsächlich
mehr als andere Bundesländer. Die
Nähe zu Skandinavien, die Offen­
heit – und man nimmt uns das ab.
Ich glaube, das passt einfach zum
Zeitgeist. (mif/lei)
Norbert Basler: Hinzu kommt noch
ein weiterer Aspekt: Es gibt eine
Renaissance des familiengeführten
Mittelstandes. Ich glaube, dass wir
Wirtschaftsland: Wie sollte denn die
Unternehmenskultur in schlechten
Zeiten funktionieren? Gibt es Erfahrungen aus Zeiten der Rückschläge?
Torben Luther: Im Kleinen: Die Gesetzgebung zur Abgasemission hat
deutlich angezogen. Da ist ein Marktanteil weggebrochen. Wir haben uns
gefragt: Wo sind unsere Märkte und
Kunden? Da legten unsere Mitarbeiter eigene Recherchen vor, die wir
dann auch genutzt haben. Dieses
eigenverantwortliche Arbeiten hat
uns schon sehr geholfen.
Britta Blömke: Wenn in Zeiten, in
denen es nicht so rund läuft, die
Unternehmenskultur so weit trägt,
dass sich die Mitarbeiter stützen,
dann ist sie eine gute!
Torben Luther, Leiter Sales und Marketing
Weihe GmbH, Altenholz
Wirtschaftsland: Zum Schluss noch
eine Frage: Meinen Sie, dass es etwas
Typisches an unserer Unternehmenskultur hier im echten Norden gibt?
Randolph Schröder: Dieses Echte
und Authentische – das ist dabei
ein ganz wichtiger Punkt. Auch im
Vergleich zu anderen Bundesländern
oder Ländern, glaube ich, dass wir
hier im Norden Deutschlands für ein
klares Ja oder ein klares Nein stehen.
Das ist unsere Verlässlichkeit. Und
unsere Verbindlichkeit. Das halte ich
für einen echten Vorteil.
Wirtschaftsland 2016
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LÜBECKER RE VOLUTIONÄRE
LÜBECKER RE VOLUTIONÄRE
Wachstum
mit einem „hippen“
Produkt
Stefan Ritt hat die Entwicklung des stark
wachsenden Technologieunternehmens
seit 1998 begleitet.
Blick in die Produktion
am Standort Lübeck
Eine Revolution in 3-D
3-D-Druckmaschinen von SLM in Aktion:
Hier entstand auch das Holstentor aus Aluminium,
das u. a. Außenminister Frank-Walter Steinmeier
geschenkt bekam.
Die SLM Solutions Group AG aus Lübeck ist Technologieführer
bei der Herstellung von Anlagen für den 3-D-Metalldruck
Was vor nicht allzu langer Zeit noch als „Spielwiese“ für Ingenieure und Computerfreaks galt,
überschreitet gerade die Schwelle zur globalen Revolution in der industriellen Fertigung: Komplexe metallische Bauteile für Flugzeuge, Kraftwerke, Maschinen oder medizinische Implantate
werden nicht mehr gefräst, gegossen oder genietet, sondern in additiven Fertigungsverfahren
hergestellt, besser bekannt als 3-D-Druck. Technologischer Anführer dieser Revolution, die in
rasantem Tempo immer mehr Branchen und Unternehmen erfasst, ist ein ebenso rasant wachsendes Unternehmen aus Schleswig-Holstein: die SLM Solutions Group AG in Lübeck.
Wirtschaftsland 2016
Am Ende eines Gesprächs, das bis
dahin um Unternehmensstruktur,
Investitionen, Marktpotenziale und
technologische Details kreist, lässt
sich Stefan Ritt unerwartet doch
noch zu einer kleinen Schwärmerei
hinreißen: „Wir sind hier mit unserer
Technologie am Puls der Zeit – noch
besser geht’s nicht, höchstens mit der
Mondrakete. Und sogar da sind Teile
drin, die auf unseren Anlagen hergestellt wurden.“ Mit der Mondrakete ist
der deutsche Beitrag zum „Google
Lunar X Prize“ der Berliner Firma Part
Time Scientists gemeint. Bei dem
internationalen Wettbewerb geht es
darum, ein Fahrzeug zum Mond zu
bringen, auf der Oberfläche abzusetzen und dort Daten zu sammeln. SLM
Solutions steuert dazu Bauteile für die
Räder und Kameraadapter bei.
Ritt, 55, ist studierter Physik-Ingenieur
und gebürtiger Schleswig-Holsteiner,
beides Eigenschaften, die ihn eher
nicht als haltlosen Schwärmer verdächtig machen. Sein Enthusiasmus
stützt sich vielmehr auf Fakten und zu
denen zählt, dass er bei der SLM Solutions Group AG in Lübeck allein innerhalb einer Jahresfrist rund 100 neue
Kolleginnen und Kollegen bekommen
hat. Eine glatte Verdoppelung der
Belegschaft, die bei dem Hersteller
von 3-D-Druckmaschinen im Zuge
des zunehmenden wirtschaftlichen
Erfolgs schon länger massiv aufgestockt wird. Ein Ende des Wachstums
ist derzeit nicht abzusehen und da
trifft es sich ausgezeichnet, dass das
Unternehmen zum Jahresanfang 2016
auch seine Fläche im proppevollen
Gewerbe- und Industriegebiet LübeckRoggenhorst durch den Umzug
einiger Nachbarn auf das Doppelte
ausweiten kann.
Leistungsstarke Multi-Laser-Technologie: Die Laserschmelzanlage SLM 280 HL ist der Topseller unter den
derzeit drei Anlagentypen der SLM-Produktpalette.
Wirtschaftsland 2016
11
LÜBECKER RE VOLUTIONÄRE
LÜBECKER RE VOLUTIONÄRE
Komplexe Strukturen wie aus einem Guss: Auch
Hohlräume im Inneren sind, wie hier am Beispiel
eines Turbinen-Bauteils sichtbar gemacht, beim
SLM-Verfahren problemlos realisierbar.
12
Kein Wunder bei derart überzeugenden Argumenten, dass die Nachfrage
in allen großen Industrieländern
stetig ansteigt. Derzeit konkurrieren
auf dem Weltmarkt nach Ritts Angaben sieben Hersteller, vier davon
in Deutschland, wo die innovative
Technologie ursprünglich entwickelt
wurde – unter Beteiligung von Dr.
Dieter Schwarze, wissenschaftlicher
Kopf und Koordinator im Lübecker
Unternehmen. Vorarbeit für das jetzige Wachstum geleistet hat auch der
Wirtschaft und Politik im Austausch:
Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe (2. v. li.)
mit SLM-Marketing- und Kommunikationschef
Ritt arbeitet seit 1998 bei SLM Solutions beziehungsweise dem Vorgängerunternehmen des seit Mai 2014
an der Frankfurter Börse im Prime
Standard notierten Technologieherstellers. Viel länger als die meisten
also, auch der Vorstand ist mehrheitlich erst seit dem Jahr vor dem
Börsengang an Bord. Zuständig ist
Ritt für globales Marketing und Kommunikation, lange war er es auch für
den weltweiten Vertrieb der Anlagen,
in denen Laserstrahlen Metallpulver
schmelzen. Schicht für Schicht wird
aus dem geschmolzenen Metall,
meist Stahl-, Titan-, Kobalt-, Chromoder Aluminiumpulver, eine beliebige
dreidimensionale Form aufgebaut,
die exakt den Konstruktionsdaten
eines 3-D-Computermodells (CAD)
entspricht. Formwerkzeugbau und
Nachbearbeitung entfallen, Material­
eigenschaften wie Stabilität oder
Oberflächenstruktur lassen keinerlei
Wünsche gegenüber herkömm-
Alle Formen sind möglich:
Pumpenlaufrad aus Aluminium
und Edelstahl mit stromlinien­
optimierter Geometrie
Wirtschaftsland 2016
Stefan Ritt, dem Vorstandsvorsitzenden
Dr. Markus Rechlin und dem Vorsitzenden
lich hergestellten Teilen offen. Ein
unschlagbarer Trumpf ist zudem die
Flexibilität: Es lassen sich komplexe
Strukturen „aus einem Guss“ generieren, die mit herkömmlichen Verfahren schlicht unmöglich wären. Zum
Beispiel mit Hohlräumen im Inneren,
die Materialverbrauch und Gewicht
deutlich reduzieren, was sich gerade
in der Luft- und Raumfahrt nicht nur
durch den geringeren Treibstoffverbrauch schnell bezahlt macht. „Die
Bauzeit der Teile ist mittlerweile
oft kürzer und das einzelne Bauteil
auch durch die geringere Anzahl
an Komponenten preisgünstiger.
Immer größere Serien können immer
wirtschaftlicher gefertigt werden“,
erklärt Ritt. Wer genau hinschaut,
kann in den Augen des Ingenieurs ein
Funkeln entdecken.
des Aufsichtsrats Hans-Joachim Ihde
Eine Tochter in Shanghai
Seit November 2015 setzt die
SLM Solutions Group AG ihren
globalen Wachstumskurs mit
einer Niederlassung in Shanghai
fort. Die neue Tochtergesellschaft
SLM Solutions Shanghai Co. Ltd.
betreut den gesamten chinesischen Markt. Zur Einweihung des
neuen Standortes waren auch
Wirtschaftsminister Reinhard
Meyer, ein Repräsentant der
Regierung von Shanghai und der
Vorstandstandvorsitzende Dr.
Markus Rechlin vor Ort. SLM Solutions ist dennoch kein Newcomer
in China. Mit lokalen Partnern sind
die Lübecker auch durch ihre Vorgängerorganisation bereits seit
20 Jahren in der Volksrepublik
aktiv. Die neue eigene Repräsentanz in Shanghai soll den direkten
Kontakt zur schnell wachsenden
Kundenbasis in China ausbauen
und festigen.
langjährige Geschäftsführer HansJoachim Ihde, der seit dem Börsengang den Vorsitz im Aufsichtsrat der
SLM Solutions Group AG führt. Rund
75 Millionen Euro Wachstumskapital
hatten die Lübecker auf dem Frank­
furter Parkett im Mai 2014 eingesammelt, das gibt dem Unternehmen
Luft für die kommenden Jahre. „Im
Rahmen unserer Wachstumsstrategie setzen wir auf Forschung und
Entwicklung, den Ausbau unseres
internationalen Service- und Vertriebsnetzwerks sowie den Ausbau
des Geschäfts mit Verbrauchsmaterialien, das heißt mit Metallpulvern“, so
der Vorstandsvorsitzende Dr. Markus
Rechlin. Ziel ist es, zusätzlich zur Technologieführerschaft auch die Position
des Weltmarktführers zu erobern.
Gut für die Lübecker: Der Trend
geht zum Einsatz mehrerer Laser.
Mit dem größten ihrer drei derzeit
im Portfolio vorhandenen Anlagentypen, dem „SLM 500 HL“, hat das
Unternehmen seit Ende 2013 ein
Alleinstellungsmerkmal. „Es ist die
weltweit einzige Anlage, in der vier
Laser gleichzeitig und unabhängig
voneinander an einem Werkstück
arbeiten können“, erklärt Ingenieur
Ritt. Die Bezeichnung SLM ist zugleich
eine eingetragene Wortmarke und
die englischsprachige Abkürzung
für das Verfahren (selective laser
melting), das Kürzel HL verweist auf
die Hansestadt Lübeck. In einem
Demonstrations- und Trainingscenter,
das im April 2015 auf dem Firmengelände eröffnet wurde, stehen sieben
Maschinen, in denen Musterteile für
Kunden gefertigt werden und auch
viele Bauteile, die das Unternehmen
selbst in der Herstellung seiner Maschinen einsetzt. Die Kunden können
die Anlagen hier „in Aktion“ kennenlernen – wobei der Fertigungsprozess
an sich wenig spektakulär anzusehen
ist, weil das Werkstück zunächst in der
unteren Baukammer verschwindet.
Zu bewundern sind die Musterstücke
erst nach ihrer Fertigstellung oder in
den Vitrinen, die ringsum in der Halle
stehen. Darunter ein Holstentor aus
Aluminium, das auch alle G7-Außenminister bei ihrem Treffen in Lübeck
im Juni 2015 als Gastgeschenk erhielten – als Beispiel für eine innovative
Zukunftstechnologie aus dem echten
Norden.
Qualifizierte Mitarbeiter zu be­
kom­men sei für SLM Solutions kein
Problem, sagt Ritt. Das Unternehmen
erhalte ständig Initiativbewerbungen
aus dem In- und Ausland, natürlich
auch von Absolventen der Lübecker
Hochschulen. „3-D-Drucker für Metalle
sind ein hippes Produkt“, nennt Ritt
einen Grund für den Zulauf. Ein
weiterer: die hohe Lebensqualität in
Schleswig-Holstein mit viel Natur bei
gleichzeitiger Nähe zu den größten
deutschen Städten Hamburg und
Berlin. „Das nehmen die Bewerber
durchaus wahr.“ Und auch der viel
gereiste Stefan Ritt kann sich für
Schleswig-Holstein immer wieder
begeistern. (sas)
Wirtschaftsland 2016
D I E B I O - P I O N I E R E AU S D I T H M A R S C H E N
Westhof –
mit einzigartiger
Technologie
zum Erfolg
15
In den vergangenen zehn Jahren kannte die Bio-Branche nur eine Richtung, und zwar nach oben.
Der Umsatz in Deutschland stieg von zwei Milliarden Euro im Jahr 2000 in 14 Jahren auf acht
Milliarden Euro. Einer der Pioniere der Branche ist der Westhof aus dem schleswig-holsteinischen
Friedrichsgabekoog. Bereits vor 26 Jahren entschieden Rainer Carstens und Paul-Heinrich
Dörscher, auf ökologischen Landbau umzusteigen. Ihr Pioniergeist war erfolgreich: Heute zählt
Dithmarschen zu den be­deutendsten Anbauregionen für Bio-Gemüse in Deutschland.
Umsatz mit Bio-Lebensmitteln in Deutschland in den Jahren
2000 bis 2014 in Milliarden Euro*
8
6
4
Ein Unternehmen mit Zukunft:
2
Bei Westhof ist die nächste Generation
der Carstens mit eingestiegen.
0
2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014
Quelle: BÖLW © Statista 2015
* ohne Außer-Haus-Markt
Wirtschaftsland 2016
Maike Carstens ist froh, eine erfüllende
Arbeit in ihrer Heimat Schleswig-Holstein
gefunden zu haben.
Deutschlands größtes
Bio-Gewächshaus
Einen ganz besonderen Superlativ
bietet die Bio-Tomatenproduktion
des Westhofs. Dort entstand 2011 das
größte Bio-Gewächshaus Deutschlands. Darin gedeihen seit 2013 auf
vier Hektar rund 70.000 Tomatenpflanzen. Der besondere Clou: Die
Pflanzen wachsen nicht in Nährlösungen wie im konventionellen Anbau,
sondern im Dithmarscher Boden.
„Diesen Unterschied schmeckt man“,
erklärt Maike Carstens, Leiterin des
Gewächshauses. Die 30-Jährige ist
nach ihrem BWL-Studium und Anstellungen in einem Hamburger Verlag
und einem Versandhandelsunternehmen wieder zurück in den Betrieb
ihrer Eltern gekommen. „Von März bis
November bauen wir Tomaten im Gewächshaus an. Aus den 70.000 Pflanzen produzieren wir in neun Monaten
rund 1.400 Tonnen Tomaten. Danach
bekommt der Boden eine Ruhephase.
Dann werden die Pflanzen aus dem
Boden genommen, zerkleinert und
in die Biogasanlage gegeben. Der
Boden wird gelockert und optimal
mit Nährstoffen versorgt, das Unkraut
wird entfernt.“
Einzigartig ist aber nicht nur die
Größe des Gewächshauses. Auch das
Konzept des schleswig-holsteinischen
Unternehmens sucht seinesgleichen.
Die Energie liefern das hofeigene
Blockheizkraftwerk und die eigene
Biogasanlage. Letztere speist zudem
das Gewächshaus mit dem für die
Pflanzen lebensnotwendigen CO2.
Das Besondere an der Westhof-Biogasanlage: Sie wird nicht mit Mais
gefüllt, der auch als Tierfutter dienen
kann, sondern mit nicht verkaufsfähigem Gemüse (Klasse C). „Kreislaufwirtschaft spielt für uns Bio-Bauern
eine besondere Rolle. Unser Ziel ist
es, der Natur so viel zurückzugeben,
wie wir ihr entnehmen. Um energieneutral wirtschaften zu können, setzen
wir auf einen symbiotischen Energieund Nährstoffkreislauf“, erklärt Maike
Carstens.
Streben nach Verbesserungen
Auch in anderen Bereichen setzt der
Westhof auf Innovationen. Aktuell
beteiligt sich das Unternehmen an
dem Forschungsprojekt Bonirob der
Fachhochschule Westküste in Heide.
Gewappnet mit Sensoren und diversen Kameras scannt der fahrende
Roboter seine Umgebung und soll
zukünftig zur Beikräuterbekämpfung
auf dem Feld eingesetzt werden.
„Wir haben so ungefähr zwischen 160
und 180 Hektar Möhren – und knapp
sechs Wochen Zeit, sie zu jäten“, erklärt Maikes Bruder Ulf Carstens.
Bonirob soll diese Arbeit in Zukunft
schneller, effektiver und kostengüns-
Wirtschaftsland 2016
Dr. Henning Bähren, Geschäftsführer punker GmbH
16
Auf rund 1.000 Hektar baut die Familie Carstens
Beim ökologischen Landbau ist Know-how gefragt.
gemeinsam mit ihrem Partner Paul-Heinrich Dörscher
Auf Hilfsmittel wie chemischen Pflanzenschutz wird
vor allem Bio-Gemüse an.
komplett verzichtet.
tiger erledigen. Anders als bei ihren
konventionellen Kollegen entfernen
Bio-Landwirte Beikräuter nur mit
manuellen Jätearbeiten und mechanischen Hilfsmitteln. Pflanzengifte als
schnelle und bequeme Alternative –
das komme für Bio-Bauern einfach
nicht in Frage, betont Maikes Vater
Rainer Carstens. „Das ist unsere Philosophie – wir denken einfach, dass dieses Gift nicht in unseren Boden und
unsere Pflanzen hineingehört. Denn
alles, was wir auf unseren Boden
bringen, das ernten wir auch wieder
und das geht in unsere Nahrungskette hinein – deswegen lehnen wir es
einfach ab.“
Ressourcenschonende und
klimaneutrale Produktion von
Bio-Lebensmitteln
Die Westhof Bio Group besteht aus
sechs Firmen: BIOfrost, BIOhandel,
BIOanbau, BIOgewächshaus, BIO­
energie und BIOinvest. Die umfangreich integrierten Energie- und
Nährstoffkreisläufe sollen die höchst
effiziente Verwendung von Ressour­
cen sicherstellen und damit auf
lange Sicht zu einer energieneutralen
Produktion führen. Die Betriebsleiter
Rainer Carstens und Paul-Heinrich
Dörscher setzen seit Beginn ihrer
Wirtschaftsland 2016
Zusammenarbeit auf Bio-Gemüse.
Vor allem Möhren und Blumenkohl,
aber auch Getreide werden direkt
auf dem rund 1.000 Hektar großen
Betrieb angebaut, verarbeitet und
zum größten Teil frisch über den
Hamburger Großmarkt oder direkt an
den Einzelhandel vermarktet.
Die erfolgreiche Vermarktung von
Bio-Gemüse ermöglichte 20 weiteren Betrieben die Umstellung auf
ökologischen Landbau: Die Landwirte
bauen für den Westhof Gemüse an.
In der Erntezeit unterstützen bis zu
120 Saisonarbeitskräfte die Mitarbeiter des Betriebes. Faire Löhne und
hohe Sozialstandards wie angemessene Unterkünfte sind den Betriebs­
inhabern besonders wichtig. Der
Betrieb vernetzt Anbau, Verarbeitung
und Energieerzeugung und schließt
so Energie- und Nährstoffkreisläufe.
(ki)
Die Westhof Bio Group
Auszeichnungen
2015
•Landwirtschaftspreis
CERES AWARD in der
Kategorie Biolandbau
•DLG-Preis in Gold für Rote Bete
2014
•1. Platz des Förderpreises
Ökologischer Landbau
2013
•Deutscher Innovationspreis
Gartenbau
2012
•Dithmarscher Innovationspreis
„Plietsche Lüüd“
Zahlen · Daten · Fakten
•1.000 ha Anbaufläche
•eigene Frosterei
•eigene Vermarktungs­
gesellschaft
•mit mehr als 4 ha Fläche
das größte Gewächshaus
Deutschlands
•kombiniertes Energie­
management mit dem Ziel,
genauso viel Energie aus
regenerativen Energiequellen
zu erzeugen, wie das Unter­
nehmen verbraucht
•120 Festangestellte
•bis zu 120 saisonale
Arbeitskräfte
Chief Executive Officer.
Oder wie wir sagen: Chef.
Mehr Infos unter der-echte-norden.info
J U N G E M AC H E R
Einfach, praktisch,
erfolgreich
Die Gründerszene in Schleswig-Holstein ist bunt: Arztgespräch übers Internet, eine einfache
Fernbedienung, effektive Unternehmensberatung und moderne Nachbarschaftshilfe – Ideen für
Start-ups gibt es reichlich. Auch die Fördermöglichkeiten sind besser denn je.
WTSH – Gründerszene
Gründer hatten es in SchleswigHolstein noch nie so gut wie jetzt.
Natürlich haben sie es grundsätzlich
nicht leicht, denn aus einer Idee ein
Unternehmen zu entwickeln, erfordert
viel Engagement. „Aber mittlerweile
gibt es viele Initiativen, die Gründer
auf ihrem Weg begleiten“, sagt Dirk
Müller, Projektleiter Gründungs­
förderung bei der Wirtschaftsförde­
rung und Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH (WTSH). Dass die
Situation zwischen Flensburg und
Lübeck so gut ist, ist besonders einzelnen Personen zu verdanken.
So gibt es mehrere Professoren, die
ihre Studierenden bereits während
des Studiums animieren, einen
eigenen Weg zu gehen. „Diese
Leute wollen mehr bieten als die
Theorie und vermitteln daher unternehmerisches Denken.“ Wichtig ist
natürlich eine gute Finanzplanung.
Diesbezüglich gebe es laut Müller in
Schleswig-Holstein eine gute Förderkulisse. So wurde etwa der Seed- und
Start-up-Fonds neu aufgesetzt. Statt
sechs Millionen Euro stehen nun zwölf
Millionen Euro für Gründungen zur
Verfügung. In diesem Fonds stecken
Mittel vom Land Schleswig-Holstein,
der Investitionsbank Schleswig-Holstein (IB.SH), der Mittel­ständischen
Beteiligungsgesellschaft Schleswig-Holstein mbH (MBG) und dem
Europäischen Fonds für regio­nale
Entwicklung (EFRE).
Allen Gründern kann gesagt werden,
dass die Welt nicht zusammenbricht,
wenn es nicht klappt. „Eine Gründung
impliziert die Möglichkeit zu scheitern
wie bei einer Ehe“, sagt Müller, „doch
ein Scheitern bedeutet nicht das
Ende.“
Finn Plotz – Vion
Finn Plotz vertritt eine starke These: „Die Fernbedienung wird den digitalen Wandel überleben“.
Neue Technik, bei der man zum Umschalten des
Fernsehsenders nur noch mit den Fingern durch
die Luft wischt, werde sie nicht verdrängen.
„Das haptische Gefühl ist ganz wichtig“, sagt
der junge Unternehmer aus Glückstadt, der mit
Vion eine Fernbedienung auf den Markt bringt,
die alles in sich vereint – Fernsehen, Film und
Musik –, jedoch nur wenige Knöpfe hat. „Alles
soll ganz einfach sein.“ Seit Dezember 2015
sind die ersten 5.000 Exemplare des Designprodukts im Handel erhältlich.
Gezeitenraum
Für Inga und Christian Wiele ist es beruflich
wichtig, einen klaren Kopf zu haben. Also zogen
die Unternehmensberater aus dem Süden
Deutschlands nach St. Peter-Ording, um in der
frischen Atmosphäre der Nordseeküste ihr Startup Gezeitenraum zu gründen. Die erfahrenen
Wirtschaftsexperten bieten ihren Kunden zum
Beispiel das sogenannte Design Thinking an,
eine Methode, die kreative und schnelle Problemlösungen in jeder Branche ermöglicht. Auch
wenn es banal klingt, geht es hierbei oft erst
einmal darum, zu lernen, richtig zuzuhören. „Daraus ergibt sich, dass Mitarbeiter kreative Ideen
entwickeln und effizienter zusammenarbeiten“,
sagt Inga Wiele.
Patientus.de
Drei Stunden, um eine Frage zu stellen – Arzt­
termine sind meistens sehr zeitaufwendig.
Besonders für Berufstätige ist das ein Problem.
Der Lübecker Internetdienst Patientus bietet
hierfür eine Lösung. Patienten können per
Videochat mit ihrem Wunscharzt sprechen. So
kann frühzeitig geklärt werden, ob der Besuch
einer Arztpraxis nötig ist oder der Zeitaufwand
beziehungsweise eine lange Anreise für Patienten aus ländlichen Gebieten vermieden werden
kann. 100 Ärzte haben sich bereits registriert,
bis 2016 sollen es 7.000 sein. Den Gründern
Nicolas Schulwitz, Jonathan von Gratkowski und
Christo Stoyanov ist wichtig, dass ihr Unternehmen als das betrachtet wird, was es ist: eine
Ergänzung des normalen Arztbesuches. „Die
körperliche Untersuchung sowie die anschließende Behandlung finden nach wie vor in der
Praxis statt“, sagt Nicolas Schulwitz.
19
Lokalportal
Nachbarschaftshilfe neu erfunden: Die Kieler
Studenten Sebastian Penthin und Justin Hallauer
haben das Start-up Lokalportal gegründet, ein
soziales Netzwerk für Orte und Regionen. Seit
2015 ist es online. „Wir wollen hier alle regional
relevanten Infos an einem Ort im Internet sammeln“, erklärt Hallauer. Die Möglichkeiten sind
groß. Man kann sich als privater Nutzer, Sportverein, Gewerbetreibender oder als öffentliche Stelle
anmelden. Aber anders als bei Netzwerken wie
Facebook oder Twitter sehen Nutzer von Lokalportal nur Inhalte aus ihrer Region. Diese lassen sich
auf einen bestimmten Umkreis eingrenzen. Wie
sich Lokalportal entwickelt, hängt von den Nutzern
ab. (sb)
H A N S E Z U M A N FA S S E N
Der Ort steckt voller Geschichte(n).
In der Ausstellung dreht sich alles um
die Hanse, jenes zwischen Mittelalter
und Neuzeit mächtige Wirtschafts- und
Städtebündnis. Lübeck war Führungsmacht und ein Nabel der Weltpolitik.
Aufstieg und Niedergang, Alltag,
Macht und Mythos dieses über dreieinhalb Jahrhunderte erfolgreichen
Netzwerks sowie seine Wirkungen bis
in die Gegenwart vermittelt das neue
Museum in einem Mix aus herkömmlicher, multimedialer und szenischer
Darstellung. Vitrinen mit Urkunden,
Münzen, Schmuck und historischen
Dokumenten wechseln sich ab mit
Räumen, in denen Informationen über
Bildschirme, Monitore und Hörstationen abgerufen werden können.
20
Das 2015 eröffnete
Europäische Hansemuseum
lädt Besucher jeden Alters
zu einer Zeitreise ein.
Eintauchen in eine
wirtschaftliche Blütezeit
Europäisches Hansemuseum Lübeck
Die Fassade des Neubaus wirkt beeindruckend, aber nicht unbedingt einladend. Eher trutzig wie
bei einer Burg, die es zu erobern gilt. Doch dieser erste Eindruck ist schnell vergessen im aufregenden Inneren des Europäischen Hansemuseums, einer der bundesweit größten Museumsneugründungen der Nachkriegszeit und neuer Leuchtturm im Unesco-Weltkulturerbe Lübecker Altstadt.
Die Zeitreise beginnt in einem
gläsernen Fahrstuhl, der hinab in
den Keller fährt – wo den Besucher
eine kleine Eiszeit erwartet. „In der
archäologischen Grabungsstätte
wird nicht geheizt“, erklärt der junge
Museumsmitarbeiter. Tatsächlich ist
der Raum kühl, aber auch faszinierend mit Zeugnissen aus 1.200 Jahren
Geschichte. Legt man die Eintrittskarte auf die interaktiven Stationen,
leuchten an den Mauern Jahreszahlen
und Erläuterungen auf: Der Brunnenschacht entstand in der Frühzeit der
Stadt, die Stützwand dahinter erst bei
den Arbeiten für das neue Museum,
das neben dem Neubau auch das
historische Burgkloster einbezieht.
Der Chip in der Eintrittskarte bietet die
Wahl zwischen vier Sprachen (Deutsch,
Englisch, Schwedisch, Russisch), vier
Themen und 50 Hanse­städten in 16
Ländern. Den größten Reiz üben die
Großdioramen aus, lebensecht nachgestaltete Szenerien, in denen man
historische Schauplätze und Situationen auf sich wirken lassen kann.
Die erste dieser kulissenhaften
Szenen zeigt eine Flusslandschaft mit
Schilf und eine Kogge beladen mit
Holzfässern. 1193, so erfährt man an
der Hörstation, wählten Kaufleute am
Ufer des Flusses Newa im Nordwesten Russlands einen Ältermann, der
für die Dauer ihrer Handelsreise ihre
gemeinsamen Interessen vertreten
sollte – ein erster Schritt hin zu dem
Bündnis, dem zeitweilig mehr als 200
Binnen- und Hafenstädte zwischen
Nowgorod und Brügge angehörten.
Im nächsten der inszenierten Räume
kehrt man zurück nach Lübeck im
Jahr 1226: Hansekaufleute lassen
ihre Häuser neuerdings aus Backsteinen statt aus Holz bauen, an der
Trave wird Boden entwässert, um die
Stadt-Insel zu vergrößern, und es werden Stadtmauern und Befestigungsanlagen angelegt. Die Luft ist staubig,
die Werkzeuge der Bauhandwerker
liegen herum wie gerade hingeworfen. Viel Atmosphäre bei gleichzeitig
hoher Informationsdichte.
Weiter geht es ins Jahr 1361, in ein
Warenhaus im flandrischen Brügge.
Eine Besucherin streicht über einen
Tuchballen. „Das fühlt sich echt an,
war bestimmt teuer. Das konnten sich
damals nur Reiche leisten“, stellt sie
mit Kennermiene fest.
Ob reich oder arm: Die Pest, die da­
mals in Europa und Lübeck wütete,
betraf alle. Das haben die Ausstellungsmacher drastisch-düster mit
Rattenkadaver und Grabsteinen
inszeniert. Entvölkerung und Angst
führten zur Wirtschaftskrise. Die ist um
1500 in London, der nächsten Station,
längst überwunden. In der florierenden Handelsmetropole unterhält die
Hanse mit dem Stalhof eine bedeutende Niederlassung.
Beeindruckend ist auch der nachge­
baute Hansesaal im Lübecker Rathaus. Die Tagesordnung des Hansetagstreffens 1518 dokumentiert die
Streitigkeiten. Mit dem Bündnis geht
es bergab. Als das Hansekontor in
Bergen 1764 norwegisch wird, ist die
große Zeit der Hanse vorbei.
Religion spielte eine wichtige Rolle in
jener Epoche. Darauf verweisen die
15 Mönche aus Wachs, die einem ein
Gebet murmelnd im Gang begegnen.
Sie wirken verblüffend lebensecht.
Das könnte auch für die Hanse-Bürgermeister im alten Burgkloster
gelten, wären diese nicht deutlich
überlebensgroß. Im „Hanselabor“
kann man zuletzt noch die Wirkungsgeschichte der Hanse studieren. Die
schlägt sich heute in zahllosen Produktnamen nieder, ist in vielen Hansestädten in der Identität der Menschen
fest verwurzelt. Lübeck ohne Hanse?
Undenkbar. Das Europäische Hansemuseum? In Lübeck am richtigen Ort
und eine Attraktion für Hansestädter,
Hanse-Interessierte und jeden, der
ein besonderes Museumserlebnis zu
schätzen weiß. (sas)
Das Europäische Hansemuseum
Eröffnung: Mai 2015
Betreiber: Europäisches Hansemuseum gemeinnützige GmbH
Finanzierung: 40 Mio. Euro
Possehl-Stiftung, 10 Mio. Euro
Land Schleswig-Holstein
Architekt: Andreas Heller
Architects and Designers, HH
Wissenschaftl. Konzept:
Prof. Rolf Hammel-Kiesow mit
Team, Lübeck
Grundstückseigentümer:
Hansestadt Lübeck
Adresse:
Europäisches Hansemuseum
An der Untertrave 1
23552 Lübeck
Tel. 0451 809099-0
www.hansemuseum.eu
Öffnungszeiten: tgl. 10–17 Uhr,
außer Heiligabend
Eintritt: 11,50 Euro Erwachsene,
Kombiticket „Denkmal Burg­
kloster“ 14,50 Euro, ermäßigt
u. a. für Schüler und Familien
Gastronomie: Restaurant „Nord“
Wirtschaftsland 2016
21
E C H T S TA R K – I N D U S T R I E I N S H
„Unsere Wirtschaft ist geprägt von kleinen und mittleren
Unternehmen. Diese Unternehmen sind flexibel und
innovativ und machen unsere Wirtschaft krisenfest und
unabhängig von der internationalen Großwetterlage.“
Reinhard Meyer
23
schaft hinein, steckt in diesen Bereichen viel Potenzial für Wertschöpfung
und Beschäftigungsimpulse. Die Basis
hierfür ist gegeben, wir haben Kompetenzfelder in Schleswig-Holstein, in
denen wir schon richtig gut aufgestellt sind. Dazu gehören die maritime
Wirtschaft, Life Sciences, erneuerbare
Energien, Ernährungswirtschaft sowie
Informationstechnologie, Telekommunikation und Medien.
Reinhard Meyer, Wirtschaftsminister
des Landes Schleswig-Holstein
Schleswig-Holstein ist ein
attraktiver Industriestandort
Interview mit Wirtschaftsminister Reinhard Meyer
Wirtschaftsland: „Schleswig-Holstein.
Der echte Norden.“ ist allen als Touris­
musland bekannt. Jetzt wollen Sie
den Fokus auf die Industrie lenken –
warum?
Meyer: Schleswig-Holstein ist ein
attraktiver Industriestandort. Wir
haben mit dem ChemCoast Park in
und um Brunsbüttel einen starken
Chemiestandort, wir haben eine
traditionsreiche und zugleich dynamische maritime Wirtschaft mit Werften,
Wehrtechnik und zahlreichen Zulieferern. Wir sind gut aufgestellt in der
Medizintechnik und in vielen anderen
Branchen. Dafür müssen wir nur mehr
Wirtschaftsland 2016
werben, denn vielen ist dieses Potenzial noch nicht bekannt genug.
Unsere Wirtschaft ist geprägt von
kleinen und mittleren Unternehmen.
Diese Unternehmen sind flexibel und
innovativ und machen unsere Wirtschaft krisenfest und unabhängig von
der internationalen „Großwetterlage“.
Das ist ihr großer Vorteil. Beim Stichwort Industrie denken aber viele an
die großen Konzerne. Die haben wir
kaum in Schleswig-Holstein. Dafür haben wir andere Stärken: zum Beispiel
zahlreiche Hidden Champions, die
hoch spezialisiert mit ihren Produkten
und Dienstleistungen mitunter Welt-
marktführer sind – aber kaum einer
weiß es! Das darf nicht sein. Unsere
Stärken sollten wir selbstbewusst
vermarkten.
Wirtschaftsland: Was sind die Chancen, was sind die Herausforderungen
der Industrie in Schleswig-Holstein?
Meyer: Gerade aus der Energiewende und dem Ausbau der erneuerbaren Energien ergeben sich hochinteressante Chancen für unsere Industrie.
Gelingt uns hier ein produktiver
Wissens- und Technologietransfer
von unseren Hochschulen und Forschungseinrichtungen in die Wirt-
Herausforderungen bestehen natürlich auch. Es gibt zwei ganz wichtige
Themen, die wir dringend gemeinsam angehen müssen: Das sind zum
einen die Herausforderungen der
Digitalisierung im Rahmen von Industrie 4.0 und das ist zum anderen der
Fachkräftebedarf der Zukunft. In der
Industrie gibt es zahlreiche hochwertige Arbeitsplätze. Umso wichtiger ist
es, auch in Zukunft den Fachkräftebedarf decken zu können. Das gelingt
uns nur, wenn wir alle Reserven aktivieren – etwa im Bereich der Langzeitarbeitslosen, der Migranten und der
Flüchtlinge.
Wirtschaftsland: Wie kann der Industriestandort Schleswig-Holstein aktiv
gestärkt werden?
Meyer: Unsere Industriepolitik
braucht zweierlei: Wir müssen zum
einen auf kluge Weise den Bestand,
also die traditionellen Bereiche wie
z. B. die maritime Industrie, sichern
und pflegen und zum anderen neue
Unternehmen ansiedeln, Erfindergeist
und Existenzgründungsbereitschaft
stärken, die Entwicklung neuer Techno­logien fördern, Innovation und
Kreativität Raum bieten, sich zu entfalten. Wir wollen also Tradition und
Moderne miteinander verbinden, d. h.
unsere traditionellen Branchen und
Wachstumsträger pflegen, aber auch
moderne Zukunftsbereiche fördern.
Für den Start einer neuen Industrie­
politik in Schleswig-Holstein hat die
Landesregierung unter Beteiligung
von Akteuren aus Unternehmen,
Kammern, Verbänden und Gewerkschaften Eckpunkte für eine industrie­
politische Strategie erarbeitet. Ein
starkes Bündnis für die Industrie
Schleswig-Holsteins soll daraus
entstehen, das die Stärken unseres
Stand­ortes unterstützt und weiterentwickelt. Die neue Strategie soll
zugleich die Grundlage dafür bilden,
industrie­politische Interessen in Norddeutschland gemeinsam mit unseren
Nachbarn und Partnern selbstbewusst
zu vertreten.
Wirtschaftsland: Was heißt das
konkret: die vorhandenen Stärken
stärken?
Meyer: Unsere Förderpolitik ist zielgenau, praxisnah, gut vernetzt und
im engen Kontakt mit der Wirtschaft.
Genau in diesem Sinne haben wir
unsere Clusterpolitik neu ausgerichtet
und an den wirtschaftlichen Schwerpunkten entlang entwickelt. Denn es
gilt, die Kräfte in unseren Kompetenzfeldern zu bündeln und die vorhandenen Potenziale unserer wirtschaft­
lichen Stärken optimal zu entwickeln.
Wir verfahren nicht nach dem Gießkannenprinzip und auch nicht nach
dem Grundsatz, wer am lautesten
schreit, bekommt am meisten. Wir
fördern mit zielorientierten, passgenauen Förderinstrumenten, die
den höchsten Effekt erwarten lassen.
Dazu gehören unsere Beteiligungsfonds, die sehr erfolgreich vom Markt
aufgenommen werden, dazu gehören
die Innovationsförderung, unsere einzelbetriebliche Investitionsförderung,
unser Standortmarketing unter dem
Dach „Schleswig-Holstein. Der echte
Norden“, unsere neu strukturierte
Cluster-Förderung und eine nach­
haltige Ansiedlungspolitik.
Wirtschaftsland: Für eine gute
wirtschaftliche Entwicklung ist entsprechende Infrastruktur notwendig.
Was tut Schleswig-Holstein hierfür?
Meyer: Das ist richtig. Wir müssen
unsere Infrastruktur sanieren und wo
es geht bedarfsgerecht ausbauen.
Für die Landesstraßen hat die Landesregierung ein Sondervermögen eingerichtet. Damit stellen wir deutlich
mehr Mittel zur Verfügung als unsere
Vorgänger. Und wir haben auch ein
Sondervermögen eingerichtet für den
Breitbandausbau. Denn bei Infrastruktur denken wir nicht nur an Beton:
Eine zuverlässige, auch für noch
größere Datenmengen der Zukunft
geeignete Breitbandversorgung ist
für die Wettbewerbsfähigkeit unserer
Wirtschaft von größter Bedeutung.
Deshalb setzen wir auf die Glasfasertechnologie. (hh)
Kern unserer Förderstrategie sind
passgenaue Förderinstrumente.
Wirtschaftsland 2016
DIE CHEMIE STIMMT
„Ich liebe den Blick von der Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal bei Nacht, wenn das komplette
Industriegebiet im Vordergrund mit
tausenden Lichtern vor mir liegt und
im Hintergrund beleuchtete Schiffe
vorbeiziehen“, schwärmt Martina
Hummel-Manzau. Die Geschäftsführerin der Entwicklungsgesellschaft
Brunsbüttel (egeb) kümmert sich mit
ihrem Team unter anderem um die
Ansiedlung neuer Unternehmen auf
dem 2.000 Hektar großen Areal.
„Wir fühlen uns hier als
Standort am Puls der
wachsenden Märkte.“
„Zwischen Hamburg und Sylt gelegen, verbindet sich in Brunsbüttel
Erholung mit modernstem Hightech
und großzügigen Wirtschaftsflächen“,
meint Hummel-Manzau.
Industriestandort
Schleswig-Holstein
Anzahl der Industriebetriebe
1.127
Beschäftigte
122.000
Umsätze
38,6 Milliarden Euro (davon
Export 22,9 Milliarden Euro)
Branchen mit dem stärksten
Umsatzwachstum*
• Fahrzeugbau 64,5 %
• Reparatur von
Maschinen 16,7 %
• Pharmazeutische
Erzeugnisse 11,9 %
• Gummi/Kunststoff 5,1 %
• Verarbeitendes Gewerbe 4,8 %
• Maschinen 4,6 %
• Glaswaren 3,9 %
• Chemische Erzeugnisse 3,7 %
• Elektronik 0,6 %
*2014 im Vergleich zu 2013
Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und
Schleswig-Holstein, Zahlen von 2014
IndustrieLeuchtturm am
Tor zur Welt
ChemCoast Park Brunsbüttel mit
Investitionsschub auf Zukunftskurs
Am Schnittpunkt von Nord-Ostsee-Kanal und Elbe hat sich
das größte Industriegebiet des Landes entwickelt:
Im ChemCoast Park Brunsbüttel haben eine Reihe von Welt­
unternehmen ihren Produktionssitz. Millionen-Investitionen
sollen den Industrie-Leuchtturm weiterhin strahlen lassen.
Wo die Containerschiffe, Tanker und
Kreuzfahrer in die Schleusen einlaufen, hat sich innerhalb von knapp 40
Jahren ein leistungsstarkes Industriegebiet in der Metropolregion Hamburg, dem „Tor zur Welt“, entwickelt.
Viele der rund 20 Top-Unternehmen
produzieren oder veredeln Spezialprodukte im Bereich der Chemie- und
Mineralölindustrie. Auch Energie­
erzeuger und Logistiker haben sich
hier angesiedelt. Bayer Material­
Science (heute Covestro), Bioenergie
Bruns­büttel Contracting, Lanxess,
Sasol, Total, Mercuria, Yara und andere beliefern von Schleswig-Holstein
aus ihre Märkte rund um den Globus.
Neben dem verkehrsgünstigen
Standort am Knotenpunkt von Elbe,
Nordsee und Nord-Ostsee-Kanal
kann der ChemCoast Park mit einer
voll ausgebauten Infrastruktur punkten: Der mit drei Häfen ausgestattete
Industriepark ist an Schiene und Fernstraße angebunden, die Betriebe können vor Ort zum Teil Dienstleistungen
nutzen – vom Brand- und Werkschutz
über einen Logistik-Verbund bis zur
Analytik. Die wirtschaftliche Stärke
des Standortes sichert Arbeitsplätze:
Die Unternehmen selbst beschäftigen
etwa 4.000 Mitarbeiter. Zulieferer
und andere Betriebe, die von den
Global Playern profitieren, haben insgesamt etwa 12.500 Jobs geschaffen.
Wie positiv sich der Traditionsstandort entwickelt, zeigen beispielhaft die
drei Brunsbütteler Häfen, die jährlich
etwa 12 Millionen Tonnen Ladung umschlagen. Der Elbehafen etwa kann
alle Schiffsgrößen bis 14,80 m Tiefgang abfertigen, er kann Waren aller
Arten im Bereich Stückgut, Massengut
und Flüssiggut wie Rohöl löschen und
sie am Terminal auf Züge, LKW oder
andere Schiffe verladen.
25
„Die aktuellen Investitionen
von über 20 Millionen Euro
in unsere Häfen sind ein
klares Bekenntnis unserer
Unternehmensgruppe zu
dem Standort“,
betont Frank Schnabel, Geschäfts­
führer der Brunsbüttel Ports, ein
Unternehmen der Schramm group.
In den letzten Jahren habe insbesondere die Windenergie in Norddeutschland einen Boom erfahren,
der auch im Hafen zu spüren sei.
Immer mehr Bauteile der Wind­
energiebranche werden hier umge-
ChemCoast Park Brunsbüttel:
das größte Industriegebiet in
Schleswig-Holstein
www.chemcoastpark.de
DIE CHEMIE STIMMT
Jochen Möller, Geschäftsführer M.O.E. GmbH
26
„Der ChemCoast Park Brunsbüttel wird zu Recht
von der Landesregierung als industrielle Perle
bezeichnet.“ Frank Schnabel
schlagen. „Deshalb haben wir unsere
Hafenfläche für mehr Lagerkapazitäten deutlich vergrößert“, erläutert
Schnabel. Außerdem konnte das
Unternehmen kürzlich in ein neues
Verwaltungsgebäude ziehen, das
Brunsbüttel Ports gemeinschaftlich
mit der egeb und dem Schiffsmak­
lerunternehmen Sartori & Berger
errichtet hat.
Chemieunternehmen Schülke & Mayr
plant, in Brunsbüttel für 20 Millionen
Euro eine neue Fabrik zu bauen. „Wir
freuen uns auch über die neue Fährverbindung der Elb-Link-Reederei
zwischen Brunsbüttel und Cuxhaven,
die schnelle Überfahrten für Gewerbeverkehre, Schwerlast- und Gefahrguttransporte ermöglicht“, ergänzt
Martina Hummel-Manzau.
Auch andere Firmen investieren
kräftig: Der seit 1964 in Brunsbüttel
ansässige Chemieproduzent Sasol
stellt unter anderem Grundstoffe
für Kosmetik her und baute seine
Laboranlagen aus. Die Raffi­nerie Heide erweiterte ihr Tanklager und die
Spedition F. A. Kruse schaffte für den
boomenden Markt Logistik­flächen
für Windenergie. Das Norder­stedter
Als „absolut positiv“ wertet Brunsbüttel-Ports-Chef Schnabel, der auch
Sprecher der Werkleiterrunde ist,
die Zukunftsfähigkeit des Hafen- und
Industriegebietes: „Der ChemCoast
Park Brunsbüttel wird zu Recht von
der Landesregierung als industrielle
Perle bezeichnet. Der Standort steht
aber national und international im
Wettbewerb mit anderen Standor-
Wirtschaftsland 2016
Sie fördern die Unternehmensansiedlung
im ChemCoast Park Brunsbüttel:
das Team mit egeb-Geschäftsführerin
Martina Hummel-Manzau
ten.“ Um die Wettbewerbsfähigkeit
langfristig zu stärken, müssten frühzeitig Entscheidungen zum bedarfsgerechten Ausbau von Infrastruktur und
Energie getroffen werden, betont
Schnabel, der seinen Lieblingsort im
ChemCoast Park gefunden hat: „Mein
Büro! Von hier aus habe ich einen
wundervollen Blick auf die Elbe mit
den großen Containerschiffen.“ (wel)
Wir machen nicht viel Wind.
Wir nutzen ihn.
Mehr Infos unter der-echte-norden.info
B O DYG UA R D F Ü R W E LT N E U H E I T E N
In vielen Kommunen gehören sie zum
Straßenbild: die meist rot lackierten
Reinigungsmaschinen von Hako. Das
Unternehmen aus Bad Oldesloe mit
seinen 2.000 Mitarbeitern zählt zu
den international führenden Herstellern. Die Technologieführerschaft
kam allerdings nicht von allein: „Im
Jahresdurchschnitt melden wir acht
bis zehn Patente im Bereich der
Reinigungstechnologie an. Ohne ein
Patent-Management ist ein systematisches Vorgehen im Bereich des
geistigen Eigentums nicht sinnvoll
möglich“, betont Ludger Lüttel, der
als Leiter Service-Entwicklung auch
das Patentwesen bei Hako managt.
So kehrt der Technologieführer:
Die Innovationen im Hako Citymaster
sind dank eines Patent-Managements
geschützt.
Um die wertvollen Ideen in den
Köpfen für den eigenen Markterfolg
zu schützen, gehört ein durchdachtes
Patent-Management unbedingt zur
Firmenstrategie.
„Diese Vorgehensweise
wird oft unterschätzt“,
Patenter Schutz
für patente Ideen
meint Birgit Binjung, Diplom-Ingenieurin und Abteilungsleiterin Innovationsmanagement und verantwortlich
für das Patent- und Markenzentrum
bei der WTSH. „Um Erfolg zu haben,
„Um Erfolg zu haben, dürfen innovative Unternehmen ihre Schutzrechte nicht nur verwalten – sie
sollten sie gezielt managen.“ Birgit Binjung
dürfen innovative Unternehmen ihre
Schutzrechte nicht nur verwalten – sie
sollten sie gezielt managen.“ Denn
Patente dienen nicht nur dazu, die
eigene Innovation vor Nachahmung
zu schützen, weiß Binjung. „Patent­
recherchen geben außerdem wertvolle Hinweise über den Wissensstand
der Mitbewerber.“ Dazu komme, dass
Unternehmen, die mit neuen Produkten auf den Markt gehen wollen, auch
vorab prüfen sollten, ob sie damit
keine geltenden Patente verletzen.
Angemeldete Patente können von
Dritten problemlos eingesehen werden, weil Patent- und Markenämter
die Patentschriften 18 Monate nach
der Anmeldung veröffentlichen. Doch
Unternehmen, die ihre Entwicklungen vor den Wettbewerbern geheim
halten wollen und auf eine Patentierung verzichten, gehen ein großes
Risiko ein. Weil meist viele Mitarbeiter
die technischen Interna kennen, ist
29
Sauber: Bis zu zehn Patente meldet
der Reinigungsspezialist Hako pro Jahr an.
Innovative Firmen brauchen ein gutes Patent-Management
Eine Weltneuheit, die auch noch gewerblich anwendbar ist, hat beste Chancen, als Patent geschützt zu werden. Doch viele Unternehmen scheuen davor zurück, diesen Schritt zu gehen. Das
Patent- und Markenzentrum der Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH (WTSH) unterstützt Unternehmen und Erfinder beim Patent-Management.
Die patentierte IBAK Argus 5 ist eine
Dreh-, Neige- und Schwenkkopfkamera,
die dank Traktorreifen sicher in Kanalisationsrohren bewegt werden kann.
Wirtschaftsland 2016
Wirtschaftsland 2016
B O DYG UA R D F Ü R W E LT N E U H E I T E N
B O DYG UA R D F Ü R W E LT N E U H E I T E N
So sieht eine Patenturkunde vom
Deutschen Patentamt in München aus. Sie
listet das Patent, den Patentinhaber und
den Erfinder auf.
„Kieler Stäbchen“ mit Patent: In verzweigten Leitungsnetzen kommt die
Dreh-/Schwenkkopfkamera IBAK Orion L zum Einsatz. Ihre Führungseinheit,
das „Kieler Stäbchen“, ist in alle Richtungen dreh- und schwenkbar.
30
31
die Gefahr groß, dass eine Erfindung
früher oder später außerhalb des
Unternehmens bekannt wird. Zudem
bestehe die Gefahr, dass ein Wettbewerber unabhängig an derselben
technischen Lösung arbeitet und sie
seinerseits zum Patent anmeldet, erläutert Birgit Binjung. „Im ungünstigsten Fall kann der Wettbewerber die
Nutzung der eigenen ungeschützten
Neuentwicklung sogar untersagen.“
Die Vorteile einer Patentanmeldung
überwiegen dagegen bei Weitem:
Einerseits können Technologieführer
von ihren geschützten Produkten und
Verfahren Lizenzgebühren einnehmen, sofern sie sie nicht selbst exklusiv vermarkten wollen – diese Summe
addiert sich weltweit auf mehrere 100
Milliarden Dollar jährlich. Andererseits können sie Konkurrenzunternehmen davon abhalten, die eigenen
Innovationen zu kopieren. Durch
Plagiate, die nicht juristisch verfolgt
werden, gehen allein in Deutschland 70.000 Arbeitsplätze pro Jahr
verloren. Vermeiden können Firmen
dies mit einem effektiven Patent-­
Management.
„Unser Patent-Management-System
sieht vor, dass ein Leiter diese Thematik zentral bearbeitet. Außerdem
berät und entscheidet ein Patentrat
alle wichtigen Patentfragen“, erläutert
Ludger Lüttel die Vorgehensweise
bei Hako.
„Wir haben eine monatliche
Patentüberwachung eingeführt, die unterteilt wird nach
Stichworten, Märkten und
Wettbewerbern.“
Hako beauftragt bei der Überwachung externe Dienstleister wie etwa
die Patentexperten bei der WTSH.
„Wir greifen aber auch selbst auf
Onlineportale zu. Auch die eigenen
Mitarbeiter im Vertrieb oder auf
Messen fungieren als wertvolle Scouts
und sind damit wichtige Akteure der
Überwachung von Konkurrenzprodukten“, berichtet Lüttel.
Bei Neuentwicklungen sollten Erfinder frühzeitig mit der weltweiten
Patentrecherche beginnen, um zu
schauen, ob es die technische Lösung
bereits gibt oder nicht. Die Patentrechercheure der WTSH übernehmen
diese Arbeit für die Firmen als Dienstleistung. „Wir haben dabei Zugang
zu 90 Millionen Patentdokumenten
weltweit“, erklärt Binjung.
Dass schleswig-holsteinische Unternehmen patentierfreudig sind, zeigt
eine 2015 erschienene Studie des
Lehrstuhls für Technologiemanagement der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Die Rangliste der
innovativsten Unternehmen führt das
Lübecker Unternehmen Dräger an:
Der Hersteller von Medizin-, Sicherheits- und Tauchtechnik hat von 2000
bis 2013 insgesamt 1.013 Patente
angemeldet. Mit 724 Anmeldungen
rangiert Rheinmetall Defence (Kiel)
als Produzent von Wehrtechnik auf
dem zweiten Platz.
Zu den innovationsstarken Firmen
gehört auch das vor 70 Jahren
gegründete Kieler Familienunternehmen IBAK Helmut Hunger GmbH
& Co. KG. Der größte Hersteller von
Inspektionsanlagen zur Untersuchung
schwer zugänglicher Rohrleitungen
und Brunnen beschäftigt über 300
Mitarbeiter, von denen jeder sechste
im Bereich Forschung und Entwicklung tätig ist. Bis heute hat die IBAK
168 Patente, Gebrauchsmuster oder
Designs (früher Geschmacksmuster) angemeldet, darunter 43 in den
vergangenen 10 Jahren. „Der Ausbau
unserer Technologieführerschaft
kann durch ein effektives Patent-­
Management wirkungsvoll unterstützt
werden“, erklärt Patent-Manager
Klaus Ermoneit. „Durch den Schutz
von neu gewonnenem Know-how
sichern wir nicht nur unsere eigene
Wettbewerbsposition langfristig. Wir
können so auch den Handlungsspielraum von Mitbewerbern systematisch
einschränken.“
Darüber hinaus geben die Patentaktivitäten von Mitbewerbern Aufschluss
über Markttendenzen, Trends und
Strömungen in der Branche. Darum
ist es für Unternehmen wichtig, ihren
Mitarbeitern Zugang zu Patentinformationen anzubieten und sie in
Patentfragen zu schulen. Auch dafür
stehe den Unternehmen das Patentund Markenzentrum zur Verfügung,
sagt Binjung. Und das alles, damit
patente Erfindungen auch patenten
Schutz genießen. (wel)
In sieben Schritten zum Patent
1. Patentrecherchen durchführen, Ergebnisse bewerten und Schlussfolgerungen für die eigene Patentanmeldung
ziehen (Lohnt die Anmeldung? Ja/Nein. Wie sollte die eigene Patentanmeldung formuliert werden, um sich
bestmöglich vom Wettbewerber abzugrenzen?)
2. Anmeldung: Ein Unternehmen oder ein Erfinder meldet ein Patent beim Deutschen Patent- und Markenamt in
München an – online, per Fax oder per Post (Kosten: ab 40 Euro).
3. Prüfungsantrag stellen: Erst dann prüfen Fachleute die Patentan­meldung inhaltlich (Kosten: 350 Euro).
4. Patenterteilung: Das Patent erhält eine Patentnummer (z. B. DExxxB3/B4) und wird veröffentlicht.
5. Einspruchsmöglichkeit: Wenn etwa ein Konkurrent meint, das Patent sei zu Unrecht erteilt worden, kann er
binnen neun Monaten nach Patentveröffentlichung Einspruch einlegen. Ein Gremium des Patent­amtes prüft und
entscheidet dann, ob das Patent aufrechterhalten oder teilweise oder ganz widerrufen wird.
6. Patentschutz: Wird das Patent endgültig erteilt, gilt es maximal 20 Jahre lang – aber nur, wenn der Patentnehmer
es jedes Jahr verlängert. Dabei steigen die Kosten ab dem dritten Jahr von 70 Euro schrittweise bis auf 1.940
Euro (20. Jahr).
7. Kontinuierliche Überwachung des technologischen Gebietes und der Wettbewerber
Infos: Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH (WTSH), Lorentzendamm 24,
24103 Kiel, Tel. 0431 66666 - 830/833/834, www.wtsh.de/ideen-schuetzen-patente-marken-designs
Wirtschaftsland 2016
Wirtschaftsland 2016
A N G E KO M M E N I N S H
Von der Matrosin zur gefragten Fischerei-Expertin
Adalheidur Alfredsdóttir
Der Beruf ihrer Eltern ist
der Grund, warum es die
achtjährige Isländerin
Adalheidur Alfredsdóttir nach Deutschland
verschlägt. Sie lebt in
Adalheidur Alfredsdóttir, Kiel
Hameln, Magdeburg und
Gummersbach, bis die Familie 2008 nach Kiel zieht und
die Tochter am Gymnasium Käthe-Kollwitz-Schule in Kiel ihr
letztes Schuljahr absolviert. „Mit Abstand das schönste Jahr
meiner Schulzeit,“ schwärmt die Isländerin noch heute. In
nur zwei Wochen sei sie komplett in alle Aktivitäten einbezogen worden, habe dort ihre beste Freundin und viele
Freunde kennengelernt.
Zweite Heimat
Schleswig-Holstein
Angekommen – Menschen aus aller Welt
im echten Norden
Schleswig-Holstein ist weltoffen. Menschen aus der ganzen
Welt leben und arbeiten hier Seite an Seite. „Wirtschaftsland“
stellt vier Menschen vor, die im echten Norden ihre Heimat
gefunden haben.
Wirtschaftsland 2016
2009 besteht sie erfolgreich ihr Abitur und kehrt in ihre
isländische Heimatstadt Akureyri zurück, um Fisheries
Science – Fischereiwissenschaft – zu studieren. „Jeder Isländer hat eine familiäre Verbindung zur Fischerei. Und ich
war neugierig auf das Studienfach“, begründet Alfredsdóttir ihre Wahl. Im Studium ist sie eine von wenigen Frauen.
Um sich auch später in dem von Männern dominierten
Beruf Respekt verschaffen zu können, heuert die tatkräftige
Studentin kurzerhand in den Sommermonaten als Matrosin auf dem größten isländischen Trawler an. An Bord ist
sie die einzige Frau unter 33 Männern. Eineinhalb Monate
am Stück arbeitet die Crew rund um die Uhr in Acht-Stunden-Schichten. Ein echter Knochenjob, der maximal vier
bis fünf Stunden Schlaf am Stück erlaubt. “Seekrank? Geht
nicht, wenn man sich an Bord behaupten will“, lacht die
heute 25-Jährige. Drei Jahre fährt sie neben ihrem Studium
immer wieder zur See und fängt Heringe und Makrelen. Im
Juni 2014 hat sie ihren Bachelor of Fisheries Science in der
Tasche.
Anfang Oktober 2014 – sie ist gerade wieder auf hoher
See – ruft ihre Mutter per Satellitentelefon an. Die frischgebackene Fischereiwissenschaftlerin habe ein Jobange­
bot aus Kiel und könne sofort anfangen. Chefs Culinar,
einer der bedeutendsten Großhändler für Lebensmittel
und Non-Food in Deutschland, bietet ihr eine Position im
internationalen Einkauf an. Schon lange habe man nach
Fachkräften mit ihren Qualifikationen gesucht. Adalheidur
Alfredsdóttir sagt sofort Ja. Am ersten November 2014
startet sie bei Chefs Culinar. „In Kiel habe ich mich immer
am wohlsten gefühlt. Ich mag den ehrlichen, ruhigen
Charakter der Schleswig-Holsteiner, ihren trockenen
Humor und wie sie immer direkt mit der Sprache herausrücken. Ganz wichtig für mich: Ohne die Nähe zum Meer
könnte ich nicht leben. Und: Die Winter sind hier deutlich
milder als in Island und die Sommer viel wärmer“, erzählt
Alfredsdóttir mit leuchtenden Augen.
www.chefsculinar.de
33
Vom spanischen Schüler
zum Lübecker Azubi
Santiago Lopéz
In seiner Heimat, der Provinz Murcia in Südspanien, ist fast jeder zweite Jugendliche arbeitslos. Der
19-jährige Santiago Lopéz
ergattert glücklicher­weise
nach seinem RealschulSantiago Lopéz, Lübeck
abschluss einen Ausbildungsplatz als Schweißer. Der Haken an der Sache: Die
Ausbildung ist rein schulisch ausgerichtet und bietet ihm
kaum praktische Erfahrungen. Doch ein Gutes hat das Ganze: Der junge Spanier erfährt dort von Moin España, einem
Projekt der Lübecker Handwerkskammer, das arbeitslose
spanische Jugendliche und freie Lehrstellen in Lübeck zusammenbringt. Lopéz ergreift seine Chance und wählt „die
sichere Schiene“: Nach einem sechswöchigen Deutschkurs
geht es für ihn nach Lübeck, wo er bei der Firma Kohlhoff
Gebäudetechnik GmbH eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik beginnt.
Bei der Integration unterstützt ihn die Handwerkskammer
Lübeck mit fachlichem Nachhilfe- und Deutschunterricht,
der Unterbringung in einer Wohngemeinschaft, intensiver
persönlicher Betreuung und großem Engagement. „Das
hat mir beim Einleben in Lübeck wirklich super geholfen.
Auch meine Arbeitskollegen haben sich sehr um mich gekümmert und mich sogar zu sich nach Hause eingeladen“,
erzählt der junge Spanier. Aber auch andere in Lübeck lebende Spanier und seine kolumbianische Freundin helfen
ihm dabei, in der Hansestadt heimisch zu werden.
Heute ist Santiago Lopéz 21 Jahre alt, hat seine Zwischenprüfung erfolgreich absolviert und befindet sich im dritten
Lehrjahr. Sein nächstes Ziel ist es, nach der Ausbildung als
Fachkraft in dem Lübecker Betrieb weiterzuarbeiten. Was
er an Schleswig-Holstein besonders mag? Die Architektur,
das Essen und die vielen Grünflächen, die nicht so ausgetrocknet sind wie im spanischen Murcia.
www.kohlhoff-luebeck.de
Wirtschaftsland 2016
A N G E KO M M E N I N S H
Bodo Müller, Geschäftsführer JOB GmbH
Vom Flüchtling zum
Geschäftsführer
Ismet Kovacevic
34
Mit 25 Jahren flüchtet
Ismet Kovacevic vor den
Schrecken des Krieges
in seiner Heimat Bosnien
und Herzegowina. Ohne
ein Wort Deutsch zu
Ismet Kovacevic, Flensburg
sprechen, kommt er nach
Hamburg. Schnell zieht es ihn ins ruhigere Schleswig-Holstein. Der gelernte Maurer und Fliesenleger findet in
Oeversee Arbeit bei dem Bauunternehmen Straßenburg.
Nach Kriegsende reist er zurück nach Bosnien und Herzegowina. Doch die Wirtschaft dort liegt am Boden.
2006 kehrt Kovacevic in seine zweite Heimat Schleswig-Holstein zurück. Sein ehemaliger Arbeitgeber empfängt ihn mit offenen Armen. Der Bosnier arbeitet sich zum
Polier hoch, macht sich 2012 selbstständig. Nach intensiven
Gesprächen mit dem Inhaber Klaus-Dieter Straßenburg
übernimmt er 2015 den 27 Jahre alten Traditionsbetrieb.
Finanziell unterstützt ihn bei der Unternehmensübernahme
der Mikromezzaninfonds der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft Schleswig-Holstein mbH (MBG). Heute
beschäftigt Ismet Kovacevic acht Mitarbeiter. „Die Reaktionen unserer Kunden und Mitarbeiter auf mich als neuen
Geschäftsführer sind durchweg positiv. Das freut mich
sehr“, berichtet er. Was er an Schleswig-Holstein besonders
schätzt? Die freundlichen, hilfsbereiten Menschen. Und die
Landschaft, die ihn an seine Heimat erinnert.
www.strassenburg-bau.de
Vom Studenten zum
Start-up-Gründer
Dr. Mohammad Faizan
Geboren in Indien,
studiert in Frankreich,
promoviert an der Christian-Albrechts-Universität
zu Kiel (CAU). Mohammad Faizan reist 2010 in
Dr. Mohammad Faizan, Kiel
die Landeshauptstadt
Schleswig-Holsteins, denn hier leben seine Schwester und
sein Schwager. Hier schreibt Faizan auch seine Master
Thesis in Ernährungswissenschaften und erhält 2014 seinen
Doktortitel. Während seines Studiums engagiert er sich als
Vorsitzender der Indian Student Group an der CAU. „Dort
habe ich hautnah miterlebt, wie schwierig es für ausländische Studierende ist, einen Praktikums- oder Arbeitsplatz
Wirtschaftsland 2016
zu finden“, erzählt der junge Inder. Als Ursache habe er
kulturelle Unterschiede und unzureichende Infor­mationen
ausgemacht.
Dieses Problem will Dr. Faizan lösen: Er gründet 2015
ComfNet Solutions in Kiel. ComfNet vernetzt talentierte
internationale IT-Studierende in Kiel mit kleinen und mittleren Unternehmen, die IT-Dienstleistungen benötigen. Die
Firmen profitieren von dem Know-how der Studierenden.
Diese wiederum sammeln praktische Erfahrungen, können
ihr Studium finanzieren und steigern ihre Chancen auf dem
Arbeitsmarkt. Darüber hinaus berät Dr. Faizan Unternehmen, die internationale Geschäftsbeziehungen nach Asien
knüpfen möchten. Parallel dazu engagiert er sich bei
opencampus Kiel, dem Bildungscluster der Region. Als
Head of International Affairs bietet er dort u. a. Workshops
für Flüchtlinge und potenzielle Start-ups an. Das Beste an
Schleswig-Holstein? Das sind für ihn die Strände.
www.comfnet.de
Erfolgsverstärker im echten Norden
Moin España
Das Projekt der Handwerkskammer Lübeck arbeitet mit
regionalen Unternehmen zusammen, um den drohenden Fachkräftemangel in SH und die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien zu bekämpfen.
www.internationaleprojekte.de
Bildungscluster opencampus
Im Mittelpunkt steht die Vernet­zung von Kieler Hochschulen mit Unternehmen und Organisationen, um
Studierenden die Chance zu eröffnen, ihr Know-how in
der beruf­lichen Praxis einzusetzen.
www.opencampus.sh
Mikromezzaninfonds Deutschland
Der Fonds bietet finanzielle Unterstützung bei der Unternehmensgründung – explizit auch für Menschen mit
Migrationshintergrund. Ansprechpartner ist die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Schleswig-Holstein
mbH (MBG).
www.mbg-sh.de
(sk)
Nicht nur 152 Wattführer,
sondern auch
30 Weltmarktführer.
Mehr Infos unter der-echte-norden.info
GEMEINSAM FÜR DEN ECHTEN NORDEN
KURZINFO
Starke Partner
für den echten Norden
Starke Branchen, starker Mittelstand und vielseitige Karriere­chancen – das ist Schleswig-Holstein.
Damit genau diese Standortvorteile verstärkt wahrgenommen und kommuniziert werden, hat die
Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH (WTSH) das Partnerprogramm „Schleswig-Holstein. Der echte Norden.“ ins Leben gerufen und holt hierzu die Unternehmer des Landes mit ins Boot.
Das WTSH-Partnerprogramm
Ziel des Partnerprogramms ist es, den
schleswig-holsteinischen Mittelstand
mit seinen vielfältigen, attraktiven
Karrierechancen und Beschäftigungs­
möglichkeiten im Rahmen der Dach­
marke „Schleswig-Holstein. Der echte
Norden.“ bekannter zu machen – und
somit qualifizierte Fachkräfte zu ge­
winnen und an den Standort zu binden.
Selbstbewusst, offensiv und mit gebündelten Kräften wollen die Partner
des Partnerprogramms gemeinsam mit
der WTSH die Potenziale des Wirtschafts-, Arbeits- und Lebensstandorts
nach außen tragen. Die Plattform dafür
bietet das WTSH-Partner­pro­gramm.
Es richtet sich an Unternehmen und
Institutionen mit Sitz in Schleswig-Holstein, die aktiv in das Standortmarketing eingebunden werden und als
Markenbotschafter für den Standort
Schleswig-Holstein auftreten.
Wirtschaftsland 2016
„Es ist wichtig, dass wir gemeinsam agieren und zeigen,
dass der Mittelstand hier ein
sehr moderner Mittelstand ist“,
meint Premiumpartnerin Britta Blömke, Geschäfts­führerin der FLS GmbH.
Vorgaben entsprechend zu nutzen und
mit dem eigenen Corporate Design zu
kombinieren.
Die Partner dürfen sich somit in ihrer
Außendarstellung offiziell als Markenbotschafter bzw. Repräsentant der
Das Programm gliedert sich in drei
Kategorien: die Partnerschaft, die
institutionelle und die Premium­
partnerschaft. Je nach Kategorie stehen den Teilnehmern verschie­dene
Angebote zur Verfügung.
Die Partnerschaft
Im Rahmen der Partnerschaft und der
institutionellen Partnerschaft erhält
das Unternehmen oder die Institution
das Recht, die Kategorienmarke und
den Claim der Dachmarke „Schleswig-Holstein. Der echte Norden.“ den
Dachmarke „Schleswig-Holstein. Der
echte Norden.“ platzieren. Darüber
hinaus erhalten sie eine Präsenz im
Standortportal www.standort-sh.de.
Im Gegenzug verpflichten sich die
Partner, das Landesmarketing zu
unterstützen, indem sie zum Beispiel
von ihrer eigenen Website auf www.
standort-sh.de verlinken. „Unser Ziel ist
eine Win-win-Situation für die Partner und das Standortmarketing des
Landes. Denn nur wenn wir an einem
Strang ziehen, können wir erfolgreich
vermitteln, was Schleswig-Holstein als
Wirtschafts-, Lebens und Arbeitsstandort zu bieten hat“, so Judith Kunze,
Verantwortliche für das WTSH-Partnerprogramm.
Die Premiumpartner
Sie agieren heraus­gehoben im
Rahmen des Partnerprogramms,
indem sie in die Standortmarketingkampagne des Landes eingebunden werden und sich proaktiv für
den Standort Schleswig-Holstein
engagieren. Zusätzlich zu den zuvor
genannten Leistungen können sich
Premiumpartner an verschiedenen
Aktionen wie zum Beispiel Gemeinschaftsständen auf Jobmessen und
Karrieretagen beteiligen. Darüber hinaus haben sie die Möglichkeit einer
Präsenz in Print-Publikationen und der
Teilnahme an Premiumpartner-Veranstaltungen. Die angebotenen Aktionen werden durch die WTSH stetig
weiterentwickelt und eng auf die
Wünsche und Bedürfnisse der Partner
des Partnerprogramms abgestimmt.
„Wir sind Premiumpartner im Partnerprogramm, weil wir den Standort
Schleswig-Holstein aktiv fördern und
bekannter machen möchten. Allein ist
es schwierig, aber mit einer starken
Gemeinschaft können wir mehr bewegen“, meint Premiumpartner Gert
Bendixen, Geschäftsleitung Queisser
Pharma GmbH & Co. KG.
Britta Blömke, Geschäftsführerin
FLS GmbH, Heikendorf
Axel Weidner, Mankenberg GmbH, Lübeck
www.fastleansmart.com
www.mankenberg.de
Informationen rund um das
Partnerprogramm unter:
www.partner-sh.de
www.wtsh.de
Wirtschaftsförderung und
Technologietransfer
Schleswig-Holstein GmbH
Gert Bendixen, Geschäftsleitung
Queisser Pharma GmbH & Co. KG.
Judith Kunze
Lorentzendamm 24
24103 Kiel
T +49 431 66 66 6-8 22
F +49 431 66 66 6-7 20
[email protected]
www.queisser.de
Premiumpartner Axel Weidner von
der Mankenberg GmbH in Lübeck
verbindet mit dem WTSH-Partner­
programm ein ganz klares Ziel:
„Schülern und Studenten zu
zeigen, dass sie sehr wohl
auch in Schleswig-Holstein die
besten Bedingungen für eine
erfolgreiche Karriere haben.
Das ist es, was mir wichtig ist
und was wir gemeinsam mit
den anderen Partnern schaffen
wollen.“
Das Partnerprogramm soll auch die
Standortmarketingkampagne, die
sich auf den Wirtschaftsstandort
Schleswig-Holstein fokussiert,
flankie­rend unterstützen. So standen zum Beispiel für die ersten
Kampagnen­motive, die im Land
sichtbar waren, ausschließlich Premiumpartner als Testimonials zur
Verfügung. „Ich bin von unserem Wirtschaftsstandort überzeugt und habe
mich gern bereit erklärt, die Standortmarketingkampagne zu unterstützen,
weil auch wir von einer starken Marke
profitieren“, so Katrin Birr, Geschäftsführerin der Gebrüder Friedrich Werft
GmbH in Kiel.
Ein Land, ein Wort –
gemeinsam Stärke zeigen
Ein enger Abgleich der geplanten
Maßnahmen des Standortmarketings
und des Partnerprogramms ist in
Zukunft unabdingbar. „Zusammengefasst hat das Partnerprogramm das
Ziel, gemeinsam mit der schleswigholsteinischen Wirtschaft die attrak­
tiven Standortvorteile gezielt zu
kommunizieren und bewusst zu machen, denn: Schleswig-Holstein ist ein
offener, lebenswerter und erfolgreicher Wirtschafts- und Arbeitsstandort,
geprägt durch eine authentische,
innovative, bodenständige Unternehmenskultur“, so Judith Kunze. (lei/jk)
Wirtschaftsland 2016
37
L I V E O N S TAG E
Eutin: Blueshauptstadt Europas
Längst hat sich das Internationale
Bluesfest Eutin als eines der bedeu­
tendsten Festivals in der europäischen Bluesszene etabliert. Über
15.000 Besucher genießen regelmäßig im Mai ein mitreißendes
Programm mit Künstlern aus Europa
und Nordamerika – und das kostenlos auf dem Eutiner Marktplatz, wo
das Festival in das kulturelle Treiben
der wunderschönen Altstadt eingebunden wird. Zu den Stammgästen
gehören die Kieler Georg Schroeter
und Marc Breitfelder, die zu den besten Bluesmusikern weltweit zählen.
Live-Sessions und Clubkonzerte im
Brauhaus am Marktplatz ergänzen
das Open-Air-Erlebnis ebenso wie
Kunstausstellungen. Vom 13. bis 16.
Mai 2016 ist es in Eutin wieder so weit.
Rocken „wie die Wikinger“ beim Baltic
Open Air in Schleswig. Hier macht die
Formation Schandmaul Stimmung unter
freiem Himmel.
www.bluesfest-eutin.de
Voll auf die Ohren
Open-Air-Festivals:
Geheimtipps aus Rock, Jazz und Blues
Sie lassen die Open-Air-Bühnen zwischen Nord- und Ostsee
wackeln: 2016 gehen über 30 Festivals unter freiem Himmel über
die Bühne. Es muss dabei nicht immer der Mega-Open-Air-Klassiker in Wacken sein. Viele kleinere, aber coole Events am Strand,
auf Bauernhöfen oder Marktplätzen haben die Herzen ihres Publikums erobert. Wir sind ganz Ohr und werfen einen Blick auf die
Open-Air-Geheimtipps 2016 in Schleswig-Holstein.
Wirtschaftsland 2016
Gartenparty XXL:
Langeln Open Air
Ein Geheimtipp wird langsam erwachsen: „Wer konnte ahnen, dass alles so
schnell so groß wird …“, wundern sich
die Macher dieses außergewöhnlichen Festivals, das vor einigen Jahren
als Schüler-Gartenparty mit Freunden
begann. Doch aus Freunden wurden
Fans und immer mehr Fans, und nach
einigen Jahren reichte das Bierzelt
im Garten nicht mehr aus. Heute
kommen rund 800 Freunde der gepflegten Rockmusik in die ländliche
Gegend nördlich von Norderstedt,
wo das Motto immer im Juli lautet:
„Bunt! Laut! Rockt! Das Langeln Open
Air gibt Euch voll was auf die Ohren!“
2015 spielten 15 Bands auf zwei Bühnen, wobei so manche Nachwuchsgruppe aus Schleswig-Holstein und
Deutschland zu einem Geheimtipp
von morgen heranreifen dürfte. Mehr
über das Programm 2016 auf der
Homepage.
www.langelnopenair.de
Rocken wie die Wikinger:
Baltic Open Air
Wenn Superstars wie Uriah Heep
oder Saga ebenso unter freiem
Himmel auftreten wie Heino als
Rocker mit Lederjacke („Junge“), die
Deutschrocker Extrabreit oder Metal-Queen Doro Pesch – dann muss es
sich um das Baltic Open Air handeln.
Direkt an der Schlei rocken junge und
etablierte Bands vor über 10.000
Zuschauern „wie die Wikinger“, so
verheißt es jedenfalls der Werbeslogan. Im vergangenen Jahr zum fünfjährigen Minijubiläum des Festivals
machten 17 Bands auf zwei Bühnen
Stimmung. Am 26. und 27. August
2016 soll es wieder so weit sein: Die
Bands Airbourne, U.D.O., Barock und
andere haben bereits ihren Auftritt
angekündigt.
Entertainment am Sandstrand:
Stars at the Beach
Mit jeder Menge Strand-Flair ging das
Festival Stars at the Beach in Timmendorf im September 2014 erstmals
über die Bühne. Mark Forster („Au
revoir“) und Axel Prahls Inselorchester
(„Blick aufs Mehr“) hießen die Top
Acts vor Ostseekulisse in der Beach-­
Volleyball-Arena mit 4.000 Plätzen.
Junge und ältere Fans sollen sich
gleichermaßen für die musikalischen
Angebote begeistern können, lautete
das Konzept der Veranstalter, das
voll aufgegangen ist. Drei Tage lang
lauschten weit über 5.000 Zuschauer den Künstlern, ein Großteil der
Karten war bereits vor Festivalbeginn
verkauft. 2016 soll es in Timmendorfer
Strand eine Fortsetzung von Stars
at the Beach geben. Diese Künstler
sind bereits gebucht: Neben Namika,
Philipp Dittberner und Johannes Oerding treten die Bands Madsen und
Tonbandgerät vom 1. bis 3. September am Sandstrand auf. (wel)
www.stars-at-the-beach.de
www.baltic-open-air.de
Entertainment am Sandstrand:
Wirtschaftsland 2016
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ENGEL NO 1
Bodenbeschaffenheit, Steigungswinkel und
klimatische Verhältnisse: Der Gröndalberg bringt
beste Voraussetzungen für den Weinanbau mit.
Die Winzerin
vom Gröndalberg
Zwischen den Reben fühlt Melanie Engel
sich wohl – setzt bei der Weinlese
allerdings viele weitere Helfer ein.
Die Unternehmerin Melanie Engel über Patina,
Spott und die Lust an der Unabhängigkeit
2011 hat sie den Hof, der seit 1948 von
ihrer Familie bewirtschaftet wird, von
ihren Eltern übernommen: insgesamt
rund 250 Hektar, auf denen vor allem
Erdbeeren und Himbeeren angebaut
werden und Landwirtschaft betrieben
wird. Man verkauft die Früchte an
Selbstpflücker und über drei Dutzend
mobile Verkaufsstellen. In einem
Feldcafé gibt es selbst gebackenen
Kuchen und Marmeladen. Ein weiterer Geschäftszweig auf dem Ingenhof
ist das Vermieten von Wohnungen.
Dort, wo sich früher Schweine gesuhlt
haben, sind geschmackvolle Ferien­
appartements entstanden, die vor
allem von Familien bis in den Herbst
hinein genutzt werden. „Sanfter Tourismus ist in. Und davon profitieren
auch wir“, verrät Melanie Engel.
„Nicht weil es schwer ist, wagen wir es
nicht, sondern weil wir es nicht wagen,
ist es schwer“
steht auf dem Stein neben dem Eingang des Wohnhauses auf dem Ingenhof. Sich nicht an Vorhaben
heranzutrauen, weil man glaubt, dass sie zu schwer
für einen sein könnten – dieser Gedanke ist wahrscheinlich den meisten vertraut. Melanie Engel ficht
das nicht an. Im Gegenteil: Dieser Haltung, die vom
römischen Philosophen Seneca beschrieben wurde,
bietet die Hausherrin und Betreiberin des Hofes in
der Holsteinischen Schweiz erfolgreich die Stirn.
Vor sechs Jahren hat sie dann ein für
schleswig-holsteinische Verhältnisse
aberwitziges Vorhaben gestartet: Sie
begann auf dem Südhang des Gröndalbergs in der Nähe von Malkwitz,
rund 13.500 Rebstöcke zu pflanzen.
Kurz zuvor hatte sie die dafür notwendigen Rebrechte erhalten. Schleswig-Holstein hatte diese Rechte von
Rheinland-Pfalz übertragen bekommen – für insgesamt 10 Hektar Weinanbau. Über die Vergabe entschieden
wurde nach Bodenbeschaffenheit,
Steigungswinkel des Berges und
klimatischen Kriterien. Melanie Engel
bewirtschaftet mit ihrem Team die
mit rund drei Hektar größte zusammenhängende Weinanbaufläche des
Landes. Und sie ist die einzige Frau
unter den Winzern im nördlichsten
Bundesland.
„Anfangs habe ich viel
Spott geerntet und
wurde belächelt.“
„Doch mittlerweile hat sich das
geändert“, sagt die 37-Jährige.
Anders als andere Winzer im Norden – die den Großteil der Weinernte
in den Süden transportieren – verarbeitet Melanie Engel die Trauben vor
Ort. Hierfür waren Investitionen in
Kellertechnik nötig, Tanks, Abbeermaschine, Weinpresse und Weinnetze
mussten angeschafft und zwei neue
Mitarbeiter eingestellt werden, die
sich mit Kellermeister Jan Carstens
um das Thema Wein kümmern. Als
Winzerin ist die studierte Agrarwissenschaftlerin eine echte Autodidak­
tin. „Ich habe mir viel angelesen und
mir zudem immer wieder bei Patrick
Balz, einem Winzer aus Rheinhessen,
Rat geholt“, erklärt sie. Angebaut sind
auf den Flächen überwiegend die
weiße Solaris-Traube und daneben
Wirtschaftsland 2016
41
ENGEL NO 1
S C H L AU E R W O H N E N
Ein Wein aus Schleswig-Holstein mit
feinem Aroma dunkler Beeren: der
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„Engel No 1“ Cabernet Cortis
die pilzwiderstandsfähige Cabernet
Cortis- und die Regent-Traube. Der
„Engel No 1“ aus der Solaris-Traube,
den wir probieren, ist ein schlanker, fruchtiger Wein mit Noten von
Pfirsich, Quitte, Stachelbeere und
Holunder. Selbstverständlich geht
es in Süddeutschland um andere
Dimensionen und höhere Qualitäten.
Doch wer einmal auf dem Gröndalberg steht, muss feststellen: Wein
und Schleswig-Holstein ist zwar eine
außergewöhnliche, aber eine funktionierende Kombination. „Geht wieder!“, möchte man hinzufügen, denn
schließlich wurde im hohen Norden
bis ins Mittelalter hinein Wein angebaut. Danach kam eine kleine Eiszeit –
und mehrere 100 Jahre lang war kein
Weinbau mehr möglich. Etwa 8.000
Liter weißer und 4.000 Liter roter
Wein vom Ingenhof wurden 2014
abgefüllt, darüber hinaus noch Erdbeer-Secco in Flaschen und stylishen
Dosen. „Ein neues Produkt, das bei
den Kunden prima ankommt“, erklärt
Melanie Engel. Verkauft werden die
Weine in einem Hofladen und online.
Zu den Abnehmern gehören Hotels
in Schleswig-Holstein ebenso wie die
Staatskanzlei.
Wirtschaftsland 2016
In ihrem Büro, das in ihrem Elternhaus
untergebracht ist, sitzen wir an einem
alten Tisch mit schöner Patina. Melanie Engel streicht über die Oberfläche des Tisches und sagt:
„Ich möchte Dinge erhalten,
die eine Geschichte erzählen
können.“
Historische Möbel zu restaurieren
und wieder herzurichten ist dementsprechend eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen – obwohl sie dazu oft
wenig Zeit hat. Ein Grund dafür klopft
wenig später an die Tür: ihr sechsjähriger Sohn Jorge. Seine sieben Jahre
alte Schwester Jonna ist noch in der
Schule. Melanie Engel ist alleinerziehende Mutter. Wie sie das bei ihren
vielfältigen Tätigkeiten als Landwirtin,
Wohnungsvermieterin und Winzerin
schafft? „Es ist viel Arbeit. Aber es
geht schon“, sagt sie und lacht.
„Wenn ich meinen Kopf frei bekommen und entspannen will, gehe ich
gerne in die Natur. Außerdem unterstützen mich meine Eltern und auch
die Mitarbeiter sehr.“
Als Unternehmerin hat sie einen
ausgeprägt integrativen Führungsstil.
„Ich schätze jeden meiner Mitarbeiter
und will ihn bei meinen Vorhaben mitnehmen.“ Hat sie Vorbilder? „Meine
Mutter!“, sagt sie und ergänzt: „Mir
imponieren Menschen, die ihrer Zeit
voraus sind. Und Frauen, die ihren
Weg gehen und sich nicht abhängig
machen.“ Dass Melanie Engel ihren
Weg und vor allem keinem Wagnis
aus dem Weg geht, daran kann kein
Zweifel sein. (mif)
Eine Box
voller Möglichkeiten
Die Lübecker Symcon GmbH macht das Smart
Home erschwinglich und leicht bedienbar –
und sieht für das neue Produkt SymBox noch
viele mögliche Anwendungsbereiche.
Ute hat es morgens im Bad gerne warm. Wenn sie von leiser
Musik und den sich öffnenden Rollläden geweckt wurde
und unter die Dusche geht, ist die Heizung bereits „wach“
und hat dafür gesorgt, dass Ute nicht frösteln muss. Geht
sie aus dem Haus, wird die Temperatur in allen Räumen
energiesparend abgesenkt; auf wie viel Grad genau, kann
sich Ute auf dem Smartphone oder anderen Endgeräten
anzeigen lassen. Sie kann von unterwegs die Beleuchtung
regeln, die Waschmaschine starten, den Paketboten vor
ihrer Haustür sehen und vieles mehr, was mittels Haussteuerung und Gebäudeautomation schon seit geraumer Zeit
möglich ist. Das Besondere bei Ute ist: Ihr Smart Home
Wirtschaftsland 2016
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Die Grafik macht deutlich, wie sich mit
der SymBox die gesamte Hausautomation
mit vielen unterschiedlichen Systemen
bedienen und beobachten lässt – von zu
Hause oder unterwegs.
SymBox
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Mit der im Spätsommer 2015 nach rund zweijähriger
Entwicklungsarbeit veröffentlichten, betont übersichtlich
gestalteten Bedienoberfläche stoßen Steiner und Maroszek
nun in neue Käuferschichten vor – Stichwort Ute, die den
Elektriker ihres Vertrauens einmalig mit der Installation der
SymBox beauftragt. „Die Elektrofachbetriebe sind für uns Integratoren. Davon gibt es deutschlandweit jetzt schon mehr
als 100, Tendenz ständig steigend“, so die Unternehmer.
Bei den Elektrobetrieben sichert und schafft die innovative Technik aus Lübeck Arbeitsplätze. Aber auch im Symcon-Büro in den Media Docks direkt an der Trave mussten
die Chefs schon zusammenrücken, um für derzeit drei feste
Mitarbeiter Platz zu machen. Der 52-jährige Steiner ist von
Haus aus Nachrichtentechniker und seit mehr als 25 Jahren
selbstständig, sein 30-jähriger Kollege hat Wirtschaftsinformatik an der Lübecker Universität studiert und bereits
als Schüler und Student bei Steiner gejobbt. Beide Männer
kommen aus dem gleichen kleinen Ort in Ostholstein, in
dem auch die „Alte Schule“ steht – Steiners Zuhause und
zugleich Symcon-Demo-Objekt im Internet (webfront.info).
Michael Steiner (li.) und Michael Maroszek vor ihrem Büro in den
Lübecker Media Docks. Das ehemalige Lagerhaus ist Unternehmenspark, Gründerzentrum und Veranstaltungsort.
„Das System lässt sich kontinuierlich an individuelle Bedürfnisse und Gebäude anpassen.“
„Aufgrund der Integration von PHP als Skriptsprache ist
nahezu alles realisierbar, vom einfachen Schalten bis hin zu
komplexen Aufgaben in der Gebäudeautomation“, erklärt
Michael Maroszek. Was Ute gar nicht wissen will, ist für
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Ute könnte auch Sandra oder Bernd heißen. „Der Name ist
uns irgendwann untergekommen, während wir die benutzerfreundliche Bedienoberfläche für die SymBox entwickelt
haben. Daraus wurde Ute, die Lieblingskundin“, erklären
Michael Steiner (52) und Michael Maroszek (30) schmunzelnd. Doch nicht nur die erdachte Eigenheimbesitzerin
von nebenan, auch die reale und inzwischen internatio-
nale Kundschaft weiß das Produkt der Symcon GmbH aus
Lübeck zu schätzen. Ihre Software, die derzeit als einzige
auf dem Markt alle gängigen Hausautomationssysteme unterstützt und unter einer Bedienoberfläche zusammenfasst,
vertreiben die Schleswig-Holsteiner seit 2005. Der Kundenkreis erstrecke sich inzwischen von Island bis Dubai, so die
beiden Geschäftsführer. Zu 90 Prozent erfolgt der Vertrieb über das Internet. Die Kunden, die sich die Software
direkt vom Symcon-Server installieren, sind überwiegend
technisch interessierte Immobilieneigentümer, aber auch
gewerbliche Kunden, darunter Wohnungsunternehmen
oder auch die Spielbank Schleswig-Holstein, die in ihren
Häusern in Lübeck und Schenefeld von der Klimasteuerung
über Licht bis zu Video-/Audio-Programmen alles über das
Symcon-Produkt regelt.
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hat sie für vergleichsweise kleines Geld bekommen, und
es braucht nicht mehr als eine einzige kleine Box, die sich
mit allen elektronischen Systemen im Haus „versteht“ – und
das, obwohl diese von vielen unterschiedlichen Herstellern
kommen. Und noch ein Punkt, der für Ute besonders wichtig ist: Auch als technischer Laie kommt sie mit dem System
bestens zurecht.
Smart-Home-Enthusiasten gerade das Salz in der Suppe:
Innerhalb der Symcon-Community tauschen sich rund
8.500 registrierte Benutzer in derzeit etwa 250.000 Forumsbeiträgen aus und stellen Skripte ein, die frei kopiert
werden dürfen. Das schafft nicht nur Produktbindung, es
lässt Symcon auch bei Suchmaschinenabfragen nach oben
klettern. „Geben Sie Smartwatch und Hausautomation ein
oder HomeMatic und Katzenklappe, dann erscheinen wir
auf der ersten Seite meist an erster oder zweiter Stelle“,
stellt Steiner zufrieden fest.
Präsent sind Internetnutzer in den Symcon-Räumen in
Lübeck auch noch auf andere Art: Eine Ecke des Büros füllt
eine Spielzeuglandschaft, in der es diverse, über webfront.
info ansteuerbare mechanische Elemente gibt wie Hebebühne, Hubschrauber, LED-Laufschrift. Auch diese Szenerie dient als Demo, um Neugierigen einen spielerischen
Eindruck davon zu bieten, wie sie mit Symcon schalten
und walten können. „Ob sie hier bei uns den Heli starten
oder in ihrem Ferienhaus die Rollläden öffnen, bleibt von
der Bedienung her gleich“, sagt Michael Steiner, während
der Spielzeughubschrauber tatsächlich gerade abhebt,
gesteuert von einem unbekannten User irgendwo auf der
Welt. Die SymBox funktioniert übrigens ohne permanente Internetverbindung, ein nicht unbedeutender Fakt für
Kunden, die in Sachen Privatsphäre und Datenschutz auf
Nummer sicher gehen wollen.
Dass ihr System großes Potenzial nicht nur in den Bereichen häuslicher Komfort und Sicherheit hat, davon sind
die Symcon-Macher fest überzeugt. Ein Stichwort – und
Gegenstand eines Kooperationsprojekts mit der Universität Lübeck – heißt Energieflusssteuerung: „Wie stellen
wir es an, dass beispielsweise der Solarstrom vom Dach
bevorzugt im eigenen Haushalt eingespeist wird und zwar
genau da, wo er gebraucht wird?“ Ein Riesenthema sei
außerdem „Ambient Assisted Living“, abgekürzt AAL und
übersetzt mit „altersgerechte Assistenzsysteme für ein
selbstbestimmtes Leben“. „Es geht darum, mit technologischer Unterstützung unter anderem Anomalien zu erkennen, ob zum Beispiel jemand entgegen seiner Gewohnheit
bis mittags im Bett liegen bleibt. Das System kann dann
etwa eine Benachrichtigung an einen vorher festgelegten
Empfänger schicken.“ Gerade in diesem zukunftsrelevanten Anwendungsgebiet seien viele Module denkbar.
Möglich also, dass Ute demnächst altert. (sas)
Wirtschaftsland 2016
45
D E R E C H T E N O R D E N KO M M T A N
Authentizitäts-Originalitäts-Matrix
1
Authentizität
unique
BW (Baden-Württemberg)
Wir können alles. Außer Hochdeutsch.
catcher
2
BW
HB (Hansestadt Bremen)
Bremen erleben.
4
SH
MV (Mecklenburg-Vorpommern)
MV tut gut!
SL
HE
ST
SL (Saarland)
Saarland. Großes entsteht immer im Kleinen.
6
MV
Prof. Dr. Stefan Hoffmann (li.) und Yannik
HB
Tönnemann (re.) forschen am Institut für
8
keeper
1
Ein Landesslogan auf dem Weg zum Erfolg
Seit 2013 segelt Schleswig-Holstein
unter einer einheitlichen Dachmarke
mit dem mittlerweile bundesweit
bekannten Claim: „Schleswig-Holstein.
Der echte Norden.“ Inzwischen treten
alle Behörden und Einrichtungen des
Landes im Gewand des echten Nordens auf. Auch mit Gemeinschaftsständen auf in- und ausländischen Messen
ist Schleswig-Holstein mittlerweile
einheitlich erkennbar. Im Rahmen
einer Kampagne soll nun auch die
Außenwirkung weiter gestärkt werden.
Schleswig-­Holstein ist auf einem
guten Weg mit seiner Dachmarke,
auch wenn diese zu Beginn kontrovers
diskutiert wurde.
2014 bewies eine Emnid-Umfrage des
Landes Mecklenburg-Vorpommern,
dass Schleswig-Holsteins Slogan
bereits 30 Prozent der Bundesbürger
bekannt war. Und damit auf Platz zwei
der Bekanntheit rangierte. Damals
Wirtschaftsland 2016
schoben viele dieses gute Ergebnis
vor allem auf die kontroversen Diskussionen in überregionalen Tageszeitungen. Ende 2015 hat die Arbeit
des Kieler Masterstudenten Yannik
Tönnemann bewiesen, dass „Schleswig-Holstein. Der echte Norden“ nicht
nur bekannt, sondern auch beliebt ist.
„Der Slogan wird von
Schleswig-Holsteinern und von
Personen aus anderen Bundesländern als authentisch wahrgenommen“,
fasst Tönnemann die Ergebnisse
seiner Studie zusammen. Darin befragte er deutschlandweit knapp 227
Experten aus Wirtschaft, Tourismus
und Regierung dazu, wie authentisch
und originell die Slogans von acht
ausgewählten Bundesländern sind.
ST (Sachsen-Anhalt)
Sachsen-Anhalt. Wir stehen früher auf.
7
Betriebswirtschaftslehre der CAU zu Kiel
Seine Arbeit zeigt, dass Schleswig-Holsteins Claim sein Ziel erreicht, denn
neben Bodenständigkeit und Klarheit
ist Authentizität der definierte Wert der
Marke. Doch nicht nur hier ist „echt“
der zentrale Bestandteil, er ist auch
zentraler Wert des Landes.
Dass hier der richtige Begriff gewählt
worden ist, zeigt vor allem die Befragung der Schleswig-Holsteiner. Sie
bewerten den Slogan sehr positiv. 87
Prozent der Probanden aus Schleswig-Holstein sortieren den Slogan
unter die Top 3 bei Gesamteindruck.
Aber auch in anderen Bundesländern
wird Schleswig-Holsteins Markenauftritt positiv bewertet. Hier sticht
besonders die Zustimmung der
Nachbar-Bundesländer hervor. Dieses
Ergebnis überrascht, da besonders
diese Länder bei der Einführung des
Claims Kritik äußerten. Die Süddeutschen bewerteten allerdings anders.
2
replaceable
3
4
5
Nur bei den Experten aus Bayern kam
der „echte Norden“ gut an. Bei allen
anderen südlichen Bundesländern hat
die Mehrheit den Slogan nicht unter
die Top 3 gewählt. Viele Probanden
aus Thüringen, Saarland und Hessen
empfinden sogar, dass der Slogan
nur eine geringe Aussagekraft hat.
„Ich führe das darauf zurück, dass der
Claim noch nicht ausreichend emotional aufgeladen ist“, erklärt der 26-jährige Tönnemann. „Unter dem echten
Norden können sich die Süddeutschen einfach nichts vorstellen.“ Auch
Prof. Dr. Stefan Hoffmann unterstützt
seinen Studenten bei dieser These:
„Der Slogan muss nun mit
Leben gefüllt werden. Die
große Bekanntheit und die
gute Bewertung in der Heimat
sind eine hervorragende
Basis dafür.“
Insgesamt wird nur der Claim eines
Bundeslands authentischer bewertet
als „Der echte Norden“ und zwar Baden-Württembergs „Wir können alles.
Außer Hochdeutsch“. Dieser erreicht
47
RP (Rheinland-Pfalz)
Wir machen‘s einfach.
RP
5
Originalität
3
HE (Hessen)
An Hessen führt kein Weg vorbei.
6
7
SH (Schleswig-Holstein)
Schleswig-Holstein. Der echte Norden.
8
auch für seine Originalität die höchste
Bewertung. Schleswig-Holstein erzielt
hier den dritten Platz. Wobei nur
geringe Unterschiede zu „Saarland.
Großes entsteht immer im Kleinen“,
„Sachsen-Anhalt. Wir stehen früher
auf.“ und „An Hessen führt kein Weg
vorbei.“ bestehen.
Die Ergebnisse seiner Studie fasst
der BWL-Student in einer Authentizitäts-Originalitäts-Matrix zusammen. Alle Slogans sind so entwickelt
worden, dass sowohl Einheimische
(Interne) als auch potenzielle Touristen/Besucher und Neubürger (Externe) angesprochen werden. Wäre ein
Slogan besonders, aber nicht authentisch, würde er sich im Feld „catcher“
befinden. Hier sind die Personen aus
anderen Bundesländern die Zielgruppe. Wäre ein Slogan hingegen
auf sein Bundesland zugeschnitten,
aber unauffällig, wäre er im Bereich
„keeper“ zu verorten. Deren Zielgruppe sind Personen innerhalb des
Bundeslandes. Allerdings befindet
sich die Hälfte der Slogans im rechten
unteren Feld „replacable“. Sie sind
damit als austauschbar und unauffällig
bewertet worden und sollten über-
Die Experten sind sich einig: Schleswig-­
Holsteins Claim punktet mit Authentizität.
dacht werden. Das Idealfeld „unique“
ist ebenfalls von der Hälfte der Slogans erreicht worden. Mit Abstand die
beste Bewertung erhält Baden-Württemberg. Aber auch „Schleswig-Holstein. Der echte Norden“ liegt im
Idealfeld. Diese Bewertung bietet
eine gute Ausgangslage, um mit der
aktuellen Imagekampagne die Marke
aufzuladen. (ki)
Wirtschaftsland 2016
SPORTLICHE TECHNOLOGIE
SPORTLICHE TECHNOLOGIE
Widerstandsfähig, präzise und
wartungsarm – Kristronics erfüllt
strengste Standards.
Enorme Anforderungen
48
Intelligente Life-Science-Lösungen
Schleswig-Holstein hat sich gemeinsam mit Hamburg zu einem starken
Standort im Bereich der Biotechnologie und der Medizintechnik entwickelt. Zahlreiche Unternehmen und
Forschungseinrichtungen arbeiten
hier breit gefächert an innovativen
Produkten. Im Segment der besonders zukunftsträchtigen mobilen und
vernetzten Anwendungen engagiert
sich sehr erfolgreich Kristronics aus
Harrislee bei Flensburg.
Die Nachfrage nach mobiler und
drahtloser Sensorik, die verschiedene
biometrische Werte erfasst, wächst
stetig. Beispiele für solche Geräte
sind längst ein gewohnter Anblick
geworden: Viele Hobbysportler etwa
nutzen bereits tragbare Herzfrequenzmesser. Die technischen Anforderungen an solche Produkte des Massen-
marktes sind jedoch vergleichsweise
niedrig. Mit seinem Geschäftsbereich
Medical und Life Science widmet sich
Kristronics dagegen den anspruchsvollsten Aufgaben auf diesem Gebiet:
Sie liefern Lösungen für medizinische
und Profisport-Anwendungen.
Mit den Sensoren von der Förde
kann nahezu die gesamte Bandbreite
menschlicher Vitaldaten überwacht
werden. Hierzu gehören die Herzund Atemfrequenz, die elektrische
Spannung der Herzmuskelfasern
zur Anfertigung eines Elektrokardiogramms oder auch die Atemgeräusche als ein Indikator für die
Stabilität der Lungenfunktion. Dabei
konzentriert sich Kristronics auf die
mobile Sensortechnik. Das macht die
Patienten unabhängiger und beweglicher. Die Daten werden zur Auswertung drahtlos übertragen – an ein
Labor oder eine Arztpraxis. Mit dieser
Vernetzung steigen die Anforderungen an die Geräte immens. Damit beispielsweise ein Arzt die Daten über
den Zustand eines Patienten auch aus
der Ferne zweifelsfrei und zuverlässig
beurteilen kann, müssen diese Werte
vollkommen fehlerfrei gemessen,
übertragen und ausgewertet sein.
Aus diesem Grund haben die Produkte strengste gesetzliche Normen und
Standards zu erfüllen. Um eine fortlaufende Überwachung zu gewährleisten, müssen die Sensoren zudem
robust, möglichst wartungsarm, resistent gegen äußere Einflüsse und rund
um die Uhr bequem zu tragen sein.
Mit seiner 35-jährigen Erfahrung
hat sich Kristronics ein umfassendes Know-how auf dem Gebiet der
Sensortechnik erarbeitet. Deshalb
kann das Unternehmen seine Kunden
je nach Anforderung in allen Phasen
der Entwicklung neuer Geräte unterstützen. Ob als Einzelsensor oder
als komplettes System – Hochleistungssensoren inklusive Einbau in die
vorgesehenen Träger und Gehäuse
sowie Verarbeitungs- und Übertragungssoftware samt den bei diesen
persönlichen Daten notwendigen Verschlüsselungsprotokollen, hier gibt es
alles aus einer Hand!
Entwickelt werden die Lösungen
am Standort Harrislee, individuell abgestimmt auf die einzelnen
Kundenanforderungen. Neben der
Messpräzision, der Widerstandsfähigkeit und der Anwenderfreundlichkeit
liegt der Fokus darauf, immer mehr
Funktionen auf kleineren Sensoren
unterzubringen. Die Elektronik dazu
wird, ebenfalls in Harrislee, aus weitgehend standardisierten Bauteilen
zusammengefügt, die sowohl einzeln,
als auch im Verbund mehrfach umfangreich getestet werden, um so die
geforderte Genauigkeit garantieren
zu können.
Kristronics fertigt verlässige
Embedded Mobile Systems: hohe
Funktionalität auf kleinstem Raum
Wirtschaftsland 2016
Elektronik nach neuesten
technologischen Standards.
Wirtschaftsland 2016
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SPORTLICHE TECHNOLOGIE
SPORTLICHE TECHNOLOGIE
Hauptsitz von Kristronics in
50
Harrislee bei Flensburg
Effiziente Lösungen zur vernetzten
Gesundheit
Kristronics entwickelt und fertigt verlässliche Anwendungen mit hohem
Qualitätsstandard für immer neuere
und empfindlichere elektronische
Einsätze wie z. B. Diagnostik und Therapie. Es wird damit ein Weg geschaffen, Teile der Bevölkerung, gerade
auch im Hinblick auf unsere zunehmend alternde Gesellschaft, etwa
in ländlich geprägten Regionen wie
Schleswig-Holstein, effizient, sicher
und kostenbewusst zu versorgen.
Life Science für anspruchsvolle
Was kranken Menschen im Notfall das
Leben retten kann, nutzen auch gerne
die Profi-Sportler. Für sie steckt in den
so präzise gemessenen Vitalwerten
vielleicht das Quäntchen Potenzial,
das bisher ungenutzt blieb und ihnen
nun womöglich zu neuen Höchstleistungen verhilft.
So komplex die Anforderungen an
diese mobilen, vernetzten Produkte
auch sind, so aufwendig ist es, sie
zur Marktreife zu bringen. Kristronics
arbeitet darum regelmäßig eng mit
renommierten Forschungseinrichtungen und industriellen Partnern zusammen, um Forschungsergebnisse
gemeinsam zu nutzen und daraus in
Kooperation eine Lösung zu schaffen.
Seit November 2013 engagiert sich
Kristronics zum Beispiel im Projekt
„WELCOME“. Das EU-Projekt hat sich
zum Ziel gesetzt, die Versorgung
und Früherkennung bei Patienten
mit chronischen Lungenerkrankungen (COPD) zu verbessern. In enger
Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
(UKSH) und weiteren Mitgliedern
des Welcome-Konsortiums realisiert
Kristronics die dazugehörige Elektronik. Die verschiedenen Parameter der
Lungenfunktion bis hin zur permanenten Aufzeichnung der Atemgeräusche
betroffener Patienten werden fortlaufend gemessen. Die Daten werden
dann verschlüsselt an eine Cloud
(Online-Speichermedium) übertragen
Diagnostik und Therapie
Profisportler setzen auf
innovative mobile Messgeräte.
Wirtschaftsland 2016
und stehen dort den medizinischen
Betreuern und Ärzten übersichtlich
aufbereitet zur Analyse zur Verfügung.
Mittlerweile ist die Arbeit an diesem
Projekt schon weit fortgeschritten. Zu
dem Zeitpunkt, da das entwickelte
Gerät dann an Patienten ausgegeben
wird, suchen die Entwickler von Kristronics längst nach neuen Möglichkeiten, die eingesetzte Elektronik noch
kleiner und universeller zu machen.
(bes)
51
Sensor zur Erfassung
von biometrischen Daten
Innovatives Projekt zur Früherkennung und
Versorgung von chronischen Lungener­
krankungen (COPD)
IMPRESSUM
52
Veröffentlicht durch:
WTSH – Wirtschaftsförderung und
Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH
Lorentzendamm 24, 24103 Kiel
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V. i. S. d. P.
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Geschäftsführer der WTSH
Amtsgericht Kiel, Handelsregister HRB 3358
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Chefredaktion:
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Autoren:
Sven Bohde (sb), Michael Fischer (mif), Harald Hase (hh),
Kathrin Ivens (ki), Susanne Kratzenberg (sk),
Judith Kunze (jk), Ute Leinigen (lei), Bjørn Erik Sass (bes),
Sabine Spatzek (sas), Joachim Welding (wel)
Gesamtkonzeption:
New Communication GmbH & Co. KG
Werbe- und Marketingagentur
Projektmanagement:
Kathrin Ivens, New Communication
Gestaltung:
Marcus Braasch, New Communication
Frauke Heinsohn, New Communication
Lektorat:
Michael Fischer, Fischertext
Susanne Kratzenberg, New Communication
Produktion:
ppa.bumann GmbH & Co. KG
Print- & Produktionsagentur
Friedrich-Voß-Straße 1a, 24768 Rendsburg
Wirtschaftsland 2016
Katrin Birr, Geschäftsführerin Gebr. Friedrich Kiel
Bildnachweise:
Titel: Katharina Löwe; Seite 2 und 3: WTSH; Seite 4:
H. - Joachim Harbeck, Westhof, Katharina Löwe; Seite 5:
H. Nickel; Seite 7–9: New Communication; Seite 10–13:
SLM Solution Group AG, Seite 14–16: Westhof, Seite 18:
Vion, Seite 19: Gezeitenraum, Patietus.de, Lokalportal;
Seite 20: Hansemuseum; Seite 22: grafikfoto.de, Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Technologie, Seite
24–26: H. - Joachim Harbeck, egeb; Seite 28–30: Hako,
IBAK, Seite 31: Deutsches Patentamt; Seite 32: panthermedia.net; Seite 33 und 34: Katharina Löwe; Seite 36: New
Communication, Seite 37: WTSH; Seite 38 und 39: Baltic
Open Air, H.Nickel, Frank Schwichtenberg, Stars at the
Beach; Seite 40–42: Holger Stöhrmann; panthermedia.
net; Seite 42–45: Symcon, Sabine Spatzek; Seite 46 und 47:
Christoph Edelhoff; Seite 48–51: Chrsitoph Edelhoff und
Kirstronics
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