Quer durch die Elbe

Quer durch die Elbe
Bis zu 100 Schwimmer haben sich gestern durch den Fluss gewagt. Und eine interessante Erfahrung gemacht.
15.08.2015 Von Peter Anderson
Das Lampenfieber stellt sich ganz plötzlich ein. Von der Redaktion
kommend blicke ich unterhalb des Skaterparks am Akti auf die Elbe.
Der Wind weht von Osten, kleine Wellenberge kräuseln sich auf dem
Wasser. In Richtung Carpe Diem bewegt sich eine bunte
Völkerwanderung. Ganze Familien sind unterwegs, rüstige
Rentnerpaare, Gruppen von Jugendlichen.
Vielleicht war ich doch zu vorschnell mit meiner Zusage, den Strom
durchqueren zu wollen? Ganz so harmlos sieht die Elbe trotz
wochenlanger Trockenheit nicht aus. Da scheint Bewegung drin zu
Konzentriert, diszipliniert und letztlich meistens erfolgreich: Elbquerer
aller Altersklassen am Freitagnachmittag in Meißen auf dem Weg zum
Siebeneichener Ufer.
sein, in dem Gewässer.
© Claudia Hübschmann
seinen erfolgreichen Elbquerungen in Dresden erzählt. Allerdings fällt
Mein junger Kollege Bernhard Teichfischer hat mir kurz zuvor von
der Wasserstand in der Landeshauptstadt deutlich niedriger aus. In
Meißen liegt die Fahrtrinne tiefer. Bernhard erzählt von etwas
anrüchigem Wasser. Man sollte nach dem Durchschwimmen unbedingt duschen. Vielleicht überlege ich es mir noch einmal? Auf
der anderen Seite: In der Zeitung kann kein leerer Fleck bleiben. Der Beitrag ist fest eingeplant.
Eine bunt gemischte Truppe
Auf den Schotterflächen unterhalb der Seniorenresidenz Carpe Diem herrscht Volksfeststimmung. Fehlen bloß noch Würstelbuden
und Bierstände. Meißen­TV hat seine Kameras aufgebaut und befragt die ersten Wagemutigen zu ihren Motiven. Die Truppe der
Schwimmer ist bunt gemischt. Sie reicht von etwas beleibteren Rentnern über gestählte Freizeitsportler bis hin zu ansehnlichen
jungen Damen. Wer will da zurückstehen?
Steffen Hausch vom Verein Deutsche Lebens­Rettungs­Gesellschaft Niederes Elbtal (DLRG) winkt die Mannschaft zu sich heran.
Vor wenigen Minuten hat einer der Rettungsschwimmer einen ersten Versuch gewagt, durch den Strom zum Siebeneichener Ufer
zu gelangen. „Sie brauchen nicht zu denken, dass sie da zu Fuß rüberkommen“, sagt Hausch. Die Zuhörerschaft solle sich keine
Illusionen machen. Bereits vor der eigentlichen Fahrrinne habe der Kollege den Boden unter den Füßen verloren. Von dort an
müsse geschwommen werden. Und das bei kräftiger Strömung.
Hausch zeigt auf eine rote Boje in Richtung Brücke. „Wer es bis dorthin nicht auf die andere Seite geschafft hat, sollte
umkehren“, sagt er. Sonst bestehe die Gefahr, in Richtung des gestrandeten Hotelschiffs und Anlegers abgetrieben zu werden.
An solchen Stellen entwickelt die Strömung ein unberechenbares Verhalten. Strudel entstehen. Gefahr droht, unter die
Wasseroberfläche gezogen zu werden.
DLRG­Mann Hausch will keine Angst machen. Er will bei den Schwimmern Verständnis wecken für die Gefahren, welche der Fluss
trotz des anscheinend niedrigen Wasserstandes in sich birgt. Letztlich trägt jeder selbst die Verantwortung. Das Schwimmen in
der Elbe ist an dieser Stelle erlaubt. Das Wasser­ und Schifffahrtsamt hatte kurz zuvor lediglich Bedenken gegen das Spannen
einer Sicherungsleine über den Fluss geäußert. Die erst Anfang der Woche angekündigte Aktion sei zu kurzfristig. Für die Leinen­
Variante hätte die Elbe von der Wasserpolizei komplett gesperrt werden müssen. Sonst bestünde die Gefahr, dass ein schneller
Motorbootfahrer in das Hindernis rast.
Kein Grund
Jetzt aber Schluss mit Bedenkenwälzen. Rettungsschwimmer Hausch gibt die Elbe frei für die ersten zehn Schwimmer. Langsam
taste ich mich nach vorn. An den Füßen alte Schwimmschuhe, die meine Fußsohlen schon in der kroatischen Adria vor
schmerzhaften Seeigeln bewahrt haben. Das Wasser erscheint mir weitgehend klar, etwas bräunlich vielleicht, so wie beim Urlaub
am Lipno­Stausee vor ein paar Jahren. Von einer Abkühlung zu sprechen, wäre übertrieben. Es geht in eine warme Brühe hinein.
Schon nach wenigen Metern macht sich die Strömung deutlich bemerkbar. Ich versuche mich flussaufwärts von meinen
Mitschwimmern abzusetzen, damit wir uns später nicht ins Gehege geraten. Den Oberkörper nach vorn geht es fast direkt gegen
den Strom immer weiter in die Mitte hinein. Die Füße tänzeln bereits leicht über die Steine. Es fehlt das Gewicht, um weiter auf
dem Grund zu bleiben. Fast wie auf ein einheitliches Kommando hin beginnt unsere gesamte Truppe zu schwimmen. Mein
Nebenmann legt im professionellen Kraul­Stil vor. Da kann ich als Laie nur mit den Ohren schlackern.
Welche Strategie ist nun die beste? Auf die lange Strecke setzen und ruhig durchziehen? Oder auf Tempo setzen? Ich entscheide
mich für Letzteres. Das Siebeneichener Ufer erscheint in Reichweite. Vielleicht erreichen die Füße schon den Grund? Weit gefehlt.
Ein letzter Kraftakt wird nötig. Dann ist es geschafft.
Die DLRG in Meißen freut sich jederzeit über Verstärkung: Niederauer Straße 26­28, 01662 Meißen, [email protected]­
meissen.de
Artikel­URL: http://www.sz­online.de/nachrichten/quer­durch­die­elbe­3174353.html