GEHÖRT DER ISLAM ZU DEUTSCHLAND?

kritisch. tolerant. informativ.
DIEtZEITUNG
Überall nur noch das eine Thema:
Islam hier, Islam da; Islam als Gefahr,
Terrorattentate auf der ganzen Welt,
die mit dem Islam in Verbindung gebracht werden. Die Medien beschäftigten sich in den letzten Monaten nur
noch mit dem einen Thema. Tageszeitungen, Zeitschriften, TV-Talkshows
- alle fragen, ob der Islam eine Gefahr
für unsere Gesellschaft ist und dies auf
eine Art und Weise, die in die Köpfe
der Nicht-Muslime automatisch Angstund Schreckensbilder hämmert. Keine
Berichte über die friedliebenden Muslime, die in Deutschland, in Europa
und vor allem in ihren Heimatländern
leben und nicht einmal ansatzweise etwas mit Terrorismus zu tun haben. Die
Medien, die von einem Großteil unserer
Gesellschaft als Wissensquellen herangezogen werden, setzen dann lieber auf
Sensationsjournalismus und berichten
einseitig. Ja, es gibt Terroristen, es gibt
den so genannten „Islamischen Staat“,
der im Namen des Islams mordet und
viele andere Gruppierungen und Einzeltäter, die von sich behaupten, dass
sie für Allah töten. Und ja, es gibt auch
in Deutschland Menschen, die sich zum
Islam bekennen und verfassungswidrig
handeln oder handeln würden. Doch die
einseitige Berichterstattung führt dazu,
2. Ausgabe/2015
Gehört der Islam zu
Deutschland?
dass die integrierten Muslime, die zweifelsfrei die absolute Mehrheit bilden und
gerne in Deutschland leben, durch die
Pauschalisierungen fremdenfeindlichen
Parolen gegenüberstehen. Das teilt die
Gesellschaft in zwei Lager und macht
die Integrationsarbeit der letzten Jahre
zunichte. Diese Ausgabe beschäftigt sich
ausführlich mit diesem Thema, weshalb
im Februar auch eine Talkrunde zum
Thema aufgezeichnet wurde und Menschen mit verschiedenen Standpunkten
und Meinungen zu Wort kamen.
Zafer Cin
Dieses Projekt wird unterstützt durch die AG 1 „Miteinander
leben in Dietzenbach - Begegnung und Engagement“ der Kreisstadt Dietzenbach.
Kunst und Musik:
Rebecca Rezvani, eine
Jungautorin aus Dietzenbach, stellt ihr Buch vor
(Mehr auf Seite 11).
Kontakt:
info@dietzeitung.de
www.dietzeitung.de
www.facebook.com/dietzeitung
Sport:
Özer Arslan plant gemeinsam mit seinem
Freundeskreis eine Fahrradtour nach Istanbul
(Mehr auf Seite 15).
Impressum:
Chefredakteur: Zafer Cin
Redakteur: Seyfi Alp
Kolumnisten: Flamur, Nuray Arslan, Lisa Sundt
Grafikdesign: Stefan Schmidt
Fotoredaktion: Brenda Lien und Bilal Yüce
Videoredaktion: Selcik Foto- und Videoproduktion
Erscheinungsweise: Quartalsweise
Auflage: 1.000 Exemplare
Integration:
Das Thema Flüchtlinge
in Dietzenbach ist ein
sehr großes Thema dieser
Ausgabe, weshalb gleich
drei Artikel sich dem
Thema widmen (Mehr
auf den Seiten 2-4).
DIEtZEITUNG
Aus dem
Krieg in
die bücherei
IN DEN LETZTEN JAHREN STIEGEN DIE ZAHLEN DER FLÜCHTLINGE WELTWEIT RASANT
AN. DIETZENBACH ALLEIN MUSSTE LETZTES
JAHR 84 FLÜCHTLINGE AUFNEHMEN - ES FOLGEN WEITERE.
Wie die Gemeinschaftsunterkunft am Kindäcker
Weg in Windeseile gebaut wurde, bekam ich im
Spätherbst mit. Dass ich irgendwann einmal dort
sitzen und mit Erstem Stadtrat Dietmar Kolmer
über die Flüchtlinge Dietzenbachs sprechen geschweige denn einige der Flüchtlinge persönlich
kennenlernen werde, kam mir nie in den Sinn. Ich
nahm die Einladung von Herrn Kolmer zu einem
Gespräch in der Unterkunft an. Als ich zusammen
mit Seyfi Alp das Gebäude betrat kamen uns bereits einige Flüchtlinge entgegen, die uns zwar mit
einem Lächeln sehr nett begrüßten. Allerdings
sah man auch eine gewisse Angst in den Augen.
„Wer sind die zwei, was wollen die? Sind die beiden Freund oder Feind?“, schoss ihnen wohl durch
den Kopf. Doch wenn wir gewusst hätten, welche
Überraschungen noch auf uns warten, hätten wir
uns besser vorbereitet.
Vorbildliche Flüchtlingsarbeit
Im vergangenen Jahr nahm Dietzenbach 84 Flüchtlinge aus verschiedenen Nationen auf. Die meisten
kommen aus Syrien, Eritrea, Somalia, dem Dreiländereck Iran/Irak/Türkei und Afghanistan/Pakistan. Laut einer Prognose werden es in diesem Jahr
136 und im kommenden Jahr weitere 190 Flüchtlinge sein, die ihre Zuflucht in Dietzenbach finden
werden. Die Verteilung und örtliche Zuweisung
von Flüchtlingen und anderer Personen nach dem
Manfred Hanke, Mitarbeiter der städtischen
Flüchtlingsstelle.
Foto: Seyfi Alp
2
Alles über Integration
Landesaufnahmegesetz erfolgt in Hessen durch das
Regierungspräsidium Darmstadt. Die Aufnahme,
Unterbringung und Betreuung vor Ort regeln die
Gebietskörperschaften in eigener Zuständigkeit.
Demnach entfallen laut eines Sozialindexschlüssels
9,7% der Flüchtlinge, die dem Kreis Offenbach zugerechnet werden, auf Dietzenbach. Im Vergleich
dazu müssen Rodgau (14%) und Dreieich (12%)
wesentlich mehr Flüchtlinge aufnehmen. Man muss
nicht erwähnen, dass für jede Stadt das Thema
Flüchtlinge eine große Herausforderung ist, Einerseits ist es eine logistische Herausforderung, Wohnraum zu schaffen und gleichzeitig dafür zu sorgen,
dass die Flüchtlinge sich wohlfühlen und sich in
einer sicheren Umgebung befinden. Andererseits
ist bei den Zuweisungen darauf zu achten, dass
nicht verfeindete Ethnien oder Nationalitäten aufeinander treffen oder gar in derselben Unterkunft
wohnen müssen. Dietzenbach kann allerdings laut
Kolmer stolz auf seine Flüchtlingspolitik sein: „Die
Verantwortlichen der Nachbarkommunen kommen
nach Dietzenbach und fragen uns, wie wir dieses
und jenes Problem angehen, weil sie sehen, dass wir
vieles anders machen und damit erfolgreich sind“,
erzählt Kolmer stolz. Ein ganz wesentlicher Punkt
sei es, die Flüchtlinge erst einmal untereinander
zu sozialisieren und zu integrieren und dafür zu
sorgen, dass sie wie eine Großfamilie füreinander
da sind. Es bringe nichts, diese anspruchsvolle
Aufgabe Integrationsbeauftragten anzuvertrauen
und mit einer Vielzahl von Integrationsprojekten
eine Art Bringschuld von Menschen einzufordern,
die schon auf ihrer Flucht genug durchmachen
mussten. Diese Art der Hilfe zur Selbsthilfe setzt
die „Flüchtlingshilfe Dietzenbach“ mit ehrenamtlichem Engagement erfolgreich um und wird dabei
von der „Projektstelle Flüchtlinge“ der Kreisstadt
Dietzenbach und von Kolmer selbst professionell
und unbürokratisch unterstützt. Wolfram Doetsch
und Dr. Gerd Wendtland koordinieren die Aktivitäten der Flüchtlingshilfe Dietzenbach und stimmen sie mit den offiziellen Stellen der Stadt und
des Kreises Offenbach ab. Hemmnisse vor diversen
Behörden und Verwaltungen wurden den Flüchtlingen genommen, indem ihnen klargemacht wurde, dass sie auch als Flüchtlinge Rechte haben und
keine Kriminellen sind. Neben dem Deutschkurs,
der täglich stattfindet, gibt es verschiedene Aktivitäten, bei denen bereits viele engagiert teilnehmen.
Beim Lauftreff des SC Steinberg habe man bereits
einen Stadtmeister aus den Reihen der Flüchtlinge
küren dürfen. Die afghanischen Flüchtlinge seien
vor allem begeisterte Schachspieler und würden regelmäßig Kurse besuchen. Daneben seien natürlich
Fußball und Basketball sehr beliebt. Sport - Sprache - Kreativität. So laute die Erfolgsformel der
Stadt. Der letzte Punkt soll durch eine Kooperation
mit Künstlern umgesetzt werden, für die auch eine
Ausstellung geplant ist. Auch Gartenarbeit steht für
das Jahr 2015 an. Die Flüchtlinge wollen ihre noch
etwas trostlos wirkende Außenanlage mit einem
Hochbeet verschönern. Wissbegierig und fleißig
wie sie sind, gab es schon erste Beschwerden über
fehlende Räume, die man zum Lernen nutzen will.
Die Stadtbücherei wäre zwar ein beliebter Ort, um
Vokabeln zu lernen, sei aber freitags und samstags
nur drei Stunden geöffnet und sonntags geschlos-
2. Ausgabe/2015
sen. Das Lernen in der Unterkunft sei aufgrund des
Lärmpegels oft nicht möglich.
Ein K ennenlernen bei Tee und Gebäck
Das Interview ist beendet. Was anschließend geschah, hatte wohl keiner erwartet. Einige afghanische Flüchtlinge hatten keine Berührungsängste
und kamen schnell mit mir und Seyfi Alp ins Gespräch. Als wir einige Worte auf Farsi austauschten, haben wir sogar ihre Herzen erobert. Es war
ein sehr emotionaler Moment, als uns dann noch
einer von ihnen zum Tee trinken eingeladen hat. In
Dietmar Kolmer ist sichtlich zufrieden mit der
Flüchtlingsarbeit in Dietzenbach.
Foto: Seyfi Alp
seinem ein paar Quadratmeter großen Zimmer, das
er sich mit einem anderen Flüchtling teilt, unterhielten wir uns und bekamen zum Tee noch etwas
Süßes gereicht. Es war für Seyfi Alp und mich etwas beschämend, dass wir als Gastgeber der Stadt
selbst wie Gäste herzlich empfangen und sofort von
den Flüchtlingen ins Herz geschlossen wurden.
Diese Aufgabe steht aber uns Dietzenbachern zu.
Wir müssen diese Menschen mit offenen Armen
empfangen und dafür sorgen, dass es ihnen gut
geht, nicht andersherum.
Zafer Cin
DIEtZEITUNG
Alles über Integration
Ana Kucağı: Dietzenbach
Dietzenbach - der Mutterschoß
Türkçe:
Genç gazeteci Zafer Çin beni telefonla arayıp,
„Şugün şu saatte bir yere söz verme. Seni farklı bir
yere götüreceğim“ dediğinde beni nasıl bir ortamın
beklediğini bilmiyordum. 2015’in başından itibaren sığınmacılarla ilgili haberler Almanya’da
hem televizyonlar, hem radyolar ve hem de gazetelerde ön plana çıktı. Zafer Çin ile buluşup evime çok da uzak olmayan bir yerde kısa süre önce
inşaatı biten binaya geldiğimde beni düzen ve
disiplin karşıladı. Dietzenbach’ta misafir edilen
sığınmacıların yurduydu burası. Bu binanın çok
hızlı bir biçimde bitirildiğine şahit olanlardanım.
Zira evimden yürüyerek eski Dietzenbach merkezine giderken inşaat işçilerinin soğuk günlerde
bile canla başla çalıştıklarına şahit olmuştum. Haziran ayında yapılacak seçimlerde belediye başkan
adayı olacağını öğrendiğim, şehrin tanınmış
simalarından Dietmar Kolmer bize Dietzenbach’a
yerleştirilen sığınmacılarla ilgili detaylı bilgi verdi. Görüşmemizin sonunda birlikte fotoğraf çekmek için tanıştığımız sığınmacılarla kaynaştık.
Mesleğimizle ilgili çalışmamız bitip tam yurttan ayrılacağımız sırada Afganistan kökenli
sığınmacılardan biri bizi odasına davet etti. Kısa
süre önce gelmesine rağmen zorlansa da Almanca
konuşarak anlaştık. Konuşmamızın hemen başında
bize çikolota ikram etmesi dikkat çekiciydi.
Bununla da yetinmeyip gönlünün ateşinde ısıttığı
suyla bize çay yaptı.
1992 senesinde geldiğim ve o günden buyana
yaşadığım Dietzenbach’ta özellikle son 10 yıldaki
olumlu gelişmeleri görüyorum. Şirin kasabamdaki
her olumlu gelişme beni buraya biraz daha bağlıyor.
Dietzenbach Belediyesi, sığınmacılara yardım
kuruluşları ve gönüllülerden oluşan ekibin bu son
çalışmasıyla gurur duydum. Savaş bölgelerinden
kaçıp Almanya’ya sığınan insanlar için Dietzenbach ana kucağı gibi insanları sarmalamıştı.Şimdi
18 yaşında olan oğlumun ilkokula başladığı Sterntalerschule yakınındaki sığınmacıların kaldığı
yurdun önünden her geçişimde emeği geçenlere
teşekkür ediyorum. „İşte benim Dietzenbachım
bu“ diyorum. Gürültü patırtı yapmadan, el ele
verip yardıma koşanların huzurunda saygıyla
eğiliyorum. Savaş, ölüm ve işkencenin yaşandığı
bölgelerde aylarca, belki senelerce acı çeken yüzler şimdi Dietzenbach’ta gülüyor. Dietzenbach’ın
kollarını açıp kucakladığı insanların yüreklerindeki umudu da son ziyaretimde gördüm.
Seyfi Alp
Deutsch:
Ich konnte nicht erahnen, was mich erwarten
wird, als mich der junge Journalist Zafer Cin anrief und sagte, dass ich mir nichts vornehmen
sollte, weil er mich an einen besonderen Ort bringen möchte. Seit Anfang 2015 waren Flüchtlinge
in allen Medien ein wichtiges Thema. Nachdem
2. Ausgabe/2015
ich mit Zafer Cin in dem Gebäude ankam, dessen
Fertigstellung nicht lange her war, traf ich auf eine
unerwartete Disziplin und Sauberkeit. Es war die
neue Gemeinschaftsunterkunft für die Flüchtlinge
in Dietzenbach. Ich bekam mit, dass dieses Gebäude recht flott gebaut wurde. Wenn ich von zu Hause
aus Richtung Altstadt lief, konnte ich beobachten
wie die Bauarbeiter im kalten Winter mit großer
Einsatzbereitschaft an der Fertigstellung des Heims
arbeiteten. Dietmar Kolmer, der für die Bürgermeisterwahl im Juni kandidieren wird gab uns im Gespräch Details zu den Flüchtlingen Dietzenbachs.
Einige von ihnen konnten wir sogar anschließend
persönlich kennenlernen und ein gemeinsames
Foto schießen. Als unsere Arbeit im Heim erledigt war und wir auf dem Weg nach Hause waren,
wurden wir von einem afghanischen Flüchtling auf
sein Zimmer eingeladen. Auch wenn erst seit kurzer Zeit in Deutschland war, konnten wir uns auf
Deutsch unterhalten. Es war bemerkenswert, dass
er uns direkt etwas Süßes angeboten und einen Tee
gekocht hat.
Ich kam 1992 nach Dietzenbach und sehe vor
allem in den letzten zehn Jahren enorme Fortschritte. Jeder Fortschritt meiner schönen Kleinstadt bindet mich ein wenig mehr an sie. Ich bin stolz auf
die Stadt Dietzenbach, die Flüchtlingshilfe und die
ehrenamtlichen Helfer. Dietzenbach ist aktuell so
etwas wie der Mutterschoß für die Menschen, die
vor dem Krieg fliehen mussten. Jedes Mal, wenn
ich am Heim vorbeilaufe, danke ich den Helfern
und Unterstützern und sage stolz: „Das ist mein
Dietzenbach“ und verneige mich vor ihnen. Menschen, die in Gebieten mit Krieg, Tod und Folter
leiden mussten, dürfen nun in Dietzenbach wieder
lachen. Bei meinem letzten Besuch durfte ich die
Hoffnung in den Herzen dieser Menschen spüren.
Ins Deutsche übersetzt von Zafer Cin
Einige der Flüchtlinge waren sofort bereit für ein gemeinsames Foto mit Seyfi Alp (links).
Foto: Zafer Cin
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DIEtZEITUNG
Alles über Integration
Die Odyssee nach
Deutschland
Flüchtlinge sind gerade ein großes Thema in
Deutschland, so auch in Dietzenbach. Daher beschloss ich, mit einem Flüchtling in Dietzenbach
ein Gespräch zu führen. Für einen Samstagmittag verabredete ich mich mit einem afghanischen
Flüchtling namens Hassan (Name von der Red.
geändert), der in der Gemeinschaftsunterkunft
am Kindäcker Weg wohnt. Hassan begrüßt mich
freundlich und bittet mich in einen gemeinschaftlich genutzten Aufenthaltsraum. Osman, ein
Flüchtling aus Pakistan, gesellt sich ebenfalls zu
uns. Auf der einen Seite des Zimmers steht eine Tafel mit deutschen Vokabeln. Auf den Tischen liegen
Karten mit Bildern, auf der Rückseite befinden sich
die entsprechenden Begriffe dafür. Da ich Hassans
Landsmann bin und seine Sprache spreche, vertraut
er mir. Wäre ich kein Afghane, würde er dieses Gespräch nicht führen, erzählt er mir. Generell spüre
ich eine gewisse Angst bei den Flüchtlingen, denen
ich in der Unterkunft begegne.
Ob er sich wohlfühlt, frage ich Hassan als erstes.
Er antwortet mir, dass es einem kleinen Wunder
gleicht, den Taliban entflohen zu sein und nun
in Deutschland zu leben. Er werde nicht belästigt und nehme die Deutschen als ein fröhliches,
nettes Volk wahr. Dabei sollte Hassan eigentlich
nicht in Deutschland bleiben dürfen. Die Behörden
wollten ihn nach Österreich schicken. Doch da er
einen leiblichen Bruder in Offenbach hat, durfte
er doch hier bleiben. Er erzählt mir weiterhin, dass
er sieben Länder durchqueren musste, um endlich
in Deutschland anzukommen. Zunächst führte
ihn seine Reise an das Afghanistan angrenzende
Pakistan. Danach wurde im Iran Halt gemacht.
Schließlich ging es über die Türkei, Bulgarien
Serbien, Ungarn und Österreich nach Gießen, wo
alle Flüchtlinge zunächst aufgenommen und dann
in verschiedene Städte und Kommunen Hessens
verteilt werden. Dort lernte er auch etwas Englisch,
erzählt er mir. Doch was wir nicht wissen und uns
nur sehr schwer vorstellen können und worüber er
nicht reden möchte, sind die Reisestrapazen und der
lange Leidensweg, die bei ihm Spuren hinterlassen
haben. Er leidet seit einem halben Jahr an Depressi-
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onen und nimmt starke Medikamente.
Auf die Frage, ob er seine Heimat
und vor allem seine Familie vermisst,
wird es emotional. Hassan hat in Jalalabad (Afghanistan) zwei Schwestern und zwei jüngere
Brüder. Sein Vater habe
ihm geraten, das krisengeschüttelte Land zu verlassen, um sich eine bessere
Zukunft zu verschaffen.
Für eine vermeintlich
bessere Zukunft und ein
besseres Leben die Familie verlassen - ist das
sinnvoll? Nun ist Hassan
hier. Er hat es als einer
von wenigen geschafft und
hat die Flucht erfolgreich
überstanden.
Insgesamt
leben 60 Menschen aus
verschiedenen
Ländern
hier. Neben Afghanen, Pakistanern oder Irakern leben auch Menschen aus
Somalia, Eritrea oder dem Iran hier. Sie kennen
sich alle mittlerweile seit drei Monaten. Das Zusammenleben klappt prima. Etwas Deutsch können
die Flüchtlinge schon sprechen. Es reicht jedenfalls,
um im Supermarkt das Nötigste zu kaufen oder mal
nach dem Weg zu fragen. In seiner Freizeit geht
Hassan oft seinen Bruder in Offenbach besuchen.
Von dort aus kann er seine Familie in der Heimat
anrufen. Sollte es mal in Afghanistan ruhiger zugehen, würde er natürlich sehr gerne zurück. Doch in
dieser schwierigen Lage ist es für ihn unmöglich,
daran überhaupt einen Gedanken zu verschwenden. Zum Schluss des rund einstündigen Gesprächs
hinterlasse ich ihm meine Handynummer, damit er
mich im Notfall oder bei etlichem Papierkram kontaktieren kann.
Siraj Sheirzei
Flucht - eine
Erinnerung
„Vollständig ausgebombt“, so etwa wurde es meinen in Berlin wohnenden Eltern 1944 amtlich bescheinigt. Wir flüchteten in die Heimat meiner Eltern, nach Hinterpommern.
Mein Vater war „im Krieg“. 1945, vor Kriegsende, flüchtete die Großfamilie - meine Großmutter,
ihre schwerkranke Schwester, meine Tante mit vier
Kindern unter 10 Jahren, meine schwangere Mutter
und ich - 2 Jahre alt - im „letzten Zug“ aus ihrem
Heimatort in Hinterpommern gen Westen. Alles
blieb zurück, Wertsachen wurden im Garten vergraben, auf dass man sie später wieder fände. Wie
alle anderen Flüchtlinge hatten wir ein Ziel: Verwandte. Die Unsrigen in Thüringen erreichten wir
nach mehrtägiger Zugfahrt. Die siebenköpfige Familie meines Onkels rückte zusammen und bot den
neun Neuankömmlingen Platz. Es war eng. Meine
Mutter und ich zogen weiter zur Tante meines Va-
2. Ausgabe/2015
ters, die uns eine Unterkunft beschafft hatte. Meine Schwester wurde geboren, mein Vater spannte
eine Leine durchs Zimmer und zog Kerzen. Meine
Mutter suchte Beeren und Brennnesseln, die Versorgung war erbärmlich. Irgendwann machte sich
mein Vater auf, weiter gen Westen. „Bitte schicke
mir zwei Pfund Mehl, meine Mutter hat sie mir geborgt und ich will es ihr zurückschicken“ - lese ich
in einem Brief meiner Mutter an ihn aus dieser Zeit.
Anfang 1949 dann die Nachricht: „Ihr müsst jetzt
nachkommen“, schrieb mein Vater. Und es folgte
unsere dritte, aber meine erste bewusst erlebte
Flucht, diesmal aus der Sowjetisch besetzten Zone,
über die damals sogenannte „grüne Grenze“. Der
Zug kommt des Abends an einem einsamen Ort an,
ich sehe nur ein dunkles Haus vor mir, mit leeren
Fensterhöhlen, dahinter Wald. Eine kleine Gruppe
von Menschen sammelt sich. „Das dort ist der Führer“, sagt meine Mutter, „du musst immer hinter
ihm hergehen.“ Der Führer - ich erinnere mich
genau an diese Bezeichnung für den bezahlten
Schlepper - ergänzt: „Wenn die Kinder schreien,
bin ich weg. Sie müssen sich kümmern.“ Meine
Mutter trägt die kleine Schwester, wir gehen hintereinander durch den dunklen Wald. Versuchen
jedes Knacken der Äste zu vermeiden. Ich habe
Angst. Meine Schwester fällt in Brennnesseln,
meine Mutter hält ihr den Mund zu. Weiter!! Kurz
vor Morgengrauen gelangen wir an ein Feld. Im
Hintergrund ein Feuerschein. Der Führer erläutert:
„Sie müssen rüberrennen, hintereinander, schnell,
beim Feuer sitzen russische Soldaten.“ Und dann ist
er fort. Ich erinnere nur mich selbst, wie ich renne
und renne, ganz alleine, und ankomme auf einer
grauen Straße. Dann ist der Film aus. Wieder Unterschlupf bei Verwandten, danach als anerkannte
Flüchtlinge in Hannover aufgenommen, mit dem
wiedergefundenen Vater in einem Zimmer und
schließlich nach fünf Jahren Flucht und Ungewissheit gelandet in der vermuteten neuen Hauptstadt
Frankfurt am Main, wo sich das Berliner Unternehmen meines Vaters niedergelassen hatte, sodass er
seinen Arbeitsplatz wiederfand. Meine Mutter hat
sich im Grunde nie in die „neue Umgebung“ eingefunden. Die Sprache, und es war doch „nur“ ein
Dialekt, blieb ihr fremd. Grüne Soße gab es bei uns
einmal, und zwar gekocht in Mehlschwitze. „Wie
kann man so etwas essen?“ fragte sich meine Mutter. Als Jugendliche und noch lange als Erwachsene konnte ich die Heimatsehnsucht meiner Mutter nicht verstehen. Die Pommernkarte zu Hause
war mir fremd. Fragen stellte ich keine. „Ich mag
Frankfurt“ - hielt ich gegen diese Nostalgie. „Hier
bin ich zur Schule gegangen, hier arbeite ich, habe
hier alle meine Freunde. Mit Hinterpommern habe
ich nichts zu tun.“ Meine Mutter hingegen wiederholte häufig: „Auf der ganzen Welt, überall, immer
und immer wieder, Flüchtlinge mit ihren Karren
und Taschen…“ Erst sehr viel später habe ich die
dahinter stehende subjektive Tragik verstanden,
und die Trauer - zu spät, um noch Fragen zu stellen.
Aber rechtzeitig genug, mir den Schmerz und auch
die Hoffnung der Menschen vorzustellen, die heute
über Ländergrenzen und Kontinente hinweg versuchen, ihr Leben zu retten und sich in einer fremden
Umgebung zurechtzufinden.
Irlis Gussmann
DIEtZEITUNG
Gesellschaftskritik
2. Ausgabe/2015
Lahore - Eine Stadt mit Menschen
Die pakistanische Metropole bebt. Schneider,
Restaurants, Supermärkte, Optiker und alles, was
man hier sonst nicht erwarten würde. Frauen mit
Kopftüchern, ohne Kopftücher. Männer mit Bart,
ohne Bart. Sie lachen, sie essen, sie telefonieren, sie
reden. Unzählige Motorräder düsen auf der Straße.
Oft sieht man eine ganze Familie auf einem Motorrad, ein Balanceakt. Es wird permanent gehupt,
sogar beim Parken, damit im Chaos bloß niemand
ungewarnt bleibt. Die Metropolitan Police patrouilliert und ist in der Menge immer präsent. Wir werden gebeten, mit dem PKW nicht direkt vor den
Geschäften anzuhalten, um den Verkehr nicht zu
blockieren. Nandos, McDonalds, Pizza Hut, Burger King, Dunkin Donuts. Die Terroristen und ihre
kranke Gesellschaft scheinen also doch weltliche
Vorlieben zu haben! Wir laufen in ein Kaffeehaus
hinein und setzen uns. Ich schaue mich um, es läuft
Musik. Der junge Herr,
vielleicht 17 Jahre alt, hat
ein herzliches Lächeln,
strahlt
Freundlichkeit
und Entgegenkommen
aus; in Deutschland vom
Aussterben
bedroht.
Die Menükarte sieht
professionell aus, keine Sprachfehler. Es gibt
verschiedene Sorten Kuchen und 20 Kaffeesorten. Ich bestelle ein Red
Velvet Cake mit einem
Standard Latte macchiato. In meinem Kaffee
ist ein sehr gelungenes
Herzmuster abgebildet.
Lecker. Ich bezahle mit
der Karte und mache
mich auf den Weg. Draußen erzählt mir meine Begleitung, dass der Autoschlüssel einem Vertrauensherrn gegeben wurde, damit dieser das Auto ordentlich umparkt. Im Gegenzug habe meine Begleitung
eine Karte aus Papier von ihm erhalten. Nein, der
Vertrauensherr sei von keiner großen Firma, sondern eine Privatperson und doch wurde sein Auto
noch nie geklaut. Wir fahren an die Stadtboulevard
Liberty und steigen in einer Menschenmenge aus,
um zu spazieren. Als Ausländer aus dem zivilisierten Westen schaue ich ständig über meine Schulter
und versuche den verrückten Terroristen rechtzeitig
zu identifizieren, bevor er es tut. Na, wo ist er bloß?
Und warum laufen hier Frauen ohne Kopftücher lachend durch die Gegend? Ich schmunzele und überlege, wie es wohl einem Deutschen hier ergehen
müsste, wenn ich schon mit meinen pakistanischen
Wurzeln das Gefühl habe, mich in Acht nehmen zu
müssen. Deshalb sieht man wohl keinen einzigen
Deutschen hier. Aber was machen dann die vielen
Chinesen hier? Mir wird gesagt, dass sie eifrig an
Bauprojekten zur Verbesserung der Infrastruktur
arbeiten und viel Potenzial in Pakistan sehen. Auch
höre ich, dass morgen, am 25. Dezember 2014 die
meisten Geschäfte geschlossen sein werden, weil
Weihnachten in Pakistan ein nationaler Feiertag ist.
Es überkommt mich ein kleiner Wutanfall. Das verzerrte Weltbild, das uns die ganze Zeit vorgegaukelt
wird. So als wären die Menschen in dieser Gesellschaft Fanatiker, kranke Frauenhasser, Hassprediger und programmiert auf Selbstmordattentate. Ich
vergleiche meine Erfahrung in Pakistan mit meiner
ersten und bisher letzten Reise in die Vereinigten
Staaten via Canada. „What are you doing?! Can‘t
you read the sign?!“, schrie der bewaffnete Soldat
mich an, weil ich direkt zur Schranke gefahren
war, um meinen Pass vorzuzeigen. Ich entschuldigte mich und wollte zurückfahren, bevor er noch
lauter schrie und mich aufforderte, stehenzubleiben. Ich war irritiert, unsicher und fühlte mich beleidigt. Wo habe ich mehr Angst? In Amerika, wo
man plötzlich in Guantanamo Bay landen oder von
einem rassistischen Polizisten erschossen werden
kann oder in Pakistan, wo alle mit wenig auskommen und die Restaurants am Abend ihr Essen eher
an Bedürftige verteilen als wegschmeißen? Es gibt
keine perfekte Kultur für alle. Das gesunde und
weltoffene Weltbild wird von unseren Medien zielführend demoliert. Hass, Ausländerfeindlichkeit
und Arroganz werden zunehmen, wenn wir aus
Furcht weniger reisen und uns weniger mit anderen
Kulturen auseinandersetzen. Es ist dann nur eine
Frage der Zeit bis andere Nationen uns in einer neuen Welt überholen.
Naweed Khan
Die Bartisierung des Abendlandes (Satire)
Gewinnspiel: Ist dieser Mann ein Salafist oder
Der Bart ist momentan stark im Trend. Egal ob
bloß ein ultramoderner junger Mann? Zu gewinVollbart, Dreitagebart oder ein nicht zurechtgenen gibt es drei neue Rasierklingen von Wilkinson. machtes Gestrüpp: überall sieht man immer mehr
Männer mit immer mehr Haaren im Gesicht. Doch
woran mag das liegen? Hat die Pegida-Bewegung
womöglich doch recht? Haben die barttragenden
Muslime in Deutschland unsere Männerwelt unterwandert und geht deshalb das Abendland bald unter? Was früher voll in Mode war und danach eher
als ungepflegt galt, ist in der heutigen Zeit wieder
total „in“. Der Männerbart feiert sein Comeback
auf der großen Mode-Bühne! Ist die Ursache tatsächlich die Islamisierung des Abendlandes oder
liegt es vielmehr daran, dass die Rasierklingen von
Gillette, Wilkinson (Schleichwerbung), und wie
sie alle heißen mit 15 Euro für drei, vier Klingen
viel zu teuer sind? Oder spart man dadurch morgens mehr Zeit im Badezimmer und kann sich
mehr Schlaf gönnen? Vielleicht kommt der kratzige
Trend ja auch da her, wo alles Neue herkommt: aus
Hollywood! Viele US-Stars wie George Clooney,
Brad Pitt, Leonardo DiCaprio oder Robert Pattinson tragen den Bart in jeder vorstellbaren Form und
Masse. Oh Gott, Hollywood ist auch islamisiert!
Mittlerweile scheint auch die Frauenwelt sich
mit dem haarigen Look der Männer abgefunden
zu haben. Glattrasierte Haut ist längst Schnee von
gestern. Vielmehr hat sich der Bart beim Mann zu
einer Art Statussymbol entwickelt. Was sind jedoch
die Vorteile eines Bartträgers, abgesehen von der
Tatsache, dass er einen männlicher aussehen lässt?
Mir fallen da direkt Unreinheiten wie Pickel oder
Mitesser im Gesicht ein. Diese lassen sich zumindest im Hals- und Kinnbereich mit dem dichten
Haar leicht verdecken. Auch wenn manche Leute
Angst empfinden, wenn sie Männer mit der wuchernden Gesichtspracht sehen. Doch selbst dem
kann man etwas Positives abgewinnen. In der Bahn
zum Beispiel habe ich als Bartträger oft eine ganze Sitzreihe für mich allein, da ich wohl so einigen
das Gefühl vermittele, als wäre ich frisch von einer
Talibansitzung gekommen. Naja, so kann ich wenigstens in Ruhe mein Buch lesen oder einfach nur
meiner Musik lauschen.
Siraj Sheirzei
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DIEtZEITUNG
Gesellschaftskritik
2. Ausgabe/2015
Gehört der Islam zu Dietzenbach?
„Einem Artikel der Offenbach-Post können wir
entnehmen, dass in Dietzenbach ca. 12.000 Menschen muslimischen Glaubens leben. Das ist knapp
ein Drittel der Stadtbevölkerung. Gehört also
der Islam zu Dietzenbach? In einer neuen Studie
der Bertelsmann-Stiftung heißt es: „Muslime in
Deutschland sind mit Staat und Gesellschaft eng
verbunden“ – Können Sie eine solche Einschätzung
nach Ihren Erfahrungen in Dietzenbach teilen?“
Dr. Gerd Wendtland
Entstehungsgeschichte
Da die Islamdebatte in Deutschland ein nie enden
wollendes Thema ist und in den letzten Monaten
Islamismus, Terrorismus, Salafismus, ISIS, Pegida und die ganzen anderen negativ konnotierten
Schlagworte in den Medien präsent waren, ergab
sich nach einigen Gesprächen im Bekanntenkreis
die Idee zu einer Talkrunde mit Gästen, die unterschiedliche Standpunkte vertreten.
Doch ausschlaggebend war eine Mail von Guido
Kaupat, der den Vorschlag einbrachte, einen Artikel zu den aktuellen Geschehnissen zu verfassen.
Gleichzeitig schlug auch Naweed Khan vor, etwas
für diese Ausgabe beizutragen. Da ich wusste, dass
beide Persönlichkeiten unterschiedlicher nicht sein
könnten, kam mir die Idee, beide in einem Interview zu Wort kommen zu lassen.
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„Die Frage muss eigentlich lauten, welche Art von
Islam zu einem Teil Deutschlands werden kann.
Die Frage, die sich scheinbar keiner stellen will ist
doch aber: Wann hört ein friedliebender Islam auf
und wo fängt Islamismus an? Islamismus ist nicht
erst, wenn Gewalt angedroht oder tatsächlich angewendet wird. Islamismus ist es schon, wenn ein
junges Mädchen nicht am Sportunterricht teilnehmen darf oder keinen Freund haben darf.“ Guido Kaupat
„Die unterschiedliche Darstellung, ob der Islam
zu Deutschland gehören könne oder nicht, spiegelt
die jeweils selektive Wahrnehmung der inneren
Widersprüche im Islam in Text und Vorbild. Diese inneren Widersprüche müssen innerislamisch
geklärt werden. Nur die mit der freiheitlich demokratischen Grundordnung vereinbaren Haltungen
können zu Deutschland/Dietzenbach gehören.“
Sigrid Herrmann-Marschall
Der hessische Landtagsabgeordnete, Ismail
Tipi (CDU), war als
Begleitung von Guido
Kaupat vor Ort und hatte nach der Talkrunde
ebenfalls die Möglichkeit, sein Statement zum
Thema abzugeben. Seine
Meinung war eindeutig:
„Der Islam gehört nicht
zu Deutschland!“
Kontrovers aber sachlich...
...war die Talkrunde, die von Dr. Gerd Wendtland
auf eine sehr professionelle Art und Weise moderiert wurde. Dabei war die Runde bunt gemischt
und konnte, was die Meinungen und Statements der
einzelnen Gäste angeht, unterschiedlicher nicht
sein.
Während der Diskussion bildeten sich schnell
zwei Lager: Auf der einen Seite Guido Kaupat
und Sigrid Herrmann-Marschall, die eine genaue
Definition von Islam bzw. Islamismus verlangen
bzw. fragen, welcher Islam zu Deutschland gehören soll. Ihrer Meinung nach kann nur der Islam
zu Deutschland gehören, der mit der freiheitlich
demokratischen Grundordnung vereinbar ist. Tuba
Hamoglu und Naweed Khan dagegen betonen, dass
die Mehrheit der Muslime in Deutschland integriert ist und sich demnach auch an diese Grundordnung hält. Die friedliebenden Muslime würden
allerdings durch Medienberichte verunglimpft und
pauschalisiert. Samuel Diekmann, Pastor der Jesus-Gemeinde, strahlte eine Art Ruhepol zwischen
beiden Lagern aus und sorgte mit guten Beiträgen
wie „Ich in ein Freund der Muslime, aber ich bin
ein kritischer Freund, der auch vieles hinterfragt“,
dafür, dass er bei seinen Mitdiskutanten Symphatiepunkte sammelte.
Wer sich die Aufzeichnung in voller Länge anschauen möchte, kann dies auf YouTube tun. Unter
dem Titel „Gehört der Islam zu Deutschland, gehört
der Islam zu Dietzenbach“ ist das Video aufrufbar.
Foto: Seyfi Alp
Zafer Cin
Parallel liefen allerdings Gespräche mit „Selcik
Foto & Videoproduktion“ über Videoberichte, die
als Kooperationsprojekte mit der DIEtZEITUNG
gebracht werden könnten. So lag es eigentlich auf
der Hand, dass das geplante Interview mit Khan
und Kaupat aufgezeichnet wird. Es war nur noch
eine Frage der richtigen Organisation und der
Überzeugungsarbeit. Letztendlich kristallisierte
sich nach weiteren Unterhaltungen im Bekanntenkreis die Idee einer Talkshow heraus, zu der weitere
Gäste und ein Moderator eingeladen werden können. Denn mehr Köpfe bedeuten mehr Meinungen
und damit eine interessantere Diskussion zu einem
Thema, zu dem wohl jeder in Deutschland eine
Meinung hat und mitreden kann - egal ob positiv
oder negativ.
DIEtZEITUNG
„Auf die Frage ‚gehört der Islam zu Deutschland‘
antworte ich als Pastor tendenziell: ‚Ja, die andere
Religionsgemeinschaft gehört genauso dazu wie
meine eigene, denn mein Recht ist auch deines!‘ Im
Diskurs stelle ich aber fest, dass ich diesen Satz je
nach dem, was man unter ‚dem Islam‘ und je nach
dem, was man unter ‚gehört zu Deutschland‘ versteht, zwischen ‚100% dafür‘ und ‚ach so, dann bin
ich nicht dabei‘ schwanke.“
Samuel Diekmann
Gesellschaftskritik
„Ich bin deutsche Staatsbürgerin, gebürtige Hessin, stolze Rodgauerin, Atatürk liebende Türkin,
emanzipierte und aus freiem Willen kopftuchtragende Muslimin, elhamdülillah! Und ob man
es will oder nicht, ich bin ein Teil Deutschlands
- auch mit meinem Glauben an Allah! Ich bin keine Schmarotzerin, keine Terroristin, keine Unterdrückte, ich entspreche nicht dem islamfeindlichen
Bild, welches viele Medien schüren.“
Tuba Hamoglu
2. Ausgabe/2015
„Der Islam gehört zu Deutschland. ‚Sozialterroristen‘ erkennen jedoch eine erfolgreiche Integration nicht an und erwarten von Muslimen,
ihre Kultur aufzugeben. Unter dem Deckmantel
‚Kampf gegen Salafismus‘ wird für das Kopftuch-,
Moschee- und Minarettverbot plädiert. Integration
ist ein Prozess, welcher auf beiden Seiten erfolgen
muss und ist mit einer engstirnigen Auffassung
von Sozialterroristen nicht umsetzbar.“
Naweed Khan
Kontrovers und spannend war die Diskussionsrunde.
Foto: Seyfi Alp
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DIEtZEITUNG
Gesellschaftskritik
2. Ausgabe/2015
Türkçe:
Misafiri
kovmak
Almanya’ya
yakışmıyor
Deutsch:
Kolumne
Es passt nicht
zu Deutschland, Gäste zu
verbannen
1961 yılından itibaren Almanya’ya çalışmak için
gelmeye başlayan Türklerin özellikle 1970’li senelerde çok zor işlerde çalıştığı kitaplara da konu
oldu. Günter Wallraff’ın „En Alttakiler“ adlı
kitabında da değindiği gibi göçmenler dişlerine
ve kaslarına bakılarak Almanya’ya getirildi.
1980’deki göç dalgasıyla Türkiye’den Almanya’ya
gelenler 12 Eylül öncesi anarşi ortamından ve
sonrasındaki askeri rejimden rahatsız olanlardı.
İçlerinde kendimin de yer aldığı 1990 sonrası gelenlerin önemli bir kısmı Türkiye’deki eğitimine
Batı kültüründen artılar eklemek istiyordu. 25 senemi geride bıraktığım Almanya’da bu ülkenin bilgime kattıklarını her zaman şükranla dile getirdim.
1990 sonrası her tatile gidişimde başta anne babam
ve akrabalarım olmak üzere Almanya’daki olumlu tabloları anlattım. İş disiplini başta olmak üzere
sokakların temizliği ve insana verilen değeri hep
ön plana çıkardım.
Ancak son zamanlarda bir göçmen olarak huzurum kaçtı. Zira mesleğim gereği toplumun kılcal
damarlarına girip çıkmama rağmen, dışlanmanın
soğuk yüzünü hissedebiliyorum. Televizyon, gazete ve dergilerde göçmenlerin ve Müslümanların
dışlandığını hissetmek acı veriyor. Evde, işte ve
sokakta yürürken bu düşüncelere dalınca aklıma
Almanya’da doğup büyüyen göçmen gençler geliyor. Ana babalarının ülkesi kendileri için sadece bir tatil yeri olan milyonlarca göçmen genci düşünüyorum. „Nereye gidebilirler ki?“ diye
çıkmaz bir sokağa girip, kalıyorum. Almanya’ya
gelen ilk kuşaktan göçmenlere soruyorum: „Sizin
zamanınızda nasıldı Almanlarla ilişkileriniz?“
diye. „2. Dünya Savaşı sonrası taş taş üstünde kalmayan Almanya’yı biran önce kalkındırmak için el
ele omuz omuza vermiştik“ cevabını alıyorum. Tam
bu noktada, „Almanya’ya anne babalarımız misafir olarak bile gelmiş olsalar, kovulmayı hak ettik
mi?“ sorusu geliyor. „Hele Almanya gibi son senelerde ihracatta rekor üstüne rekor kıran bir ülkeye,
50 sene önce davet ettiği insanları kovmak yakışır
mı?“ diye düşünüyorum. İslam adının terörle 5 dakika içinde 10 defa anıldığı televizyon haberleri
gözümün önünden geçiyor. Pegida yürüyüşlerinde
atılan sloganlar evimde oturma odamın içine
düşüyor. Her yer karanlık oluyor. Evimde, tam da
kendimi istenmeyen biri olarak hissettiğim bir anda
kapım çalıyor. 23 yıllık Alman kapı komşum elinde
bir pasta ile geliyor. Bana gülümsüyor.
Seyfi Alp
Vielfältig berichten Bücher von Türken, die ab
1961 zum Arbeiten nach Deutschland kamen und
besonders seit den Siebzigern unter schwierigen
Bedingungen arbeiteten. Wie Günter Wallraff in
seinem Werk „Ganz unten“ beschreibt, mussten die
Arbeiter durch etliche Gesundheitstests, bevor sie
nach Deutschland durften. Die Einwanderungswelle von 1980 war auf den Militärputsch zurückzuführen. Die Türken, die nach 1990 nach Deutschland kamen, zu denen ich ebenfalls zähle, kamen,
um ihre in der Türkei erworbene Bildung durch die
westliche Kultur zu erweitern. Dass ich in meinen
25 Jahren in Deutschland mein Wissen erweitern
konnte, habe ich immer wieder zum Ausdruck
gebracht. Wenn ich meinen Urlaub in der Türkei
verbrachte, schwärmte ich meinen Eltern und Verwandten von den tollen Zuständen in Deutschland
vor. Die Arbeitsdisziplin, die sauberen Straßen oder
die Wertschätzung der Menschen stellte ich immer
in den Vordergrund.
Allerdings ist mein innerer Frieden seit kurzem
gebrochen. Obwohl ich bedingt durch meinen Beruf
immer unter Menschen bin, spüre ich das schmerzhafte Gefühl der Ausgrenzung. Es tut weh, dass in
den Medien Migranten und Muslime ausgegrenzt
werden. Wenn ich zu Hause, bei der Arbeit oder
beim Spazieren daran denke, fallen mir die jungen
Menschen mit Migrationshintergrund ein, die das
Land ihrer Vorfahren nur aus dem Urlaub kennen.
„Wohin können sie schon gehen“, frage ich mich
und finde keine Antwort. Ich frage die erste Generation der türkischen Gastarbeiter wie ihre Beziehung zu den Deutschen war. „Nach dem Zweiten
Weltkrieg haben wir uns gemeinsam dafür stark
gemacht, um das vom Krieg zerstörte Deutschland
wieder aufzubauen“, bekomme ich als Antwort. An
diesem Punkt frage ich mich, ob unsere Eltern, die
anfangs als Gäste kamen, es verdient haben, aus
Deutschland verbannt zu werden. Deutschland als
Wirtschaftsmacht ziemt es nicht, seine Gäste nach
50 Jahren wieder fortzutreiben. Ich denke an die
Nachrichten, in denen zehn Mal Islam und Terror
innerhalb von fünf Minuten in engem Zusammenhang genannt wurden. Die Slogans der Pegida-Demonstranten schallen in meinem Wohnzimmer. In
dem Moment, in dem ich mich in meinem eigenen
Wohnzimmer ungewollt fühle, klingelt es. Mein
deutscher Nachbar, den ich seit 23 Jahren kenne,
steht mit einem Kuchen an der Tür und lächelt.
Ins Deutsche übersetzt von Zafer Cin
8
„Der Islam gehört zu Deutschland”, hörten
wir Bundeskanzlerin Angela Merkel vor kurzem in einer Rede sagen. Auch von anderen
politischen Hauptakteuren hörten wir zuvor
diese oder ähnliche Aussagen. Doch gehört der
Islam wirklich zu Deutschland? Gehört der Islam zu Dietzenbach? Diese Frage wird immer
häufiger aufgeworfen. Antworten, die auf diese
Frage gegeben werden, basieren häufig auf der
persönlichen Erfahrung mit dem Islam bzw.
was man unter „Islam“ versteht. Aufgrund
der häufig negativen Darstellung der Muslime
durch die Medien und der Gleichsetzung des
Islams mit Terrorismus und Extremismus hat
die deutsche Öffentlichkeit oft einen schlechten Eindruck vom Islam und von den Muslimen und wollen die Frage, ob der Islam zu
Dietzenbach gehört, verneinen. Diejenigen,
die sich nicht allein durch Medien leiten lassen und mit dem „wahren“ Islam persönlich in
Kontakt kommen, haben kein Problem damit,
den Islam als Teil Deutschlands/Dietzenbachs
anzuerkennen. Mein Aufruf als Integrationslotsin richtet sich nun sowohl an Muslime als
auch an Nichtmuslime. Wir sollten unsere
Meinung nicht nur immer aus einer Quelle beziehen, sondern die Sache vielseitig betrachten
können, um uns auch letztlich eine vernünftige
Meinung bilden zu können. Die größte Verantwortung tragen jedoch wir Muslime. Wir
sollten den Islam in seiner eigentlichen Form
richtig ausleben und praktizieren, damit unsere
nichtmuslimischen Mitmenschen dem wahren
Islam begegnen können und ihre Vorurteile
dementsprechend abbauen können. Leider gibt
es jedoch viele “Muslime”, die ihre Religion
falsch präsentieren und dazu führen, dass man
sich ein schlechtes Bild vom Islam macht. Folgende Worte vom britischen Sänger und Musiker Yusuf Islam (ehem. Cat Stevens) möchte
ich zum Schluss hierzu erwähnen: „Hätte ich
den Islam anhand der Muslime kennengelernt,
wäre ich kein Muslim geworden. Zum Glück
habe ich den Islam aus dem Koran gelernt.“
Auf ein friedliches Miteinander und bis zum
nächsten Mal.
Nuray Arslan, Integrationslotsin der
Kreisstadt Dietzenbach, wird künftig
an dieser Stelle ihre
Kolumne für unsere
Zeitung verfassen.
DIEtZEITUNG
Gesellschaftskritik
2. Ausgabe/2015
Fussball - nicht bloss ein Hobby
Sowohl für mich als auch für eine Menge Menschen war und ist der Fußball mehr als nur eine
Sportart. Jeder von uns hat gewisse Alltagsprobleme, ob in der Familie, im Beruf oder in seinem
sozialen Umfeld. Doch während eines Fußballspiels wird alles vergessen. Die Welt beschränkt
sich auf das Spielfeld und alles andere ist irrelevant.
Sowohl in unserer Kindheit als auch heute war und
ist es völlig egal, ob wir 13 gegen 11 oder 8 gegen 6
spielten, ob das Ergebnis 17 zu 22 lautete, man mit
oder ohne fliegenden Torwart spielte, ob der Ball
neu oder platt war, ob unsere Kleidung dreckig oder
kaputt wurde - was zählte, war die Liebe zum Spiel,
die Freude zusammen zu spielen unabhängig von
Alter, sozialen Stand oder Herkunft der Mitspieler.
Wir teilten uns einen Tetra Pak Eistee und genossen den Moment, selbst wenn man das Spiel verlor.
Denn im Endeffekt war man doch froh, gespielt zu
haben. Wir wurden von Ronaldo (R9), Roberto Carlos, Zidane, Ronaldinho, Beckham, Figo und vielen
mehr inspiriert. Fußball war unser Leben. Durch
DIEtZEITUNG
die Zeichentrickserien „Die Kickers“ und „Die tollen Fußballstars“ wurde die Leidenschaft verstärkt,
da man sich vor allem mit den Protagonisten „Tsubasa“ und „Gregor“ identifizieren konnte. Das Jedermannturnier, das jährlich im Waldstadion stattfand,
war ein Highlight, auf das wir uns besonders gefreut hatten. Dort konnten wir als Migrantenkinder
unser Können unter Beweis stellen und das meist
vor einer randvollen Tribüne im Waldstadion.
Diese Zeiten werden wohl für ewig in unseren
Erinnerungen verweilen. Es war eine Zeit der Unbeschwertheit. Jedes Kind, ob groß, klein, dick,
dünn, hell, dunkel, religiös oder nicht religiös durfte mitspielen egal, ob er gut oder weniger gut spielen konnte. Eine Renaissance der Neunzigerjahre
wird es wohl nicht mehr geben, jedoch könnte man
für neue schöne Momente und neue Erfahrungen
sorgen, indem das Jedermannturnier wieder organisiert wird oder Bolzplätze gebaut werden. Ein
öffentlicher Bolzplatz allein, der sich dazu noch in
Steinberg befindet, ist ein Witz. Fußball verbindet,
Fußball ist gelebte Integration. Viele ausländische
Kinder kommen erst durch den Fußball und andere
Sportarten in direkten Kontakt mit deutschen Kindern. Deshalb ist Fußball auch das beste Integrationsprojekt für eine Stadt, weshalb man nicht am
falschen Ende sparen sollte.
Bachir Alaoui
Clubs, Bars und das Nachtleben
Die „All Stars“ waren beim letzten Jedermannturnier von 2007 Turniersieger und seit 2002
immer unter den Top 4.
2. Ausgabe/2015
Die Gaststätte der Integration
Mit dem Griechen Themis (links) ist der türkische Wirt Dogan Kümetepe (rechts) seit
über 25 Jahren befreundet.
Fotos: Zafer Cin
Vorurteile, Pauschalisierungen und Klischees liegen wohl in der Natur des Menschen. Dieser Artikel soll eben mit diesen Vorurteilen oder Klischees
zum einen spielerisch umgehen und zum anderen
dafür sorgen, dass endlich damit aufgeräumt wird.
Es kommt nämlich nicht selten vor, dass türkische
Landsmänner etwas überrascht schauen, wenn sie
mich kennenlernen und erfahren, dass ich der Wirt
der Gaststätte „Zum Treppche“ bin. Ein Türke betreibt eine Kneipe und schenkt Bier aus? Ja, tatsächlich und es kommen nicht nur Deutsche Gäste
„Zum Treppche“, was die Atmosphäre bei uns so
besonders macht. Wer beispielsweise während der
WM 2014 zu uns kam, um sich die Spiele unserer
Nationalmannschaft anzuschauen, sah Türken oder
Marokkaner mit einem Trikot der deutschen Nationalmannschaft, die bei jedem Tor Seite an Seite
mit Deutschen jubelten und feierten. Aber auch der
Alltag bei uns sieht alles andere als „normal“ aus.
Da sitzt der Deutsche zusammen mit dem Türken
an einem Tisch und spielt stundenlang die türkische
„Volkssportart“ der türkischen Teehäuser „Okey“,
welche in Deutschland unter dem Namen „Rommé“
bekannt ist. Aber es ist nicht nur die Tatsache, dass
Deutsche und Türken bei uns zusammenkommen. sondern eine ehrlich gemeinte Einladung für alle
Ich kann stolz behaupten, dass wir ein Ort der ge- Dietzenbacher, die für Toleranz und Offenheit gelebten Integration sind, der zum einen die Buntheit genüber „anderen“ stehen und ein Zusammenleben
unserer schönen Stadt repräsentiert und zum ande- mit unterschiedlichen Menschen fördern wollen.
ren aber auch die Gäste hier keinen nach Religion Ich erwarte euch zum gemeinsamen Fußballgucken
oder Herkunft beurteilen. So ist es sicherlich auch oder Tavla-Spielen oder einfach zu einem netten
für viele Griechen und Türken unvorstellbar, in Gespräch.
einem Lokal zusammen zu kommen, geschweige
denn eine jahrelange Freundschaft zu führen. Doch
Dogan Kümetepe
auch dies sieht man hier. Ich bin seit über 25 Jahren
mit einem Griechen befreundet und
kann zu Recht behaupten, dass er Auf den Club 33-Revival-Partys legt Kumpel Themis auch Hand
für mich wie ein Bruder ist
an und mixt die Cocktails.
Zuletzt möchte ich unsere Club
33-Revival-Partys erwähnen (Offenbach-Post berichtete bereits am
6. März), die ebenfalls die gelebte
Integration bei uns widerspiegeln.
Wie einige wissen, befand sich der
Club 33 im Keller der Dietzenbacher Polizeistation, wurde aber
leider 2009 aus diversen Gründen
geschlossen. In den 16 Jahren, in
denen der Club Woche für Woche
für tolle Partystimmung in Dietzenbach sorgte, entstanden Freundschaften, die bis heute bestehen.
Es sind Freundschaften zwischen
den unterschiedlichsten Nationalitäten, weshalb ehemalige Besucher
und Organisatoren den alten Geist
wieder aufleben lassen wollen. Es
ist keine Werbung für einen Lokal,
9
DIEtZEITUNG
Kunst und Musik
2. Ausgabe/2015
Die Ratte Ludwig spricht über Toleranz
Ich bin ein Kind Dietzenbachs. Hier wurde ich
geboren und bin in dieser Stadt aufgewachsen. Ich
lebe und arbeite vor Ort als Illustratorin, Karikaturistin und Cartoonistin. Als ich geboren wurde, gab
es noch keine 8000 Einwohner hier, die Entfernung
zwischen meinem Wohnort Steinberg und Dietzenbach betrug zwei volle Kilometer mit Feldern, Wiesen und Äckern, die Straße war mit Apfelbäumen
gesäumt. In meiner damaligen Klasse gab es drei
ausländische Gastarbeiterkinder, die keineswegs
abgelehnt wurden, sondern ganz normal mitliefen
und die deutsche Sprache erlernten. Das war vor
etwa 50 Jahren. Klar, da hat sich einiges geändert.
Wir müssen einfach kapieren, dass die Bewohner
dieser Stadt, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, eine Gemeinschaft darstellen, die nur mit
gegenseitiger Toleranz und Akzeptanz gut miteinander leben kann. Wichtig ist, dass wir die gleiche
Kolumne
Wir kamen in ein Land, das nur vergessen hat was
Krieg heißt,
mit der Hoffnung zu fliehen aus der Hölle des Diesseits.
Sprache sprechen, bzw. uns austauschen und unterhalten können. Das beginnt aber schon mit einem
Augenkontakt, einem Lächeln oder einem Gruß.
Im vergangenen Sommer durfte ich für die Stadt
Dietzenbach eine Broschüre mit dem Titel „unsere
Stadt Dietzenbach“ schreiben, illustrieren und bebildern, um die Schönheiten dieser Stadt zu präsentieren, die sie ohne Zweifel hat. Vielleicht kennen
einige unter den Lesern diese Broschüre schon,
die es zum Selbstkostenpreis an der Rathausinfo
und im Stadtbüro in der Altstadt zu erwerben gibt.
Sicher ist auch einigen meine gezeichnete ComicRatte Ludwig aufgefallen, die seit nunmehr 18 Jahren einmal wöchentlich als Cartoon in der hiesigen
Kreistageszeitung, als Werbung und auch an den
Wänden Dietzenbachs zu sehen ist. Dass es sich bei
meinem Markenzeichen um eine Ratte handelt, ist
rein zufällig. Vielleicht war es eine gewisse Intuiti-
Sie vergessen, dass Mutter Natur ihnen einst die
Nahrung schenkte,
teilen diese nicht und deswegen starben Menschen.
Aber die Einwanderer sind nur statistische Zahlen,
Wir laufen tagelang, um in einer Minute einen skrupel- aber diese Zahlen können deine Sprache nicht und
losen Abschied zu erleben,
können dir nichts sagen.
all die traurigen Seelen, die gehen mussten, zum Glück
können sie nicht mehr reden.
Also gehen diese Menschen mit einem stummen Schrei
nach Freiheit,
Wir sind gekommen, damit unsere Kinder eine Schule und sterben dort, wo wir sie nicht hören können. In
sehen,
ihrer Heimat.
und nicht mehr zurück müssen in den Kugelregen.
Es gibt nichts schlimmeres, wie wenn Kinder Augen
nicht mehr leuchten,
sie stecken uns in einen Container und sagen wir
wären keine Deutschen.
Wir wären anders als sie und hätten kein Recht hier
Geld zu verdienen,
sie regieren einen Staat, aber die Welt gehört nicht
ihnen.
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Flamur, Rapper aus
Dietzenbach, wird künftig an dieser Stelle seine
Kolumne für unsere
Zeitung verfassen.
on, die Ratte zu wählen, denn wenn man bedenkt,
dass die Ratte ein Tier ist, das in jedem Land der
Welt anzutreffen ist, dann hat es doch ziemliche
Ähnlichkeiten mit den Menschen, ihrer Vielfältigkeit und ganz besonders mit Dietzenbach, wo etwa
100 Nationalitäten beheimatet sind. Kürzlich wurde ich von der Stadt Dietzenbach mit der „Bürgermedaille“ ausgezeichnet, die mir für die positiven
Verdienste um das Image der Kreisstadt verliehen
wurde. Ich hoffe, es gelingt mir weiterhin, mit meinen Zeichnungen zum Wohle unserer Stadt beizutragen. Momentan spüre ich viel negative Unruhe
in der Welt, die auch mir zu schaffen macht. Wenn
man Zeichner ist, der einen von Humor geprägten
Job hat, dann ist es nicht leicht trotz täglicher
Krisenmeldungen, Attentate, Katastrophen und
Kriegsdrohungen den Humor beim Zeichnen aufrecht zu halten. Seit einiger Zeit schalte ich darum
oft ab und lese nur noch die mir angenehmen Themen, auch wenn ich aufgrund dessen nicht immer
auf dem neuesten Stand der Dinge bin. Ich wünsche
mir und meinen Mitmenschen mehr Positiv-Nachrichten, denn ohne Zweifel gibt es die. Zumindest
will ich für meinen Teil, weiterhin positiv arbeiten und lieber das Lachen bringen, als das Grauen
zeichnen.
Uschi Heusel
DIEtZEITUNG
Kunst und Musik
2. Ausgabe/2015
Fiktion als Ventil – Schreiben als
Therapie (Buchvorstellung)
Jungautorin Rebecca Rezvani
Foto: Brenda Lien
»Als junger Mensch sind wir ziellos, unser Lebensweg gleicht einem endlosen Labyrinth.
Blind gehen wir vorwärts – nicht, weil uns unsere eigene vorläufige Sinnlosigkeit bewusst ist
und wir, geleitet von Ehrgeiz und gutem Willen,
daran etwas ändern wollen, sondern aus Prinzip, aus purer Lust am Wandern durch den dichten Nebel des Lebens – immer weiter, sozusagen grundlos auf der Suche nach dem Grund.
Wir gedeihen und ergötzen uns daran, können es
kaum erwarten, endlich formvollendet zu sein.
[…] Doch wenn es soweit ist, der so lang ersehnte Sommer unseres Lebens uns mit all seinen verheißungsvollen bunten Farben und seinen reifen Früchten einholt, bedauern wir es.
Sehnen uns zurück nach der einst so verhassten
Zeit der Blüte, […] der gesunden Ziellosigkeit.
Denn die Reife, die Formvollendung und dieser Erfolg nach langen Mühen gehen nicht nur
mit verlockenden Freiheiten und Unabhängigkeit einher, nein, sondern auch mit Pflichten, mit
Entscheidungen. Ja, ob sie uns nun schmeckt
oder nicht, das ist die Frucht, die wir ernten. […]
In dieser Zeit lichtet sich der Nebel, unser persönliches Labyrinth verschwindet, weicht einem klaren
Pfad, der [...] schnurgerade ins Ungewisse führt.
In meinem Falle ist der Weg, sei er nur Resultat einer
folgenschweren Kausalitätskette oder auch unausweichliche Bestimmung, keineswegs ein steiniger –
er ist klar und schlicht, im Grunde einfach zu bestreiten. Allerdings ist es meine Bürde, die mich beinahe
zu Fall bringt, meine Verantwortung, ein unaussprechlich schweres Bündel auf meinen Schultern.
Ich sehne mir ein Zeitalter der Aufklärung und
der Offenbarung herbei, ich kämpfe dafür.
Und eines kann ich Dich lehren: Willst
Du die süßen Früchte des Erfolgs ernten, so zahle deinen bitteren Preis.«
… Nein. So hatte ich den Anfang meiner Geschichte nicht geplant. Er klingt anders als ich es
mir vorgestellt hatte. Aber es fühlt sich richtig an.
Ich bemerke, dass ich die Zeit vergessen habe.
Der Samstag ist nun einige Stunden alt. Ich sitze
noch immer an meinem Laptop. Musik dringt
aus den Lautsprechern. Ich bin müde, doch mein
Gehirn arbeitet unentwegt weiter. Ich schreibe.
Hm. Schreiben. Das Ausdenken von Geschichten.
Fiktion. Fantasie. Irgendwie seltsam, seine Freizeit
so zu verbringen, sich so weltfremd zu verhalten,
sogar nicht zu schlafen, nur, um von Universen
zu berichten, die es nicht gibt und nie geben wird.
Doch ist es wirklich so eigenartig? Immerhin erreicht Fiktion uns alle, wir versenken
uns gerne in Geschichten. Und nicht selten lernen wir sogar von ihnen. Ich musste feststellen, dass sie in erster Linie eines sind: Therapie.
Schon früh fiel mir auf, dass sich echte Probleme plötzlich besser bewältigen ließen,
wenn ich mich dem Schreiben hingab, denn
meine Ideen wurden zu meinem Ventil.
Jene ersten 285 Wörter, mit denen ich diesen Artikel, aber auch einst mein aktuelles Projekt begann,
sind inzwischen zu einem noch nicht beendeten
Buch von etwa 300 Seiten herangewachsen. Es ist
ein kompliziertes Werk, das mich oft überfordert.
Doch keine Tätigkeit hat mir je mehr Freude bereitet.
Also werde ich meinen verrückten Impressionen
auch weiterhin gerne gestatten, mich nächtelang
vom Schlafen abzuhalten.
Rebecca Rezvani
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MIGRANT
DIEtZEITUNG
VS.
Neues aus der Nachbarschaft
2. Ausgabe/2015
IN DIESER NEUEN KOLUMNE WERDEN LISA SUNDT UND ZAFER CIN IN FIKTIVEN GESPRÄCHEN AKTUELLE THEMEN UND PROBLEME IN DIETZENBACH
BEHANDELN. DEN ANFANG MACHT DER FASCHINGSUMZUG, DER SEIT EINIGEN
JAHREN GEMESSEN AN DER TEILNEHMERZAHL UND DEN SCHAULISTIGEN WENIG ERFOLG VORWEIST.
Foto: Brenda Lien
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DIEtZEITUNG
BIODEUTSCHE
Neues aus der Nachbarschaft
2. Ausgabe/2015
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KOMMENTAR
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Wie jedes Jahr versammelten sich auch am
14.02.2015 zahlreiche Narren auf den Bürgersteigen Dietzenbachs, um dem Fastnachtsumzug zuzujubeln. Auch diverse Dietzenbacher Gaststätten und
Lokale beteiligten sich an diesem Tag. In der Hausnummer 21 auf der Frankfurter Straße gab es neben närrischer Musik auch Glühwein, Punsch und
Gegrilltes. Auch „Die Suppe und das Grün“ hatten
einige kulinarische Leckerbissen aufgetischt, um
die hungrigen Narralesen zu verpflegen. Der Fastnachtsumzug in Dietzenbach ließ nicht nur Kinderherzen höher schlagen, auch zahlreiche Erwachsene verkleideten sich. Cowboys, Indianer, Bienen
und auch Piraten feierten zusammen auf den Straßen. Der Umzug startete pünktlich um 15:11 Uhr in
der Frankfurter Straße und führte entlang der Babenhäuser Straße bis zum Harmonieplatz. Die Sonne strahlte an diesem Fastnachtssamstag mit den
Bonbons sammelnden Kindern um die Wette. In all
den Jahren fällt allerdings eines auf: Die Menschen
auf den Gassen werden nicht weniger und die Stimmung ist grandios, allerdings fehlt es an der Beteiligung am Umzug selbst. Es wirkt, als würden es
von Jahr zu Jahr weniger Zugnummern werden und
das bei gleichbleibender Begeisterung der Dietzenbacher. Für die kommenden Umzüge wären weitere Zugnummern wünschenswert, um die FastnachtTraditionen zu pflegen. Denn eines steht fest: Die
Dietzenbacher lieben ihre fünfte Jahreszeit.
Sabrina Scholz
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DIEtZEITUNG
Sport und Bewegung
Dietzenbach’ın Özil’i
Dietzenbachs Özil
Türkçe:
Almanya’da yaşayıp futbolun biraz içinde olan
Türkler, Türkiye’ye modern futbolun Jupp Derwall ile geldiğini bilirler. Almanya Milli Takımı
antrenörlüğü görevini bıraktıktan sonra İstanbul’a
giden ve Galatasaray’ın başında Türkiye’de modern
futbolun temellerini atan Derwall’in ardından KarlHeinz Feldkamp da yarı kalan işleri bir adım öteye
götürdü. Galatasaray’ın 2000 senesinde UEFA
Kupası’nı kazanmasının nedenlerinden en önemlisinin önce Derwall ve ardından Feldkamp ile
başlayan modern futbol olduğu bilinir.
Futbolun Almanya’daki göçmen ailelerinin
çocukları için de güce ve paraya ulaşma yolu
olduğu 1990’ların başlarında anlaşılmaya başlandı.
1990 öncesi dönemde Erhan Önal ve İlyas Tüfekçi
gibi isimler de futbol alt yapısını Almanya’da alan
ve daha sonra Türkiye’de başarılı olan isimlerdi.
Ancak şuan Hannover 96 antrenörlüğünü yapan
Tayfun Korkut ve Eintracht Frankfurt‘tan Erol
Bulut’un gidişi sonrası yeni bir dönem başladı.
Bugün gayri resmi rakamlara göre Türkiye Süper
Ligi takımlarında Almanya doğumlu futbolcuların
oranı yüzde 30’ları geçti.
Bundesliga’da da Hamit ve Halil Altıntop yanında
Nuri Şahin ve Mesut Özil gibi göçmen futbolcuların
büyük başarılara imza atması Almanya doğumlu
Türk gençlerinin futbola ilgisini artırdı.
Bundan 15 sene önce Dietzenbach’ta doğan Ramazan Delifer, halen formasını giydiği TSV Heusenstamm takımının en önemli isimleri arasında
gösteriliyor. Takımın orta sahasında görev yapan
ve arkadaşlarını yönlendiren Ramazan’ın hedefi
ikinci bir Mesut Özil olabilmek. Babası Şaban Delifer, „Annesi ve ben şimdiye kadar hiç bir maçını
kaçırmıyoruz. Oğlumuzda büyük bir yetenek
2. Ausgabe/2015
olduğunu Alman antrenörler de söylüyor“ dedi.
Ramazan’a büyük destek veren dayısı
Nuri Delifer ise, „Kendi yaş grubunda Offenbach Ligleri’nin en iyilerinden
olduğunu herkes biliyor. Büyük aksilikler olmazsa Ramazan çok büyük
başarılara imza atacak” dedi.
Seyfi Alp ist seit
25 Jahren Journalist und war
u.a. für die türkischen Tageszeitungen Sabah und
Zaman tätig. Mit
seiner Erfahrung
unterstützt er unsere Zeitung ehrenamtlich.
Deutsch:
Jeder Türke, der in Deutschland lebt
und sich mit dem Fußball beschäftigt,
weiß, dass Jupp Derwall den modernen
Fußball in die Türkei brachte und dafür ein wichtiges Fundament legte, indem er nach seiner Station
als Trainer der Deutschen Nationalmannschaft den
Istanbuler Klub Galatasaray trainierte. Karl-Heinz
Feldkamp führte dies weiter, weshalb man zurecht
behaupten kann, dass der größte Erfolg Galatasarays, nämlich der Gewinn des UEFA-Cups im Jahre 2000, der Arbeit dieser beiden Persönlichkeiten
geschuldet ist.
Anfang der Neunzigerjahre erkannten die Eltern
von Einwandererkindern den finanziellen und sozialen Stellenwert des Fußballs. Erhan
Önal und Ilyas
Tüfekci gehören zu einer
früheren Generation, die
eine deutsche
Fußballausbildung genossen hat und
anschließend
in der Türkei
erfolg reich
war. Mit dem amtierenden Trainer von Hannover
96, Tayfun Korkut, und dem ehemaligen Spieler
der Eintracht Frankfurt, Erol Bulut, die beide in
Deutschland geboren und in der Türkei erfolgreich
Fußball spielten, wurde eine neue Zeit eingeläutet.
Einer inoffiziellen Statistik zufolge sind aktuell
über 30% der Spieler in der türkischen Süper Lig
in Deutschland geboren. Deutschtürkische Fußballspieler wie die Altintop-Brüder, Nuri Sahin oder
aber Mesut Özil sind die aktuellen Vorbilder der
jugendlichen Deutschen mit türkischem Migrationshintergrund.
Der 15-Jägrige Ramazan Delifer ist einer von ihnen. Er ist Dietzenbacher und Leistungsträger beim
TSV Heusenstamm. Ramazan, der als Spielmacher
und Führungsspieler seine Mitspieler in Szene setzt,
will ein zweiter Özil werden. „Meine Frau und ich
haben bis heute kein einziges Spiel unseres Sohnes
verpasst. Wir haben bereits von vielen Trainern gehört, dass er ein außergewöhnliches Talent besitzt“,
erzählt der stolze Vater Saban Delifer. Ramazans
Onkel Nuri, ergänzt: „Im Kreis Offenbach weiß
jeder, dass er zu den Besten seiner Altersgruppe
zählt. Wenn nichts dazwischen kommt, wird Ramazan noch sehr erfolgreich werden.“
Ins Deutsche übersetzt von Zafer Cin
TSV Heusenstamm takımında oyun kurucu olarak görev yapan
ramazan Delifer kendi yaş grubundaki en yetenekli futbolcular
arasında gösteriliyor.
Ramazan Delifer zählt als Spielmacher des TSV Heusenstamm zu
den talentiertesten Spieler seiner Altersklasse.
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DIEtZEITUNG
Sport und Bewegung
2. Ausgabe/2015
Mit dem Rad nach Istanbul
Radfahren bei Wind und Wetter.
Ihr habt richtig gelesen - Wir haben vor mit dem
Fahrrad von Dietzenbach nach Istanbul zu fahren.
Wieso? Weil wir es können.
Ich war ein leidenschaftlicher Jogger bis zu einer
Verletzung, die das Joggen leider nicht mehr ermöglichte. Ein Freund hatte im vergangenen Sommer die Idee, eine kleine Radtour zu machen. Ich
war anfangs sehr skeptisch, ob ich das mit meiner
Verletzung überhaupt durchstehe. Doch nach ein
paar Kilometern auf dem Rad merkte ich, dass ich
schmerzfrei fahren konnte. Wir radelten im Umkreis von Dietzenbach und merkten, welch schöne
Ecken und Sehenswürdigkeiten die Kleinstädte um
Frankfurt herum haben. Viele Städte wie Seligenstadt besitzen eine lange Geschichte, so sind dementsprechend viele historische Gebäude vorzufinden. Das Rhein-Main-Gebiet bietet so viel Kultur
und so viele Sehenswürdigkeiten, die wir leider im
Alltag nicht wahrnehmen. Erst wenn man sich fest
vornimmt, diese kulturellen Schätze zu entdecken,
sieht man die Schönheit und Vielfalt unserer Region. Als unser Freundeskreis von unseren Ausflügen
erfuhr, wuchs unsere Radfahrergruppe schnell an,
sodass wir nun aus rund zehn begeisterten Fahrradfahrern bestehen, die die Region erkunden
und für sich neu entdecken. Wir sind als Gruppe
Sport - Natur / Landschaft - und vor allem soziale
wohl der beste Beweis, dass die Integration funkti- Kontakte sind die Vorteile einer Fahrradtour.
oniert und leben diese auch in der Praxis vor. Wir
bestehen nicht nur aus einer bunt gemischten Truppe mit verschiedenen Migrationshintergründen,
sondern beschäftigen uns auf den Touren mit der
Kultur und der Geschichte und lernen dabei viel
über unsere Region.
Im kommenden Sommer werden wir unsere Touren fortsetzen und uns auf unser großes Ziel vorbereiten. Für den Sommer 2016 ist unsere IstanbulTour geplant, die wir in zwölf Tagen bewältigen
möchten. Zurzeit erstellen wir Trainings- und
Ernährungspläne, wählen Routen und sind auch
auf der Suche nach Sponsoren, die uns bei diesem
Vorhaben logistisch und finanziell unter die Arme
greifen wollen. Auch trainierte Radfahrer, die bei
unserer Istanbul-Tour mitmachen möchten, sind
herzlich eingeladen und können uns kontaktieren.
Die gute alte Karte - wenigstens muss man sich
Özer Arslan
hier nicht auf ein Navi verlassen.
Vereinsleben 2.0
Es ist ein Kürzel, das die meisten Deutschen kennen: e.V. Denn zumindest in einem Verein sind die
meisten. Aber im deutschen Vereinsleben scheint
der Wurm zu stecken. Es sind zwei Entwicklungen zu beobachten - die Überalterung der aktiven
Mitgliederschaft und der einsetzende Mangel an
Ehrenamtlichen. Dass Vereine zunehmend aus alten Leuten bestehen, ist demnach ein verbreitetes
Phänomen über alle Bereiche des Vereinslebens
hinweg. In vielen Vereinen ist die jüngere Generation (-30 Jahre) unterrepräsentiert. Wenn die Jugend
einmal fehlt, dann ist es auch schwer, sie wiederzubekommen. Bei Jugendlichen spielt die Ganztagsschule eine Rolle dabei, dass weniger Zeit für
Vereinsengagement vorhanden ist; bei Studenten
sind es die gedrängteren Lehrpläne der BachelorStudiengänge. Und bei jungen Berufstätigen spricht
bisweilen die größere Flexibilität und Mobilität in
Zeiten befristeter Arbeitsverträge gegen ein dauerhaftes Vereinsengagement.
Von immer mehr Vereinen oder anderen öffentlichen Institutionen wird der gesellschaftliche Wandel beobachtet. Wie schafft man die Jugendlichen
weg von der Onlinewelt? Das reale Leben nehmen
sie kaum noch wahr, sie sind online unterwegs.
Früher ging man auf die Straße zum Spielen, heute nennen sie Sport treiben „FIFA zocken“ und am
Handy spielen. Die Gemeinschaft sollte an höchster Stelle stehen, das reale Leben nicht untergehen.
Viele junge Leute wollen sich an keinen Verein
binden. Doch selbst dafür haben sich Vereine Gedanken gemacht. Durch Punktekarten kann man zu
den Sportangeboten gehen, um aus dem Alltagstrott
herauszukommen, ohne sich binden zu müssen. Ist
dann der Ehrgeiz geweckt und der innere „Schweinehund“ bekämpft, kann man sich jederzeit dem
Verein anschließen.
Wie können wir junge Leute gewinnen? Mit dieser Frage beschäftigen sich heutzutage Vereine.
Was interessiert junge Leute, was lässt sie vom
Sofa aufstehen? Neue und ausgefallene Angebote sind da schon einmal ein guter Anfang. Junge
Leute sollen sich ausprobieren, ihren Körper neu
herausfordern, so evtl. neue Hobbys entdecken und
vielleicht auch Freunde dazu anregen können dem
Verein beizutreten.
Brücken schlagen, in vielfältiger Weise, das sollte
sich Dietzenbach auf die Fahnen schreiben. Sind es
doch oftmals die vielen kleinen persönlichen Begegnungen und Momente, die gemeinsamen Aktivitäten und Hilfeleistungen, die das gegenseitige
Verständnis und den harmonischen Umgang miteinander fördern, die „Brücken schlagen“ zwischen
Menschen verschiedener Altersgruppen und unterschiedlicher sozialer, kultureller und ethnischer
Herkunft. Das sind die wesentlichen Elemente, die
ein friedliches und konfliktfreies Zusammenleben
in unserer Gesellschaft, welche verschiedene Interessen und Lebensstile hat, ausmachen.
Julia Löhr
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DIEtZEITUNG
Sport und Bewegung
2. Ausgabe/2015
DIEtZEITUNG
Sport und Bewegung
2. Ausgabe/2015
Mehr als nur ein
Boxtraining
In der Max-Planck-Straße 9 treffe ich mich mehrmals wöchentlich mit den Jungs, die schon so etwas wie eine zweite Familie für mich sind, beim
„Boxprojekt Dietzenbach“ zum Lernen, Quatschen
und Trainieren. Alles läuft wie bei einem Ritual ab: Als erstes muss man hier jeden per Handschlag begrüßen. Montags und donnerstags um 16
Uhr beginnt die Hausaufgabenbetreuung, in der
wir von erfahrenen Hausaufgabenbetreuern/innen
beim Lernen und bei den Hausaufgaben unterstützt
werden. Nach den Hausaufgaben kann man Tischtennis spielen oder gemütlich mit den Jungs einen
Tee trinken und über den Tag sprechen. Um 18 Uhr
fängt dann auch das Boxtraining an, das um 20
Uhr endet. Mittwochs haben wir dann von 15 bis 16
Uhr Krafttraining mit einem anschließenden Lauf-
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training, bei dem meistens sogar ein Beamter der
Dietzenbacher Polizei mitläuft. Das Freitagstraining kann man sich durch persönliche Fortschritte
sowohl im sportlichen als auch im sozialen Bereich
dazu verdienen. Da wird unter anderem Sparring
(Trainingswettkämpfe) gemacht, was in den anderen Trainingseinheiten nicht der Fall ist. Hat man
sich so sehr gesteigert, dass man einen offiziellen
Wettkampf bestreiten will, kann man sich auch
dienstags ein persönliches Training alleine mit dem
Trainer erarbeiten und für die SG Dietzenbach in
ganz Deutschland in den Ring steigen. Ganz wichtig ist, dass man nicht zu spät kommt. Falls es doch
mal vorkommt, muss man zumindest den Trainern
Bescheid sagen. Macht man das nicht, muss man
für jede zu spät gekommene Minute fünf Liege-
stütze machen. Während des Trainings ist es sehr
wichtig, sich zu benehmen und nicht zu stören.
Aber nicht nur im Boxprojekt zählt das Benehmen,
sondern auch in der Schule und in der Freizeit. Unsere Trainer/in wollen von allen Jugendlichen die
Zeugnisse sehen und setzen sich auch mit den Lehrern in Verbindung. Nach dem Training werden immer Freiwillige gesucht, die die Halle putzen und
Küchendienst machen. Außerdem werden dann
noch wichtige Dinge mit allen Teilnehmern besprochen. Selbst nach dem Duschen sitzen wir zusammen und quatschen noch lange nach dem Training
und trinken dabei Tee. Natürlich helfen uns unsere
Trainer auch bei der Ausbildungsplatzsuche und
führen viele verschiedene Freizeitaktivitäten mit
uns durch. Oft haben wir auch einen Austausch mit
anderen Boxvereinen, indem wir uns gegenseitig
besuchen und gemeinsam trainieren. Nach dem gemeinsamen Mittagessen und einer Erholungspause
trainieren wir dann weiter. Das „Boxprojekt Dietzenbach“ holt viele Jugendliche von der Straße und
diese wissen dann etwas Besseres mit ihrer Zeit
anzufangen.
Younes Moullig
Barah Zabar (rot), ein Teilnehmer des Boxprojekts in Action landet einen Volltreffer.