Die Maus und der Quark - Kreidezeit Naturfarben GmbH

36 KÖPFE & KARRIEREN // LACK & LEBEN
Die Maus und der Quark
PORTRÄT // FARBENHERSTELLER MIT SOZIALEM UND ÖKOLOGISCHEM GEWISSEN:
GERT ZIESEMANN SETZT VOLL UND GANZ AUF NATURPRODUKTE. EINE BEKANNTE FERNSEHSENDUNG
VERHALF IHM ZU VIEL AUFMERKSAMKEIT. PORTRÄT EINES UNKONVENTIONELLEN UNTERNEHMERS.
Kirsten Wrede
K
lappernder Augenaufschlag, freundliches Gesicht,
kleiner blauer Freund – „die Sendung mit der Maus“
ist seit Jahrzehnten eine der bekanntesten Kindersendungen im deutschen Fernsehen. Gert Ziesemann
haben die Lach- und Sachgeschichten des WDR zu
durchschlagendem Erfolg verholfen. Mit verschmitztem Lächeln erzählt
der Inhaber von Kreidezeit Naturfarben, wie er Armin Maiwald vom
WDR einen Brief geschrieben hat, damals, Anfang der 1990er Jahre.
„Wussten Sie, dass man Farben auch ganz anders machen kann?“,
fragte er selbstbewusst, denn Maiwald hatte in einer vorigen Sendung
erwähnt, dass Farben auf Erdöl basieren. Die Fernsehleute waren
beeindruckt und machten sich auf nach Sehlem, einem kleinen Ort
bei Hildesheim, wo Kreidezeit Naturfarben seinen Sitz hat. Im Garten
des Anwesens wurde Kaseinfarbe selbst gemacht: Milch und Lab zu
Quark vermengt, zusammen mit Kalk Kaseinleim als Basis hergestellt,
Kreide für weiße Farbe und bunte Erden für bunte Farbenhinzugefügt,
dazu Leinöl, um die Farben wasserfest zu machen.
Gespräch: „So rutscht man da rein, und das macht bis heute Spaß.“
So unkonventionell, wie diese Episode ist auch der gesamte Lebenslauf des 66-Jährigen. In Sehlem geboren, ging er zur Ausbildung an
der Universität Münster. Er ist gelernter geologisch-paläontologischer
Präparator. Dann zog es ihn auf die Straße: Erst arbeitete er als Fernfahrer in Düsseldorf, zwei Jahre später dann in Hamburg. In der Hansestadt erlebte er bewegte Zeiten. „Ich bin das, was man heute einen
Alt-68er nennt“, sagt er selbst von sich. So lebte der politisch bewegte
Norddeutsche lange Jahre in einer 11-köpfigen WG, arbeitete im Hafen, betreute therapeutische Wohngemeinschaften.
Irgendwann wollte er aber raus aus der Großstadt, denn inzwischen
hatte er mit seiner Frau und der ersten von zwei Töchtern eine kleine Familie. Richtig weit weg sollte es gehen. Nach einer Reise nach
Australien konnte er sich vorstellen, auf der anderen Seite der Welt zu
bleiben. Doch Ziesemanns Ehefrau wollte nicht auswandern, also ging
es schließlich wieder ins heimische Sehlem, denn die inzwischen zwei
Töchter sollten auf dem Land groß werden. 1987 wurde hier die Firma
Kreidezeit mit Sitz im Familienhaus gegründet.
Überwältigende Resonanz auf TV-Sendung
Heutiger Firmensitz im alten Sägewerk
Mit seinem Brief hat Ziesemann einen unglaublichen Werbeeffekt erzielt und vielen Menschen vermittelt, dass Farben auch mit reinen Naturrohstoffen hergestellt werden können. Reihenweise meldeten die
Interessenten sich daraufhin, Ziesemann kam mit vielen Malern ins
FA RBE UND L A C K / / 1 1 .2 0 1 5
1993 zog die Firma in einen alten Bullenstall nach Harbarnsen um, ein
Jahr später gab es einen weiteren Umzug nach Lamspringe. Heutiger
Firmensitz ist seit 2002 das alte Sägewerk in Sehlem. Hier sind inzwi-
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Oben // Heutiger Firmensitz ist seit 2002
das alte Sägewerk in Sehlem.
Links // Die Kaseinfarbe brachte es sogar in
die „Sendung mit der Maus“
(Quelle: WDR/Trickstudio Lutterbeck).
„ICH MÖCHTE PROBLEMATIKEN ZURÜCK IN DIE
GESELLSCHAFT TRAGEN“
Gert Ziesemann
schen 35 feste Mitarbeiter beschäftigt, die Naturfarben für das In- und
Ausland herstellen.
Genauso originell wie die Episode mit der TV-Sendung ist die E-MailAdresse von Gert Ziesemann: [email protected] Wie kam
es dazu? „Aus Trotz“, sagt er und lächelt spitzbübisch. Die Adresse
ermögliche ihm manchmal einfach kürzere Wege, so die Erklärung.
Durch seine unkomplizierte Art – jeder wird geduzt – macht es der
Firmeninhaber seinem Umfeld leicht, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Seine Haare, inzwischen ergraut, sind noch immer voll, wie zu
Zeiten der „Maus-Sendung“ trägt er noch immer Vollbart. Am runden
Holztisch im Hauptgebäude der Firma empfängt er seine Besucher
und erzählt bereitwillig und mit leicht norddeutschem Einschlag aus
seinem Leben.
„Farben mochte ich schon als Kind“, sagt der Niedersachse. Schon
als Knirps rührte er bei einem Malermeister am Ort Pigmente und Leinöl zusammen.
Rechts // Der „Häuptling“ Gert Ziesemann
(sitzend) mit Malermeister Ulrich Bettentrup
(von links), seinen Töchtern Lea Hangkofer
und Jule Ziesemann und seiner Vertreterin
Susanne Schmidt.
chen Farben in das asiatische Land gelangen. Mit den japanischen
Kunden gibt es einen regen Austausch, man besucht sich gegenseitig.
Man kann sich kaum vorstellen, dass Gert Ziesemann bei all dem Engagement je Zeit für andere Interessen hatte. Seine Liebe zum Tauchen ist indes nicht zu übersehen: Den Neoprenanzug, der über der
Stuhllehne hängt, hat er sich auf den Galapagos-Inseln machen lassen, an ihm hängt ein seltenen Echsen nachempfundener gezackter
Schwanz. Seit das Tauchen aber den Massentourismus angelockt
hat, ist sein Interesse am Tauchen nicht mehr so groß. Auch hier blitzt
wieder der Naturfreund durch.
// Kontakt: [email protected]
Unterstützung für soziale Projekte
Das ökologische und soziale Bewusstsein zieht sich durch Gert Ziesemanns Leben wie ein roter Faden. Waren es damals die „Randgruppen“, die er in Hamburg betreute, so sind es heute die Projekte,
die sein Unternehmen unterstützt, zum Beispiel durch Spenden an
eine Schule südlich der Sahara und für das Projekt „Rettet den Regenwald“. Gerade erst hatten Flüchtlinge aus einem Nachbarort die
Gelegenheit, bei einem Seminar kreativ mit Farben umzugehen. „Mein
Ansatz: Ich möchte Problematiken zurück in die Gesellschaft tragen“,
betont der 66-Jährige.
Kunden hat sein Unternehmen mittlerweile weltweit. Kurioserweise ist
Japan der größte Importeur. Aus eine Anfrage nach umweltfreundlichen Farben wurde ein kompletter Container, mit dem alle zwei Wo-
Kurz gefragt:
Haben Sie ein Lebensmotto?
Friede den Hütten, Unfrieden den Palästen.
Was war Ihr schönstes Erlebnis?
Tauchen mit Hunderten Hammerhaien auf
den Galapagos-Inseln.
Was wünschen Sie sich?
Ökologische Paläste für alle.
FAR B E U ND L A CK // 11. 2015