Prognose der österreichischen Wirtschaft 2015 – 2016

Wien, am 12. März 20 15
Prognose der österreichischen Wirtschaft
2015 – 2016
Schleppende Konjunkturerholung in Österreich
Sp er r fr i st : M o n t a g, 1 6. M är z 20 1 5, 1 1: 00 Uh r
Niedrige Ölpreise und der schwächere Euro stützen die europäische Konjunktur. Vor
diesem Hintergrund sollte auch die österreichische Wirtschaft die langandauernde
Stagnationsphase überwinden. Nach einem BIP-Wachstum von 0.3 % im Vorjahr geht
das Institut daher weiterhin von einer leichten Wachstumsbeschleunigung auf 0.8 % in
diesem Jahr aus. 2016 sollte das BIP-Wachstum 1.6 % betragen. Der Rückgang der
Inflation stärkt die Kaufkraft und führt zu einer Konsumbelebung. Die Arbeitslosenquote bleibt mit knapp 9 % im Prognosezeitraum sehr hoch.
Im Vorjahr hat die österreichische Wirtschaft mit einem Wachstum von 0.3 % annähernd stagniert.
Damit blieb die BIP-Steigerung in Österreich um rund ½ Prozentpunkt hinter der im Euroraum zurück. Besonders schwach entwickeln sich seit zwei Jahren der private Konsum und die Investitionstätigkeit. Die Exporte haben dagegen in den letzten Monaten wieder etwas angezogen. Enttäuschend verlief die Wachstumsdynamik insbesondere im zweiten Halbjahr 2014. Im Schlussquartal
stagnierte die Wirtschaft gegenüber dem Vorquartal und verzeichnete einen leichten Rückgang
gegenüber dem Vorjahresquartal (-0.2 %). Die Stimmungsindikatoren deuten weiterhin nicht auf
einen merklichen Aufschwung hin. Allerdings schlägt sich der im Jahresvergleich deutlich gefallene
Ölpreis in sinkenden Inflationsraten nieder und stärkt somit die Kaufkraft. Von der Konjunkturbeschleunigung im Euroraum werden ebenfalls positive Impulse ausgehen. Im heurigen Jahr sollte die
österreichische Wirtschaft damit um 0.8 % zulegen können. Nächstes Jahr wird die Wirtschaftsleistung mit 1.6 % wohl etwas schneller zunehmen und damit dem Potenzialwachstum entsprechen.
Die vorliegende Prognose berücksichtigt keine Steuerreform, da deren Ausgestaltung noch nicht
bekannt ist.
Die Erholung der Weltkonjunktur blieb im Vorjahr sehr verhalten und verlief regional unterschiedlich. So verzeichneten die USA und Großbritannien ein relativ kräftiges Wachstum, in Japan stagnierte die Wirtschaftsleistung hingegen. Auch in den Schwellenländern entwickelte sich die Konjunktur wenig dynamisch. Nach der langen Rezessionsphase hat die Wirtschaft des Euroraums im Vorjahr um 0.9 % zugelegt. Deutschland verzeichnete dabei ein Wachstum von 1.6 %. Die Wirtschaftslage in Südeuropa hat sich stabilisiert. Im Schlussquartal des Vorjahres stieg die Wirtschaftsleistung
im Euroraum um 0.3 % gegenüber dem Vorquartal, nach 0.2 % im dritten Quartal. Unterstützend
wirkten der Rückgang der Ölpreise und der schwächere Euro-Dollar-Wechselkurs. Die Vorlaufindikatoren deuten auf eine weitere Belebung hin, aber noch auf keinen starken Aufschwung. Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank bleibt expansiv. Das Institut geht davon aus, dass sich die
internationale Konjunktur im Laufe des Jahres 2015 weiter festigt und auf einen moderaten Wachstumskurs einschwenkt. Das Institut erwartet somit folgendes internationales Konjunkturbild. Die
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Presseinform ation: 16. M ärz 2015
US-Wirtschaft wird um 2.9 % bzw. 2.8 % zulegen. Für den Euroraum werden Wachstumsraten von
1.2 % bzw. 1.5 % erwartet. In den OECD-Staaten sollte die Wirtschaftsleistung um 2.3 % bzw.
2.5 % steigen. Die Konjunkturentwicklung in den Schwellenländern wird im historischen Vergleich
wenig dynamisch ausfallen, Russland befindet sich in einer Rezession.
Die Prognoserisiken sind weiterhin hoch. Große Risiken gehen von den geopolitischen Spannungen
(Ukraine, Syrien, Irak) aus, welche die Unsicherheit der Wirtschaftsakteure erhöhen. Eine Verschärfung der Ukraine-Russland-Krise würde den Welthandel spürbar verlangsamen und könnte darüber
hinaus das Unternehmervertrauen verringern und damit die Investitionstätigkeit beeinträchtigen.
Die geopolitischen Spannungen könnten auch zu einem Anstieg der internationalen Energiepreise
führen. Politische Diskussionen über die Zahlungsfähigkeit von Hochschuldenländern im Euroraum
könnten zu einem neuerlichen Schock auf den Finanzmärkten führen, dieses Risiko wird aber momentan als eher gering eingeschätzt. Die expansive Geldpolitik der EZB könnte mittelfristig zu Blasen auf den Aktien- und Immobilienmärkten führen. Der Ausstieg der US-Notenbank aus der Niedrigzinspolitik könnte Verwerfungen auf den internationalen Devisen- und Finanzmärkten auslösen,
insbesondere wenn er sehr rasch erfolgt. Im Hinblick auf die österreichische Wirtschaftsentwicklung
besteht zudem ein gewisses Risiko, dass die Stimmung, insbesondere bei den Unternehmen, weiterhin trüb bleibt und damit selbst bei einem verbesserten internationalen Konjunkturklima wenig
investiert wird. Dem gegenüber stehen aber auch Aufwärtsrisiken. Die Abwertung des Euro erhöht
die preisliche Wettbewerbsfähigkeit des Euroraums und könnte über eine Stimmungsverbesserung
zu höheren Investitionen führen. Die fallenden Energiepreise stärken die reale Kaufkraft der Konsumenten und könnten ein noch stärkeres Anziehen der Konsumausgaben auslösen.
Der private Konsum in Österreich hat in den letzten beiden Jahren, insbesondere aufgrund der
schwachen Entwicklung der Realeinkommen, stagniert. Im heurigen Jahr sollte der deutliche Rückgang der Inflation die Kaufkraft stärken. Die Konsumnachfrage der privaten Haushalte dürfte daher
im heurigen Jahr um 0.8 % zulegen. Für nächstes Jahr wird ein ähnlicher Zuwachs (0.9 %) erwartet. Die Sparquote wird dabei annähernd konstant bleiben.
Das geringe Unternehmervertrauen und die Unsicherheit bezüglich der weiteren Wirtschaftsentwicklung drücken auf die Investitionsnachfrage. Für das heurige Jahr wird ein Wachstum der Bruttoanlageinvestitionen um 1.0 % erwartet. Mit der Stabilisierung der internationalen Konjunktur sollte die
Investitionsnachfrage im nächsten Jahr wieder etwas kräftiger anziehen (2.7 %). Unterstützend
wirken die günstigen Finanzierungskonditionen und der steigende Bedarf an Ersatzinvestitionen. Mit
einem Wachstum von 1.3 % bzw. 3.5 % übertreffen die Ausrüstungsinvestitionen die Ausweitung
der Bauten (0.8 % bzw. 1.8 %).
Mit dem Anziehen der internationalen Konjunktur sollte sich die österreichische Exportwirtschaft
wieder beleben. Zudem verbessert die Abwertung des Euro die preisliche Wettbewerbsfähigkeit.
Nach einem Wachstum von 1.7 % im Vorjahr werden die realen Warenexporte laut Prognose heuer
und im nächsten Jahr um 3.5 % bzw. 5.5 % zulegen. Die Gesamtexporte laut VGR sollten um
3.4 % bzw. 5.1 % steigen. Mit der höheren Exportdynamik und der verbesserten Binnennachfrage
zieht auch die Importtätigkeit wieder an. Für die Gesamtimporte werden Wachstumsraten von
3.8 % bzw. 5.0 % erwartet. Von den Nettoexporten geht somit kein signifikanter Wachstumsbeitrag
aus.
Im Jahresdurchschnitt 2014 betrug die Inflationsrate (VPI) in Österreich 1.7 %. Damit lag der heimische Preisauftrieb deutlich über dem im Euroraum. Dies geht einerseits auf notwendige Preisanpassungsprozesse in den peripheren Regionen des Euroraums zurück, reflektiert aber auch stärker
steigende Nahrungsmittel- und insbesondere Dienstleistungspreise in Österreich. Seit November des
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Presseinform ation: 16. M ärz 2015
Vorjahres ist die Inflationsrate aber deutlich gesunken. Der Rückgang geht primär auf die stark
gefallenen Energiepreise zurück. Das Institut erwartet auch für die kommenden Monate einen geringen Preisauftrieb und nimmt daher seine Inflationsprognose auf 1.2 % zurück. Mit dem Wegfall
des Basiseffekts bei den Energiepreisen sollte die Inflation ab Jahresende wieder merklich anziehen,
sodass für den Jahresdurchschnitt 2016 von einer Preissteigerungsrate von 1.8 % ausgegangen
wird. Diese Prognose impliziert immer noch ein deutliches Inflationsdifferenzial zum Euroraum.
Im Vorjahr ist die Arbeitslosenquote (nationale Definition) in Österreich auf einen historischen
Höchststand von 8.4 % geklettert. Die leicht steigende Beschäftigungsnachfrage reicht nicht aus,
um das weiter zunehmende Arbeitskräfteangebot völlig zu absorbieren. Folglich wird für den Jahresdurchschnitt 2015 eine Arbeitslosenquote von 8.9 % erwartet. Rund 0.2 Prozentpunkte des Anstiegs sind auf rein statistische Effekte zurückzuführen (die fallende Zahl der Schulungsteilnehmer
resultiert aus Änderungen bei der Struktur der aktiven Arbeitsmarktpolitik). Das Anziehen der Konjunktur sollte dazu führen, dass 2016 die Arbeitslosigkeit nicht mehr steigt. Die Arbeitslosenquote
laut Eurostat-Definition wird laut Prognose in beiden Jahren 5.3 % betragen.
Die Lage der öffentlichen Haushalte wird von der Konsolidierung, der schwachen Konjunktur und
den Unsicherheiten bei der Abwicklung der Hypo Alpe Adria Bank (Heta) geprägt. Für die Jahre
2015 und 2016 erwartet das Institut ein Defizit von 2.1 % bzw. 1.8 % des BIP. Aufgrund der unsicheren Konjunkturlage und allfälliger notwendiger zusätzlicher Mittel für die Banken bestehen aber
beträchtliche Prognoserisiken. Das Institut geht von einem strikten Budgetvollzug zur Einhaltung
des anvisierten Konsolidierungspfades aus. Unterstützend wirken gegenwärtig die niedrigen Finanzierungskosten. Nachdem bei der Prognoseerstellung keine Informationen über die Ausgestaltung
der Steuerreform vorlagen, konnte diese nicht berücksichtigt werden. Selbst ohne Steuerreform
würde das Ziel eines strukturellen Null-Defizits im Jahr 2016 eine weitere Absenkung des Defizits
um gut ½ Prozentpunkt erfordern. Die Entlastung des Faktors Arbeit im Rahmen einer Steuerreform ist notwendig. Es braucht aber einen budgetären Spielraum zur Finanzierung einer merklichen
Senkung der gesamtwirtschaftlichen Steuerquote. Weiters sind mittelfristig Anstrengungen zur Reduktion der Schuldenquote unbedingt notwendig. Eine tragfähige Konsolidierung darf auch die langfristigen Wachstumsaussichten nicht schwächen. Kürzungen bei produktiven staatlichen Investitionsausgaben (etwa für Bildung, Forschung und Entwicklung, Innovationsförderung) müssen daher
vermieden werden. Vielmehr sind Reformen im Bereich der konsumtiven Staatsausgaben (Verwaltung, Pensionen, Subventionen) und eine anreizkompatiblere Ausgestaltung des Finanzausgleichs
angezeigt.
Rückfragehinweis:
Institut für Höhere Studien (IHS), Stumpergasse 56, 1060 Wien
Fax: 01/59991-162 — http://www.ihs.ac.at — ZVR-Zahl: 06620797
Dr. Helmut Hofer, helmut.hofer@ihs.ac.at, Tel.: 01/59991-251
Priv.-Doz. Dr. Klaus Weyerstraß, klaus.weyerstrass@ihs.ac.at, Tel.: 01/59991-233
Mag. Barbara Herbst (Public Relations), barbara.herbst@ihs.ac.at, Tel.: 01/59991-122
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Presseinform ation: 16. M ärz 2015
Wichtige Prognoseergebnisse
Veränderungen gegenüber dem Vorjahr in Prozent
2014
2015
2016
Bruttoinlandsprodukt, real
0.3
0.8
1.6
Privater Konsum, real
0.2
0.9
0.9
Bruttoinvestitionen insgesamt, real
Bruttoanlageinvestitionen, real
0.1
0.5
1.3
1.0
3.3
2.7
Ausrüstungsinvestitionen, real
Bauinvestitionen, real
0.5
0.4
1.3
0.8
3.5
1.8
0.7
0.9
1.4
Inlandsnachfrage, real
Exporte i.w.S., real
1.5
3.4
5.1
Waren, real (laut VGR)
Reiseverkehr, real (laut VGR)
1.7
-1.4
3.5
0.5
5.5
1.0
Importe i.w.S., real
Waren, real (laut VGR)
Reiseverkehr, real (laut VGR)
2.4
2.0
2.5
3.8
3.7
1.3
5.0
5.3
1.3
Unselbständig Aktiv-Beschäftigte
0.7
0.8
1.1
Arbeitslosenquote: Nationale Definition*)
8.4
8.9
8.9
Arbeitslosenquote: Eurostat-Definition*)
5.0
5.3
5.3
Bruttolohnsumme pro Aktiv-Beschäftigten
1.8
1.8
2.0
Preisindex des BIP
1.7
1.2
1.7
Verbraucherpreisindex
1.7
1.2
1.8
3-Monats-Euribor*)
0.2
0.1
0.1
10-Jahres-BM-Rendite öst. Staatsanleihen*)
1.5
0.6
0.9
Quelle: Statistik Austria, eigene Berechnungen
*) absolute Werte
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Presseinform ation: 16. M ärz 2015
Internationale Rahmenbedingungen
Veränderungen gegenüber dem Vorjahr in Prozent
2012
2013
2014
2015
2016
Welthandel
2.1
2.7
3.3
4.3
5.5
BIP, real
Deutschland
0.4
0.1
1.6
1.8
1.8
-2.8
0.3
0.7
-1.7
0.3
1.7
-0.4
0.4
2.6
0.4
0.8
2.6
1.0
1.5
2.5
Schweiz
USA
Japan
1.1
2.3
1.8
1.9
2.2
1.6
2.0
2.4
-0.1
0.3
2.9
0.8
1.0
2.8
1.0
China
7.7
7.7
7.4
7.0
6.6
Polen
1.8
1.7
3.3
3.0
3.2
Slowakei
Tschechien
Ungarn
1.6
-0.8
-1.5
1.4
-0.7
1.5
2.4
2.0
3.6
2.5
2.5
2.8
3.0
2.8
2.5
Slowenien
MOEL-5*)
-2.6
0.6
-1.0
1.0
2.6
3.0
1.8
2.8
2.0
3.0
Bulgarien
Rumänien
Kroatien
0.5
0.6
-2.2
1.1
3.4
-0.9
1.7
2.9
-0.4
1.7
2.7
0.0
2.0
3.0
0.8
Russland
3.4
1.3
0.6
-3.0
0.2
Euroraum
-0.7
-0.5
0.9
1.2
1.5
NMS-6**)
EU-28
OECD
0.5
-0.4
1.3
1.4
0.0
1.4
2.8
1.3
1.9
2.7
1.5
2.3
2.9
1.8
2.5
0.7
3.1
2.5
4.0
6.0
1.29
1.33
1.33
1.14
1.14
112.0
109.0
99.3
65.0
68.0
Italien
Frankreich
Vereinigtes Königreich
Österreichische Exportmärkte
USD/EUR Wechselkurs***)
Rohölpreis (Brent)***)****)
Quelle: Eurostat, IWF, OECD, CPB, nationale statistische Ämter, eigene Berechnungen
*) MOEL-5: Polen, Slowakei, Tschechien, Ungarn, Slowenien
**) NMS-6: Polen, Tschechien, Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Kroatien
***) absolute Werte
****) USD/barrel
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