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CfP: Jacques Rancière und die Sozialwissenschaften
Nachwuchs-Workshop der GGS-Sektion »Kulturen des Politischen«, 23. Juni 2016, JLU
Gießen
Einen Fürsprecher haben die Sozialwissenschaften in dem französischen Philosophen Jacques
Rancière wahrlich nicht gewonnen. Sein grundsätzlicher Vorwurf lautet, dass
sozialwissenschaftliche Analysen soziale Strukturen nicht einfach neutral abbilden, sondern
performativ an deren Verfestigung mitwirken, ihre Beschreibungen mithin Festschreibungen der
sozialen Ordnung vollziehen und folglich nur das bestätigen, was der soziologische Blick sehen
will. Rancières Urteil ist demzufolge rigoros: Die Sozialwissenschaften, auch die ihrem
Selbstverständnis nach kritischen Ansätze, sind Teil der herrschaftlichen Ordnung.
Der Workshop der GGS-Sektion »Kulturen des Politischen« der JLU Gießen möchte genau
diese prekäre Konstellation zwischen Rancière und »den« Sozialwissenschaften aufgreifen und
zum Gegenstand eines intensiven Austauschs über die Anschlussmöglichkeiten Rancières in
der sozialwissenschaftlichen Diskussion machen. Während Rancière in benachbarten
Disziplinen wie den Politik-, Literatur-, Kultur- und Filmwissenschaften breit rezipiert wurde, die
Hochzeit der Debatte hier bereits vorüber zu sein scheint, hat ihn die soziologische Diskussion
nur vereinzelt und punktuell zur Kenntnis genommen. Ist die Stimme des politischen
Philosophen nur ein unhörbarer Lärm im soziologischen Diskurs? Sollten wir Rancières
philosophischen Spott auf die Sozialwissenschaften, der sich stellvertretend für die Disziplin vor
allem über Pierre Bourdieu ergossen hat, einfach nur achselzuckend registrieren, oder bietet
dieses Unvernehmen nicht hinreichend Anlass für einen lohnenswerten Streit darüber, worin die
Rezeption von Rancière auch soziologisch produktiv sein könnte? Der Workshop möchte eine
Bestandsaufnahme der Resonanzen und Irritationen von Rancières Politischer Philosophie in
Soziologie,
Sozialtheorie
und
Sozialwissenschaften
vornehmen,
ungenutzte
Anknüpfungspunkte zur Sprache bringen und ebenso Möglichkeiten zum soziologischen
Einspruch gegen Rancière erörtern. Der Workshop ist an solchen Beiträgen interessiert, die
Rancière zum Anlass nehmen, die eigene soziologische Forschungspraxis und Theoriebildung
in den Kontext seiner Konzepte und Begriffe zu stellen und unter dezidiert
sozialwissenschaftlichen Vorzeichen zu reflektieren. Als Ausgangspunkt bieten sich durchaus
jene Bezugsprobleme und Leitunterscheidungen an, die in der bisherigen Rezeption seiner
Politischen Philosophie hervorstechen:
Politik und Polizei
In seiner an Foucault angelehnten Begriffsbildung entwickelt Rancière mit dem Konzept der
Polizei ein Ordnungsmodell, welches weit über die Idee des Staatsapparates hinausgeht. Die
Ordnung der Polizei nimmt für Rancière die Form einer ›Aufteilung des Sinnlichen‹ an, mit der
staatliches Handeln ebenso wie bürokratische Verwaltungsakte und schließlich auch die
sozialwissenschaftliche Expertise ein Regime der Sicht- und Sagbarkeit konstituieren, das auf
dem Ausschluss derer beruht, die nicht Bestandteil der Aufteilung des Sinnlichen sind, deren
Worte nur als Lärm, nicht als Rede gelten, deren Tätigkeiten nicht sichtbar sind, die also
innerhalb der Polizeiordnung auf ein Unvernehmen treffen. Politik hingegen bezeichnet für
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Rancière ausschließlich jene seltenen Momente, in denen diese Ausgeschlossenen in die
Aufteilung des Sinnlichen einbrechen und dort einen fundamentalen Dissens zum Ausdruck
bringen. Politik kann im Rahmen dieser für Rancière fundamentalen Unterscheidung eines
Innen und Außen der sozialen Ordnung folglich nur als Unterbrechung oder Störung jeder
Ordnung gedacht werden.
Sinn und Sinnlichkeit des Politischen
In der Beschreibung der sozialen und politischen Ordnung als einer Aufteilung des Sinnlichen,
in der die Teilungs- und Differenzierungsprinzipien des gesellschaftlich Sagbaren, Denkbaren
und Machbaren zum Ausdruck kommen, wird die zentrale Bedeutung der Ästhetik
identifizierbar, die für Rancière das Initial politischer Emanzipation, des Ausbrechens aus und
Einbrechens in die vorgegebenen sozialen Raster und Einteilungsprinzipien, darstellt. Nicht die
Aussage, sondern die Äußerung markiert das entscheidende politische Datum punktueller
Überschreitungen der gegebenen Ordnung; und als solches bringt es folglich die für Rancière
grundsätzlich sinnliche und affektive, kurz: ästhetische Dimension des Politischen ins Spiel. Es
verwundert nicht, dass Rancière in der Kunst und den Kulturwissenschaften, insgesamt im
Schnittpunkt von Theorie, Kunst und Politik von Anfang an besonders intensiv diskutiert wurde,
versprechen doch seine Überlegungen nicht zuletzt auch, den genuin politischen Charakter von
Kunst und künstlerischer Produktion zu behaupten. Mit der doppelten Positionierung der
Ästhetik im Feld des Politischen, einmal als ordnungserhaltende Ästhetik der Polizei, zum
anderen als emanzipative politische Praxis im Sinne einer Politik der Ästhetik, scheint es
Rancière zumindest zu gelingen, der grundlegend ästhetischen Dimension beider Momente,
sowohl der affirmativen sozialen Praxis als auch kritischer Interventionen und Unterbrechungen,
Rechnung zu tragen.
Politik und Subjektivierung
Im Anschluss an die diskurs- und kulturtheoretische Wende in den Sozialwissenschaften hat
sich auch die Debatte um den Stellenwert des Subjekts in der Sozialtheorie wieder intensiviert.
Auch in dieser Diskussion hat Rancière eine originäre Position eingenommen: seinem Konzept
politischer Subjektivierung liegt ein Modell von Kollektivität zugrunde, das als lärmende Vielheit
erfahrbar wird und sich als kollektive Stimme und Macht der zählenden, ein- und zuteilenden
Logik der Polizei entzieht. Damit bietet Rancière eine Theorie politischer Subjektivierung an, die
ähnlich wie Louis Althusser, Michel Foucault oder Judith Butler akteurzentrierte Vorstellungen
von politischer Subjektivität und ihre Organisierung als einem politischen Kollektivakteur, der
Forderungen und Interessen formuliert, zurückweist. Vielmehr bezeichnet das politische
(Kollektiv-)Subjekt für ihn in einer an die Subjektkonzeption der soziologischen Systemtheorie
erinnernden Problematisierung eine eigentümliche Abwesenheit, das sich erst im Prozess
seines Vernommen-Werdens in der politischen Auseinandersetzung formiert, in dem Moment
also, wo der durch die Ordnung der Polizei zugewiesene Platz zurückgewiesen wird.
Der Workshop richtet sich an DoktorandInnen und Postdocs; Vorschläge für einen 20-minütigen
Vortrag (max. eine Seite) sowie kurze biographische Angaben können bis zum 30.04.2016 in
elektronischer Form eingereicht werden an: [email protected] und [email protected] Die Bekanntgabe der angenommenen Beiträge erfolgt
innerhalb einer Woche nach Ende der Einreichungsfrist.
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