Leseprobe - Weltbild.de

111 Gründe, Rom zu lieben
Matthias Raidt
111 GRÜNDE,
ROM ZU LIEBEN
Eine Liebeserklärung
an die großartigste Stadt der Welt
SCHWARZKOPF & SCHWARZKOPF
Inhalt
VORWORT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
i. DIE SPINNEN, DIE RÖMER –
EPISODEN AUS DER ANTIKE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
11
Weil ein paar Verlierer es mit Rom zu etwas Großem brachten – Weil
im 1. Jahrhundert v. Chr. schon Bunga-Bunga-Partys gefeiert wurden –
Weil Kaiser Augustus die längste Friedenszeit einleitete, die es in Europa
je gab – Weil Kaiser Nero bei »RSDS« eine Lachnummer gewesen wäre –
Weil das Kolosseum die Mutter aller Fußballstadien ist – Weil das Pantheon nicht ganz dicht ist – Weil die Engelsburg den Päpsten nicht nur
zur Flucht, sondern auch zu heimlichen Romanzen diente – Weil im
alten Rom auch mal Kinder an die Macht durften – Weil die Gladiatoren
die Superstars ihrer Zeit waren – Weil vom Kapitol die Moneten herkommen – Weil die ersten Wolkenkratzer der Geschichte in Rom aufgestellt
wurden – Weil die Legionäre nicht immer wie Tullius Tortengus und
Schlagdraufundschlus drauf waren – Weil vier Buchstaben den Papst
zum Lachen bringen – Weil ein Wagenrennen im Circus Maximus ein
Formel-1-Rennen in den Schatten stellt – Weil ein kaputter Koloss aus
Stein Künstlergenerationen inspiriert hat – Weil Recycling schon im
frühen Mittelalter erfunden wurde
ii. DIE SPINNEN IMMER NOCH, DIE RÖMER –
GESCHICHTEN AUS DER GEGENWART . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Weil in Trastevere ein Leuchtturm steht, der nicht leuchtet, und einem
dort trotzdem ein Licht aufgeht – Weil die Römer Steine zum Sprechen
brachten – Weil hier das Geld auf der Straße liegt – Weil im Südosten
Roms die kosmische Leere vor dem Big Bang herrscht – Weil es das
Kolosseum auch quadratisch gibt – Weil hier 500 Oblaten für die Heilige Messe nur 3,25 Euro kosten – Weil man mit dem Mopedauto auch
mal hinter dem Müllcontainer parken kann – Weil im Olympiastadion
nicht nur Franz Beckenbauer seinen größten Auftritt hatte – Weil hier
4
sogar ein Betonriegel eine Legende beherbergt – Weil in Rom auch im
Sommer Weihnachtsfeeling aufkommt – Weil Gott Amor den Stadtpolitikern seine Meinung sagt – Weil Rom mit Bandnudeln aus Beton ein
neues Wahrzeichen bekommen hat – Weil der Vatikan richtig billig Heil
verschafft – Weil Roms U-Bahn ein Kunstmuseum mit halluzinogener
Wirkung ist – Weil mitten in Rom Feen und Medusen leben – Weil
nicht jeder das dritte Gebiss schön findet – Weil die Römer ein Herz für
Stolper­fallen haben – Weil die U-Bahn-Linie C Erstaunliches zutage
bringt
iii. DIE CHILLEN, DIE RÖMER –
ORTE ZUM ENTSPANNEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
Weil Rom im Wasser schwimmt – Weil in Rom aus 2.500 Riechkolben
Köstliches fließt – Weil die Spanische Treppe eine französische Treppe
ist – Weil die Tiberinsel gesund macht – Weil es in der Villa Borghese
einen FKK-Bereich gibt – Weil Rom eine Kirche mit Bordell hat – Weil
Ruinen der Antike wieder als Wohnraum genutzt werden – Weil der
Tiber für frischen Wind sorgt – Weil man in der Via Margutta wunderbar durchatmen kann – Weil der Strand bei Maccarese gänzlich auf den
Hund gekommen ist – Weil ins Kloster Tre Fontane auch Koalabären
eintreten würden – Weil einem auch in Rom beim Hanami einiges blühen kann – Weil eine Feenschule in ein 4-D-Kino umgerüstet wurde –
Weil man nördlich von Rom herrlich wandern kann – Weil man in Ostia
baden gehen kann – Weil man in Ostia antik kacken kann
iv. DIE GRUSELN SICH, DIE RÖMER –
GESPENSTER, GEBEINE UND GEDÄR ME . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
Weil die Kapuziner nicht nur eine Leiche im Keller haben – Weil sich
Luigis Frau aus dem Jenseits meldete – Weil hier jedem der Tod gut
steht – Weil man in der Via Gregoriana drei Monstern begegnet – Weil
in Dario Argentos Keller das Grauen lauert – Weil es auch in einer Leichenhalle lecker schmecken kann – Weil man in Rom einem Monster ungeschoren ins Maul fassen kann – Weil eine Kirche schauerliche Schätze
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im Mauerwerk verwahrt – Weil ein Besuch in Prima Porta faszinierend
und deprimierend zugleich ist – Weil man in der Tiefe Tausenden Toten
begegnet – Weil die brutalsten Bilder Roms in einer Kirche hängen
v. DIE GENIESSEN, DIE RÖMER –
EIS, ESPRESSO UND PASTA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
Weil die alten Römer schon Fast Food erfanden – Weil Cicero am liebsten seinen Fisch-Käse-Hirn-Auflauf mochte – Weil das »gelato« bei
Giolitti göttlich ist – Weil Essen auf Abwegen ein Abenteuer und oft
besser und billiger ist – Weil im berühmten Caffè Greco die Kulisse den
Kaffeegenuss krönt – Weil der Espresso an der Theke günstiger ist als
am Tisch – Weil im Pompi hochgezogen wird, wer gerade mal down
ist – Weil Trastevere immer noch ein Klassiker für den Abend ist – Weil
hier die Bronx bezaubernd ist – Weil man rund um einen Müllhaufen
ausgelassen feiern kann – Weil in San Lorenzo Blumenkohl zur Sünde
wird – Weil der beste Koch Roms ein Deutscher ist – Weil Abkratzen ein
atemberaubend erfrischendes Lebensgefühl sein kann
vi. DIE BETEN, DIE RÖMER –
KIRCHEN UND PÄPSTE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
Weil Kaiser Konstantin das Kreuz an der richtigen Stelle machte – Weil
die Peterskirche andersrum ist – Weil in der Kirche San Clemente ein
Bild von Harry Potter hängt – Weil Michelangelo keinen Bock hatte,
die Sixtinische Kapelle auszumalen – Weil man auf dem Petersplatz
in einem Irrgarten zwischen Himmel und Erde steht – Weil auch mal
Nonnen auf dem Petersplatz ausrasten dürfen – Weil es in Rom eine
Armee von Schutzengeln gibt – Weil die Päpste immer eine weiße Weste
haben – Weil der Paradiesgarten schon in der Via Santa Prassede auf
einen wartet – Weil man in der unscheinbaren Via Urbana vier Überflieger treffen kann – Weil die Kirche San Lorenzo fuori le Mura einen
Knick in der Optik hat – Weil sich eine Frau hartnäckig auf dem Papstthron hielt – Weil auch Maria ihren Sohn Jesus mal in aller Öffentlichkeit
stillt – Weil nichts ist, wie es scheint
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vii. DIE SHOPPEN, DIE RÖMER –
SCHINKEN, SCHUHE UND SCHREIBWAREN . . . . . . . . . . . . . . . 219
Weil man in einem Palast aus Marmor einkaufen kann – Weil hier nicht
nur der Teufel Prada trägt – Weil für die Salumeria Roscioli nur ganz
besondere Hühner arbeiten – Weil man hier in einem Schuhgeschäft
einen Psychotest durchführen kann – Weil ein gigantischer Supermarkt
das Ziel hat, Italien zu retten – Weil das Original durch eine originelle
Kopie ersetzt werden kann – Weil Melania Flamini den Männern an den
Hals geht – Weil die Winkelgasse gleich neben dem Pantheon liegt – Weil
Pineider schon Marlene Dietrich inspirierte – Weil Giuseppes Leidenschaft ihm zu Kopf gestiegen ist
viii. DIE ERLEBEN WUNDER, DIE RÖMER –
HEILIGES UND HANEBÜCHENES . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
Weil es in Rom im August schneit – Weil ein Besuch in der Basilica
di Sant’Agostino schwanger macht – Weil in Trastevere Öl gefunden
wurde – Weil die Geschichte von Agnes an den Haaren herbeigezogen
ist – Weil eine wunderliche Kettenreaktion zum Bau von San Pietro in
Vincoli führte – Weil hier sogar Gangster für ein Wunder sorgen – Weil
die Heilige Helena einen Toten aufweckte – Weil einige Päpste länger
frisch bleiben – Weil die Zahl 15 eine Gewinnzahl ist – Weil sich auch
Heilige mal gegenseitig Platz machen
ix. DIE WERDEN RÖMER, DIE ANDEREN –
WIEDERKOMMEN, UM LÄNGER ZU BLEIBEN . . . . . . . . . . . . . . . 265
Weil sich auch Goethe in Rom pudelwohl fühlte – Weil: When in Rome,
do as the Romans do – Weil Rom nicht an einem Tag erbaut wurde und
viele Wege durch Rom führen
7
Für
Alfred und Anneliese,
meine Eltern,
die Rom nie gesehen haben
Vorwort
Was für eine Stadt – hier ist man immer auf den Spuren von irgend­
etwas oder irgendwem. Das habe ich gleich gemerkt, als ich als
­Abiturient zum ersten Mal in der città più bella del mondo unter­
wegs war. Ich war fest entschlossen, zurückzukehren. Und selbst
nach vielen Jahren ist diese Stadt niemals langweilig geworden und
ein Wiedersehen hat sich immer wieder aufgedrängt. Die damals
in den Trevi-Brunnen geworfene Münze hat ihren Zauber wahr
gemacht: Es funktioniert – heute noch! Zugegeben, ich werfe auch
bei jedem Besuch erneut nach.
Diese pulsierende Metropole ist romantisch und verträumt, sie
ist ewig einmalig und hat auch ihre Macken. Vor allem ist sie eine
schmerzvolle Offenbarung für die Füße. Wer Rom nicht zu Fuß
durchkämmt und Blasen kriegt, lernt Rom nicht kennen. Denn nur
mit geschwollenen Füßen ist man auf den Spuren dessen, was Rom
ist und was diese Stadt ausmacht, denn sie ist eine prall gefüllte
Fundgrube voller Geschichte und Geschichten. Ob Kolosseum oder
Caracalla-Thermen, Pantheon oder Palatin: Seit über 2.000 Jahren
lässt Mamma Roma ihre grandezza d’animo verschwenderisch vor
klassischen Kulissen auftreten. Kaum eine Stadt hat so viel zu er­
zählen wie Rom.
Wer Rom kennenlernen will, muss auf den Plätzen beginnen.
Dort ist immer noch das Dolce Vita zu erleben, dort trifft alles
zusammen: Märkte und Musik, Kunst und Künstler, guter und
schlechter Geschmack, Eleganz und Eloquenz. Vieles ist antik,
manches nur alt, und was jung ist, versprüht lockeres Leben und
ist bestens gelaunt. Vorsicht Ansteckungsgefahr!
Auf den Spuren der Caesaren des alten Roms ist man die ganze
Zeit. Kaum eine Straße oder Gasse der Altstadt, in der nicht irgend­
wo eine Säule, ein Obelisk oder ein Mauerrest wie Müll rumsteht
oder -liegt und eigentlich ins Museum gehört. Spuren der Früh­
christlichen Zeit und des Mittelalters verstecken sich in Katakom­
9
ben, Kirchen und Apsiskalotten. Und da Roma nie das Eine und
das Andere ist, sondern immer das Eine mit dem Anderen, steht
der antike Tempel nicht neben der Kirche, sondern ist gleichzeitig
eine Kirche; das Pantheon ist das beste Beispiel. So strahlen einem
zwischen Antike und Autos die Renaissance und der Barock von
jedem Palazzo und jeder Kirche ins Gesicht. Vieles trägt die Hand­
schrift von Borromini oder Bernini, Maderno oder Michelangelo.
Schon von fern hat man die gewaltige Peterskuppel im Auge, die
sich immer wieder, egal wo man sich gerade aufhält, mit einem »Hal­
lo, siehste mich?« durchdrückt. Und im historischen Zentrum kann
man sich ohne Schwierigkeiten von einer Sehenswürdigkeit zur an­
deren rüberschwingen, denn jede liegt in Reichweite der nächsten
und übernächsten: die Piazza di Spagna und die Piazza ­Colonna,
das Forum, das Kapitol und der Palatin, das Kolosseum und der
Konstantinsbogen. Unzählige Museen können nervig für den einen
und für den anderen die historische Offenbarung schlechthin sein,
aber auf jeden Fall spenden sie Schatten in den heißen Sommer­
monaten, zeigen Großes und Geniales aus allen Epochen – und eine
caffetteria gibt es in den Kapitolinischen Museen im wahrsten Sinne
des Wortes obendrein, auf der Dachterrasse.
Schnell ist man in Rom auf den Spuren der kulinarischen Ge­
nüsse. Selbst wenn sich einige Stadtteile in den vergangenen Jahr­
zehnten künstlich ausgeschmückt und einiges von ihrer Patina ver­
loren haben, gibt es immer noch lauschige Ecken mit plätschernden
Brunnen, ruhige Straßen mit gemütlicher Atmosphäre. Und gerade
dort finden sich auch noch die typischen Lokale, Trattorien oder
Bars, die gescheckten Katzen, die röhrenden Vespa-Roller und
die Leute, die vor ihren Hauseingängen ratschen. Ohne all das
schmeckt’s nicht. Sehenswert und erlebenswert sind auch die Rö­
mer selbst. Denn bei allem Trubel in der Stadt sind sie aufgeschlos­
sen, freundlich, hilfsbereit – und trotz der Eile machen sie das, was
jeder Römer von Natur aus immer kann: eine bella figura.
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Kapitel i
DIE SPINNEN,
DIE RÖMER
Episoden aus der Antike
11
1
Weil ein paar Verlierer es mit Rom
zu etwas Großem br achten
Die Legende über die Gründung Roms war in der Antike Kult, und
die alten Römer verehrten die mythischen Vorfahren hoch – ob­
wohl die Anfangsgeschichte ziemlich chaotisch verlief. Wenn man
im Saal 9 im Palazzo dei Conservatori in den Kapitolinischen Mu­
seen vor der Bronzestatue einer Wölfin steht, die zwei Buben säugt,
dann steht man leibhaftig nicht nur vor dem Wahrzeichen Roms,
sondern auch vor dem wichtigsten Symbol dieser sagenumwobenen
und durchgeknallten Legende. Noch vor einigen Jahren hielt man
die Skulptur der etwa 1,14 Meter langen und 0,75 Meter hohen
säugenden Kapitolinischen Wölfin für eine etruskische Arbeit (6./5.
Jahrhundert v. Chr.), doch nach umfangreichen Restaurierungen
tendieren die Wissenschaftler dazu, dass die Lupa Romana irgend­
wann zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert fabriziert worden
ist. Die Zwillinge unter den Zitzen sind Zutaten der Renaissance
(15. Jahrhundert). Was draußen links neben dem Rathaus auf einer
Säule pausenlos fotografiert wird, ist nur eine verkleinerte, simple
Kopie.
Der Mythos, der aus der Feder des griechischen Dichters Homer
(ca. 8. Jahrhundert v. Chr.) stammt und von dem Römer Vergil (70
v. Chr. bis 19 v. Chr.) später erweitert wurde, fällt ungefähr in die
Zeit um 1250 v. Chr. und beginnt in Troja, damals Kleinasien, heute
Türkei. Paris, ein Sohn des trojanischen Königs Priamos, verliebt
sich in die griechische Königin Helena in Sparta. Nach einem Be­
such entführt er sie und räumt nebenbei noch die Schatzkammern
ihres Ehemannes König Menelaos aus, der ist gerade, sagen wir mal,
auf Geschäftsreise in Kreta. Als der wieder nach Hause kommt, sind
Schatz und Schatzilein weg – das gefällt ihm mal ganz und gar nicht.
Er trommelt die Könige ganz Griechenlands zusammen und alle
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segeln mit ihren Kriegsschiffen gen Troja und wollen die Trojaner
tüchtig vermöbeln.
Die Trojaner erweisen sich jedoch als recht widerstandsfähig
und machen es den Griechen schwer. Zehn Jahre lang rennen
die Griechen erfolglos gegen die Verteidigungsmauern an. Doch
dann hat der listenreiche Odysseus den rettenden Einfall. Er lässt
ein großes, hohles Pferd aus Holz bauen, in dessen Bauch sich die
tapfersten Helden verbergen. Die tumben Trojaner sehen den Gaul
als Geschenk, ziehen ihn hinter die Mauern, und dann feiern und
besaufen sie sich ordentlich. Später liegen sie alle mit dicken Köp­
fen in den Betten und morgens ohne daneben. Denn die Helden
im Pferdebauch sind nachts ausgestiegen, haben die versteckten
Truppen herbeigepfiffen, und die machen keine halben Sachen. Sie
metzeln alles nieder, Troja brennt lichterloh und geht unter. Drei
können jedoch fliehen: Aeneas mit seinem Vater Anchises und sei­
nem Söhnchen Ascanius. Lange Irrfahrten und Abenteuer folgen,
und endlich landen sie mit ihrem Schiff in Italien und gehen an
des Tibers Ufer an Land. Nicht weit davon gründen sie eine Stadt
namens Alba Longa. Alle leben glücklich und zufrieden – mehr
oder weniger, eher weniger.
Einige Jahrhunderte später regieren immer noch die Nachfahren
der Trojaner dort und im 8. Jahrhundert v. Chr. sollen es die Brüder
Numitor und Amulius gewesen sein. Und wie es sich für ein gut ge­
stricktes Märchen bzw. einen Mythos gehört, ist der erste ein weich
gespülter Gutmensch und der andere ein arges Arschloch. Amulius
kickt seinen Bruder Numitor vom Thron, lässt dessen einzigen Sohn
töten, die Tochter Rhea Silvia steckt er ins Kloster, was damals das
Haus der Vestalinnen war. Die müssen als Priesterinnen aufpassen,
dass das ewige Feuer nicht erlischt, und müssen unter Todesstrafe
das strenge Gelübde zur Jungfräulichkeit ablegen. Amulius lacht
sich ins Fäustchen, denn nun sind seinem Bruder die Aussichten
auf männliche Nachkommen vollends genommen. – Denkste! Jetzt
pfuschen die Götter dazwischen.
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Der Kriegsgott Mars, einer der wichtigsten römischen Götter,
holt sich die Klosterfrau zu einem Schäferstündchen, hinterher
ist die Gute schwanger und wird Mutter von Zwillingen: Romulus
und Remus. Wenn das rauskommt, droht ihr die Todesstrafe, also
müssen die Säuglinge verschwinden, dies bedeutet für die zwei ab
ins Körbchen und hinein in den rauschenden Tiber, auf dass sie
dort ersaufen.
Das Körbchen strandet allerdings am Fuße des Palatins. Eine
Wölfin findet die königlichen Schreihälse, nimmt sie in ihre Höhle
und säugt sie von Stund an. Die zwei nuckelnden Königskinder
werden von einem Hirten namens Faustulus gefunden, und im Ver­
lauf der Legende kommt heraus, dass die zwei Wonneproppen die
Thronfolger, also die Enkel des guten Numitor, sind. Die mittler­
weile strammen Jungen gehen nach Hause, schicken ihren bösen
Onkel Amulius mit einem Schwerthieb in den Hades und regieren
später Alba Longa.
Einige Zeit später, wir schreiben das Jahr 735 v. Chr., wollen die
zwei Jungs auf dem Palatin eine neue Stadt bauen. Romulus fängt
schon mal an, mit seinem Pflug die Stadtgrenze zu ziehen und er
schwört, jeden zu töten, der diese Grenze überschreite, ohne Aus­
nahme und Gnade. Remus macht sich dummerweise darüber lustig
und überschreitet diese Grenzmarke mehrmals. Aus dem lieben
Bruder wird der blöde Bruder. Remus nörgelt weiter, Romulus er­
innert sich an sein Gelöbnis und schlägt seinen Zwillingsbruder
tot. Und so wird Romulus zum Urheber und Herrscher der neuen
Stadt, die er Roma benennt. So weit die Legende.
Warum in aller Welt waren die alten Römer so versessen darauf,
die Nachfahren der Trojaner zu sein, bei denen zu Anfang ein paar
Loser stehen, die eine Frau entführen, auf eine List hereinfallen,
einen Krieg verlieren und sich ansonsten auch nicht gerade mit
Ruhm bekleckern? Auf so eine Sippschaft kann man doch pfeifen,
würde man meinen. Die Lösung liegt in den drei Gestalten, die
den Trojanischen Krieg überleben: Aeneas, Söhnchen Ascanius und
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Opa Anchises. Die waren keine gebürtigen Trojaner, sondern nur
eingeheiratet. Also traf die drei auch nicht der Zorn der Götter,
die beim Untergang Trojas übrigens mächtig mitgemischt hatten.
Die drei Flüchtenden wurden am Leben gelassen, weil die Götter
mit ihnen noch Größeres vorhatten: nämlich eines Tages Rom zu
gründen, das zum Nabel der Welt werden sollte.
Vielleicht hatten sie aber auch im Hinterkopf, eines Tages den
Fußballverein AS Roma zu gründen, der die Kapitolinische Wölfin
im Vereinswappen trägt.
Irgendwie bleibt der Eindruck: Die spinnen, die Römer.
2
Weil im 1. Jahrhundert v. Chr. schon
Bunga-Bunga-Partys gefeiert wurden
Er war sehr klein gewachsen, außergewöhnlich machtbesessen und
liebte freizügige Bunga-Bunga-Partys – und nein, es geht hier nicht
um Silvio Berlusconi. Der Imperator Gaius Iulius Caesar war wohl
kaum größer als 1,55 Meter, also noch rund zehn Zentimeter klei­
ner als der ehemalige Ministerpräsident Italiens – aber damit ent­
sprach er ungefähr dem Durchschnitt im antiken Rom. Und er war
weitaus bedeutender als Berlusconi: Caesar wurde zum größten
Heerführer der Weltgeschichte. Er spielte die politische Klaviatur
mit Bravour rauf und runter und hatte als begnadeter Demagoge
jederzeit alle Fäden in der Hand. Mit brillanten Reden konnte er
die Massen begeistern, und er wusste genau, worauf die Römer
abfuhren: auf blutige Action Shows in der Arena. Ein Volk, das im
Circus grölt, denkt nicht an Politik. Auf dem Höhepunkt seiner
Feldzüge bestand Caesars Armee aus beinahe 65.000 Legionären,
und die hatten ein klar definiertes Feindbild vor Augen: die Gallier.
Die Legionen fuhren alles auf, was an Kriegsmaschinerien vorhan­
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den war, und eroberten so schlussendlich 51 v. Chr. G
­ allien – ganz
Gallien!
Als Nächstes schielte Caesar nach dem Pharaonenland am Nil.
Dort gab es nicht nur reiche Schätze, sondern auch eine bildschöne
und intelligente 21-Jährige: Kleopatra, Pharaonin der Ägypter. Und
der 52-Jährige, in vierter Ehe mit Calpurnia verheiratet, der für
heißblütige Affären bekannt und für Frauen jedes Risiko eingegan­
gen war, erlag auch rasch und mit Leidenschaft dem Zauber der
Circe vom Nil. Kleopatra, die verführerischste Frau des Altertums,
hat dann auch nichts anbrennen lassen und das volle Programm der
Flirterei aufgefahren. Bald wurde ein gemeinsamer Sohn geboren:
Ptolemaios Caesar. Doch die Bevölkerung spöttelte und nannte ihn
nur Caesarion (etwa: kleines Caesarlein).
Zeitweise lebte Caesars geliebte Ägypterin mit Söhnchen sogar in
Rom. Er quartierte sie in einer seiner Villen ein, wo nicht zu knappe
Partys veranstaltet wurden.
In der Hauptstadt des Weltreiches war man aber von dem Techtel­
mechtel der beiden Turteltäubchen überhaupt nicht verzückt, und
außerdem wurde die Luft für den skrupellosen Machtpolitiker
immer dünner. Seine Karriere sollte nun einen herben Dämpfer
erhalten. Rom war zwar immer noch eine Republik, aber in Wahr­
heit regierte der Schlaue längst als Alleinherrscher, als Diktator. Das
war so manchem Senator viel zu viel und brachte die Anhänger der
Republik vollends gegen ihn auf. Also musste Caesar weg, es kam
zum Tyrannenmord. Die mörderische Falle war für die Iden des
März, den 15. März 44 v. Chr., während einer Senatssitzung geplant.
Die rund 60 Verschwörer warteten. Doch der Imperator kam nicht.
Er war zu Hause, denn es ging ihm gar nicht gut. Eine scheußliche
Nacht mit epileptischen Anfällen und eine fiebrige Grippe quälten
ihn. Er beschloss, auch auf Anraten seiner Frau Calpurnia, zu Hause
zu bleiben und die Senatssitzung abzusagen.
Die Verschwörer hockten derweil zusammen und wunderten
sich. Warum kam Caesar nicht, hatte er Wind von der Sache be­
16
kommen? Da hielt es Decimus Iunius Brutus, einer der besten Ge­
neräle und zudem guter Freund Caesars, nicht mehr aus. Persön­
lich suchte er den obersten Herrscher des Römischen Reiches auf
und überzeugte ihn, doch noch an der Senatssitzung teilzunehmen.
Der kränkelnde Imperator ließ sich umstimmen und von seinen
Haussklaven einkleiden, sie reichten ihm auch den Lorbeerkranz,
Wahrzeichen der Imperatorenwürde. Der mittlerweile 55-Jährige
legte großen Wert auf diesen Schmuck, denn er bedeckte wir­
kungsvoll sein stark gelichtetes Haupthaar. Der mächtigste Mann
der Welt war eitel, und das Volk frotzelte gern über des Diktators
Glatze, weshalb er auf Abbildungen die Haare immer nach vorne
gekämmt hat.
Kaum hatte Caesar im Senat, dem wichtigsten politischen Gre­
mium des Römischen Reiches, Platz genommen, umstellte ihn eine
Gruppe von Senatoren. Plötzlich zogen sie ihre Dolche und stachen
zu, auch Brutus.
Einige Marmorporträts Caesars, unter anderem in den Vatika­
nischen Museen, im Torlonia-Museum und auch in den Kapito­
linischen Museen, haben die Jahrtausende überlebt. Selbst Reste
des Caesar-Forums neben dem Kapitol künden von dem einstigen
Imperator. Auf dem großen Forum Romanum wurde ihm zu Ehren,
nachdem er zu einem Gott erhoben worden war, ein Tempel gebaut,
an dieser Stelle soll sein Leichnam verbrannt worden sein. Heute
noch legen Besucher Blumen nieder.
Was für immer bleiben sollte, waren Caesars Leistungen als
Gründer einer Supermacht und seine Namen: Iulius Caesar. Die
Römer sagten nicht Zäsar, sondern wohl Käsar oder Kaesar, daher
kommt der Titel Kaiser. Und der ursprüngliche altrömische Monat
Quintilis ist nach Caesars Kalenderreform mit dessen Vornamen
Iulius (Juli) umbenannt worden. Von Berlusconi hingegen werden
wohl nicht viele Worte die Jahrhunderte überdauern – außer viel­
leicht Bunga Bunga.
17
3
Weil K aiser Augustus
die längste Friedenszeit einleitete,
die es in Europa je gab
Kaiser Augustus ist den meisten ein Begriff, und viele erinnern sich
daran, dass dieser heidnische Imperator es bis in die Bibel geschafft
hat und jedes Jahr bei der Weihnachtsgeschichte unterm Tannen­
baum genannt wird:
In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner
des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Diese Eintragung war die
erste und geschah, als Quirinius Statthalter von Syrien war.
(Lk 2,1-2)
Und gleich danach wird in Bethlehem ein göttlicher Schreihals im
Stall geboren. – Hier müssen wir hurtig eine kleine Korrektur an­
fügen, es gab tatsächlich unter Augustus eine Zählung, aber die war
erst acht Jahre nach Christi Geburt, und den Statthalter, den gab’s
auch, aber erst im Jahr 6. Hier hat der Evangelist – sagen wir mal
nachsichtig – ein bisschen unsauber gearbeitet, sei’s drum.
Überall in Rom begegnet man ziemlich vielen Überresten aus
des Kaisers Augustus Zeit: seinem Mausoleum, dem Marcellus­
theater, dem Pantheon, seinem Forum und dem fantastisch erhal­
tenen Friedensaltar, der Ara Pacis, in einem eigenen Museum am
Tiber schräg östlich der Engelsburg.
Geboren wurde Augustus 63 v. Chr. als Gaius Octavius. Er litt von
Jugend an unter einigen körperlichen Gebrechen wie Rheuma, er
hinkte leicht, war viel zu klein und kränkelte fast immer. Dennoch
schaffte er in kleinen Etappen den Weg zum allmächtigen Regenten
des Römischen Reiches: Der große Iulius Caesar adoptierte ihn und
zog ihn mit 18 Jahren in die Wirren der Bürgerkriege hinein. Nach
18
Caesars Ermordung schielte der junge Kerl sofort nach der Macht,
und weil das auch andere taten, gingen die Bürgerkriege weiter,
denn am Ende soll ja nur einer oben auf dem Treppchen landen.
In dieser Zeit bekleckerte sich Octavianus eher mit zu viel Blut als
mit Ruhm, er war als »Blutsäufer« verschrien, und ein Ruhmesblatt
waren seine berüchtigten Proskriptionen auch nicht. Das waren
Todeslisten zur Ausschaltung unbequemer Leute aus der römischen
Führungsschicht, und diese durften von jedermann umgebracht
werden, was auch fabelhaft funktionierte. So mancher Nachbar lag
morgens leblos im Rosenbeet – und keiner hatte etwas gesehen.
Um das Jahr 30 etwa war aufgeräumt, und der mittlerweile mit
allen Wassern gewaschene Politiker übernahm als Gaius Iulius
­Caesar Octavianus das Ruder der Alleinherrschaft. Keiner dachte,
dass das kränkelnde Kerlchen das lange durchmachen würde, aber
er kam so langsam auf den Dreh und brachte ein bemerkenswertes
PR-­Programm zum Laufen, um sein politisches System aufzubauen.
Er war hervorragend darin, sich selbst in Szene zu setzen und seine
Gegner schlecht aussehen zu lassen. Eine weitere Stärke war, dass
er ein unglaublich flexibler Mensch war, der schnell seine Chancen
ausnützte. Nun sollte sich einiges ändern. Er festigte den neuen
Kurs zum Goldenen Zeitalter mit immer wiederkehrenden Bildern
und Symbolen für Frieden, Fruchtbarkeit und Frömmigkeit, aber
auch mit der Macht der Waffen.
Schon 27 v. Chr. verlieh ihm der Senat den Titel Augustus, das
war kein Name, sondern ein Beiwort und heißt: der Erhabene,
der Heilige oder Seine Heiligkeit. Dieser Begriff war vorher nur
im sakralen Bereich benützt worden. Octavianus war der allererste
Römer, dem mit diesem Wort die Aura der Heiligkeit offiziell ver­
liehen wurde – und ab da wurde er dann nur noch als Caesar Augustus (Kaiser Augustus) angesprochen. Er stellte sich jetzt selbst als
Apollo mit Lorbeerkranz dar, ein Symbol für Reinheit und Moral,
der Kaisermythos war geboren. Eine neue Ära brach an, denn mit
seinem neuen Namen änderte er auch seinen Regierungsstil, der
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bisher so brutal gewesen war. Unter ihm erlebte nun das krisen­
geschüttelte Rom seine Blütezeit.
Im Gegensatz zu Caesar steuerte Augustus nicht die Diktatur
an, sondern es entstand unter ihm eine völlig neue, eine monar­
chische Ordnung, das Römische Kaisertum (was allerdings nicht
alle Historiker so sehen). In den folgenden Jahren erfuhr Rom tief
greifende Neuordnungen: Das Straßennetz wurde erweitert und der
Handel gesichert, Wasserleitungen wurden ausgebaut, die Getrei­
deversorgung wurde optimiert, Feuerwehren und eine Art Polizei
wurden aufgestellt, die alten Backsteingebäude verschwanden und
neue prächtige Bauten erstrahlten in weißem Marmor.
Auch als Feldherr war Augustus erfolgreich, weitete sein Impe­
rium ständig aus und beutete die neuen Provinzen nicht gnadenlos
aus, wie es davor der Fall gewesen war, sondern sorgte für Frieden
und Wohlstand. Aus der Schlappe nach der verlorenen Schlacht
gegen den Cherusker Arminius im Jahr 9 (bekannt als: Schlacht
im Teutoburger Wald oder Varusschlacht), bei der drei Legionen,
ca. 25.000 Römer, von den Germanen niedergemetzelt wurden,
lernte er und ließ dauerhafte Grenzen an Rhein und Donau bauen.
Das alles führte zu einem sichtbaren Aufschwung. Die Menschen
sahen, dass mit der Pax Augusta (augusteischer Friede) ein neues
Zeitalter begonnen hatte, und so wurde der Kaiser Augustus zum
viel gepriesenen Friedenskaiser. Und ein Mann, der Friede bringt,
dem flogen einfach die Herzen zu. Deswegen musste er nicht mit
Gewalt regieren. Es ist ihm als historische Leistung anzurechnen,
dass er ein Herrschaftssystem von Grund auf neu aufbaute und eine
200 Jahre währende Friedenszeit einleitete, die als Pax Augusta oder
Pax Romana in die Geschichtsbücher einging. 200 Jahre Frieden in
Europa – das hat sich danach nie mehr wiederholt.
Nach einer langen Regierungszeit waren fast alle Bereiche des
römischen Lebens von Politik, Wirtschaft und Architektur bis
zur Literatur von ihm wegweisend geprägt. Im Spätsommer des
Jahres 14 lag in der Nähe von Neapel einer der begabtesten und
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fähigsten Staatsmänner der Antike auf dem Sterbebett. In Gegen­
wart seiner Frau Livia und einiger Würdenträger soll er sich dort
am 19. August mit einem Spruch verabschiedet haben, den norma­
lerweise Schauspieler am Ende eines Stückes sprechen: Plaudite,
gentes – (wenn es gefallen hat,) klatscht Beifall, Leute! Ihm zu Ehren
wurde der Kaiser zum Staatsgott erklärt und der Monat Sextilis in
August(us) umbenannt.
Nun denn, dann mal Applaus, Applaus für Kaiser Augustus mit
seiner nicht ganz blütenweißen Weste.
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Weil K aiser Nero bei »RSDS«
eine Lachnummer gewesen wäre
Kaiser Nero steht auf dem Balkon seines Palastes, zupft die Leier
und singt jämmerlich dazu, während er irre auf das brennende Rom
starrt. Für dieses Bild des wahnsinnigen Kaisers ist ein Roman von
1895 verantwortlich: Quo Vadis? von Henryk Sienkiewicz, der dafür
1905 den Literaturnobelpreis bekam. Der Roman wurde 1951 in
Hollywood verfilmt, und der großartige Peter Ustinov setzte Nero
als dekadenten und tyrannischen Psychopathen in Szene.
Nach der Feuerwalze ließ Nero sich im Zentrum Roms einen
überdimensionalen, prunkvollen Palast mit großen Kunstschät­
zen bauen, die sogenannte Domus Aurea, das goldene Haus, de­
ren Unterbauten mit fantastisch erhaltenen, aufwendigen Fresken
heute noch zu besichtigen sind. Das war eine Luxus-Landschaft mit
Hainen, Grotten und Zaubergärten, worin Tempel, Bäder, Thea­
ter und der eigentliche Palast untergebracht waren. Das gesamte
Areal wurde von einer 14 Kilometer langen Säulenhalle eingezäunt.
Erstaunlicherweise nahm es ihm die römische Bevölkerung über­
haupt nicht übel, denn der kleine Mann musste dafür keinen Ses­
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