als PDF - Universität Bielefeld

01.2015
Lehre & Campus
Seite 12
Schreibst du noch oder tippst du schon?
Bau-Report
Seite 19
Startschuss für die erste Bauphase
Kultur Campus Festival
Das Magazin der
Universität Bielefeld
Alles außer Durchschnitt
Vielfalt im Bielefelder Uni-Alltag
Seite 36
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seidensticker.com
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16.03.2015
16:18 Uhr
Seite 1
Ausbildung und Karriere
bei Dürkopp Adler
Die Dürkopp Adler Gruppe ist als börsennotiertes
Unternehmen mit derzeit ca. 1.260 Mitarbeitern
weltweit tätig.
Der größte europäische Hersteller und der weltweite Technologieführer für industrielle Nähtechnik
entwickelt, produziert und vertreibt hochwertige
Industrienähmaschinen für die Bekleidungs-, Automobil- und Polsterindustrie.
„Nähtechnologie ist spannend!”
Magarita Schäfer, Bachelor of Science,
Segment Managerin Industrial bei der Dürkopp Adler AG
www.duerkopp-adler.com
// INHALT
04
KURZ GEMELDET
05
VIELFALT
Alles außer Durchschnitt
09
LEHRE & CAMPUS
Mit Papa in den Hörsaal? 09 // Eine Behinderung muss kein Hindernis sein 10 //
Was macht eigentlich ein Beauftragter für Studierende mit Behinderung und
chronischer Erkrankung? 11 // Schreibst du noch oder tippst du schon? 12 // Lehrende
mit tollen Ideen: Gemeinsam von der Idee zum Produkt 14
15
05
VIELFALT
Alles außer Durchschnitt
INTERNATIONALES
„Und woher kommst du?“ 15 // Post aus … Linköping 18
19
BAU-REPORT
Startschuss für die erste Bauphase 19 // Auf der Suche nach dem richtigen Kabel 20 //
Fragen und Antworten 22
23
FORSCHUNG
12
Ein Blick in Luhmanns Zettelkasten 23 // „Vielfalt ist nicht bequem“ 24 // „Meine
Muttersprache kann ich nicht ändern“ 25 // Rückenwind mit Mentoring 26 //
Bilderflut aus der Unterwasserwelt 28 // Bielefelder Ideen – Die teutolabs: Unterricht
im Schülerlabor 30
31
Lehre & Campus
Schreibst du noch oder
tippst du schon?
BITTE PLATZ NEHMEN ...
Martina Meise, Leiterin des Kassenbereichs der Mensa und der Lebensmittelhygiene
32
ALUMNI
Nachgefragt – Claudia Schmitz und Ulrich Vogel
34
Bau-report
19
Startschuss für die erste Bauphase
36
Campus Festival
JENSEITS DER HÖRSÄLE
Bielefelder Tutoren beraten chilenische Kollegen 34 // Schlaue Aufklärungsarbeit 35
36
KULTUR
Beim 1. Campus Festival gibt’s was auf die Ohren 36 // Tanzen und feiern in lauer
Sommernacht 37 // Höhepunkte und Termine 38
IMPRESSUM
40
UNI-EINBLICKE
Fotos: Norma Langohr, Björn Stövesand, Maren Vollmer, Universität Bielefeld
kULTUR
H1 // INHALT
38
03
// KURZ GEMELDET
22 Millionen Euro für Bioinformatik-Zentren
Roboter-Stabheuschrecke
Hector lernt laufen.
Roboter Hector mit über 110.000 YouTube-Klicks
Einem Forscherteam der Universität Bielefeld ist es gelungen, einem weltweit einmaligen Roboter das Laufen beizubringen. Hector ist eine RoboterStabheuschrecke. Seine ersten Schritte sind in zwei Filmen festgehalten.
Innerhalb weniger Wochen haben über 110.000 Nutzerinnen und Nutzer
Hectors Spaziergang auf YouTube verfolgt. Das Besondere an dem Roboter:
Er erkennt von sich aus Hindernisse und kann sie selbstständig überwinden. Er weiß zum Beispiel, in welcher Situation er ein Bein heben muss,
und kann auch über unebene und unbekannte Flächen gehen. All das ist
möglich, weil Hector mit sehr vielen Sensoren für seine sechs Beine ausgestattet ist und mit einem biologischen, dezentralen Regelungskonzept
arbeitet. Acht Forschungsgruppen des Exzellenzclusters Kognitive Interaktionstechnologie (CITEC) arbeiten für die Entwicklung von Hector zusammen. Zu sehen sind die beiden Videos auf den YouTube-Kanälen der
Universität Bielefeld und des CITEC.
„Eine Roboter-Stabheuschrecke lernt laufen“:
http://youtu.be/1DB6bd61i0o
„Hector. The six-legged walking robot“:
http://youtu.be/9pbqSrXLKGI
Seit März leitet das Centrum für Biotechnologie (CeBiTec) der Universität
Bielefeld ein neues Programm zur Bioinformatik. Mit 22 Millionen Euro
finanziert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das
„Deutsche Netzwerk für Bioinformatik-Infrastruktur“ (de.NBI) bis 2020. In
dem Netzwerk tun sich acht deutsche Zentren zusammen. Gemeinsam arbeiten sie für Forschungsprojekte aus Biotechnologie und Biomedizin. Die
Zusammenarbeit soll es den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern
erleichtern, große Datenmengen besser zu analysieren und zu erforschen.
Außerdem bildet das Netzwerk Forscherinnen und Forscher in der Nutzung
von Bioinformatik-Software aus. Die Geschäftsstelle des neuen Netzwerks
wird im CeBiTec der Universität Bielefeld angesiedelt, Koordinator des Programms ist Professor Dr. Alfred Pühler. „Unser Ziel ist es, in Deutschland eine
zukunftsfähige Biotechnologie und Biomedizin zu entwickeln. Die Bioinformatik ist eine zentrale Grundlage dafür“, sagt Pühler.
Zusammenarbeit mit Helmholtz-Zentrum Berlin
Die Universität Bielefeld und das Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie (HZB) kooperieren. Im Februar wurde eine entsprechende Vereinbarung unterschrieben. Geräte und Einrichtungen sollen
gemeinsam genutzt werden, wissenschaftliche Beschäftigte des HZB
sollen an der Universität lehren können und Professuren gemeinsam
berufen werden.
In der Mensa kann jetzt gelernt werden
Arbeiten bei Kaffee und Kuchen? Das Studentenwerk stellt auf Anregung
des Kanzlers den Speisesaal 3 der Mensa für Studierende als Arbeitsraum
zur Verfügung. Von Montag bis Freitag ist der Raum von 7.30 bis 16.30 Uhr
geöffnet. Während der Essenszeit (zwischen 11.30 und 14.30 Uhr) wird der
Saal wie gewohnt als Speisesaal genutzt. Der Speisesaal 3 befindet sich
direkt links neben dem Haupteingang des Gebäudes X.
Der Speisesaal 3 der Mensa kann jetzt auch als Arbeitsraum genutzt werden.
04
Chemiker der Universität Bielefeld haben ein kupferhaltiges Molekül entwickelt, das gezielt an DNA bindet und somit Tumore am Wachstum hindert. Das Design des neuen Wirkstoffs ist Grundlagenforschung. „Wie und
ob der Kupferkomplex für medizinische Behandlung eingesetzt wird, das
muss die medizinische Forschung in den kommenden Jahren klären“, sagt
Chemiker Professor Dr. Thorsten Glaser. Er hat zusammen mit seinem Team
aus Physik und Biochemie den Wirkstoff entwickelt.
Weitere Meldungen unter: www.uni-bielefeld.de/uniaktuell
Fotos: Jörg Heeren, Norma Langohr
H1 // KURZ GEMELDET
Chemiker entwickeln Wirkstoff gegen Krebs
Alles außer Durchschnitt
im Bielefelder Uni-Alltag
Diversity. Zugegeben, der Begriff ist komplex und spricht nicht gerade für sich selbst. Dafür ist er viel zu vielfältig. Ins Deutsche übersetzt
bedeutet Diversity genau das: Vielfalt. Die Universität Bielefeld fördert und unterstützt zum Beispiel Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, sie unterstützt Studierende unterschiedlicher Altersgruppen und Studierende mit Handicap. Aber wie genau sieht diese Förderung
und Unterstützung eigentlich aus?
Von Nora Frei
di ver si ty
Verschiedenheit, Vielfältigkeit
herkunft: Lateinisch = diversitas,
1. Jahrhundert n. Chr.
wortart: Substantiv
Beispiele & Dimensionen: Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung,
Herkunft, Religion, ethnische Zugehörigkeit, physische Fähigkeiten, Familienstand, Ausbildung, Bildungsstand, geografische Lage, Einkommen, Freizeitverhalten, Elternschaft,
Arbeitsfeld, Arbeitsinhalte, Status
H1 // VIELFALT
Bedeutung: Vielfalt,
05
25%
1/4
Fast
der Studierenden
kommt nicht aus
Deutschland.
Quelle: 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, durchgeführt durch das HIS-Institut für Hochschulforschung
Der Durchschnittsstudent in Deutschland ist 24,4
Jahre alt. Philip Francki und Berta Margarete
Huldt ist das ziemlich egal. Im Jahr 2014 hat
Berta Margarete Huldt ihren Bachelorabschluss
im Fach Philosophie gemacht – im Alter von 80
Jahren. Philip Francki hat sein Studium zum Wintersemester 2012/13 angefangen – mit 16 Jahren.
Das ist Vielfalt.
Der Durchschnittsstudent ist männlich, hat keine
gesundheitliche Beeinträchtigung, ist in Deutschland geboren und studiert Betriebswirtschaftslehre oder eine Ingenieurwissenschaft. Keywan
Tonekaboni ist im Iran geboren und studiert Interdisziplinäre Medienwissenschaften. Christine
H1 // VIELFALT
Die Geschichten von Philip Francki,
Christine Göhde, Keywan Tonekaboni
und anderen Studierenden und
Beschäftigten der Universität Bielefeld
werden in diesem Heft vorgestellt.
Zahlen und Statistiken gibt es in der
„20. Sozialerhebung des Deutschen
Studentenwerks, durchgeführt durch das
HIS-Institut für Hochschulforschung“
Reingeklickt: www.sozialerhebung.
de/download/20/Soz20_Handout.pdf
06
Göhde hat an der Universität Bielefeld Soziologie
studiert und ihren Abschluss seit November 2013
in der Tasche. Sie hat seit ihrer Geburt eine Gehbehinderung. Auch das ist Vielfalt.
In vielen Bereichen unserer Gesellschaft wird
Vielfalt aktiv gefördert: in Schulen, Universitäten
oder in Unternehmen. Die Universität Bielefeld,
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter genauso wie
Studierende, fördern Vielfalt schon seit Langem.
Diversity ist überall, wird aber nicht immer so
genannt. Es gibt zum Beispiel Angebote für Studierende mit Kind, Anlaufstellen für Studierende, die ein Handicap haben, wie das Referat für
Studierende mit Behinderung und chronischer
Erkrankung, oder das FemRef, das Autonome
Referat für Frauen, Lesben, Transgender, und
das SchwuR, das Autonome Schwulenreferat.
Seit April 2015 gibt es ein Diversity-Portal auf der
Homepage der Universität Bielefeld, das diese
Angebote und Initiativen bündelt und einfacher
zugänglich macht. „Diversity ernst zu nehmen,
bedeutet, unterschiedliche biografische Ausgangslagen nicht als Defizit zu verstehen, sondern als mögliches Potenzial“, sagt Prorektorin
Martina Kessel, Teil der Arbeitsgemeinschaft, die
Reingeklickt:
www.uni-bielefeld.de/diversity
das Portal entwickelt hat. Zu der AG gehören die
Gleichstellungsbeauftragte Uschi Baaken, Natalia Petrillo, Assistentin des Rektors, Ann-Christin
Kleinert, studentische Beraterin der Gleichstel-
Diversity-Statement
der Universität
Bielefeld
„Die Universität Bielefeld verfolgt das
Ziel,
die Vielfalt der Menschen, die hier arbe
iten,
studieren, lehren und forschen, zu würd
igen
und ihre unterschiedlichen Fähigkeiten,
Talente und Kompetenzen zu fördern.
Die aus Vielfalt und Heterogenität erwachsen
den Potenziale werden als Chance verstande
n,
innovative und kreative Prozesse in Forschung
,
Lehre, Arbeit und Studium freizusetzen.
Die
Universität Bielefeld möchte hierfür ein
Umfeld schaffen, das frei von diskriminieren
den
Strukturen, Handlungen und Vorurteile
n ist
und in dem alle Mitglieder und Angehörig
e
der Universität in Studium, Wissenschaft
und
Verwaltung Wertschätzung und Anerkenn
ung
erfahren, unabhängig von Geschlecht, Natio
nalität, ethnischer Herkunft, Religion, Weltanschauung, Behinderung oder (chronisch
er)
Erkrankung, Alter und sexueller Orientieru
ng.“
Den
Durchschnittsmensch gibt
es kaum. Aber
um ihn herum
befinden sich die
meisten.
Erhard Blanck (*1942),
deutscher Heilpraktiker, Schriftsteller und Maler
Faraj Remmo und Aleksandra Rybak setzen sich als Beschäftigte für Vielfalt an der Universität ein.
Foto: Norma Langohr
Die Gedanken hinter dem Portal und hinter der
Diversity-Arbeit an der Universität Bielefeld sind
dabei genauso vielfältig wie der Diversity-Begriff
selbst. Die Universität Bielefeld möchte Zugangschancen erhöhen und Barrieren abbauen. Das
heißt zum Beispiel, Studieninteressierten mit Behinderung oder mit Migrationshintergrund den
Studienzugang und das Studium zu erleichtern.
„Das Diversity-Portal ist unser Zeichen nach innen und nach außen, dass die Universität für
Akzeptanz und Vielfalt und gegen Diskriminierung und Vorurteile steht“, sagt Uschi Baaken.
Die Idee kam schon im Jahr 2010 auf, als die
Universität die sogenannte „Charta der Vielfalt“
unterschreiben sollte. Das Ziel der Charta ist es,
dass ihre Unterzeichner ein Unternehmensumfeld ohne Vorurteile schaffen. „Diese Charta
hatte für unseren Geschmack aber einen viel zu
starken wirtschaftlichen Fokus. Sie ist vielleicht
für Unternehmen gut geeignet, aber nicht für
eine Institution wie die Universität Bielefeld“,
sagt Baaken. Alternativ dazu hat die Universität
ein eigenes Diversity-Statement erarbeitet und
die Diversity-AG ins Leben gerufen, die das Thema bearbeitet.
Zwei Beschäftigte der Universität, die Vielfalt
fördern, sind Faraj Remmo und Aleksandra
Rybak. Beide sind 2014 mit dem Integrationspreis der Stadt Bielefeld ausgezeichnet worden,
der Bielefelder Einzelpersonen, Organisationen
und Einrichtungen auszeichnet und würdigt,
die sich besonders engagiert für die Integration
der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in
Bielefeld einsetzen. Faraj Remmo und Aleksandra
Was ist eigentlich
Barrierefreiheit?
Bei Barrierefreiheit denken viele gleich an
Aufzüge und Rampen für Menschen im
Rollstuhl. Barrierefreiheit an der Universität ist aber viel mehr. Für den allein erziehenden Vater kann das bedeuten, dass
er einen Kita-Platz für sein Kind direkt an
der Universität findet. Für die Studierende
mit einer Angststörung kann Barrierefreiheit
heißen, dass sie einen Nachteilsausgleich
für Prüfungen bekommt und zum Beispiel
mehr Zeit für ihre Klausur zur Verfügung
hat als ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen. Für den Studieninteressierten,
dessen Eltern das Studium nicht finanzieren können, heißt Barrierefreiheit indes,
dass er und seine Eltern leicht Informationen über Finanzierungswege im Internet finden und sie schließlich finanziell
unterstützt werden.
Rybak arbeiten beide an der Universität Bielefeld:
Aleksandra Rybak im Studierendensekretariat,
Faraj Remmo als Erziehungswissenschaftler und
im Zentrum für Studium, Lehre, Karriere (SLK) im
Team Lehren & Lernen.
Faraj Remmo kam aus dem Libanon nach Deutschland. Er war begeisterter Sportler und leidenschaftlicher Schwimmer. Im Alter von 21 Jahren
verunglückte der junge Kurde beim Sprung in
die Ostsee: Seit 1990 ist er querschnittsgelähmt.
Erst fünf Jahre später fasste er neuen Lebensmut.
In kürzester Zeit holte Remmo das Versäumte
nach: Hauptschulabschluss, Realschulabschluss
und Abitur. Anschließend studierte er Pädagogik
7%
der Studierenden haben
eine gesundheitliche Beeinträchtigung.
Von ihnen haben
eine psychische Erkrankung.
42%
H1 // VIELFALT
lungsbeauftragten, und Stefan Schohl aus der
Personalentwicklung.
07
Was hast du von anderen Studierenden gelernt?
Manche Studierende sind 80 Jahre alt, andere nicht mal 18. Manche kommen aus Bielefeld, andere aus Bali oder Budapest. Manche
analysieren Gedichte, andere Gesetzestexte. Kein Studierender an der Universität Bielefeld gleicht dem anderen. Da man nicht nur
miteinander lernen kann, sondern auch voneinander, wollte H1-Autorin Juliane Jesse wissen: Was hast du von einem anderen Stu-
1 Simon Strehlau (26)
Linguistik
Mir hat ein Freund eine Weisheit mit auf den
Weg gegeben: Es lohnt sich, seine Ziele mit Leidenschaft zu verfolgen; denn wenn man sich
Mühe gibt, dann kann man Großes erreichen.
Dieser Freund ist ein totaler Überflieger und
hatte mit 18 Jahren sein Informatikstudium fast
beendet. Viele Menschen denken oft: „Von so
einem Jungspund lass ich mir nichts sagen“;
dabei ist das totaler Blödsinn und man kann
auch von Jüngeren viel lernen.
H1 // VIELFALT
5%
08
der Studierenden
haben ein oder
mehrere Kinder.
2 Sarvenaz Fatahi (31)
Von Juliane Jesse
3 Ann Kathrin Niebuhr (22)
Erziehungswissenschaften
Ich komme aus dem Iran und bin seit 2012 in
Bielefeld. Bevor ich hierher kam, dachte ich immer, dass die Deutschen nicht sehr nett seien.
Inzwischen habe ich gelernt, dass es ganz anders ist und nur ein falsches Vorurteil war. Denn
meine Kommilitonen helfen mir sehr viel. Sie
erklären mir Wörter, die ich nicht verstehe, korrigieren mich oder sprechen besonders langsam
und deutlich. Ich kann mit ihnen meine Vorträge
üben und dank ihrer Hilfe komme ich im Studium besser zurecht.
Geschichte und Englisch
Als ich vor einiger Zeit in der Mensa etwas
ratlos vor den Beilagen stand und nicht so
recht wusste, was ich da vor mir habe, hat
ein türkischer Kommilitone geholfen. Wie sich
herausstellte, war es Bulgur. Er hat mir dann
erklärt, dass dies ein typisches Gericht in seiner
Heimat sei, dort aber schärfer gegessen wird.
Ich habe es dann auch probiert und weil ich
es mochte, hat er mir erklärt, wie ich es zu
Hause selbst zubereiten kann.
und Soziologie und promovierte 2010 im Fach
Erziehungswissenschaft. Heute ist er 45 Jahre
alt und engagiert sich an der Universität gleich
zweifach in Sachen Integration: Angewiesen auf
den Rollstuhl, setzte er sich in der Arbeitsgruppe
Dynamic und später im Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA)-Referat für Studierende mit
Behinderungen und chronischen Erkrankungen
für ein barrierefreies Studium ein. Und als Kurde
arbeitete er für das vertrauensvolle Miteinander
von jungen Deutschen, Türken und Kurden.
ein zweijähriges Studium an der Staatlichen
Akademie für Kultur-, Schul- und Bibliothekswesen in Krosno. Seit 1996 lebt die heute 43-Jährige in Bielefeld und studierte an der Universität
Bielefeld Deutsch als Fremdsprache. Von Beginn
an gab ihr das Studium Anlass und Möglichkeit,
internationale Kontakte zu suchen und aufzubauen. Sie engagierte sich im Kuratorium der
Städtepartnerschaft Bielefeld-Rzeszów und der
Deutsch-Polnischen Gesellschaft. Ebenfalls von
Anfang an hat sie für den Verein zur Förderung
internationaler Studierender gearbeitet, polnische
und internationale Abende und Treffen organisiert und viele Studierende über die Aktivitäten
des Vereins informiert.
Aleksandra Rybak stammt aus Krosno, einer kleinen Stadt in der Nähe der Bielefelder Partnerstadt Rzeszów, Polen. Sie absolvierte zunächst
Fotos: Juliane Jesse
dierenden gelernt, gerade weil sie oder er anders ist als du?
Minderjährige Studierende
Mit Papa in den Hörsaal?
Er ist ein Frühstarter: Philip Francki wurde früh eingeschult, übersprang die zweite Klasse und gehörte zum ersten G8-Jahrgang in
Nordrhein-Westfalen. Schon mit 16 Jahren war er fertig mit der Schule, hatte sein Abitur in der Tasche und war damit insgesamt drei Jahre
Foto: Karoline Bauch
Philip Francki ist einer von insgesamt 24 minderjährigen Abiturienten, die
im Wintersemester 2013/14 ihr Studium an der Universität Bielefeld aufgenommen haben. „Ein Auslandsaufenthalt kam für mich nicht infrage, da
ich mit 16 Jahren kaum Freiheiten gehabt hätte“, berichtet Francki. „Deshalb habe ich mich direkt nach der Schulzeit an der Universität Bielefeld
beworben.“ Er entschied sich für Jura, wurde zugelassen und natürlich
waren die anderen Studienanfängerinnen und -anfänger älter als er. „Seit
der zweiten Klasse war ich der Jüngste in der Schule. Für mich ist die Situation daher nicht neu“, sagt der mit Deutsch und Polnisch zweisprachig
aufgewachsene Jungstudent. Er ist von seinen Mitschülern immer respektiert worden, was sich nun auch im Studium fortsetzt.
Dabei bereitete ihm gerade die Tatsache, dass er noch nicht volljährig war,
bereits bei der Einschreibung erste Schwierigkeiten. Als sein Vormund
musste der Vater sein Einverständnis geben, dass der Sohn studieren darf.
„Ich habe gemerkt, wie sehr ich auf das Einverständnis meines Vaters angewiesen bin. Er hat meine Entscheidungen jedoch immer unterstützt.“
Mit seinem Studium ist Philip Francki zufrieden und auch die Universität Bielefeld gefällt ihm. Eine eigene Wohnung kam jedoch vor seinem
Von Karoline Bauch
18. Geburtstag nicht infrage, da der Aufwand zu groß gewesen wäre. Und
da der werdende Jurist noch nicht Auto fahren durfte, musste er die eineinviertelstündige Fahrt mit Bus und Bahn aus seinem Heimatort in der
Nähe von Lübbecke jeden Tag zweimal auf sich nehmen.
Doch für Philip Francki und die anderen minderjährigen Studierenden bedeutet der frühe Studienbeginn nicht nur organisatorische Schwierigkeiten,
sondern auch einen entscheidenden Vorteil: Während andere mit 20 Jahren ihr Studium erst aufnehmen, sind sie schon fertig und haben dann
noch viel Zeit, ihren Berufsweg zu planen. Auch zeigt die wachsende Zahl
der minderjährigen Studienanfängerinnen und Studienanfänger, dass sich
die Universitätslandschaft verändert. Junge Studierende prägen das Bild
in den Vorlesungen ebenso wie Studierende, die älter als 50 Jahre sind.
Seit Februar 2015 ist Philip Francki endlich volljährig. Worauf er sich am
meisten freut? „Ich möchte nach Bielefeld ziehen und endlich das Großstadtleben und das Angebot der Universität voll auskosten. Dazu gehören für mich neben Sport und Theater auch die ein oder andere Party und
Kulturveranstaltungen.“
H1 // LEHRE & CAMPUS
weniger zur Schule gegangen als viele seiner Kommilitonen.
09
STUDIEREN MIT Handicap
Eine Behinderung
muss kein Hindernis sein
„Wieso studierst du überhaupt, wenn du nicht mal deine Bücher selbst tragen kannst?“ Ein Kommilitone stellte Christine Göhde einmal
diese Frage. Die 34-Jährige hat eine Gehbehinderung und war deshalb im Studium manchmal auf Hilfe angewiesen. Heute kann die
Diplom-Soziologin Tipps geben, wie man das Studium mit Handicap meistert.
Bereits mit 17 Jahren ist die gebürtige Düsseldorferin
nach Bielefeld gezogen, um im Anschluss an die Realschule das Oberstufenkolleg zu besuchen. „Muffensausen“ hatte sie schon, plötzlich ganz auf sich allein
gestellt zu sein und in einer fremden Stadt zu wohnen.
Die Entscheidung bereut sie nicht: „Am Kolleg habe
ich die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens
erlernt und später Kurse für mein Vordiplom anrechnen lassen können.“ Nachdem sie im November 2013
ihren Abschluss an der Universität Bielefeld gemacht
hat, ist sie heute auf der Suche nach einer Anstellung
im Hochschulmanagement oder in der Verwaltung.
Von Anita Grams
für die Beilagen, begeistert zwar viele Studierende,
stellt Christine Göhde aber vor eine Herausforderung:
„Früher konnte man das Tablett mit einer Hand tragen, jetzt benötige ich bei jedem Mittagessen Unterstützung; dabei ist mir meine Selbstständigkeit auch
innerhalb der Universitätsgebäude wichtig.“
10
Anderen Studierenden rät sie, frühzeitig Beratungsangebote wahrzunehmen und sich über die Regelung von Nachteilsausgleichen zu informieren.
„Ein Nachteilsausgleich ist kein Privileg und bevorzugt auch niemanden,
sondern dient dazu, vergleichbare Prüfungs- und Studiensituationen
zwischen Studierenden mit und ohne Handicap herzustellen.“ Rückblickend sagt Christine Göhde: „Es war schwer zu akzeptieren, dass dem
Willen, Wissen zu erlangen, in der Umsetzung oft Grenzen durch die
eigene Behinderung gesetzt werden.“ Sie selbst habe mit ihrem Anspruch, so zu studieren wie andere Studierende, zu lange gezögert,
einen Nachteilsausgleich zu beantragen. Unterstützung zu suchen
und sich möglichst nicht unter Druck zu setzen, könne sie allen Studierenden nur empfehlen – mit Handicap oder ohne.
Foto: Anita Grams
H1 // LEHRE & CAMPUS
Es herrsche oft Unwissenheit über die Lebenswirklichkeit von Menschen mit Behinderung. „Barrierefreiheit
und Inklusion finden zuerst im Kopf statt. Die Frage
eines Studierenden, wieso ich denn überhaupt studieren würde, wenn ich noch nicht mal meine Bücher
tragen könne, ließ mich sprachlos im Hörsaal zurück.
Christine Göhdes Tipp:
Herausforderungen und Hindernisse gab es während
Diese Situation weist auch auf das Vorurteil hin, dass
Beratungsangebote früh nutzen.
ihres Studiums einige: Glatte Böden in U-Bahnhöfen
Menschen mit Behinderung nicht leistungsfähig seien.“
oder ein vereister Weg vor der Wohnung: Bei schlechtem Wetter konnte Überwiegend hat Christine Göhde jedoch positive Erfahrungen an der
sie wenige bis gar keine Vorlesungen und Seminare besuchen. „Während Universität gemacht. So seien zum Beispiel die Angestellten der Cafeteria,
der ersten Semester investierte ich einen überwiegenden Teil des BAföG der Bibliothek und viele Studierende hilfsbereit. „Wenn eine Studieneinin Taxifahrten“, berichtet Göhde. Da sie eine Gehbehinderung hat und schränkung aufgrund der Behinderung vorlag, habe ich das Gespräch mit
lange Strecken mit Gehhilfen zurücklegt, empfindet sie den Zugang zu den Dozenten gesucht und Lösungsvorschläge, in Rücksprache mit dem
Mobilität als besonders wichtig. Die neue Auswahl in der Mensa,
Prüfungsamt, unterbreitet.“ Vielen Studierenden mit Behinderung und
ein Tablett, einzelne Teller und kleine
chronischer Erkrankung sehe man die Beeinträchtigung jedoch nicht an.
Schälchen
Das mache ihre Studiensituation oft noch schwieriger.
Was macht eigentlich ...
n
eu
kN
n
a
r
r. F
Prof. D
er
... ein Beauftragter für
Studierende mit Behinderung
und chronischer Erkrankung?
Normalerweise beschäftigt sich Professor Dr. Frank Neuner mit klinischer Psychologie und Psychotherapie. Doch seit Kurzem ist er auch
ehrenamtlich tätig: als Beauftragter der Universität Bielefeld für Studierende mit körperlichen oder psychischen Einschränkungen.
Von Caterina Kerkenberg
Was ist ein Nachteilsausgleich?
Ein Nachteilsausgleich ist der Kern dessen, was wir als Universität für Studierende mit Behinderung oder chronischer Erkrankung leisten können.
Sie müssen sich das so vorstellen: Eine Studierende, die zum Beispiel eine
gelähmte Hand hat, kann offensichtlich keine Klausur schreiben. Somit hat
sie ein Recht darauf, eine mündliche Prüfung abzulegen oder Hilfsmittel
zu verwenden oder mehr Zeit zu haben. Die Studierenden zu motivieren,
diese Rechte in Anspruch zu nehmen, und sie bei einer kreativen Lösungsfindung zu unterstützen, das ist meine Hauptaufgabe.
Foto: Nora Frei
Wie läuft Ihre Unterstützung genau ab?
Die Studierenden kommen in meine allgemeine Sprechstunde oder vereinbaren einen persönlichen Termin. Dann schauen wir uns ihr Problem an,
welches sie aufgrund ihrer Behinderung oder chronischen Erkrankung im
universitären Alltag haben, und suchen nach einer individuellen Lösung.
Diese mündet oft darin, dass die Studierenden einen Antrag auf Nachteilsausgleich formulieren, den sie dann beim Prüfungsamt einreichen.
Bislang waren die Reaktionen darauf positiv. Allerdings nehmen noch
Campus TV Folge 97: Depression - http://bit.ly/ctvdepression
Studieren mit Handicap - http://bit.ly/ctvhandicap
zu wenige Studierende diese Unterstützung in Anspruch – insbesondere
diejenigen mit einer chronisch psychischen Erkrankung.
Warum kommen wenige Studierende
mit chronisch psychischer Erkrankung zu Ihnen?
Studierenden mit körperlichen Behinderungen fällt es generell leichter,
einen Nachteilsausgleich in Anspruch zu nehmen, da ihre Behinderung
häufig erkennbar und gesellschaftlich anerkannt ist. Bei Studierenden
mit chronisch psychischen Erkrankungen ist oftmals das Gegenteil der
Fall. Ein Studierender, der ein Problem damit hat, eine Klausur mit vielen anderen in einem Raum zu schreiben, stellt sich folgende Fragen:
Zeige ich mein Problem nach außen und kann dadurch meine Prüfung
besser bewältigen, indem ich einen eigenen Prüfungsraum bekomme?
Oder schweige ich, da ich Angst davor habe, wie andere auf mein Problem und meine Sonderbehandlung reagieren? Ich möchte helfen, diese
Hemmungen abzubauen.
Wie kann sich die Universität Bielefeld
für diese Studierenden einsetzen?
Sie sollte niedrigschwellige Ansprechpartner für solche Studierende schaffen, deren Einschränkungen nicht offensichtlich sind. Ein gutes Beispiel
ist das von Studierenden geleitete Referat für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung. Darüber hinaus ist es das Ziel, diese
Studierenden so früh wie möglich mit unseren Angeboten zu erreichen.
Denkbar wäre eine Informationsbroschüre, die man bei der Einschreibung
erhält. Ich sehe darin eine große Herausforderung, wenn wir eine Universität haben wollen, die für Vielfalt offen ist.
Alle Informations- und Ratsuchenden können sich unter
[email protected] an Professor Neuner sowie
unter [email protected] an das Referat für Studierende
mit Behinderung und chronischer Erkrankung wenden.
H1 // LEHRE & CAMPUS
Wie wird man Beauftragter für Studierende
mit Behinderung und chronischer Erkrankung?
Im vergangenen Jahr bekam ich eine Einladung von Professor Dr. Gerhard
Sagerer, dem Rektor der Universität Bielefeld, dieses Ehrenamt zu übernehmen. Ich konnte mir das direkt sehr gut vorstellen, denn als klinischer
Psychologe habe ich ein breites Vorwissen über chronisch psychische Erkrankungen, die Studierende an unserer Universität betreffen. Seitdem
berate und unterstütze ich Studierende mit Behinderung und chronischer
Erkrankung, vor allem auch in Fragen des Nachteilsausgleichs, und vertrete ihre Interessen an der Universität.
11
Analog oder Digital?
Schreibst du noch oder tippst du schon?
Studierende stellen sich zu Beginn des Studiums viele Fragen: Was ist für mich die richtige Arbeitsweise? Wie schreibe ich in Seminaren und
Vorlesungen am besten mit? Und wie bereite ich mich auf Prüfungen vor? Laptop, Tablet und Internet verdrängen dabei immer mehr den
klassischen Notizblock und den Stift. Je nach Arbeitsweise kann sich beides aber auch ergänzen.
H1 // LEHRE & CAMPUS
Vorne kratzt die Kreide über die Tafel des Audimax, auf den Rängen versuchen sich die Studierenden in Multitasking: Zuhören, Mitdenken und
vor allem: Mitschreiben. Der Dozent stellt die Folien nicht ins Internet,
also muss sich jeder der späteren Prüflinge selbst um die Konservierung
des umfangreichen Lernstoffes kümmern. Fünf Minuten vor Ende kommt
dann der für viele entscheidende Augenblick: Die Folie mit den Klausurinhalten wird angeworfen. Und schon verwandelt sich das Audimax in
den roten Teppich einer Filmpremiere, wenn die Hälfte der Anwesenden
ihr Smartphone zückt und fix ein Foto der Folie knipst. Dieses wandert
dann entweder gemeinsam mit den getippten Notizen aus der Vorlesung
direkt in die Cloud oder wird ausgedruckt und in einen dicken Ordner geheftet - die Lernphase kann beginnen.
12
Von Björn Stövesand
Wahl des Tisches hängt allerdings nicht nur von der Lage ab, sondern
auch die Steckdosenverfügbarkeit ist ein wichtiges Kriterium – denn
neben Block, Stift und Wasserflasche gesellen sich auch Laptop, Tablet
und Smartphone zu den Lernutensilien. Die Digitalisierung hat die UniTasche längst erobert. In der Prüfungsvorbereitung greift jeder auf die
Dinge zurück, die seinen eigenen Lernpräferenzen entsprechen. „Mit
dem Abfotografieren der Folien ist es allerdings meist nicht getan, der
Lernprozess ist damit noch nicht gestartet“, meint Uwe Sander, Professor für Medienpädagogik.
Hinter diesen Vorgehensweisen steckt viel Individualität, denn jeder Studierende muss sich für sein Studium der Wahl stellen, welche Tools und Methoden er oder sie für die eigene Arbeit verwendet.
Auch in der Lehre ist der Medieneinsatz ein Thema – jeder kennt die PowerPoint-Marathons im Seminar, wenn Referate anstehen. „Angeworfene
Präsentationen lassen den Zuhörern allerdings kaum Zeit zum Nachvollziehen; daher eignet sich auch nach wie vor ein Tafelbild zur Unterstützung des eigenen Vortrags“, relativiert Uwe Sander, der selbst viel Wert auf
den differenzierten Einsatz von Medien in seinen Veranstaltungen legt.
Gerade in den letzten Wochen des Semesters, also kurz vor den Klausuren, sind die Galerie- und Bibliothekstische wieder gut besucht. Die
Wenn Lehrende neue digitale Tools in Seminarorganisation und -gestaltung integrieren wollen, ist das Team eLearning/Medien vom Zentrum für
Für das eigene Studium liegen die Vorteile von Laptop, Tablet und Co. auf
der Hand: Flexibilität, ständige Verfügbarkeit und die Möglichkeit des problemlosen Austausches von Mitschriften und Rechercheergebnissen sparen
Zeit und Platz in der Tasche. Dass diese Methoden aber auch Risiken bergen,
möchte das eLearning-Team ins Bewusstsein rücken: „Bei der Vielzahl an
Möglichkeiten, die sich uns heute bieten, müssen wir die für uns sinnvollen herausfiltern“, erklärt Jan Felix Trettow, Mitarbeiter im eLearningTeam. „Es ist eben die Kunst, so viele verschiedene Methoden wie nötig
und so wenige wie möglich zu verwenden.“ Auch die Leiterin des Teams,
Heike Rakutt, betont, dass digitale Tools nicht unkritisch zu verwenden
sind: „Gerade internetbasierte Dienste bieten fantastische Möglichkeiten,
Fotos: Björn Stövesand
timon engel (24)
Wirtschaftsmathematik
„Erst mit Beginn meines
Masters habe ich angefangen, meine Mitschriften und Unterlagen digital zu organisieren. Vorher habe ich ganz
klassisch riesige Mengen Papier mit mir rumgetragen – heute nutze
ich dafür ein Tablet und
einen entsprechenden
Stift. So kann ich nach
wie vor handschriftlich
arbeiten, habe aber alles immer digital gespeichert. Gerade für mathematische Inhalte wäre
eine PC-Tastatur nicht
von Vorteil.“
immer und überall zu lernen. Sie haben aber auch Schattenseiten, derer man sich bewusst sein muss. Datenschutz, Urheberrecht und ständige
Ablenkung sind nur die offensichtlichsten.“ An dieser Stelle erhalten auch
die Handschrift-Enthusiasten und Notizbuch-Liebhaber ihre Bestätigung.
„Analoge Methoden werden keinesfalls verschwinden“, meint Heike Rakutt.
Darüber hinaus hat die Verwendung von Zettel und Stift aus lernpsychologischer Sicht nach wie vor ihre Berechtigung: „Es hängt immer von
den individuellen Lernstrategien ab, welche Methoden und Tools verwendet werden. Viele Studierende lernen zum Beispiel, indem sie den
Stoff nochmals aufschreiben“, erläutert Heike Rakutt, die durch einen
Stylus, also einen Stift, der handschriftliche Eingaben auf einem entsprechenden Bildschirm ermöglicht, auf dem Smartphone beides miteinander kombiniert.
„Es ist eigentlich kein Fall von Entweder-oder, ob im Studium digitale oder
analoge Methoden angewandt werden. Beide ergänzen sich im Idealfall
gegenseitig, aber man muss sich der Risiken bewusst sein“, meint auch
Jan Felix Trettow.
Anna-Lena
Hülshorst (17)
Nadescha
Springer (18)
Sozialwissenschaften/
Politikwissenschaften
„Ich habe ja gerade erst
angefangen zu studieren;
daher nutze ich aktuell
noch Block und Stift, wie
in der Schule. Ich bin mit
dem Kuli schneller als auf
der Tastatur; daher werde
ich das wohl so beibehalten. Vielleicht ändert
sich das aber noch mit
der Zeit.“
Germanistik/Bildungswissenschaften/Biologie
„Für das Studium habe ich
mir eine Tablet-NotebookKombination gekauft,
womit ich nun auch so
ziemlich alles mitschreibe und vorbereite. Es gibt
allerdings nach wie vor
Seminare, in denen sich
das nicht anbietet, und
da greife ich dann wieder
zum guten, alten CollegeBlock. Meine Lernzettel für
die Prüfungen sind dann
aber auf jeden Fall handschriftlich, da ich damit
deutlich besser lernen
kann.“
Maxim Buchholz (25)
Sportwissenschaft
„Ich drucke mir, falls
möglich, die Vorlesungsfolien vorher auf und
schreibe dann direkt darauf mit. Ich besitze zwar
ein Tablet und einen
Laptop; allerdings dauert es eine Weile, bis man
sich in die verschiedenen
Möglichkeiten eingearbeitet hat - da fahre ich
mit Block und Stift schon
ganz gut. Zu Hause exzerpiere ich Texte allerdings schon am PC und
habe mir dadurch eine
kleine Datenbank aufgebaut.“ Catherina
Herzig (25)
Theologie
„Wenn ich etwas per
Hand schreibe, kann ich
es auch besser behalten. Daher schreibe ich
mitunter auch angeworfene Folien noch mal
mit. Digital erstelle ich
dann wirklich nur Hausarbeiten oder Referate;
alles Weitere regele ich
ganz Old School mit Stift
und Papier.“ H1 // LEHRE & CAMPUS
Studium, Lehre und Karriere (SLK) eine sinnvolle Anlaufstelle: „Wir bieten
Unterstützung beim Einsatz unserer universitätseigenen Tools und beraten
auch bei ganz individuellen Lehrprojekten”, erklärt die Teamleiterin Heike
Rakutt. Dafür stellt das SLK beispielsweise seit Kurzem in allen Hörsälen des
Haupt- und X-Gebäudes den Aufzeichnungsdienst uniRekorder zur Verfügung, mit dem Dozenten Ton und Präsentation ihrer Veranstaltungen mitschneiden lassen können, um sie so den Studierenden online anzubieten.
13
Lehrende mit tollen ideen
Gemeinsam von der Idee zum Produkt
Informatik und Wirtschaftswissenschaften passen zusammen wie Salz in einen Kuchen und Zucker in eine deftige Suppe? Weit gefehlt. Im
Sinne der Interdisziplinarität verwirklichen Wirtschaftswissenschaftler und Informatiker gemeinsam Projekte, wie eine Lehrveranstaltung
an der Universität Bielefeld zeigt.
Von Florian Steden
Studierende der Universität Bielefeld entwickeln in einer interdisziplinären Lehrveranstaltung an der Technischen und der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät Produktprototypen. Während die Studierenden des
Masterstudiengangs „Intelligente Systeme“ (ISY) die technische Seite der
Projekte realisieren, stellen Masterstudierende der Wirtschaftswissenschaften im Modul „Innovations- und Technologiemanagement“ (ITM)
Markteinführungskonzepte auf und entwickeln reale Anwendungsmöglichkeiten für die Ideen.
H1 // LEHRE & CAMPUS
Wie aus einem Science-Fiction-Film
14
Die Projekte, die die Studierenden gemeinsam entwickeln, könnten
aus Science-Fiction-Filmen stammen: So haben die Teilnehmer
eine interaktive Küchenhilfe entworfen, die unter anderem Rezepte
vorlesen und die Steuerung des Ofens übernehmen soll. Ein Markt
und die technische Umsetzbarkeit wären gegeben: „Allerdings darf
ein Computersystem aus versicherungsrechtlichen Gründen nicht
selbstständig den Herd bedienen“, erzählt Christian Stummer. Auf
der anderen Seite eröffnen sich für einige Projekte neue Anwendungsmöglichkeiten: „Die Idee, mit einer Virtual-Reality-Brille und
der zugehörigen Software interaktive Hausbegehungen zu machen,
haben andere auch.“ Doch die WiWi-Studierenden fanden schnell
eine neue Zielgruppe: Architekten können mithilfe der Software Sicherheitsbestimmungen für öffentliche Gebäude in der virtuellen
Umgebung überprüfen. „Hier zeigt sich, wie realitätsnah und zugleich herausfordernd das Programm ist. Die Studierenden arbeiten
nicht an einem fiktiven Szenario, sondern mit einem tatsächlichen
Produkt“, betont Christian Stummer.
„Ich wollte den Studierenden mehr
ermöglichen als trockene Theorie“,
sagt Christian Stummer.
„Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit können die Studierenden nur gewinnen“, findet Thomas
Hermann.
Dozenten haben gemeinsam ein Konzept entwickelt, um die Zusammenarbeit
zum größtmöglichen Vorteil für die Studierenden zu gestalten.
Darin bilden die Teilnehmer der beiden Fakultäten Teams, die interdisziplinär zusammenarbeiten. Während die ISY-Studierenden konkrete Prototypen der Produkte entwickeln, beginnen die ITMler mit einer Marktanalyse. Sie klären grundsätzliche Fragen: Wer könnte das Produkt zu
welchem Zweck nutzen? Wo ist das Alleinstellungsmerkmal? Wie teuer
wäre eine Entwicklung? Die Antworten auf diese Fragen werden in einem
Markteinführungskonzept festgehalten, das die wichtigsten Eckdaten für
eine praktische Realisierung einer Idee enthält.
Ein besonderer Vorteil der Lehrkooperation liegt im kommunikativen
Austausch: „Die Lehrkooperation fördert die Fähigkeit, interdisziplinär
zu denken und zu kommunizieren, eine wichtige aber oft vernachlässigte Qualifikation“, sagt Thomas Hermann. Die Studierenden lernen,
wie eine solche Teamarbeit über die Grenzen universitärer Fachbereiche
hinaus funktioniert.
Fotos: Florian Steden
Die neuartige Lehrkooperation gibt es seit 2011. Die Idee dazu hatten
Christian Stummer, Professor für Innovations- und Technologiemanagement
an der Universität Bielefeld, und Dr. Thomas Hermann, Dozent für den
Masterstudiengang „Intelligente Systeme“ an der Universität Bielefeld. Thomas
Hermann ist begeistert vom interdisziplinären Ansatz des Programms: „Die
Informatiker sind manchmal etwas technikverliebt und erkennen nicht,
wie ihre Idee zur konkreten Anwendung geführt werden kann.“ Die beiden
Interkulturalität
„Und woher kommst du?“
Sie leben in Deutschland, arbeiten in Deutschland, haben Kinder oder Ehepartner, die in Deutschland geboren sind. Und doch fühlen sie
sich häufig hin- und hergerissen zwischen Deutschland und ihrem Geburtsland. Im Fachsprachenzentrum (FSZ) der Universität Bielefeld
arbeiten Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten. H1 stellt drei von ihnen vor.
Von Nora Frei
„Deutschland ist auch meine Heimat“
Naim Azofri ist Arabischlehrbeauftragter an der Universität Bielefeld und
Lehrer für den herkunftssprachlichen Unterricht an Bielefelder öffentlichen
Schulen. Dort unterrichtet er Kinder, deren Eltern Arabisch als Muttersprache haben. Ursprünglich kommt er aus Beni Oulichek, einem kleinen Dorf
im Norden Marokkos. 2002 ist er aus Marokko nach Berlin gezogen, mit
fast keinen Deutschkenntnissen. „In einem Sprachkurs habe ich Sätze wie
‚Das weiß ich nicht‘ gelernt. Als Berliner dann zu mir sagten ‚Dit weess
ick nich‘ habe ich gar nichts verstanden. Der Anfang in Deutschland war
ein Sprach- und Kulturschock für mich.“
Naim Azofris erste Erfahrungen in Deutschland sind nicht nur positiv gewesen: „Ich erinnere mich noch, dass ich am Anfang in Potsdam nach dem
Foto: Nora Frei
Was ist eigentlich Kultur?
„Wenn wir über Kultur reden, dann ist die Frage wichtig, was Kultur
eigentlich ist“, sagt Lucyna Darowska vom International Office. Häufig
werde Kultur mit der ethnischen Herkunft oder der Nation gleichgesetzt, wie in „Wieso seid Ihr Deutschen immer so mies gelaunt?“
oder „Ihr Deutschen seid immer pünktlich.“ Dabei ist Kultur viel
mehr: „Alle Menschen werden durch etliche Einflüsse geprägt, das
Heimatland ist dabei nur ein Aspekt unter vielen.“ Genauso wichtig
sei, welche Religion ein Mensch hat oder ob er überhaupt religiös ist.
Wo arbeitet er? Aus welchem Milieu kommt er? Alle Einflüsse zusammen prägen eine Person. „Menschen haben aber natürlich auch die
Möglichkeit, sich von dieser kulturellen Prägung bewusst zu distanzieren oder sie zu ändern.“ Und wenn man Stereotype hinterfragt,
stellt man fest, dass Deutsche ebenso fröhlich und unpünktlich sind.
Naim Azofri lebt seit 2002 in Deutschland und
unterrichtet Arabisch.
Weg fragen wollte. Ich ging auf ein Auto mit offenem Fenster zu, um die
Person darin anzusprechen, aber als ich näher kam, kurbelte der Mann
das Fenster hoch. Damals konnte ich mir das nicht erklären, aber im Nachhinein kann ich mir vorstellen, dass vielleicht Angst der Grund war. Angst
vor jemandem, der anders aussieht und so aussieht, als habe er einen
Migrationshintergrund. Solche Situationen sind häufiger vorgekommen.“
In heiklen Situationen souverän zu reagieren, ist nicht immer einfach. Wenn
man sein Gegenüber nicht kennt oder ihn nicht einschätzen kann, können
leicht Missverständnisse entstehen. Als Naim Azofri nach Deutschland kam
und er in manchen Situationen etwas unsicher war, gab ihm ein Freund
einen Tipp, den er bis heute beherzigt: „Da ich die Kultur in Deutschland
nicht kannte, habe ich mir angewöhnt, immer abzuwarten und die anderen um mich herum zu beobachten“, sagt Naim Azofri. „Möchte mir mein
H1 // INTERNATIONALES
Sechs Jahre später hat er an der Universität Bielefeld sein Studium in
Deutsch als Fremdsprache und Linguistik abgeschlossen und unterrichtet
heute Arabisch im FSZ und an öffentlichen Schulen. Wenn er über seine
Herkunft redet, spricht er nicht nur von Marokko. „Deutschland ist auch
meine Heimat. Ich habe schließlich etwa 40 Prozent meines Lebens in
Deutschland verbracht“, sagt er.
15
Interkulturalität
Gegenüber die Hand bei der Begrüßung geben oder nicht? Wie essen andere am Tisch ihr Essen? Ich orientiere mich dann daran und mache, was
mein Nachbar macht. Selbst wenn ich in Marokko zu Besuch bin, merke
ich, dass sich dieses Verhalten in mein Unterbewusstsein eingeschlichen
hat und ich immer die Reaktionen von anderen abwarte.“
Von São Paulo nach Steinhagen
Simone Lechthoff brauchte zwei Anläufe, bis sie sich in Deutschland wohlfühlte. „Ich habe meinen Mann kennengelernt und bin mit ihm aus
Brasilien nach Berlin gezogen. Dort habe ich mich sehr einsam gefühlt,
weil ich die Sprache nicht beherrschte“, sagt sie. Also lernte sie in einem
Sprachkurs Deutsch, damit sie danach entsprechende Sprachkenntnisse
Typisch deutscher Name?
H1 // INTERNATIONALES
„Wir müssen uns unsere eigenen Vorurteile bewusst machen und uns
muss klar werden, dass es immer an unserer Perspektive liegt, was wir als
fremd empfinden und was nicht“, sagt Darowska. „Es gibt kein typisch
deutsches Aussehen und die Orientierung an dem Typischen hilft nicht
weiter. Im Gegenteil: An den
Namen die Zugehörigkeit
oder Fremdheit erkennen
zu wollen, ist irreführend.
Wir sollten die Erwartungen
in unseren Köpfen hinterfragen.“
16
Lucyna Darowska
arbeitet im
International Office
und ist Expertin
für Migration und
Kulturarbeit.
Simone Lechthoff ist Portugiesischlehrerin
am Fachsprachenzentrum.
hatte, um in Berlin eine Universität zu besuchen. „Das habe ich geschafft.
Aber der erste Tag an der Uni war im Herbst. Es war grau und alle waren
schlecht drauf. Da habe ich mir gedacht: Hier kannst du nicht bleiben –
und bin abgehauen.“ Sie ging zurück nach Brasilien, vergaß Deutschland
aber nie ganz. „Ich habe mich dann entschlossen, es noch einmal zu versuchen, und bin dann zehn Jahre später aus São Paulo nach Steinhagen
gekommen.“ São Paulo hat über zehn Millionen Einwohner, Steinhagen
knapp 20.000. Doch das machte Simone Lechthoff nichts aus, im Gegenteil:
„In Steinhagen habe ich mich gut eingelebt, ich fühle mich sehr wohl.“
An der Universität Bielefeld arbeitet sie seit etwa elf Jahren als Portugiesischlehrerin im FSZ und seit sechs Jahren als Step-Aerobic-Übungsleiterin beim Hochschulsport. Als sie an der Universität anfing, fühlte sie sich
überwältigt und alleine gelassen: „Ich wusste nicht, was ich unterrichten
sollte oder welches Buch ich verwenden sollte.“ Heute sei das ganz anders.
„Es gibt heute zwar mehr Bürokratie, dafür aber auch mehr Einstiegshilfen
und Weiterbildungen. Wenn ein Mitarbeiter neu ins FSZ kommt, dann erhält er Hilfe und Tipps. Damals waren wir freier beim Lehren, aber heute
sind unsere Leistungen besser“, erklärt sie. „Die Leiterin des FSZ, Susanne Hecht, ist sehr nah an uns Beschäftigten dran. Wie feiern zusammen
Weihnachtsfeiern oder veranstalten kulinarische Abende. So etwas gab es
früher nie. Heute ist es viel gemütlicher.“
Wenn es um Gemütlichkeit geht, möchte Simone Lechthoff allerdings nicht
missverstanden werden: „Es gibt das weit verbreitete Vorurteil, dass wir
Brasilianer alle immer unpünktlich sind. Das stimmt absolut nicht. Wenn
ich ständig zu spät beim Unterricht erscheinen würde, dann wäre ich sowieso längst gefeuert. Unabhängig davon finde ich, dass man Leute nicht
warten lassen sollte.“
Mit 18 Jahren in ein anderes Land
Salih Wrede ist 24 Jahre alt und ein viel beschäftigter Mensch. Er beendet
gerade sein Bachelorstudium Deutsch als Fremdsprache im Hauptfach und
Fotos: privat, Nora Frei
Was er aus Marokko am meisten vermisst? Seine Familie und Freunde,
marokkanisches Essen und das gute Wetter. Aber er hat auch manches
in Deutschland schätzen gelernt. „Die Bürokratie in Deutschland ist einfacher als in Marokko, ich liebe die Ordnung und schätze die Bildung“,
sagt er. „Meine Dozenten haben mich immer motiviert und unterstützt
in meinen Plänen. Zum Glück habe ich in Deutschland mehr interessante
Menschen kennengelernt als solche, mit denen ich schlechte Erfahrungen
machen musste.“
nen schönen Feierabend gewünscht. Ich habe mich immer gewundert,
was sie damit meinen, und gedacht: Ich will doch heute gar nicht feiern
gehen.“ Irgendwann haben sie mir den Begriff erklärt.
In Deutschland hat er sich gut eingelebt. Seinen Führerschein hat er in
Deutschland gemacht und hat mit der Zeit die Verkehrsregeln und das
Fahrverhalten in Deutschland sehr zu schätzen gelernt. „In der Türkei
würde ich nie auf die Idee kommen, selbst Auto zu fahren. Das ist viel zu
chaotisch und zu anstrengend“, sagt er schmunzelnd.
Linguistik im Nebenfach. Als Mitarbeiter am Fachsprachenzentrum unterrichtete er von 2011 bis 2015 Türkisch und arbeitet zudem in der Stadtbibliothek. Dort unterstützt er zum Beispiel Projekte für Migrantenkinder.
Er veranstaltet bilinguale Vorlesereihen für Kinder ab vier Jahren. Damit
wird sowohl die Zweitsprache Deutsch als auch die Muttersprache Türkisch gepflegt.
Salih Wrede kommt ursprünglich aus Istanbul. Dort besuchte er eine
deutschsprachige Schule. Nach dem Abitur bekam er ein Stipendium vom
Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) für ein Studium und zog
aus der Türkei nach Deutschland. Alleine und mit gerade mal 18 Jahren.
„Das war schon nicht einfach, die Familie und alle Freunde zurückzulassen
und in ein Land zu ziehen, in dem ich noch keine Freunde hatte“, sagt
er. „Zum Glück konnte ich mich gut verständigen, das hat mir geholfen.“
Trotzdem hakte es am Anfang hin und wieder mit der Sprache: „Wenn
ich abends nach Hause gehen wollte, haben mir die Kollegen immer ei-
Foto: Nora Frei
„Und woher kommst du?“
Eine einfache Frage, die jeder kennt. Sie kann höflich und gut gemeint sein, von jemandem der einfach neugierig ist. Sie kann Menschen aber auch gewaltig vor den Kopf stoßen. „Wenn Menschen
aufgrund ihres Äußeren oder aufgrund ihres Namens gefragt werden, woher sie kommen, ist damit häufig nicht eine Region oder ein
Ort in Deutschland gemeint“, sagt Lucyna Darowska. Man möchte wissen: Aus welchem Land kommst du eigentlich? „Das ist für
viele junge Menschen, die in Deutschland geboren oder in dieser
Gesellschaft ihren Lebensschwerpunkt haben, verunsichernd. Die
meisten erfahren in diesen Dialogen zu ihrem Erstaunen oder Entsetzen, dass sie als Fremde im eigenen Land verstanden werden.“
Und das kann wehtun.
Eigentlich hatte er überlegt, nach dem Studium wieder zurück in die
Türkei zu gehen. Aber vor fünf Jahr hat er seinen Mann geheiratet. „Das
hat natürlich unsere Pläne geändert und ich möchte jetzt doch gerne in
Deutschland bleiben. Ich habe meine neue Familie hier gegründet, aber
mir fehlen trotzdem meine Eltern, meine Geschwister, Omas Essen und
der Bosporus.“
Seminare und Workshops zum Thema
Interkulturalität: eine Auswahl
„Studium Internationale“, das im Bereich Individuelle
Ergänzung in Bachelorstudiengängen belegt werden kann
www.uni-bielefeld.de/International/Students/
Studium-Internationale.html
regelmäßiges Seminar für Bachelorstudierende aller Fächer:
„Interkulturelle Kompetenz als reflexive Haltung“
Tagesworkshop für Studierende aller Fächer zu internationalen
Berufsperspektiven
Das International Office unterstützt Beschäftigte der
Universität bei der Konzipierung und Durchführung von
Workshops im Bereich Interkultur
Regelmäßige, eintägige Workshops zu Interkultur für
Mentoren und Mentorinnen des Brother-Sister-Programms
(Mentoringprogramm für internationale Studierende) und
des Interkontakt (Mentoringprogramm für internationale
Doktoranden und Doktorandinnen)
www.uni-bielefeld.de/International/Students/
brother-sister
www.uni-bielefeld.de/International/mentoring
H1 // INTERNATIONALES
Salih Wrede veranstaltet Vorlesereihen für Migran
tenkinder
in der Stadtbibliothek.
Für den Job als Lehrer im Fachsprachenzentrum hatte er sich einfach mal
beworben, obwohl es keine freien Stellen gab. „Kurz danach wurde aber
etwas frei und ich bekam direkt einen Lehrauftrag. Ich wollte gerne einen
zielgerichteten Job haben, also einen, bei dem ich nicht nur Geld verdiene,
sondern der mich beruflich weiterbringt. Den habe ich hier gefunden.“
Und wie verhält er sich, wenn die meisten Studierenden genauso alt sind
wie er als Dozent? „Mein Alter ist auf keinen Fall ein Nachteil. Ich habe
die Erfahrung gemacht, dass man gut ankommt, wenn man etwa so alt
ist wie die Studierenden und auf Augenhöhe mit ihnen ist.“
17
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Tanz mit dem Teufel? Tanz mit dem Teufel?
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Schweden soll ein Paradies für Familien mit Kindern sein. Außerdem ist es Al
bekannt
für sein gutes Hochschulsystem. Passt doch wunderbar
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Bielefeld
zusammen, dachte ich mir und bewarb mich für ein Erasmus-Semester in Schweden,Vielfalt
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ichBielefelder
zusammen
mit meiner 4-jährigen Tochter
Uni-Alltag
Mia in Linköping absolvieren sollte.
dierende zunächst in Notunterkünften untergebracht werden, wurde uns
als Sonderfall frühzeitig eine Wohnung vermittelt. Wir leben nicht wie die
meisten schwedischen Studenten in einer Art 8er-WG, sondern in einer
2-Zimmer-Wohnung in einem ruhigen Wohnviertel in Uni-Nähe. Die Suche nach einem Kita-Platz verlief ebenfalls schnell und unbürokratisch.
Schweden wird seinem Ruf hinsichtlich seiner Familienfreundlichkeit gerecht: Die Kita-Kosten betragen für uns genau wie für alle schwedischen
Familien höchstens zwei Prozent des Einkommens – man kann sich vorstellen, dass das in unserem Fall Kinderbetreuung zum Sonderpreis ist!
H1 // INTERNATIONALES
Innerhalb des Studiums ein Kind zu bekommen, war in unserem Fall keine bewusste Entscheidung, sondern glückliche Fügung. Auch wenn ich
es anfangs selbst nicht glauben wollte – ein Studium mit Kind lässt sich
dank finanzieller und in unserem Fall familiärer Unterstützung stemmen.
18
Dementsprechend empfinde ich es durchweg als Bereicherung, eine junge,
studentische Mama zu sein, und hatte nie das Gefühl, auf vieles verzichten zu müssen. Bis auf eine Ausnahme - einen Auslandsaufenthalt! Ich
träumte seit jeher davon, für längere Zeit in einem anderen Land zu leben,
dort herumzureisen und Leute aus aller Welt kennenzulernen. Außerdem
ergibt es Sinn im Hinblick auf meinen späteren Beruf als Englisch- und Pädagogiklehrerin, in dem interkulturelles Lernen ein wichtiger Bestandteil
ist, selbst einmal über den Tellerrand zu blicken, um später Interkulturalität noch ein Stück authentischer vertreten zu können. Also – warum
eigentlich nicht mit Kind? „Trust in your ideas and jump!“
Die Organisation eines Auslandsaufenthaltes mit Kind ist sicher von Fall zu
Fall sehr unterschiedlich. Ich habe wohl wirklich Glück gehabt. Obwohl
in Linköping jedes Semester große Wohnungsnot herrscht und viele Stu-
An alle anderen reiselustigen Studentenmamis und -papis: Ich finde, es
lohnt sich, und bin mir sicher, dass auch Kinder von so einer Erfahrung
profitieren.
Många hälsningar
Jana Kley
Lust auf Auslandserfahrungen, auf fremde Kulturen
und Sprachen, auf Freundschaften weltweit?
Das International Office hilft gern. Telefon: 0521 106-4087 oder -67386
E-Mail: [email protected]
www.uni-bielefeld.de/io
Foto: privat
Jana Kley und Tochter Mia genießen in Schweden die Zeit im Schnee.
Mittlerweile sind wir seit acht Wochen hier und fühlen uns pudelwohl.
Mia geht gern zur Kita, versteht schon fast alles und spricht ihre ersten
schwedischen Sätze. Ich stecke in den Vorbereitungen für die Aufführung
meines Drama-Kurses und beginne bald ein Praktikum an einer schwedischen Schule. Während die anderen Erasmusler sich abends und an den
Wochenenden treffen, machen wir unser eigenes, kindgerechtes Ding.
Manchmal nehme ich Mia aber auch mit zu Aktionen des Erasmus-Netzwerks. Wir waren zum Beispiel im Museum, haben schwedisches Gebäck
probiert oder am City-Quiz teilgenommen. Außerdem durften wir unsere
Gastfamilie kennenlernen, die uns gleich zu sich nach Hause eingeladen
hat und mit der wir im Laufe des Semesters zusammen Ausflüge machen
werden. Am allermeisten freuen wir uns aber darauf, dass unsere Familie
bald wieder komplett sein wird und wir Schweden zu dritt erkunden –
wegen eines Praktikums mussten wir den Papa vorerst daheim zurücklassen.
Bau-Report
Startschuss für die erste Bauphase
Seit einiger Zeit ist in der Universität neben Studierenden und Beschäftigten auch ein Team aus Handwerkern und Bauplanern zu sehen.
Maschinen, Baumaterial und -geräte vervollständigen den Eindruck: Der erste Bauabschnitt hat begonnen. Wir haben den Aufbau einer
Bautrennwand in der zentralen Uni-Halle begleitet.
2
1
Fotos: Raphaela Wiedenhaus, Maren Vollmer
5
4
1 Noch ist alles wie gewohnt in der Uni-Halle. 2 Das Handwerkerteam setzt
die ersten 9 Meter hohen Holzplanken. 3 Das Holzgerüst steht und trennt
den ersten Bauabschnitt vom übrigen Gebäude ab. 4 Der Blick zum ehemaligen Haupteingang, der früheren Cafeteria und der alten Mensa wird
verschlossen. 5 Das Holzgerüst bekommt eine Dämmung mit Mineralwolle.
6 Das Handwerkerteam verkleidet die Wand mit Gipskartonplatten.
6
H1 // BAU-REPORT
3
19
Bau-Report
Auf der Suche nach dem richtigen Kabel
Das Hauptgebäude der Universität hat eine Hauptnutzfläche von rund 145.000 Quadratmetern. Auf 30.000 davon heißt es nun modernisieren statt studieren, sanieren statt Bücher wälzen, bauen statt forschen.
von Nina Kothy
Die Bauteile A, B, K, S und R bilden den ersten Teil der Rundumerneuerung des Universitätsgebäudes. Dafür müssen sie vom restlichen Hauptgebäude abgeteilt werden. „Das ist wie ein Bein zu amputieren“, sagt
Michael Fischer vom Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB) aus der
Niederlassung Bielefeld. Gas-, Wasser-, Abwasser- und Lüftungsleitungen
sowie Elektrotechnik, Datenkabel und Brandschutzanlagen – alles wird
gekappt. Nur noch Wände, Böden und Decken werden später den ersten
Bauabschnitt mit dem restlichen Hauptgebäude verbinden. Baulich und
technisch werden die Bereiche voneinander getrennt.
Fischer ist Projektverantwortlicher für die Ausführung des ersten Bauabschnitts beim BLB. Der BLB ist Eigentümer des Gebäudes und damit Bauherr der Modernisierung. Rund ein Dutzend Personen arbeiten beim BLB
an der Universitätsmodernisierung. Dazu kommen Planer und Büros sowie
Michael Fischer vom Bau- und Liegenschaftsbetrieb organisiert und
plant den ersten Bauabschnitt der Universitätsmodernisierung.
zahlreiche Beschäftigte der Universität. Das Team plant die Abtrennung des
ersten Bauabschnitts schon seit mehreren Monaten.
H1 // BAU-REPORT
„Das komplizierteste der Abtrennung ist der Strom“, sagt Fischer. In der
40-jährigen Geschichte der Universität ist baulich einiges passiert. Nicht
immer wurden die Veränderungen einwandfrei dokumentiert. Das kann
zu Problemen führen. „Man ist immer wieder erstaunt, wenn man eine
Sicherung rausdreht, wo überall das Licht ausgeht“, erzählt Fischer. Das
Team prüft, wo die Kabel verlaufen. Viele Tests sind notwendig, damit
am Ende auf allen Ebenen die richtigen Kabel durchgeschnitten werden.
20
Knapp 400 Meter Wand und 1.200 Meter Bauzaun trennen in der zentralen Halle, in den Fluren und im Außenbereich den ersten Bauabschnitt
vom übrigen Universitätsgebäude ab. Innerhalb des Gebäudes liegen vor
1.200 Meter Bauzaun verlaufen
im Außenbereich rund um den ersten Bauabschnitt.
diesen Wänden sogenannte Pufferzonen. Hier wird nicht geforscht, gelehrt oder gearbeitet. Die Pufferzonen sind ein zusätzlicher Abstand zwischen den Bautätigkeiten und dem Universitätsbetrieb. Sie schützen vor
Lärm und Staub.
Damit Fischer und die Projektgruppe des BLB den ersten Bauabschnitt
abtrennen können, mussten in der Universität viele Umzugskartons geschleppt werden. Von Fahrradständern bis zu Büros: Sieben Fakultäten,
gut ein Dutzend Einrichtungen, sieben Dezernate, die Mensa, die Cafeteria, Teile der Bibliothek, das Rektorat und einige Seminarräume waren im
ersten Bauabschnitt angesiedelt und mussten umziehen. Unter anderem
im 2014 fertiggestellten Gebäude X, im Q-Gebäude, im H-Gebäude und
im Hauptgebäude haben sie neue Büros und Räumlichkeiten bezogen.
„Jetzt sind die Umzüge aus dem ersten Bauabschnitt nach über einem Jahr
geschafft, die Flächen stehen nun dem BLB für die Baustelleneinrichtung
zur Verfügung“, resümiert Imke Albers, Abteilungsleiterin für Infrastrukturelles beim Dezernat Facility Management der Universität.
Sobald die Abtrennung abgeschlossen ist, beginnt der nächste Schritt:
die Schadstoffsanierung. Es handelt sich dabei in erster Linie um Asbest,
PCB und künstliche Mineralfasern, die aus dem Gebäude entfernt werden müssen. Diese Phase wird rund eineinhalb Jahre dauern. „Während
dieser Zeit wird man von außen kaum etwas sehen“, sagt Fischer. Die
Schadstoffentfernung passiert in abgetrennten Bereichen im Inneren des
Gebäudes. Um niemanden zu gefährden, dürfen nur speziell geschulte
Daten und Fakten
zum ersten Bauabschnitt
n 2014 fiel der Startschuss für den ersten von insgesamt
sechs Bauabschnitten.
n Der erste Bauabschnitt hat eine Größe von rund
30.000 Quadratmetern (Hauptnutzfläche).
1,2 Kilometern.
n Die Trennwände im Gebäude sind 390 Meter lang
und haben eine Fläche von rund 1.700 Quadratmetern.
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diese Bereiche betreten und in ihnen
arbeiten. „Auch ich darf dort nicht hinein“, erzählt Fischer.
Es ist eine Herausforderung, die Abtrennung zu planen und durchzuführen. Auch beim Bau des Gebäudes X war Fischer als Projektverantwortlicher tätig und hat schon viele Erfahrungen sammeln können. Noch heute
ist er begeistert von dem Projekt: „Das war schon spannend, aber das hier
im Hauptgebäude ist noch mal einen Tacken spannender.“
n Neun Meter ist die Trennwand in der zentralen
Uni-Halle hoch.
n Die Trennwände bestehen aus Holz, Mineralwolle
und Gipskartonplatten.
Aktuelle Informationen, Meldungen und Bilder zu den Modernisierungsmaßnahmen der Universität gibt es im Internet:
www.uni-bielefeld.de/bau; www.uni-bielefeld.de/baureporter
H1 // BAU-REPORT
Fotos: Raphaela Wiedenhaus, Maren Vollmer
n Der Bauzaun im Außenbereich hat eine Länge von
Postkarten informierten die Fahrradbesitzer über den Umzug
der Fahrradständer.
21
Bau-Report
Fragen und Antworten
!
?
Immer wieder erreichen uns Fragen rund um die Themen Bau und Modernisierung. Besonders häufig gestellte beantworten wir im H1.
Gibt es eine Frage, auf die wir eine Antwort finden sollen? Einfach eine E-Mail senden an: [email protected]
22
Fuchs
Matthias
Antwort
von Matthias Fu
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Facility Managem
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Der Seiteneingang
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ändert sich mit de
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ersten Bauabsch
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im Außen- und
Innenbereich leite
n die
Personen zu dem
neuen Hauptein
gang
(interim). Im Ba
uteil C, Zugang
Betriebsarzt, Fach
sprachenzentrum
und KontaktStub
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barrierefreier Ein
- und Ausgang fü
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die Zeit des erste
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Rücksicht auf Men
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Eingang zu nutze
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Hans-Martin Kruckis
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SOZIOLOGIE
Ein Blick in Luhmanns Zettelkasten
Kaum ein Name ist so mit der Universität Bielefeld verbunden wie Niklas Luhmann. Nun beschäftigt sich ein Langzeitforschungsprojekt
mit dem Nachlass des Soziologen. Im Rahmen der wissenschaftlichen Erschließung sind ein Internetportal und Druckpublikationen geplant, die umfassende Einblicke in seine Forschungstätigkeiten gewähren sollen. Zentrum der Nachlassforschung ist Luhmanns berühmter
Von Marie-Luise Krüger
Ein Kasten mit etwa 90.000 Notizzetteln, Informationen zu vielen verschiedenen Themen und ein komplexes Nummerierungssystem, das alle
Zettel miteinander verknüpft: Das sind die Grundlagen von Niklas Luhmanns wissenschaftlicher Arbeit.
Foto: Nora Frei
Niklas Luhmann (1927–1998), der von 1968 bis 1993 an der Universität
Bielefeld lehrte und forschte, gehört zu den bedeutendsten deutschen
Soziologen des 20. Jahrhunderts.
40 Jahre füllten seine Gedanken den Zettelkasten und nach eigener Angabe
waren dessen Inhalte die Basis für unzählige seiner veröffentlichten Werke
und Artikel. „Der Zettelkasten war Luhmanns Denkwerkzeug. Luhmann
hat immer für den Zettelkasten geschrieben“, erklärt Diplom-Soziologe
Johannes Schmidt, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter des von Professor Dr. André Kieserling geleiteten Forschungsprojektes „Niklas Luhmann
– Theorie als Passion“ tätig ist. Neben unveröffentlichten Manuskripten,
unter anderem vier verschiedenen Fassungen der Gesellschaftstheorie,
Vorlesungsskripten und Briefwechseln ist der Zettelkasten der wichtigste
Teil des Nachlasses, den das auf 16 Jahre angelegte Projekt untersucht.
Die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste
fördert das Forschungsvorhaben mit fünf Millionen Euro.
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„Im ersten Schritt geht
es zunächst darum, den
Nachlass zu sichern“, erklärt Schmidt. „Das heißt,
Archivare ordnen das
Material, erstellen ein
Verzeichnis und digitalisieren wissenschaftlich
interessante Dokumente,
insbesondere die Manuskripte und den Zettelkasten.“ Diese erste
Phase dauert voraussichtlich zwei Jahre.
Anschließend beginnt die eigentliche Erschließungs- und Editierungsarbeit.
Dafür wird der Zettelkasten transkribiert und die Inhalte werden in eine
Datenbank für ein Internetportal übertragen, das in Zusammenarbeit mit
dem Cologne Center für eHumanities (CCeH) der Universität Köln entsteht.
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des CCeH erstellen hierfür eine eigene,
für die Editionsarbeit maßgeschneiderte Software. Das öffentlich zugängliche Online-Portal, das unter der Adresse niklas-luhmann-archiv.de
zu finden sein wird, soll allen Interessierten ermöglichen, virtuell in Luhmanns Zettelkasten zu blättern und die erschlossenen Materialien einsehen
zu können. „Das ist, als würde man vor dem Zettelkasten stehen. Aber
der Vorteil ist, dass man die Zettel nicht mühselig heraussuchen muss,
sondern einfach den entsprechenden Link anklicken kann“, meint Johannes Schmidt. Die elektronische Version wird außerdem zahlreiche Zusatzfunktionen bieten, welche die Zugänglichkeit erleichtern. Dazu zählen
ein erweitertes Schlagwort- und Personenregister und eine Inhaltsübersicht. Neben dieser Datenbank wird die Homepage auch die bislang unveröffentlichten Manuskripte zugänglich machen, außerdem Audio- und
Videodokumente über Luhmann, eine vollständige Bibliografie sowie ein
Verzeichnis ausgewählter Sekundärliteratur präsentieren.
Die neu erarbeiteten Inhalte werden jeweils im halbjährlichen Abstand
online gestellt, sodass der virtuelle Zettelkasten nach und nach wächst.
Darüber hinaus erscheinen im Rhythmus von etwa anderthalb Jahren zu
den zentralen Themen Buchpublikationen in einer zwölfbändigen Reihe.
Das Besondere an dem Projekt ist die Möglichkeit, einen intensiven Einblick in Luhmanns Forschungen über seine Veröffentlichungen hinaus zu
gewinnen. Vor allem die Auseinandersetzung mit dem Zettelkasten gibt
Aufschluss über Luhmanns Arbeitsweise. „Hier liegt ein Forscherleben vor
uns“, so Schmidt. „Wir können in die Werkstatt gucken und sehen – wie
wurde hier Wissenschaft gemacht, wie wurden Texte geschrieben? Das ist
einmalig in der wissenschaftlichen Welt.“
Vom 10. Juli 2015 bis zum 11. Oktober 2015 ist der Zettelkasten in der
Ausstellung „Serendipity – Vom Glück des Findens: Niklas Luhmann
– Ulrich Rückriem – Jörg Sasse“ in der Kunsthalle Bielefeld zu sehen.
H1 // FORSCHUNG
Zettelkasten.
23
ZuGleich-Studie
„Vielfalt ist nicht bequem“
Migration ist etwas Positives, das findet die Mehrheit der Deutschen. Wenn es aber darum geht, Integration umzusetzen, zeigt sich über
ein Drittel der Bürger reserviert und will lieber nicht handeln. Wie kommt das? H1 hat mit dem Integrationsforscher Professor Dr. Andreas
Zick darüber gesprochen.
H1 // FORSCHUNG
„Vielfalt ist nicht bequem“, sagt Andreas
Zick vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG). „Wenn
zwei unterschiedliche Gruppen aufeinandertreffen, treffen auch zwangsläufig verschiedene Ansichten
aufeinander.“ Sich mit Vielfalt auseinanderzusetzen heißt
auch Zeit und Energie zu investieren – und das möchten
viele nicht gerne. Im vergangenen Jahr veröffentlichte das
IKG unter Zicks Leitung die ZuGleich-Studie zum Thema „Integration“, die von der Stiftung Mercator gefördert wurde. Die Ergebnisse
darin spiegeln diese zweigeteilte Sicht wider: Zwar begrüßen viele eine
stärkere Willkommenskultur und Vielfalt in Deutschland, bleiben aber
oft passiv, wenn sie selbst handeln sollen.
24
Der Prozess der Vielfalt zieht laut Zick zwangsläufig Konflikte mit sich. „Es geht nicht nur
darum, dass alles bunt und schön ist. Die
Förderung von Vielfalt muss zielgerichtet
sein. Und dieses Ziel sollte die Integration sein.“
Dabei schürt eine wachsende Vielfalt immer auch Ängste.
Einige fühlen sich von wachsender Integration bedroht und
befürchten, an Macht zu verlieren. Hier fordert Zick ein
Umdenken in den Köpfen der Menschen. „Viele fürchten um ihre alten Vorrechte oder überschätzen
ihre eigene Integrationsbereitschaft. Wenn
möglich müssen wir alte Denkmuster,
die zwischen „Die Anderen“ und
„Wir“ unterscheiden, aufbrechen.“ Konflikte entstünden auch schon
bei der grundlegenden Frage
danach, was Vielfalt überhaupt ist. Dieser Konflikt um Definitionen findet sich
auch im Forschungsalltag der Universitäten. Gestritten wird auch darüber,
Von Janina Bergemann und Nora Frei
nach welchen Regeln Vielfalt ablaufen soll. Sind neue Regeln notwendig?
Und wer soll diese bestimmen?
„Vielfalt bedeutet immer auch, dass unterschiedliche Normen und Werte
aufeinanderprallen. Um die Konflikte lösen zu können, ist es notwendig zu begreifen, dass Integration ein gegenseitiger Prozess ist“, so der Integrationsexperte.
Die Universität und die Studierenden seien
Teil dieses Prozesses und könnten ihn
mitgestalten. „Es ist wichtig, sich
eine begründete Meinung zu
diesem Thema zu bilden. Nur
wenn man sich mit den Problemen befasst, kann man
eine Lösung finden.“
Als Teil der Bildungswelt
sei auch die Universität von
den Konflikten betroffen,
die Vielfalt mit sich bringt.
Das fängt bei Fragen nach der
Anrechnung von Abschlüssen
an und endet bei gesamtgesellschaftlichen Fragen. „Ein gutes
Projekt zur Vielfalt stiftet Unordnung. Dafür muss Raum geschaffen werden“, sagt der Experte,
der auch zu Rassismus und Vorurteilen
forscht. Ein solcher Raum kann die Universität sein.
Hier können die Studierenden bereits üben, sich begründet mit dem Thema „Vielfalt und Konflikt“ zu
befassen. Statt zu denken, wie es laut Zick viele
Studierende tun: „Da kann ich nicht mitreden,
weil ich darüber zu wenig weiß“, sollten
sich alle Studierenden trauen, sich eine
eigene Meinung zu bilden.
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„Meine Muttersprache kann ich nicht ändern“Titelthema | Seite
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Keywan Tonekaboni fragt, warum er oft
an Studien nicht teilnehmen darf.
Der Experte für Vorurteilsforschung
Professor Dr. Andreas Zick antwortet.
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Ich kann sehr gut verstehen, warum sich Herr Toneka
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sprachler machen.
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ihre Meinung.
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oder suchen sie nicht eigentlich Personen, die die Anwei
ieren können?
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Ich denke, dass einige Studienleiterinnen
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Ich träume auf Deutsch und selbst meine Muttersprach
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spreche ich mit einem deutschen Akzent. Aber offiziell ist
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nicht meine Muttersprache – oder wie
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diesen Studien nicht mitmachen. Deshalb
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Titelthema deshalb darf ich bei
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fühle ich mich, ja werde ich, ausgegrenzt. Eine Studienleiter
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erklärte mir das mal so: Vielleicht würde
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nicht gerade ein Querschnitt der Gesellschaft. Wird also
man es sonst bei
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25
Movement-Programm
Rückenwind mit Mentoring
Das Mentoring-Programm movement bringt motivierte Studentinnen und Nachwuchswissenschaftlerinnen, sogenannte Mentees, mit erfahrenen Mentorinnen und Mentoren zusammen. Das bedeutet Unterstützung, Netzwerken und Karriereplanung für die jungen Akademikerinnen, aber auch eine große Bereicherung für die Mentorinnen und Mentoren.
Yulika Ogawa-Müller leitet das
movement-Programm seit 2011.
„Viele denken, geschlechtsspezifische
Ungleichheiten seien Schnee von gestern, aber das ist nicht so. Insbesondere in höheren wissenschaftlichen Positionen sind Frauen immer noch deutlich
in der Minderheit“, sagt Yulika OgawaMüller, die movement entwickelt hat und
seit 2011 leitet. Das habe mehrere Gründe: „Es gibt
viel mehr Professoren als Professorinnen. Da Fördermechanismen oft so
greifen, dass man – auch ohne bewusste Absicht – diejenigen mehr unterstützt, die einem sozial ähnlich sind, sind Frauen hier tendenziell im
Nachteil. Zudem fehlt es ihnen an erfolgreichen Vorbildern.“ Auch seien
Frauen im Wettbewerb häufig bescheidener und hätten dadurch eher
Probleme, sich durchzusetzen. An diesen Punkten setzt movement an.
H1 // FORSCHUNG
„Wir wollen mit dem Programm einen Beitrag zu Chancengleichheit und
Gleichstellung leisten“, sagt Ogawa-Müller. Das Konzept: Eine erfahrene und
etablierte Mentorin oder ein Mentor geht mit einer Mentee, die am Beginn
ihrer wissenschaftlichen Laufbahn steht, eine Förderbeziehung ein und gibt ihr beziehungsweise sein informelles, karriererelevantes Erfahrungswissen weiter.
26
Mehr als 150 Mentees haben seit 2011 erfolgreich an dem Projekt teilgenommen. Ihre
Beweggründe und Erkenntnisse sind sehr
individuell, genau wie jede Mentoring-Beziehung. Eine der Mentees ist Vildan Aytekin.
Sie studiert Master of Education Geschichte und
InterAmerikanische Studien an der Universität Bielefeld
und islamische Religionspädagogik in Osnabrück. Sie
hat sich angemeldet, weil sie sich erhofft, Informa-
Von Alexa Werner
tionen und Tipps für ihre Promotion zu bekommen: „Dabei bekomme ich
viel mehr: Zuspruch, Unterstützung und ein Netzwerk.“
Ihre Mentorin, Dr. Levke Harders, hatte sie bereits als Lehrende in einem
Seminar kennengelernt. Und nachdem die Projektleiterin Yulika OgawaMüller als Vermittlerin zwischen Mentorin und Mentee nachfragte, war
für die Historikerin klar, als Mentorin zur Verfügung zu stehen. Schließlich
war Dr. Levke Harders als Postdoktorandin selbst Mentee in dem Programm
und weiß daher um seine Wichtigkeit: „Dadurch, dass ich mich auch in
meiner Forschung mit Geschlechterverhältnissen beschäftige, ist mir die
Bedeutung von Netzwerken und der Beziehung zur Mentorin bekannt und
ich weiß, dass diese Art der Unterstützung hilfreich ist.“
Seit rund einem Semester treffen sich Mentorin und Mentee etwa einmal
monatlich und besprechen alle möglichen Themenkomplexe: Finanzierung einer Promotion, Förderung durch Drittmittel oder Vorteile einer sogenannten freien Promotion (ohne eine bezahlte universitäre Anstellung).
Aber auch die Themenfindung selbst: Ist es günstiger, ein anerkanntes Themenfeld in der Geschichte zu bearbeiten, als ein Thema, das eher nicht im
Zentrum des Fachs liegt, aber stärker den eigenen Interessen entspricht?
„Man sieht das Promovieren immer als kolossales Projekt“, sagt die Masterstudentin. „Wenn ich aber mit meiner Mentorin
darüber rede, merke ich, dass es machbar
ist. Ich bekomme Zuspruch von einem
Profi und das gibt mir Mut.“
Schritt für Schritt zum Erfolg: Mentorin Dr. Levke Harders (l.) unterstützt
die Masterstudentin Vildan Aytekin bei ihrem Ziel zu promovieren.
Neben der Beziehung zu Mentorinnen und Mentoren besteht movement aus
drei weiteren Komponenten: aus Workshops mit professionellen Trainerinnen
und Trainern, Vortragsveranstaltungen und dem Peer-Mentoring. Auch davon
profitieren die Mentees. Fünf Personen organisieren selbstständig Treffen
in ihrer Peer-Gruppe. Sie sprechen über alle Themen, die sie unmittelbar
beschäftigen, und stehen sich gegenseitig mit kollegialer Beratung zur Seite.
„Hier verfolgen alle das gleiche Ziel – das verbindet“, sagt Vildan Aytekin.
So können sich die Mentees auch gegenseitig motivieren. Eine besondere
Bereicherung sei dabei die Interdisziplinarität – die Vielfalt –, da die Mentees in unterschiedlichen Richtungen, Fächern und Fakultäten forschen.
Bei den Doktorandinnen und insbesondere bei den Postdoktorandinnen
(Wissenschaftlerinnen, die sich in der Qualifizierungsphase nach ihrer
erfolgreichen Promotion befinden) spiele es außerdem eine bedeutende
Rolle, dass diese Peer-Mentoring-Beziehungen konkurrenzfrei und vertraulich sind, fügt Projektleiterin Ogawa-Müller hinzu. Im Arbeitsalltag
der Nachwuchswissenschaftlerinnen im insgesamt sehr kompetitiven
Wissenschaftssystem sind viele Kontakte durch Konkurrenzdruck belastet.
Das Mentoring-Programm movement beinhaltet drei verschiedene Angebote, die auf die jeweilige Karrierestufe zugeschnitten sind. Für Studentinnen wie Vildan Aytekin läuft das Programm neun Monate, für Doktorandinnen zwölf Monate, für Postdoktorandinnen 18 Monate.
Die Bewerbungsfristen enden für Studentinnen Mitte März, für Doktorandinnen Ende Oktober, für internationale Doktorandinnen Ende
November und für Postdocs Ende Mai.
Weitere Informationen über das Programm sind auf der Internetseite
www.uni-bielefeld.de/movement abrufbar.
Auf www.uni-bielefeld.de/nachwuchs, der Nachwuchsseite der
Universität, finden alle Promovierenden und Postdocs weiterführende Informationen.
H1 // FORSCHUNG
Fotos: Alexa Werner
Und auch die Mentorin nimmt viel von dem Programm mit – sogar mehr,
als man zunächst denkt. „Es ist eine große Freude und Bereicherung, die
Entwicklung des Projektes, aber auch der Persönlichkeit zu sehen“, sagt
Dr. Levke Harders, die vor Vildan Aytekin bereits eine andere Mentee betreute, zu der sie auch nach der offiziellen Programmlaufzeit noch Kontakt hat. Zudem spielen Selbstreflexion und weiterführende Fragen für
die Mentorin eine entscheidende Rolle. „Wir haben im Seminar sehr viel
über Ungleichheit und Privilegien gesprochen und diese Diskussion anschließend in der Mentoringbeziehung weitergeführt. Vildan Aytekin hat
als deutsche Muslima einen anderen Blick auf die Universität“, nennt Dr.
Levke Harders ein Beispiel. Zudem könne sie sich selbst und ihre Rolle als
Lehrende und Betreuerin immer wieder reflektieren.
27
Biodiversität
Bilderflut aus der Unterwasserwelt
Einmal mit einem Forschungsschiff den Meeresboden erkunden – diesen Traum hat der naturwissenschaftliche Informatiker Timm
Schoening seit seinem Studium. Sein Vorhaben wird nun Wirklichkeit. In zwei Forschungsreisen erkundet der 30-jährige wissenschaftliche Mitarbeiter der Universität Bielefeld an Bord eines Schiffes und mithilfe eines Unterwasserroboters die biologische Vielfalt des
Pazifischen Ozeans. Er erstellt dabei riesige Datenberge an Fotos, die er dann mit dem Computer nach Unbekanntem durchsucht.
Von Natalie Junghof
Um neue computergestützte Auswertungsmöglichkeiten für große Datenmengen zu entwickeln, programmierte die Gruppe von Nattkemper im Jahr
2008 das erste Online-Werkzeug zur manuellen Bildauswertung BIIGLE (Bio-Image
Indexing, Graphical Labelling and Exploration). Die
H1 // FORSCHUNG
Aufnahmen, wie
diese von Seegurken,
können mit dem
neuen Algorithmus
ausgewertet werden.
28
BIIGLE-Datenbank ist für die registrierten Nutzer aus der Meeresforschung
weltweit über das Internet einsehbar. Die Kooperationspartner können dann mit den Daten arbeiten. Aktuell enthält die Datenbank mehr
als 200.000 Bilder. „Meereswissenschaftler und Meereswissenschaftlerinnen finden in BIIGLE immer wieder neue Komponenten und Aspekte
der biologischen Vielfalt und studieren die Verteilung von Spezies auf dem
Meeresboden“, sagt Nattkemper, Professor an der Technischen Fakultät. „Unser Ziel ist es, dass die Bildinhalte durch trainierte Algorithmen und
fast ohne aufwendige menschliche Arbeit ausgewertet werden.“ Um dieses Ziel zu erreichen, sammelt die Forschungsgruppe zusammen mit ihren
Kooperationspartnern das Bildmaterial und entwickelt gemeinsam neue
Algorithmen. Dabei programmierte Schoening einen Algorithmus, mit dem
Fotos: Thomas Badewien, ICBM, Universität Oldenburg, Natalie Junghof, Norma Langohr
Wie sieht die Unterwasserwelt der Tiefsee im Pazifischen Ozean aus? Und
wie verändern sich die Lebensräume im Laufe der Zeit? Durch neue Technologien ist es möglich, die Tiefsee durch ihre digitale Abbildung zu erforschen, um diese Fragen zu beantworten. Das achtköpfige Team „Biodata
Mining“ der Universität Bielefeld unter der Leitung von Professor Dr.-Ing.
Tim Wilhelm Nattkemper beschäftigt sich dabei vor allem mit der Verarbeitung von großen Datenmengen und der Bildanalyse von Fotos. DataMining ist ein Teilgebiet der Informatik, in dem es darum geht, versteckte
Muster und Regelmäßigkeiten in großen Datenmengen zu finden.
große Bildserien automatisch nach
Seegurken, Seelilien, Anemonen und
Lebensspuren durchsucht werden können.
Auf der Suche nach neuem Bildmaterial hat der Doktorand Schoening nun
die Möglichkeit, für seine Forschung in See zu stechen. „Für mich ist die
Arbeit eine Art Abenteuerreise. Ich erkunde zusammen mit den anderen
Teilnehmern pazifische Tiefseeebenen, die kein Mensch zuvor gesehen
hat, und arbeite dabei mit Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen zusammen“, so Schoening. Das Bundesministerium für Bildung und
Forschung fördert das Forschungsprojekt.
Für das Bielefelder Forschungsteam und das interdisziplinär zusammengewürfelte Team an Bord steht bei Schoenings Reise vor allem der Einsatz
eines autonomen Unterwasserfahrzeugs im Mittelpunkt. Es schwimmt
eine programmierte Route ab und schießt mit einer eingebauten Spiegelreflexkamera rund 90.000 Fotos pro Tauchgang. Wenn das Unterwasserfahrzeug nach seiner zwanzigstündigen Fahrt an Deck kommt, beginnt
Schoenings Arbeit. Der Doktorand kopiert die Daten in die Bilddatenbank
BIIGLE, analysiert mit seinen Algorithmen die Bilder und erstellt mithilfe der
aufbereiteten Daten eine neue Karte vom Meeresboden, in der die Verteilung der Arten zu sehen ist. „Die Unterwasserbildanalyse ist ein junges
und noch kleines Forschungsgebiet, das noch zahlreiche offene Fragen
aufwirft. Es lohnt sich, diese zu erforschen“, sagt Nattkemper.
www.biigle.de
H1 // FORSCHUNG
Doktorand Timm Schoening
erfüllt sich seinen Traum:
Mit dem Forschungsschiff
„Sonne“ reist er in den
Pazifischen Ozean.
Professor Dr.-Ing. Tim
Wilhelm Nattkemper
gibt Einblicke in die
Bilddatenbank der
Meeresforschung BIIGLE.
29
BIELEFELDER IDEEN
Die teutolabs: Unterricht im Schülerlabor
Bereits seit 15 Jahren lernen Kinder und Jugendliche in den teutolabs an der Universität Bielefeld, dass Mathe und Naturwissenschaft mehr zu
30
30
Von Natalie Junghof
dem Ziel, Kinder durch ExperimenIn den Räumen des teutolab-chemie
riecht es heute nach Zitrusfrüchten.
tieren spielerisch für Mathematik zu
Hier experimentieren Viertklässler
begeistern, gründeten Professor Dr.
gerade mit Orangenschalen und
Wolf-Jürgen Beyn und Professorin
pressen aus diesen das duftende
Dr. Petra Scherer das teutolab-maÖl aus. Die Klasse 3a der Brüderthematik im Jahr 2005. Es feiert im
Oktober 2015 sein zehnjähriges BeGrimm-Grundschule Bielefeld lernt
im Duft-, Säure- und Zauberlabor
stehen. „Wir nutzen unter anderem
chemische Stoffe und Reaktionen
auch die besondere Atmosphäre der
kennen. Die Schüler treffen neben
Universität Bielefeld, um die Kinder
den betreuenden Tutoren und Lehrfür Mathematik zu begeistern“, sagt
kräften auch Professorin Dr. KathariDr. Nicole Wellensiek, Projektleiterin
na Kohse-Höinghaus, die Urheberin
des teutolab-mathematik. Das SchüTutorin Anja mit Schülern im teutolab-chemie.
der teutolab-Idee. Als ein Vorreiter
lerlabor bietet Mathe-Stationen für
in Deutschland wurde das Schülerlabor im Februar 2000 eröffnet. Das Ziel Viert- bis Sechstklässler aller Schulformen an. Studentische Hilfskräfte beist hauptsächlich Motivation: Kinder und Jugendliche sollen Freude bei gleiten die Mädchen und Jungen und zeigen, wie viel Mathematik in Zaheigenen, alltagsnahen und altersgerechten Experimenten empfinden und len, Mustern und geometrischen Formen steckt. Auch ältere Schülerinnen
sich dann gern und aktiv mit den Naturwissenschaften auseinanderset- und Schüler der Oberstufe sind im teutolab-mathematik aktiv. Sie leiten in
zen. Kohse-Höinghaus entwickelte gemeinsam mit Professor Dr. Rudolf sogenannten Satellitenlaboren jüngere Jahrgangsstufen an, indem sie an
Herbers das pädagogische Konzept, das durch eine Gruppe von Lehrkräf- ihrer Schule selbstständig die mathematischen Experimente durchführen.
ten den beständig neuen Erfordernissen angepasst wird.
Geschätzt bis zu 300.000 Menschen haben die teutolabs mit ihren ExEin Kartenspiel liegt auf dem Tisch, ringsherum stehen Kinder und murmeln perimenten in den vergangenen 15 Jahren erreicht: in der Universität, in
Zahlen vor sich hin. „Die Quersumme von elf ist zwei“, sagt Kevin, schaut den mehr als 60 Partnerlaboren, auf Messen und Festivals, im In- und
auf die nächste Karte und rechnet weiter. Der dreizehnjährige Gesamt- Ausland. An der Universität Bielefeld selbst experimentieren im Jahr etwa
schüler ist mit seiner Klasse im Schülerlabor des teutolab-mathematik. Mit 2.500 Kinder und Jugendliche von 9 bis 19 im teutolab-chemie. Durch
Schulnetzwerke und Lehrerfortbildungen kommen die Stationen auch bei
den Kooperationspartnern vor Ort zum Einsatz. „Wir bieten Experimente
Das teutolab-mathematik feiert 10-jähriges Bestehen
an, die den Schulunterricht ergänzen“, sagt Kohse-Höinghaus, „und die
2. Oktober: Eröffnungsfeier und Experimentierstationen
sich wegen fehlender Zeit oder Ausstattung oft nicht im schulischen Unterzum Ausprobieren
richt durchführen lassen.“ Das erfolgreiche Konzept des teutolab-chemie
3. Oktober: Tür-Öffnertag der Sendung mit der Maus
übernahmen neben der Mathematik auch die Disziplinen BiotechnoloEin buntes Programm rund um die Mathematik in Form einer
gie, Physik und Robotik. Damit bietet die Universität Bielefeld heute fünf
Vorlesung – auch für Kinder – und Experimenten zum Selbstteutolabs in den Naturwissenschaften an.
Ausprobieren. Für Kinder, Erwachsene, Schüler, Lehrer, Eltern,
Studierende und Universitätsmitarbeiter. Infos zur Anmeldung gibt
Weitere Informationen im Internet:
es ab August unter: www.uni-bielefeld.de/teutolab/
http://www.uni-bielefeld.de/teutolab/
fachorientiert/mathematik/index.html
Foto: Natalie Junghof
H1 // FORSCHUNG
bieten haben als reine Theorie. Eine Idee, die gut ankommt und weit über Bielefeld hinaus Erfolg hat.
Bitte Platz nehmen ...
Martina Meise
Leiterin des Kassenbereichs der Mensa und der Lebensmittelhygiene
Von Anita Grams
„Ich freue mich immer, wenn ich die Türen der Mensa aufmache und der
Tag beginnt“ – wenn Martina Meise über ihren Job spricht, hat sie ein
Lächeln im Gesicht: „Ich wollte schon immer in einer beratenden Tätigkeit
arbeiten und den Umgang mit Menschen pflegen. Hier kann ich beides
sehr gut umsetzen.“
rauf, dass die Hygienevorschriften eingehalten werden und kontrolliert
die Sauberkeit der Mensa. „Die Gäste sollen sich schließlich wohlfühlen
und wiederkommen“, betont Meise.
Daneben ist sie für das Hygiene-Konzept HACCP (Hazard Analysis and Critical Control Points /Risiko-Analyse Kritischer Kontroll-Punkte) verantwortlich. Mit vorbeugenden Maßnahmen werden dabei Gefahrenquellen im
Zusammenhang mit Lebensmitteln und dem Lebensmittel verarbeitenden Betrieb ermittelt und ausgeschlossen. Martina Meise weiß, worauf
es ankommt und was die Qualität und Sicherheit der Lebensmittel möglicherweise beeinträchtigen könnte. So achtet Meise unter anderem da-
„Bitte Platz nehmen …“ – in dieser Rubrik stellen wir Menschen in
der Uni vor, die sich engagieren, an spannenden Projekten beteiligt
sind oder interessanten Tätigkeiten nachgehen.
Gibt es jemanden, den wir einmal vorstellen sollten?
Einfach eine Mail an: [email protected]
H1 // BITTE PLATZ NEHMEN ...
Foto: Norma Langohr
Seit 1990 ist die staatlich geprüfte Ökotrophologin als Expertin für Hygiene
für das Studentenwerk Bielefeld tätig, und zwar zu Beginn als Bereichsleiterin in der hauseigenen Wäscherei und im Aufgabenbereich „nonfood“. Ihre Aufgaben waren schon damals vielfältig. Heute leitet Martina
Meise den Kassenbereich und das Kassenteam, regelt und kontrolliert die
Abläufe, kassiert selbst und sorgt am Ende des Tages dafür, dass für den
nächsten Tag alles vorbereitet und geregelt ist.
Die neue Mensa gefällt ihr übrigens sehr gut. Sie merke deutlich, dass die
Gäste zufriedener sind, weil die Auswahl viel größer ist. Zudem habe sie
deutlich mehr Zulauf registriert, denn auch viele Menschen außerhalb
des Universitätsbetriebes würden das erweiterte Essens- und Platzangebot nutzen. „Wir möchten, dass jeder Besucher zufrieden die Mensa
verlässt. Und falls jemand mal eine Reklamation hat, dann kümmern
wir uns so darum, dass er dann hoffentlich beim nächsten Mal zufrieden ist“, erklärt Meise mit einem Augenzwinkern, bevor sie die Türen
zur Mensa aufschließt.
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ALUMNI
Nachgefragt
Absolventinnen und Absolventen der Universität Bielefeld blicken
auf ihre Studienzeit zurück, geben Einblicke in ihren beruflichen Werdegang
Die Interviews führte Nora Frei
.
und haben auch abseits von Studium und Karriere einiges zu erzählen.
Name: Claudia Schmitz
Alter: 31
Beruf: Gründerin und Inh
aberin, Intercommotion
Studium: Erziehungswiss
enschaften, 2004–2009
Abschluss: Diplom-Pädagogi
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Was genau machen Sie berufli
ch?
Ich leite eine Weiterbildungsa
gentur für die
Zielgruppen Auszubildend
e und junge Führungsnachwuchskräfte mit
15 Trainern und
Beratern. Zu den Angeboten
zählen unter anderem Einzelcoaching
s, Trainings,
Workshops, strategische Ber
atungen, Ausbildungen sowie Vorträge.
Wie sind Sie zu Ihrem jetzigen
Beruf gekommen?
Nach dem Studium wollte
ich eigentlich
in die Unternehmensberatu
ng oder
Personalentwicklung. Ich hab
e mir dann
aber in einer Auszeit nach dem
Studium
im Ausland überlegt, dass
ich es einfach
mal wagen sollte, mich direkt
als Trainerin
selbstständig zu machen. We
nn es nicht
klappt, kann ich mich ja mi
t meinem
Profil immer noch bewerben,
habe ich mir
gedacht. Glücklicherweise hat
das mit der
Selbstständigkeit funktioni
ert. Und ich
bereue den Schritt nicht.
Sie leiten eine Weiterbildungs
agentur
für junge Leute, coachen und
beraten Menschen
also auch beruflich. Was möc
hten Sie den
Studierenden mit auf den Weg
geben?
Es ist immer hilfreich, bereits
während des
Studiums Praktika und Neb
enjobs zu machen, um herauszufinden,
ob das Berufsfeld
beziehungsweise Aufgaben
feld etwas für einen ist. Nach dem Studium
sollte man sich
erst einmal auf etwas festleg
en, wobei man
nicht immer hundertprozenti
g sicher sein
muss. Die meisten Entschei
dungen können
wieder neu getroffen werden
. Aber gar nichts
zu machen, ist keine Altern
ative. Ich kenne viele, die erst einmal nic
ht im Traumberuf
gelandet sind, aber nun nac
h ein paar Zwischenstationen dort arbeiten.
Der rote Faden
war dann auch erst nachhe
r zu erkennen. Den
Job zu wechseln, ist ja heutzu
tage auch nichts
Besonderes mehr.
Bitte beenden Sie folgenden
Satz:
Bielefeld ist für mich …
… die Zeit, in der ich erwach
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geworden bin.
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Name: Ulric
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gibt es unter www.uni-bielefeld.de/alumni/interview
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nischen Hochschulen. Das Ziel: Die Tutoren lernen die Arbeitsweise in einem anderen Land kennen. Sie tauschen sich aus, beraten sich
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gegenseitig und profitieren von den Erfahrungen der anderen.
Bertolt Lampe und Jan-Henrik Hnida
Nathalie Small und Alberto Marquez arbeiten als Tutoren an der Universität
Bielefeld. 2014 besuchten sie die chilenischen Universitäten UCINF (Santiago)
und UVM (Viña del Mar) im Rahmen des Projekts „Förderung akademischer
Basiskompetenzen im ersten Studienjahr“. Dort vermittelten sie chilenischen
Tutorinnen und Tutoren, wie Studierende einander selbst helfen und sich
gezielt unterstützen können. Das Projekt steht seit Anfang 2013. Alberto Marquez ist Lehramtsstudent und von Beginn an am Projekt beteiligt. Er hat
chilenische Wurzeln und spricht fließend Spanisch. Nathalie Small nahm
im vergangenen Jahr zum ersten Mal am Chile-Projekt teil. Die Erziehungswissenschaftlerin lernte die Sprache in einem Auslandsjahr in Spanien.
34
Tutoren lernen die Nöte von Studienanfängern kennen und vermitteln
wichtige akademische Grundkompetenzen. „Auf diese Aufgaben müssen
die Tutoren vorbereitet werden. Ihre Arbeit benötigt einen Rahmen von
sinnvoll aufeinander abgestimmten Unterstützungsinstrumenten“, erklärt
Bertolt Lampe. Seit zwei Jahren besuchen regelmäßig chilenische Kolleginnen und Kollegen die Universität Bielefeld, um Maßnahmen kennenzulernen, die in Bielefeld schon erfolgreich sind. Es finden Gegenbesuche
statt, um die Lösungsansätze anzupassen und zu optimieren. „Aufgrund
der Unterschiede in den akademischen Kulturen kann man Erfahrungen
nicht einfach übertragen“, sagt Lampe. „Detailarbeit braucht persönlichen
Bertolt Lampe koordiniert das Chile-Projekt, die Tutoren Nathalie Small
und Alberto Marquez (v.l.) tauschen sich mit ihren chilenischen
Kolleginnen und Kollegen aus.
Kontakt. Dafür schauen wir uns die jeweiligen Situationen konkret an.“ Es
gibt Workshops, Motivationstrainings oder nationale Tutoren-Netzwerktreffen. „In Zukunft werden Bielefelder Tutorinnen und Tutoren mehr und
mehr auch aus Chile Anregungen mitbringen.“
„Erste Erhebungen zeigen, dass die Arbeit der Tutoren an den chilenischen
Universitäten schon recht erfolgreich ist“, sagt Lampe. „Die Studienabbrüche werden weniger und diese positiven Entwicklungen werden wesentlich der Arbeit der Tutorinnen und Tutoren zugeschrieben.“ Das internationale Projekt, das vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD)
gefördert wird, läuft noch zwei weitere Jahre.
Weitere Infos zum Chile-Projekt:
http://www.uni-bielefeld.de/chile-projekt
Foto: Jan-Henrik Hnida
H1 // JENSEITS DER HÖRSÄLE
Immer mehr chilenische Universitäten setzen auf ein Tutorensystem, wie es
an der Universität Bielefeld schon gut entwickelt ist und im Projekt „richtig
einsteigen.“ umgesetzt wird. Ein Grund: In Chile kostet die privatisierte
Bildung viel Geld. „Schülerinnen und Schüler aus sozial schwächeren Familien können in ihren öffentlichen Schulen oft wichtige Grundvoraussetzungen für ein Universitätsstudium nicht erwerben“, erklärt Bertolt
Lampe, Koordinator des Projekts. „Ihnen fehlen zum Beispiel mathematische, muttersprachliche und fremdsprachliche Grundkompetenzen. Aber
auch die kulturelle und persönliche Herausforderung, mit akademischen
Anforderungen und eigenständigem Lernen zurechtzukommen, bewirken
hohe Abbrecherzahlen im ersten Studienjahr.“ Viele Universitäten suchen
dafür dringend Lösungsansätze: Tutoring ist einer davon.
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Schlaue Aufklärungsarbeit
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Wie und wann habt ihr euch geoutet? Küsst ihr euch in der Öffentlichkeit? Wie haben eure Eltern und Freunde reagiert? Kimberley
Koppelmeyer und Darius Haunhorst hören solche Fragen häufig. Die beiden arbeiten für SchLAu Bielefeld, eine studentische Gruppe, die in
Fotos: Nora Frei
Schulworkshops über sexuelle Orientierung und alles, was damit zusammenhängt, aufklärt.
Von Jan Tiemann
„Die Aufklärungsarbeit an Schulen ist besonders
dem Christopher-Street-Day und der Stadionschule
wichtig, da die Schule einer der homophobsten Orte
von Arminia Bielefeld.
ist“, sagt Kimberley Koppelmeyer. Die 25-Jährige
engagiert sich neben ihrem Masterstudium Gen„Schwul als Schimpfwort ist auf den Schulhöfen
der Studies an der Universität Bielefeld seit etwa
fast überall gegenwärtig. Viele Schüler erzählen,
einem Jahr ehrenamtlich bei SchLAu Bielefeld. „In
dass sie keine Person kennen, die schwul ist. Aber
meiner Schulzeit sind Themen zur sexuellen Vieldennoch haben sie viele Vorurteile, die häufig
falt nie vorgekommen. Ich musste bei meinem
durch die Medien mitverursacht werden“, erklärt
Outing so viel erklären, dass ich dachte, das kann
Darius. Diese Vorurteile und Klischees sollen durch
doch nicht sein“, sagt Darius Haunhorst, der an
die direkte Begegnung in den Schulworkshops
der Universität Bielefeld Biologie und Chemie auf
wirkungsvoll hinterfragt und abgebaut werden.
Lehramt studiert. Über einen Freund ist Darius im
Jahr 2011 zu SchLAu Bielefeld gekommen. ZusamDies geschieht in einem offenen Rahmen. So sind
Kimberley Koppelmeyer und Darius Haunhorst
men mit Nora Ellerbrock bildet er die Teamleitung werden mit Fragen konfrontiert, die sich
immer mindestens zwei Beschäftigte von SchLAu
von SchLAu-Bielefeld und organisiert und koor- Schüler sonst oft nicht zu stellen trauen.
Bielefeld in den Klassen vor Ort, während die Lehrdiniert die Schuleinsätze.
kräfte nicht anwesend sind. Die Schülerinnen und
Schüler können den Workshop jederzeit verlassen oder unterbrechen. Zu
SchLAu Bielefeld existiert seit Sommer 2010 als eine von 17 lokalen Aufklä- Beginn jeder Veranstaltung werden spielerisch Alltagsdiskriminierungen
rungsgruppen in Nordrhein-Westfalen. Der Begriff SchLAu steht für Schwul veranschaulicht und hinterfragt. Das biografische Erzählen der SchLAuLesbisch Bi Trans* Aufklärung. In der Bielefelder Lokalgruppe engagieren Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter nimmt aber den zentralen Punkt in
sich 15 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. SchLAu Bielefeld den Workshops ein. Unter anderem haben die Schülerinnen und Schüler
bietet speziell abgestimmte Workshops für alle Schulformen ab in einem Frage-Antwort-Block die Möglichkeit, anonym Fragen zu stelder siebten Klasse an, mit einer Dauer len, die von den SchLAu-Aufklärern vor dem Hintergrund ihrer eigenen,
von mindestens vier bis sechs Schul- persönlichen Erfahrungen beantwortet werden.
stunden. Im vergangenen Jahr hat SchLAu „Das Feedback, das wir durch die Schüler und Lehrkräfte erhalten, ist
Bielefeld insgesamt durch die Bank sehr positiv“, betont Kimberley Koppelmeyer. „Beson41 Schulworkshops ders den ehrlichen und offenen biografischen Teil des Workshops loben
betreut und durch- die Schüler immer wieder.“
geführt. „Wir haben so viele Anfragen, dass wir immer neue AufkläDer Begriff SchLAu steht für Schwul Lesbisch Bi Trans* Aufklärung.
rerinnen und Aufklärer benötigen“,
Trans* stellt dabei einen Oberbegriff für alle Personen dar, deren
berichtet Darius Haunhorst. Neben
Geschlechtsidentität nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen
den Schulworkshops ist SchLAu
Geschlecht übereinstimmt. Das Sternchen in Trans* ist als PlatzhalBielefeld auch aktiv bei der jährter zu verstehen, mit dem sämtliche Identitäten und Lebensweisen
lichen Aktionswoche gegen Sexisim Spektrum von Trans* berücksichtigt werden.
mus und Homophobie in
Reingeklickt: www.schlau.schwur.net
der Universität Bielefeld,
H1 // JENSEITS DER HÖRSÄLE
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Jenseits der Hörsäle
35
Kultur
Da gibt’s was auf die Ohren
Hip-Hop, Rock und Party statt Vorlesung und Baulärm? Ganz so einfach ist die Idee des Campus Festival sicher nicht. Vielmehr: Den
Campus mal anders erleben! Universität Bielefeld, Fachhochschule Bielefeld und die Bielefeld Marketing GmbH laden zum ersten Campus
Festival ein: Alligatoah, Gentleman, Thees Uhlmann sowie viele weitere Bands und DJs machen am 25. Juni das Gelände zwischen UniHauptgebäude und Gebäude X zur Partyzone. Studi-freundliche Preise, vier Bühnen – eine davon studentisch, Dancefloors in der Mensa,
NGO-Stände, alles präsentiert von Radio Hertz – und das Ganze für 16 Euro (wenn man schnell ist). Studierendenherz was willst Du mehr?
Da fehlt nur noch das gute Wetter für die Party des Jahres.
Alligatoah
Programm: Live-Musik auf drei Bühnen
DJs auf einer Open-Air- und zwei Indoor-Bühnen
H1 // KULTUR
Alligatoah ist schon lange mehr als ein UntergrundPhänomen in der deutschen Rap-Szene. Spätestens
seit seinem Album „Triebwerke“ – das es bis auf
Platz Eins der deutschen Album-Charts schaffte - hat der Rapper sich in ganz Deutschland
einen Namen gemacht. Die Single „Willst Du“
lief auf Heavy Rotation auf jeder Studi-Party. Kein
Wunder also, dass Alligatoah in diesem Jahr viele
große Festivals mitnimmt: Southside, Hurricane, Chiemsee Summer. Da darf das
1. Campus Festival in Bielefeld nicht fehlen.
36
Mit Gentleman kommt
ein ganz Großer zum 1.
Campus Festival. Der ReggaeMusiker ist schon über 20 Jahre
im Musikgeschäft. Seine Musik
Gentleman
klingt noch immer genauso frisch wie am Anfang seiner Karriere. Sommer,
Sonne und Gentleman: Dieser Mix bringt Party-Feeling nach Bielefeld.
Thees Uhlmann: Seit 2011 wandelt der Tomte-Frontmann auf Solopfaden
und begeistert die Fans des deutschsprachigen Indierocks. Also:
Lederjacke an, die Faust ballen und anständig mitwippen. Der Campus muss vibrieren.
Das DJ/Produzenten-Team Drunken Masters hat
im vergangenen Jahr den großen Durchbruch geschafft. Neben Auftritten beim
Southside Festival, ging es für die
beiden auch nach Holland und
Barcelona. Im Juni machen sie
in Bielefeld Halt und legen für
die Dancefloors beim 1. Campus
Festival auf.
Bei Redaktionsschluss standen diese weiteren Bands bereits fest: Annenmaykantereit,
Zugezogen Maskulin und Go Go Berlin. Weitere
Bands folgen ...
Drunken Masters
Fotos: Pascal Bünning, Ingo Pertramer, Norman Zoo, privat
Thees Uhlmann
Es gibt so coole Bands und so gute Musik aus Bielefeld. Das Campus Festival ist die Gelegenheit, diese Musik tausenden Menschen vorzustellen,
und gleichzeitig den wundervollen Bands ein Publikum zu bieten, wie
sie es schon lange verdient haben.“
Anlässlich des Campus Festivals finden am Nachmittag des 25. Juni
keine Lehrveranstaltungen statt!
Tickets
Early Bird Tickets für Studierende: 16 Euro
(Achtung: begrenztes Kontingent)
Andreas Hermwille, Chefredakteur von Hertz 87.9.,
fiebert dem 1. Campus Festival entgegen.
Ermäßigte Tickets für Studierende: 19 Euro
Radio Hertz präsentiert:
Das 1. Campus Festival
Andreas Hermwille: „Wir freuen uns sehr, das Campus Festival präsentieren zu können. Ein Musikfestival an der Uni ist quasi ein Festival in
unserem Wohnzimmer. Und das auch noch zu unserem 15. Geburtstag –
kann sich ein Radiosender mehr wünschen? Mit bundesweit bekannten
Musikern wird dieses Festival ein Magnet für viele Studierende darstellen. Wir wollen diese Chance nutzen, um neben den Gruppen, die alle
schon kennen, unsere Perlen aus dem Bielefelder Raum zu präsentieren.
Jeder Studierende der Universität Bielefeld und der Bielefelder
Fachhochschulen erhält bei Vorlage des Studierendenausweises
max. 2 Karten / Person. Die Studierendentickets sind vom 7. bis
21. April an einem Verkaufsstand in der Uni-Halle zu erwerben,
danach in der Kontaktstube der Universität Bielefeld.
Reguläre Tickets: 22 Euro (plus Vorverkaufsgebühr über
www.adticket.de, Tourist-Information im Neuen Rathaus,
Neue Westfälische, Westfalen-Blatt, KONTicket)
Tanzen und feiern in lauer So
Die Universität lädt am 20. Ju
ni zum 1. Sommerball ein
mmernacht
Eine laue Sommernacht in stim
mungsvoll inszeniertem Am
biente, anregende Gespräche
mit
ein abwechslungsreiches 3-G
änge-Menü sowie begeistern
de Live
interessanten Menschen,
rt.
Am Samstag, 20. Juni, lädt der
Rektor zum ersten Sommerball
an der „Mit dem Sommerball
Universität Bielefeld ein. Erw
etabliert die Universität Bielefel
artet werden mehr als 500 Bes
d ein neues
uche- gesellschaftliches Hig
rinnen und Besucher in der Men
hlig
ht: Wir möchten mit diesem
sa im Gebäude X. Einlass ist ab
Eve
nt die Be18.30 ziehungen zwischen
Uhr. Studierende der Universität
Stadtgesellschaft, Wirtschaft,
Bielefeld können Tickets für 20
Poli
tik, Kultur und
Euro Wissenschaft fördern
kaufen, Beschäftigte der Univers
– und dies zukünftig alle zwe
ität Bielefeld für 50 Euro. Reg
i Jahre“, sagt
uläre Professor Dr.-Ing. Ger
Karten kosten 80 Euro. Ermäßi
hard Sagerer, Rektor der Univers
gte Karten sind nur begrenzt verf
ität
Bielefeld.
ügbar.
Mehr Infos zum Sommerball und
Ticketbestellung im Internet:
www.uni-bielefeld.de/somm
erball
Musikalisch begleitet die Chri
s Genteman Group durch den
Abend.
Moderiert wird die Veranstaltun
g von Dirk Sluyter von Radio
Bielefeld. Für Essen und Trinken sorg
t das Studentenwerk Bielefel
d.
Ein
besonderes Bonbon: das Dessert
buffet von der Conditorei Kraum
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H1 // KULTUR
Grafik: Universität Bielefeld, Foto:
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-Musik, die zum Tanzen ver
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37
Termine
Die Campus TVRedaktionsmitglieder
Nina Horn, Marianna
Gershkovich und Dirk
Ludewig (v.l.).
Höhepunkte und Termine
April
Juni
August
Baustellen-Kino
22.–23. April
Uni-Halle
100. Jubiläumssendung
von Campus TV
Ende der
Rückmeldefrist
für das Wintersemester
Juli
Juni
15 Jahre
Campusradio Hertz 87.9
Tag der richtig offenen Tür
Donnerstag, 9. Juli
2015/16
Montag, 31. August
1. Sommerball
Samstag, 20. Juni
ab 18.30 Uhr
Gebäude X, Mensa
1. Campus Festival
Donnerstag, 25. Juni
ab 16 Uhr
Campus Bielefeld
ab 9 Uhr
UHG, Redaktion C02-220
Vorlesungsende
Freitag, 17. Juli
OKtober
Ästhetik Festival
8.–10. Oktober
Kunsthalle
Vorlesungsbeginn
für das Wintersemester
2015/16
Montag, 19. Oktober
Die nächste H1-Ausgabe
erscheint zum Semesterstart
am 19. Oktober 2015.
Das H1 erscheint immer zum
Beginn der Vorlesungszeit.
Ausführliche Infos und
einen Überblick über alle
Veranstaltungen und Termine
gibt es hier:
www.uni-bielefeld.de/
Termine_und_Fristen
www.uni-bielefeld.de/
veranstaltungskalender
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Herausgeber: Referat für Kommunikation der Universität Bielefeld, Leitung: Ingo Lohuis, Pressestelle: Sandra Sieraad (V.i.S.d.P.) // Redaktion: Nora Frei, Jörg Heeren, Norma Langohr // Redaktionsassistenz: Marlies Läge-Knuth // Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser
Ausgabe: Karoline Bauch, Janina Bergemann, Anita Grams, Jan-Henrik Hnida, Juliane Jesse, Natalie Junghof, Caterina
Kerkenberg, Jana Kley, Nina Kothy, Marie-Luise Krüger, Bertolt Lampe, Florian Steden, Björn Stövesand, Jan Tiemann,
Keywan Tonekaboni, Maren Vollmer, Alexa Werner, Raphaela Wiedenhaus, Prof. Dr. Andreas Zick // Redaktionsadresse und Kontakt: Universitätshauptgebäude, Universitätsstraße 25, 33615 Bielefeld, Tel. +49 (0) 521 / 106 4147, Fax +49 (0)
521 / 106 2964, [email protected], www.uni-bielefeld.de/presse // Anzeigen: Marlies Läge-Knuth, Tel. +49 (0) 521 / 106
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Titelbildgestaltung: Peter Hoffmann
Foto: Gunnar Noll
H1 // TERMINE // IMPRESSUM
Impressum
• LIVE OPEN AIR •
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THEES UHLMANN
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ZUGEZOGEN MASKULIN
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Tickets ab 16 € unter: campusfestival-bielefeld.de,
in der Uni Bielefeld (Kontaktstube) und unter ADTicket.de
Was verbindet Mathe und Kunst? Eine ganze
Menge, findet Künstlerin Irene SchrammBiermann. „Mathe ist eine hochästhetische
Angelegenheit, genauso wie Kunst“, sagt
sie. Viele mathematische Sachverhalte lassen sich bildlich darstellen, weit über die
Geometrie hinaus. Ihr Bild „n über k“ bezieht sich auf ein Gebiet der Kombinatorik.
Dort veranschaulicht und berechnet sie,
wie viele Verbindungen entstehen, wenn
sie eine gewisse Anzahl an Punkten alle
miteinander verknüpft.
Irene Schramm-Biermann hat Mathematik in Bielefeld und Hamburg studiert. 1969
war sie eine der ersten Mathestudentinnen
der Universität Bielefeld und ist ihrer Fakultät bis heute verbunden. Seit 2013 führt
sie zusammen mit anderen Künstlern eine
Galerie in Detmold.
www.schrammbiermann-bilder.de
www.13punkt14produzentengalerie.de