Solidarität mit dem griechischen Volk!

Sozialistische
Wochenzeitung
Zeitung der DKP
Politische Gefangene
Industrie 4.0 …
Anlässlich des Tages des politischen Gefangenen,
18. März, sprachen wir mit Henning von Stoltzenberg, Rote Hilfe.
und Arbeiterklasse heute. Auszüge aus dem Referat von Olaf Harms auf der 12. Tagung des Parteivorstandes der DKP.
www.unsere-zeit.de
Seite 5
Seite 12
Foto: Bundesarchiv, Bild 101I-165-0412-14A / Rauch / CC-BY-SA
20. März 2015 · Nr. 12 · 47. Jahrgang
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Orten in Deutschland, die von der Ausbeutung des griechischen Volkes profitieren: Vor
der deutschen Bank, vor Zentralen von Konzernen oder der politischen Eliten, vom deutschen Bundestag bis zum lokalen CDU-Büro.
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Redaktion der UZ
Zahlt endlich
eure Schulden!
D
ie Angriffe der deutschen Banken, Konzerne und des deutschen Staates auf Eigentum
und Lebensbedingungen des griechischen Volkes haben Tradition: Die
faschistische deutsche Wehrmacht
begann nach der Besetzung Griechenlands im April 1941 mit der Plünderung von Athen. Brotrationen von
täglich 92 Gramm blieben für Stadtbewohner übrig, die Landbevölkerung
ging völlig leer aus. Der Großteil der
griechischen Lebensmittelproduktion wurde von den Nazis geraubt und
der faschistischen Wehrmacht für ihre
Raubkriege zur Verfügung gestellt. Im
Jahr 1942 wurde die Bank von Griechenland zur Gewährung eines Kredits an das Deutsche Reich gezwungen – nach heutigem Wert etwa 30
Milliarden Euro.
Bislang weigert sich die Bundesregierung, die berechtigten Forderungen der neuen griechischen Regierung
nach Reparationszahlungen zu erfüllen. Auch den Kredit will man nicht
zurückzahlen. Dabei wird die Forderung, endlich eine Diskussion über das
Thema Reparationen und Zwangskredit zu beginnen, in Griechenland nicht
erst jetzt, sondern seit Jahren erhoben.
So beispielsweise durch den damaligen Staatspräsidenten Papoulias anlässlich des Staatsbesuchs von Bundespräsident Gauck im März 2014.
Entgegen der Haltung der Bundesregierung in der Reparationsfrage gibt es von SPD- und Grünenpolitikern wie SPD-Vize Ralf Stegner
und Anton Hofreiter (Grünen-Fraktionsvorsitzender) hierzulande jetzt
Stimmen, die eine Entschädigung
Griechenlands für die Folgen der faschistischen Besatzung fordern. „Politisch ist der Fall aus meiner Sicht
eindeutig: Wir sollten auf die Opfer
und deren Angehörige finanziell zugehen“, erklärte die Vorsitzende der
SPD-Grundwertekommission, Gesine Schwan, auf „Spiegel Online“.
Deutsche Konzerne und Banken
verdienen auch heute an der Ausplünderung des Landes. Vor allem nach
Annexion der DDR suchten deutsche
Banken und Konzerne dort neue Profitquellen. So beispielsweise im Einzelhandel und in der Pharmaindustrie. Neben den seit vielen Jahren in
Griechenland tätigen Unternehmen
wie Siemens, Bayer, Hochtief, Thyssen-Krupp u. a., die sich teilweise in
den letzten Monaten „zurückgezogen“ haben, weil die Gewinne sanken,
etablierten sich Einzelhandelsunternehmen wie Lidl und Media-Saturn
in Griechenland und verdrängten einheimische Einzelhändler und Ketten.
Die Deutsche Telekom übernahm ab
2008 große Anteile von Hellenic Telecommunications, das – wie von GewerkschafterInnen vorausgesagt –
nach einer Rosskur die Gehälter der
Beschäftigten deutlich gesenkt hat.
„Auch die Vertreter der deutschen
Rüstungsindustrie gaben sich“, schrieb
das „Handelsblatt“ am 17.2.2012, „in
Athen die Klinke in die Hand. Die
Griechen waren lange ihre besten
Kunden: Panzer und Geländewagen,
Unimogs und U-Boote, Fregatten und
Granaten. Selbst als die griechische Finanzmisere längst offensichtlich war,
kam Kanzlerin Merkel nach Athen
und drängte den damaligen Premier
Kostas Karamanlis zum Kauf milliardenschwerer Eurofighter. Und wenn
die Griechen mit einem Kauf zögerten, halfen deutsche Firmen wie Siemens oder Ferrostaal mit Schmiergeldern nach. Die wurden auf die Rechnungen draufgeschlagen.“
In einem Gastbeitrag in „Die Zeit“
machte Gesine Schwan am 12. Februar dieses Jahres darauf aufmerksam,
dass deutsche Banken Griechenland
schon nach dem Jahr 2000 hohe Kredite gegeben hätten, obwohl das Land
schon damals nicht der Hort der finanziellen Stabilität war, sondern bereits
erhebliche Schulden angehäuft hatte.
„Die Kredite hatten unter anderem
der Finanzierung von griechischen Importen aus Deutschland gegolten, die
dem deutschen Export gut taten, von
denen wir aber heute wissen, dass deren zugrundeliegende Verträge etwa
mit Siemens, Rheinmetall und/oder
Krauss-Maffei durch Korruption zustandegekommen waren.“
Dem Vorschlag des damaligen Eurogruppenchefs Jean-Claude Juncker
folgend wurde 2012 in Griechenland
eine Privatisierungsagentur nach dem
Vorbild der deutschen Treuhand eingerichtet. Öffentliche Güter wurden in
undurchsichtigen Verfahren zu Schleuderpreisen verhökert. In der Agentur
gaben private Unternehmen und die
Troika den Ton an. Die lukrativen Teile
der griechischen Agrarbank ATE zum
Beispiel, die kurz zuvor noch in Staatsbesitz war, wurden an die private Piräus-Bank verkauft, die laut damaligem
EU-Stresstest mit finanziellen Schwierigkeiten kämpfte. Wie in vielen anderen Fällen blieben Preis und Konditionen geheim. Unter anderem sollten
Häfen und Airports verkauft bzw. teilprivatisiert werden. Und auch hierwa-
ren und sind auch deutsche Konzerne
und Banken Nutznießer dieser weiteren Privatisierungen.
Werner Sarbok
(siehe auch die Seiten 8 und 9)
Solidarität mit dem
griechischen Volk!
Der DKP-Parteivorstand erklärt seine Solidarität mit dem Versuch des griechischen Volkes und seiner Regierung, sich aus der menschenverachtenden
unsozialen Austeritätspolitik, die ihm von der Troika aufgezwungen wurde,
zu befreien.
Der Parteivorstand der DKP fordert die Bundesregierung auf,
H ihren Widerstand gegen eine grundlegende Änderung der Politik der EU
gegenüber Griechenland aufzugeben.
H auf alle Forderungen zu verzichten, die von der griechischen Regierung
die Fortsetzung des Sozialabbaus erzwingen sollen.
H stattdessen umgehend die Gelder freizugeben, die die griechische Regierung zur Absicherung von Lohn- und Rentenzahlungen und zur Gesundheitsversorgung der Bevölkerung benötigt.
H sowie einer gesamteuropäischen Schuldenkonferenz zuzustimmen, auf
der vorbehaltlos alle Maßnahmen – insbesondere Schuldenschnitt und Umverteilung der gesamteuropäischen Ressourcen – geprüft und beschlossen
werden, die die derzeitige ausweglose Situation in vielen Ländern und für
viele Millionen Menschen in Europa beenden helfen.
Der Parteivorstand der DKP erklärt insbesondere seine Solidarität mit den
berechtigten Forderungen des griechischen Volkes nach Entschädigungsleistungen für die deutschen Kriegsverbrechen und die von den Nazis erpresste
Staatsanleihe und unterstützt den einstimmigen Beschluss des griechischen
Parlaments, dass die BRD die historische Schuld der damaligen deutschen
Besatzungsmacht wenigstens nach 70 Jahren finanziell wiedergutmacht,
auch wenn diese Verbrechen überhaupt nicht mit Geld aufgewogen werden
können.
2 Freitag, 20. März 2015
Wirtschaft und Soziales
Gastkolumne von Manfred Jansen
Dumping lohnt nicht
In der UZ vom 27.02.15 berichtete der langjährige Betriebsrat bei
Daimler Bremen, Gerhard Kupfer:
In der Nacht vom 11. auf den 12. Dezember streikten 1 300 Kolleg/innen
gegen Fremdvergaben, Leiharbeit
und Werkverträge. Die Belegschaft
hat erkannt, dass die Schaffung von
Billiglohnbereichen letztlich ein Angriff auf Arbeitsplätze und Standards
auch der Kernbelegschaft ist.
Ich erinnere mich dazu an zwei
Meldungen vom Juni 2014:
1) Obwohl der Daimler-Konzern
im PKW-Bereich den Vorjahresgewinn gerade um ein Drittel getoppt
hatte, kündigte der neue Produktionschef Schäfer Outsourcing im großen Stil an. Mehr noch, die Werklandschaft würde komplett umgekrempelt.
Einzelne Modelle sollen nicht mehr
standortgebunden sein, sondern (wie
z. B. die C-Klasse) auf vier Kontinenten gleichzeitig organisiert werden.
2) Laut Schäfer gibt es mit dem
Betriebsrat „eine neue, extrem konstruktive Zusammenarbeit“. So seien
für das Werk Sindelfingen über mehrere Jahre hinweg Kostensenkungen
in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrages vereinbart worden.
Gerhard Kupfer erzählte, die
Bremer hätten vergeblich versucht,
Kontakte zu anderen Werken zu
knüpfen um den Kampf zu koordinieren. So habe sich der Konzern
„Stück für Stück ein Werk nach dem
anderen geholt“. Anscheinend werden die Belegschaften wieder einmal in einen StandortkonkurrenzAmoklauf gehetzt.
Falls die genannten Zugeständnisse seitens der Betriebsräte Versuche
sind, die Konzernstrategie abzuwenden, ist deren Scheitern absehbar. Die
„Einsparungen“ sind ja nicht als Alternative zu Schäfers Plänen gedacht,
sondern sind ein Teil von ihnen.
Hier wird eine Grundsatzfrage berührt, die wir auch bei uns im
Unser Autor Manfred Jansen hat
als Vertrauensleutevorsitzender
und später als Betriebsratsvorsitzender mit seinen Kolleg/innen
eine zwei Jahre dauernde betriebliche Auseinandersetzung gegen
die vom Konzern bereits beschlossene Zerschlagung des Betriebes
und die Schließung der Fertigung
erfolgreich geführt. Dem vorausgegangen waren zehn Jahre, in
denen sich die Belegschaft gegen
prekäre Arbeit im Betrieb, gegen
Lohnsenkungen und Tarifverzichte, gegen den Versuch, Kolleg/
innen innerhalb der Belegschaft
gegeneinander auszuspielen und
Standortkonkurrenz anderen Belegschaften gegenüber zu schüren, wehrte.
Die gesammelten Erfahrungen,
aber auch Erfahrungen anderer
Kolleg/innen, haben ihn zu seinem Buch „Ihr seid Träumer sagte
Betrieb diskutierten und zwar lange
bevor der Konzern uns mit Betriebsschließung drohte:
Es ist der gewerkschaftliche
Grundgedanke, Konkurrenz der abhängig Beschäftigten gegeneinander
zu unterbinden. Wir dürfen auf keinen Fall selbst zur Kultivierung solcher Konkurrenz beitragen. Erfolgreiche Kämpfe werden tendenziell verunmöglicht, wenn immer mehr Leute
in prekärer Beschäftigung fast alles
machen, um überhaupt arbeiten zu
dürfen. Lohn- und Sozialdumping ist
auf Dauer immer zu Erfolglosigkeit
verurteilt, weil die Einspareffekte seitens der Konzerne gerne mitgenommen werden, die Verlagerung in andere Länder, in Billiglohnbereiche, in
tariflose Betriebe usw. aber trotzdem
erfolgt. Sie ziehen ihre Pläne durch,
wenn sie nicht daran gehindert werden können!
Damals hat unser Vertrauensleutekörper durchgesetzt, dass der
Betriebsrat der Beschäftigung von
Leiharbeitern widersprach und dass
so lange keine Überstunden genehmigt wurden, bis auch alle „Dauerbefristeten“ fest eingestellt waren.
Das war 1998.
Zehn Jahre später – im Oktober
2008 – sollte der Betriebsrat erpresst
werden, Tarifverzicht und Massenentlassungen zuzustimmen, ansonsten würde der Betrieb geschlossen.
Eine „Mitnahmestrategie“ zum zusätzlichen Schröpfen der Belegschaft! Schon im November ließ der
Konzern die Katze aus dem Sack, die
Zerschlagung des Betriebes sei seit
Langem beschlossene Sache.
Wir haben das in einem zweijährigen Kampf verhindert. Wir haben
dabei nicht auf einen Cent verzichtet. Wir haben aber eingeschätzt,
wenn wir nicht schon 1998 angefangen hätten gegen die Prekarisierung
zu kämpfen, hätten wir 2010 nicht
gewinnen können.
Nachgefragt
Die Streiks bei Daimler Bremen
und die 761 Abmahnungen
Über 100 klagewillige Kollegen sollen
sich nach Angaben des ehemaligen
Daimler-Betriebsrates Gerhard Kupfer gefunden haben, um sich gerichtlich gegen die Abmahnungen zu wehren, die sie aufgrund einer Streikaktion im Dezember 2014 erhalten hatte.
In einem von Kupfer verschickten
Rundbrief heißt es, die Klage solle
mit einer entsprechenden Öffentlichkeitsarbeit begleitet und nötigenfalls
auch bis zum Europäischen Gerichtshof durchgefochten werden. „Dabei
geht es nicht zuletzt um die Frage des
Streikrechts, wegen dessen Einschrän-
„Risiko der Altersarmut soll auf die
Beschäftigten abgewälzt werden“
Ein Gespräch mit Olaf Harms
In der Tarifrunde Öffentlicher Dienst
(Länder) greifen die „Arbeitgeber“ die
betriebliche Altersvorsorge an. ver.di
mobilisert für spürbare Verbesserungen in den Sozial- und Erziehungsberufen und Gabriel macht Werbung für
die ungeliebten Freihandelsabkommen.
UZ: Derzeit läuft die Tarifrunde im Öffentlichen Dienst (Länder). Wie schätzt
Du den bisherigen Verlauf ein?
Olaf Harms: In der Tarifrunde Öffentlicher Dienst der Länder ist dieses Mal
wohl eine länger anhaltende Auseinandersetzung zu erwarten. Ein schnelles Ergebnis wie in der Tarifrunde der
Kommunen im letzten Jahr, in der mit
kung die BRD durch die EU bereits
gerügt worden ist. Die 761 Abmahnungen und die Klage dagegen bekommen eine Bedeutung, die nicht
nur die Bremer Daimler-Kollegen
betrifft, sondern alle Beschäftigten
dieses Landes.“ Ein verlorener Prozess mache das Recht nicht schlechter, so einer der Anwälte, die sich für
die Kollegen bei Daimler Bremen
einsetzen. „Ein gewonnener Prozess
kann das Recht aber besser machen.
Für alle Beschäftigten. Dafür lohnt es
sich zu klagen“, wird er im Rundbrief
weiter zitiert.
gen zur Aufwertung der Sozial- und
Erziehungsberufe. Da geht um eine
Neuregelung der Eingruppierung, die
für die rund 240 000 Beschäftigten im
kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst zu Einkommensverbesserungen
von durchschnittlich zehn Prozent führen würden.
Die damit verbundene Kampagne
von ver.di ist enorm wichtig, weil wir
bei einer Überschneidung der Tarifrunden und einem gewachsenen Bewusstsein in der Bevölkerung dafür,
dass beispielsweise Pflegerinnen und
Pfleger wesentliche Leistungen in unserer Gesellschaft erbringen, einen
großen Schritt in Richtung Bekämpfung der Altersarmut gehen wollen.
Denn wenn man es nüchtern betrachtet, dann erwartet diejenigen, die unsere Alten pflegen, im eigenen Alter
reale Armut. Sie werden sich die eigene Pflege im Alter von ihrer Rente
nicht leisten können.
UZ: Sind die beiden Tarifrunden denn
zusammen vermittelbar? Länderbereich, Öffentlicher Dienst, das klingt
auf dem Papier erst einmal nach vergleichsweise guten Beschäftigungsbedingungen.
Olaf Harms ist ehrenamtlicher
Vorsitzender von ver.di Hamburg
und Sekretär für Betriebs- und
Gewerkschaftspolitik der DKP
3,3 Prozent ein relativ gutes Ergebnis
erzielt wurde, wird es dieses Mal nicht
geben – nicht ohne Kampf. Damals haben wohl auch die zu der Zeit anstehenden Kommunalwahlkämpfe eine
Rolle gespielt. Die „Arbeitgeber“ hatten wohl Sorge, einen Tarifkonflikt im
Wahlkampf auszutragen.
UZ: Der ver.di-Vorsitzende Frank
Bsirske spricht von einer möglichen
Eskalation des Tarifkonfliktes …
der Traum“ inspiriert. Ein „Lehrbuch für Betriebsräte“ (Anne Rieger in den Marxistischen Blättern),
zu beziehen über [email protected] für 16 EUR zuzüglich Versandkosten.
unsere zeit
Olaf Harms: … weil die „Arbeitgeber“
an die Altersvorsorge der Kolleginnen
und Kollegen im Öffentlichen Dienst
wollen. Bei der betrieblichen Altersversorgung schlagen sie einen Ausstieg
aus dem System vor, der perspektivisch
darauf hinausläuft, dass mit bis zu 20
Prozent Rentenkürzung gerechnet
werden muss. Allein der Vorschlag, zu
einer kapitalgedeckten Altersvorsorge
überzugehen, ist ein Griff ins Klo. Wir
haben doch die Erfahrungen mit der
Riester-Rente. Das Risiko der Altersarmut soll auf die Beschäftigten abgewälzt werden. Nur, eine private Vorsorge treffen, dass können sich viele gar
nicht leisten. Die betriebliche Altersvorsorge ist notwendig und muss verteidigt werden.
UZ: In den Gewerkschaften wird der
Länderbereich häufig so eingeschätzt,
dass dieser schwierig zu mobilisieren
ist. Dennoch gibt es derzeit
eine ganze Reihe von öffentlichen Protesten unterschiedlicher Größe unter Fahnen
der GEW, der GdP, vor allem aber von ver.di.
Olaf Harms: Bei den Länderbeschäftigten ist der
gewerkschaftliche Organisationsgrad zugegebenermaßen nicht berauschend.
Es gibt aber durchaus auch
gut organisierte Bereiche,
in Hamburg sind das zum
Beispiel die Zulassungsbehörden und die Bezirksämter.
Und derzeit läuft nicht
nur die Tarifrunde im Öffentlichen Dienst der Länder, wir haben neben weiteren auch Tarifverhandlun-
Olaf Harms: Auch die öffentliche
Hand schreckt nicht vor Befristung
und Teilzeitbeschäftigung zurück. Ein
geregeltes Leben ist im Öffentlichen
Dienst nicht unbedingt gesichert. Ein
Einkommen zum Auskommen – vor allem in Hinblick auf das Alter – ist auch
im Öffentlichen Dienst ein Problem,
das vielen Kolleginnen und Kollegen
vertraut ist.
Eine effektive Bekämpfung von
Altersarmut würde bedeuten: Keine
Entlohnung von unter 15 Euro in der
Stunde. Damit ist kein Luxus zu finanzieren, sondern lediglich die Unabhängigkeit von staatlichen Zuwendungen
im Alter.
UZ: Neben den Tarifrunden ist auf der
letzten Sitzung der Kommission Betrieb
und Gewerkschaft der DKP auch die
Mobilisierung gegen die Freihandelsabkommen TTIP (EU-USA) und CETA
(EU-Kanada) thematisiert worden. Die
DKP unterstützt die selbstorganisierte
Europäische Bürgerinitiative (EBI) gegen die Freihandelsabkommen. Mein
Eindruck ist, die Bewegung um die EBI
ist in den letzten Wochen etwas ruhiger
geworden …
Olaf Harms: Die Kampagnen gegen
die Freihandelsabkommen TTIP und
CETA haben an Fahrt verloren, das ist
sicher richtig. Wir haben in der Kommission Betrieb und Gewerkschaft
überlegt, was wir in die Bewegung, die
die Europäische Bürgerinitiative sehr
erfolgreich initiiert und durchgeführt
hat, als Idee einbringen können.
Eine Möglichkeit wäre unserer
Auffassung nach die Durchführung
von Bürgerbegehren gegen CETA,
das Abkommen zwischen der EU und
Kanada, das – wie es jetzt aussieht –
im nächsten Jahr in den nationalen
Foto: © Ralf Spiegel/fototeam Hessen/verdi
Parlamenten abgestimmt werden soll
und als Blaupause für TTIP dient. Bürgerbegehren können auf kommunaler
und Länderebene gestartet werden.
Wo es dieses Instrument gibt, ist es ein
brauchbares Mittel, den Druck auf die
Parlamente deutlich zu erhöhen und
diese zur Positionierung zu zwingen –
und zwar in stärkerem Maße als das
beispielsweise bei einer Europäischen
Bürgerinitiative der Fall ist.
UZ: Neben den Unternehmensverbänden legt sich vor allem Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel mächtig ins Zeug,
um Werbung für die Freihandelsabkommen zu machen. Der Kritik am in
den Abkommen vorgesehenen Investorenschutz hält er nun ein Schlichtungsmodell entgegen.
Olaf Harms: Mit seinem Vorschlag, die
bisher geplanten privaten Schiedsgerichte durch einen Schlichtungsmodell
zu ersetzen, hat Sigmar Gabriel eine
Entschärfung beim Investorenschutz
in die Diskussion gebracht. Der Investorenschutz ist ja ein Knackpunkt bei
den Freihandelsabkommen, allerdings
nicht der einzige.
Selbst wenn es so kommen sollte, dass hier Zugeständnisse gemacht
werden, der mit den Freihandelsabkommen verbundene Druck in Richtung einer neuen Privatisierungswelle
bleibt. Das Ziel von TTIP und CETA
ist doch, den Markteinfluss von staatlicher Seite zu beseitigen. Öffentliches
Eigentum ist da ein ganz wichtiger
Faktor, denn Eigentum bedeutet Kontrolle.
Und diesen Druck wird es mit TTIP
und CETA geben – Druck zur Ausgliederung, zur Privatisierung – gerade in
der öffentlichen Daseinsvorsorge. Obwohl wir deutlich vor Augen geführt
bekommen, wie gefährlich Privatisierungen in diesen Bereichen sind und
in welchem Ausmaß sie zu Lasten der
Beschäftigten gehen.
Was das laute Trommeln von Kapitalverbänden und Wirtschaftsminister Gabriel für die Freihandelsabkommen betrifft, so sehe ich das eher als
Zeichen für den Erfolg der Bewegung
gegen die Freihandelsabkommen. Die
zuvor gefahrene Strategie, in Geheimverhandlungen und ohne öffentliche
Debatte die Freihandelsabkommen
durchzudrücken, ist offensichtlich
gründlich gescheitert.
Das Thema Freihandel ist jetzt in
den Köpfen und die doch recht bemüht
wirkenden Kampagnen des deutschen
Kapitals für die „Idee des Freihandels“
zeigen meines Erachtens, dass die Aufklärungsarbeit zu TTIP und CETA tatsächlich sehr erfolgreich war und ist.
Nur muss sie jetzt dringend fortgeführt
werden. Denn nur weil das Thema bei
vielen gesetzt ist und wir wissen, was
für einen Unsinn Sigmar Gabriel und
Co. derzeit von sich geben, sind die
Vorhaben noch lange nicht vom Tisch.
Wenn wir TTIP und CETA wirklich
verhindern wollen, muss der Druck
ständig erhöht werden.
Das Gespräch führte Lars Mörking
Wirtschaft und Soziales
unsere zeit
Freitag, 20. März 2015 Atomrückstellungen in Gefahr
Tarifrunde Vattenfall:
Keine 2,4 Prozent
Umbau der Energiekonzerne beschränkt Haftung für Rückbau von Atommeilern
D
ie Energiekonzerne E.on und
RWE haben kürzlich ihre Geschäftszahlen präsentiert und damit unter Anlegern einen Schock ausgelöst: E.on präsentierte den größten Verlust seiner Firmengeschichte und RWE
verkündete gleich neue Sparmaßnahmen. Schuld an der Misere seien wieder
einmal der Atomausstieg und die Energiewende, schrillt es durch den Blätterwald. Die schwachen Geschäftszahlen
lassen gleichzeitig Zweifel aufkommen,
ob die Atomrückstellungen der Konzerne ausreichen, ihre alten Meiler zurückzubauen, oder ob am Ende doch der
Steuerzahler dafür aufkommen muss.
Dieses Jahr werde ein ebenso hartes
Jahr wie 2014, wenn nicht härter, sagte E.on-Chef Johannes Teyssen auf der
Bilanzpressekonferenz am Mittwoch
vergangener Woche. Im vergangenen
Jahr hat der Energieriese einen Verlust
von 3,2 Milliarden Euro eingefahren.
Abschreibungen auf konventionelle
Kraftwerke in Großbritannien, Schweden und Italien schlugen besonders zu
Buche.
RWE machte im letzten Jahr „nur“
einen Gewinn von 1,7 Milliarden Euro.
„Das Tal der Tränen ist noch nicht überschritten“, sagte RWE-Chef Peter Terium und stimmte auf einen weiteren Gewinnrückgang in diesem Jahr ein. Selbst
betriebsbedingte Kündigungen wollte
Terium nicht mehr ausschließen.
Bis zur Reaktorkatastrophe von Fukushima waren es vor allem die Atomkraftwerke, die den Energiekonzernen
satte Gewinne einbrachten. Immerhin
brachte jedes AKW den Konzernen einen Profit von einer Million Euro pro
Tag. Die Energiewende veränderte die
Marktbedingungen ebenso nachhaltig
zu Lasten der vier großen Energiekonzerne: Vor allem die klassischen Großkraftwerke werden immer unrentabler,
weil das Überangebot am Strommarkt
die Börsenpreise in den Keller treibt.
Inzwischen verdienen 35 bis 45 Prozent
der RWE-Anlagen kein Geld mehr,
musste Terium eingestehen, und wenn
es bei den gegenwärtigen Börsenpreisen
bleibe, „wird RWE Generation in nicht
autor Bontrup. Jetzt räche sich das sture Festhalten an einem überkommenen
Geschäftsmodell.
Die miserablen Geschäftsaussichten
der vier großen Energieversorger würden auch deren finanzielle Verpflichtungen bedrohen, ist sich die Umweltorganisation Greenpeace sicher. Die
Rückstellungen für die Milliardenkosten des Rückbaus von Atommeilern und
die Umweltfolgen des Braunkohletagebaus bestünden zum großen Teil aus
dem Wert der konzerneigenen Kraftwerke. Deren Wert sei aber in den letzten Jahren gesunken und entsprechend
unsicher werden dadurch die Rückstellungen. „Die Bundesregierung muss
dringend dafür sorgen, dass die Rückstellungen der Energieversorger in einer
öffentlich-rechtlichen Stiftung gesichert
werden“, so Energie-Experte Tobias
Ausstrup von Greenpeace. Der Steuerzahler solle nicht für die Managementfehler von vormals blendend verdienenden Konzernen aufkommen müssen.
Die Warnungen von Greenpeace
sind ernst zu nehmen. Die Energiekon­
zerne haben zusammen rund 36 Milliarden Euro an Rückstellungen für
den Rückbau der Atommeiler gebildet. Sollten diese nicht ausreichen, haften die Konzerne bis zum letzten Cent.
Deshalb sind sie bestrebt, ihre Haftung
zu beschränken. Der verkündete Konzernumbau von E.on hatte bereits den
Verdacht nahe gelegt, dass die Atomrückstellungen in eine Art Bad Bank
ausgegliedert werden soll (UZ berichtete). Sollten sie nicht ausreichen, würde
nach einer Übergangszeit nur noch die
neue Gesellschaft haftbar sein und nicht
mehr der gesamte Konzern.
Durch eine Anfrage der Grünen
beim Bundeswirtschaftsministerium
wurde zudem bekannt, dass dort zu den
Folgen der bereits 2012 vorgenommenen Umstrukturierung für die nuklearen Entsorgungsverpflichtungen Vattenfalls keine Erkenntnisse vorliegen, wie
es in der Antwort heißt.
Bernd Müller
„Fortschrittlich und kämpferisch“
Textilindustrie in Berlin und Brandenburg
Textilien sind neben Trinkwasser und
Nahrung das wichtigste Grundbedürfniss der Menschen. Sie dienen dem
Schutz vor Kälte, Hitze, Regen, Wind,
zur Errichtung von Wohnraum (Zelte)
und sind Ausdruck von Kultur, Religion …
Seit der industriellen Revolution ist
die Textilindustrie die Abteilung der
produzierenden Industrie (oder der
verarbeitenden Gewerbe, wie die IG
Metall das heute nennt) mit der weltweit größten Zahl von ArbeiterInnen.
Dies hat sich nicht geändert, nur geographisch verschoben.
Während in den ursprünglichen
Ländern der industriellen Textilherstellung (England, Deutschland, Frankreich, Italien, USA) heute weniger ArbeiterInnen in der Branche tätig sind,
ist ihre Zahl in den „Billigländern“ (Indien, Bangladesch, Pakistan, Kambodscha, Türkei und neuerdings einigen
afrikanischen Staaten wie Ghana, Bali
u. a.) stark gestiegen.
Seit Beginn der Arbeiterbewegung – besonders der kommunistischen Bewegung – haben Studien der
Entwicklung der Produktivkräfte, der
Arbeiterklasse und ihres Bewußtseins
die Werke der Klassiker wesentlich
mitgeprägt. Wir empfehlen zur Vertiefung hier besonders Engels’ „Zur Lage
der arbeitenden Klassen in England“.
Engels selbst entstammte einer Textilkapitalistenfamilie (Baumwollspinner
in Manchester).
Bedingt durch ihre große Zahl und
Schärfe der Ausbeutung waren und
sind TextilarbeiterInnen immer wesentlich an den Klassenkämpfen beteiligt, wichtige „Eckpunkte“ in der
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-P1009-0002 / Thieme, Wolfgang / CC-BY-SA
Entwicklung wie Internationaler Frauentag, Wahlrecht für Frauen, die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit u. a. sind Ergebnisse großer
Kämpfe und großer Streiks der TextilarbeiterInnen.
Auch heute ist dies so, besonders
dort, wo es neben einer zahlenmäßig
starken Textilarbeiterschaft kommunistische Parteien gibt, die organisierend und bewußtseinsbildend wirken.
Die KP Bangladesch’s schätzt die TextilarbeiterInnen als den „fortschrittlichsten und kämpferischsten Teil“ der
Arbeiterklasse ihres Landes ein, ähnlich ist das in Indien, China und der
Türkei.
In Deutschland gibt es heute ca. 130
000 sozialversicherte TextilarbeiterInnen, daneben eine große Zahl „nicht
erfasster“ (siehe weiter unten) ArbeiterInnen, die als Zulieferer, Änderungsschneider usw. selbstständig und
selbstausbeutend arbeiten.
Die Industriegewerkschaft Bergbau,
Chemie, Energie (IG BCE) und die IG
Metall haben in der dritten Verhandlung einen Tarifabschluss für die rund
15 000 Beschäftigten in der Tarifgemeinschaft Vattenfall in Deutschland
erreicht: Entgelte und Ausbildungsvergütungen erhöhen sich nach Angaben
der IG BCE um 2,4 Prozent ab dem
1. April 2015. Zusätzlich erfolgt im Januar 2016 eine Einmalzahlung von 100
Euro, für die Auszubildenden von 50
Euro. Der Vergütungstarifvertrag läuft
bis zum 30. September 2016. Das bedeutet, dass auf 12 Monate gerechnet nicht
2,4 Prozent, sondern eine Erhöhung der
Entgelte und Ausbildungsvergütungen
von 1,7 Prozent vereinbart wurde.
Laut Verhandlungsführer Holger
Nieden (IG BCE) gestalteten sich die
Verhandlungen „extrem zäh“. Der dritten und letztendlich entscheidenden
Verhandlungsrunde waren Warnstreiks
der Vattenfall-Beschäftigten vorausgegangen. „Wir haben mit diesem Tarifabschluss in einer energiepolitisch schwierigen Situation einen tragfähigen Kompromiss erreicht“, sagte Nieden.
Tarifrunde chemische Industrie
Foto: Andreas Conradt / PubliXviewinG
allzu ferner Zukunft einen betrieblichen
Verlust ausweisen müssen“.
Nicht die Energiewende habe
Schuld an den schlechten Konzernergebnissen, sondern deren eigene Manager, heißt es dagegen in einer von
Greenpeace in Auftrag gegebenen Studie zur Zukunft der Energiekonzerne.
Der Atomausstieg, die Energiewende
und der zu reformierende Emissionshandel seien längst absehbare Entwicklungen gewesen, auf die sich die Versorger hätten einstellen müssen, heißt es
von den Autoren Heinz-Josef Bontrup
und Ralf-Michael Marquardt von der
Westfälischen Hochschule in Recklinghausen. Doch statt sich am Ausbau der
Erneuerbaren Energien zu beteiligen,
kämpften die Unternehmen für eine
Laufzeitverlängerung ihrer Atomkraftwerke und tätigten im Ausland teure
und riskante Zukäufe. „Das Management der großen Versorger hat die Augen zu lange vor dem absehbaren neuen
Energiemarkt verschlossen“, so Studien-
3
Auf die östlichen Bundesländer entfallen von diesen 130 000 nur
16 000. Das ist eine „Umkehrung“ der
Verhältnisse von vor 25 Jahren, wo der
Osten – sprich die DDR – im deutschdeutschen Vergleich bei weitem mehr
TextilarbeiterInnen beschäftigte.
In Brandenburg sind 0,6 Prozent
aller in der Produktion tätigen ArbeiterInnen Textiler (im Vergleich Gesamtdeutschland: zwei Prozent), das
sind 736 Personen. Sie arbeiten in
fünf Spinnereien, einer Weberei und
22 „veredelnden“ Betrieben, darunter
Kleiderfabriken.
In Berlin arbeiten knapp 1 000 TextilarbeiterInnen in 80 Betrieben, davon
sind vier Webereien, 56 Veredler und
20 „sonstige Firmen“, darunter Designer, Lederverarbeiter usw.
Trotz lückenhafter Informationen,
besonders aus der DDR, zu der damals ein Teil Berlins und ganz Brandenburg gehörten, kann man definitiv
sagen, dass seit dem Ende der DDR
mehr als drei Viertel der Arbeitsplätze
in der Textilindustrie Berlins und Brandenburgs zerstört wurden. Diese Zahl
ist – ins Verhältnis zum Rest Deutschlands gesetzt – sehr hoch.
Die DDR hatte geplant, Berlin zum
Zentrum ihrer Textilindustrie auszubauen. Dies wurde nicht erreicht, die
Lausitz und Thüringen blieben sowohl
was die Produktionszahlen, als auch
was die Arbeitskräfte anbelangt, vor
der Hauptstadt. Trotzdem gab es einen
großen (VEB Fortschritt) und mehrere
mittelgroße Betriebe mit – konservativ geschätzt – weit über 5 000 ArbeiterInnen, Brandenburg lag nicht weit
dahinter.
Die sehr große Anzahl nicht erfasster – sprich nicht sozialversicherter – TextilarbeiterInnen, die unter
teilweise desaströsen Bedingungen
in kleinsten Produktionseinheiten bei
hoher Selbstausbeutung, sehr schlechtem Einkommen; nicht gewerkschaftlich organisiert oder „selbstständig“
im Sinne von Mitarbeit als Familienmitglied (oft auch der Kinder) arbeiten, bedeutet einen Rückschritt,
vergleichbar mit der vorindustriellen
Zeit der „cottage-weavers“ (KatenWeber). Die kleinen Betriebe in der
„offiziellen“ Textilindustrie, die besonders in Berlin und Brandenburg
das Bild prägen – stärker noch als im
Rest Deutschlands –, würden, sollten
wir dahin kommen, eine Sammelbetriebsgruppe Textil erfordern. In
diesem Bereich fällt es schwer, heute noch einen „Schwerpunktbetrieb“
ausfindig zu machen.
Marion Baur, Hermann Glaser-Baur
Die IG BCE ruft die 550 000 Beschäftigten der chemischen Industrie zur
Teilnahme an Großdemonstrationen
an fünf Chemie-Standorten auf.
Ein Angebot in der dritten Verhandlungsrunde hat die IG BCE als „Provokation“ zurückgewiesen. Die „Arbeitgeber“ hatten zwei bis drei Leermonate
gefordert sowie eine Erhöhung der Löhne um 1,6 Prozent bei einer Gesamtlaufzeit von 15 Monaten (aufs Jahr gerechnet 1,28 Prozent). Laut IG BCE ist dies
„völlig inakzeptabel und meilenweit
von einem möglichen Abschluss entfernt“. Für den Fall, dass die vierte Verhandlungsrunde am 26. und 27. März in
Stuttgart scheitern sollte, bereitet die IG
BCE nach UZ-Informationen einen Arbeitskampf vor.
Die IG BCE ist grundsätzlich auf
Sozialpartnerschaft orientiert. Der Verlauf der Tarifrunde in der chemischen
Industrie zeigt aber, dass die Kapitalseite diese Sozialpartnerschaft einseitig
aufgekündigt hat. Die streikunerfahrene
IG BCE reagiert nun darauf, wenn sie
für die Möglichkeit eines Arbeitskampfes Vorbereitungen trifft.
Die IG BCE fordert eine Anhebung
der Entgelte um 4,8 Prozent, außerdem
soll der Tarifvertrag „Demografie und
Lebensarbeitszeit“ weiterentwickelt
und der Demografiefonds ausgebaut
werden. In den vergangenen zwei Wochen hatte die IG BCE rund 60 000 Beschäftigte für Aktionen zur Tarifrunde
mobilisiert. Die Gewerkschaft will jetzt
den Druck erhöhen. Großdemonstrationen gab es in dieser Woche bereits in
Burghausen und Frankfurt/Main. Für
nächste Woche sind Demos in Köln,
Ludwigshafen und Hamburg angekündigt.
Tarifabschluss Steinkohle
Die Entgelte der 13 900 Beschäftigten
im Steinkohlenbergbau (Ibbenbüren,
Ruhr) steigen nach Angaben der IG
BCE zum 1. Mai 2015 um 3,6 Prozent
(Laufzeit 24 Monate, aufs Jahr gerechnet also 1,8 Prozent). Auf diesen Tarifabschluss einigten sich der Gesamtverband Steinkohle und die Gewerkschaft
IG BCE am 11. März in Herne.
Zudem erhalten die Beschäftigten
im März eine Einmalzahlung von 600
Euro, die Jahressonderzahlung wurde
zudem dauerhaft auf 2 156 Euro festgeschrieben.
IG-BCE-Verhandlungsführer Peter Hausmann wertet das Ergebnis als
„guten Abschluss in einer schwierigen
Zeit.“ Es sei gelungen, dass die Bergleute nicht von der allgemeinen Lohnentwicklung abgekoppelt werden. „Trotz
Personalanpassung und Versetzungen
leisten die Beschäftigten einen hervorragenden Job – das schlägt sich nun auch
in einem realen Einkommenszuwachs
nieder“, so Hausmann.
In Deutschland gibt es noch drei
Steinkohlezechen: Prosper-Haniel in
Bottrop, Auguste Victoria in Marl und
das Bergwerk Ibbenbüren. Die staatlich subventionierte Steinkohle-Förderung läuft nach dem Steinkohlefinanzierungsgesetz Ende 2018 aus.
4 Freitag, 20. März 2015
Innenpolitik
Frankfurter Rätselraten
Ein Jaspar von Altenbockum belehrt
uns in der FAZ („Woher kommt der
Hass?“) über die Unbill der Zeitläufte.
Politikern, Verwaltung und Journalisten schlüge „eine Verachtung entgegen,
die nicht rational erklärbar“ sei. Könne
Deutschland in den Spiegel schauen, es
würde sich manchmal kaum wiedererkennen.
Nun, es scheint das DeutschlandBild des Herrn von Altenbockum
deutlich von jenen blitzenden Zeiten
geprägt, als ein Diederich Heßling,
hutschwenkend und mit der Nase auf
dem Pflaster, eiligst der Kutsche ihrer
allerhöchsten Pickelhaube in untertänigster Pflichterfüllung beflissen hinterher sabberte. Als nun die beliebteste Kanzlerin aller Zeiten verkündete:
„Deutschland geht es gut!“ und: „Ich
leite die erfolgreichste Bundesregierung aller Zeiten!“ hätte es sich doch
wohl gehört, dass das Volk, der gemeine Pöbel zumal, in Hochrufe, Jubelgesänge und Dankgebete ausgebrochen
wäre. Und – was ist?
Polizisten würden von Hooligans
beinahe totgeschlagen, Menschen von
einem gutorganisierten Nazi-Mob bedroht, ein Bürgermeister in die Resignation getrieben. Wutbürger, Pegida,
selbst die Schlägertrupps aus den Fußballstadien stürzten sich auf Polizisten.
„Wie schleichendes Gift“ sickere eine
„Feindseligkeit, ein Bürgerkrieg der
Worte und manchmal auch schon der
Taten in unser Leben.“
Von Altenbockum kennt natürlich
auch die Übeltäter: „Die Protestbewegungen gegen Atomkraft, Rüstung
und andere Apokalypsen“, Stuttgart
21, Blockupy, Anti-TTIP-Propaganda.
Und natürlich die „Facebookisierung
des Abendlandes“. Durch die sozialen
Medien und dem „digitale(n) Herdentrieb“ begünstigt, bricht nun der Wutbürger „durch die dünne Decke der
Zivilisation“. „Der Hass und die Rituale der Verunglimpfung“ breiteten sich
im Netz aus „wie eine Seuche“. Klar,
dass angesichts dieser „Verrohung“
und dieser „neuen Form des Extremismus“, Polizeiaktionen wie in Stuttgart
eher den Charakter eines, sagen wir,
Feuerwehreinsatzes haben. Die Verhältnisse zerrütten, Öl ins Feuer gießen und sich zum Löschen anbieten,
das sei „auf der Linken nicht anders
als auf der Rechten, bei Blockupy so
ausgeprägt wie in den ‚Kameradschaften‘ von Dortmund bis nach Thüringen“. Furchtbar, all diese „Verächter,
die Meckerer, die Besserwisser, die
Verhinderer“, die gegen „eine ‚korrupte Politikerkaste’“ oder „eine ‚gleichgeschaltete Lügenpresse’ mit all ihrem
Hass“ hetzten.
Richtig, „der Hass und die Rituale
der Verunglimpfung“ breiteten sich aus.
Seit Jahrzehnten von Rechts-Oben. Da
braucht man nur die Qualitätspresse
aufzuschlagen, eine beliebige Talkshow
einschalten, oder Herrn Sarrazin zuhören, oder Herrn Henkel, oder Herrn
Schäuble … Der Neoliberalismus ist
schon vor 30 Jahren durch die dünne
Decke der Bretton-Woods-Zivilisation
gebrochen. Diese (nicht ganz so) „neue
Form des Extremismus“ sickert in der
Tat „wie schleichendes Gift“ in alle Lebensbereiche. Sie erzeugt tatsächlich einen Bürgerkrieg, einen Krieg Reich gegen Arm, der alles andere als ein Krieg
der Worte ist. (Und in dem das Frankfurter Zentralorgan nicht gerade nur
Zuschauer ist.)
Arm, besser vielleicht Nicht-Reich,
Links-Unten, hat in diesem Krieg massive Substanz-Verluste erlitten. Materiell, aber gravierender noch organisatorisch und vor allem mental und ideologisch. Die Formationen der großen
Alternative sind noch nicht zurück.
Die Sozialdemokratie, schon 1914
übergelaufen, hat mit Schröder ihr reformistisches Feigenblatt aus Kalten
Kriegszeiten fallen gelassen und sich
als neoliberaler Sturmtrupp geoutet.
Die DGB-Oberen haben nolens volens stillgehalten. Geblieben ist Orientierungslosigkeit, spontane Hoffnung,
Wut, Pegida und Co.
Die krude Recht-Links-Propaganda
einmal beiseite. Der große Irrtum des
Neoliberalismus ist der Glaube, man
könne die ungehemmte Bereicherung,
das Profitmaximierungsgebot des Kapitalismus, als gesellschaftliches Hoffnungsprojekt verkaufen. Die grassierende Verarmung, die Zerstörung der
Infrastruktur, der Umwelt, Bildung und
Kultur vorantreiben – und alles würde
so bleiben wie immer. Diese Wette geht
ebenso schief wie die des US-Subprime-Marktes. Der Sozialismus ist glücklich totgerüstet. Deutschland „droht“
keine soziale Revolution, sondern,
ganz rational erklärlich, Entdemokratisierung, Aufrüstung, Verfall, und die
Entzivilisierung. Dass ausgerechnet
die FAZ sich darüber mokiert, ist verblüffend. Man könnte fast meinen, die
ach so gebildeten Frankfurter hätten
dem Friedrich Hayek und dem Milton
Friedman tatsächlich geglaubt
.
Guntram Hasselkamp
Festung Frankfurt Bankenviertel
18. März – Tag des politischen Gefangenen
Für die Aufhebung des KPD-Verbots
UZ: Am 18. März fanden auch in diesem Jahr Aktivitäten für die Freiheit für
alle politischen Gefangenen statt. Auf
welche Tradition geht dieser Tag zurück?
Henning von Stoltzenberg: Der
18. März als Aktionstag für die politischen Gefangenen hat eine lange
Geschichte in der Arbeiterbewegung.
Ursprünglich als Tag der Commune
begangen, wurde er 1923 von der Internationalen Roten Hilfe als Tag der
politischen Gefangenen ausgerufen,
um neben dem Gedenken an die gefallenen Arbeiterinnen und Arbeiter
und den ersten Versuch der sozialistischen Umgestaltung auch konkrete
Forderungen für die Inhaftierten zu
stellen und öffentliche Aktionen und
Spendensammlungen durchzuführen.
Die Erhebung der Arbeiterschaft 1871
hatte es 71 Tage lang ermöglicht, gesellschaftliche Strukturen jenseits von
Ausbeutung und Unterdrückung zu
schaffen. Schließlich wurde die Pariser
Kommune jedoch von den Armeen
der Herrschenden niedergeschlagen.
20 000 Kommunardinnen und Kommunarden wurden ermordet, Tausende
zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.
Trotz der Niederlage gilt die Pariser
Kommune als Fanal für eine kämpfende Arbeiterbewegung, die in der darauffolgenden Zeit an politischer Stärke
gewonnen hat.
Erst der Faschismus setzte dieser Tradition für lange Zeit ein Ende.
Auch die Rote Hilfe Deutschlands
wurde durch die Nazis zerschlagen.
Nachdem sich die Rote Hilfe in den
80er Jahren in ihrer heutigen Form als
Verein wiedergegründet hatte, wurde
1996 der 18. März gemeinsam mit dem
Förderverein „Libertad!“ für internationale Kommunikation und Solidarität
wieder als Aktionstag ausgerufen. Seitdem finden jährlich wieder bundesweit
zahlreiche Aktivitäten statt.
UZ: Wird der 18. März einzig von linken Organisationen und Parteien begangen, oder spielt er auch in der Arbeit von Bürgerrechtsorganisationen
eine Rolle?
Henning von Stoltzenberg: Auch Bürgerrechtsorganisationen wenden sich
wie wir gegen politisch motivierte Urteile gegen Linke, kritisieren Haftbedingungen wie etwa die Isolationshaft
oder kritisieren die Einschränkung von
Grund- und Freiheitsrechten. In diesem Bereich gibt es eine Reihe von gemeinsamen Forderungen. Ein direkter
Bezug zum 18. März ist mir allerdings
nicht bekannt.
UZ: Können Sie einen kurzen Überblick über die verschiedenen Aktivitäten
des diesjährigen 18. März geben?
Foto: Christian Martischius/r-mediabase.eu
Am 18. März 2015 (nach Redaktionsschluss) wird die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main ihr
neues Hauptquartier feierlich eröffnet.
Es gibt nichts zu feiern an Sparpolitik
und Verarmung! Tausende von wütenden Menschen und entschlossenen AktivistInnen aus ganz Europa haben sich
so im Vorfeld angekündigt, um die Straßen rund um den Eurotower zu blockieren und dieses Event der Macht und des
Kapitals zu unterbrechen. Die Veranstalter wollen die Party übernehmen
und sie in einen Ausdruck des transnationalen Widerstands verwandeln.
Die Polizei rüstet auf. Frankfurt
wird zur Festung. Während der Blockupy-Proteste an diesem Tag in Frankfurt will allein die Bundespolizei mit
sieben Hundertschaften und einem
Hubschrauber Bahngleise und Bahnhöfe sichern.
„Es ist der bisher größte Einsatz für
die Bundespolizei-Inspektion Frankfurt“, sagte Einsatzleiter Bernd Hellmann am Montag. Die Hundertschaften der Bundes-Bereitschaftspolizei
kommen aus verschiedenen Teilen
Deutschlands.
UZ
unsere zeit
Henning von Stoltzenberg: Die Rote
Hilfe e. V. gibt jährlich eine Sonderzeitung heraus, die neben einem inhaltlichen Schwerpunkt zahlreiche Solidaritätskampagnen und politische Gefangene zu Wort kommen lässt. Hier ist
es für uns als strömungsübergreifende
linke Solidaritäts- und Schutzorganisation besonders wichtig, politischen
Gefangenen aus den teils sehr unterschiedlichen sozialen Kämpfen in der
BRD und weltweit eine Stimme zu geben und natürlich insgesamt den Fokus
der linken Bewegung auf Repression
und Gefangenenschaft zu legen.
Die Zeitung stellen wir unseren
Ortsgruppen und anderen Initiativen
zum Verteilen zur Verfügung. Gleichzeitig erscheint sie seit vielen Jahren
als Beilage in der Tageszeitung junge
Welt und ist nun im zweiten Jahr auch
in der Zeitung ak- Analyse und Kritik
erschienen
In diesem Jahr hat sich unsere Sonderzeitung schwerpunktmäßig mit der
Repression gegen die linke Bewegung
aus der Türkei und Kurdistan befasst.
Die Inhalte der Veranstaltungen reichten von Workshops zum Verhalten bei
Hausdurchsuchungen bis hin zu der Situation von Langzeitgefangenen in den
USA wie zum Beispiel Mumia Abu Ja-
mal. Auch bei den Protesten gegen die
EZB Neueröffnung am 18. März in
Frankfurt war die Rote Hilfe e. V. präsent.
UZ: Inwieweit spielte das PKK-Verbot
eine Rolle?
Henning von Stoltzenberg: Das Verbot
der kurdischen Arbeiterpartei PKK besteht nun schon seit 21 Jahren. Es war
von Anfang an natürlich ausschließlich
politisch motiviert und darauf ausgerichtet, den NATO-Partner Türkei in
Henning von Stoltzenberg ist Mitglied
des Bundesvorstandes der linken
Solidaritäts- und Antirepressionsorganisation Rote Hilfe e. V.
www.rote-hilfe.de
seiner Verleugnungs- und Unterdrückungspolitik gegen die linke kurdische
Opposition zu unterstützen. Die Folge
waren zahllose Ermittlungsverfahren,
Geld- und Haftstrafen. Auch aktuell
sind kurdische Aktivisten und Politiker inhaftiert oder stehen vor Gericht
in der Erwartung jahrelang eingesperrt
zu sein.
Gerade in den letzten Monaten
nimmt die Verbotspolitik gegen die
kurdische Bewegung geradezu groteske Züge an. Zum einen wird erstmalig
seit vielen Jahren auch in den bürgerlichen Medien positiv Bezug auf den
Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat und den demokratischen
Aufbauprozess der kurdischen Bewegung im syrisch-kurdischen Rojava genommen. Die Bundesregierung liefert
gar Waffen an die regierungstreuen
nord-irakischen Peschmerga, die sich
nun endlich auch zumindest etwas an
der Verteidigung der multiethnischen
und -konfessionellen Bevölkerung Rojavas beteiligen, was Kämpferinnen
und Kämpfer der PKK unumstritten
bereits seit Monaten tun und damit
Massaker durch den IS verhindert haben. Zum anderen werden wie kürzlich
in VillingenSchwenningen Aktivisten unter dem
Vorwurf der
Mitgliedschaft
in der PKK inhaftiert.
Der Gipfel
sind die Ermittlungsverfahren gegen
mehrere Bundestagsabgeordnete der
Linkspartei,
weil sie Organisationssymbole demonstrativ aus
Protest gegen
diese Politik
öffentlich gezeigt haben.
Die Rote Hilfe e. V. ist über
den Schwerpunkt unserer
diesjährigen
Sonderzeitung
hinaus entschieden gegen das PKK-
Verbot in der BRD wie auch gegen
deren Aufführung auf der sogenannten
EU-Terrorliste.
UZ: Verbote linker Parteien haben ja in
der BRD eine lange Tradition …
Henning von Stoltzenberg: Bekanntlich wurde die KPD ja bereits 1956 verboten, was zehntausende Ermittlungsverfahren, Verurteilungen und Berufsverbote nach sich zog. Die Rote Hilfe
e. V. unterstützt da ganz klar die Forderung der Initiativgruppe zur Rehabilitierung der Opfer des Kalten Krieges nach Aufhebung des KPD-Verbots
sowie der Entschädigung der Betroffenen.
Desweiteren gibt es auch von Repression Betroffene, denen vorgeworfen wird, in der BRD verbotenen
Exilbewegungen wie der türkischen
DHKP-C oder der tamilischen LTTE
anzugehören. Auch hier sollte die gesamte Linke unabhängig von direkter politischer Übereinstimmung
viel entschiedener gegen die Kriminalisierungspolitik eintreten, da diese
direkte Auswirkungen auf das Leben
der Betroffenen bis hin zum finanziellen Ruin oder Inhaftierung haben
kann.
UZ: Viele Menschen werden nicht wirklich wissen, wie man politische Gefangene überhaupt unterstützen kann. Haben Sie einen Tipp, was man konkret tun
kann?
Henning von Stoltzenberg: Es gibt viele Möglichkeiten, politische Gefangene zu unterstützen. Da wäre zum einen der Kontakt über Briefe und möglicherweise Besuche, um Kontakt nach
draußen herzustellen und die Gefangenen an den Diskussionen der sozialen Bewegungen teilhaben zu lassen.
Auch Zeitungsabos zu finanzieren ist
eine sehr konkrete Form der Solidarität. Unterstützungsaktionen für die
Forderungen der Gefangenen wie die
Aufhebung von Isolationshaft, das
Nichtaushändigen von Zeitungen oder
Besuchsverbote sind ebenso eine Möglichkeit.
In vielen Fällen ist auch das Sammeln von Geld für die juristische Verteidigung von Nöten. Das Besuchen
und dokumentieren der Prozesstermine kann zu einer kritischen Öffentlichkeit beitragen und ist vielen Angeklagten sehr wichtig. Die Unterstützung
von sozialen Forderungen während
der Haftzeit ist ebenfalls sehr wichtig
aus unserer Sicht. Hier hat sich zum
Beispiel vor einiger Zeit die Gefangenengewerkschaft/Bundesweite Organisation (GG/BO) gegründet, die Rentenansprüche und Mindestlohn für Gefangene fordert.
Das Gespräch führte Markus Bernhardt
Innenpolitik
unsere zeit
Treten auf der Stelle
F
Deutschlands und Europas. Die linken
Kräfte sind weiter zurückgedrängt worden, auch wenn sie in der einen oder
anderen Frage nicht gänzlich zu überhören sind. Nehmen wir als Musterbeispiel die Auseinandersetzung um das
Freihandelsabkommen der Europäischen Union mit den USA. Die Meinungsbildungsprozesse laufen in der
Mehrzahl der EU-Mitgliedsländer auf
eine Zustimmung zum TTIP hinaus.
Die Bundeskanzlerin hat unmissverständlich auf einen zügigen Abschluss
der TTIP-Verhandlungen gedrängt. Der
sozialdemokratische Außenminister hat
Fest an Merkels Seite.
Im 25-Prozent-Turm
sich dem erst vor wenigen Tagen angeschlossen. Andererseits hat sich gehöriges Protestpotenzial gegen TTIP oder
an wichtigen Details von TTIP entwickelt. So musste SPD-Chef Gabriel vor
wenigen Monaten einen Parteitagsbeschluss gegen TTIP, insbesondere gegen
die Schiedsgerichtsbarkeit – hinnehmen. „Der Beschluss gilt“, ist von sozialdemokratischen Funktionärsträgern
zu hören. Doch der SPD-Parteichef will
inzwischen nichts mehr von dieser Festlegung wissen. Denn in seinem Amt als
Wirtschaftsminister antwortete er im
Bundestag auf die Frage der Grünen,
ob er die Schiedsgerichtsfrage noch herausverhandeln könne: „Meine Antwort
ist: Nein (…) und das werde ich auch
meiner Partei sagen, die in Teilen eine
andere Auffassung hat.“
Ein Hauptproblem bei der Zurückgewinnung steckt zweifellos in der
Agenda-Politik, dem – wie kürzlich
in der SPD-nahen Frankfurter Rundschau zu lesen war – „einzigartigen Sozialabbau in der Geschichte der Bundesrepublik“, beschlossen 2002 von der
SPD-geführten Bundesregierung. Darum misstrauten viele Anhängerinnen
und Anhänger der SPD nach wie vor all
ihren Versprechungen, sagen alle Meinungsforscher. Die Rückgewinnung
von Vertrauen sei „keine Sache von ein
paar Tagen“, meinte der stellvertretende SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-
Gümbel zu recht. „Die SPD muss als
klare Alternative zur Union wahrgenommen werden“, fügte er hinzu. „Die
Merkel-Union fährt in allen Fragen
auf Sicht, wir müssen erkennbar sein
als die Partei, die sich mit den Herausforderungen der Zukunft beschäftigt:
Familienpolitik, Chancengleichheit bei
Bildung und Arbeit.“
Auf dem Landesparteitag der SPD
Schleswig-Holstein in Neumünster rief
der andere stellvertretende Vorsitzende
der SPD, Ralf Stegner, in einer kämpferischen Rede seine Partei auf, ihr
Profil zu stärken. Bei Wahlen habe sie
nur eine Chance, wenn die Menschen
die Unterschiede zur Union wahrnähmen. Außerdem müsse sie ihre regionalen Schwächen im Osten und Süden
Deutschlands beheben.
Viele einsichtige Worte sind von
den SPD-Führungskräften zu hören.
Aber so einfach scheint das mit den
Unterschieden zwischen Union und
SPD und schon gar mit einer klaren
Linie in der SPD aber nicht zu sein.
Viele wissen gar nicht, wofür die SPD
steht. Da redet der Parteivorsitzende in
einem Wahlkampf für die Einführung
der Vermögensteuer, in dem nächsten
Wahlkampf ist er dagegen. Da redet er
von einer höheren Einkommensteuer, dann dagegen. Im Bundeskabinett
lehnt der Bundesjustizminister die Vorratsspeicherung ab. Der im gleichen
Kabinett sitzende SPD-Vorsitzende
gibt ihm gleich anschließend Bescheid:
Die SPD sei nicht grundsätzlich dagegen. Bei TTIP stimmt sogar ein Parteitag dagegen, der Chef und der Außenminister sind jedoch dafür. Ja, was denn
nun?
Es wird weitergewurstelt wie bisher.
Die SPD ist ein getreuer Koalitionspartner. Ihre Minister arbeiten fleißig
den Koalitionsvertrag ab. Die eigenen
Wahlversprechen bleiben auf der Strecke. So stecken sie weiterhin im 25-Prozent-Türmchen und wissen nicht, wie
sie herauskommen. Mit ihrer momentanen Politik bestimmt nicht. Vielleicht
gelingt es mit einer anderen Politik. Ein
Versuch sollte sich lohnen – doch dafür müsste auch das Personal gewechselt werden.
Rolf Priemer
Rücktritt und „Graue Wölfe“
Hamburger Bürgerschaftsnachlese
Die erste Amtshandlung der frisch gewählten Hamburger BürgerschaftsFraktion der Partei „Die Linke“ bestand darin, die alte und designierte
neue Fraktionschefin Dora Heyenn zu
entsorgen. Ganz aus Versehen, wie es
hinterher hieß. Die hanseatischen Grünen gerieten hingegen schon vor den
Wahlen in die Schlagzeilen, weil die
türkisch-stämmige Kandidatin Nebahat Güclü bei türkischen Nationalisten
um Stimmen buhlte.
Nach einem sehr auf Heyenn zugeschnittenen Wahlkampf bekam diese
mit Abstand die meisten Stimmen der
Abgeordneten der Linksfraktion. Trotz
dieses Erfolges musste sie sich mit der
Idee anfreunden, die Fraktion künftig
Verehrung für
Neonazi-Anwalt
nicht allein zuführen, sondern Teil einer gleichberechtigten Doppelspitze zu
werden. Bei der Wahl dazu kam es zum
Eklat: Nur fünf der elf Abgeordneten
votierten für Heyenn, drei enthielten
sich der Stimme, drei sagten ganz klar
„Nein“!
Dieses Ergebnis erschreckte nicht
nur Heyenn, sondern die gesamte Fraktion. Als Ausweg aus der Misere wurde vorgeschlagen, den ersten Wahlgang
zur Probe zu deklarieren, und die Wahl
zu wiederholen. Dieses zweifelhafte
Angebot schlug Heyenn aus „Ich bin
nicht Heide Simonis“, begründete sie
dies gegenüber der Presse.
Doch nicht nur das: Für alle völlig
überraschend erklärte sie ihren Aus-
tritt aus der Bürgerschafts-Fraktion der
Linken. Sie werde künftig als fraktionslose Abgeordnete der Bürgerschaft angehören. Das brächte ihr ja immerhin
auch die Freiheit, sich die Themen, zu
denen sie arbeiten wolle, völlig frei aussuchen zu können, wurde sie im Hamburger Abendblatt zitiert. Eine Rückkehr in die Fraktion schloss sie indes
nicht aus, sofern diese zu der „Menschlichkeit“ zurückfinden würde, für die –
mit ihrem Konterfei – im Wahlkampf
geworben worden wäre. Die LinkenFraktion wird jetzt von den beiden Abgeordneten Sabine Boeddinghaus und
Cansu Özdemir geführt.
Probleme anderer Art gab es bei
den Hamburger Grünen. Güclü, ehemalige Vize-Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft und Vorsitzende
der Türkischen Gemeinde in Hamburg,
die auf der Landesliste ihrer Partei auf
Platz 25 antrat, nahm im Wahlkampf
scheinbar jede Einladung an, sofern
sie sie in Sachen Wählerstimmen für
vielversprechend hielt. So auch die der
„Föderation der Demokratischen Türkischen Idealistenvereine in Deutschland“ (ADÜTDF).
Antworten auf kleine Anfragen der
Linken im Bundestag zufolge muss die
ADÜTDF der „Ülkücü-Bewegung“
zugerechnet werden, die der Idee von
einer „Großtürkei“ und der Forderung
nach einer „Wiedervereinigung“ aller
Turkvölker vom Balkan bis Zentralasien anhängt und Feindbilder propagiert: Kurden, Armenier, Griechen und
Juden.
Die Grünen reagierten mit dem
Versuch, Güclü aus der Partei auszu-
schließen. Die versuchte sich aus der
Affäre zu ziehen, indem sie behauptete,
nicht gewusst zu haben, vor welchem
Auditorium sie da um Stimmen buhlte.
Es gebe so viele türkische Organisationen und Vereine in Hamburg, die zudem ihren Namen häufig änderten, erläuterte sie in einem Interview mit der
Online-Ausgabe der Zeit. Das halten
viele aufgrund ihrer politischen Vita für
nicht besonders überzeugend. Zumal
auch das Bühnen-Transparent sie nicht
von ihrer Rede abgehalten hatte. Darauf waren der Gründer der türkischen
Grauen Wölfe (MHP), Alparslan Türke?, und der aktuelle MHP-Vorsitzende Devlet Bahçeli abgebildet. In ihrer
Mitte Mustafa Kemal Atatürk, Begründer der Türkischen Republik.
Das Parteiausschlussverfahren hatte vor dem Landesschiedsgericht der
Partei keinen Bestand, und aufgrund
des personifizierten Hamburger Wahlrechts gelang Güclü der Einzug ins Parlament trotz des aussichtslosen Platzes
auf der Landesliste. Das Mandat nahm
sie an, obwohl ihr Verhältnis zur Partei nicht das Beste sein dürfte. Sie habe
sich öffentlich gesteinigt gefühlt, klagte sie in dem Interview mit Zeit-online.
Auch die SPD blieb vor Skandalen nicht verschont: Der Anwalt Ingo
Voigt, Abgeordneter des Bezirks Hamburg-Wandsbek, musste seinen Hut
nehmen, weil seine Verehrung für den
Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger publik
wurde. Die Hannoveraner SPD-Politikerin Zeynep Dogrusöz geriet in den
Verdacht, ebenfalls mit den „Grauen
Wölfen“ zu sympathisieren.
5
Die Bandbreite der
Friedensbewegung
SPD: Vertrauen gewinnen ohne klare Alternativen
ünf Wochen nach der Klausurtagung des SPD-Parteivorstands kamen in den letzten Tagen weitere
Details der in Nauen intern geführten
Diskussionen in die Öffentlichkeit. Sie
überraschen nicht, aber geben einen aktuellen Einblick in die teils resignative
Stimmungslage in der SPD-Führung.
Denn trotz ihrer Jubel-Arien nach der
Hamburg-Wahl und allem Eigenlob
über die Arbeit ihrer Ministerinnen und
Minister in der GroKo, kommt die SPD
in der Hauptsache, ihr Wählerpotenzial
zu vergrößern, nicht voran.
Auf der Klausurtagung hat nun SPDChef Gabriel kleinlaut einräumen müssen: „Zwischen Union, Grünen und
Linkspartei bleibt uns nur ein Potenzial
von 27 Prozent“. Gegenwärtig liegt die
Partei in den Umfragen zwischen 24 und
25 Prozent. Deshalb, so soll er festgestellt
haben, könne es „sehr lange dauern, bis
wir wieder den Kanzler stellen“. Die SPD
habe seit längerem ein Image-Problem.
Auf der Klausurtagung hatten Umfragen des Meinungsforschungsinstitutes TNS Infratest den Sozialdemokraten
genau dieses Problem bescheinigt. Der
SPD gelinge es nicht, über ihre Kernklientel hinaus Wähler zwischen 25 und 45
Jahren zurückzugewinnen. Noch immer
begegneten viele Wähler der SPD aufgrund der umstrittenen Arbeitsmarktreformen mit Misstrauen. Die SPD – so
TNS Infratest – müsse „wieder erkennbar“ werden. Auch wenn dies bedeute,
„dass sie – wo nötig – Konflikte mit der
Union eingehen muss“.
Doch woraus sollen sich Konflikte
ergeben, wenn die GroKo-Koalitionäre – wie der Koalitionsvertrag und die
praktische Regierungspolitik zeigen –
fast völlig übereinstimmen? Das ist so
in der Europapolitik, beim Euro, beim
Standpunkt gegenüber Griechenland
und bei der Ukraine. Konfliktpotenzial?
Null! So kann der sozialdemokratische
Außenminister unermüdlich in Europa
herumjetten und persönliche Bestwerte erzielen – die besten Zustimmungswerte, und darauf kommt es bei Wahlen wohl an, erhält die Bundeskanzlerin
und CDU-Vorsitzende.
Die SPD ist fest eingebunden in das
politische System eines kapitalistischen
Freitag, 20. März 2015 Birgit Gärtner
„Aktionskonferenz Friedenswinter“: Entweder Querfront
oder Zusammenarbeit der Friedensbewegung
Die internen Diskussionen, die linke
Organisationen und Bündnisse führen, sind für Außenstehende oft abschreckend. Wer für berechtigte Anliegen – zum Beispiel für den Frieden – aktiv werden will, möchte nicht
unbedingt Grabenkämpfe zwischen
Kleinstorganisationen und Schattenkämpfe zwischen Westentaschentheoretikern führen. Das ist verständlich.
Auch Katrin McClean wollte diese „internen“ Debatten bei der „Aktionskonferenz Friedenswinter“ am
14. März in Frankfurt eigentlich nicht
führen. Sie wollte eine AG zur Öffentlichkeitsarbeit der Friedensbewegung
anbieten. Auch andere Beiträge aus
dem Spektrum der „Mahnwachen“
gingen in dieselbe Richtung: Lieber
über gute Facebook-Auftritte sprechen als darüber, was inhaltliche Gemeinsamkeiten und Trennlinien sind.
Damit wurde McClean selbst zum
Gegenstand der „internen“ Debatten,
weil sie am 28. Februar bei einer Demonstration gesprochen hatte, auf der
Jürgen Elsässer der Hauptredner war.
In der Koordinierungsgruppe strich
man ihre AG kurzfristig von der Tagesordnung, obwohl ein Redner der Meinung war, dass eine starke Friedensbewegung sich nicht von dem QuerfrontStrategen Elsässer abgrenzen müsse.
Aber am Ende stimmten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ab. So leitete
Katrin McClean keine Arbeitsgruppe.
Damit zeigte die Konferenz, dass
ihr die Zusammenarbeit in der Friedensbewegung wichtiger war als Offenheit gegenüber Elsässer und Co.
Horst Trapp nahm als Mitglied des
Bundesausschusses Friedensratschlag
an der Konferenz teil. „Wie können
die unterschiedlichen Strömungen der
Friedensbewegung zusammenkommen?“ – diese Frage sollte für ihn im
Mittelpunkt stehen.
Die Debatten um Querfrontansätze, um rechte und „rechtsoffene“ Inhalte auf den „Mahnwachen für den
Frieden“ und den Demos des Friedenswinter standen trotzdem im Hintergrund der gesamten Konferenz.
Unter den Teilnehmern war auch Lars
Mährholz, einer der Köpfe hinter den
„Mahnwachen“. Er hatte vor einiger Zeit in einem Interview erklärt,
dass die US-Zentralbank Fed bei allen Kriegen des vergangenen Jahrhunderts die Fäden gezogen habe. In
der Diskussion äußerte er sich nicht.
Wie immer in diesen Debatten kam
irgendwann die Rede auf die Band
„Bandbreite“, die vor kurzem bei einer Demonstration der „Engagierten
Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas“ (Endgame) auftraten.
Für Monty Schädel (DFG-VK) war
das ein weiterer Grund dafür, bei der
„Bandbreite“ „Probleme mit rechtsoffenen Inhalten“ zu sehen.
Die Diskussion um Querfront-Ansätze ist also nötig – die Angriffe in
dieser Sache haben aber in den letzten
Monaten nicht nur die Richtigen getroffen. Weg von personalisierten Angriffen, zurück zu einer sachlichen und
gegenüber den verschiedenen Teilen
der Friedensbewegung solidarischen
Diskussion – das war eines der Anliegen der Koordinierungsgruppe.
Die „Mahnwachen“ hatten sich
als „neue Friedensbewegung“ präsentiert. Die Enttäuschung darüber,
dass die traditionellen Strukturen
der Friedensbewegung nicht zu Zentren großer Mobilisierungen gegen
die Kriege in Libyen und Syrien, in
Palästina und der Ukraine wurden,
waren ein weiterer roter Faden auf
der Aktionskonferenz. Der „Friedenswinter“ war ein Versuch, darauf
zu antworten – auch, indem Aktionen weitgehend unabhängig von den
traditionellen Strukturen organisiert
werden, indem die neue, „spontane“
Bewegung der „Mahnwachen“ eingebunden wird. Nur: Die Spontaniteit
und Offenheit dieser Bewegung bot
so viel Spielraum für Querfront-Demagogen, dass kaum eine der Organisationen der Linken und der Friedensbewegung diese Bewegung eindeutig
unterstützen konnte. Die scheinbare
Breite hat nur zu Spaltungen in der
Friedensbewegung geführt, die Aufgabe linker Kräfte ist es, klare Inhalte in diese Bewegung hineinzutragen.
Die auf der Aktionskonferenz geäußerten Absichten gehen in die Richtung, den „Friedenswinter“ nicht als
eine Art dauerhaftes Aktionsbündnis
neben den traditionellen Spektren der
Friedenskooperative und des Kasseler
Friedensratschlags zu etablieren, sondern die Zusammenarbeit mit diesen
Zusammenhängen zu verstärken. Um
die gesamte Bandbreite der Friedensbewegung zur gemeinsamen Aktion
zu bringen, braucht es klare Abgrenzungen an anderer Stelle.
Olaf Matthes
62 Ostermarschaktionen geplant
Foto: Ulf Stephan/r-mediabase.eu
Mit Stand vom 17. März zählt die Internetseite ostermarsch-info.de 62 geplante Friedensaktionen über die Ostertage. Auf der website heißt es weiter: Die
Kämpfe in der Ukraine zeigen: Krieg
als Mittel der Machtpolitik hat in Europa noch immer nicht ausgedient. Viele
Tausende mussten und müssen sterben,
weil nationalistische Kräfte auf beiden
Seiten nur in den Kategorien von Sieg
und Niederlage denken. Externe Mächte stärken ihnen den Rücken, kämpfen
um ihren eigenen Einfluss auf die Ukraine, ein Land, dessen Bewohner be-
reits im 2. Weltkrieg zu jenen gehörten,
die am meisten leiden mussten.
Manfred Kapluck gestorben
Wie wir erst jetzt erfahren haben, ist
Manfred Kapluck, ehemals Sekretär
des Zentralbüros der 1951 verbotenen
Freien Deutschen Jugend, Mitglied der
illegalen KPD-Führung, dann zeitweilig Präsidiums-Mitglied der DKP, nach
1990 in der PDS engagiert, am 11. Dezember 2014 verstorben.
UZ
6 Freitag, 20. März 2015
Protest gegen USA
in Venezuela
Regierungsanhänger haben in Venezuela gegen die Einmischung der USA
protestiert. In der Hauptstadt Caracas
sowie in Barquisimeto, Merida und
weiteren Städten gingen Tausende auf
die Straße. Die Demonstranten skandierten Parolen wie „Yanqui go home“.
Mit einem Manöver seiner Armee und
Milizen reagiert Venezuela am Samstag
auf die jüngsten Angriffe Washingtons.
Die „defensive Übung“ solle verhindern, „dass Yankee-Stiefel venezolanischen Boden betreten“, kündigte Präsident Nicolás Maduro an. Dabei kann
Caracas auf internationale Unterstützung zählen. Laut einem TV-Bericht
werden russische Offiziere an dem Manöver teilnehmen, um die Soldaten der
venezolanischen Luftabwehr im Umgang mit BM-30-Raketenwerfern aus
russischer Produktion zu schulen. Zudem verurteilte das Außenministerium
in Moskau die aggressive Haltung Washingtons und bekräftigte die Solidarität Russlands mit dem venezolanischen
Volk und seinen rechtmäßig gewählten
Repräsentanten. US-Präsident Obama
hatte Caracas in der Vorwoche als „außergewöhnliche Bedrohung für die nationale Sicherheit und die Außenpolitik
der Vereinigten Staaten“ bezeichnet. In
Venezuela wird das Vorgehen Washingtons deshalb praktisch als Kriegserklärung gewertet, zumal die US-Armee
am Wochenende in Puerto Rico ein
großangelegtes Manöver eröffnet hat,
bei dem die militärische Besetzung einer Insel geübt werden soll.
SS-Veteranen in Riga
Mit einem „Gedenkmarsch“ haben
Veteranen der Waffen-SS am Montag
in Riga ihrer im Zweiten Weltkrieg
getöteten Kameraden der Lettischen
Legion gedacht. Unter großem Polizeiaufgebot zogen etwa 1 500 Kriegsteilnehmer und Sympathisanten durch
die Hauptstadt des Lettlands, das zur
Zeit den Ratsvorsitz der EU innehat.
Gleichzeitig werden die antifaschistischen Organisationen Lettlands von
der Sicherheitspolizei des Landes „wild
gehetzt“, wie der Ko-Vorsitzende des
Lettischen Antifaschistischen Komitees, Joseph Koren, beklagt.
EU-Soldaten nach Libyen?
Die Europäische Union trifft Vorbereitungen für einen möglichen „Friedenseinsatz“ in Libyen. In Brüssel sollen in den kommenden Wochen Pläne
für möglichen militärischen EU-Einsatz erarbeitet werden – nachdem unter
aktiver Teilnahme von Luftwaffen-Einheiten aus EU-Ländern im Jahr 2011
der damalige Staatschef Muammar alGaddafi aus dem Amt gebombt und
später bestialisch ermordet worden
war und in der Folge die vom Westen
unterstützten marodierenden Gruppen
von Gaddafi-Gegnern das Land übernahmen. Seit dem Sturz Gaddafis 2011
rivalisieren im ölreichen Libyen islamistische Milizen und nationalistische
Kräfte gewaltsam um Macht und Einfluss. Die vom Westen anerkannte Regierung ist mittlerweile ins ostlibysche
Tobruk geflohen.
Assad fordert Taten
Syriens Präsident Baschar al-Assad ist
für Gespräche mit den USA über ein
Ende des Krieges in seinem Land offen,
fordert aber zuvor von Washington Taten. „Wir hören noch immer Erklärungen, aber wir müssen auf Taten warten,
dann entscheiden wir“, sagte Assad. Er
forderte, als erstes müsse die internationale Finanzierung und Bewaffnung
der Terroristen gestoppt werden. USAußenminister Kerry hatte am Sonntag
erklärt, die USA und andere Staaten
prüften Wege, Assad zu Gesprächen
über einen politischen Übergang zu
bewegen. Die bisher letzten Friedensgespräche zwischen der Regierung und
der Opposition waren vor mehr als einem Jahr in Genf gescheitert, nachdem
unmittelbar nach Erzielen einer Einigung die USA erneut die Forderung
nach einem Sturz des syrischen Präsidenten erhoben hatten. Großbritannien und Frankreich halten ungeachtet
von Kerrys Erklärung an einem harten
Kurs gegen den syrischen Präsidenten
fest.
Internationale Politik
unsere zeit
Die Maske der Verlogenheit
Griechenland: Schau- und andere Kämpfe
U
nter einem Pokerface versteht
man gemeinhin einen verstellten,
gefühllosen Gesichtsausdruck, der
bewusst aufgesetzt wird, um den Gegner oder die Öffentlichkeit zu täuschen.
Wolfgang Schäuble bemüht sich mit
Blick auf Griechenland darum. Aber es
gelingt ihm nicht. In Brüssel und Athen
dagegen zeigen sich die Gesichtszüge in
einer großen Bandbreite als ausdrucksstarke Physiognomie des Schreckens.
Ministerpräsident Alexis Tsipras und Finanzminister Yanis Varoufakis sind auf
ihre jeweilige Weise Meister des Pokerns.
Varoufakis „provoziert“ und „stichelt“, so
die Tagesschau. Umgekehrt schreibt die
„Zeit“, dass Finanzminister Schäuble seinen griechischen Kollegen beleidigt haben soll. Die Tsipras-Regierung reagierte darauf sogar mit einer Protestnote:
Varoufakis sei nicht „dümmlich naiv“.
Es ging in dem Streit auch darum, dass
Schäuble Varoufakis attestiert hatte, er
sei in der „Kommunikation“ stärker als
in der „Substanz“. Umgangssprachlich
hätte er sagen können, Varoufakis sei
ein Blender. An anderer Stelle wiederum
bekundet der Grieche Schäuble „großen
Respekt“. Schau-Kämpfe.
Den Gipfel der Verlogenheit erklomm Außenminister Frank-Walter
Steinmeier (SPD), als er erklärte, dass
Deutschland sich zwar seiner moralischen Verantwortung für die Naziverbrechen stelle. „Aber rechtlich ist die Frage
von Wiedergutmachungen abgeschlossen.“ Deutlicher: Deutschland zahlt nicht.
Unter der Maske der Verlogenheit
versteckt sich schließlich auch die Union. MdB Michael Fuchs, stellvertretender Fraktionsvorsitzender, forderte
zwar richtig in „Bild“: „Es ist höchste
Zeit, dass Griechenland seine Reeder
Ein Teil des Hafens von Piräus – umstrittenes Privatisierungsprojekt und notwendige Infrastruktur für die griechischen
Reeder.
besteuert.“ Nur: einen solchen gesetzlichen Rahmen hätte die Union für die
griechischen Reeder und Milliardäre, die
ihr Geld in Deutschland angelegt haben,
längst schaffen könne.
Die Bundesregierung nutzt die griechischen Staatsschulden weiterhin für
ihre Erpressungspolitik. Wie gut das
funktioniert hängt davon ab, wie flüssig die griechische Regierung ist. Tsipras erklärte noch am vergangenen
Die linke Regierung und die KKE
Diskussion der DKP Düsseldorf
Die Möglichkeiten und Grenzen der neuen griechischen Regierung werden in
der gesamten Linken diskutiert – in Griechenland und bei uns. Die DKP Düsseldorf führte am 12. März einen Diskussionsabend mit Gästen von der griechischen Kommunistischen Partei (KKE) durch.
In der Debatte klang an, dass sich schon jetzt abzeichnet, dass die Wahlversprechen der neuen Regierung nicht umgesetzt werden. Von Schuldenschnitt ist
keine Rede mehr. Weder in Griechenland noch in einem anderen Land der EU
werden die griechischen Milliardäre geschröpft. Geschröpft wird nur die Arbeiterklasse. Die Regierung spricht verschleiernd von „sparsamer Lebensführung“ .
Die KKE verdeutlichte: Diese Politik lässt sich nicht verändern, wenn die Regierung nicht mit den Strukturen der Verantwortlichen konsequent bricht. Diesen
Bruch will Syriza nicht.
Die KKE schätzt ein, dass die neue Regierung wesentlich auf den alten Schienen
der Politik fahren wird – die „EU als Einbahnstraße“ , eine Politik der Zugeständnisse und Kompromisse an EU und Kapital.
Aus den Reihen der DKP wurde die Frage gestellt, ob eine Regierungsbeteiligung der KKE im Interesse des griechischen Volkes nicht sinnvoll gewesen
wäre. Befürchtet wurde auch, dass die KKE sich isolieren könne, wenn sie nicht
kompromissbereit sei. Dazu der KKE-Referent: Die KKE könne sich nicht an einer
Regierung beteiligen, mit der es in grundsätzliche Fragen keine Übereinstimmung gibt. Also: Austritt aus der Nato, Austritt aus der EU, Schuldenschnitt.Für
die KKE könne es keinen Kompromiss geben, wenn dadurch die Verarmung des
Volkes fortgesetzt werde.
U. K.
Sonntag: „Es gibt absolut kein Liquiditätsproblem.“ Yanis Varoufakis gestand bei „Günter Jauch“, ebenfalls am
Sonntag, „ein kleines Liquiditätsproblem“ ein. Durch Jauch wurden die aktuellen Athener Finanzprobleme in einen untauglichen Zusammenhang mit
der Forderung gebracht, dass Deutschland seine Schulden aus Kriegsverbrechen und Nazi-Kriegsanleihen begleichen solle. Varoufakis stellte sich dieser Forderung entgegen. Ihm genüge
ein moralisches Schuldeingeständnis
und ein symbolischer Euro aus Berlin.
Die Schmiergeldaffäre – Bestechungen
durch Siemens und andere Konzerne –
und erpresserische Rüstungsbeschaffung
zwischen Athen und Berlin wurden nicht
thematisiert. Höhepunkt der Schmeichelei: Varoufakis, der sich inflationär als
überzeugter Europäer outete, zeigte Bewunderung für die „Hegemonialmacht“
Deutschland, für dessen Finanzminister
Dr. Schäuble und für die Beendigung
des Faschismus in der Bundesrepublik.
Aus der Sicht von Varoufakis könnte
sich Angela Merkel in den Geschichtsbüchern verewigen, wenn sie sich – gleichsam als Pendant zum Marshall-Plan – für
einen ähnlichen Plan einsetzen würde,
der dann nach ihr benannt werde. – Mit
Sozialismus als Perspektive hatten die
Aussagen von Varoufakis nun wirklich
gar nichts zu tun. Eine Zusage: Privatisierungen von Staatsbesitz sollen nicht
rückgängig gemacht werden. Eine andere: Die Folgen der wachsenden Armut
dürfen nur so bekämpft werden, dass
der Staatshaushalt nicht belastet wird.
Alle 64 Sparvorschläge auf sechs Seiten.
Ganz anders die Physiognomie der
geprügelten Arbeiterklasse in Hellas:
Geschlagen aber ungebrochen. Das
Krankenhaussystem in Griechenland ist
zusammengebrochen. Hunderte von Toten drücken auf die Schultern der griechischen Banken sowie der Geldinstitute
der Troika und der Banken in der EUSchutzzone, die die Gesundheitseinrichtungen „kleingespart“ haben. Nach aktuellen Angaben des DGB haben 800.000
Griechen keine Krankenversicherung.
Es gibt im Moment keinen Nachweis
dafür, dass die neue Athener Regierung
alle öffentlichen Krankenhäuser rechtlich
oder gar finanziell – wie versprochen –
wieder ans Laufen gebracht hat. Selbst
die Kolleginnen und Kollegen an den privaten Krankenhäusern sind bedroht. Sie
gingen am 14. März in Athen und Piräus
auf die Straße. Der Protest richtete sich
gegen die „Arbeitgeber“, die unbezahlte oder unterbezahlte Arbeit verlangen,
Löhne nicht oder verspätet auszahlen.
Gemäß den Vorgaben der Troika und
dem Druck der Lobby hat die Athener
Regierung, ebenso wie die in Rom, zudem die Arbeitsgesetze verschlechtert.
Auf der parlamentarischen Ebene
hat die KKE einen Gesetzentwurf vorgelegt, der forderte, dass alle volksfeindlichen Vereinbarungen mit der EU (Memoranden), eingeleitet durch die vorangegangenen Regierungen, aufgehoben
werden. Syriza stimmte dem Entwurf der
KKE vor der Wahl zu. Eine Großkundgebung der KKE vor dem Parlament unterstrich die außerparlamentarische Unterstützung für den Entwurf.
Uwe Koopmann
Bitterarme Kolonie
Das Leben im „unabhängigen“ Kosovo treibt Flüchtlinge nach Deutschland
Das Kosovo hat mit 1,8 Millionen ungefähr so viele Einwohner wie Wien.
Davon waren zuletzt 274 000 arbeitslos, etwa ein Drittel der Bevölkerung
lebt unterhalb der Armutsgrenze.
Das BIP liegt bei 6,8 Milliarden USDollar. Damit rangiert das Amselfeld
zwischen Kirgistan und Guinea. Gut
ein halbes Dutzend albanischer Mafiaclans nutzt das Kosovo als Drehscheibe für den europäischen Heroinhandel. Zudem grassiert der Krebs
hier 16 Jahre nach dem Einsatz von
Uranmunition durch NATO-Luftstreitkräfte wie nirgendwo sonst aud
dem Balkan.
Im Januar kam das Gerücht auf, jeder Asylbewerber in Deutschland erhalte 1 500 Euro Begrüßungsgeld. Die
Mär verbreitete sich rasend schnell. Sie
ist der Auslöser der aktuellen Fluchtwelle. So kamen 2 002 Menschen nach
Österreich und 27 000 nach Deutschland. Die Kosovaren hofften, in jenen
Ländern Hilfe zu bekommen, die 1999
ihre Heimat aus dem jugoslawischen
Territorium wegbombten. Zynische
Sprüche aus Berlin und Wien begleiten die nun folgenden Deportationen.
Die genannten Städte und Brüssel haben nämlich kein ernsthaftes Interesse
daran, den Kosovaren zu helfen. Das
hat zwei maßgebliche Gründe.
LEX – seit jeher Korruptionsvorwürfen ausgesetzt. In 16 Jahren wurde daher nichts getan, um die Verwaltung
vor Ort substanziell voranzubringen.
Dann gibt es noch die NATO-geführte
UN-Truppe KFOR. Gegenwärtig zählt
sie 6 000 Soldaten, kann aber bei Bedarf auf über 50 000 Mann aufgestockt
werden. Allein die USA unterhalten
„Das Gerücht, jeder Asylbewerber in Deutschland erhalte
1 500 Euro Begrüßungsgeld, löste die Fluchtwelle aus.“
Offiziell hat das Kosovo eine eigene Verfassung, die alle Ethnien gleichberechtigt behandelt, eine Gerichtsbarkeit sowie ein Parlament, welches
das Staatsoberhaupt wählt. Allerdings
können alle politischen Entscheidungen von einer einzigen Person widerrufen werden: dem UNMIK-Kommissar. Dessen Behörde ist – ebenso wie
die EU-Polizei- und Justizmission EU-
mit dem Camp Bondsteel bei Ferizaj
eine Basis für bis zu 53 000 Mann. Hier
soll sich ein CIA-Folterknast befinden.
Dank der geostrategischen Lage bleibt
die Basis auch nach dem Scheitern diverser Pipelines wichtig: Der Pachtvertrag für das Camp gilt 99 Jahre. Die
Kolonie Kosovo bietet bessere Bedingungen für so einen Stützpunkt als eine
souveräne Nation.
Die politische Macht liegt tatsächlich in den Händen dieser Kolonialbehörden, auch in der Wirtschaft dominieren ausländische Konzerne. Hier
gibt es Dörfer ohne asphaltierte Straßen – aber mit sauberen, aufgeputzten
Filialen der österreichischen Raiffeisenbank International. Raiffeisen
machte 2011 einen Profit von über 12
Millionen Euro in der bitterarmen Kolonie. Allein der ungeregelte Finanzspielplatz Kosovo muss daher erhalten bleiben. Das gelingt dann, wenn
die kleine Bevölkerung auch im Zaum
gehalten wird. Die Kolonialbehörden
und Konzerne nutzen die ethnischen
Spannungen in der Provinz und müssen sie gleichzeitig soweit eindämmen,
dass ihre Geschäfte nicht gestört werden. Dabei hilft es, wenn die Arbeitslosen im Kosovo den Versprechen
von einem besseren Leben im reichen
Deutschland glauben.
Zoran Sergievski
Internationale Politik
unsere zeit
Staatsstreich im Rückblick
Honduras: Armut nimmt zu, USA haben die Macht
Im Juni 2009 putschte das Militär in
Honduras und setzte den gewählten
Präsidenten Manuel Zelaya ab. Zelaya wurde ins Exil gezwungen, inzwischen lebt er wieder in seiner Heimat.
UZ sprach mit ihm am Rande des 19.
Seminars „Die Parteien und eine neue
Gesellschaft“, das vom 12. bis zum
14. März in Mexiko-Stadt stattfand.
UZ: Der Putsch in Honduras 2009 hat
weithin Schlagzeilen gemacht. Wie schätzen Sie nach gut fünf Jahren die Folgen
des Putsches für Honduras ein?
ische Union ist keine Verteidigerin der
Menschenrechte mehr. Sie vertritt die
Interessen der Unternehmer und der
Banken, sie fördert das Freihandelsabkommen. In diesem Sinne hat sie viel
von dem Vorbildcharakter verloren,
den sie hinsichtlich Demokratie und
Menschenrechte für ein zentralamerikanisches Wirtschaftsbündnis einst
hatte.
UZ: Sehen Sie eine Parallele zwischen
dem Staatsstreich in Honduras und der
gegenwärtigen Aggression der USA gegen Venezuela?
Manuel Zelaya: Alle Indikatoren zeigen in Honduras, dass die Situation des
Landes sich jeden Tag verschlechtert. Das betrifft die
soziale, die wirtschaftliche,
die politische, die Sicherheitslage. Seit dem Putsch
haben die Armut, die Verschuldung, die Korruption und die Kriminalität
zugenommen. Das Volk
verlangt nach Demokratie
und Frieden, aber diejenigen, die mit dem Staatsstreich die Macht übernommen haben, wollen
nichts weniger, als dem
Volk dies zu geben.
UZ: Wie schätzen Sie die
Lage und die Perspektiven
der fortschrittlichen Kräfte
in Honduras ein?
UZ: Wie sehen Sie die Rolle der USA, der EU und
der europäischen Staaten
bei der Vorbereitung des
Putsches und nach diesem
Vorfall?
Manuel Zelaya: Nach dem
Staatsstreich haben die
USA praktisch die Führung des Landes übernommen. Sie regieren das
Land; der Präsident verwaltet es lediglich und befolgt die Befehle des State
Department. Die Europä-
Manuel Zelaya: Mit ihrem Handeln
beweisen die USA, dass sie ein intolerantes, antidemokratisches und auf
Interventionen orientiertes Imperium
sind. Sie haben keinen Respekt vor
unserer Unabhängigkeit und Souveränität, sie haben keinen Respekt vor
dem Nationalstaat. Die USA müssen
ihren Kurs korrigieren, denn Lateinamerika ist nicht der Nahe Osten. Wir
sind nicht die arabischen Völker, die
sie geteilt und zum Bruderkrieg gebracht haben. Lateinamerika schreitet
vereint zur Verteidigung seiner Souveränität als lateinamerikanisches Volk
voran. Die USA müssen
aufhören, Lateinamerika als ihren Hinterhof zu
betrachten, und anfangen,
die gesellschaftlichen Prozesse zu respektieren, die
in Lateinamerika vonstatten gehen.
Foto: Felipe Canova/flickr.com/CC BY-NC-SA 2.0
Manuel Zelaya: In ganz
Lateinamerika gibt es
große Anstrengungen.
Die historische Wirklichkeit bewegt sich mit
Höhen und Tiefen und
manchmal auch schwerfällig. Absolut niemand
wird die Menschheit davon abhalten können,
sich ständig für Gleichheit, Freiheit und Solidarität einzusetzen. Niemand
kann die Völker daran
hindern. Die Bewegung
kann verzögert werden,
aber es ist ein Fehler der
USA, den Prozess des demokratischen Sozialismus
in Lateinamerika aufhalten zu wollen.
Das Gespräch führte Carlo Pereira
Der EU die kalte Schulter gezeigt
Island: Beitrittsverhandlungen mit EU aufgekündigt
Die Regierung Islands hat am 12. März
offiziell ihren 2009 gestellten Antrag
auf EU-Beitritt zurückgezogen. In dem
von Außenminister Sveinsson dem lettischen Außenminister Rinkevics als
derzeit amtierendem EU-Ratspräsidenten übergebenen Brief heißt es, die
isländische Regierung habe nicht die
Absicht, die Beitrittsgespräche fortzusetzen.
Die „Mitte-Rechts-Regierung“ aus
liberaler Fortschrittspartei und konservativer Unabhängigkeitspartei hatte
die Beitrittsverhandlungen schon unmittelbar nach ihrem Amtsantritt im
Mai 2013 suspendierte. Island ist damit neben der Schweiz und Norwegen
der dritte europäische Staat, der einen
Beitritt zur EU offiziell abgelehnt hat.
Auch wenn in dem Schreiben keine
ausdrücklichen Gründe für die Absage genannt werden, ist es kein Geheimnis, dass der Streit um Fischfangquoten
wesentlichen Anteil daran hatte. Die liberal-konservative Regierung in Reykjavik ist im Wesentlichen eine Interessenvertretung der isländischen Unternehmer, und ein gewichtiger Teil davon
sind die Unternehmen der FischereiIndustrie. Deren Interesse an unbeschränkten Vergrößerung ihrer Fangerträge im Nordmeer und in der Arktis
steht im Konflikt mit der von der EU
vorgesehenen Aufteilung der Fangquoten zwischen den einzelnen EU-Staaten, offiziell im Namen von Arten- und
Umweltschutz, in Wirklichkeit aber vor
allem im Interesse der Erhaltung des
Gesamtbestands an Fischen, um deren
Fortpflanzung und damit Geschäfte
auch noch in der Zukunft zu sichern.
Im Hintergrund stehen allerdings
auch tiefere und weiter zurückliegende
Ursachen. Sie hängen vor allem mit der
anhaltenden Finanz- und Wirtschaftskrise in der EU zusammen. Das isländische Vorgehen kann als Symptom dafür gelten, dass die EU seit der Krise
erheblich an Anziehungskraft verloren
hat. Die frühere Hoffnung, durch Anschluss an die EU die wirtschaftlichen
Schwierigkeiten des eigenen Landes
leichter bewältigen zu können, ist erheblich zurückgegangen, nicht zuletzt
durch eigene Erfahrung.
Island war 2008 im Schatten der
Lehman-Brothers-Pleite von einer
schweren Bankenkrise betroffen. Die
drei wichtigsten isländischen Banken
standen vor dem Bankrott. Sie hatten in
den Jahren zuvor ihr Geschäft auf den
internationalen Finanzmärkten massiv
ausgeweitet und ausländische Investoren mit hohen Zinszusagen angelockt.
Als sie im großen Finanzmonopoly die
fälligen Verpflichtungen nicht mehr erfüllen konnten, wurde der isländische
Staat zu hektischen „Rettungsmaßnahmen“ herangezogen. Das Ergebnis war
ein massives Anwachsen der Staatsverschuldung Islands. Die Regierung sah
sich zu einem Hilfeersuchen an den
Internationalen Währungsfonds (IWF)
genötigt. Der aber bewilligte neue Kredite nur gegen harte Sparauflagen. Ein
von der Regierung beabsichtigter bescheidener „Schuldenschnitt“, der vor
allem Kapitalanleger aus Großbritannien und den Niederlanden betraf,
führte zu heftigen Kontroversen mit
der britischen und niederländischen
Regierung. Die isländische Krone erlitt
einen drastischen Wertverlust. Durch
die IWF-Auflagen wurde ein abrupter
Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik
verursacht, der für die Mehrheit der
Bevölkerung neben einigen enormen
Inflation und Verteuerung der Lebens-
haltung ein sprunghaftes Ansteigen der
Arbeitslosigkeit zur Folge hatte, insbesondere für die gut ausgebildete akademische Mittelschicht.
Dies alles führte zum starken Anwachsen kritischer Stimmungen in der
Bevölkerung. Sie äußerten sich ab Anfang 2009 in Massenprotesten, die teilweise mit massiver Polizeigewalt unterdrückt wurden. In einer Volksabstimmung am 6. März 2010 stimmten 93,2
Prozent (!) gegen ein Regierungsvorhaben, das vorsah, den britischen und
niederländischen „Kunden“ der Icesave-Bank 4 Milliarden Euro auszuzahlen. Die Missstimmung hatte auch
zur Folge, dass die inzwischen amtierende Regierung aus sozialdemokratischer „Allianz“ und „linken Grünen“
bei der Parlamentswahl im April 2013
schwere Verluste erlitt und die Konservativen im Bündnis mit den Liberalen
wieder an die Regierung kamen.
Die isländische Wirtschaft hat bis
heute noch nicht wieder den Vorkrisenstand erreicht. Unter diesen Umständen sehen offenbar weder die Mehrheit
der Bevölkerung noch erhebliche Teile
der herrschenden Klasse einen Vorteil
darin, sich jetzt der EU anzuschließen.
Das Beispiel Griechenlands und anderer „Schuldenländer“ vor Augen, überwiegt die Meinung, dass es besser ist,
an der eigenen Entscheidungshoheit
festzuhalten, statt sich Vorgaben und
Diktaten aus Brüssel zu unterwerfen.
Die isländische Regierung ließ allerdings wissen, dass sie weiterhin an
einer Kooperation mit der EU im Rahmen des „Europäischen Wirtschaftsraums“ (Zollabkommen) und des
Schengen-Vertrags (visafreier Verkehr)
interessiert ist. Sie will auch Mitglied
der NATO bleiben.
Georg Polikeit
Freitag, 20. März 2015 7
Die Welt zu Gast bei
Klassenbrüdern
Delegierte aus 40 Ländern treffen sich in Mexiko
Das internationale Treffen „Die Parteien und eine neue Gesellschaft“
in Mexiko-Stadt ist inzwischen fest
etabliert; es hat vom 12. bis 14. März
zum 19. Mal stattgefunden. Alleinige
Veranstalterin ist weiterhin die mexikanische Partei der Arbeit (PT), die
mit gleichnamigen Parteien in anderen Ländern nicht verwandt ist. Sie
lädt weltweit ein breites Spektrum an
linken Organisationen und Parteien
zur Teilnahme ein. Mit Gästen aus 40
Ländern von 132 repräsentierten Organisationen hat sie dieses Jahr erstmals Delegierte von allen Kontinenten begrüßen können. Diese vertraten
neben zahlreichen eng mit der DKP
befreundeten Parteien und solchen
aus dem linkssozialdemokratischen
Spektrum auch maoistische und trotzkistische Gruppierungen ebenso wie
ethnisch basierte Strukturen. Die PT
selber verwendet maoistische Symbolik und publiziert Schriften von Mao
auf Spanisch, gleichzeitig verbreitet
sie aber die vietnamesische Position
zu den schwelenden vietnamesischchinesischen Gebietsstreitigkeiten.
Auch mit der PT mehr oder weniger konkurrierende mexikanische
Gruppen nahmen teil und konnten
ihre Positionen darstellen. Prominente Gäste unterstreichen die Ausstrahlung des Treffens: Einleitende Worte
hielten der ehemalige Vorsitzende der
sozialdemokratischen PRD (bis 2014),
Jesús Zambrano, und der ehemalige
Bürgermeister von Mexiko-Stadt (bis
2012), Marcelo Ebrard, der diese Partei erst zwei Wochen vor dem Treffen
verlassen hatte. Auch der mittels eines
Staatsstreichs aus dem Amt geputschte ehemalige Präsident von Honduras,
Manuel Zelaya (siehe nebenstehendes
Interview) richtete ein Grußwort an die
Delegierten. Die bekannte kolumbianische Politikerin Piedad Córdoba, welche sich besonders im Friedensprozess
in ihrer Heimat engagiert, wurde per
Videokonferenz zugeschaltet.
Viele Redner betonten in ihren Beiträgen die Notwendigkeit der Solidarität mit Volk und Regierung des bolivarischen Venezuela, die angesichts
der kürzlich verschärften Aggression
der USA noch dringlicher geworden
ist. Wiederkehrender Gegenstand der
Beiträge war auch die zugespitzte Situation der Ukraine und ihr internationaler Kontext. Der DKP-Delegierte versicherte der für Auslandsbeziehungen
der KPU verantwortlichen Genossin
die Solidarität der Partei und berichtete von der Unterstützung für die antifaschistische Karawane der Band „Banda
Bassotti“ im Osten des Landes.
Ein mehrfach angesprochenes Thema war das Verschwinden und die mutmaßliche Ermordung von 43 jungen
Lehramtsstudentinnen und -studenten
in Mexiko im vergangenen September.
Erstmals waren Teilnehmer aus Island vertreten. In seinem Beitrag rollte
der Sprecher die isländische Finanzkrise auf. Sie wurzelte in der Privatisierung
der drei größten isländischen Banken,
die international den Global-Playern
Konkurrenz machen wollten und ihre
Bilanzsummen auf das Zehnfache der
jährlichen isländischen Wirtschaftsleistung aufblähten. Nach ihrem Zusammenbruch sollten sie und die Einlagen der überwiegend ausländischen
Sparer durch die isländische Regierung
„gerettet“ werden, Massendemonstrationen verhinderten in diesem Zusammenhang einen Teil der sozialen Kahlschlagpläne. Dabei kam der BevölkeTeilnehmende Organisationen:
KP Kubas, KP Mexikos, KP Honduras’,
FSLN, URNG, Volkspartei Panamas,
Kolumbianische KP, KP Argentiniens,
KP Uruguays, Paraguayische KP, Peruanische KP, KP Boliviens, KP Chiles,
Südafrikanische KP, westsaharische
Polisario, KP Chinas, KP Vietnams, KP
Australiens, linksgrüne Bewegung
aus Island, Französische KP, KP der
Russischen Föderation, KP Weißrusslands, KP der Ukraine.
rung zugute, dass Island nicht den Euro
eingeführt hatte und nicht der EU angehört, so dass eine eigene Währungspolitik möglich ist. Inzwischen sind die
bereits vorher eingefrorenen Beitrittsverhandlungen zur EU durch die isländische Regierung abgebrochen worden.
Der US-Delegierte John Catalinotto von der Partei Arbeiterwelt nahm die
Erschießung mehrerer unbewaffneter
Afroamerikaner durch Polizisten in den
USA zum Anlass, über die Reaktionen
der Linken zu berichten. Demnach gibt
es eine neue politische Bewegung, deren Kurs allerdings noch nicht feststehe.
Erkennbar sei jedoch bereits ihre Klassenorientierung und die Bewusstwerdung über die militärische Aufrüstung
der US-Polizei über einen Zeitraum
von mehr als zehn Jahren.
In der US-amerikanischen Ausprägung des Kapitalismus nahm der Rassismus seit jeher eine zentrale Rolle ein.
Nach der Aufhebung der Sklaverei infolge des Bürgerkriegs 1865 waren sich
Nord- und Südstaatenregierungen darin einig, der afroamerikanischen Bevölkerung die versprochenen Bürgerrechte vorzuenthalten. Trotz der 1960
erfolgten rechtlichen Aufhebung rassistischer Diskriminierung wirkt der Rassismus fort und hat auch Auswirkungen
auf andere farbige Bevölkerungsteile.
Mehr als die Hälfte der Inhaftierten
in den USA sind farbig. Bezogen auf
den Bevölkerungsanteil ist die Zahl
von Afroamerikanern in Haft sechs
Mal so hoch wie die von Weißen, bei
den Opfern tödlicher Polizeigewalt ist
die Quote gar 21 zu 1! Die Arbeitslosigkeit ist doppelt so hoch. Catalinotto
stellte jedoch fest, dass inzwischen auch
die Hautfarben übergreifende antirassistische Solidarität gewachsen sei, die
in zehntausenden Teilnehmern antirassistischer Demonstrationen zum Ausdruck komme. Auf diesen Demonstrationen seien auch Positionierungen gegen die Besatzungswillkür in Palästina
und imperialistische Kriege sichtbar.
Carlos Fonseca Terán von der FSLN
präsentierte ein aufwändig erstelltes Video, um die Vorzüge des gigantischen
nicaraguanischen Kanalprojekts zu
erläutern. Ein Kanal durch Nicaragua
unter Nutzung vorhandener Flüsse
und Seen soll Atlantik und Pazifik verbinden und damit in Konkurrenz zum
Panamakanal treten. Es wird erwartet,
dass nach Fertigstellung 5 Prozent des
weltweiten Seegütertransports die neue
Wasserstraße passieren – ein immenser
Anteil. Die Finanzierung des „Großen
Interozeanischen Kanals“ – so wurde
das Vorhaben getauft – liegt exklusiv
bei einer Zweckgesellschaft aus Hongkong. Unter Rücksichtnahme auf ökologische Aspekte ist eine kostspieligere
Route gewählt worden als sonst möglich gewesen wäre. Enteignungen sollen
einzelfallbezogen und nicht pauschal
sowie gegen vorab gezahlte Entschädigung vorgenommen werden.
Inwieweit Umweltschutzmaßnahmen angesichts des als Teil des Projektes geplanten Baus zweier großer Seehäfen, eines internationalen Flughafens
in der bisherigen Kleinstadt Rivas und
von mehr als 6 500 km neuer Straßen –
auch für Schwertransporte – wirklich
greifen, bleibt offen. Zu berücksichtigen
ist auch, dass in dem schwer erdbebengefährdeten Gebiet zwei Ozeane aus
Salzwasser mit einem Kanal verbunden werden, dessen Route durch einen
sensiblen Süßwassersee führt, den Nicaraguasee. Gespräche am Rande des
Geschehens deuteten darauf hin, dass
nicht alle Teilnehmer davon überzeugt
waren, Nicaragua könne sich langfristig der politischen Abhängigkeit entziehen, die eine Folge der wirtschaftlichen
Abhängigkeit von einem ausländischen
Projektfinanzierer sei.
Erneut zeigte sich, dass das Treffen
seinen Wert nicht nur aus den Vorträgen im Plenum gewinnt, sondern gleichermaßen auch aus der Möglichkeit,
sich mit den Vertretern vieler anderer
Parteien im kleinen Rahmen auszutauschen. Für 2016 ist die 20. Auflage bereits geplant.
Carlo Pereira
8 Freitag, 20. März 2015
Thema der Woche
unsere zeit
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R99237/CC-BY-SA
Bild oben: Deutsche Besatzung in Saloniki: „Juden unerwünscht“
Bild links: Kreta, Kondomari, Erschießung von Zivilisten. Als
deutsche Fallschirmjäger auf Kreta landeten, stießen sie auf
heftigen Widerstand, an dem sich die Zivilbevölkerung und
Partisanen beteiligten. Als Vergeltung reagierten die deutschen
Truppen mit äußerster Brutalität. Im Befehl vom 31. Mai 1941 von
Generaloberst Student ist davon die Rede, dass dabei geltendes
Kriegsrecht und entsprechende Gerichte unberücksichtigt
bleiben sollen, auch von Niederbrennen von Orten, von Erschießungen und von „Ausrottung“ ist die Rede. Daraufhin kam es in
mehreren Orten zu Massenerschießungen.
Foto: Bundesarchiv, Bild 101I-166-0527-04 / Weixler, Franz Peter / CC-BY-SA
Foto: Michalis Famelis / wikimedia.com / CC BY-SA 3.0
Zahlt endlich eure Schulden!
Karte oben: Italien, Bulgarien und Deutschland besetzten Griechenland ab
April 1941 bis Oktober 1944. (Dunkelgraue Flächen: Die Besatzungszone(n) des
faschistischen Deutschlands)
Bild oben: Hohe Wehrmachtsoffiziere posieren neben der Akropolis.
Bild unten: Deutsche Konzerne verdienen am Rüstungsgeschäft. Ein „Exportschlager“ ist der Leopard 2. Der Panzer wurde u. a. an Chile, Israel, Katar und die
Türkei geliefert. Hier ein LEO2-A6 HEL der griechischen Armee in Athen.
Bild rechts unten: Amiras (Kreta, Griechenland): Mahnmal zur Erinnerung an
die Zerstörung mehrerer Dörfer Südkretas und an die Exekution von mehr als
350 Personen durch die deutschen Besatzer im Jahre 1943.
Foto: Konstantinos Stampoulis / wikimedia.com / CC BY-SA 3.0 GR
Foto: Marc Ryckaert (MJJR)/ wikimedia.com/ CC BY 3.0
Kolumne / Interview
unsere zeit
Freitag, 20. März 2015 9
Gastkolumne von Norman Paech
Die Arroganz des Schuldners
Beobachten, organisieren, aktiv sein
Tschechien: Kommunistische Partei bei Kommunalwahl gestärkt. Interview mit Vojtech Filip
UZ: Die KSCM hat bei den jüngsten
Kommunalwahlen gute Ergebnisse erzielt. In mehreren Bezirken arbeitet sie
mit den Sozialdemokraten (CSSD) zusammen. Welche Ergebnisse hat diese
Zusammenarbeit bisher erbracht?
Vojtech Filip: Nach der Kommunalwahl
von 2014 sind wir in elf Kreisstädten und
kreisfreien Städten in Koalitionen eingetreten – in einer weiteren, wo eine Neuwahl nötig war, laufen noch die Verhandlungen. Das ist ein wesentlicher Zuwachs. Darüber hinaus haben wir unsere
Vertreter auch in einigen anderen größeren Städten und Bezirken. Wir koalieren
nicht nur mit Sozialdemokraten. Unsere
Partner sind in einer Reihe von Städten
und Gemeinden auch die Mitte-RechtsBewegung ANO, örtliche Bürgervereinigungen oder Unabhängige. Es ist noch
zu früh um eine tiefere Bewertung vorzunehmen. Meist fanden bisher erst die
konstituierenden Ratssitzungen statt,
in denen über die Ratsfunktionen und
die Ausschüsse entschieden wird. Derzeit werden die städtischen Haushalte
verhandelt. Die Koalitionen scheinen
weitgehend stabil. Unsere Vertreter berichten von sachlichen, ernsthaften Sitzungen, sie glauben, das Klima in den
Rathäusern erlaube die Umsetzung unseres Wahlprogramms. Priorität haben
für uns wie für unsere Partner soziale
Themen wie die Schaffung von Arbeitsplätzen. In Städten, wo die Mehrheiten
gewechselt haben, versuchen sie frühere Versäumnisse zu beheben. Beispiele
sind die Renovierung des baufälligen
Stadttheaters in Kladno, die Reparatur des öffentlichen Schwimmbads in
Rakovnik – sein schlechter Zustand ist
Folge der Politik der Bürgerdemokraten; Renovierung eines Krankenhauses
in Most – sein Zustand dient als Vorwand für die Privatisierung, und so weiter. Es gibt Untersuchungen zur Vergabe
öffentlicher Aufträge. Priorität hat außerdem für uns, die Kosten für Heizung,
Wasser und Müllabfuhr zu halten. Dabei
geht es um das Haushaltsvolumen der
Gemeinden, besonders derer mit hohen
Schulden.
UZ: Ähnlich wie bei uns sind die Mitglieder und Wähler der KSCM meist ältere
Menschen. Wie versucht ihr junge Menschen anzusprechen?
Vojtech Filip: Die Entwicklung der Mitgliedschaft ist ein Problem aller Stufen
der Organisation. Einen Schwerpunkt
sehen wir im Erfahrungsaustausch, wie
erfolgreich um junge Mitglieder geworben wird. Ein Kernproblem ist der Zugang unserer Grundorganisationen zu
Jugendlichen. Die KSCM muss in der
Lage sein – trotz der Ablehnung durch
die Medien, die uns wenig Beachtung
schenken – wirkungsvoll junge Leute
anzusprechen, einschließlich der unzufriedenen.
Für junge aufbegehrende, radikale und
empörte junge Menschen ist es charakteristisch, dass materielle Interessen nicht zählen. Ihre Interessen sind
nichtkonforme Kultur oder Kunstformen, Umweltschutz, die Verteidigung
von Minderheitenrechten, Sport und
Friedensbewegung. Es ist eine wichtige
Aufgabe der Kommunistischen Partei
von Böhmen und Mähren, die Jugend
zu gewinnen.
UZ: Auch in Tschechien wird am
8./9. Mai an die Befreiung von Krieg
und Naziterror erinnert. Das Internationale Seminar im Mai, zu dem eure Partei auch die DKP eingeladen hat, ist dem
antifaschistischen Kampf gewidmet. Welche Lehren habt ihr aus diesem Kampf
gezogen?
Vojtech Filip: In der zweiten Hälfte der
1930er Jahre orientierte die damalige
Kommunistische Partei der Tschechoslowakei (KSC) auf die Strategie der
nationalen Einheitsfront gegen den Faschismus und verbündete sich mit nicht
Vojtech Filip ist Vorsitzender der
Kommunistischen Partei Böhmens
und Mährens (KSCM)
antikapitalistischen, aber antifaschistischen Kräften. Dieses Herangehen trug
in der Nachkriegszeit Früchte, als die
Kollaborateure vom politischen Leben
ausgeschlossen wurden. Die KSC genoss
großes Ansehen wegen des bedeutenden
Anteils, den die kommunistische Bewegung zur Zerschlagung des Faschismus
beigetragen hatte. Es gelang durch zunehmenden Druck auf die damaligen
nichtsozialistischen Kräfte die soziale
Umwälzung und der Aufbau des Sozialismus in der Tschechoslowakei unter
Einschluss aller fortschrittlichen Kräfte. Dieser Versuch ist jedoch durch subjektive und objektive Faktoren bedingt
gescheitert.
Heute zieht die aus der historischen
Entwicklung die Lehre, sich nicht nur
auf die parlamentarische Tätigkeit zurückzuziehen, sondern sich anderen
Teilen der alternativen Zivilgesellschaft
zu öffnen. In den letzten Jahren hat die
KSCM das Projekt „Allianz für Arbeit
und Solidarität“ initiiert mit dem Ziel
der Zusammenarbeit linker Parteien,
Bürgerinitiativen und Bewegungen, vor
allem gegen die unsozialen Maßnahmen
der früheren Rechtsregierung von Ministerpräsident Petr Necas. Unser langfristiges Ziel ist die Zusammenarbeit
und Unterstützung aller patriotischen
und linken Organisationen in Tschechien. Mit vielen sind wir durch gemeinsame Projekte verbunden.
UZ: Wie die DKP hat die KSCM Beobachterstatus in der Partei der Europäischen Linken. Welche Erfahrungen habt
ihr gemacht? Was könnte verbessert werden?
Vojtech Filip: Die KSCM war stets
nicht nur in der kommunistischen und
Arbeiterbewegung, sondern auch in einem breiten Spektrum linksgerichteter Bewegungen in Europa aktiv. Viele
fortschrittliche Parteien, Frauen-, Friedens-, Umwelt- und antifaschistische Bewegungen, Gewerkschaften haben viel
mit uns gemeinsam. Nach dem Beitritt
der Tschechischen Republik zur Europäischen Union wurden unsere EUAbgeordneten Mitglieder der GUE/
NGL-Fraktion, in der neben anderen
die Abgeordneten von EL-Mitgliedsoder Beobachterparteien zusammengeschlossen sind. Daher hielten wir es für
richtig uns an bestimmten EL-Aktivitäten zu beteiligen. Wir wurden EL-Beobachterpartei, weil das KSCM-Programm
auf dem Marxismus-Leninismus beruht
mit dem Ziel eines Systemwechsels der
Gesellschaft zum Sozialismus. Deshalb
haben wir einige Vorbehalte gegenüber
der EL-Politik. Allerdings schätzen wir
die Arbeit ihrer Experten in den Bereichen Ökonomie oder Ökologie, bei der
Lösung sozialer Probleme. Wir schätzen
die Arbeit mit der jungen Generation als
auch in Massenbewegungen hoch.
Auf der anderen Seite können wir
uns nicht mit einigen Stellungnahmen
zur internationalen Politik identifizieren.
Die Politik der ELP zielt hauptsächlich
auf West- und Südeuropa, weniger auf
Mittel- und Osteuropa. Aber gerade im
ehemaligen Ostblock findet gerade ein
kriegerischer Konflikt statt. Dort gibt es
gibt auch starken antikommunistischen
Druck mit beispiellosem Wachstum von
Faschismus und Nationalismus. Wahrnehmungslücken, das Vertrauen in die
(Fehl-)Interpretationen sogenannter
„Linker“ sowie auf die Berichterstattung
einseitiger Medien, all das führt die ELP
häufig zu politischen Schlussfolgerungen, die nicht der Realität entsprechen.
Die ELP hat gute Verbindungen nach
Lateinamerika, in den Nahen Osten, den
Mittelmeerraum und nach Afrika. Sie
nutzt ihre Möglichkeiten, in diesen Regionen bei der Lösung dringender Probleme zu helfen. Das schätzen wir. Außerdem wirkt die ELP für die Gleichstellung
von Männern und Frauen sowie für Bürgerbewegungen. Die Arbeit der ELP ist
verdienstvoll; sie ist aber politisch und
ideologisch unausgewogen. Die KSCM
zwingt niemandem ihre Ansichten auf,
aber wir sind eine kommunistische Partei, wir bekennen uns zur Idee der sozial
gerechten Gesellschaft und würden sie
nie verraten. Deshalb werden wir weiterhin den Beobachterstatus behalten, jederzeit bereit uns aktiv in die Arbeit für
die „kleinen Leute“ einzubringen.
Die Fragen stellten Gustl Ballin und Günter Pohl
Erst die neue Syriza-Regierung
wagte sich an das heiße Thema und
präsentierte eine weitere noch offene Rechnung. Auch ihr Grund ist
Foto: Dontworry/wikimedia.com/CC BY-SA 4.0
Karikatur: Bernd Bücking
Offensichtlich haben wir uns schon
zu sehr an Schäubles Ton gegenüber
Griechenland gewöhnt, als dass wir
uns über die Arroganz empören könnten, mit der die Bundesregierung und
die tonangebenden Medien die Forderungen nach Entschädigung für die
furchtbaren Verbrechen von SS und
Wehrmacht in Griechenland und die
Rückzahlung des Kriegskredits, den
die Deutschen den Griechen diktierten, zurückweisen. Das ist einerseits
eine Frage der Moral, von der die Regierung nichts wissen will, andererseits
aber auch eine Frage des Rechts, die
sie nicht beliebig verbiegen kann.
Die Kriegsverbrechen während
der deutschen Besatzung sind unbestritten. Die Ortschaften Distomo, Kalavrita und Kommeno stehen nur für
einige der zahlreichen barbarischen
Massaker an der griechischen Zivilbevölkerung. Dafür hat der deutsche
Staat niemals Entschädigung geleistet. Ihr wurde 1953 dafür in London
Aufschub bis zu einem Friedensvertrag
gewährt. Alle deutschen Regierungen
taten alles, um einen solchen das Moratorium beendenden Vertrag zu vermeiden. 1990 verfiel sie schließlich auf
den Trick, ihre Souveränität mit einem Friedensvertrag zurückzugewinnen, der nur nicht so genannt wurde,
der berühmte Zwei-plus-vier-Vertrag
im Jahr 1990. Das Moratorium war
beendet, die griechischen Regierungen haben niemals auf Reparationen
verzichtet, doch waren sie zu schwach,
den Deutschen die Rechnung zu präsentieren. Nur die Opfer aus Distomo
erwirkten beim Areopag* eine Verurteilung Deutschlands zur Zahlung
von heute 28 Millionen Euro. Aber die
Deutschen verweigerten nicht nur jede
Zahlung, sie waren nicht einmal zu Gesprächen mit ihren Opfern bereit.
unbestritten, ein Zwangskredit über
568 Millionen Reichsmark, den die
Nazis sich auch verpflichtet hatten, zu
tilgen. Bis 1945 haben sie 92 Millionen
Reichsmark zurückgezahlt, doch nach
dem Krieg stockten die Zahlungen
und so blieb ein Rest von 476 Millionen Reichsmark offen. Das sind heute
etwa 11 Milliarden Euro, die die griechische Regierung nun zurückfordert.
Eine Unverschämtheit, wie die deutsche Presse schäumt? In der Tat eine
Unverschämtheit der deutschen Regierung, selbst Verhandlungen darüber mit Athen abzulehnen.
Jahrzehntelang haben es die griechischen Regierungen nicht gewagt,
die Deutschen mit ihrer eigenen Geschichte zu konfrontieren. Es jetzt zu
tun, ist ein Akt der Befreiung vom
alten Regime und der Gerechtigkeit
für die Opfer.
* Der Areopag oder Arios Pagos ist das
oberste Gericht der Zivil- und Strafgerichtsbarkeit in Griechenland.
Kommentar von Oliver Wagner
Warum sich die NATO auf TTIP freut
Obwohl Hillary Clinton, damals Außenministerin der USA, die sogenannte Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft zwischen der
EU und den USA eine „WirtschaftsNATO“ genannt hat, beschränken sich
die TTIP-Kritiker dies- und jenseits des
Atlantiks meist auf die Gefahren, die
durch das Abkommen für Arbeiter- und
Gewerkschaftsrechte, den öffentlichen
Dienst, die Handlungsfreiheit der nationalen Parlamente, unsere Gesundheit
sowie Standards zum Schutz von Umwelt und Verbrauchern drohen.
Es ist jedoch zu befürchten, dass
TTIP auch zu einer weiteren Militarisierung der EU und einer Stärkung der
NATO führen wird. Bereits im Oktober hatte sich die Tübinger Informationsstelle Militarisierung (IMI) in einer
Studie mit den »militärisch-machtpolitischen Hintergründen des TTIP« befasst. Darin wird auf ein Video hinge-
wiesen, mit dem die NATO auf ihrer
Internetseite für das Freihandelsabkommen wirbt. Vertreter EU-europäischer und US-amerikanischer Rüstungskonzerne betonen darin, dass der
transatlantische Rüstungsmarkt durch
TTIP »enger zusammenwachsen« könne, da angebliche »zu hohe Hürden« für
eine Kooperation zwischen den Rüstungskonzernen der EU und denen der
USA damit endlich abgebaut würden.
In der IMI-Studie wird auch betont,
dass die USA parallel zu den Freihandelsverhandlungen mit der EU mit elf
Pazifikanrainern eine direkt gegen China (und indirekt gegen Russland) gerichtete „Transpazifische Partnerschaft“
(TPP) aushandeln, und dass das Den
Haager Clingendael-Institut für Internationale Beziehungen schon vor anderthalb Jahren in einer Studie davon
sprach, die „aktuelle geopolitische Formel“ laute „Alle außer China“.
Kommentar von Volker Bräutigam
Unterm Strich
Bei jeder sich bietenden Gelegenheit hält die bundesdeutsche Medien-Mafia den Russen deren unaufgeklärte Fälle ermordeter Politprominenz vor, als ob Mordermittlungen
grundsätzlich erfolgreich seien, nur
eben nicht in Moskau. Hier eine unvollständige Liste deutscher Prominenter, deren gewaltsamer Tod ebenfalls nie zweifelsfrei aufgeklärt wurde, an die zu erinnern der deutschen
Journaille natürlich nicht einfällt:
Heinz-Herbert Karry, hess. VizeMinisterpräsident, 1981
Jürgen Ponto, Bankier, 1977
Detlev-Karsten Rohwedder, erster
Chef der Treuhand-Anstalt, 1991
Siegfried Buback, Generalbundesanwalt, 1987
Jürgen Möllemann, Ex-Vize-Kanzler, 2003
Alfred Herrhausen, Chef der Deutschen Bank, 1989,
Uwe Barschel, Ministerpräsident,
1987,
Das sind nur ein paar Namen, die
mir spontan einfielen. Die Liste ist
ganz sicher verlängerbar. Sie könnte,
wenn man z. B. Michele Kiesewetter,
Polizistin, 2007, hinzufügte und die Namen weiterer, von unseren „Diensten“
Ermordeter oder die der unter ungeklärten Umständen in Polizeizellen
bzw. in den Haftanstalten Gestorbenen hinzunähme, sogar ellenlang werden. Wer mit dem Finger auf Russland
zeigt, sollte bedenken, dass dabei drei
Finger auf Deutschland zurückverweisen.
(Wiedergabe mit freundlichem Einverständnis der Politikzeitschrift Ossietzky).
10 Freitag, 20. März 2015
Theorie und Geschichte
unsere zeit
Robert Steigerwald wird 90
Am 24. März feiern wir den 90. Geburtstag von Robert Steigerwald.
Ich sah und hörte ihn vor vielen Jahren zum ersten Mal auf einer
Tagung des Zentralinstitutes für Philosophie (ZIPh) der Akademie
der Wissenschaften der DDR, an dem ich seit 1973 arbeitete. Ich
kannte zu diesem Zeitpunkt bereits einige seiner wissenschaftlichen
Arbeiten und politischen Streitschriften.
Kennengelernt habe ich ihn aber erst, als ich Mitglied der DKP
wurde und im Parteibildungsbereich zu arbeiten begann, in der Redaktion der Marxistischen Blätter und der Marx-Engels-Stiftung.
Ob bei der Durchführung des Fernstudiums der DKP, das wir 1999
starteten, mit Vorträgen oder Bildungsberatungen: Wann immer es ihm
möglich war half Robert. So auch oft bei Bildungsthemen der Partei
mit Kritik, aber vor allem mit Rat und Tat. Und wenn ich mal Fragen zu
einem UZ-Artikel von ihm hatte, war er stets für Vorschläge offen …
Robert wurde am 24.3.1925 in Frankfurt am Main geboren. Vater
und Mutter waren kommunistisch organisierte Hilfsarbeiter. Robert
war aber nach der Flucht aus Kriegsgefangenschaft zuerst bei den
sozialdemokratischen Falken und der SPD organisiert, 1948 wurde
er Mitglied der KPD. Nach seinem Eintritt in die KPD verlor Robert
seine damalige Arbeit beim Rundfunk. Er absolvierte ein zweijähriges Studium an der Parteihochschule „Karl Marx“ der SED in Berlin
und war er anschließend Lehrer für Philosophie. 1951 kehrte er in die
Bundesrepublik zurück. Wegen Aktivitäten bei der Volksbefragung
gegen die Remilitarisierung Deutschlands (im Jahre 1951) vom Bundesgerichtshof in Karlsruhe als Rädelsführer in einer staatsgefährdenden Organisation verurteilt. „Hochverrat“, „Staatsgefährdung“,
„Geheimbündelei“ hieß das damals – Jahre vor dem KPD-Verbot
1956. Insgesamt war Robert fünf Jahre in Einzelhaft.
Nach der Entlassung aus der Haft wurde er Abteilungsleiter im
Zentralkomitee der illegalen KPD.
Später promovierte und habilitierte er in Philosophie am Zentralinstitut der Akademie der Wissenschaften, Berlin.
Nach der Neukonstituierung der DKP gehörte er dem Parteivorstand der DKP an und war Leiter des Referats Theorie und marxistische Bildung. Er war unter anderem Vorsitzender der Vereinigung marxistischer Bildungsgemeinschaften der BRD (MAB) und
langjähriger Chefredakteur der Marxistischen Blätter, später auch
Vorsitzender der Marx-Engels-Stiftung, deren Ehrenvorsitzender
er bis heute ist.
Lieber Robert, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
„Die rätselvolle Materie“
Wir dokumentieren im Folgenden aus dem Buch
von Robert Steigerwald „Abschied vom Materialismus?“ Auszüge aus dem Abschnitt „Die rätselvolle
Materie“, die sich mit dem Wesen und der Rolle von
Philosophie beschäftigen:
(…) (S)eit menschlicher Geist zum Bewusstsein
erwacht ist, will er wissen, was es mit dem Sein und
Werden auf sich hat. Dies nicht aus purer Neugier – die übrigens vom Ursprung her dem Bemühen um Orientierung geschuldet ist –, sondern
um der Lebensmeisterung willen. Bedingung des
Lebens und Überlebens ist Orientierungsfähig-
entierungswissen von der oben angedeuteten Art
braucht. Es ist intellektuelle Begleitmusik und Bedingung geistiger und materieller Aneignung von
Wirklichkeit und damit Leben.
So weit wir zurückblicken, hat die Menschheit stets kollektive Formen von Orientierungswissen – selbstredend unterschiedlicher Qualität – besessen: Erst den Mythos und die Religion,
später auch die Philosophie.
Wahrscheinlich sind erste Formen dieser Art
von kollektivem Orientierungswissen Totemismus und Tabu gewesen. Sie sind – in der Termi-
(…) Die Philosophie selbst ist ein Produkt der
Klassengesellschaft. In einer in Klassen gespaltenen Gesellschaft kann sie, die Philosophie, selbst
nicht einheitlich sein. Wie sich durch die Geschichte der Klassengesellschaft der Klassenkampf hindurchzieht, so auch letztlich durch die Geschichte
der Philosophie der Gegensatz zweier großer Philosophiesysteme.
(…) Obgleich sich auch in der Philosophie soziale Widersprüche widerspiegeln, lässt sich der
Gegensatz von Materialismus und Idealismus daraus allein nicht erklären.
nologie des historischen Materialismus formuliert – Frühformen des ideologisch-politischen
Überbaus. (…) Wesentlich ist, ob solches Ideologische zur Zeit seines Aufkommens der Orientierung dienen sollte und konnte. Dass es sich dann,
im Laufe der Geschichte, mit dem „Verwelken“
der geschichtsbestimmenden Kraft des Kollektivs, dem solches Orientierungswissen diente –
was in aller Regel auch mit dem Gewinn neuen
Wissens, und damit neuer Orientierungsmöglichkeiten verbunden war –, in Trugbilder, in Idole
verwandeln konnte, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Dabei zeigt es sich (…), dass immer die Fragen des Seins und des Werdens im Mittelpunkt
der Erörterungen standen. Goethe meinte einmal,
im letzten Grund gehe es immer nur um die Frage Herakliteer oder Eleaten, also um die Frage,
ob die Welt als ewig Werdende zu verstehen sei
oder ob wir uns zur völligen Negierung des Werdens durchringen müssten. Was ist Sein? Gibt es
überhaupt Sein oder sind das alles nur Halluzinationen? Was ist Werden? Findet überhaupt Werden statt? Und wenn ja, warum wird etwas oder:
warum ist etwas? Fragen dieser Art sind vielfach
variierbar, aber letztlich ist alle Philosophie um
solche Fragen abgelagert.
Die Sklaven konnten (so lange sie Arbeitssklaven waren) keine eigene Philosophie entwickeln, auch nicht die Leibeigenen. Die Bauern
Thomas Müntzers waren Revolutionäre, aber sie
hatten eine religiöse, das heißt idealistische Weltanschauung. Darum spiegelt der Gegensatz Materialismus-Idealismus in den vorkapitalistischen
Gesellschaftsordnungen nicht einfach den Gegensatz zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten wider. Wohl ist der Klassengegensatz entscheidend,
aber der weltanschauliche Gegensatz erschöpft
sich nicht im Klassengegensatz.
Der Streit zwischen Materialismus und Idealismus in der antiken Philosophie widerspiegelt zum
Beispiel nicht den Kampf zwischen den Sklavenhaltern und den Sklaven, sondern jenen zwischen
den verschiedenen Teilen der besitzenden Klassen. Gäbe es keine Klassen, dann gäbe es zwar keine soziale Basis für verschiedene philosophische
Anschauungen, aber dennoch erkenntnistheoretische Gründe ihrer Entstehung: die Verselbständigung und Verabsolutierung von Elementen – etwa
solche rationaler Art – des einheitlichen Erkenntnisprozesses.
Um die einzelnen philosophischen Richtungen zu verstehen, muss man also sehr differenziert die gesellschaftlichen Verhältnisse und Hin-
Foto: UZ-Archiv
keit, also Antwort auf Fragen der Art: Wer bin ich?
Was kann ich wissen oder erkennen? Was soll oder
muss ich tun? Wie kann, muss, soll ich leben? Wer
sich in der Geschichte der Philosophie auskennt,
weiß natürlich, dass ich mit diesen Fragen anknüpfe an I. Kants Feststellung, Philosophie habe es
damit zu tun, diese Fragen zu beantworten. Freilich sind nicht alle Antworten auf solche Fragen
bereits Philosophie. Zur Philosophie werden sie
erst unter bestimmten Bedingungen. Philosophie
redet in begründender, in rationaler Weise, also
mittels Begriffen, Urteilen, Schlüssen, Theorien,
Hypothesen über das Ganze der unserem Erkennen zugänglichen Realität, was auf die Formulierung und Begründung der allgemeinsten Entwicklungsgesetze von Natur, Gesellschaft und Denken
hinausläuft. Und sie entsteht erst, nachdem sich
bestimmte gesellschaftliche Bedingungen herausgebildet haben.
Die Kulturgeschichte aller Völker zeigt uns,
dass der Mensch – um ein schönes Wort Goethes,
aus einem seiner Gespräche mit Eckermann, zu
benutzen (…) – ein Kollektivwesen ist. Gemeinsam mit anderen nur kann er leben, arbeiten, sich
verteidigen, kämpfen.
Das heißt aber auch, dass nicht nur der Einzelne, sondern das ihm zugehörige Kollektiv Ori-
Nina Hager
tergründe untersuchen, unter denen eine bestimmte philosophische Richtung entstanden ist.
Da die gesellschaftlichen Klassenverhältnisse in
der Vergangenheit recht kompliziert waren, ist es
nur natürlich, dass auch der Streit zwischen materialistischer und idealistischer Philosophie oft
sehr komplizierte Formen angenommen hat. So
gibt es philosophische Systeme, die in ihrem Ausgangspunkt, in ihrem Grundprinzip durchaus idealistisch sind und doch gleichzeitig starke materialistische Züge aufweisen: Und umgekehrt gibt es
in ihrem Ausgangspunkt materialistische philosophische Systeme, die dennoch starke Elemente
idealistischen Denkens enthalten.
Ganz allgemein kann jedoch festgehalten
werden, dass die materialistische Richtung fortschrittliche Tendenzen der sozialen Entwicklung
ausdrückt. Aber der Fortschritt der Philosophie ist
nicht einfach gleichzusetzen mit dem Fortschritt
der materialistischen Auffassung und ihrer Erfolge beim Kampf gegen den Idealismus: Platons und
Hegels Werk, übrigens auch das des Thomas von
Aquin, sollte vor einer solchen Vereinseitigung
unbedingt warnen.
Man könnte nach dem Gesagten einige vorsichtige, auf Europas Geschichte der Philosophie
bezogene Orientierungspunkte benennen:
1. Philosophie ist ein Typus von Wissen über
das „Ganze“ der objektiven Realität, der sich rationaler, begrifflicher, urteilender, schließender
Methoden bedient, sich um Befreiung von mythologisch-anthropomorphisierenden Typen von
Weltbildern bemüht, Weltorientierung von begründender und beweisender, statt auf Glauben
beruhender Art ist. Dies prägt sogar die philosophischen Formen des Idealismus.
2. Philosophie bestimmt das allgemeine geistige Verhältnis von sozialen Kräften, in der Klassengesellschaft eben auch von Klassenkräften zur
Natur, Gesellschaft und zum Erkennen, womit sie
auch die Stellung des Menschen in Natur, Gesellschaft und das Wesen seiner Erkenntnis definiert.
(…)
3. Die Philosophie entstand in Indien, China
und Griechenland nach der Herausbildung der
Klassengesellschaft, als ein Element dieser Gesellschaft, mit Funktionen im Kampf der Klassen.
Die Entstehung der Klassengesellschaft stellt einen solchen großen Einschnitt in der Entwicklung
des Menschen dar, dass ein neuer Typus von Weltsicht entstand. Hinfort wird mit jedem neu in die
Geschichte eintretenden historischen Subjekt ein
neues Verhältnis zur Welt entstehen. Dabei ist das
jeweils Wesentliche die Neubestimmung des Verhältnisses dieses historischen Subjekts zur Natur,
Gesellschaft und Erkenntnis.
4. Zu den Bedingungen des Entstehen von
Philosophie gehört ferner die gesellschaftliche
Arbeitsteilung, insbesondere die in Hand- und
Kopfarbeit – weil nur spezifische Kopfarbeiter
Fähigkeiten und Muße zur philosophischen Arbeit entfalten konnten –, eine gewisse Entwicklung des Warenaustauschs als Grundlage dafür, im
Verschiedenen Gemeinsames aufzudecken, was
für begriffliches Denken wesentlich ist.
5. Die Philosophie entstand des weiteren in
den Zentren der wirtschaftlichen, politischen und
allgemein-kulturellen Blüte, was gegen die These
vom Ursprung der Philosophie lediglich im Kopf
großer Geister spricht. Folglich muss PhilosophieGeschichte untersucht werden in ihrer Einbettung
in die allgemeine Geschichte
6. Freilich verhält es sich auch mit der Philosophie so, dass sie, einmal entstanden, eigene Entwicklungsbedingungen, Züge einer eigenen Entwicklungslogik (etwa im Kampf beider Grundrichtungen. im Sich-Aufeinander-Beziehen von
Philosophen, im Streit untereinander) herausbildet, was zu einer gewissen geistigen Tradition führt,
die indessen nicht verselbständigt werden darf. (…)
Robert Steigerwald, Abschied vom Materialismus?
Pahl-Rugenstein-Verlag, Bonn 1994
Interview unsere zeit
Freitag, 20. März 2015 „Steigerwald, zähm‘ dein Mundwerk“
11
Erst Kampfpilot, dann Hoffnung der SPD, Entscheidung für die Kommunisten – Interview mit Robert Steigerwald
UZ: Du wirst in diesem Jahr 90, und
gleichzeitig feiern wir 70 Jahre Befreiung. Was hast du an deinem 20. Geburtstag gemacht?
Robert Steigerwald: Im März 1945, da
war ich noch Pilot. Am 24. März hatte ich Geburtstag, am 27. April bin ich
freiwillig über die Elbe in Gefangenschaft gegangen, um nicht nach Berlin
zu müssen, ins letzte Gemetzel. Also,
an meinem 20. Geburtstag war ich
noch Soldat.
UZ: Aber du kommst aus einer antifaschistischen Familie.
Robert Steigerwald: Aus einer kommunistischen Familie. Ich war eigentlich bis zum deutsch-sowjetischen
Nichtangriffsvertrag in allen entscheidenden Dingen für die Partei – als junger Bub für die Interbrigaden in Spanien, gegen den Angriff Mussolinis in
Abessinien, und dann kommt so ein
Nichtangriffsvertrag. Ich habe mich
gefragt: Mein Gott, wenn Hitler und
Stalin zusammengehen, warum sollte
ich denn da so ein entschiedener Antifaschist? Meine Mutter, die nie ein
Buch gelesen hat, merkte: Der Junge
geht in Richtung der Nazis. Und um
mich davor zu bewahren, fragte sie
eines Tages: Weißt du eigentlich, dass
du einen jüdischen Großvater hattest? Das wusste ich nicht. Das war die
beste Immunisierung, die ich kriegen
konnte.
Von dem Zeitpunkt an war alles
klar, und von dem Zeitpunkt an war
ich auch daran interessiert, alles zu
tun, um nicht als Stoppelhopser an die
Ostfront zu kommen. Deshalb habe
ich mich zur Luftwaffe gemeldet, bin
nach dem Abitur eingezogen worden
„Ich habe alles dafür getan,
um nicht an die Ostfront
zu müssen.“
und zur Unteroffiziersausbildung in
Frankreich geschickt worden. Danach
Segelflugausbildung in Dänemark,
dann Kriegsschule in Berlin. Und so
bin ich bis fast ans Kriegsende heran
nicht an irgendeine Front gekommen.
Meine Spekulation hat sich als zutreffend erwiesen.
UZ: Wie hat denn die Nazipropaganda
auf dich als jungen Menschen gewirkt?
Robert Steigerwald: Ich wurde also als
Offizier ausgebildet. Zum Abschluss
meines Lehrgangs auf der Kriegsschule musste ich einen Vortrag halten –
„Volkstum und Rassegedanke“. Ich,
der einen jüdischen Großvater hatte,
was aber niemand außer mir wusste.
Also, dass ich das wusste hat mich
wirklich gegen die Nazipropaganda
immunisiert. Ich habe dann mittags
mit dem Kommandeur der Kriegsschule beim Essen gesessen, weil ich
der beste Lehrgangsteilnehmer war.
Und am anderen Morgen hat er mir
gesagt: Steigerwald, zähm dein böses
Mundwerk, das könnte mal gefährlich werden. Dieser Mann war schon
vor 1933 Nazi-Parteimitglied, das war
mein Kompaniechef. Und ich hatte ab
und zu meinen Mund schon mal spazieren gehen lassen, weil ich gemerkt
hatte, der kann das ertragen.
UZ: Aber später bist du noch als Pilot
eingesetzt worden?
Robert Steigerwald: Ja, das letzte halbe Jahr war dann doch noch Luftkampf. Da hatte ich die Schnauze auch
voll. Ich sollte die Amerikaner daran
hindern, Bomben über Deutschland
abzuwerfen. Hat nicht geklappt.
12. Mai in dem Gefangenenlager geblieben, dann bin ich geflohen. Unter
den Soldaten und Offizieren, da war
die Nazibeeinflussung immer noch
groß. Obwohl die natürlich auch froh
waren, dass der Krieg vorbei war. Am
8. Mai Kriegsende, am 12. Mai geflohen, am 25. Mai zu Hause. Ich war
der erste aus der Familie, der heimgekommen ist. Ich habe dann meinen
sozialdemokratischen Lieblingsonkel
gefragt – der war Betriebsratsvorsit-
te aber nur die Gedichte. Ich habe also
in der Jugendgruppe gesagt: Wir machen einen Heine-Nachmittag. Die
waren alle dafür, und ich habe rezitiert und so weiter, und irgendwann
kam die Frage: Hat Heine nur Gedichte geschrieben? Und ich habe gesagt:
Na ja, der hat auch Prosa geschrieben,
aber das ist nicht so bedeutend. Das
die Theorie aufgesaugt. Ich bin über
den Kopf Kommunist geworden – ich
war Jugendfunkredakteur, ich verdiente doppelt so viel wie mein Vater,
ich hatte keine materiellen Gründe,
Kommunist zu werden.
UZ: Aber vorher waren einige führende Leute in der Sozialdemokratie der
KPD eingetreten. Ich wurde vom Parteivorstand der KPD delegiert, um
diese oppositionelle sozialdemokratische Gruppierung ideologisch anzuleiten. Das habe ich auch getan, aber
ich muss ehrlich sagen: Die meisten
davon waren es nicht wert. Die hatten eher aus persönlichen Gründen
Probleme mit ihrer Partei. Nur ganz
„Ich war für den
demokratischen Weg und
trat in die SPD ein.“
zender in der größten Schriftgießerei der Welt in Frankfurt – den habe
ich gefragt: Onkel Willi, was ist denn
eigentlich der Unterschied zwischen
euch und den Kommunisten? Und er
hat geantwortet – 1945, ein führender
Sozialdemokrat! –: Die wollen beide
dasselbe. Wir auf dem demokratischen
Weg, die Kommunisten auf diktatorischem Weg. Das Ziel, hat er gesagt, ist
dasselbe, nur der Weg ist unterschiedlich. Ich war für den demokratischen
Weg und trat in die SPD ein.
UZ: Wie standest du denn in dieser
Zeit zu den Kommunisten?
Robert Steigerwald: Ich war zunächst
ein überzeugter Antikommunist. 1946
habe ich in einer SPD-Versammlung
gesagt: Wenn es gegen die Russen
geht, nehme ich das Gewehr freiwillig.
Das hatte ich von Bebel übernommen,
nur hatte der das in einer ganz anderen Zeit gesagt. Und neun Monate
später bin ich in die KPD eingetreten.
UZ: Du hast dich also einerseits in die
Arbeiterbewegung eingebracht und
dich andererseits auch ideologisch immer mehr dem Marxismus angenähert.
Robert Steigerwald: Sofort. Ich bin
ja ein verkopfter Mensch. Also, mein
Vater war ein in der Wolle gefärbter
Kommunist, aber ohne theoretische
Kenntnisse. Er hatte zu den Mitbegründern der KPD in Frankfurt gehört. Wir haben viel Streit gehabt, solange ich noch Sozialdemokrat war.
Einer seiner Klassenkameraden war
auch in der SPD, der hat sich immer
Luxemburgist genannt. Der hatte
wohl den Eindruck, dass man mit mir
was anfangen könnte. Der wollte mich
also für eine – wie soll ich sagen – Führungtätigkeit ist zuviel gesagt, für die
Arbeit in der SPD gewinnen. Ich habe
dann am 1. Juli 1945 angefangen, Antifa-Jugendarbeit zu machen. Aber
die Buben waren entweder tot oder
in Gefangenschaft oder im Lazarett.
Wenn ich jemanden ansprechen wollte, habe ich nur Mädchen erwischt.
Die wollten aber mit mir nicht über
Jugendarbeit reden.
In den Arbeiterstadtteilen in
Frankfurt, die vor 1933 sozialdemokratische Hochburgen gewesen waren, gab es noch Reste der Sozialdemokratie, und deren Kinder bildeten
auch Gruppen. Ich habe diese Gruppen geleitet, ich habe dann auch die
Lizenz für die Falken bekommen von
den Amerikanern. Also, ich war in
Frankfurt und Hessen von der SPD
erkoren, die leitende Rolle in der Jugendarbeit zu spielen. Ich bin dann
zum Rundfunk gekommen – das ist
auch so eine Geschichte. Da an der
Wand hängt dieses Bild …
UZ: … eine Gruppe von jungen Leuten …
Robert Steigerwald: … das sind die
Falken.
UZ: Und dann bis du in Gefangenschaft gegangen?
UZ: Im Hintergrund Trümmer. Und
du stehst und hältst einen Vortrag.
Robert Steigerwald: Ja, um nicht ins
Gemetzel zu müssen. Ich bin bis zum
Robert Steigerwald: Über Heinrich
Heine. Ich liebte Heine sehr, ich kann-
Foto: UZ-Archiv
war hochgestapelt, ich hatte keine Ahnung. Das ist also auf diesem Bild, das
haben die Falken später meinetwegen
nie mehr veröffentlicht.
Na ja, der Fotograf war wohl Genosse, und der hat dem Hans Mayer –
ein wichtiger Literaturwissenschaftler und -kritiker – davon erzählt. Und
Hans Mayer sagte: Den Heine-Nachmittag, den bringen wir im Rundfunk. Und der wurde gebracht, und
auch meine Bemerkung über Heines
Prosa. Hans Mayer hat daran einen
Kommentar angeknüpft: Da haben
wir nun junge deutsche Sozialdemokraten, die möchten etwas über Heine wissen. Und dann weiß der Junge,
der das macht, noch nicht mal, dass
das Beste, was Heine geschrieben hat,
seine Prosaschriften waren. So stieß
ich auf die Prosaschriften von Heine.
Und danach hat der Chef des Rundfunks mich gefragt, ob ich bei ihnen
arbeiten würde, und ich habe gesagt:
Gern.
UZ: Und du hast begonnen, die marxistische Literatur zu studieren.
Robert Steigerwald: Ich war 1944 zu
Weihnachten auf Dienstreise und bin
noch für zwei Tage zu meiner Familie
gefahren. Und da passierte folgendes:
Bei meinem Onkel auf dem Nachttisch lag ein Buch – Franz Mehring,
Deutsche Geschichte vom Ausgang
des Mittelalters. Ich habe meinem Onkel gesagt: Wenn ich heil nach Hause
komme, ist das das erste Buch, das ich
lese. Das war es auch. Und dann gab
mir jemand von Plechanow „Grundprobleme des Marxismus“. Diese Bü-
„Ich habe die Theorie
aufgesaugt. Ich bin über den
Kopf Kommunist geworden.“
cher waren für mich ein solcher Erkenntnisgewinn, das kann man nicht
mehr nachvollziehen, wenn man so
eine Situation nicht kennt. Ich habe
Meinung, dass du in der SPD zu Höherem berufen wärst …
Robert Steigerwald: … unter anderem Kurt Schumacher. Ich war Mitglied des Vorstands der Falken für
die drei Westzonen. Die erste deutsche Jugenddelegation, die nach dem
Krieg ins Ausland geschickt wurde,
war natürlich eine sozialdemokratische, natürlich nach Schweden, wo die
Sozialdemokraten regierten. Ich wurde mitgeschickt, aber vorher habe ich
zu meinen Leuten gesagt: Ich werde
nicht mehr kandidieren. Ich stimme
mit der Politik der Partei nicht mehr
überein.
In Stockholm kam dann Kurt
Schumacher, der SPD-Vorsitzende, zu
mir und fragte: Was ist los mit dir? Ich
habe ihn gefragt: Es herrscht Kriegsgefahr. Wo stehen wir? Und da sagte
er: Wir bilden das Lager der dritten
Kraft. Und ich sagte: Was ist denn das?
Dann sagte er: Hier, in Skandinavien,
ist alles mit absoluter Mehrheit sozialdemokratisch regiert, die Labour
Party regiert in England, und in allen
elf westdeutschen Ländern stellen wir
den Wirtschaftsminister. Du als Marxist musst wissen, was das heißt. Da
sagte ich zum Schumacher: Es herrscht
Kriegsgefahr. Sie geht vom Kapitalismus aus. Meine Frage bleibt: Wo stehen wir? Und da sagte er: Es wird zum
Krieg kommen. Dann werden wir an
der Seite der Engländer, die Kommunisten an der Seite der Russen stehen.
Was soll diese Diskussion?
Ich bin nach Hause gefahren und
bin im Januar 1947 aus der SPD ausgetreten und im Februar in die KPD eingetreten. Im März bin ich beim Rundfunk entlassen worden.
wenige haben sich uns angeschlossen – aber die wurden dann Mitglied
unserer Partei und blieben es auch.
Das war spannend, aber nicht sehr ertragreich. Der Antikommunismus war
schon wieder so tief verwurzelt, dass
du Schwierigkeiten hattest, mit Sozialdemokraten noch politisch vernünftig
reden zu können.
UZ: Heute wird ja oft gesagt, dass es
unter jungen Menschen große Vorbehalte gibt, sich in Parteien zu organisieren. Du bis als Jugendlicher in die
KPD eingetreten und Mitglied der
kommunistischen Partei geblieben.
UZ: Nun gab es ja nicht nur die rechte
Führung in der Sozialdemokratie, sondern auch viele Sozialdemokraten, die
mit den Kommunisten zusammenarbeiten wollten.
Robert Steigerwald: Ich verstehe die
jungen Leute, die erlebt haben, wie
Parteien disziplinierend, zwingend, organisierend ins Leben von Jungen eingreifen können. Ich habe das ja erlebt.
Und ich verstehe auch, dass Junge damit nicht zufrieden sind. Dass es also
eine Form des Widerstandes gegen Organisation in Parteien gibt, erst recht
im deutschen Parteitypuss. Der hat etwas Preußisches drin. Was ich nicht so
negativ finde. Also, einerseits kann ich
das nachvollziehen, andererseits geht
es ja nicht anders. Wie willst du denn
bestimmte Arbeiten machen, wenn du
nicht gut organisiert bist? Nur ein Beispiel: Die Volksbefragung gegen die
Wiederbewaffnung, die haben wir ja
illegal durchgeführt. Die Adenauer-Regierung hatte verboten, dass die Leute über die Politik der Wiederbewaffnung befragt werden. Und wir haben
eines Tages gesagt: Jetzt machen wir
diese Befragung im ganzen Land. Ich
habe im Parteivorstand den Auftrage
bekommen, bestimmte Bezirke abzufahren und zu sagen: Dann und dann
geht es los. Das kannst du ohne eine
solche Partei nicht machen. Eine illegal
organisierte Volksbefragung, da kann
nicht alles diskutiert werden. Da muss
es gehen: Die Partei hat entschieden.
Und es ging ja.
Robert Steigerwald: Ja, deshalb bin
ich auch nicht gleich öffentlich in die
Fortsetzung in den nächsten UZ.
Mit Robert Steigerwald sprach Olaf Matthes
12 Freitag, 20. März 2015
Diskussionstribüne
unsere zeit
Industrie 4.0 und Arbeiterklasse heute
Auszüge aus dem Referat von Olaf Harms auf der 12. Tagung des Parteivorstandes der DKP
Am 14. und 15. März fand die 12. Tagung des Parteivorstandes der DKP
statt. Um die Diskussion um den Leitantrag an den 21. Parteitag zu
vertiefen und in Auswertung der theoretischen Konferenz in Hannover befasste sich das Hauptreferat mit dem Thema „Entwicklung der
Produktivkraftentwicklung und Bewusstseinsstand der Arbeiterklasse“ . Der komplette Text des Referates von Olaf Harms, das wir hier
leider nur gekürzt zur Verfügung stellen können, finden Sie auf www.
news.dkp.de.
Zum Status der DKP in der Europäischen Linken wurde mit Mehrheit
ein Antrag an den 21. Parteitag verabschiedet, der die Beendigung des
Beobachterstatus der DKP in der Europäischen Linkspartei vorsieht.
Der Parteivorstand hat eine vorläufige Arbeitsgruppe benannt, die die
organisatorischen Grundlagen für ein UZ-Pressefest 2016 vom 1. bis
3. Juli im Revierpark Wischlingen in Dortmund schaffen soll. Die endgültige Beschlussfassung erfolgt ebenfalls auf dem 21. Parteitag. Mit
einer Spendensammlung sollen die finanziellen Voraussetzungen für
eine positive Beschlussfassung geschaffen werden: 35 000 Euro wurden als Minimum benannt.
Weiter wurde eine Erklärung zum 8. Mai, dem 70. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus sowie eine Erklärung zur Solidarität mit dem
griechischen Volk beschlossen.
Wenn wir uns heute mit einigen Aspekten des Klassenbewusstseins der
Arbeiterklasse und der Entwicklung
von Produktivkräften beschäftigen,
dann können wir festhalten: Wir stehen vor einer tiefgreifenden Veränderung. Und dieses vor dem Hintergrund
einer permanent steigenden Kriegsgefahr, anhaltender Krisen, Massenarmut und Verelendung. Wir stehen vor
einem Prozess der technischen Umwälzung, der die durch die Arbeiterklasse
erkämpften Besitzstände und Rechte
in Frage stellen wird. Eine revolutionäre Partei der Arbeiterklasse ist hier besonders herausgefordert. Insbesondere
weil es die Arbeiterklasse ist, die objektiv die entscheidende gesellschaftsverändernde Kraft ist. Sie ist, trotz aller
Differenzierungen, lohn- und gehaltsabhängig, hat kein Eigentum an Produktionsmitteln und ist gezwungen,
ihren Lebensunterhalt dadurch zu sichern, indem sie ihre Arbeitskraft an
die Klasse der Kapitalisten oder an den
Staat verkauft, indem sie für das Kapital Profit schafft und so ausgebeutet
wird.
Zu einigen Aspekten der Entwicklung der Produktivkräfte
Die Entwicklung der Produktivkräfte ist ein objektiver Prozess, verändert
die Produktionsverhältnisse und wird
von ihnen wiederum, heutzutage unter
der Dominanz des Kapitals, beeinflusst.
Karl Marx hat darauf in seinem Gesetz
des tendenziellen Falls der Profitrate
hingewiesen. Das Streben nach Profit,
die Konkurrenz unter den Kapitalisten
zwingt sie, die Produktivität der Arbeit
zu steigern. Das geschieht durch die
Erhöhung des Einsatzes von Produktionsmitteln im Verhältnis zum Wert der
eingesetzten Arbeit. Die Erhöhung des
Einsatzes von Produktionsmitteln geht
einher mit ihrer Weiterentwicklung bis
hin zur ihrer Revolutionierung. Hier
können wir grob unterteilen:
Die erste industrielle Revolution
gegen Ende des 18. Jahrhundert mit
Erfindung und Einsatz der Dampfmaschine und Wasserkraft, die zweite in
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
mittels Änderung der Arbeitsorganisation mithilfe von elektrischer Energie,
die dritte industrielle Revolution etwa
in der Mitte des 20. Jahrhundert durch
Einsatz von Elektronik und IT zur weiteren Automatisierung der Produktion und die heutige vierte industrielle
Revolution durch Digitalisierung der
Arbeit respektive des gesamten Lebens auf Basis des Internet. Wenn ich
die Begrifflichkeit „Digitalisierung der
Arbeit“ verwende, dann greife ich ihn
aus Gründen der Einfachheit aus dem
bestehenden Diskurs auf. …
Die vierte industrielle Revolution wird durch Begriffe wie Fabrik 4.0,
Enterprise 2.0, Office 2.0 oder Internet
der Dinge, gekennzeichnet. Ebenfalls
gehören dazu Änderungen in der Arbeitsorganisation. Dazu einige dürre
und auf den Punkt gebrachte Erläuterungen:
Fabrik 4.0
In der zukünftigen Fabrik findet auf
der Basis von Cyber-Physical Systems
eine „Verschmelzung der physischen
Produktionswelt mit der virtuellen
Welt der IT und des Internet statt“.
Dieses sind Systeme mit eingebetteter
Software, die über Sensoren und Aktoren verfügen, erfasste Daten auswerten
und speichern, mit Kommunikationseinrichtungen untereinander sowie in
globalen Netzen verbunden sind, weltweit verfügbare Daten und Dienste
nutzen und über Mensch-MaschineSchnittstellen verfügen. Dadurch können und werden sich die bisher zentral
gesteuerten starren Produktionsstrukturen verändern hin zu einer aktiven
und dezentralen Selbstorganisation
mit kommunikationsfähigen Produktionseinheiten, die untereinander vernetzt und sich so auch selber steuern
können.
Ganz anschaulich bedeutet es:
Die Bestellung eines Produkts über
das Internet kann dann eigenständig
in der Fabrik ausgeführt werden, da
bereits mit der Bestellung Merkmale
und Ausstattungskomponenten direkt
in die Produktion übertragen werden.
Alle für dieses Produkt notwendigen
Teilprodukte erhalten bereits zu Beginn die Information darüber, wie sie
bearbeitet und zusammengefügt werden sollen, und übermitteln diese Daten an die ausführenden Maschinen.
Durch Kommunikation der Maschinen untereinander können die unterschiedlichen Schritte der Produktion
bis hin zur Auslieferung automatisiert
abgewickelt werden. Und das alles in
Echtzeit.
Enterprise 2.0
Hierbei handelt es sich um den Einsatz von sozialer Software, wie Facebook, Twitter, Whats App und Co. für
die Kommunikation von Unternehmen
sowohl intern als auch extern, für die
Koordination von Projekten sowie für
das Wissensmanagement, also der Verwaltung des „Goldes in den Köpfen“ der
Beschäftigten, aber auch darüber hinaus,
weil auch zum Beispiel Kunden mit einbezogen werden. Ziel ist es, dass Wissen
von Vielen für die Produktentwicklung
und Produktion zu nutzen.
Office 2.0
Durch den Einsatz von vor Ort verfügbarer Rechenleistung in Form von PC
und Laptops, durch Entwicklung von
Schreibprogrammen und Tabellenkalkulationsprogrammen etc, durch Ablösung von analoger hin zu digitaler Technologie unter Nutzung der Telefonkabel
(VoIP) ist die Basis gelegt worden, dass
in den Bereichen der Verwaltung die
Arbeit via Internet nicht mehr in den
bisher dafür vorgesehenen Büros der
Unternehmen geleistet werden muss.
Zudem lassen sich mit den ursprünglich
für den Freizeit- und Privatgebrauch
entwickelten Smartphones und Tablets
berufliche Tätigkeiten rund um die Uhr
erledigen.
Internet der Dinge
Mit dem Internet der Dinge wird die
Verknüpfung eindeutig identifizierbarer physischer Objekte, also nicht nur
Menschen, mit Computersystemen, inzwischen in der Regel über das Internet,
bezeichnet. Anschaulichstes Beispiel ist
der Kühlschrank, der automatisch Lebensmittel nachbestellt, wenn diese zur
Neige gehen.
Arbeitsorganisation
Mit der Methode der indirekten Steuerung wird eine Arbeitsaufgabe den
Beschäftigten zur selbständigen Erledigung, jedoch ohne eigene Entscheidungskompetenzen hinsichtlich von zum
Beispiel zusätzlichen personellen Ressourcen, überlassen.
Crowdsourcing bedeutet, dass durch
das Unternehmen eine Tätigkeit, die bisher von eigenen Beschäftigten durchgeführt wurde, in einzelne Teil-Pakete aufgeteilt und im Internet zur Erledigung
angeboten wird. Die digitale Arbeit
wird via Datenwolke rund um die Welt
verteilt; dorthin, wo sie am besten und
oft genug am billigsten verrichtet wird
(Cloudworking).…
Folgenabschätzung
Mit diesem durch die 4. Industrielle
Revolution ausgelösten Schub könnten wir, wären wir im Sozialismus, die
Grundlagen der Bedürfnisbefriedigung schaffen. … Die Beschreibung
der gegenwärtigen Entwicklung der
Produktivkräfte im Kapitalismus führt
uns aber zu einer Folgenabschätzung,
wie Marx sie formuliert hat: „Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung
geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch
mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren
sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte
schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine
Epoche sozialer Revolution ein. Mit
der Veränderung der ökonomischen
Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um.“
Wir können konstatieren, dass mit
diesen Entwicklungen eine ständig zunehmende Kapitalkonzentration und
–zentralisation, Profitsteigerungen in
ungeheurem Ausmaß, eine fortwährend
bestehende Massenarbeitslosigkeit und
eine zunehmende Verarmung großer
Bevölkerungsteile einhergehen, und all
dieses im globalen Maßstab. Eine Hemmung oder Fesselung dieser Entwicklung ist tatsächlich nicht erkennbar.
Dafür gibt es Gründe, einige will ich
benennen:
Den Herrschenden gelingt es, die
Zersplitterung der Arbeiterklasse nicht
nur als Produkt der Entwicklung der
Produktivkräfte zu befördern, sondern
diese tief zu spalten, und zwar durch
Aufrechterhaltung von Massenarbeitslosigkeit, durch Atomisierung des Normalarbeitsverhältnis sowie durch ein Hartz
IV genanntes Zwangssystem.
Die Bedingungen für die Kampfkraft der Arbeiterklasse werden zum
einen geprägt durch die Entwicklung
der Produktivkräfte und der Technik
sowie die dadurch erzwungene veränderte Arbeitsorganisation. Aber nicht
nur. Das Kapital und sein Staat geben
Rahmenbedingungen für den gesellschaftlichen Arbeitsprozess vor, in deren Folge es zu Veränderungen in der
Arbeiterklasse bis hin zur Aufspaltung in Stammbelegschaften, Leiharbeiter, Prekarisierte und Erwerbslose kommt. Mithin wirkt auch der
politische Überbau des Kapitalismus
auf die Kampfkraft der Arbeiterklasse ein.
Risiken
Die Entwicklung der Produktivkräfte
könnte genutzt werden, um den Arbeitstag für die Arbeiterklasse kleiner
werden zu lassen, können sie doch in
kürzerer Zeit das Gleiche produzieren. Aber nicht im Kapitalismus. Hier
werden die Produktivkräfte bei gleichbleibender Arbeitszeit zu Steigerungen der Profite genutzt und, wie Marx
es bereits in den Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie dargestellt hat, zur Aushöhlung des Prinzips
der Mehrwertproduktion durch die
zunehmende Ersetzung der lebendigen Arbeit, die neben der Natur die
Hauptquelle des Reichtums ist. Marx
verweist hier sogar auf eine im Kapitalismus beginnende tendenzielle Aufhebung des Systems der Lohnarbeit.
Zwei Wissenschaftler der Universität
Oxford, Michael Osborne und Carl
Benedikt Frey, haben in einer groß angelegten Studie 702 verschiedene Berufe in den USA analysiert. Sie sind
der Frage nachgegangen, inwieweit
die Entwicklung der Produktivkräfte herkömmliche Arbeit verdrängt.
Sie kommen zu dem Ergebnis, dass
in den nächsten 20 Jahren 47 Prozent
der heutigen Arbeitsplätze nicht mehr
existieren werden, weil ihre Aufgaben
automatisiert werden. Roboter und
Computerprogramme werden an ihre
Stelle treten. Sie befürchten, dass die
Entwicklung der Produktivkräfte keine neuen Arbeitsplätze schafft.
Wenn Unternehmen mittels „Crowdsourcing“ Tätigkeiten, die bisher von
eigenen Beschäftigten erbracht wurde,
auf Plattformen im Internet weltweit
ausschreiben und an wechselnde Auftragnehmer vergeben, erzeugt dieses
einen enormen Druck auf bisherige
Arbeitsverhältnisse, die tendenziell
reduziert und durch freie Auftragsverhältnisse ersetzt werden. Ergebnisansprüche werden Zeit-, Entgelt- und
Leistungsanforderungen dominieren.
Bisher angestellte Beschäftigte werden so zur Crowd, zu Auftragnehmern,
die in der Cloud arbeiten. Sie werden
zu sogenannten Solo-Selbstständigen,
die fern aller Tarifverträge und sozialer Absicherungen in Konkurrenz mit
tausenden anderen ihre Arbeit billig
anbieten müssen. Wir werden es hier
mit einer neuen Art der Prekarisierung zu tun haben, der digitalen Prekarisierung. Orts- und zeitungebundene
Arbeit bedeutet Arbeit auf Abruf zu
jeder Zeit und an jedem Ort. Und aller Wahrscheinlichkeit nach gesteuert
von einer Maschine. Das Kapital wird
zusätzliche Profite einfahren, da es mit
diesen Arbeitsformen Sozialabgaben
und Steuern in erheblichem Ausmaße
einsparen wird.
Dank der Entwicklung der Produktivkräfte ist es heute möglich, diese riesige, stetig anwachsende Datenmenge zu sichten und auszuwerten.
Und damit auch das Verhalten derjenigen, die diese Dinge nutzen. Das
gilt erst recht für die vorher erwähnte skizzierte Arbeitswelt. Daten über
Arbeitsergebnisse, über Pensen, über
Zuverlässigkeit des Arbeitenden und
dessen Qualifikationen werden Basis
zukünftiger Prognosen des Arbeitsverhaltens sein. Daten werden damit
zu Disziplinierungsfaktoren, Benchmarks über Arbeitsleistungen entwickeln sich zu Repressionsinstrumenten.
Was tun?
Der Stand der heutigen Entwicklung
der Produktivkräfte setzt die Frage nach gesellschaftlichen Alternativen, aus unserer Sicht nach dem Sozialismus, ganz oben auf die Agenda
der Gewerkschaften. Auf der Agenda
steht damit auch die Frage, wie es uns
gelingen kann, die Diskussion über
Vorstellungen von gesellschaftlicher
Alternative in den Gewerkschaften zu
führen. … Ja, und wir werden auch diejenigen benennen, die aufgrund ihrer
Klasseninteressen Gegner einer solchen Debatte sind: Es ist das Kapital,
es ist die Klasse der Kapitalisten. Dabei kommt es nicht darauf an, ob der
Kapitalist als Boss mit Zylinder, dicker
Zigarre und Luxuskarosse sichtbar ist.
„Kapitalist sein, heißt nicht nur eine
rein persönliche, sondern eine gesellschaftliche Stellung in der Produktion einzunehmen.“ Es geht also nicht
um Personen oder Menschengruppen,
sondern um die Klassenverhältnisse.
Wenn das Kapital heute in Form von
Hedgefonds und Aktienverwaltern
auftritt, dann benennen wir sie auch.
Im Fokus der anstehenden Auseinandersetzungen wird das Normalarbeitsverhältnis stehen. Mit Veränderung der Arbeitsorganisation durch
die Entwicklung der Produktivkräfte
ist es in Gefahr nicht nur weiter atomisiert zu werden – durch Leih- und
befristete Arbeit, durch Teilzeitarbeit
und Niedriglohnbeschäftigung –, sondern ganz von der Bildfläche zu verschwinden.
In diesem Zusammenhang muss
es gelingen, in die jederzeitige und
vollumfängliche Verfügungsgewalt
des Kapitals auf die menschliche Arbeitskraft einzugreifen. Vorschläge der
Gewerkschaften dazu sind ein erster
Ansatz, den es aufzugreifen gilt. …
Letztlich geht es um das von den Gewerkschaften in die Diskussion gebrachte Projekt der Guten Arbeit.
Mit dem derzeitigen Stand und der
absehbaren Entwicklung der Produktivkräfte erhält die Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung bei vollem
Lohn- und Personalausgleich ein ganz
besonderes Gewicht.
Bei allen heutigen und zukünftigen
Entwicklungen der Produktivkräfte
muss eins gelten: Sie dürfen nicht für
Aggression und Repression verwandt
werden, sie dürfen keine weitere Anwendung in Waffen-, Kontroll- und
Überwachungssysteme finden. Es ist
an der Zeit, eine Diskussion zu initieren analog der Diskussionen an
Schulen und Hochschulen, die Forschung, Wissenschaft und Lehre nicht
im Dienst von Armeen wissen wollen.
Es ist und es bleibt unsere Aufgabe, auch und gerade beim vorliegenden Thema der Entwicklung der
Produktivkräfte, die Eigentumsfrage
in den Mittelpunkt und als Lösung in
den anstehenden Auseinandersetzungen einzubringen.
Zu Aspekten des Bewusstseinsstands der Arbeiterklasse
Grundlage bilden einige Ergebnisse
aus der Beschäftigtenbefragung der
IG Metall aus dem Jahr 2013 unter
dem Motto „Arbeit: sicher und fair!
Die Befragung“. Die Angst vor sozialer Unsicherheit findet ihren Ausdruck
darin, dass 75 Prozent der Befragten
als wichtigstes Handlungsfeld den Erhalt und die Stärkung der sozialen Sicherungssysteme sehen, also Rente,
Pflege, Gesundheit und Arbeitslosigkeit. Sie haben wahrgenommen, welche sozialen Folgen die berüchtigten
Arbeitsmarkt- und Sozialreformen
durch die Politik der Agenda 2010 erbracht haben. Nur 4 Prozent schätzen
ein, dass sie von der gesetzlichen Rente gut leben können. 42 Prozent, also
fast die Hälfte der Befragten, befürchten, dass die gesetzliche Rente nicht
ausreichen wird.
Wie stark sich das Schreckgespenst
Arbeitslosigkeit mit all seinen negativen Folgen in den Köpfen verankert,
zeigt die Beantwortung einer weiteren
Frage: 99 Prozent der Befragten finden
einen unbefristeten Arbeitsvertrag für
wichtig bis sehr wichtig, mit 90 Prozent
folgt, dass ein ausreichende und verlässliches Einkommen, ebenfalls in der
Spannbreite, sehr wichtig bis wichtig ist.
Die Spaltung der Belegschaften
in Stamm- und Randbelegschaften,
das Ausgliedern von immer mehr Betriebsteilen zu Einkommen unterhalb
der bisherigen Tarifverträge führt
dazu, dass 39 Prozent der Befragten
sich Sorgen um den Erhalt ihres Arbeitsplatzes machen.
Dass der Jugend mehr und mehr
die Chance auf eine Perspektive nach
einem eigenen Leben durch Mangel
an Ausbildungsplätzen genommen
wird spüren die Eltern am deutlichsten. Dieses findet seinen Ausdruck darin, dass bei 67 Prozent der Befragten
die Schaffung von Bildungschancen
unabhängig von Herkunft oder dem
Geldbeutel der Eltern ein wichtiger
Punkt ist.
unsere zeit
Es lebe das Leben!
Kultur
Freitag, 20. März 2015 Juden in Oswiecim
Lesung mit Lucyna Filip
Ausstellung mit Werken von Ula Richter
A
m vergangenen Sonntag wurde um 13 Uhr die Ausstellung
„viva la vida!“ („Es lebe das
Leben“) mit Bildern der Malerin Ula
Richter in den Räumen des Vereins
Bezent in Dortmund eröffnet.
Die Künstlerin stellt sich vor:
Geboren 1939 in Göttingen, studierte ich Malerei und Grafik an der
Werkkunstschule Hannover und der
Hochschule für Bildende Künste, Berlin. Der Lernerfolg war begrenzt: Die
Professoren Ende der 50er/Anfang
der 60er Jahre waren eher „Selbstverwirklicher“ als Lehrer und dem Abstrakten zugetan, die Schülerin verunsichert und bockig. Zeichnen und
malen lernte ich eher beim Arbeiten
für die Anatomie in Hannover, beim
eigenen Naturstudium, beim Experimentieren mit Malgründen und Farben.
Auch wenn das Leben in einer Familie mit drei Kindern, politisches Engagement und das Arbeiten in anderen Berufen die eigene künstlerische
Arbeit zeitweise erschwerten, blieb sie
doch als Anspruch immer da. Seit 1988
steht sie wieder im Mittelpunkt, neben
dem Engagement in der Friedens- und
Antifabewegung. Beide Themen ziehen sich als Anmerkungen und Reflexionen durch viele meiner Bilder.
Vom etablierten Kunst- und Kulturbetrieb und Markt wurde die ge-
Ula Richter: Schwanenflug
genständliche Malerei lange Zeit totgesagt, erst in den letzten Jahren findet ein Umdenken statt. Allerdings
liebt man diese neu entdeckte Gegenständlichkeit vor allem um ihrer selbst
willen. Engagierte Malerei bleibt nach
wie vor eher in der Nische.
Die Leichtigkeit und Flüchtigkeit
der Wolken, ihre heitere oder bedrohliche Gestalt, im Winde wehende schwarze und rote Fähnchen sind
13
Beobachtungs- und Malgegenstand
ebenso wie die Menschen, mit denen
ich lebe oder die Dinge des täglichen
Lebens, das Brot, die Rosen, der Wein
…
So wie mich der Protest gegen den
Vietnamkrieg in den 60er und 70er
Jahren politisierte, sind es die heutigen Kriege, die die eine Weltmacht
USA und ihre Verbündeten für Öl
und Gas, für das Besetzen der geo-
strategisch wichtigsten Regionen der
Erde entfesseln, die mich auf die Straße, aber auch vor die Staffelei treiben.
Und es sind die deutschen Verhältnisse, ihr Rassismus und Neofaschismus,
die mich politisch und künstlerisch beschäftigen.
Die Schönheit der Welt und ihre
außerordentliche Bedrohung sind das
Spannungsfeld, das mich beim Malen
treibt, es sichtbar zu machen ein immer neuer Versuch.
Ich lebe und arbeite seit 1975 in
Dortmund, bin Mitglied in verdi/
Fachgruppe Bildende Kunst und der
Künstler/innen-Gruppe Tendenzen,
Berlin
Gemeinschaftsausstellungen mit
„Tendenzen“, Berlin. Einzelausstellungen in Dortmund, Essen, Oberhausen, Castrop-Rauxel, Wülfrath,
Winterberg, Bad Fredeburg, Brilon, Schmallenberg, Frankfurt/Main,
Steinbach, Münster, Bochum. Ausstellungsorte waren bisher u. a. Rathäuser,
Kulturhäuser, zentrale Bildungsstätten von Gewerkschaften.
Die Ausstellung von Werken Ula Richters ist voraussichtlich bis zum 25. April in den Räumen des Bezent e. V.,
Münsterstraße 56, Dortmund, während der Veranstaltungen und während des Sonntagsfrühstücks von 11
bis 13 Uhr zu sehen.
Oswiecim, bekannt in der Welt unter
dem Namen Auschwitz, gilt als Symbol
der Vernichtung des jüdischen Volkes.
Aber nur wenige wissen, dass diese
alte Piastenburg einige Jahrhunderte
hindurch auch pulsierendes Zentrum
jüdischen Lebens war und dass die
Juden hier bis 1939 die Mehrheit der
Einwohner bildeten. Sie besaßen ihre
eigene Religion, Sitten und Sprache
und beeinflussten auch das städtische
Leben: mit eigenen politischen Parteien, Sportorganisationen und Theaterzirkeln.
Der Zweite Weltkrieg veränderte alles.
Die Stadt, in der sie geboren und aufgewachsen waren, wurde zum Ort ihrer
Vernichtung.
Lucyna Filip legt eine facettenreiche Darstellung des kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Lebens
der Juden dieser Stadt zwischen den
beiden Weltkriegen vor.
Lucyna Filip studierte Geschichte
und Germanistik, arbeitet als Publizistin und forscht aktuell zum Thema „Juden aus Oswiecim zwischen Holocaust
und Emigration“ an der Universität in
Katowice.
Donnerstag 26. März, 19.00 Uhr
NS-Dokumentationszentrum, Appellhofplatz 23–25, Köln
Ein Begleitprogramm zur Sonderausstellung Todesfabrik Auschwitz:
Topographie und Alltag in einem Konzentrations- und Vernichtungslager
Gebühr: 4,50 Euro
ermäßigt: 2,- Euro
Neues ist zu lesen über Ereignisse von vor 70 Jahren
Eberhard Panitz: „Das Trümmerhaus der Träume. Dresdner Novelle 1945“
Eberhard Panitz‘ Buch weckt mit dem
Titel, der von Schillers „Don Karlos“
angeregt wurde, und ersten Sätzen Erwartungen: Das alliterierende Trümmerhaus und Träume – als T-Stabreim – weist auf zerstörte Hoffnungen
hin, lässt aber Spannung erwarten. Der
Untertitel weist auf den Handlungsort
Dresden hin – ein immer wiederkehrender Ort im Schaffen des am 16. April 1932 in Dresden geborenen Erfolgsautors („Unter den Bäumen regnet es
zweimal“, 1969; „Die unheilige Sophia“,
1974 und überarbeitet 2007; „Absage an Viktoria“, 1975; „Die Moral der
Nixe“, 1978; „Meines Vaters Straßenbahn“, 1979 und 1996; „Leben für Leben“, 1987 u v. a. m.) –, das Jahr 1945
auf die verheerenden Bombenangriffe vom Februar 1945 auf die Stadt und
der Begriff „Novelle“ auf Überraschendes und neue Einsichten. „Novelle“ ist
nicht nur eine Gattungsbezeichnung,
sondern auch Begriff für eine Gesetzesergänzung, einen Kommentar. Man
darf das um 1945 handelnde Buch als
Kommentar zur Gegenwart betrachten,
auch zu Panitz‘ Buch „Dresdner Novelle 1989“ (2009).
Der Leser wird von Anfang an
zielstrebig eingestimmt. Was danach
kommt, enttäuscht zu keiner Zeit.
Eberhard Panitz hat nichts von seinem
Erzählvermögen eingebüßt. Der Erzähl- und Spannungsaufbau ist reizvoll,
der historische Hintergrund vom ersten Satz an eindeutig, die Ereignisse bedrohlich: Die autobiografisch angelegte Novelle beschreibt die Kindheit und
Jugend Jürgen Kreuzigers, ein Alter
Ego des Autors, und beginnt während
der faschistischen Herrschaft. Jürgen
Kreuziger, „noch im gitterumzäunten
Kinderbett“ (5), wird von herabfallenden Putz und Mörtelstücken bedroht,
eine motivliche Vorwegnahme der später stürzenden Häuser in den Bombenangriffen. Zerstörung durchzieht die
Handlung als Motiv, ein anderes Motiv ergibt sich daraus: Zerstörung bedeutet Neuanfang. In der Zerstörung
der Stadt bricht das Gefängnis auf, aus
dem Antifaschisten ausbrechen können
und den Widerstand gegen das angeschlagene, aber noch gefährliche System aufnehmen. Es ist ein Vorgang, den
man ähnlich in den Tagebüchern Viktor
Klemperers lesen kann: Durch die Zer-
störung Dresdens war die vorbereitete
Deportation jüdischer Bürger, zu denen auch die Klemperers gehören sollten, hinfällig geworden, weil die Unterlagen vernichtet worden waren; selbst
den Judenstern konnten sie abtrennen,
weil keinerlei Übersicht mehr bestand.
Es fallen in Panitz‘ Novelle zahlreiche
solcher Ereignisse aus Erinnerungen
und Tagebüchern ein, auch aus eigenen
Erlebnissen, die ich 1945 während der
Angriffe in Dresden hatte. Darin wird
deutlich, dass sich der Autor an realen
Vorgängen orientierte. Die fehlende
Eberhard Panitz: Das Trümmerhaus
der Träume. Dresdner Novelle 1945.
verlag am park, 2015, 210 S., 14,99
Euro
Luftverteidigung Dresdens wird ebenso beschrieben wie die den Angriffen
widerstehende und von ihnen wenig
betroffene Dresdner Rüstungsindustrie. Die erst Tage nach dem Bombenangriff einstürzende Frauenkirche, weil
sie innerlich ausgeglüht war, ist ebenso Thema wie die heute nicht mehr
überschaubaren Flüchtlingsströme,
die durch die Stadt zogen und die Zahl
der Toten bis heute nicht genau nachweisbar macht, trotz aller historischen
Bemühungen.
Jürgen Kreuziger und Horst Kühnel sind befreundet. Sie saßen in der
Schule nebeneinander, sie spielten zu-
sammen, teilten miteinander Freud
und Leid, begeistern sich für KarlMay-Bücher und befreunden sich
mit dem in Dresden legendären Patty
Frank, der das Karl-May-Museum in
Radebeul verwaltete. Schließlich hatten sie als Jugendliche zur gleichen
Zeit die ersten Freundinnen und dienten im Jungvolk. Ihre Freundschaft hat
einen mythischen Zug und erinnert an
die feindlichen Brüder, denn sie stammen aus sozial gegensätzlichen Familien, die nicht gut aufeinander zu sprechen sind, und auch sie sind manchmal
gegensätzlicher Ansicht. Es gibt Zeiten der Sprachlosigkeit zwischen ihnen. Aber beide Familien sind in den
nationalsozialistischen Staat integriert:
Kleinbürgerlich kritisch, aber hoffnungslos, bäuerlicher Herkunft und
den Krieg ablehnend die Kreuzigers,
die Kühnels großbürgerlich, mit präsenten Vorräten an Holz, aus dem Sägewerk stammend, wo der Vater Oberingenieur ist, um es nach der späteren
Flucht der Eigentümer wie eigenen Besitz zu verwalten. Mit diesem Holz als
Tauschobjekt lässt sich die Nachkriegszeit überstehen. Beider Freundschaft
wird, bedingt durch den sozialen Gegensatz, auf Proben gestellt, aber beide
wollen nicht glauben, „was die Stunde geschlagen hat“ (36). Horst vertritt
selbst noch im Zusammenbruch einen
ausgesprochen nationalen Standpunkt;
Jürgen zweifelt daran, sieht aber keine Alternative. In das zerstörte, fast
unzugängliche Haus der Großeltern
rettet sich ein geflohener Häftling, ein
Antifaschist namens Böhmer. Er wird
zum Deus ex Machina des Geschehens.
Jürgen hilft ihm mit Verpflegung und
muss darüber schweigen, auch gegenüber dem Freund. Nach Kriegsende
scheint es, als habe die Freundschaft
keinen Bestand, zumal die Kühnels
den Osten verlassen. Horst aber bleibt.
Böhmer wird für die Dresdner Schulen
verantwortlich und so bekommen die
beiden Freunde die Möglichkeit, auf
eine neu eingerichtete und orientierte
DIE NEUE SCHULE zu gehen. Noch
hören die Angriffe nicht auf, nochmals
wird Horst verdächtigt, sogar verhaftet,
aber als unschuldig wieder entlassen.
Dass es zu dieser Zeit Denunziationen
und Verleumdungen in Hülle und Fülle
gab, wird mitgeteilt.
Requisiten spielen eine große Rolle:
ein Fernglas, das eigentlich das Opernglas der Großeltern ist. Mit ihm kann
man sich in der zerstörerischer werdenden Wirklichkeit orientieren, weil es
wie ein „Wunder“ Fernes in die Nähe
holt. Für Böhmer wird es überlebensnotwendig und verhilft zur Unterscheidung von Freund und Feind. Er gibt es
Jürgen zurück, als „die Zeit des Beobachtens und Versteckens vorbei“ (115)
ist. Die Abenteuerlust, ausgelöst durch
die Karl-May-Lektüre und die Bekanntschaft mit Patty Frank, wurde schließlich befriedigt durch das Zielschießen
auf Soldaten als Pappscheiben. Dass sie
damit in das Getriebe des Verbrechens
gerieten, war ihnen nicht bewusst. Im
Feuersturm der Bombennacht begannen sie es zu ahnen. Aber alles war
undeutlich, Jürgen hatte „keinen Plan
und kein Ziel“ (109). Neben diesen Requisiten spielen literarische eine Rolle,
die eine geistige Orientierung für den
Neuanfang bilden: Gedichte Goethes,
ein Zitat aus Schillers „Don Karlos“
und Gerhart Hauptmanns „Untat von
Dresden“, wobei dieser Text nicht in der
zitierten Vollständigkeit, sondern verkürzt um die Passagen, es seien auch
„in England und Amerika gute Geister
genug vorhanden“, die Dresdens Untergang betrauerten, in den Tageszeitungen
der Nazis abgedruckt wurde. Bei den literarischen Verweisen könnte das Argument auftreten, es handele sich um
Klischees. Aber wer diese Zeit erlebt
hat, weiß, dass es wenig Bedeutungsvolles gab, was für die Allgemeinheit Bestand gehabt hatte. Und so wurden bestimmte Namen wie Banner – Goethe,
Lessing und Schiller, Kleist, Büchner
und Heine – häufig wiederholt. Später
erweiterte sich der literarische Kanon
um „Puschkin-, Majakowski- und Gorkigedichte“ (174). Eberhard Panitz hatte in seinem „Tagebuch der totgesagten
Dichter“ (2013) (vgl. dazu UZ vom 5. 7.
2013) über die Bedeutung dieser Namen
für die geistige Orientierung ausführlich
berichtet.
Die Novelle behandelt keine neuen Themen, man hat sie gehört und
gelesen. Aber Panitz fand ein geeignetes Mittel, um sie als Erlebnisse der
beiden Freunde eindringlich werden
zu lassen: Er hielt sich streng und mit
spröder Sachlichkeit an den Blickwin-
kel Jürgens, aus dem er erzählt; dadurch
kann er auf übergreifende theoretische
oder hochpolitische Sichtweisen verzichten und seine Gestalten in einem
vermeintlich schlichten, aber höchst gefährlichen Alltag verfolgen: Zuerst als
mehr oder weniger engagierte Mitläufer nationalsozialistischer Herrschaft,
dann als verunsicherte Jugendliche der
Nachkriegszeit und schließlich als Beteiligte an einem neu entstehenden gesellschaftlichen System.
Es ist ein beeindruckend sachliches
Buch, ein spannend erzähltes dazu. Unaufdringlich liefert es Erfahrungen aus
einer Zeit, die äußerstes Verderben und
Elend über die Menschen brachte. Es
wäre für manche der heute Demonstrierenden, ob als PEGIDA oder mit
anderen -IDA-Bezeichnungen, eine
nützliche Lektüre: Sie könnten Erfahrungen, die sie entweder nicht hatten
oder verdrängt und vergessen haben,
z. B. wie durch Kriege Flüchtlingsströme entstehen und wie es dabei Deutsche traf, zur Kenntnis nehmen, um ihre
Ansichten zu prüfen und unhaltbare
Vorstellungen zu korrigieren.
Rüdiger Bernhardt
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In der DDR gab es die »Diktatur
des Proletariats« – darüber wurde offen gesprochen, der Staat
bekannte sich stets zu dieser
Macht des Volkes. Doch wer
herrscht in der BRD-Demokratie ?
Jürgen Heidig vergleicht und legt
den Finger auf viele Posten.
ISBN 978-3-95514-018-2 • 14,– €
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14 Freitag, 20. März 2015
unsere zeit
Zum 1. Mai gibt es die UZ
wieder kostenlos*.
Wir trauern um unseren Genossen und langjährigen UZ-Leser
Jochen Peters
aus Suhl.
Da wir nicht garantieren
können, dass die Ausgabe
von Freitag, dem 1.Mai
pünktlich geliefert werden
kann, nehmen wir die UZ
vom 24. 4. zum Verteilen.
Jochen ist am 18. 02. 2015 über 85-jährig gestorben. Sein ganzes
Leben lang war er mit der sozialistischen Arbeiterbewegung
verbunden. Frieden, Gerechtigkeit und Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft waren seine Herzensanliegen.
Wir werden ihn nicht vergessen.
DKP Suhl
Das hat zudem den Vorteil,
dass wir sie auch gut zur
Mobilisierung zum 1.Mai
nutzen können.
Der Mensch ist erst wirklich tot,
wenn niemand mehr an ihn denkt
Bertolt Brecht
Gebt eure Bestellungen bis spätestens 20. April an:
[email protected], Tel.: 0201 177889-23 /24
oder Gustl Ballin 0911 8 019991.
Unser Freund und Genosse,
der Künstler und Kommunist
* Wir bitten, uns nach Möglichkeit lediglich die Versandkosten
zu erstatten (z. B. ein 10 kg-Paket mit 140 Exemplare kostet
8.- €, 30 kg mit 400 UZ 12.- €)
Bodo Treichler
4. 11. 1943 - 12. 3. 2015
lebt nicht mehr
Themenschwerpunkt-Ausgaben zu
den Ostermärschen und zum 8. Mai.
Bodo gehörte jahrzehntelang der kommunistischen Bewegung an,
war Mitglied der SEW und der DKP. Seit einigen Jahren parteilos, blieb
er der DKP stets eng verbunden und mit Herz und Verstand Kommunist. Kurz bevor seine schwere Erkrankung diagnostiziert wurde, half
er im Juni 2014 eine Woche beim Aufbau des UZ-Pressefestes in
Dortmund und stellte in der Kunsthalle seine Skulpturen aus. Viele
werden sich gerne an die anregenden Gespräche mit ihm erinnern.
Unsere Aktions-UZ-Preise:
Als glühender Internationalist leistete Bodo in den 1970er-Jahren der
jungen Revolution in Nicaragua praktische Solidarität. Dort lernte er
seine Frau, unsere chilenische Genossin Graciela kennen und lieben.
Sie lebten mehrere Jahre in Chile bevor sie gemeinsam nach Münster zogen.
Die Trauerzeremonie findet am 27. März 2015 um 13.00 Uhr in der
Trauerhalle des Waldfriedhofs Lauheide in Münster statt.
DKP Münster Marx-Engels-Gesellschaft VVN-BdA Münster
Anstelle von Blumen bitten wir im Sinne von Bodo um
Unterstützung für Kuba:
Kuba-Solidaritätskonto der DKP
|IBAN DE93 3701 0050 0253 5255 02 | Stichwort: Bodo Treichler
*** Urlaub in Köln ***
Helferinnen und Helfer für das Festival der Jugend gesucht.
22. bis 25. Mai 2015, Jugendpark, Kölner Rheinwiesen
Die DKP unterstützt das Festival der SDAJ
u.a. mit dem Café K · bei Auf- und Abbau · bei der Versorgung
Kontakt: [email protected]
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(Elfenbein + Rot auf Schwarz)
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CommPress Verlag GmbH . Hoffnungstraße 18 . 45127 Essen
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Bildungsberatung NRW
Bodo war ein kritischer Querdenker. Seine Ideen und Impulse werden
uns sehr fehlen. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie, insbesondere
seiner Frau Graciela.
Preis
Stückzahl
141 – 170
171 – 200
201 – 250
251 - 300
je weitere 100
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Gebt eure Bestellungen bis spätestens 30. März bzw. 4. Mai an:
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oder Gustl Ballin 0911 8 019991.
In Münster engagierte sich Bodo für die VVN-BdA, unter anderem
gestaltete er 2010 ein Denkmal zur Erinnerung an die ZwangsarbeiterInnen im "Waldpark" in Münster-Hiltrup. Er war Mitinitiator und
Motor der Marx-Engels-Gesellschaft und wirkte in zahlreichen weiteren Initiativen.
Hohe Anerkennung fand Bodo auch als Künstler. In seinem Stadtteil
Kinderhaus leitete er Kurse und führte Schulklassen an die Grundlagen von Kunst und Bildhauerei heran. Bodo war Mitglied in der Freien
Künstlergemeinschaft Schanze. Kulturpolitisch brachte er sich auf
verschiedenen Ebenen ein und vertrat sein Konzept des Materialistischen Realismus.
Stückzahl
Bildungsberatung NRW
Eingeladen sind alle Bildungsverantwortlichen der Bezirke, Kreise
und Gruppen aus Ruhr- und Rheinland-Westfalen und an der
Bildungsarbeit interessierte Mitglieder beider Bezirke zu einem
regionalen Erfahrungsaustausch.
Wie ist der Stand der Realisierung der Beschlüsse zur Bildungsarbeit in den Gruppen und Kreisen?
Welche Hilfestellungen sind nötig für die Restrukturierung der
Bildungsarbeit?
Wie kommen die zentralen Bildungsmaterialien in den Kreisen
und Gruppen an?
Wie läuft die inhaltliche Qualifizierung der Antragsdebatte für
den 21. Parteitag?
Referent und Diskussionspartner:
Dr. Hans-Peter Brenner,
stellvertretender Vorsitzender der DKP
Zeit: Sonntag, 29. 3. 2015, 10.00 Uhr
Ort: Essen, Parteivorstand, Hoffnungstraße 18
Anmeldungen erbeten bis Mittwoch, 25. 3.,
bei der Bundesgeschäftsstelle.
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Unser Freund und Genosse
Robert Steigerwald
wird 90
Robert wurde am 24. März 1925 in Frankfurt/M geboren. Wie in vielen
Arbeiterfamilien jener Zeit widerspiegelte sich die Spaltung der Arbeiterbewegung auch in seiner Familie, die teils sozialdemokratisch, teils
kommunistisch geprägt war.
Ende Mai 1945 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft geflohen,
war er zunächst in der SPD aktiv, wurde hessischer Vorsitzender der
„Falken“ und Vertreter im Bundesvorstand. Robert wurde sowohl Zeuge des Bemühens von Kommunisten und Sozialdemokraten um die
Arbeitereinheit wie auch der massiven Abwehr dieser Bestrebungen
durch die SPD-Führung.
Der Antikommunismus Kurt Schumachers führte letztlich zum Bruch
mit der SPD. Auf Roberts besorgte Frage an Schumacher, wo denn
angesichts der vom Kapitalismus ausgehenden Kriegsgefahr die SPD
stehe, antwortete dieser: „Was soll die Frage? Es wird zum Krieg kommen. Da werden wir auf der Seite der Engländer stehen, die Kommunisten auf der Seite der Russen.“ Das war der auslösende Moment für
Roberts Übertritt in die KPD.
Robert studierte an der Karl-Marx-Hochschule der SED, wo er auch
einige Zeit als Philosophielehrer wirkte. Der Philosophie gehörte fortan
seine besondere Neigung. In Büchern und Zeitschriften, in Vorträgen
und Artikeln, in Parteiprogrammen und Streitgesprächen leistet er bis
heute seinen Beitrag, um die Ideen von Marx, Engels und Lenin auf
alle Wissensbereiche anzuwenden und um sie zur zeitgemäßen Richtschnur in den Klassenkämpfen von heute zu nehmen. Robert hat sich
weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus einen Namen als
marxistischer Philosoph gemacht.
In das Bild eines sich im Elfenbeinturm abschließenden Gelehrten, das
man sich häufig gerade von Philosophen macht, passt Robert allerdings
ganz und gar nicht. Robert war und ist ein Mann der Wissenschaft wie
der praktischen Parteiarbeit. Er war stets bereit, dort zu arbeiten, wo
seine Partei ihn brauchte: in der Sozialdemokratischen Aktion (SDA),
als Agit/Prop-Sekretär in Hessen, als Redakteur der Parteizeitung oder
als Abteilungsleiter für Theorie und Bildung in der Zentrale der illegalen
KPD. Von der Klassenjustiz wurde er dafür verfolgt. Mit insgesamt fünf
Jahren Haft gehört er zu denjenigen Kommunisten, die in der Zeit des
Kalten Krieges am längsten eingekerkert waren.
Nach der Konstituierung der DKP hat Robert in verschiedenen zentralen Funktionen auf dem Gebiet der marxistischen Bildungsarbeit
gewirkt: als Vorsitzender der Marxistischen Arbeiterbildung (MAB), als
Abteilungsleiter für marxistische Theorie und Bildung des Parteivorstands der DKP. Von der Grundsatzerklärung des Essener Parteitags
1969 über die Düsseldorfer Thesen und das Mannheimer Parteiprogramm von 1978 hat er maßgeblich an allen programmatischen Dokumenten der DKP mitgearbeitet. Robert war zwei Jahrzehnte Mitglied
des Parteivorstands und gehörte zeitweilig auch dessen Sekretariat
an. In den Büroräumen des Parteivorstands war Robert allerdings nur
schwer zu halten. Sein Element waren öffentliche Versammlungen
und besonders Streitgespräche mit Vertretern anderer politischer oder
ideologischer Positionen.
Bis heute wirkt Robert als Mitglied der Redaktion und des Herausgeberkreises der Marxistischen Blätter sowie in der Marx-Engels-Stiftung
mit, deren Vorsitzender er mehrere Jahre war, soweit es die inzwischen angeschlagene Gesundheit zulässt. Er ist Ehrenvorsitzender der
Marx-Engels-Stiftung.
Lieber Robert, wir danken Dir für Dein fast sieben Jahrzehnte währendes unermüdliches Wirken in der kommunistischen Bewegung. Wir
wünschen Dir gute Genesung von Deiner Erkrankung und noch ein
paar schöne gemeinsame Jahre mit Deiner Frau, unserer Genossin
Annemarie, die Dir in guten und schweren Zeiten zur Seite gestanden
und keinen geringen Anteil an dem hat, was Du unserer Bewegung
gegeben hast.
Deutsche Kommunistische Partei
Parteivorstand
Bezirksvorstand Hessen
Kreisvorstand Main-Taunus
SDAJ Bundesvorstand
Marx-Engels-Stiftung
Redaktion Marxistische Blätter
CommPress Verlag und Redaktion der UZ
Wir suchen für die telefonische Werbung von UZ-Abonnentinnen / Abonnenten zielstrebige und freundliche
Genossin oder ebensolchen Genossen auf Honorarbasis.
Nachfragen, Infos und Bewerbungen:
[email protected], Telefon 0251 - 2652 9640
Leserbriefe / Termine / Impressum
unsere zeit
Betr.: „Unterm Strich jetzt doch
eher bescheiden“ von Manfred
Jansen,
UZ vom 6.3.2015, S. 2
Ich stimme Achim Bigus' Einschätzung der Metalltarifrunde weitgehend
zu, vor allem dass das Erkämpfte in
Sachen Lohn und das Verteidigte bei
der Altersteilzeit ohne die Beteiligung von über 800 000 MetallerInnen
an den Warnstreiks nicht möglich gewesen wäre. Wie er sehe ich eine reale
Steigerung der Kaufkraft und bei den
Metallgewerkschaftern, mit denen ich
jetzt sprach, grundsätzliche Zufriedenheit und das Gefühl: Es hat sich gelohnt
zu kämpfen. Die Art, wie Manfred Jansen die These vertritt, die Kampfkraft
sei nicht ausgeschöpft worden und
mehr drin gewesen, kommt mir oberlehrerhaft vor und zudem unbewiesen.
Ich musste mich vor Jahren selbst schon
mal belehren lassen, dass gut organisierte Warnstreiks nicht unbedingt den
Willen der Basis zu mehr ausdrücken.
Dazu schrieb ich jüngst erst in der UZ
einiges, wozu hier der Platz fehlt.
Das auch zu den Jahresprämien
in nicht wenigen Großkonzernen, die
schon mal bis zu 10 000 Euro betragen können, bei Daimler aktuell 4 350.
Diese Prämien werden aber nicht eben
mal so nach Gusto ausgeschüttet, um
den KollegInnen die Lust am Streiken
zu nehmen, wie Jansen vermutet. Das
hätte Daimler bei einem 5,5-ProzentAbschluss deutlich billiger haben können. Sie sind auch Erfolg gewerkschaftlicher Interessenvertretung, erhöhen
die Löhne und schmälern die Profite.
Natürlich haben sie wie alle Erfolge im
Kapitalismus einen Doppelcharakter,
sie vermitteln auch Illusionen bezüglich des Charakters des Systems gerade
in Kernbereichen der Arbeiterklasse.
So wie ich das Schönrechnen ablehne,
so halte ich es auch mit dem Schlechtrechnen von Abschlüssen. Auf die von
Jansen genannten 2,72 Prozent kommt
man nur, wenn man die Einmalzahlung
einfach außen vor lässt. Wichtig ist, dass
die 3,4 Prozent tabellenwirksam sind,
dass 2016 ff. darauf aufgebaut werden
kann. Natürlich fand hier keine Umverteilung von oben nach unten statt,
wurde die Exportwalze nicht gebremst
und die Lohnquote nicht erhöht. Wieso
aber gerade mit diesem Abschluss das
Sinken der Lohnquote eine weitere Dynamik gewinnen soll ist nicht nachvollziehbar. Vor die Wahl gestellt, aufgrund
auch kleiner Erfolge KollegInnen zum
weiteren Kämpfen zu motivieren oder
das Gefühl zu vermitteln, alles habe
nichts gebracht, bevorzuge ich jedenfalls die erste Variante.
Volker Metzroth, Bad Kreuznach
Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter
der Länge von einer Spalte bleiben. Die
Redaktion behält sich außerdem vor,
Leserbriefe zu kürzen.
Die Redaktion
Margot Konetzka für lebenslanges
Friedensengagement geehrt
Am Internationalen Frauentag hat der
Bremer Frauenausschuss in diesem Jahr
zum ersten Mal einen Ehrenpreis für lebenslanges Engagement verlie­hen. Den
Preis erhielt unsere 86-jährige Genossin
Margot Konetzka für ihr lebenslanges
Engagement für den Frieden. Der Festakt fand vor zahlreichen Gästen aus der
Frauen-, Friedens- und Gewerkschaftsbewegung im historischen Bremer Rathaus statt. Zuvor war Anette Klasing,
Bildungsreferentin im Lidice-Haus, als
„Frau des Jahres 2015“ ausgezeichnet
worden. Die Auszeichnung wurde zum
15. Mal vergeben. Anette Klasing unterstützt seit vielen Jahren die Friedensbemühungen, die an der Basis zwischen israelischen und palästinensischen Menschen stattfinden.
Die Laudatio für Margot hielt Kollegin Margareta Steinbrücke von der
Arbeitnehmer-Kammer.
Sie führte aus,
dass die Erfahrungen des
Krieges Margot unmittelbar nach dessen Ende zum
Eintritt in die
KPD und deren Jugendorganisation, später in den Demokratischen
Frauenbund
Deutschlands
bewegten und zur Triebkraft für ihr bis
heute unermüdliches Friedensengagement wurden. In Stichworten erinnerte
sie an Margots Aktivitäten bei den Ostermärschen gegen Wiederaufrüstung
und Atomwaffen, bei der Gründung
des Arbeitskreises Christinnen und
Kommunisten, gegen den Vietnamkrieg der USA und den im Zusammenhang damit aus der Taufe gehobenen
Bremer Solidaritätsbasar, der in diesem Jahr zum 50sten Mal stattfindet,
bei der Mahnwache für den Frieden
an jedem Donnerstag auf dem Bremer
Marktplatz, die nach über 30 Jahren zu
einer nicht mehr wegzudenkenden Institution geworden ist. Zugleich wurde
das Engagement der Preisträgerin für
soziale Gerechtigkeit gewürdigt, ihre
viele Jahrzehnte währende unermüdliche Arbeit in der Gewerkschaft, lange
Zeit im DGB-Frauenausschuss, heute
bei den Verdi-Senioren und bei der Organisierung des jährlichen internationalen Tages der älteren Generation am
1. Oktober sowie Margots vielfältiger
Einsatz für die Rechte der Frauen.
Kollegin Steinbrücke endete mit
den Worten: „Dafür danken wir Dir,
liebe Margot. Du bist uns ein Vorbild
über so lange Zeit, gegen alle Rückschläge und das manchmal müde
werden, weil es so langsam voran
geht, unerschütterlich am Einsatz für
die Sache der Frauen und des Friedens festzuhalten, und dies über alle
Konfessions-,Weltanschauungs- und
Parteigrenzen hinweg immer integrativ und gleichzeitig in der Sache entschieden, dabei bescheiden und sich
niemals in den Vordergrund stellend,
ist einfach vorbildlich. Du hast den
Ehrenpreis des Bremer Frauenausschusses für lebenslanges Engagement wirklich verdient.“
Die TeilnehmerInnen des Festakts
stimmten diesen Worten mit langanhaltendem Beifall zu. Ebenso einmütig
war die Zustimmung zu Margots Dankesrede, in der sie dazu aufrief, den gemeinsamen Kampf nicht spalten zu lassen durch das Ausspielen von Frauen
gegen Männer, Jung gegen Alt, Deutsche gegen Ausländer, weiße gegen farbige Menschen. Das helfe nur denen,
die auch heute nicht bereit sind, den
Frauen die gleichen Rechte einzuräumen die ihnen wie den Männern laut
Grundgesetz zustehen. W. G.
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Freitag, 20. März 2015 15
[email protected]
FR H 20. März
Bochum: „Immer noch Stamokap?“ Diskussionsveranstaltung der DKP Bochum mit
Beate Landefeld, Essen, Mitherausgeberin
der Marxistischen Blätter. Kulturzentrum
Bahnhof-Langendreer, Wallbaumweg 108,
19.30 Uhr.
Heinemann-Bürgerhaus, Bremen-Vegesack,
19.30 Uhr.
SA H 21. März
Eschborn: Festveranstaltung zum 90. Geburtstag von Robert Steigerwald. Es sprechen u. a. Prof. Andras Gedö, Prof. Alfred Kosing, Dr. Manfred Lauermann und Dr. Arnold
Schölzel (Chefredakteur jW), Prof. Gretchen
Binus und Willi Gerns (Marxistische Blätter),
Prof. Heinz Karl; der DKP-Parteivorsitzende
Patrik Köbele, eine Vertreterin der SDAJ.
Grußworte u. a. von Willi van Ooyen, Fraktionsvorsitzender der Partei „Die Linke“ im
Hessischen Landtag, und vom Bürgermeister der Stadt Eschborn. Einen literarischmusikalischen Beitrag wird Erich Schaffner
beisteuern. Ratssaal der Stadt Eschborn/Ts.,
Rathausplatz 36, 11.00 Uhr.
DO H 26. März
Heidenheim: Jahreshauptversammlung der
DKP-Heidenheim. Hotel Pöltl, 20.00 Uhr.
München: „Marxistische politische Ökonomie und Stamokap“ , Veranstaltung des
DKP-Betriebsaktivs München. Nähere Infos
unter 089/448 39 16.
SO H 29. März
Bochum: Kranzniederlegung der VVN-BdA
am Denkmal der Kämpfer gegen Reaktion und Faschismus in Bochum-Werne. Die
Gedenkrede hält Katharina Schwabedissen,
Sprecherin der LISA (Linke sozialistische Arbeitsgemeinschaft Frauen) in NRW. Treffpunkt
Marktplatz in Bochum-Werne, 11.00 Uhr.
Bochum: Gedenkveranstaltung zum 95.
Jahrestag des Kapp-Putsches und der
Märzrevolution. Es spricht Günther Gleising.
Nordfriedhof Mahnmal, Eingang Osterfeldstraße, 14.00 Uhr.
SO H 22. März
Hagen: Ehrung der Märzgefallenen im
Kapp-Putsch. Veranstaltung der DKP Hagen. Remberg-Friedhof, 11.00 Uhr.
Barhöft: „Antifaschismus – was heißt das
heute?“ Bildungswochenende der DKP
Mecklemburg-Vorpommern. Infos und Anmeldung: www.dkp-mv.de/bildung, [email protected]
MO H 23. März
Bad Kreuznach: „DKP wohin? Kommunistische Parteikonzeptionen in der Diskussion.“ Mitgliederversammlung der DKP-Gruppe Bad Kreuznach. Wassersümpfchen 23,
20.00 Uhr.
DI H 24. März
Bremen: Diskussion der DKP Bremen-Nord
zum Leitantrag an den 21. Parteitag. Gustav-
MI H 25. März
München: Treff der Ostgruppe der DKP
München. KommTreff, Holzapfelstraße 3,
19.00 Uhr.
SA H 28. März
Elmshorn: Jahreshauptversammlung DKP
Elmshorn. Reinhold-Jürgensen-Zentrum,
Jahnstraße 2a, 10.00 Uhr.
Idar-Oberstein: „Kritik des Bedingungslosen
Grundeinkommens – Arbeitszeitfragen, mehr
als ‚nur’ die 30-Stunden-Woche.“ Wochenendseminar des gewerkschaftspolitischen
Forums der DKP Rheinland-Pfalz. Referenten:
Berthold Schmidt und Volker Metzroth. Infos:
[email protected]
MO H 30. März
Berlin: „Victor Grossman crossing the river – Vom Broadway zur Karl-Marx-Allee.“
Veranstaltung mit Victor Grossman und Wiljo Heinen (Verlag Wiljo Heinen) in Zusammenarbeit mit der DKP-Pankow. Kultur- und
Schankwirtschaft BAIZ, Schönhauser Allee
26 a, Berlin Prenzlauer Berg,19.00 Uhr.
Köppern: Gedenkveranstaltung der DKP
Hochtaunus für die vor siebzig Jahren ermordeten Zwangsarbeiter. Waldfriedhof
Köppern, 17.30 Uhr.
Terminankündigungen
von Gliederungen der DKP gehören auch in
die UZ! Bitte so schnell wie möglich, spätestens am Freitag eine Woche vor dem Erscheinungstermin der entsprechenden Ausgabe der UZ, möglichst auch mit Angabe des
Themas der Veranstaltung an [email protected] oder UZ-Redaktion, Hoffnungstraße 18, 45 127 Essen.
Der Kampffonds der DKP – die erste Spendenadresse für
K0mmunistinnen und Kommunisten!
Kontoinhaber: DKP Parteivorstand
Konto Nr.: 4002 487 502
GLS Bank Bochum
BLZ 430 609 67
IBAN: DE36 4306 0967 4002 4875 02
Stichwort: Spende für die DKP
Impressum
unsere zeit (UZ) – Zeitung der DKP Herausgeber:
Parteivorstand der DKP
Erscheint wöchentlich
Redaktion:
Nina Hager (0201/1778–8914, Chef­­redakteurin, v. i. S. d.P.), Paul Kranefeld,
Manfred Idler, Olaf Matthes,
Lars Mörking, Werner Sarbok
Für Beiträge, die mit vollem Namen
gekennzeichnet sind, übernehmen allein
die Autor/inn/en die Verantwortung.
Für unverlangt eingesandte Manuskripte kann keine Haftung übernommen
werden.
Telefon:0201/225447
Internet:www.unsere-zeit.de
E-Mail:[email protected]
Anschrift der Redaktion
Hoffnungstraße 18, 45127 Essen
Druck
Union Druckerei Berlin GmbH
(ISSN 0943–4216)
Verlag
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Geschäftsführer: August Ballin
Telefon:0201/177889-23/26
Fax:0201/177889-28
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Anzeigenbetreuung
Walter Herbster/Ben Richter
Telefon:0201/177889-23/26
Fax:0201/177889-28
E-Mail:[email protected]
Anzeigenschluss
Jeweils Montag, 12.00 Uhr
(für die kommende Ausgabe).
Bankverbindung
Postbank Köln (BLZ 370 100 50)
Konto-Nr.: 417099507
IBAN: DE34 3701 0050 0417 0995 07
BIC: PBNKDEFF
Spendenkonten des DKP-Parteivorstandes:
Für zentrale Arbeit:
GLS Bank, Bochum, BLZ 430 609 67, Konto-Nr. 400 248 7500
IBAN: DE90 4306 0967 4002 4875 00, BIC: GENODEM1GLS
Für internationale Solidarität:
Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Konto-Nr. 253 525 502
IBAN: DE93 3701 0050 0253 5255 02, BIC: PBNKDEFF
Die letzte Seite
16 Freitag, 20. März 2015
Meine progressive Woche
unsere zeit
Spessart schwimmt jetzt im Schwarzen Meer
Vom 7. bis 13. März
Montag
Die anhaltenden Auseinandersetzungen
zwischen der neuen griechischen Regierung und der EU machen auch deutlich,
in welchem Ausmaß die europäischen
Staaten bereits ihre Souveränität verloren haben, zumindest wenn sie Schulden
haben. Die abgewählte griechische Regierung war eine solche nur noch dem Namen nach. Die Zügel hielt auch nicht die
nationale Bourgeoisie, sondern die Troika in der Hand, die im Lande schaltete
und waltete, wie sie wollte. Am Beispiel
Griechenlands stellt sich die Frage, ob
wir es mit einer Renaissance der kolonialen Kompradoren-Bourgeoisie zu tun
haben – im dritten Jahrtausend und mitten in Europa. Eine Frage auch von marxistisch theoretischem, aber auch völkerrechtlichem Interesse.
Dienstag
Die Frage der Souveränität einer Regierung hat verschiedene Facetten. Selbst die
oft als Weltregierung apostrophierte USAdministration ist bezüglich ihrer Außenpolitik mit neuen Spielregeln konfrontiert.
Auch in Washington galt die Regel pacta sunt servanda – mit anderen Staaten
geschlossene Verträge wurden auch von
Nachfolgeregierungen respektiert. Wie
soll man auch sonst international verlässliche Politik betreiben können?
Nun droht die republikanische Mehrheit im US-Senat den von Obama vorangetriebenen Atomvertrag mit dem Iran
zu torpedieren. 47 republikanische Senatoren schreiben der Führung in Teheran,
dass das Atomabkommen ohne Zustimmung im Kongress jederzeit gekippt werden könne. Es sei dann eine bloße Vereinbarung, die vom nächsten Präsidenten
„mit einem Federstrich“ beseitigt werden
könne.
Die Botschaft ist die gleiche wie im
Falle Griechenland: Es gilt das Recht des
Stärkeren. Nach Innen und nach Außen.
Das Gebaren gleicht immer mehr (Vor-)
Kriegszeiten.
Mittwoch
Ihre Souveränität sehen auch die baltischen Staaten bedroht – von Russland.
Natürlich haben gerade kleine Staaten
das Recht, sorgsam auf Eigenständigkeit,
Einhaltung des Völkerrechts und Sicherheit der eigenen Grenzen zu pochen. Der
2-plus-4-Vertrag hatte den Anspruch, die
europäischen Grenzen auf lange Zeit festzuschreiben.
Seitdem haben wir die Zerschlagung
Jugoslawiens und die Ost-Verschiebung
der NATO erlebt – Letzteres unter konkretem Bruch des Vertrages. Heute schicken die USA 3 000 Soldaten mit schwerem Gerät in die baltischen Länder, die
seit zehn Jahren Mitglieder der NATO
sind. Ob das eine Stärkung der baltischen
Souveränität ist?
Donnerstag
Es gibt aber auch Länder, die werden immer souveräner. Deutschland unter Frau
Merkel zählt dazu. Nun stimmen auch die
Prognosezahlen wieder. Für dieses und
nächstes Jahr rechnen die Wirtschaftsinstitute mit Wachstum von 1,8 Prozent und
mehr. Als Gründe werden der niedrige
Ölpreis oder die Euroschwäche genannt.
Es ist einfacher: Die 1,1 Billionen des
EZB-Programms, landen weitgehend
beim deutschen Kapital. Einmal über den
Ankauf deutscher Staatsanleihen, was den
Export deutscher Waren erleichtert, zweitens über den Ankauf anderer EU-Staatsanleihen, was den anderen Ländern den
Import deutscher Waren erleichtert. Das
nenne ich souverän.
Adi Reiher
Das Abkommen von Varkiza
Griechenland Februar 1944, Teil 5
Am Verhandlungstisch von Varkiza saßen sich Vertreter der Übergangsregierung unter dem Erzbischof von Athen,
der als Regent vom König eingesetzt
war, und Vertreter der EAM (Nationale
Befreiungsfront) gegenüber. Schon das
war strittig gewesen, weil die bürgerliche Seite zunächst nur mit der KKE
verhandeln wollte, um den kommunistischen Charakter der „Aufständischen“
zu unterstreichen. Letztendlich mussten
die von Monarchisten und Reaktionären
durchsetzten Bürgerlichen von der britischen Regierung an den Verhandlungstisch gezwungen werden.
Dass die fortschrittlichen Kräfte in
der „Schlacht um Athen“ nicht nur militärisch an Boden verloren hatten, wurde
von Beginn an deutlich. Verhandlungsgegenstand war nicht mehr die Entwaffnung und Auflösung der bürgerlich-reaktionären Militäreinheiten, sondern
nur noch die Demobilisierung der fortschrittlichen griechischen Befreiungsfront ELAS, die den Hauptwiderstand
gegen die deutsche Besatzung geleistet
hatte – in enger Zusammenarbeit mit
Agenten der im Mittelmeerraum stationierten britischen Streitkräfte.
Ohne offen an den Verhandlungen
beteiligt zu sein, forderten die Briten
die Freilassung aller Gefangenen und
die Entwaffnung der ELAS. Die EAM
war dazu bereit, forderte als Gegenleistung eine Generalamnestie, freie politische Betätigung auch der Kommunisten und ihrer Massenorganisationen sowie eine Beteiligung der EAM an der
Übergangsregierung. Auf dem letzten
Punkt sollte nicht unbedingt bestanden
werden. Mit dieser Direktive hatte die
EAM die Verhandlungsführer im Vorfeld versehen. Im Laufe der zehntägigen
Verhandlungen verließen die Verhandlungsführer diese Linie. Offensichtlich
hatten sie in dieser Zeit keine Möglichkeit, sich mit den leitenden Organen der
EAM zu beraten.
Im Ergebnis wurde bei der Generalamnestie in politisch motivierte und kriminelle Delikte unterschieden, was der
Regierung jede Möglichkeit gab, willkürliche Verhaftungen vorzunehmen.
Eine Regierungsbeteiligung der EAM
wurde nicht vorgesehen. Lediglich die
vollständige Entwaffnung der ELAS
wurde vertraglich besiegelt. Am 12. 2.
1945 wurde der „Vertrag von Varkiza“
(Symfonia tis Varkizas) unterzeichnet.
Als Erfolg konnten die fortschrittlichen
Kräfte allenfalls einige dehnbare Regelungen verzeichnen, zu denen sich die
Regierung verpflichtet hatte. Dazu zählten das Prinzip der Allgemeinen Wehrpflicht, eine Grundrechtsgarantie und
die Säuberung des öffentlichen Dienstes und der Polizei von Kollaborateuren
der deutschen Faschisten.
Die britische Regierung war hochzufrieden, während das Zentralkomitee
der KKE – wie auch die andren Kräfte
innerhalb der EAM – dem bereits unterzeichneten Abkommen erst nach stürmischer Diskussion zustimmte. Innerhalb
der bis zum 28. Februar gesetzten Frist
wurde die ELAS vertragsgemäß demobilisiert. General Stefanos Sarafis, neben
Aris Velouchiotis maßgeblicher Führer
der ELAS, berichtet in seinen Memoiren „In den Bergen von Hellas“, dass
alle Waffen abgeliefert worden seien.
Im einzelnen seien das gewesen: H 100
Geschütze verschiedener Kaliber und
Modelle H 81 schwere Granatwerfer H
138 Leichte Granatwerfer H 419 Maschinengewehre H 1412 Maschinenpistolen
H 713 Selbstladegewehre H 48 973 Gewehre und Pistolen 57 Panzerabwehrgeschütze und 17 Funkgeräte.
In einem letzten Appell forderten
Sarafis und Velouchotis die Soldaten
der ELAS auf, „… die besten Bürger
[zu] sein und mit Eurer friedlichen Arbeit das Werk fortzusetzen für Euch selber und für die völlige Wiederherstellung der bürgerlichen Freiheiten, so dass
unser Land nach dem Willen des Volkes
ein moderner, glücklicher und wirklich
demokratischer Staat wird.“
Diese Hoffnungen erfüllten sich
nicht. „Varkiza“ markierte nur das Ende
der ersten Phase des Griechischen Bürgerkrieges nach dem Zweiten Weltkrieg.
Der Vertrag schuf keinen Frieden.AR
Fortsetzung und Schluss nächste Ausgabe
Foto: bundeswehr
Die Nordwest-Zeitung aus dem Bundeswehrstandort Oldenburg bringt es auf den Punkt: „Flagge zeigen im Schwarzen
Meer: Die Nato übt sich in Kriegsspielen“. Mit dabei im feuchten Vorfeld der Krim: Die Bundeswehr mit dem Marinetanker
„Spessart“ (s. Archivfoto). Es handelt sich bei dem Einsatz offensichtlich um die Umsetzung der Dekrete von Gauck, Merkel, Steinmeier und von der Leyen, mehr „Verantwortung“ zu
übernehmen – auch dann, wenn es nicht gerade vor der eigenen
Küste ist. Am Einsatz an der maritimen Südflanke Russlands
sind neben Deutschland die USA, Bulgarien, Italien, Rumänien
und die Türkei beteiligt. Die „Spessart“ mit Heimathafen Kiel
hat bereits in anderen Gewässern mit russischen Küsten „Verantwortung“ getragen: Mitte letzten Jahres war sie an BAL-
TOPS 2014 in der Ostsee beteiligt. Mit dabei: Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Georgien, Großbritannien, Lettland,
Litauen, Niederlande, Polen, Schweden, Belgien, Norwegen
und die USA. Die Länder, die (noch) nicht zur Nato gehören,
laufen unter der Bezeichnung „Partnership for Peace (PfP)“.
Die kriegsmäßige „Einkreisung“ Russlands ist, so Konteradmiral Brad Williamson, nicht der aktuellen Situation geschuldet,
denn der Einsatz der Nato wurde schon im vergangenen Jahr
geplant. Zuvor lag die „Spessart“ vor Somalia, Rota (Spanien),
Gibraltar, übergab 50 afrikanische Flüchtlinge an die spanische
Coast Guard, fuhr weiter nach Guinea, Nigeria, Südafrika, Madagaskar, Seychellen. Es gibt viel offensiv zu verteidigen …
Uwe Koopmann
Das Wichtigste
Fußballdoping – Eine Zusammenfassung
Die internet-Seite fussballdoping.de dokumentiert vorbildlich, welche Rolle Doping auch im angeblich sauberen Fußball
spielt. In der Selbstdarstellung der Betreiber heißt es:
„Doping im Fußball hat eine lange Tradition. Schon die Helden von Bern haben höchstwahrscheinlich mit Pervitin
gedopt. Sowohl in West- als auch in Ostdeutschland war der Einsatz von Aufputschmitteln jahrzehntelang üblich. Im
Osten ist außerdem der systematische
Einsatz des Anabolikums Oral-Turinabol
nachgewiesen. In der jüngeren Vergangenheit sorgten die Skandale um Juventus Turin und den Madrider Doping-Arzt
Eufemiano Fuentes für Aufregung.
Doping im Fußball sind keine Einzelfälle. Die Anti-Doping-Database listet beim Start dieses Blogs weltweit 177
Fälle auf, wahrscheinlich sind es deutlich
mehr. Allein in Deutschland sind 19 Spieler positiv getestet worden, wobei einige
davon wohl unabsichtlich falsche Medikamente zu sich genommen hatten. Der
ehemalige Dopingdealer Stefan Matschiner glaubt, dass Doping im Fußball genauso verbreitet ist, wie in der Leichtathletik oder im Triathlon. Allerdings glaubt
er heutzutage weniger an Teamdoping,
„Schon die Helden
von Bern …“
eher an einzelne Spieler, die einen Vorteil suchen. Er selbst hat einige Athleten
mit Mitteln versorgt.
Warum nicht mehr Spieler auffallen? Der Turiner Staatsanwalt Raffaele
Guariniello sagt: „Es ist einfacher, einen
geständigen Mafioso zu finden, als einen geständigen Fußballer.“ Außerdem
waren die Dopingkontrollen im Fußball
lange Zeit ein Witz. Mittlerweile sind sie
besser geworen, haben aber noch immer
Lücken. Der Einsatz von Schmerzmitteln
ist im Fußball weit verbreitet. Auch im
Amateurfußball, wo zudem offenbar
nicht selten das Aufputschmittel Ephedrin genutzt wird. Im Profifußball machen
theoretisch all die Substanzen Sinn, die
zum Beispiel auch in der Leichtathletik
eingesetzt werden.
Profifußballer haben häufig keine
Ausbildung – so steigt der Druck, mit
dem Sport Erfolg zu haben. Weil der
Fußball immer schneller und körperlicher wird, könnte der Ausweg Doping
bei manch einem nahe liegen.
Bislang sind in deutscher Sprache
zwei sehr gute Stücke zum Thema Doping im Fußball erschienen: 2007 schrieb
Thomas Kistner über den ,Spritzensport
Fußball‘ im Magazin der Süddeutschen
Zeitung und drei Jahre später produzierte Lorenz Rollhäuser ein knapp einstündiges Radiofeature für die ARD: ,Außer
Kontrolle – Doping im Fußball‘.“
Karikatur: Bernd Bücking
Der rote Kanal
Der Mann mit dem goldenen
Arm, USA 1955
Doch er hatte Glück, er wurde geheilt. Dank eines Systems, das mit seinem Datenbestand weltweit einmalig
ist, dem Nationalen Krebsregister der
DDR.
Di., 24. 3., 20.45–21.15 Uhr, mdr
Frühjahr 45, D 2015
Virgin Tales – unbefleckt
in die Ehe, CH 2013
Frank Sinatra kämpft mit seiner Heroinsucht. Einer der wenigen ehrlichen Filme in Hollywoods McCarthy-Jahrzehnt.
So., 22. 3., 11.30–13.25 Uhr, arte
„Zeitzeugen verschiedenster Länder
Europas berichten von ihren Erlebnissen im Angesicht des Kriegsendes, darunter Prominente wie die Philosophin
Agnes Heller, die Schriftstellerin Leonie Ossowski, der Politiker Wladyslaw
Bartoszewski, der Schauspieler Günter
Lamprecht oder die Fernseh-Legende
Georg Stefan Troller. Sie erzählen, was
sie in diesen Wochen vor 70 Jahren erlebten, was sie empfanden, hofften, fürchteten. Gefühle und Gedanken, die, je nach
Nationalität und persönlichem Schicksal,
unterschiedlicher nicht sein können,“ So
preist die ard ihre Dokumentation an.
Mo., 23. 3., 22.45–0.15 Uhr, ard
Brisante Daten – Das DDR-Krebsregister und die Wismut, D 2015
86 Jahre alt ist Walter Matschinske.
2001 erkrankte er an Lungenkrebs.
In den USA gelobt jedes achte Mädchen unbefleckt in die Ehe einzutreten. Sie suchen Keuschheit als Alternative zur „sündigen“ modernen Kultur. Manche gehen im Bestreben nach
Reinheit von Körper und Geist noch
einen Schritt weiter. Geküsst wird erst
vor dem Traualtar. Dazu gehören auch
die fünf Wilson-Töchter, die nur einen
Mann heiraten wollen, der genauso
ist wie ihr Vater. Der ist Vorkämpfer
der gespenstischen Bewegung, die
schon Kinder in bizarren Ritualen auf
Keuschheit verpflichten will.
Mi., 25. 3., 21.05–22.00 Uhr, 3sat
Louis Armstrong & His All Stars
Friedrichstadtpalast Berlin, DDR 1965
Live. Ein Knaller.
Do., 26. 3., 23.50–1.45 Uhr, mdr