Emanzipation bei Marx und seine Kritik an Proudhon und dessen

ICAE Working Paper Series No. 34 Juni 2015 Emanzipation bei Marx und seine Kritik an Proudhon und dessen ideengeschichtlichen Nachfahren Karl M. Beyer Institute for Comprehensive Analysis of Economy Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft Johannes Kepler Universität Linz Altenbergerstraße 69 4040 Linz Austria Tel.: +49 732 2468 3402 [email protected] www.icae.at 2 Emanzipation bei Marx und seine Kritik an Proudhon und dessen ideengeschichtlichen Nachfahren Karl M. Beyer* 1. Einleitung Im 18. und 19. Jahrhundert, zu Beginn des Aufstiegs und der Durchsetzung der kapitalistischen Gesellschaftsformation, widmeten sich eine Reihe von Philosoph_innen und Sozialreformer_innen der Frage nach einem anderen gesellschaftlichen Zusammenleben, nach einer progressiven und emanzipatorischen Überwindung des gesellschaftlichen Status quo. Unterschieden werden können hier grundsätzlich zwei Lager: (i) ein utopischer Sozialismus, u.a. Robert Owen, Charles Fourier, Henri 1
de Saint‐Simon oder Pierre‐Joseph Proudhon; und ein (ii) wissenschaftlichen Sozialismus , vor allem 2
Karl Marx und Friedrich Engels , welche inspiriert vom utopischen Sozialismus, diesen aber auch für dessen utopische Gesellschaftstüftelei kritisierend, sich der Aufgabe verschrieben, diesen auf eine 3
wissenschaftliche Ebene empor zu heben . Zum Zwecke dieser Arbeit werden die konkurrierenden 4
Arbeiten von Proudhon und Marx herausgegriffen und hinsichtlich ihrer Emanzipationsvorstellungen kontrastiert. Hierbei geht es weniger um politische oder revolutionär‐organisatorische Vorstellungen und Strategien der Emanzipation, sondern um die sozioökonomischen Ansatzpunkte für ökonomische und gesellschaftliche Emanzipation in ihren Werken. Vom speziellen Interesse ist hierbei die Frage, wo und in welcher Form konkret im ökonomischen System die beiden Theoretiker meinen, dass * Johannes Kepler Universität Linz, Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft (ICAE), [email protected] Dieses Paper wurde präsentiert am Momentum14: Emanzipation – Track #6: Ökonomik und Emanzipation, 16.‐19. Oktober 2014, Hallstatt. Der Autor bedankt sich bei Raphael Kiczka für wertvolle inhaltliche Anmerkungen. 1 Der Begriff wurde jedoch bereits von dessen Gegenspieler, Proudhon, in seiner 1840 erschienenen Schrift „Was ist das Eigentum?“ erstmals verwendet. 2 Was oft übersehen wird, sind die inhaltlichen Differenzen zwischen Marx und Engels. Engels geht in seinen gesellschaftlichen Emanzipationsbestrebungen – und hier gleicht er letztlich Proudhon – in Richtung einer einfachen Warenproduktion (vgl. Elbe 2001). 3 Siehe Engels Schrift „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ (MEW 19). 4 Rakowitz (2000, 36) sieht in ihm den ökonomietheoretisch „elaboriertesten Vertreter“ des utopischen Sozialismus. 3 aufbauend auf ihren ökonomietheoretischen Einsichten für emanzipatorische Veränderungen anzusetzen sei. Der Beitrag gestaltet sich wie folgt: Zuerst erfolgt eine Darstellung des ökonomietheoretischen Emanzipationshorizont der Kritik der politischen Ökonomie (KdpÖ) von Marx (Abschnitt 2). Es wird skizzenhaft dargelegt, was Marx an der vorherrschenden kapitalistischen Produktionsweise kritisiert und welches Verständnis (für die Reichweite) sozialer Emanzipation sich hieraus ableiten lässt. Im Anschluss daran wird gezeigt, welche Aspekte der kapitalistischen Vergesellschaftung Proudhon kritisiert und an welchen Stellen der Ökonomie seines Erachtens für emanzipatorische Veränderungen anzusetzen sei (Abschnitt 3). Darauf aufbauend wird gezeigt, worin Marx seinen Kontrahenten und dessen Emanzipationsvorstellungen kritisiert (Abschnitt 4). Abschließend wird die Frage gestellt, welche Lehren aus dieser theoriegeschichtlichen Abhandlung für das Hier und Jetzt gezogen werden können (Abschnitt 5). Die folgenden Darstellungen und Erläuterungen bleiben notwendig skizzenhaft und zugespitzt. 2. Ökonomiekritik und Emanzipation bei Marx Im Zentrum der Philosophie von Karl Marx steht die Frage nach der menschlichen Emanzipation. Im Gegensatz zu bürgerlichen Emanzipationsbewegungen seiner Zeit, welche sich auf die politische Emanzipation beschränkten, ging es Marx um mehr, nämlich auch um eine allgemeine Emanzipation von den gegebenen sozialen und ökonomischen Ausbeutungs‐ und Herrschaftsverhältnissen, um die Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise (Schmied‐Kowarzik 1999). Mit seiner KdpÖ hat Marx die bis heute wohl bekannteste wie elaborierteste Analyse und Kritik der bürgerlichen politischen Ökonomie und der ihr entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnisse – dem 5
Kapitalismus – formuliert. Methodisch gesehen lassen sich in seiner Arbeit die theoretische Darstellung und die Kritik der Verhältnisse nicht separieren, sie sind immer schon eins, ident. In einem Brief an Ferdinand Lassalle schreibt Marx über seine KdpÖ: „Die Arbeit, um die es sich zunächst handelt, ist Kritik der ökonomischen Kategorien oder, if you like, das System der bürgerlichen Ökonomie kritisch dargestellt. Es ist zugleich Darstellung des Systems und durch die Darstellung Kritik desselben.“ (MEW 29, 550) Allein die adäquate Darstellung, die Dechiffrierung der wirklichen konstitutiven Strukturen und der Funktionsweise der fetischisierten kapitalistischen Verhältnisse in seiner Theorie drückt zugleich Kritik an diesen aus. Seine Vorstellung von Emanzipation kann 5 Seine Kritik ist also eine Doppelte: sowohl Kritik der kapitalistischen Macht‐ und Ausbeutungsverhältnisse an sich, als auch Kritik der diese sozialen Verhältnisse legitimierenden, missinterpretierenden bis verschleiernden zeitgenössischen Theorien‐ und Ideengebäude. 4 daher nur aus der Perspektive seines Verständnisses der tatsächlichen, realen Funktionsweise des Kapitalismus begriffen werden. Wie analysiert Marx nun den Kapitalismus? Marx sieht im Kapitalismus keine natürlich bedingte, sondern eine historisch‐gewachsene, durch menschliche Praxis gemachte Produktionsweise, ein historisch‐spezifisches politökonomisches System, welches sich grundlegend von vorangegangenen Gesellschaftsformationen unterscheidet. Sein theoretischer Anspruch besteht nun darin, den innigen, 6
logisch‐notwendigen Zusammenhang der ökonomischen Formen des Kapitalismus zu dechiffrieren. Seine Analyse ist methodisch betrachtet zugleich eine historische wie logische. Historisch ist sie, insoweit er den Kapitalismus als historisch‐spezifische Produktionsweise begreift, deren systemeigenen Funktionsweisen und Tendenzen somit nur eine beschränkte historische Gültigkeit beanspruchen, nämlich bezogen auf die kapitalistische Produktionsweise. Logisch ist seine Darstellung, als er die innige, die logische Verbundenheit der ökonomischen Kategorien des 7
Kapitalismus darstellt. Diese ökonomischen Formen wiederum können letztendlich nur in ihrem systematischen Zusammenspiel verstanden werden. Dementsprechend gestaltet sich auch sein Hauptwerk, das „Kapital“ (bzw. generell seine KdpÖ). Die Begriffe werden einzelnen entwickelt und bauen aufeinander auf; er entfaltet seine Darstellung hierbei Schritt für Schritt und legt die kapitalistischen Kategorien in ihrem logisch‐systemischen Zusammenhang dar. Sie alle können weder aus sich heraus noch für sich alleine verstanden werden, sondern nur in ihrem Zusammenspiel mit den anderen ökonomischen Formen. Seine Kritikperspektive ist letztlich eine ganzheitliche, eine systemische, keine partielle. Ein kurzer, skizzenhafter Auszug: Marx beginnt seine Analyse bei der Ware als jener ökonomischen Kategorie, welche den Reichtum kapitalistischer Gesellschaften ausmacht. Die Ware repräsentiert sowohl Gebrauchs‐ und Tauschwert (als Ausdruck des Werts), ersterer das Ergebnis konkreter Arbeit, letzterer von abstrakter Arbeit. Um unterschiedliche Waren im Tausch aufeinander beziehen zu können, benötigt es notwendigerweise ein allgemeines Äquivalent, das Geld. Der Wert einer Ware in Geldeinheiten findet seinen Ausdruck im Kapitalismus im Preis. Aber erst im notwendig geldvermittelnden Tausch zeigt sich, wieviel Wert einer Ware letztlich zukommt. Bisher bewegt sich Marx analytisch auf der Oberfläche der einfachen Zirkulation (W‐G‐W), der Ebene der Zirkulation von 6 Hierbei geht Marx relativ abstrakt vor und sieht von historischen, nationalen und anderen Zufälligkeiten ab. Es geht ihm letztlich darum, „nur die innere Organisation der kapitalistischen Produktionsweise, sozusagen in ihrem idealen Durchschnitt“ (MEW 25, 839) darzustellen. 7 Eine lange Debatte in der Literatur dreht sich um die Frage, ob die Marxsche KdpÖ einer historischen oder logischen Darstellung entspricht, ob also Marx seine Kategorien in Anlehnung ihrer historischen Entstehung reiht und aufeinander bezieht, oder aufgrund ihrer inneren, logischen Verbundenheit entwickelt (vgl. Kittsteiner 1977). Während im traditionellen Marxismus die historische Lesart dominant war und ist, wurde diese die letzten Jahrzehnte Schritt für Schritt zurückgedrängt und teils durch die logische Lesart abgelöst. Dieser Aspekt wird aber nach wie vor kontrovers diskutiert. 5 8
Ware und Geld, „ein wahres Eden der angeborenen Menschenrechte.“ (MEW 23, 189) Diese ist für sich jedoch weder bestandsfähig, noch können die kapitalistischen Verhältnisse adäquat aus ihr heraus begriffen werden. Um der Ungleichheit und Unfreiheit auf die Spur zu kommen und das Wesen und die Wurzel kapitalistischer Ausbeutung begreifbar zu machen, ist eine Hinzuziehung der Sphäre der Produktion vonnöten. Erst wenn diese beiden Sphären zusammengedacht und in ihrem Zusammenspiel analysiert werden, kann das „kapitalistische“ am Kapitalismus adäquat gefasst und verstanden werden. Nun kann Marx, auf Basis der Hinzuziehung der Produktionssphäre, die Analyse der Kapitalbewegung (G‐W‐G‘) vorantreiben und mit Hilfe der ökonomischen Kategorie des Mehrwerts die kapitalistische Ausbeutung lokalisieren, als Ausdruck kapitalistischer Klassenverhältnisse, des Kapitalverhältnisses, des Gegensatzes von Arbeit und Kapital. Hier macht Marx aber nicht Halt, sondern er bindet weitere ökonomische Formen (wie Zins, Profit, Rente etc.) auf sein bisheriges Kategoriensystem zurück, welches ansonsten nur unvollständig, partiell und verkürzt wäre. Die essentielle Erkenntnis der Marxschen Ökonomiekritik besteht aus einer emanzipatorischen Perspektive nun darin, dass der Kapitalismus als System zu begreifen ist, deren einzelne Elemente notwendigerweise miteinander in einem logischen Zusammenhang stehen. Daraus ergibt sich als Konsequenz, dass soziale Emanzipation in einem umfassenden, ganzheitlich‐systemischen Sinne zu verstehen ist. Emanzipation hat auf die Veränderung des ökonomischen Systems als Ganzes abzuzielen. Es reicht nicht, einfach an ein paar Stellschrauben zu drehen bzw. dieses oder jenes soziale Verhältnis zu modifizieren. Dies greift aus der Perspektive von Marx zu kurz, da die einzelnen ökonomischen Formen ineinander greifen, sich gegenseitig bedingen, in logischer Abhängigkeit zueinander stehen. Darin sieht Marx nicht nur die reale Möglichkeit, sondern sogar die Notwendigkeit 9
des Scheiterns isolierter Maßnahmen begründet. Er wendet sich gegen kapitalismusimmanente 10
Reformen des Geldsystems (siehe unten) oder die Vorstellung eines Distributionssozialismus , also der Vorstellung, dass die grundlegenden ökonomischen Formen der Produktion für eine befreite Gesellschaft bereits gegeben sind und es nur einer besseren Verteilung der Einkommen bzw. produzierten Güter bedarf. Es geht ihm nicht nur um die sozialistische Auslegung des Wertgesetzes, 8 Marx schreibt weiter: „Was allein hier herrscht, ist Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham.“ (MEW 23, 189) 9 Gemäß der Lesart von Ingo Elbe, eines Vertreters der „neuen Marx‐Lektüre“, besteht die Intention der Marxschen Ökonomiekritik wesentlich darin, „die Unmöglichkeit zu zeigen, einzelne ökonomische oder politische Strukturen in emanzipatorischer Absicht gegen den Gesamtzusammenhang des Systems geltend machen zu können.“ (Elbe 2008, 94) 10 Marx in seiner Kritik des Gothaer Programms: „Der Vulgärsozialismus … hat es von den bürgerlichen Ökonomen überkommen, die Distribution als von der Produktionsweise unabhängig zu betrachten und zu behandeln, daher den Sozialismus als hauptsächlich um die Distribution sich drehend darzustellen.“ (MEW 19, 22) 6 sondern um dessen Überwindung. Soziale Emanzipation bedingt für ihn die Überwindung der Waren‐ und Wertförmigkeit der Arbeitsprodukte in unserer Gesellschaft (vgl. Grigat 1997). Seine ökonomietheoretische Konzeption von Emanzipation ist einerseits relativ klar, insofern er die Dinge analysiert und benennt, welche konstitutiv für den Kapitalismus sind – und welche es somit zu transformieren gilt. Andererseits bleibt er zugleich unkonkret im utopischen Sinne. Denn Marx ist ein 11
Antiutopist. Er zeichnet keine utopischen Gesellschaften und deren konkretes Funktionieren nach. Er verfällt, im Gegensatz zu den utopischen Sozialist_innen seiner Ära, nicht in die Gesellschaftstüftelei. Der von Marx vorgestellte „Verein freier Menschen“ (MEW 23, 92), das „Reich der Freiheit“ (MEW 25, 828) als Ziel der individuellen und gesellschaftlichen Emanzipation des Menschen, lässt sich für ihn letztlich nicht auf dem Reißbrett entwerfen. Wie das Reich der Freiheit nun konkret ausgestaltet ist, wie darin Arbeit, Re‐/Produktion, Verteilung und Konsum organisiert werden, kann im Hier und Jetzt nicht vorgezeichnet und bestimmt werden. Es lässt sich heute höchstens identifizieren, welche für die kapitalistische Produktionsweise konstitutiven Elemente in 12
der befreiten Gesellschaft nicht existieren würden. Doch das ist nicht wenig, da „das Falsche, einmal bestimmt erkannt und präzisiert, bereits Index des Richtigen, Besseren ist“ (Adorno zit. n. Grigat 1997). Insofern können aus einer Marxschen Perspektive utopische Konzepte und konkrete emanzipatorische Praxen hinsichtlich ihrer strukturellen Verhaftetseins in die kapitalistische Vergesellschaftung sowie hinsichtlich ihres kapitalismustranszendierenden emanzipatorischen Potentials abgeklopft werden. Was aber nun anstatt der kapitalistischen Verhältnisse kommen soll, wie die konkreten Funktionsweisen einer befreiten Gesellschaft sich ausgestalten, in welcher gilt: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ (MEW 19, 21), das bleibt ein Prozess der selbstbestimmten, zwischenmenschlichen Aushandlung und Resultat selbstermächtigender, experimenteller Praxis. 3. Emanzipationsbestrebungen bei Pierre‐Joseph Proudhon Pierre‐Joseph Proudhon (1809‐1865), der zeitgleich zu Marx gelebt und publiziert hat, hat ebenso wie sein deutscher Gegenspieler ein Projekt der „Kritik der politischen Ökonomie“ verfolgt (Rakowitz 2000, 57), eine Kritik nicht nur an der vorherrschenden Lehre der Politischen Ökonomie, sondern zugleich an dem von ihm vorgefundenen gesellschaftlichen System, dem Kapitalismus. Zwar hat sich 11 Karl Marx im ersten Band des „Kapitals“ Giammaria Ortes zustimmend zitierend: „Statt unnütze Systeme für das Glück der Völker aufzustellen, will ich mich darauf beschränken, die Gründe ihres Unglücks zu untersuchen.“ (MEW 23, 675, Fn 89) 12 So kann gemäß Herbert Marcuse die Kritische Theorie „durchaus identifizieren, was nicht, zu einer freien und vernünftigen Gesellschaft führt, was die Möglichkeiten ihrer Herbeiführung verhindert oder verzerrt“ (zit. n. Elbe 2008, 123, Fn 133). 7 zu Beginn ihrer Bekanntschaft der junge Marx in der „Heiligen Familie“ von 1844 noch – mit Abstrichen – positiv auf Proudhon und dessen erste „Eigentumsschrift“ aus dem Jahr 1840 (Proudhon 13
1971[1840]) geäußert , was jedoch relativ rasch kippen sollte. 1847 erschien mit dem „Elend der Philosophie“ eine Monographie Marxens (Marx 1971[1847]), in welcher er mit der Philosophie Proudhons grundlegend abrechnet. Zeitlebens sollte sich dieses kritische Verhältnis nicht mehr wenden; vielmehr diente Marx die Proudhonsche Theorie in seinen weiteren Schriften oftmals als Kritikfolie und zur Untermauerung seiner eigenen ökonomiekritischen Aussagen. Marx versteht seine KdpÖ somit nicht nur als eine Kritik der zeitgenössischen Theorien der bürgerlichen Ökonomie einerseits und der kapitalistischen Form der Vergesellschaftung andererseits, sondern auch als 14
Widerlegung des Proudhonismus und seiner theoretischen Ansichten und Praxen. Proudhon, welcher ärmlichen Verhältnissen entstammte, lag zeitlebens das Wohl und die Besserstellung der arbeitenden Klasse am Herzen. In seinen „Bekenntnissen“ hält Proudhon fest: „Ich gehöre zur Partei der Arbeit gegenüber der Partei des Kapitals; und ich habe mein ganzes Leben gearbeitet.“ (Proudhon 1923[1849], 386) Mit Hilfe der Wissenschaft möchte er der sozialen Emanzipation der arbeitenden Klasse ihren Weg bereiten. Er möchte der Gleichheit und Gerechtigkeit zum gesellschaftlichen Durchbruch verhelfen durch die Abschaffung aller gesellschaftlichen Privilegien, aller Ausbeutungs‐ und Herrschaftsverhältnisse: „Keine Regierung des Menschen durch den Menschen mehr, vermittelst der Anhäufung der Gewalten! Keine Ausbeutung der Menschen durch den Menschen mehr, vermittelst der Anhäufung der Kapitalien.“ (ebd., 388) Proudhon gilt 15
heute vielen als Vertreter eines antimarxistischen Sozialismus. Was hat nun Proudhon am Kapitalismus kritisiert und warum? Was sind in Kontrast dazu seine emanzipatorischen Ansinnen aus ökonomischer Perspektive? Im Zentrum der emanzipatorischen Anstrengungen Proudhons steht die Errichtung einer „gerechten Gesellschaft“, ein „Reich der Gerechtigkeit“ (Krier 2010b, 70; Proudhon 1971[1840], 43), charakterisiert durch die Realisierung von 13 So preist er die Schrift Proudhons als „ein wissenschaftliches Manifest des französischen Proletariats“ (MEW 2, 43), welche jedoch noch „in den Voraussetzungen der Nationalökonomie befangen [bleibe], in den bürgerlichen Kategorien, anstatt diese allesamt einer rücksichtslosen Kritik zu unterziehen.“ (ebd., 44) 14 Marx schreibt in einem Brief von 1867 an Weydemeyer, dass mit dem Erscheinen des ersten Bandes des „Kapitals" der „Proudhonismus in der Wurzel vernichtet ist“ (MEW 29, 463). 15 Proudhon selbst war seinerzeit nicht nur ein Kritiker der Wissenschaft der politischen Ökonomie (in dieser sah er eine Verteidigerin des gesellschaftlichen Status quo), sondern auch ein leidenschaftlicher Kritiker der Sozialist_innen und Kommunist_innen seiner Zeit (Owen, Fourier, Saint‐Simon, Blanc etc.), deren Staatszentrismus ihm ein Dorn im Auge ist. Rückblickend wird Proudhon dennoch oft dem Lager des utopischen Sozialismus zugeordnet, was seiner späteren Hinwendung zur utopischen Gesellschaftstüftelei geschuldet ist (Rakowitz 2000, 54). 8 16
„kommutativer Gerechtigkeit“ (Krier 2010a, 182) . Diese ihm vorschwebende, auf dem Prinzip der Gerechtigkeit gründende Gesellschaft, ist hierbei innig verknüpft mit den bürgerlichen Idealen der Gleichheit und der Freiheit. Der Kapitalismus seiner Zeit hingegen ist ungerecht, durch Privilegien geprägt, welche in Ungleichheit und Knechtschaft ihren negativen Ausdruck finden. Ein gerechter und daher emanzipatorischer Akt sei folglich die Abschaffung dieser Privilegien (vgl. Beyer 2012, 22ff). 17
Kapitalistische Ausbeutung als zirkuläres Phänomen Die kapitalistische Gesellschaft ist für Proudhon eine durch Klassen strukturierte Gesellschaft, denen unterschiedliche Privilegien und Möglichkeiten zukommen. Sie ist somit keine egalitäre und gerechte, sondern eine hierarchische und ausbeuterische: auf der einen Seite die Klasse der Eigentümer_innen respektive Kapitalist_innen, auf der anderen Seite die Masse der Arbeitenden. Wie erklärt Proudhon nun „die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ (Proudhon 2003[1846], 460)? Proudhon liegt hierbei die Vorstellung des Kapitalismus als „einfache Warenproduktion“ (MEW 25, 20) zugrunde. Er konzipiert die Arbeitenden, ganz kleinbürgerlicher Protagonist seiner Zeit, als individuelle Privatproduzent_innen, welche auf Basis ihrer Produktionsmittel und ihres Arbeitsvermögens individuell Arbeitsprodukte erstellen, deren Neuwert die im Produktionsakt konsumierten Werte übersteigt (W‘ > W). Jede_r Produzent_in erzeugt einen individuellen Überschuss (∆W), wobei dieser jedoch nicht vollständig dem_r Produzent_in zufällt, was bestimmten Mechanismen auf der Ebene des Tausches, der Zirkulation geschuldet ist (vgl. Beyer 2012, 45f). Der Tauschakt, sofern nicht Produkt gegen Produkt zeitgleich getauscht wird, erzeugt eine zeitliche Asymmetrie, wobei „in diesem Zeitraume wunderliche Dinge vor [sich gehen]“ (Proudhon 1851, 275). Denn im Tauschakt wird meist notwendigerweise auf eine vermittelnde Ware zurückgegriffen, das Geld, welches als allgemeines Äquivalent dient und für Proudhon durch die edlen Metallen repräsentiert wird (Geldware). Der Tauschakt ist in Wirklichkeit ein durch Geld vermittelter Kauf‐ und Verkaufsakt. Da nun aber die Geldware knapp ist, muss es sich von Seiten der kaufenden Partei oftmals entweder bei der Bank geborgt, ein Kredit bei dieser zum Zwecke der Bezahlung im Kaufakt aufgenommen werden, oder beide Seiten vereinbaren einen Kauf auf Kredit (vgl. Beyer 2012, 50f). Es entsteht ein Verhältnis zwischen Gläubiger_in und Schuldner_in. In beiden Fällen ist infolge neben 16 Krier (2010a, 182) unterscheidet zwischen distributiver (staatsgelenkter) und kommutativer (individuell‐vertragsfixierter bzw. reziprok zwischen Individuen geregelter) Gerechtigkeit, wobei es Proudhon um die Realisierung letzterer gehe. 17 Es finden sich im Werk von Proudhon unterschiedliche, sich widersprechende Ansätze zur Erklärung kapitalistischer Ausbeutung (vgl. Beyer 2012). Ich stelle in diesem Beitrag nur eine Möglichkeit der Interpretation kapitalistischer Ausbeutung bei Proudhon dar. Es handelt sich hierbei um jene, welche der Theorie von Silvio Gesell sehr ähnlich ist, welcher sich bekanntlich sehr stark auf die Arbeiten von Proudhon berufen hat. 9 der Rückzahlung der ursprünglichen Summe auch ein Zins fällig. Die Ungleichzeitlichkeit im Tauschakt begründet somit den Zins, einen Ertrag für den_die Gläubiger_in (G‘ > G), welche_n Proudhon nun mit dem_der Kapitalist_in gleichsetzt. Die Einbehaltung des Zinses (oder einer Rente) sei letztlich eine vom Kapital „organisierte und legalisierte Beraubung der Arbeit“ (Proudhon 2003[1846], 201). Es handle sich bei diesen Einkommensformen um einen Ertrag, „der dem Kapitalisten gestatten, zu leben, ohne zu arbeiten.“ (Proudhon 1851, 146) Zins und Rente sind für Proudhon ein Instrument der kapitalistischen Ausbeutung, da sie einer Klasse an Rentiers den Bezug arbeitsloser Einkommen ermöglichen. Was ist die Konsequenz der Existenz arbeitsloser Einkommen? Wenn die individuellen Privatproduzent_innen nun ihre Arbeitsprodukte verkaufen, so tritt im Tauschakt auf der Ebene der Zirkulation das Geld und somit der Zins dazwischen, welche einen Teil des individuell produzierten Überschusses für die kapitalistische Klasse (Gläubiger_innen) abschöpfen. Als Konsequenz kann sich der_die Arbeiter_in mit dem im Tausch erhaltenen Lohn das selbst produzierte Produkt nicht vollständig zurückkaufen. Proudhons Vorstellung von Gerechtigkeit, von gesellschaftlicher Emanzipation der arbeitenden Klasse hingegen ist es, dass die Arbeiter_innen einen gerechten Lohn erhalten, mit dem sie ihr Arbeitsprodukt vollständig käuflich erwerben können, wozu es aber nötig ist, so die Konsequenz aus seiner Analyse, arbeitslose Einkommensformen abzuschaffen. Dies ist möglich durch bestimmte Einrichtungen bzw. Reformen auf der Ebene der Zirkulation. Ziel dieser Reformen ist, dass nun jede Arbeiterin und jeder Arbeiter genau das erhält, was er oder sie sich individuell erarbeitet haben. Individueller Wohlstand basiert letztlich einzig auf Arbeitseifer, Fleiß und Leistung. Die gerechte Gesellschaft ist gemäß der Vorstellungen Proudhons eine Leistungsgesellschaft par excellence. Wie soll zu diesem Zweck die Sphäre der Zirkulation reformiert werden? Reformierung der Zirkulationssphäre: Das Projekt der Tauschbank Proudhon schwebt als alternatives Modell ein „System der Verteilung nach gleichen Werten“ (Proudhon 2003[1846], 260) vor, anhand dessen die kapitalistische Ausbeutung abgeschafft, die „Knechtung des Zinses“ (ebd., 380) verunmöglicht und „kommutative Gerechtigkeit“ realisiert werden soll. Zu diesem Zweck setzt Proudhon an der Tauschebene, der Ebene der Zirkulation, an. Als wesentliches ökonomiepraktisches Instrument zur Reformierung der Zirkulation entwirft Proudhon 18
das Modell einer auf Gegenseitigkeit beruhenden Volks‐ bzw. Tauschbank. Auf Basis ihrer alternativen Funktionsweise soll die Gesellschaft von unten revolutioniert werden (Proudhon 18 Sein Konzept einer Tausch‐ oder Volksbank formuliert Proudhon im Zuge der Revolution von 1848 (Proudhon 1851[1848]; 1985[1849]). In weiterer Folge werde ich mich bei meiner Darstellung auf diese Schriften beziehen. 10 1923[1849], 204). Folgende Merkmale und Instrumente umfasst dieses emanzipatorische Modell von unten: 
Die Errichtung der Tauschbank meint die Etablierung einer Plattform im Sinne eines organisierten Marktplatzes. Alle am Projekt Partizipierenden verpflichten sich, dem Prinzip der Gegenseitigkeit folgend, ausnahmslos alle ihre Geschäfte (sofern möglich) über diese Plattform abzuwickeln. 
Die Einführung eines Arbeitsgeldes in Form einer Zirkulationsnote, welche als Tauschmittel dient und anhand welcher der Tausch von Äquivalenten organisiert wird. Gemeinsamer Wertmaßstab der Arbeitsprodukte ist die für ihre Herstellung durchschnittlich nötige Arbeitszeit. Dies ist die Basis für den Tausch von Gleichem, für den gerechten Tausch, da die Arbeitsprodukte nun kommensurabel sind. In der Vorstellung Proudhons werden hierdurch alle Arbeitsprodukte zu Geldäquivalenten. Den edlen Metallen werde ihr Privileg, als allgemeines Äquivalent für den Tausch zu fungieren, entzogen, indem alle anderen Güter auf die Stufe des Geldes gehoben werden. Die Zirkulation wird nun mit Hilfe der Zirkulationsnote bewerkstelligt. 
Die Vergabe von zinslosen Krediten durch die Tauschbank (als auch untereinander). Einzig eine kleine Aufwandsentschädigung für die anfallende Arbeit ist legitim. Durch diese Einrichtung kommt es zum Wegfall des Zinses und somit zum Verschwinden kapitalistischer 19
Ausbeutung. Zugleich werden die Arbeitsprodukte durch den Wegfall des Zinsaufschlages als Preisbestandteil günstiger, das allgemeine Preisniveau würde sinken. Mit Hilfe dieser Einrichtung soll gemäß Proudhons Vorstellung eine Umwälzung „der materiellen Basis der Gesellschaft“ (Proudhon 1923[1849], 273) erlangt und auf diesem Wege der Emanzipation der arbeitenden Klasse zum Durchbruch verholfen werden. Durch die Reorganisation der Zirkulation und des Kredites vermittels der Tauschbank und der damit einher gehenden Abschaffung der kapitalistischen Ausbeutung durch den Zins (und die Rente) würden die Menschen „die Arbeit emanzipieren und das Capital unterwerfen“ (Proudhon 1851[1848], 108). Anvisierte Konsequenz wäre die Auflösung aller ökonomischen Widersprüche und die Befriedung der Klassenverhältnisse. Die segensreichen Wirkungen dieser gerechten, einzig auf individueller Leistung beruhenden Gesellschaft, wären unter anderem der Wegfall von ökonomischen Krisen, eine Tendenz zur Vollbeschäftigung, die Ausbezahlung eines gerechten Lohnes, eine gleichförmigere Verteilung des Eigentums oder das Verschwinden der Geldhortung (aufgrund der Eliminierung des Zinses). Die 19 Proudhon schwebt hierbei auch der Wegfall der Grundrente vor. 11 gerechte Gesellschaft ist in ihrer Quintessenz eine Gesellschaft, welche auf dem Äquivalententausch, auf der einfachen Warenproduktion, auf individueller Privatproduktion von Kleineigentümer_innen gründet und welche letztlich einzig und allein auf dem gerechten Prinzip der Leistung basiert. In ihr ist das Leistungsprinzip verwirklicht. 4. Kritik von Marx an den Emanzipationsvorstellungen Proudhons Wie bisher gezeigt wurde, vertritt Proudhon eine fundamental andere Theorie kapitalistischer Ausbeutung als Marx. Während Marx kapitalistische Ausbeutung im Kapitalverhältnis begründet sieht, siedelt Proudhon eben jene im Verhältnis von Gläubiger_innen und Schuldner_innen, auf der Ebene der Zirkulation an. Emanzipation auf der ökonomischen Ebene könne für Proudhon nun auf Basis einer Reformierung der Zirkulationsebene, der Ebene des Tausches und des Geldes, erreicht werden. Andere bürgerliche Formen hingegen, wie etwa Wert‐ und Warenförmigkeit der Arbeitsprodukte, Konkurrenz, Eigentum etc., werden von Proudhon naturalisiert und affirmiert. In ihnen erblickt er grundlegende Pfeiler einer gerechten Gesellschaft, auf Basis derer nun das Wertgesetz bewusst zu organisieren sei. Marx setzt sich zeitlebens kritisch mit Proudhon (bzw. dem Proudhonismus) und dessen Ideen zur Reformierung der Zirkulation auseinander. In den „Grundrissen“ fragt er sich in seiner Auseinandersetzung mit dem Proudhonisten Alfred Darimon ganz explizit, inwieweit durch eine alternative Organisation der Zirkulation überhaupt „die bestehenden Produktionsverhältnisse und die ihnen entsprechenden Distributionsverhältnisse revolutioniert werden“ (MEW 42, 58) können. Inwieweit also die Sphäre der Zirkulation Ausgangspunkt einer emanzipatorischen Transformation der kapitalistischen Produktionsweise sein kann. Oder aber „[m]acht das bürgerliche Austauschsystem selbst nicht ein spezifisches Austauschinstrument nötig? Schafft es nicht notwendig ein besondres Äquivalent für alle Werte?“ (ebd., 62) In seiner KdpÖ versucht Marx genau dies im Zuge seiner Beschäftigung mit der Genese des Geldes als allgemeines Äquivalent zu klären. Für ihn bedarf eine auf Warenproduktion basierende Gesellschaft – was er im Zuge seiner Wertformanalyse darzulegen versucht (vgl. MEW 23, 62‐85) – notwendigerweise eines allgemeinen Äquivalents in Form des Geldes, sodass eine schlichte Reform des Geldwesens letztlich die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft nicht aufzuheben vermag. Insofern wird von Marx auch die Proudhonsche Vorstellung, anhand eines Arbeitsgeldes einfach alle Waren auf den Status eines allgemeinen Äquivalents zu heben, als in sich selbst widersprüchlich in 12 20
Frage gestellt. Marx aber kritisiert diese Vorstellungen nicht einfach nur als verkürzt, er hält diese „Illusionen der Zirkulationskünstler“ (ebd., 69) in einer waren‐ und wertförmig organisierten Gesellschaft als letztlich zum Scheitern verurteilt. Das Proudhonsche Arbeitsgeld würde in 21
ebensolcher unweigerlich wieder zur Herausbildung eines allgemeinen Äquivalents drängen. Es lasse sich ein Arbeitsgeld (im großen Maßstab) überhaupt nicht realisieren, ohne dass „[d]er Bankrott […] die Rolle der praktischen Kritik übernehmen“ würde (MEW 13, 68). Somit habe sich für Marx „gezeigt, daß dem Übel der bürgerlichen Gesellschaft nicht durch Bank‘verwandlungen‘ oder Gründung eines rationellen ‚Geldsystems‘ abzuhelfen ist.“ (MEW 42, 69) Diese Ansätze, mit ihrem Fokus auf der Ebene der Zirkulation, gehen letztlich dem Fetischismus, welcher den kapitalistischen 22
Verhältnissen anhaftet, auf den Leim. Die einzige Möglichkeit sozialer und ökonomischer Emanzipation sieht Marx in der Transformation der waren‐ und wertförmigen Vergesellschaftung als solche. Die Zirkulationssphäre existiert im Kapitalismus nicht losgelöst von der Produktionssphäre, ist nichts Eigenständiges. Der kapitalistische Produktionsprozess ist immer die „Einheit von Produktions‐ und Zirkulationsprozeß“ (MEW 25, 33). Die Sphären der Produktion und der Zirkulation weisen eine innige, logisch‐notwendige Beziehung auf. Es müsse aus emanzipatorischer Perspektive somit die bürgerlich‐kapitalistische Produktionsweise als Ganzes, in all seinen ökonomischen Kategorien adressiert werden. Es gehe nicht darum, die Zirkulation gegenüber der Produktion auszuspielen oder umgekehrt. Es gehe nicht nur um die sozialistische Organisation des Wertgesetzes, sondern um dessen emanzipatorische Überwindung. Die ökonomietheoretischen Ausführungen von Proudhon sind aus der Perspektive der Marxschen Ökonomiekritik nicht nur verkürzt und falsch. Sie bringen zudem allerlei problematische ideologische Züge hervor, wie beispielsweise die Verabscheuung von Bezieher_innen arbeitsloser Einkommen als 20 In seiner Schrift „Zur Kritik der politischen Ökonomie. Erstes Heft“ formuliert Marx dies so: „Die Produkte sollen als Waren produziert, aber nicht als Waren ausgetauscht werden. […] Einerseits macht die Gesellschaft in der Form der Bank die Individuen unabhängig von den Bedingungen des Privataustausches, und andererseits läßt sie dieselben fortproduzieren auf der Grundlage des Privataustausches.“ (MEW 13, 68) Und an anderer Stelle sich über diese Vorstellung lustig machend: „Laßt den Papst bestehn, aber macht jeden zum Papst. Schafft das Geld ab, indem ihr jede Ware zu Geld macht und mit den spezifischen Eigenschaften des Geldes verseht.“ (MEW 42, 62; vgl. auch MEW 23, 82f, Fn 24) 21 Siehe konkret die diesbezüglichen Ausführungen von Marx in den „Grundrissen“ (MEW 42, 74f). 22 Hervorhebenswert ist daher umso mehr, dass sich bei Marx in seiner politischen Schrift „Kritik des Gotaher Programms“ eine Stelle findet, worin er eine auf Arbeitsgeld basierende sozialistische Gesellschaft als Fortschritt gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft sieht und als brauchbare Vorstufe zum Kommunismus für denkbar hält (vgl. MEW 19ff). 13 Dieb_innen und Parasiten, oder die Verdammung des Zinses und der „Zinsknechtschaft“ als das 23
Grundübel der bürgerlichen Gesellschaft. 5. Was bleibt von der damaligen Kontroverse für heute? Die damalige (implizite) Debatte zwischen Proudhon und Marx über die Möglichkeiten und Grenzen der Emanzipation vermittels zirkulärer Reformen ist auch heute höchst interessant. Die im Zentrum stehende Frage, ob im Kapitalismus progressive Veränderung und menschliche Emanzipation auf Basis der Reformierung des Tausches, des Geldes, des Kredits möglich ist (Proudhon) oder unterkomplex und einseitig bleibt und (zwangsläufig) zum Scheitern verurteilt ist (Marx), ist auch in der Zeit eines enorme gesellschaftliche Verwerfungen bedingenden globalisierten und finanzialisierten Kapitalismus von brennender Aktualität. Reicht es zu Zwecken der progressiven und emanzipatorischen Einhegung (und Überwindung) des zeitgenössischen Kapitalismus, einzig die Ebene der Zirkulation zu adressieren, ohne aber die Waren‐ und Wertförmigkeit der bürgerlichen Gesellschaft als solche anzutasten, oder muss vielmehr die Gesellschaft als Ganzes, als Totalität in den Bick genommen und weitreichend transformiert werden, um die menschliche Emanzipation voranzutreiben? Auch für heutige theoretische Ansätze und Praxen (selbsternannter) progressiver und emanzipatorischer Provenienz ist die damals debattierte Fragestellung eine beachtenswerte. Denn viele dieser Theorien und Praxen weisen entweder (i) (un)mittelbare ideengeschichtliche Bezüge oder aber (ii) theoriestrukturelle Gemeinsamkeiten zu den ökonomietheoretischen und ‐
praktischen Konzeptionen von Proudhon auf. ad (i): Das theoretische Erbe Proudhons lebt unmittelbar wie vermittelt vor allem in den Theorien von 24
Silvio Gesell und der auf sich teils auf Gesell berufenden Geld‐ und Zins(eszins)kritiker_innen weiter. Gesell (u.a. 1920) bezieht sich in seiner theoretischen Konzeption einer natürlichen Wirtschaftsordnung sehr deutlich auf Theoreme von Proudhon. Gleich wie Proudhon, und hierbei Marx kritisierend, sieht Gesell Ausbeutung auf der Ebene des Tausches, auf der Ebene der Zirkulation angesiedelt. Ausgangspunkt allen kapitalistischen Übels sei das asymmetrische Verhältnis von Schuldner_innen und Gläubiger_innen. Insofern bedürfe es einer Reformierung der Zirkulationsebene. Im Gegensatz zu Proudhon aber hält Gesell nichts von Tauschbankkonzeptionen und Arbeitsgeld. Es seien nicht alle Waren auf die Ebene des Geldes als allgemeines Äquivalent zu 23 Für Moishe Postone gilt Proudhon aufgrund dieser Theoriestruktur als „geistiger Vorläufer des modernen Antisemitismus“ (Postone zit. n. Krier 2009, 186). Es ist wohl auch nicht überraschend, dass sich im Proudhonschen Werk allerlei expliziter Antisemitismus findet (vgl. Krier 2009, 179ff). 24 Dillard (1942) zeigt, inwieweit auch die Theorie von Keynes Ähnlichkeiten mit den theoretischen Überlegungen von Proudhon aufweist. Keynes dürfte aller Wahrscheinlichkeit die Arbeiten von Gesell nicht gekannt haben, jedoch jene von Gesell, wovon letztlich ein möglicher indirekter Einfluss herrührt. 14 heben. Umgekehrt: das Geld sei auf die Ebene der anderen Waren herabzuholen. Gleich dieser habe es zu rosten, beständig an Wert zu verlieren. Die Gesellsche Konzeption des Schwundgeldes basiert auf dieser Vorstellung. ad (ii): Gegenwärtig sind aber auch eine Reihe von Kritiken und alternativen Theorien und Konzepten sehr präsent, welche, obwohl sie keine ideengeschichtlichen Bezüge zu Proudhon und Gesell aufweisen, so doch zumindest theoriestrukturelle Übereinstimmungen erkennen lassen. Dies drückt sich vor allem darin aus, dass diese Ansätze wesentlich und in erster Linie konkret auf der Ebene der Zirkulation, auf der Ebene des Geldes und des Zinses, oder – allgemeiner – auf der Ebene der Finanzsphäre ansetzen. Sie glauben ähnlich zu Proudhon und Gesell, „that social problems have monetary/financial origins, and ergo could be resolved by tinkering with money and financial 25
institutions“. (Ivanova 2011, 211) Ein paar dieser an der Zirkulations‐ bzw. Finanzsphäre ansetzenden Perspektiven sollen infolge kurz skizziert werden. Hier ist aber mit zu bedenken, dass deren Ziele und somit deren Vorstellungen von progressiver und emanzipatorischer Veränderung der Gesellschaft in ihrer Reichweite differieren, die einen noch vieles affirmieren, was die anderen bereits kritisieren. Die Auflistung verläuft absteigend von den einfacheren zu den weitreichenderen Ansätzen, wobei sich die einzelnen Ansätze nicht gegenseitig ausschließen müssen. (a) Der Finanzsektor müsse ganz generell stabilisiert, gestutzt, rereguliert und refokussiert werden. Das Banken‐ und Kreditsystem habe in erster Linie und hautsächlich der „Realwirtschaft“ zu dienen. Erreicht werden soll dies u.a. durch die Einführung eines Trennbankensystems oder durch die massive Anhebung der Eigenkapitalerfordernisse der Banken (vgl. für letzteres Admati/Hellwig 2014). (b) Das System der Giralgeldschöpfung, das fraktionelle Reservesystem, ist zu reformieren. Die Geldschöpfung durch private Geschäftsbanken ist zu unterbinden, einzig der Staat solle die Befugnis hierfür haben (entweder in Form eines Vollgeldes oder eines 100%‐Geldes) (vgl. Huber 2010). (c) Das Zins(eszins)‐ bzw. Schuldgeldsystem ist abzuschaffen. Eine Vorstellung besteht in der Übernahme und Anwendung des Gesellschen Schwundgeldkonzeptes durch den Staat. Aber auch regionale, zivilgesellschaftliche Initiativen können hier etwas bewirken, indem sie regionalwirtschaftliche Komplementärwährungen einführen. Oder aber in Form der Etablierung von Tauschkreisen und Zeitbanken, welche ihre eigene Währung, eine auf alternativen Prinzipien basierende Tauscheinheit, einführen. Eine andere Konzeption plädiert für die Einführung eines Informationsgeldes (vgl. Hörmann/Pregetter 2011). 25 Wobei hiermit auch theoretische Ansätze in Anschluss an Keynes und Minsky gemeint sind. Ivanova (2011, 224) mit Blick auf die Marxsche Kritik an Proudhon: „The thrust of Marx’s critique of Proudhonism is applicable to all money artists in the Keynesian tradition.“ 15 (d) Diffuse Vorstellungen, dass das Geldsystem an sich abzuschaffen sei (vgl. die Inhalte der Zeitgeist‐
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Bewegung). Nun ist klar, dass es den erwähnten Vorstellungen (meist) nicht um die emanzipatorische Transformation des Kapitalismus bzw. der Marktwirtschaft im Marxschen Sinne geht, sondern oft lediglich um ein besseres, friktionsfreieres Funktionieren ebendieser. Nimmt eins hingegen die Marxsche Perspektive der Emanzipation ein, so geht hervor, dass diese unterschiedlichen Vorschläge unzureichend bleiben, da sie die Essenz kapitalistischer Ausbeutung und die Waren‐ und Wertförmigkeit unserer Gesellschaft nicht tangieren. Gleich wie Marx es bei Proudhon gemacht hat, muss es der Anspruch einer Kritischen Theorie sein, versuchen zu zeigen, inwieweit diese aktuellen, auf die Geld‐ und Finanzsphäre abzielenden Vorstellungen unzureichend und mangelhaft sind und die gegenwärtigen sozialen Probleme und Widersprüche (nicht dauerhaft) lösen bzw. befrieden werden können. Hierbei sollte es (a) aber nicht darum gehen, gewisse Maßnahmen und Praxen per se zurückzuweisen, denn aus kurz‐ und mittelfristiger Perspektive können diese sehr wohl Sinn machen, geht es ihnen doch darum, unmittelbares Leid zu lindern, akute soziale Probleme abzufedern oder vorübergehende ökonomische Stabilisierung zu erlangen. Sehr wohl aber ist es aus einer emanzipatorischen Perspektive ein Fehler, sich auf solchen Fortschritten und Errungenschaften auszuruhen und sich zurückzulehnen. Denn es ist keineswegs gesichert, dass diese Lösungen (auf Dauer) funktionieren, ökonomische Widersprüche permanent eingehegt und Forderungen/Strategien der ökonomischen Eliten ruhig gestellt und neutralisiert werden können. Wie die jüngere Geschichte gelehrt hat, stehen auch Rückschritte immer wieder an der Tagesordnung. Zudem gilt es sich (b) nicht nur bewusst zu machen, worin die Grenzen der jeweiligen Ansätze und Praxen bestehen. Denn auch viele im obigen Sinne beschränkte Praxen können z.B. auf der sozialen Ebene, der Ebene zwischenmenschlichen Kommunikation und der gruppalen Organisation und Selbstermächtigung, ein unmittelbares emanzipatorisches Gehalt in sich tragen, welches für eine grundlegende Transformation unverzichtbar ist. Dieses Potential gilt es zu reflektieren, anzuerkennen, zu bewahren und nutzbar zu machen. Klarerweise gelten diese Überlegungen nicht nur für jene Ansätze, welche – wie die obigen – in der Zirkulationssphäre angesiedelt sind. Im Hier und Jetzt existieren darüber hinaus eine Fülle weiterreichender – punktueller bis umfassenderer – theoretischer Konzeptionen und alternativer Praxen (von unterschiedlicher Radikalität), welche über den Fokus auf die Zirkulationssphäre hinausgehen. Zu nennen sind hier Vorstellungen einer Gemeinwohlökonomie, Degrowth‐Initiativen, Konzepte einer radikalen Arbeitszeitverkürzung, diverse genossenschaftliche Praxen, das bedingungslose Grundeinkommen, Forderungen nach Ernährungssouveränität, Ansätze einer 26 Siehe www.thezeitgeistmovement.com [letzter Zugriff: 24.09.2014]. 16 solidarischen Landwirtschaft, Haus‐ und Bodenbesetzungen, Boden‐ und Wohnraumfreikaufsinitiativen, eine Reihe von Demonetarisierung‐, umsonstökonomischer und 27
nichtkommerzieller Praxen, Commons und die commonsbasierte Peerproduktion usw. Es lohnt sich jedenfalls, sich diese Ansätze und Praxen genau anzusehen und mit Hilfe der Einsichten der Marxschen Ökonomiekritik hinsichtlich ihres etwaigen emanzipatorischen Potentials abzuklopfen; sich zu fragen, inwieweit diese mit den bürgerlichen Formen brechen und/oder emanzipatorische Momente aufweisen, welche über die gegenwärtige Gesellschaftsform hinausweisen, um daher zu bewahren und zu stärken sind. Literatur Admati, Anat; Hellwig, Martin (2013): Des Bankers neue Kleider. Was bei Banken wirklich schiefläuft und was sich ändern muss. Finanzbuchverlag, München. Beyer, Karl (2012): Illusionen eines Zirkulationskünstlers? Pierre‐Joseph Proudhon auf dem ökonomiekritischen Prüfstand. Diplomarbeit, Wirtschaftsuniversität Wien. Dillard, Dudley (1942): Keynes und Proudhon. In: The Journal for Economic History, 2(1), 63‐76. Elbe, Ingo (2001): Marx vs. Engels – Werttheorie und Sozialismuskonzeption. Online unter: http://www.rote‐ruhr‐uni.com/cms/Marx‐vs‐Engels‐Werttheorie‐und.html (letzter Zugriff: 25.09.2014). Elbe, Ingo (2008): Umwälzungsmomente der alten Gesellschaft. Revolutionstheorie und ihre Kritik bei Marx. In: Kettner, Fabian; Mentz, Paul (Hg.): Theorie als Kritik. ça ira‐Verlag, Freiburg, 93‐123. Gesell, Silvio (1920): Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freigeld und Freiland. Rehbrücke bei Berlin. Online unter: http://userpage.fu‐berlin.de/~roehrigw/gesell/nwo/ (letzter Zugriff: 25.09.2014). Grigat, Stephan (1997): Kritik und Utopie. Gesellschaftskritik am Ende des 20. Jahrhunderts und der Marxsche Kommunismus. In: Weg und Ziel, 4/1997. Online unter: http://www.cafecritique.priv.at/pdf/utopie.pdf (letzter Zugriff: 25.09.2014). Habermann, Friederike (2009): Halbinseln gegen den Strom: Anders leben und wirtschaften im Alltag. Ulrike Helmer Verlag, Königstein/Ts. Hörmann Franz; Pregetter Otmar (2011): Das Ende des Geldes. Wegweiser in eine ökosoziale Gesellschaft. Galila‐Verlag, Etsdorf am Kamp. Huber, Joseph (2010): Monetäre Modernisierung. Zur Zukunft der Geldordnung. Metropolis, Marburg. Ivanova, Maria N. (2011): Can ‚It‘ Happen Again: The Limits of Money Artistry. In: Critique, 39(2), 211‐232. Kittsteiner, Heinz‐Dieter (1997): „Logisch“ und „historisch“. Über Differenzen des Marxschen und des Engelsschen Systems der Wissenschaft (Engels‘ Rezension „Zur Kritik er politischen Ökonomie“). In: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 13(1), 1‐47. Krier, Frédéric (2009): Sozialismus für Kleinbürger: Pierre‐Joseph Proudhon. Wegbereiter des Dritten Reiches. Böhlau, Köln/Wien. Krier, Frédéric (2010a): Die Republik der Eigentümer. In: Devi Dumbadze / Ingo Elbe / Sven Ellmers (Hrsg.): Kritik der politischen Philosophie. Eigentum, Gesellschaftsvertrag, Staat II. Westfälisches Dampfboot, Münster, 172‐188. Krier, Frédéric (2010b): „Schreiben wir eine Phänomenologie des Wertes!“ Marx vs. Proudhon revisited. In: Helmut Lethen [Hrsg.]: Der sich selbst entfremdete und wiedergefundene Marx. Fink, München, 57‐71. Marx, Karl (1971[1847]): Das Elend der Philosophie. Antwort auf Proudhons „Philosophie des Elends“. 6. Auflage, Dietz Verlag, Berlin. 27 Für eine Fülle an Beispielen aus 10 unterschiedlichen Bereichen des alltäglichen Lebens von existierenden, eher kapitalismuskritischen Praxen siehe Habermann (2009). 17 Marx, Karl (1971): Über P.‐J. Proudhon. Brief an J. B. v. Schweitzer vom 24. Januar 1865. In: Das Elend der Philosophie. Antwort auf Proudhons „Philosophie des Elends“. 6. Auflage, Dietz, Berlin, 217‐226. MEW (1959ff): Marx‐Engels‐Werke. Dietz, Berlin/Ost. Proudhon, Pierre‐Joseph (1851): Kapital und Zins. Erörterungen zwischen Proudhon und Bastiat. Entstanden von Oktober 1849 bis Februar 1850. In: Proudhon’s ausgewählte Schriften. Dritter Band. Arnoldische Buchhandlung, Leipzig, 111‐341. Proudhon, Pierre‐Joseph (1851[1848]): Organisation des Kredits und der Cirkulation und Lösung der sozialen Frage. In: Proudhon’s ausgewählte Schriften. Dritter Band. Arnoldische Buchhandlung, Leipzig, 63‐109. Proudhon, Pierre‐Joseph (1923[1849]): Bekenntnisse eines Revolutionärs. Herausgegeben von Gottfried Salomon, Laub, Berlin. Proudhon, Pierre‐Joseph (1971[1840]): Was ist das Eigentum? Erste Denkschrift, Verlag für Sammler, Graz. Proudhon, Pierre‐Joseph (1985[1849]): Die Volksbank. 2. Auflage, Monte Verita, Wien. Proudhon, Pierre‐Joseph (2003[1846]): System der ökonomischen Widersprüche oder: Philosophie des Elends. Herausgegeben von Lutz Roemheld und Gerhard Senft, Kramer, Berlin. Rakowitz, Nadja (2000): Einfache Warenproduktion. Ideal und Ideologie. ça ira‐Verlag, Freiburg. Schmied‐Kowarzik, Wolfdietrich (1999): Marx ‐ Der Philosoph der menschlichen Emanzipation. Rehabilitation eines verkannten Denkers. In: Derselbe: Denken aus geschichtlicher Verantwortung. Wegbahnungen zur praktischen Philosophie. Königshausen & Neumann, Würzburg, 110‐125.