PDF-Download - Militärgeschichtliches Forschungsamt der

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:EITSCHRIFTFÓRHISTORISCHE"ILDUNG
C 21234
ISSN 0940 -ÊÊ
4163
Heft 1/2015
Militärgeschichte im Bild: »Le rêve« von Jean-Baptiste Edouard Detaille (1888) – der Traum von der glorreichen Armee
nach der französischen Niederlage 1870.
Verwundetenversorgung bei Waterloo 1815
Der Völkermord an den Armeniern
Waffen als Wegbereiter der
deutsch-israelischen Beziehungen
Masadas letzte Männer
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Impressum
Editorial
ZMG 2014-H3 Impressum Editorial
Militärgeschichte
Zeichen: 2.900
Zeitschrift
Bildung
V1für
mthistorische
2014-08-21,
V2 lekt 2014-0821, V3 mt 2014-08-22
Herausgegeben
vom Zentrum für Militärgeschichte und
Sozialwissenschaften
der Bundeswehr
S. 2
durch Oberst Dr. Hans-Hubertus Mack und
Oberst Dr. Sven Lange (V.i.S.d.P.)
Produktionsredakteurin der aktuellen
Ausgabe:
Friederike Höhn B.A.
Redaktion:
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korresp. Mitglied
Hauptmann Ariane Aust M.A. (aau)
Friederike Höhn B.A. (fh)
Oberstleutnant Dr. Harald Potempa (hp)
Mag. phil. Michael Thomae (mt)
Major Dr. Jochen Maurer (jm)
Bildredaktion: Dipl.-Phil. Marina Sandig
Lektorat: Dr. Aleksandar-S. Vuletić
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Layout/Grafik:
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Anschrift der Redaktion:
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das Gedenkjahr 2014 ist vorüber, zahlreiche Publikationen und Ausstellungen
haben es begleitet. Doch der Erinnerungsboom zum Ersten Weltkrieg hält an. Auch
das Jahr 2015 gibt zu vielen Daten Anlass,
sich mit den Ereignissen vor hundert Jahren auseinanderzusetzen. Während an der
Westfront vermeintlich Stillstand in den
Schützengräben herrschte, war der Krieg
vor allem im Osten und Südosten weiterhin in Bewegung. Im Mai 1915 trat Italien an die Seite der Entente-Mächte
und deutsche sowie österreichisch-ungarische Soldaten kämpften gemeinsam an der Alpenfront. Als Zeichen der Verbundenheit diente das Edelweißabzeichen, über dessen Geschichte Immanuel Voigt aufklärt.
Weiter im Südosten radikalisierte sich der Krieg in bisher unbekannte Dimensionen: Das Osmanische Reich, verbündet mit den Mittelmächten, begann im Frühjahr 1915 mit der systematischen Ausrottung der armenischen
Bevölkerung – und dies unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Deutsche
Diplomaten wurden Zeugen von unvorstellbaren Verbrechen. Rolf Hosfeld
zeichnet dieses Kapitel des Ersten Weltkrieges anhand der Unterlagen des
Auswärtigen Amtes nach. Bis heute erkennt die Türkei die Tötung und Vertreibung von hunderttausenden Menschen nicht als Genozid an.
Dieses Jahr jährt sich auch der Beginn der deutsch-israelischen Beziehungen zum 50. Mal. Der Aufbau von diplomatischen Kontakten zwischen
der Bundesrepublik und dem Staat Israel gestaltete sich vor dem Hintergrund der Shoah als äußerst schwierig und wurde auf beiden Seiten von Kritik begleitet. Das Fundament für die sich entwickelnden Beziehungen legten
schließlich gegenseitige Rüstungslieferungen, über die Pedi D. Lehmann berichtet.
Die israelische Armee gilt als die schlagkräftigste Armee des Nahen Ostens.
Ihre Rekruten werden an einem symbolträchtigen Ort vereidigt: Auf der Fes­
tung Masada, hoch über dem Toten Meer gelegen, töteten sich die letzten
Aufständischen im Jahre 79 n. Chr. lieber selbst, als sich den römischen Belagerern zu ergeben. Dieser Mythos lebt bis heute im Selbstverständnis der israelischen Nation fort. Doch gab es diesen Kollektivsuizid überhaupt? Der
Archäologe Stefan Wagner begibt sich auf Spurensuche.
2015 ist auch das Jahr, in dem zum 200. Mal an den Sieg der vereinten euro­
päischen Mächte über Napoleon erinnert werden kann. Die Schlacht von
Water­loo beendete eine Ära, die mit der Französischen Revolution 1789 begonnen hatte. Der anschließende Wiener Kongress stellte die alte monarchische Ordnung zumindest vorübergehend wieder her. Über die Schlacht,
den Sieg und die Heerführer Wellington und Blücher ist viel geschrieben und
auch schon gesungen worden, aber wie steht es mit Ihren Kenntnissen um
die militärmedizinische Versorgung zu dieser Zeit? Der Beitrag von Sven
Lange wird diese Wissenslücke schließen.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Reise durch fast 2000 Jahre Geschichte.
Ihre
© 2015 für alle Beiträge beim
Zentrum für Militärgeschichte und
Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw)
Druck:
SKN Druck und Verlag GmbH & Co., Norden
ISSN 0940-4163
Friederike Höhn
Inhalt
„Du bist nicht tot, Spitzbube!“
4
Verwundung und sanitätsdienstliche
Versorgung bei Waterloo 1815
Oberst Dr. Sven Lange, geb. 1967 in Bonn, Leiter
Abteilung Bildung im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr
Dr. Rolf Hosfeld, geb. 1948 in Berleburg,
wissenschaft­licher Leiter des Lepsiushauses,
­Potsdam
Waffen als Wegbereiter
der deutsch-israelischen
Beziehungen
8
© Ekko von Schwichow
Der Völkermord an den
Armeniern
Service
Das historische Stichwort:
Das Edelweißabzeichen
22
Neue Medien 24
Lesetipps
26
Die historische Quelle
28
Geschichte kompakt
29
Ausstellungen
30
Militärgeschichte
im Bild
Le rêve – Der Traum 14
Dr. Pedi D. Lehmann, geb. 1965 in München,
freie Autorin zu Fragen des Nahost-Friedens­
prozesses und der israelischen Außen- und
Sicherheits­politik
Das Gemälde von Édouard Detaille
(1848–1912) feiert die »glorreich besieg­
ten« Soldaten des Krieges von 1870/71.
Entstanden im Jahre 1888, führt es den
jungen Soldaten der Dritten Republik die
ruhmvolle Vergangenheit der französischen Armee vor und ruft sie, die noch
auf einem Feld in der Champagne ruhen,
dazu auf, diesem Vorbild zu folgen.
Foto: akg-images
Masadas letzte Männer –
ungebeugte Helden oder nachträgliche
Erfindung?
Stefan E.A. Wagner M.A., geb. 1989 in Fürth,
Doktorand an der Friedrich-Alexander­Universität Erlangen-Nürnberg im Fach
­Klassische Archäologie
18
Weitere Mitarbeiter dieser Ausgabe:
Oberstudienrat Martin Grosch M.A., Eltville;
Torsten Konopka M.A., Potsdam;
Anne Langer M.A., Stiftung Denkmal für die
ermordeten Juden Europas, Berlin;
Carsten Siegel B.A., Potsdam;
Immanuel Voigt M.A., Universität Jena.
31
bpk/RMN-Grand Palais/Bullos
Verwundetenversorgung bei Waterloo 1815
5Operation auf dem Schlachtfeld: Der französische Militärarzt Dominique Jean Larrey (1766–1842) begleitete die Armee Napo­
leons und revolutionierte die Kriegschirurgie seiner Zeit.
»Du bist nicht tot, Spitzbube!«
Verwundung und sanitätsdienstliche Versorgung
bei Waterloo 1815
A
ls am 18. Juni 1815 die Abenddämmerung das blutgetränkte
Schlachtfeld von Waterloo in
gnädige Dunkelheit hüllte, lag der
schwer verwundete Lieutenant-Colonel Sir Frederick Cavendish Ponsonby
von den 12. Leichten Dragonern etwa
in der Mitte des kaum vier Quadratkilometer großen Schlachtfeldes und bereitete sich darauf vor zu sterben. Am
frühen Nachmittag hatte die britische
schwere Kavallerie einen Gegenangriff
geritten. Die berühmte Attacke der sogenannten Union Brigade unter Führung seines älteren Cousins, General
Sir William Ponsonby, hatte die vorrückenden Franzosen bis zu den Stellungen ihrer eigenen Kanonen zurückgeworfen. Dann jedoch waren die britischen Reiter und ihre erschöpften
Pferde selbst durch französische Kavallerie in der Flanke gefasst worden.
Von der britischen Kavallerie blieb fast
die Hälfte tot auf dem Schlachtfeld zurück, unter ihnen auch Sir William.
Die 12. Leichten Dragoner hatten den
Rückzug der beklagenswert wenigen
Überlebenden der Union Brigade
durch eine eigene Attacke unterstützt.
Dabei war Lieutenant-Colonel Ponsonby zunächst an beiden Armen
schwer verwundet worden. Die französische Artillerie hatte auf kürzeste
Entfernung Sperrfeuer mit Kartätschen
geschossen, also Ladungen kleiner
­Kugeln aus Gusseisen oder Blei, die
wie überdimensionierte Schrotschüsse
wirkten. Im Handgemenge mit der
feindlichen Kavallerie erhielt Ponsonby
schließlich noch einen Säbelhieb gegen
den Kopf, der ihn nahe der französischen Linien besinnungslos vom
Pferd stürzen ließ. Als er nach einigen
Minuten wieder zu sich kam und sich
erhob, um in Sicherheit zu taumeln,
entdeckte ihn ein französischer Ulan,
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
der dem Verwundeten seine Lanze mit
den Worten in den Rücken stieß: »Tu
n’est pas mort, coquin!« (»Du bist nicht
tot, Spitzbube!«).
Mit punktierter Lunge blieb Ponsonby liegen und wurde in rascher
Folge von zwei französischen Tirailleuren geplündert, die vor und neben
der Schützenlinie eigenständig operierten. Zu Ponsonbys Unglück gingen
sie bei ihrer Durchsuchung rücksichtlos vor und ließen ihn in einer sehr
schmerzhaften Körperhaltung zurück.
Ein französischer Offizier, der frische
Truppen nach vorne führte, wechselte
am Nachmittag mit ihm ein paar Worte.
Obwohl der Franzose Mitgefühl für die
schweren Verwundungen ausdrückte,
lehnte er es jedoch ab, Ponsonby vom
Schlachtfeld bringen zu lassen. Seine
Befehle untersagten ihm, Verwundete
zu bergen, solange die Schlacht andauerte. Immerhin bot der Franzose dem
Die Anfänge des modernen
Sanitäts­wesen
Mit Ponsonby lagen weitere 35 000 bis
40 000 Männer unterschiedlicher Natio­
nalität bei Einbruch der Nacht tot
oder verwundet in den niedergetrampelten Getreidefeldern und Gräben des
Schlacht­feldes oder in Scheunen und
Gehöften in dessen unmittelbarer Umgebung. Das Schlachtfeld war erfüllt
von verzweifelten Rufen nach Hilfe
und Wasser, Röcheln und Stöhnen sowie den markerschütternden Klagelauten der verwundeten Pferde, die
ebenfalls zu tausenden auf dem
Schlachtfeld lagen.
Es fällt schwer, angesichts der heutigen sanitätsdienstlichen Versorgung
in modernen Streitkräften mit ihren
Feldhospitälern, gepanzerten Kranken­
kraftwagen, beweglichen Arzttrupps
und dem schnellen Verwundetentransport mit Hubschraubern, die Dimension der Aufgabe zu begreifen, mit der
sich die Armeen bei Waterloo konfrontiert sahen. Es gab keine Anästhetika
und keine Antibiotika. Die überragende Bedeutung von Hygiene für die
Vermeidung von Wundbrand und Infektionen war noch nicht völlig verstanden. Desinfektionsmittel und -verfahren waren unbekannt.
Ein vergleichbarer Massenanfall an
Verwundeten wie bei Waterloo würde
auch die sanitätsdienstlichen Kapazitäten moderner Streitkräfte überlasten.
In den Armeen der Napoleonischen
Epoche steckte der militärische Sa­
nitätsdienst jedoch noch in den Kinderschuhen. Zudem war er wenig
angese­hen. Die Ausbildung und die
medizinischen Kenntnisse des sanitätsdienstlichen Personals waren allzu oft
unzureichend. Ärzte wie Georg Hartog
Gerson, der einer angesehenen jüdischen Arztfamilie aus Altona bei
Hamburg entstammte und im April
1810 an der Hannoverschen Universität Göttingen promoviert worden war,
bildeten die Ausnahme. Als Wundarzt
diente er in der Königlich Deutschen
Legion, die in britischen Diensten bei
Waterloo kämpfte. Für gut ausgebildete, kompetente Mediziner war der
Militärdienst jedoch zumeist unattraktiv. In der britischen Armee rangierte
der etatmäßige Wundarzt noch unterhalb des jüngsten Fähnrichs. Die Stellen für Wundärzte blieben daher in den
Regimentern oft unbesetzt, mit fatalen Folgen für die sanitätsdienstliche
Versor­gung. Das britische 28. (North
Gloucestershire) Infanterieregiment –
557 Offiziere und Soldaten – beklagte
bei Waterloo sowie beim Gefecht bei
Quatre Bras zwei Tage zuvor insgesamt 253 Verluste, verfügte aber über
lediglich einen unqualifizierten Sanitäter. Insgesamt gab es in der etwa 67 000
Mann starken britisch-niederländischdeutschen Armee des Herzogs von
Wellington bei Waterloo nur etwa 200
Regimentswundärzte.
Typische Verwundungen bei
­Waterloo
Das erstaunliche Schicksal Sir Frederick Cavendish Ponsonbys von den 12.
Leichten Dragonern ist durchaus typisch für das Schicksal der Verwundeten von Waterloo. Vor allem die Art seiner Verwundungen ist exemplarisch
für die Epoche und für die Schlacht, in
der er sie erlitt. Im Wesentlichen gab es
drei hauptsächliche Verwundungstypen:
• Schussverletzungen, die durch Musketen oder Pistolenkugeln hervorgerufen wurden;
• Schnitt- und Stichwunden durch
­Degen, Bajonette oder Lanzen;
• großflächige Fleischwunden und abgerissene Extremitäten durch direkte Kanonentreffer mit eisernen
Vollkugeln.
Die Wirkung einer Musketenkugel
hing stark von der Entfernung ab, aus
der sie abgeschossen wurde. Bei einer
geringen Schussentfernung von 25 bis
30 Metern, also auf Kernschussweite,
durchschlug das Geschoss in der Regel
den Körper und führte meist zum
schnellen Tod des Opfers. Bei Waterloo
wurden aber viele Schüsse auf weite
Kampfentfernung bis zu 100 Metern
abgegeben. Diese Geschosse rissen
beim Opfer eher große Wunden, als
dass sie es glatt durchschlugen. Häufig
verformte sich die weiche Bleikugel
bpk/RMN-Grand Palais/Pascal Segrette
durstigen Engländer etwas Weinbrand
an und sorgte dafür, dass einer seiner
Soldaten den Verwundeten in eine angenehmere Lage brachte und sein Kopf
auf einen Tornister gebettet wurde, bevor die Franzosen ihren Angriff fortsetzten.
In den Folgestunden tauchte ein weiterer Tirailleur auf, der einige Male bei
ihm niederkniete, über ihn hinweg
nachlud und sich dabei fröhlich mit
ihm unterhielt. Bevor er endgültig verschwand, sagte der französische Soldat
»Sie werden sich freuen zu hören, dass
wir uns zurückziehen. Guten Tag, mein
Freund«.
Bis zum Abend wurden einige der
Verwundeten und Leichen, die rings
um Ponsonby auf der Erde lagen, erneut von Kugeln getroffen, er jedoch
zu seinem eigenen Erstaunen nicht. Als
der Abend dämmerte, ritten zwei
Schwadronen preußischer Kavallerie
im schnellen Trab an ihm vorbei und
über ihn hinweg. Der Hufschlag wirbelte ihn schmerzhaft umher. Dennoch
war er froh über ihren Anblick. Die
rechtzeitige Ankunft der Preußen hatte
die Schlacht für die Alliierten entschieden.
In der Nacht konnte Ponsonby einen
der Soldaten, die zwischen den Verwundeten und Toten umherstreiften
und diese methodisch nach Wertsachen durchsuchten, dazu bewegen, einen Sterbenden von ihm zu ziehen, der
sich in seiner Agonie auf ihn gewälzt
hatte, und sich seiner anzunehmen. Bis
zur Dämmerung wachte der Soldat bei
Ponsonby und beschützte ihn vor anderen Plünderern. Am nächsten Morgen wurde er in einem Karren in das
17 Kilometer entfernte Waterloo gebracht, wo es gelang, sein Leben zu retten – trotz seiner sieben Verwundungen und ungeachtet des lebensbedrohenden Blutverlustes.
5Der franzöische Karabinier François­ ntoine Faveau (1792–1815) wurde bei
A
Waterloo von einer Kanonenkugel getroffen.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
The RAMC Muniment Collection in the care of the Wellcome Library, Wellcome Images
RAMC 95/4
Verwundetenversorgung bei Waterloo 1815
5Eine Kopfwunde wie diese musste dank der Fortschritte in der medizinischen
­Versorgung nicht mehr tödlich enden. Wasserfarbenzeichnung des britischen
­Chirurgen Charles Bell von 1815.
aufgrund ihrer geringen Geschwindigkeit im Körper oder zersplitterte, was
ihre Entfernung und die Wundreinigung erschwerte. Ohne Antibiotika
und angesichts völlig unzureichender
Hygiene konnte sich auch eine oberflächliche Schusswunde oder eine flache
Stichverletzung schnell infizieren und
nach einigen Tagen zu einer Blutvergiftung (Sepsis) und damit zum Tode führen. In Ermangelung besser geeigneter
chirurgischer Instrumente und Techni­
ken wurde die Wunde durch den behan­
delnden Arzt, so dieser denn vorhanden war und sich die Mühe machte, in
der Regel mit dem Finger untersucht.
War die Kugel tiefer als drei bis fünf
Zentimeter in den Körper eingedrungen, wurde die Beseitigung der Kugel
jedoch schwierig bis unmöglich.
Der komplexeste und häufigste medizinische Eingriff, der in der Nähe des
Schlachtfeldes von den Wundärzten
vorgenommen wurde, war die Amputation von Gliedmaßen. Sofern fachmännisch durchgeführt, barg sie ein
verhältnismäßig geringes Infektionsrisiko und bot damit oft die einzige
Überlebenschance. Bei Waterloo wurden allein auf britischer Seite etwa 500
Amputationen vorgenommen.
Das lange Warten auf Hilfe
Nicht ungewöhnlich war auch Ponsonbys Mehrfachverwundung. Der Abtransport von Verwundeten war in den
beteiligten Armeen entweder gar nicht
oder nur unzureichend organisiert.
Um Desertion zu verhindern und
kampffähigen Soldaten keinen Vorwand zu geben das Schlachtfeld zu
verlassen, war es den Soldaten generell
untersagt, ihre Schützenlinie oder ihr
Karree zu verlassen, um verwundete
Kameraden hinter die eigenen Linien
zu bringen. In der Schlacht hatten lediglich die Regimentsmusiker (allerdings nicht die Trommler) die Aufgabe,
Verwundete zu bergen. Krankentragen
standen dafür jedoch nicht zur Verfügung, sondern mussten improvisiert
werden. Wer sich nicht durch eigene
Kraft aus der unmittelbaren Gefahrenzone bringen konnte, musste deshalb
oft Stunden auf das Ende der Schlacht
warten, bevor ihm geholfen wurde. Ein
Verwundeter, der in der Kampfzone
verblieb, lief aber Gefahr, ein weiteres
Mal getroffen zu werden. Viele Soldaten wurden deshalb bei Waterloo mehrfach verwundet. Nicht selten gab es
auch gezielte Angriffe auf Verwundete,
so bei der Flucht der französischen Armee am Abend oder bei der beschriebenen französischen Gegenattacke am
frühen Nachmittag gegen die Union
Brigade. Ein britischer Kavallerist überlebte 18 Wunden, die er dabei erhalten
hatte.
Die lange Verweildauer Ponsonbys
auf dem Schlachtfeld war ebenfalls typisch. Verantwortlich dafür war neben
dem allgemeinen Befehl, sich nicht um
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
die Verwundeten zu kümmern, solange die Schlacht anhielt, die allgemeine Überforderung der Kommando­
strukturen angesichts des Massenanfalls von Verwundeten. Viele Verwundete wurden zudem erst spät entdeckt.
Nicht überall hatten die zehntausende
Soldaten und Pferde das hochstehende
Getreide platt gedrückt. Vor allem die
in aufgelöster Ordnung kämpfenden
Plänkler (frz. tirailleurs) liefen Gefahr,
nach einer Verwundung den Kontakt
mit der eigenen Truppe zu verlieren.
Einige Verwundete wurden erst vier
Tage nach der Schlacht geborgen.
Auch nach Ende der eigentlichen
Kampfhandlungen war die unmittelbare Gefahr für Leib und Leben der
Verwundeten nicht vorbei, wie das Beispiel Ponsonbys ebenfalls zeigt. Viele
Verwundete starben in der Nacht an
Schock oder Blutverlust. Mindestens
ebenso viele wurden Opfer der Plünderer und Leichenfledderer, für die ein
Verwundeter, zumal wenn er sich
wehrte, ein Ärgernis war. Seine Plünderung kostete mehr Zeit als die eines
Toten. Viele Plünderer halfen daher
mit der Klinge nach.
Ponsonbys hilflose Agonie an der
Grenze zum Tode bis zum nächsten
Morgengrauen war ebenfalls keine
Ausnahme. Weder die Armee Wellingtons noch die preußische Armee unter
Führung des Generalfeldmarschalls
Gebhard Leberecht von Blücher gingen
in der Nacht zu irgendeiner Form der
geordneten Verwundetenversorgung
über. Die geschlagenen Franzosen hatten das Schlachtfeld fluchtartig verlassen und dabei ihre Toten und Verwundeten zurückgelassen, die nun der
Gnade und Fürsorge der Sieger ausgeliefert waren. Während die preußische
Kavallerie den Feind verfolgte, gingen
Wellingtons Armee und Teile der preußischen Infanterie noch auf dem
Schlachtfeld völlig erschöpft zur Ruhe
über.
Der Morgen nach der Schlacht
Die Lähmung und die Tatenlosigkeit
der Überlebenden erscheinen heute
unverständlich, ja herzlos. Die Antriebslosigkeit der Armeeführung und
der meisten Vorgesetzten erklärt sich
teilweise dadurch, dass auch die Nerven der kommandierenden Offiziere
unter den traumatisierenden Eindrü-
Waterloo war jedoch eine Ausnahme.
Die einbrechende Dunkelheit und die
Unordnung, die durch den allgemeinen Vormarsch gegen Ende der
Schlacht entstanden war, besonders
aber die völlige Erschöpfung der
Truppe sorgten dafür, dass die meisten
Regimenter die Nacht mehr oder weniger genau dort verbrachten, wo sie zuletzt gekämpft hatten. Die abgekämpften und übermüdeten Soldaten
rückten an improvisierten Biwakfeuern eng aneinander, um sich gegenseitig Schutz zu geben vor den rationalen
Gefahren durch Plünderer und den irrationalen Schrecken des in gespenstisches Mondlicht gehüllten Schlachtfeldes. Umgeben von Toten drängten
sich die apathischen Lebenden zusammen, warteten auf den Anbruch des
nächsten Tages und auf weitere Befehle.
Am nächsten Morgen hatten die Armeestäbe ihren Schock überwunden
und der Krieg ging weiter. Wellington
und seine Armee verließen gegen
Nachmittag das Schlachtfeld und marschierten nach Süden gen Paris. Die
meisten Wundärzte und ihre Helfer begleiteten die abrückenden Regimenter
– es wurde mit erneuten Kampfhandlungen gerechnet. Zurück blieb eine
kümmerliche, durch gefangen genommene französische Wundärzte unzuDHM/Inventarnr. 1990/425
cken der Schlacht gelitten hatten und
sie durch Schock in ihrer Fähigkeit zur
rationalen und ordnenden Entschlussfassung beeinträchtigt waren. Hinzu
kam, dass der Ausgang der Schlacht,
vor allem der plötzliche und totale Zusammenbruch der französischen Armee, über dessen eigentliche Ursache
noch heute die Historiker streiten,
Truppe und Offiziere mit einer ungewohnten Situation konfrontierte, für
die es keine standardisierten Verhaltensregeln gab. Schlachten jener Epoche endeten üblicherweise nicht so
plötzlich und nicht mit einem so vollkommenen Zusammenbruch einer
Seite. Gewöhnlich brach eine Armee
die Schlacht rechtzeitig ab, bevor sich
die anbahnende Niederlage zur Katastrophe und damit zur Auflösung der
eigenen Streitmacht auswachsen
konnte. Bei Waterloo fielen die Schlachtentscheidung und die einsetzende
Abenddämmerung zusammen. Damit
verblieb keine Zeit, den flüchtenden
Feind zu verfolgen, wie es die taktischen Lehrbücher vorschrieben. Unter normalen Verhältnissen hätten
beide Armeen das Schlachtfeld noch
am selben Tage verlassen und sich darauf vorbereitet, den Kampf am nächsten Morgen fortzusetzen. Die Soldaten waren es gewohnt, ihre Verwundeten und Toten einfach zurückzulassen.
reichend verstärkte Nachhut, die mit
der gewaltigen Aufgabe, die Verwundeten zu versorgen und die Toten in
hastig ausgehobenen, flachen Massengräbern beizusetzen, völlig überfordert
war.
Rettung: Versorgung durch
­belgische Anwohner
Dass dennoch so viele ihre Verwundungen und Amputationen überlebten,
lag an der aufopfernden Pflege der belgischen Bevölkerung und dem Engagement der zivilen Ärzte in der unmittelbaren Umgebung. In einem Radius
von knapp zwei Kilometern rund um
das Schlachtfeld wurde jedes Haus,
­jeder Bauernhof, jede Kirche, jede
Scheune und jeder Schuppen in ein
Notlazarett verwandelt (in der Stefanskirche der nahegelegenen Ortschaft
Braine l’Alleud erinnert noch heute
eine Tafel daran). Nonnen halfen als
Krankenschwestern und Bauern versorgten die Verwundeten großherzig
mit Wasser, Nahrung sowie improvisiertem Verbandsmaterial.
Wie Ponsonby wurden die meisten
transportfähigen Verwundeten mit
Wagen und Fuhrwerken, ja sogar mit
Schubkarren nach Brüssel gebracht,
wo allein fünf Krankenhäuser für die
Verwundeten der Alliierten eingerichtet wurden. Der Bürgermeister der
Stadt ordnete an, dass alle Bürger der
Stadt saubere Kleidung und Bettlaken
zur Verfügung stellen mussten. Wer
ein Krankenhaus lebend erreichte,
hatte gute Chancen zu überleben. Die
Todesrate lag bei niedrigen neun Prozent und damit nur unwesentlich höher als die, die 100 Jahre später in den
Lazaretten des Ersten Weltkrieges
herrschte.
 Sven Lange
Literaturtipps
5Am Morgen danach: Das Schlachtfeld bei Waterloo ist übersäht mit Verwundeten
und Toten.
Mark Adkin, The Waterloo Companion, London 2001.
Brendan Simms, Der längste Nachmittag. 400 Deutsche,
Napoleon und die Entscheidung von Waterloo, München
2014.
John Thomson, Beobachtungen aus den britischen Militairhospitälern in Belgien nach der Schlacht von Waterloo,
nebst Bemerkungen über die Amputation, Halle 1820.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
Der Völkermord an den Armeniern
pa/dpa
Der Völkermord an den
Armeniern
5Syrien 1915: Armenische Flüchtlinge aus dem Osmanischen Reich.
W
ährend des Ersten Weltkrieges fielen in den Jahren
1915/16 über eine Million
Armenier in dem mit Deutschland verbündeten Osmanischen Reich Massakern und Zwangsdeportationen zum
Opfer. Die meisten Historikerinnen
und Historiker sehen hierin einen Völkermord. Auch die deutsche Reichsregierung hatte keine Zweifel an der exterminatorischen – d.h. auf völlige Vernichtung ausgerichteten – Politik ihres
Verbündeten. 2015 jährt sich diese negative Zäsur in der Gewaltgeschichte
des 20. Jahrhunderts zum hundertsten
Mal.
Am 16. März 1915 befand sich der
deutsche Konsul Paul Schwarz auf einer Reise durch Zentralanatolien, als er
abends in der Stadt Harput eintraf. Er
kam aus Erzurum nahe der russischen
Front, wo er im Winter das desaströse
Scheitern eines mit großen Worten angekündigten Feldzugs hatte miterleben müssen. Eine osmanische Armee
unter dem Kommando des jugendlichen Kriegsministers Ismail Enver
­Pascha, in dessen Kopf der kühne Plan
eines Vorstoßes in die Weiten Zentral­
asiens irrlichterte, war nach wenigen
Tagen fast völlig aufgerieben worden.
Schwarz wusste, dass man seit geraumer Zeit pauschal die armenischen
Soldaten in Envers Armee für die Niederlage verantwortlich machte. Im
Winter hatte es als Reaktion darauf politische Morde an Armeniern gegeben.
Russische Kriegsgefangene armenischer Herkunft hatte man aus Rachegründen oft kurzerhand erschossen.
Armenische Dörfer in den osmanischen
Grenzregionen Anatoliens waren mit
Terrorkommandos überzogen worden.
Was der deutsche Konul in Harput
hören sollte, überstieg jedoch alles bisher Dagewesene. Er machte nach seiner Ankunft dem Gouverneur Sabit
Bey seine Aufwartung und kam abends
um halb zehn in einem Zustand großer
Erregung zurück. Der Gouverneur
hatte ihm erklärt, »dass die Armenier
in der Türkei vernichtet werden
müssten und vernichtet würden«, weil
sich ihr Reichtum und ihre Zahl so vermehrt hätten, »dass sie eine Bedrohung
für die herrschende türkische Rasse ge-
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
worden seien«. Diese Radikalisierung
der Politik kam nicht ganz überraschend. Man müsse die Armenier entweder »samt und sonders ausrotten«
oder sie zur Auswanderung zwingen,
hatte Mitte Dezember 1914 beispielsweise ein türkischer Major im süd­
ostanatolischen Urfa dem Schweizer
Diakon Jakob Künzler anvertraut. Spätestens im Frühsommer 1915 war daraus ein durchdachter Plan geworden.
Vor den Augen der Welt­
öffentlichkeit
Am 7. Juli 1915 kabelte Hans von Wangenheim, der deutsche Botschafter in
Konstantinopel, dem späteren Istanbul, an Reichskanzler Theobald von
Bethmann Hollweg in Berlin eine beunruhigende Nachricht: »Die Austreibung und Umsiedlung der armenischen Bevölkerung beschränkte sich
bis vor etwa 14 Tagen auf die dem östlichen Kriegsschauplatz benachbarten
Provinzen und auf einige Bezirke der
Provinz Adana. Seitdem hat die Pforte
[die osmanische Regierung] beschlos-
Härte geführten Krieges gesehen. Die
türkische Regierung hatte die Deportation der Armenier aus den an das Russische Reich grenzenden ostanatoli­
schen Gebieten anfangs dem deutschen
Botschafter und der Reichsregierung
gegenüber als militärische Sicherheitsmaßnahme in einer umkämpften Region gerechtfertigt. Spätestens Anfang
Juli 1915 wurde Wangenheim jedoch
klar, dass dies nur ein vorgeschobenes
Argument war. Er erinnerte sich an
eine Aussage des Innenministers und
späteren Großwesirs Mehmet Talaat
Pascha, der einen Monat zuvor ihm gegenüber geäußert hatte, die osmani­
sche Regierung wolle den Weltkrieg
dazu benutzen, »um mit ihren inneren
Feinden [den einheimischen Christen,
in erster Linie den Armeniern] gründlich aufzuräumen, ohne dabei durch
die diplomatische Intervention des
Auslands gestört zu werden«.
bestanden, aus Nationalitäten der
Grenz­regionen, denen man Sympathien oder gar aktive Kollaboration mit
dem Kriegsgegner unterstellte. Zivilisten waren in diesem Krieg, wie in
den vorausgegangenen Balkankriegen,
von Anfang an Ziele der Kriegführung:
Der Erste Weltkrieg begann im August
1914 mit den sogenannten belgischen
Gräueln, die in Wahrheit auch französische Gräuel waren, als insgesamt
6427 Zivilisten während der Invasion
einer deutschen Paranoia über angebliche Hinterhalte von Freischärlern
zum Opfer fielen. Später gab es deutsche Pläne, in Osteuropa durch die
dauerhafte Zwangsumsiedlung der
polnischen Grenzbevölkerung eine
»völkische Militärgrenze« gegen die
Russen einzurichten, die allerdings nie
umgesetzt wurden. 143 000 Serben kamen Anfang 1916 bei Todesmärschen
im Militärbereich der k.u.k Monarchie
und Bulgariens ums Leben. Im Russischen Reich wurden in den ersten
drei Kriegsjahren etwa sechs Millionen
Zivilisten, Hunderttausende von Juden, deutsche Minderheiten, Bewohner der baltischen Gebiete, Roma und
Muslime aus dem Kaukasus und Zentralasien, die man alle aus ethnischen
Gründen als potenzielle innere Feinde
und »unzuverlässige« Bevölkerungs-
Kampf gegen den »inneren
Feind«
Tatsächlich wurde im Ersten Weltkrieg
ein unheilvoller Begriff der jakobini­
schen Phase der Französischen Revolution neu aktiviert: der des sogenannten
inneren Feindes. Nur dass die inneren
Feinde jetzt aus ethnischen Gruppen
Der Völkermord an den Armeniern 1915
RUSSISCHES
REICH
Kaspisches
Meer
RUMÄN.
Schwarzes
Meer
BULG.
Tiflis
KONSTANTINOPEL
Kars
Angora
Ersindschan
OSMANISCHES
Harput
REICH
Iskenderun
Mittelmeer
Kerkuk
rat
PERSIEN
Bagdad
Sultanabad
Kut-al-Amara
Suezkanal
Jerusalem
Basra
NEDSCHD
Nil
Quelle: www.katholisches.info.
Enseli
Aleppo
Tibni
Deir ez-Zor
Damaskus
Täbris
Mossul
Ramadi
Gaza
Alexandria
Ä G Y P T E N Kairo
(brit.)
Van
Musch
Eup
h
Beirut
Armenische Hauptsiedlungsgebiete vor dem Völkermord
Deportationsroute
Erzurum
Meskene
Hamam
Zypern
Baku
Tigris
sen, diese Maßregel auch auf die Provinzen Trapezunt (Trabzon), Mamuret
ül-Aziz und Sivas auszudehnen, und
mit der Ausführung begonnen, obwohl
diese Landesteile vorläufig von keiner
feindlichen Invasion bedroht sind. Dieser Umstand und die Art, wie die Umsiedlung durchgeführt wird, zeigen,
dass die Regierung tatsächlich den
Zweck verfolgt, die armenische Rasse
im türkischen Reiche zu vernichten.«
Diese eindeutige Aussage belegt
nicht mehr und nicht weniger, als dass
die deutsche Diplomatie spätestens
Anfang Juli 1915 zu der Erkenntnis gekommen war, dass die Deportationen
und Massaker, die man verstärkt seit
den Frühlingsmonaten in den anatolischen Provinzen beobachten konnte,
dem erklärten Ziel dienten, eine ethnische Gruppe – die osmanischen Armenier – systematisch der Vernichtung
zuzuführen – und dies als Ergebnis einer staatlich gelenkten Politik. Etwa
eine Million Tote sollte das am Ende
bedeuten.
Was sich im Frühjahr und Sommer
1915 in der Türkei abspielte, fand vor
der Augen der Weltöffentlichkeit statt.
Das Osmanische Reich war im Ersten
Weltkrieg mit den Mittelmächten
Deutschland und Österreich-Ungarn
verbündet. Deutsche Militärs operier­
ten als Berater und Kommandeure in
der osmanischen Armee und Marine.
Überall im Land gab es ausländische
Konsulate, Missionsstationen, Krankenhäuser und Schulen. Nach wie vor
lagern allein im Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin Unmengen von
Akten aus dieser Zeit, aus denen man
manchmal ganze Tagesabläufe rekonstruieren kann, und aus denen die Selektions-, Massaker- und Sammelplätze, die Deportationsrouten, die
Zeit, der Umfang, der Mechanismus
und die politisch Verantwortlichen der
Vernichtungspolitik genauestens hervorgehen. Für die historische Forschung sind das reichhaltige Quellen,
die allein eine zweifelsfreie Bewertung
der Vorgänge in dieser Zeit erlauben.
Auch Hans von Wangenheim lagen
diese Unterlagen vor, als er sein hartes
Urteil über die türkische Politik fällte.
Allzu gern hätte er vermutlich – als hoher Beamter des mit dem Osmanischen
Reich kriegsverbündeten Deutschlands
– die Vorgänge verharmlost und in ihnen Maßnahmen eines mit totaler
Golf von
Aden
KUWAIT
(brit.)
Persischer
Golf
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07481-04
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
Ullsteinbild/Imagno/Archiv Jontes/SZ Photo
pa/akg-images
Der Völkermord an den Armeniern
5Nach dem Krieg fanden die osmanischen Verantwortlichen, Kriegsminister Ismail
Enver Pascha und der damalige Innenminister und spätere Großwesir Mehmet
Talaat Pascha, Unterschlupf in Berlin. Dort wurde Talaat Pascha 1921 von armenischen Studenten ermordet. Enver Pascha fiel 1922 im Kampf gegen die Rote
Armee in Tadschikistan.
teile betrachtete, Opfer einer militärischen Deportationspolitik.
Aber – und das ist der entscheidende
Unterschied zu Talaats Ankündigung:
Man wollte deshalb nicht gründlich
mit ihnen aufräumen; niemand hatte
die Absicht, das russische Vielvölkerreich im Krieg zu vernichten. Talaats
Ankündigung bedeutete deshalb weit
mehr als die einer kriegsbedingten Deportation. Es war die Ankündigung einer neuen, gründlich anderen und im
Kern türkischen Ordnung nach dem
Krieg, die man nur erreichen konnte,
wenn man die inneren Feinde nicht
nur deportierte, sondern sie vom Territorium verschwinden ließ, sie also vernichtete. Eine solche Ankündigung
hatte es in der Geschichte bisher nicht
gegeben.
Deportation und systematische
Vernichtung
Die zahllosen Berichte, die der deutschen Botschaft in Konstantinopel bis
Anfang Juli 1915 vorlagen und die
heute für jedermann im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin
einzusehen sind, summierten sich, beginnend mit den ersten großen Deportationen Mitte Mai, zu dem sehr präzisen Bild einer systematisch angelegten
Vernichtungsaktion. Als Vizekonsul
Max Erwin von Scheubner-Richter am
Morgen des 15. Mai 1915 in Erzurum
seinen Bericht an die Botschaft aufsetzte, war dies für ihn Anlass zu eini-
10
gen Bemerkungen, warum die Lage im
ostanatolischen Erzurum eher als ruhig einzuschätzen sei. Zwar war es
auch hier, wie an anderen Orten, zu
Hausdurchsuchungen bei Armeniern
gekommen, aber man habe, soweit ihm
bekannt, kein belastendes Material gefunden. Allerdings, so Scheubner-Richter, gebe es in Erzurum einige militärische Kreise, »die den Augenblick der
Abrechnung mit den Armeniern für
gekommen halten«.
Am Abend des 15. Mai 1915 telegrafierte Scheubner-Richter nach Istanbul:
»Armenische Bevölkerung der umliegenden Dörfer wird ausgewiesen und
nach den Etappentruppen verschickt«.
Am nächsten Tag erfuhr er, dass diese
Maßnahme von örtlichen militärischen
Kreisen veranlasst worden war. Die
»militärischen Rücksichten« jedoch,
die offiziell als Grund für die drakonische Maßnahme vorgetragen würden, seien nichts als ein »unbegründeter« Vorwand für einen Racheakt, der
ganz andere Motive hatte. Die ganze
Passim-Ebene nordöstlich von ­Erzurum
war in diesen Tagen von einer großen
Deportationswelle betroffen. Am 22.
Mai meldete der Vizekonsul, dass die
verlassenen Dörfer von muslimischen
Flüchtlingen aus in den Balkankriegen
verloren gegangenen Teilen des Osmanischen Reichs besetzt worden seien;
die Flüchtlinge hätten dort alles in Beschlag genommen und das zurückgelassene Eigentum der Armenier geplündert.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
Was er nicht wusste: Innenminister
Talaat Pascha hatte zur selben Zeit den
Provinzverwaltungen von Erzurum,
Bitlis und Van die Deportation aller Armenier ihrer Provinzen in die Gegend
von Mossul und in die Wüstenregio­
nen südlich von Urfa befohlen. Am
2. Juni erfuhr Scheubner-Richter, dass
die Verbannten bis nach Deir ez-Zor in
die mesopotamische Wüste geschickt
werden sollten. Man behandelte sie –
nach seinen Worten – nicht wie eigene
Staatsbürger, sondern wie Untertanen
feindlicher Staaten. Ende Juni stand
Scheubner-Richters Urteil fest: Nichts
anderes als eine »militärisch unbegründete, meines Erachtens nur auf Rassenhass zurückzuführende Anordnung«
sei die Ursache für diese desaströse
und auch unter militärischen Gesichtspunkten gänzlich kontraproduktive
mörderische Vertreibungspolitik, die
zu dieser Zeit bereits den ganzen Osten
Anatoliens erfasst hatte.
»Die generelle Methode dieses Völkermords bestand darin«, so der in den
Niederlanden lehrende türkische His­
toriker Ugur Ü. Üngör, »die Männer
sofort zu töten und jene Frauen und
Kinder zu deportieren, die nicht in
muslimische Haushalte aufgenommen
wurden.« Allein während der Kriegsjahre 1915/16 fielen diesen Maßnahmen etwa 1,1 Million Armenier und in
geringerem Ausmaß auch andere orientalische Christen zum Opfer. Wahrscheinlich mehr als 150 000 Armenier
überlebten durch Zwangskonversion
zum Islam, wodurch sie sich zu Türken
assimilierten. Einer unbestimmten
Zahl gelang die Flucht, meist über die
russische Grenze.
Die Zwangsdeportationen forderten
eine extrem hohe Zahl an Todesopfern.
Die Deportationsverläufe folgten einem
Muster und waren somit Kalkül: Durch
Erschöpfung, Hunger und Durst soll­
ten die Deportiertenzüge ausgedünnt
werden. Nur ein Teil der Zwangs­
verschickten kam erwartungsgemäß
am Bestimmungsort auch tatsächlich
an. Im Kontext betrachtet ergibt sich
aus den bei den Deportationen angewandten – im Einzelnen mitunter unscheinbaren – Methoden das Gesamtbild eines in groben Zügen geplant
oder zumindest gewollt ablaufenden
Dehumanisierungsprogramms. Der
deutsche Konsul Walter Rößler in
Aleppo jedenfalls meinte bereits im
Wallstein Verlag
5»Wer sich zur Wehr setzte, wurde einfach auf der Strasse erschlagen.« Der Schriftsteller Armin T. Wegner (1886–1978) sah als
Sanitäts­unteroffizier mit eigenen Augen die Gräueltaten. Seine Fotografien zeigte er erstmals 1919 in Berlin.
Sommer 1915, nachdem ihm mehrere
Berichte zugegangen waren, die im
Prinzip alle das gleiche bezeugten, eine
regelrechte »Methode« zu erkennen,
»die Verbannten auf der Wanderung
umzubringen«. Die Vertreibung und
Vernichtung der osmanischen Armenier aus Anatolien und dem europäi­
schen Teil der heutigen Türkei war,
spätestens seit Mitte Mai 1915, ein organisierter Vorgang, bei dem übrigens
moderne Kommunikationsmittel wie
die Telegrafie eine nicht unerhebliche
Rolle spielten. Im Fall der historischen
armenischen Provinzen Ostanatoliens
konnte der Innenminister des Osmanischen Reichs, Mehmet Talaat Pascha,
bereits im August 1915 gegenüber der
deutschen Botschaft verkünden: »La
question armenienne n’existe plus«
(»Die armenische Frage existiert nicht
mehr«). Eine zweite Welle von Massakern fand 1916 in der mesopotamischen
Wüste statt.
»Grauenvolle Leichenparade«
Der Weg in die Wüste glich, wie der
deutsche Offizier und ehemalige Konsul in Täbris, Wilhelm Litten, dem
deutschen Konsulat in Aleppo Anfang
Februar 1916 in einem langen Bericht
schilderte, einem »Weg des Grauens«.
Überall entlang der Bahnlinie hinter
Deir ez-Zor am Euphrat sah Litten auf
dem Weg nach Aleppo Leichen in den
Feldern oder am Bahndamm liegen,
blutige und halbgebleichte Skelette,
herumliegende Wäschefetzen, Kleidungsstücke und Reste von Hausrat.
Die Leute waren verhungernd umhergeirrt, viele in einer der kalten Winternächte erfroren. Zwischen Sabha und
Meskene begegnete er den ersten Zügen von Vertriebenen. »Ein großer Armeniertransport war hinter Sabha an
mir vorbeigekommen, von der Gendarmeriebedeckung zu immer größerer Eile angetrieben«, so Litten, »und
nun entrollte sich mir in leibhaftiger
Gestalt das Trauerspiel der Nachzügler. Ich sah am Wege Hungernde und
Dürstende, Kranke, Sterbende, soeben
Verstorbene, Tausende neben den frischen Leichen; und wer sich nicht
schnell von der Leiche des Angehörigen trennen konnte, setzte sein Leben
aufs Spiel, denn die nächste Station
oder Oase liegt für den Fußgänger drei
Tagesmärsche entfernt. Von Hunger,
Krankheit, Schmerz entkräftet taumeln
sie weiter, stürzen, bleiben liegen.«
Und nun listete Litten minutiös auf,
was er im Einzelnen gesehen hatte. Am
31. Januar 1916 war er um 11 Uhr vormittags in Deir ez-Zor abgefahren.
Nach drei Stunden Fahrt begann eine
»grauenvolle Leichenparade« entlang
des Wegs, die sich bis zum 4. Februar,
also fünf Tage, fortsetzte. Litten beob­
achtete am 31. Januar um 1 Uhr nachmittags eine junge Frau, die mit dem
Rücken nach oben nackt am Boden lag.
Eine halbe Stunde später einen auf dem
Rücken liegenden nackten Greis und
einen nackten Jüngling, »linkes Gesäß
herausgerissen«. Um 2 Uhr fünf frische
Gräber, fünf Minuten später einen
Mann mit blutenden entblößten Geschlechtsteilen. Zwei Minuten später
einen Mann in Verwesung, eine Minute später einen anderen mit schmerzentstelltem Gesicht am Wegesrand,
zwei Minuten danach einen mit angefressenem Oberkörper. Und so ging es
die nächsten fünf Tage weiter, die
ganze Strecke über Tibni, Sabha, Hamam, Abu Herera und Meskene bis
nach Aleppo. Es war Winter, auch im
Orient. Die Nächte waren oft frostkalt.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
11
Wallstein Verlag
Der Völkermord an den Armeniern
5»Nur mit Bewunderung konnte man die Zähigkeit ihres Lebens betrachten.« Armin
T. Wegner über die vertriebenen Armenier in der Wüste.
Am 6. Februar 1916 vermerkte Litten
starken Schneefall in Aleppo.
All das ließ sich weder durch Exzesse
noch durch spontane kriminelle Handlungen erklären. Das Osmanische
Reich war seit einem Staatsstreich 1913
eine Einparteiendiktatur, die erste der
modernen Geschichte. Herrschende
Kraft war das nationalradikale »jungtürkische« Komitee für Einheit und
Fortschritt, das sich eine »Türkisierung« des Landes auf die Fahnen geschrieben hatte. Der jungtürkische
Partei­tag sprach im Herbst 1916 rückblickend in aller Offenheit davon, dass
die alte osmanische Politik der multikulturellen »Einigkeit der Bevölkerungselemente« Bankrott gemacht
habe und deshalb seit einiger Zeit eine
»Ära der Säuberungen« angebrochen
sei.
Der erste große, ideologisch motivierte Völkermord des 20. Jahrhunderts – auf den sich Adolf Hitler vor
dem Münchner Volksgericht 1924 als
eine »Entgiftungsaktion« ausdrücklich
berief – hatte die radikale nationalistische, und, wie man hinzufügen muss,
strikt antireligiöse Fraktion des »Komitees für Einheit und Fortschritt« zum
12
Urheber, deren Köpfe ohnehin schon
seit Längerem von türkistischen Reinheitsideologien und antiarmenischen
Stereotypen beherrscht waren.
Mitverantwortung des
­Deutschen Reiches
Im Kern ging es 1915/16, so der in die
Schweiz geflüchtete ehemalige TürkeiKorrespondent der »Kölnischen Zeitung«, Harry Stürmer, in einem 1917
in Lausanne veröffentlichten Buch, um
»innere Kolonisation« und um die
­»gewaltsame Nationalisierung des bisher gemischtrassigen Landes«. Neuere
Forschungen kritischer türkischer
­Historiker, die sich auf osmanische
Quellen beziehen, haben diese Sicht
nachdrücklich bekräftigt. Die meisten
Zeitgenossen verstanden die bevölkerungspolitische Modernität der Zielsetzungen dieses Genozids jedoch
nicht, weil sie ihre Augen hauptsächlich auf die barbarischen Methoden
richteten, mit denen er durchgeführt
wurde.
Die Reichsregierung war über alle
­diese Vorgänge genauestens informiert.
Die deutsche Presse war angehalten,
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
offizielle osmanische Darstellungen zu
veröffentlichen, oder sie ent­hielt sich
durch Selbstzensur. Doch es gab auch
im Krieg auf unterschiedlichen, vor
allem kirchlichen Ebenen, eine intensive kritische Kommunikation über das
Thema. Unter den meisten deutschen
Intellektuellen und Meinungsträgern
herrschte allerdings dröhnendes
Schweigen und oft ein erschreckender
moralischer Werterelativismus. Zudem
machten der grundsätzliche Mangel an
Öffentlichkeit und die kritiklose Übernahme türkischer Standpunkte es der
osmanischen Führung besonders
leicht, das Deutsche Reich in die auch
international so wahrgenommene Rolle
einer bewussten Komplizenschaft zu
zwingen.
Insgesamt hat die deutsche Reichsregierung die Verfolgung der Armenier
weder unterstützt noch willkommen
geheißen. Allerdings muss man der
Reichsregierung eine extreme morali­
sche Gleichgültigkeit und einen grundsätzlichen Mangel an entschiedenen
Maßnahmen, selbst im Rahmen des
politisch Möglichen, gegen die Verbrechen ihres Bündnispartners vorhalten.
Die Akteure auf deutscher Seite verhiel­
ten sich jedoch durchaus unterschiedlich. Botschafter Paul Graf Wolff-Metternich, der Nachfolger Wangenheims
nach dessen Tod im Oktober 1915, fand
gegenüber Reichskanzler Bethmann
Hollweg Ende 1915 deutliche Worte,
als er diesen aufforderte, der türki­
schen Regierung wegen der Armenierfrage mit Konsequenzen zu drohen.
»Auch soll man in unserer Presse den
Unmut über die Armenier-Verfolgung
zum Ausdruck kommen lassen und
mit Lob­hudeleien der Türken aufhören«, so Wolff-Metternich: »Wir brauchen gar nicht so ängstlich mit den Türken umzugehen. Leicht können sie
nicht auf die andere Seite schwenken
und Frieden machen.«
Bethmann Hollweg war allerdings
über solche Vorstöße eher entsetzt. »Ich
begreife nicht, wie Metternich diesen
Vorschlag machen kann«, notierte er
an den Rand des Dokuments: »Die vorgeschlagene öffentliche Koramierung
[Befragung] eines Bundesgenossen
während eines laufenden Krieges wäre
eine Maßregel, wie sie in der Geschichte noch nicht dagewesen ist. Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum
Ende des Krieges an unserer Seite zu
die Türkei an, wo die Tendenz zum Extremen die Form eines Völkermords
annahm.« Im Prinzip ist das eine präzise Beschreibung der oben zitierten
Kernaussage Bethmann Hollwegs.
Wolff-Metternich – von türkischer
Seite gern herablassend als »armenischer Botschafter« bezeichnet –
wurde durch eine Intrige des deutschen Militärattachés und EnverFreundes Hans Humann bald nach
Berlin zurückberufen. Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg sprach angesichts der armenischen Gräuel zwar
vom »Erwachen der Bestie im Menschen« und einem der »schwärzesten
Kapitel in der Geschichte aller Zeiten
und Völker«. Doch gleichzeitig vertrat
er die Ansicht, man müsse aus zwingenden militärischen Gründen die osmanische Reichsleitung um jeden
Preis unterstützen, Talaat und Enver
seien unersetzbar. Erst im späten
Frühjahr 1918 drohte sein Erster Generalquartiermeister Erich Ludendorff Enver ­Pascha mit harschen Worten einen völligen Bruch des Bündnisses an, als türkische Truppen die
im Vertrag von Brest-Litowsk gezogenen Grenzen in Frage stellten und
in den Kaukasus einmarschierten.
Aber hier waren deutsche Interessen
im Spiel; es ging um das Öl am Kaspischen Meer. 1915 hätte man sich
­solche deutlichen Worte ebenfalls gewünscht, doch sie unterblieben. Zweifellos ist die armenische Frage in­
sofern auch ein Teil der deutschen
­Geschichte.
Bundesarchiv Bild 183-R99689
bpk
halten, gleichgültig ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht. Bei
länger andauerndem Kriege werden
wir die Türken noch sehr brauchen.«
Hans von Wangenheim hatte diese Linie im Prinzip schon früh vorgegeben,
auch wenn er genau wusste, was im
Land vor sich ging, und gelegentlich
vorsichtig versuchte, dagegen zu intervenieren. Wolff-Metternich trat dagegen mit Bestimmtheit auf. Dem Großwesir teilte er Anfang Dezember 1915
mit, »dass die Verfolgung und Misshandlung von Hunderttausenden unschuldiger Personen keine legitime Abwehrmaßnahme eines Staates« bilde.
Andere, vor allem »zum wiederholten
Malen höhere deutsche Offiziere, ohne
sich der politischen Konsequenzen bewusst zu sein«, wie der in Konstantinopel wirkende deutsche Botschaftsprediger Siegfried von Lüttichau es 1918
in einer Denkschrift formulierte, teilten
auf skandalöse Weise die Stereotypen
und die Ratio der Vernichtungspolitik
ihrer türkischen Bündnispartner, wenn
auch in der ihnen eigenen Weise einer
radikal militärischen und damit nicht
notwendig genozidalen Logik. Alle
­diese Differenzierungen vorausgesetzt,
kann man von einer qualifizierten Mitverantwortung des Deutschen Reichs
sprechen. »Die Standards einer existenziellen militärischen Auseinandersetzung«, meint die US-amerikanische
Historikerin Isabel Hull, »die Deutschland auf sich selbst anwandte, seine
Truppen, seine Bürger und jene in den
besetzten Zonen, wandte es auch auf
Auseinandersetzung mit dem
Genozid in der Türkei
Die offene Auseinandersetzung mit
der Geschichte der osmanischen Armenier wird von wachsenden Teilen der
türkischen Zivilgesellschaft seit einigen Jahren als Voraussetzung für eine
demokratische Zukunft ihres Landes
gesehen. Das beinhaltet auch eine kritische Sicht auf nationalstaatliche
Gründungsmythen. Der in Deutschland promovierte und in den USA lehrende türkische Historiker Taner Ak­
çam formulierte schon Mitte der 1990er
Jahre die These, die Legitimität der
moder­nen Türkei beruhe auf einem
Genozid. Damit stellte er die offizielle
Staatsideologie in Frage, wonach die
Türkische Republik das Ergebnis des
heroischen Überlebenskampfs einer
dem Untergang nahen Nation war. In
Wirklichkeit, so Akçam, fand die türki­
sche Nationsbildung im Kampf gegen
eine soziale Realität statt, die durch
ethnische, konfessionelle und kulturel­le
Differenzen gekennzeichnet war und
die man in paranoider Verkennung als
gefährliche Bedrohung empfand.
Für die jungtürkischen Führer, so der
deutsche Talaat-Freund und Journalist
Ernst Jäckh, hatte der Weltkrieg ein
Hauptziel: »Die Türkei wollte türkisch
werden«. So entstand der folgenreiche
türkische Mythos eines Befreiungskampfs, in dessen Gesamtvision die
Vernichtung der osmanischen Armenier durch höhere nationale Ziele gerechtfertigt werden konnte. Der Gründer der Türkischen Republik, Mustafa
Kemal Atatürk, so wusste Jäckh, ließ
deshalb nie einen Zweifel daran, »dass
seine Leistung in einem beträchtlichen
Ausmaß auf Talaats Schultern ruhte«.
Alle diese Faktoren sind heute noch
die Haupthindernisse einer offenen
Vergangenheitsbewältigung in der
Türkei.
 Rolf Hosfeld
Literaturtipps
5Die deutschen Botschafter Hans Freiherr von Wangenheim (1859–1915) und Paul
Graf Wolff-Metternich (1853–1934).
Taner Akçam, Armenien und der Völkermord: Die Istanbuler Prozesse und die türkische Nationalbewegung, Hamburg 1996.
Wolfgang Gust (Hrsg.), Der Völkermord an den Armeniern
1915/16. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amts, Springe 2005.
Rolf Hosfeld, Tod in der Wüste. Der Völkermord an den Armeniern, München 2015.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
13
Deutsch-israelische Beziehungen
pa/dpa/Kurt Meyerowitz
Waffen als Wegbereiter der
deutsch-israelischen Beziehungen
5Franz Joseph Strauß (1915–1988) war von 1956 bis 1962 deutscher Verteidigungsminister und trieb die deutsch-israelische Aussöhnung durch Rüstungsdeals voran. Hier wird er bei seinem Israel-Besuch 1962 von Israels stellvertretendem Verteidigungs­
minister Shimon Peres (*1923, links) und Moshe Dayan (1915–1981), der den Suez-Krieg befehligt hatte, in Empfang genommen.
E
s ist nur eine kleine Meldung,
aber der Symbolgehalt ist umso
größer: »Israelische Piloten erleben Eurofighter«, so geschehen im September 2014 beim Taktischen Luftwaffengeschwader 74 auf dem Fliegerhorst
Lechfeld. Dort hatten zwei Kampfpiloten der israelischen Streitkräfte (Israel Defense Forces, IDF) Gelegenheit,
Erfahrungen auszutauschen und im
modernsten Kampfflugzeug der Bun­
des­wehr mitzufliegen. Wie viele ande­re
Erlebnisse demonstriert auch diese
Begeg­nung das freundschaftliche Verhältnis, das israelische Streitkräfte und
Bundeswehr heute unterhalten. Auch
in Rüstungsfragen kooperieren beide
Seiten eng miteinander. So liefert
Deutschland etwa U-Boote der »Dolphin«-Klasse an Israel, während die
Bundeswehr israelische »Spike«-Panzerabwehrraketen und Aufklärungsdrohnen vom Typ »Heron« bezieht.
14
Israelische Waffen in deutschen Händen, deutsche Rüstung unter dem Davidstern? Was heute den Anschein von
Normalität hat und scheinbar selbstverständlich wirkt, war ehedem undenkbar. Niemand hätte sich am 12. Mai
1965, als die Bundesrepublik Deutschland und Israel die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und den Austausch von Botschaftern bekanntgaben,
vorstellen können, dass Deutschland
einmal, nach den USA, Israels verlässlichster Freund und Verbündeter sein
würde.
Im Jahr 1965 waren gerade einmal 20
Jahre seit dem Ende der Shoah, dem
nationalsozialistischen Völkermord an
den Juden Europas, verstrichen. Viele
Israelis, vielleicht sogar die meisten,
standen der Annäherung an (West-)
Deutschland skeptisch bis ablehnend
gegenüber, zu schmerzhaft-präsent
war die leidvolle Vergangenheit. »Sechs
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
Millionen Mal Nein!« skandierten die
Demonstranten auf den Straßen Jerusalems, im steten Gedenken an die
sechs Millionen Juden, die von HitlerDeutschland vergast, erschossen oder
zu Tode gefoltert worden waren. Unter
den damals rund 2,6 Millionen Einwohnern Israels gab es Hunderttausende, die während der Shoah unvorstellbares Leid erfahren hatten und von
den Gräueln der Vernichtungslager für
immer gezeichnet waren.
Zwar hatte Israels erster Ministerpräsident David Ben Gurion schon früh an
ein »anderes«, ein demokratisches
Deutschland geglaubt. Trotzdem
wollten die meisten Israelis damit
nichts zu tun haben. Bis 1956 noch hatten sie sich sogar die Einreise in das
Land der Täter offiziell versagt: »Gültig für alle Staaten außer Deutschland«
lautete der entsprechende Vermerk in
jedem israelischen Reisepass.
Und doch führte an der Bundesrepublik kein Weg vorbei, weder wirtschaftlich noch militärisch. Israel war ein
kleines Land, es verfügte weder über
Bodenschätze noch Devisen, stand
aber, umgeben von Feinden, vor der
Herausforderung, sein Überleben sichern zu müssen.
Kein arabischer Staat war bereit, den
jüdischen Staat als legitim und von
Dauer anzuerkennen. Sofort nach dessen Gründung am 14. Mai 1948 waren
die Armeen Ägyptens, Transjorda­
niens, Syriens, des Libanon und des
Irak aufmarschiert, um Israels Existenz
noch im Keim zu ersticken. Den israelischen Streitkräften hatte es an allem
gefehlt: Feldflaschen, Funkgeräte, Waffen. Dass es Israel dennoch gelang, die
arabische Offensive abzuwehren, verdankte es den heimlichen Waffenlieferungen der Tschechoslowakei, die, wie
die Sowjetunion, zu den ersten Staaten
überhaupt gehörte, die Israel de jure
anerkannt hatten.
War die Unterstützung der Tschechoslowaken mit Billigung oder vielmehr
auf Geheiß der Sowjetunion erfolgt, so
änderte sich Moskaus Nahostpolitik
rasch zugunsten einer arabischen Allianz. Schnell fand man in Israels Erzfeind Gamal Abdel Nasser einen neuen
Verbündeten. Der ägyptische Offizier
hatte 1952 den Militärputsch gegen
den korrupten König Faruk angeführt,
wurde 1954 zum Staatschef gewählt,
propagierte einen panarabischen Sozia­
lismus und begeisterte die arabischen
Massen.
Die Sowjetunion umwarb den charismatischen Ägypter mit dem Modernsten, was ihre Rüstungskombinate
zu bieten hatten. Bestrebt, der Vorherrschaft der Briten in der erdölreichen
Region des Nahen Ostens ein Ende zu
setzen, selbst Einfluss zu nehmen und
im Kalten Krieg eine zweite Front gegen die USA zu eröffnen, ergriff der
Kreml im Herbst 1955 die entscheidende Chance zur Machtprojektion:
Ägypten unterzeichnete mit der kommunistischen Tschechoslowakei ein
Abkommen über ein riesiges Waffengeschäft.
In Israel schrillten alle Alarmglocken.
Nasser hatte, zumindest nach außen,
keinen Zweifel daran gelassen, gegen
wen diese Waffen gerichtet sein sollten.
So schickte er sich an, eine gesamtarabische Einheit für den Krieg gegen Israel zu schmieden, um die Juden zurück »ins Meer zu jagen«.
Damals waren die IDF – heute stärkste Streitmacht im Nahen Osten – noch
weit von ihrem Postulat entfernt, jeder
Koalition arabischer Staaten militärisch-technologisch überlegen zu sein.
Israels später so erfolgreiche Rüstungsindustrie (Israel Military Industries,
IMI) steckte noch in den Kinderschuhen. Und mit den USA bestanden noch
nicht jene »besonderen Beziehungen«,
die Israel Jahre später in den Besitz der
neuesten Waffensysteme brachten. Präsident Dwight D. Eisenhower und sein
Außenminister John Foster Dulles weigerten sich sogar, dem Ersuchen Jerusalems um Waffen nachzukommen.
Denn um einen Rüstungswettlauf zu
vermeiden, hatten die drei westlichen
Großmächte 1950 ein Waffenembargo
über die Region verhängt. Entsprechend lieferten auch Großbritannien
und Frankreich zunächst nur wenig
Waffen.
Erst mit der von Nasser betriebenen
Verstaatlichung des Suez-Kanals wie
auch angesichts der Tatsache, dass das
ägyptische Militärregime die Aufständischen gegen die französische Herrschaft in Algerien unterstützte, verbesserten sich die Beziehungen zu den
ehemaligen Mandatsmächten des Nahen Ostens. Großbritannien und vor
allem Frankreich zeigten sich von nun
an bereit, dem jüdischen Staat mit Waffen und Wissen zur Seite zu stehen.
Um der Bedrohung durch Nasser zuvorzukommen, drängte der israelische
Generalstabschef Moshe Dayan zum
Angriff. Am 29. Oktober 1956, 16.59
Uhr Ortszeit, sprangen 395 israelische
Fallschirmjäger über der ägyptischen
Sinai-Halbinsel ab. Der Suez-Krieg hatte
begonnen und Dayans Truppen benötig­
ten nur wenige Tage, um Nassers Soldaten in die Flucht zu schlagen.
Trotz der Unterstützung durch Briten
und Franzosen, die die SuezkanalZone besetzten, sah Ben Gurion jedoch
voraus, dass der Schulterschluss nur
von begrenzter Dauer sein würde: Die
beiden Großmächte verfolgten zu viele
eigene Interessen im arabischen Raum.
Sollte es die politische Lage erfordern,
würden sich die Regierungen in London und Paris rasch wieder gegen Israels Rüstungswünsche wenden. Es war
also an der Zeit, sich nach einem weiteren Waffenlieferanten umzusehen:
der Bundesrepublik Deutschland.
»Wiedergutmachung«
Kontakte nach Deutschland bestanden
bereits. Konrad Adenauer hatte im
September 1951 in einer lange vorbereiteten Regierungserklärung vor dem
Deutschen Bundestag die Verantwortung der Bundesrepublik für die Verbrechen des Dritten Reiches anerkannt
und Deutschlands Pflicht zur Sühne
betont. Ein Jahr später, im September
1952, folgte das Luxemburg-Abkommen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland über finanzielle
pa/AP images
Existenzbedrohung
5Gefangennahme von ägyptischen Soldaten durch Angehörige der israelischen
Armee während des Suez-Krieges im Herbst 1956: Gemeinsam mit ihren britischen
und französischen Verbündeten errang die IDF einen militärischen Sieg über
Ägyten.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
15
Deutsch-israelische Beziehungen
16
galt es, deutsche Waffenlieferungen zu
akzeptieren.
Andererseits hatte sich die Bundesrepublik Israel jüngst als verlässlicher
Partner empfohlen. Obwohl Eisen ­
hower die Bundesregierung drängte,
die Shilumin so lange auszusetzen, wie
Israel sich weigerte, aus den 1956 im
Suez-Krieg besetzten Gebieten abzuziehen, erfüllte Adenauer das Luxemburg-Abkommen buchstabengetreu,
da er sich nicht zum Erfüllungsgehilfen der US-Amerikaner machen lassen
wollte. Das brachte jene, die mit der
Verteidigung Israels betraut waren, zu
der Schlussfolgerung, den beiderseitigen Beziehungen »eine neue Dimension« hinzuzufügen – selbst wenn dies
bedeutete, eine militärische Kooperation mit den ehemaligen Verantwortlichen der Shoah einzugehen.
Denn Israels Fortbestand blieb auch
nach dem jüngsten Waffengang prekär.
Wieder war es zu keiner Friedensvereinbarung gekommen. Shimon Peres,
seit 1953 Generaldirektor des Verteidigungsministeriums und ab 1959 stellvertretender Verteidigungsminister,
resümierte: »Die Araber verlangen gar
nichts von Israel – außer seiner totalen
Vernichtung.« Und während Nasser
»alle seine Waffen per Telefon in Russland bestellen« konnte, war es für Israel ungleich schwerer, jenes Wehrmaterial zu beschaffen, das es benötigte,
um sein militärisches Überleben aus eigener Kraft zu sichern.
kommunisten imponierte ihn überdies,
wie sich das kleine Israel den Drohungen der Supermacht Sowjetunion
entgegengestellt hatte, den israelischen
Vormarsch auf dem Sinai mit militärischer Macht zu stoppen.
Dort hatten die vorrückenden Israelis große Mengen an sowjetischer Rüs­
tung erbeutet. Schon aufgrund der
bundesdeutschen Position an der Nahtstelle zwischen Ost und West hatten
Adenauer und Strauß ein immenses
Interesse an der Auswertung sowjeti­
scher Rüstungstechnologien. Auf Anweisung von Peres konnte Strauß wenige Wochen nach der Militäraktion
­erste Muster von Waffen und Geräten
zu Forschungszwecken in Empfang
nehmen. Und noch eine weitere Lieferung erreichte den Verteidigungsminis­
ter: eine israelische Uzi, ein brandneues und doch schon kriegserprobtes
Fabrikat. Die Sendung war verbunden
mit der Bitte, die Schnellfeuerwaffe zur
Einführung in die seit 1955 im Aufbau
begriffene Bundeswehr prüfen zu lassen.
Als der Vorgang in Israel bekannt
wurde, reagierte die Öffentlichkeit empört: eine israelische Waffe ausgerechnet für deutsche Soldaten! In einer hitzigen Debatte in der Knesset, dem israelischen Parlament, schleuderte Menachem Begin seinem Widersacher Ben
Gurion die Anschuldigung entgegen:
»Sollen diejenigen, die ihre Hände mit
jüdischer Seife gewaschen haben, auch
jüdische Waffen tragen?«
Das Fundament der
­diplomatischen Beziehungen
In dieser kritischen Situation wandte
sich Peres über alle moralischen Vorbehalte hinweg – sein geliebter Großvater
war von den Nazis in der hölzernen
Synagoge von Wischnewa bei lebendigem Leibe verbrannt worden – an
Franz Josef Strauß, seit Oktober 1956
Verteidigungsminister im Kabinett
Adenauer.
Strauß hatte zu den lautstärksten Widersachern des Luxemburg-Abkommens gehört und sollte auch später
viele Entscheidungen fällen, die nicht
im Interesse Israels lagen. Wohl aber
schien der Offizier des Zweiten Weltkrieges persönlich fasziniert vom militärischen Erfolg, den die Israelis jüngst
im Blitzkrieg gegen die Ägypter davon­
getragen hatten. Als überzeugtem Anti­
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
pa/Fred Stein
Entschädigungen. Die Vereinbarung
(euphemistisch als »Wiedergutmachung« bezeichnet) hatte in beiden
Staaten zu heftigen Debatten geführt.
Im Bundestag argumentierten nicht
wenige Abgeordnete, dass die (west-)
deutsche Nachkriegswirtschaft nicht
gleichzeitig die Kosten für die angestrebte Wiederbewaffnung, die Zahlungsverpflichtungen an die Westmächte sowie die Reparationen an
­Israel würde stemmen können. Andere
befürchteten, das Übereinkommen
könne Bonns Beziehungen zu den arabischen Staaten dauerhaft gefährden,
welche die Bundesrepublik schon bald
nach 1945 aufgebaut hatte. Mehr als
die Hälfte der Bundesbürger, 54 Prozent, hielten die Zahlungen sogar »für
überflüssig«!
Adenauer stellte sich dem allen entgegen. (West-)Deutschland, so der
Kanzler, musste seine Beziehungen zu
Israel und dem jüdischen Volk neu
ordnen und auf eine tragfeste Basis
stellen, wollte es aus dem Schatten der
Vergangenheit treten und anerkanntes
Mitglied der westlichen Staatengemeinschaft werden. Gerne hätte die
Bundesrepublik deshalb bereits 1952
zu Israel diplomatische Beziehungen
aufgenommen, was freilich so kurz
nach der Shoah für Israel unvorstellbar
war.
Ohnehin hatten in Israel die Verhandlungen über die Zahlungen – hebräisch Shilumim – wütende Proteste,
Entsetzen und Abscheu hervorgerufen.
Es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, den schlimmsten, die das
Land je erlebte und die es faktisch vor
eine Zerreißprobe stellten. Trotz größter wirtschaftlicher Not erschien es in
allen Teilen der israelischen Gesellschaft unvorstellbar, von Deutschland
materielle Hilfe anzunehmen. Zu den
entschiedensten und führenden Gegnern des »Blutgeldes« gehörte der spätere Ministerpräsident Menachem Begin, dessen Eltern, Bruder und zwei
Neffen von den Nazis ermordet worden waren.
Jede deutsch-israelische Annäherung
bewegte sich auf dünnem Eis. Noch
lange wurden jene Waren aus der Bundesrepublik, die Israel im Rahmen des
Luxemburg-Abkommens erreichten,
von der israelischen Öffentlichkeit nur
widerstrebend akzeptiert. Als völlig
abwegig und gänzlich ausgeschlossen
5David Ben Gurion (1886–1973) war der
erste Premierminister Israels. In seiner
zweiten Amtszeit von 1955 bis 1963
wurden die Grundlagen der deutschisraelischen Beziehungen gelegt.
erte, als es darum ging, die beiderseitigen Beziehungen zu formalisieren
und dadurch die Bereitschaft zu fixieren, für Israels Existenzrecht einzustehen. Erfolgreich drohten Nasser und
die arabischen Staaten für diesen Fall,
die diplomatischen Beziehungen zur
Bundesrepublik abzubrechen und
stattdessen die DDR anzuerkennen.
Für Bonn rangierte damals die Hallstein-Doktrin, der gesamtdeutsche Alleinvertretungsanspruch, offenbar vor
der Aussöhnung mit Israel. Andererseits brauchte Israel angesichts der Bedrohungslage konkrete und zeitnahe
militärische Hilfe, mit oder ohne offizielle diplomatische Beziehungen. Und
diese erhoffte sich Peres von den Westdeutschen. Entsprechend übergab er
Strauß in Rott am Inn eine Liste mit
Wünschen, auf der unter anderem
Transportflugzeuge, Hubschrauber,
Artilleriegeschütze und Panzerabwehrraketen aufgelistet waren.
Bonns Beitrag zur Gewährlestung
der israelischen Sicherheit wurde auf
dem historischen Treffen zwischen
Konrad Adenauer und David Ben Gurion am 14. März 1960 im New Yorker
Waldorf-Astoria Hotel bekräftigt. Doch
schon zwei Jahre vorher begann Westdeutschland Waffen an Israel zu liefern. Um den Transfer geheim zu halten, bewiesen Strauß und jene, die ihn
unterstützten, ein hohes Maß an Kreativität und Erfindungsreichtum: »Wir
haben«, schreibt Strauß in seinen Erinnerungen, »die Israel zugesagten Geräte und Waffen heimlich aus den Depots der Bundeswehr geholt und hernach als Ablenkungsmanöver bei der
Polizei […] Diebstahlsanzeige erstattet.« Und weil deutsche Rüstungshilfe
zu diesem Zeitpunkt von der israelischen Öffentlichkeit niemals akzeptiert worden wäre, wurden »Flugzeuge
und Hubschrauber ohne Hoheitszeichen nach Frankreich geflogen und
von Marseille aus nach Israel verschifft«. Insgesamt, so Strauß, erhielten
die Israelis Lieferungen im Wert von
300 Millionen D-Mark – eine gigantische Summe, ohne dass diese Israel
jemals in Rechnung gestellt worden
wären.
Für Strauß war es nur folgerichtig,
dass deutsche Waffen jetzt zur Verteidigung Israels dienten, nachdem »Millionen Juden als Konsequenz einer verbrecherischen deutschen Politik und
ap/dpa/pa/SZ Photo
Für Peres indes überwogen zweckmäßige Gesichtspunkte. Bereits die
Holländer hatten die Uzi für ihre Truppen geordert; sollte sich die Bundesrepublik anschließen, bestand eine gute
Chance, die Uzi als NATO-Standardwaffe zu etablieren. Tatsächlich entschied Strauß später, die als MP2
­bekannte Waffe für die Truppe anzuschaffen. Sie hatte sich auch unter
schlechtesten Bedingungen bewährt
und war zudem günstiger als das vergleichbare schwedische Modell. Ihr
Verkauf diente der israelischen Wirtschaft, förderte Kontakte zwischen den
aufstrebenden Rüstungsindustrien beider Staaten und unterstützte nicht zuletzt Israels Position als einzigen demokratischen Staat westlicher Prägung
in der Region. Wie kaum ein anderer
befürchtete der deutsche Verteidigungsminister das weitere Vordringen
des Sowjetkommunismus in Nahost,
Europas offener Flanke.
Außerdem wurden im Geheimen
auch Mörsergranaten und Infanteriemunition geordert. Darüber hinaus
ließ das Bundesverteidigungsministerium in Israel Uniformen für die
Bundes­wehr anfertigen, was in den Belegschaften der entsprechenden israeli­
schen Firmen zu Arbeitsniederlegungen führte. Vor noch nicht allzu
langer Zeit hatten Juden in den Ghettos
Uniformen für die Wehrmacht nähen
müssen.
Eingefädelt worden war der Rüs­
tungsdeal Ende Dezember 1957 zwischen Shimon Peres und dem deutschen
Verteidigungsminister in dessen Privathaus in Rott am Inn – geheim und
im Verborgenen, ohne je schriftlich fixiert zu werden. Der Weg dorthin war
für die anreisenden Israelis keineswegs
einfach, nicht nur der winterlich glatten
Straßen wegen. Der dichte Nebel, erzählte Peres, habe unweigerlich Erinnerungen an jenen Rauch geweckt, der
unaufhörlich durch die Schornsteine
der Krematorien in den Vernichtungslagern gezogen war. Trotz allem stellte
die Reise in vielfacher Hinsicht Weichen für die Zukunft. Sie schlug ein
neues Kapitel in der Geschichte auf –
eines, das Deutschland in die Pflicht
nehmen und gleichzeitig die Chance
eröffnen würde, eine Brücke über den
Abgrund der Vergangenheit zu bauen.
Zur Enttäuschung der Israelis war es
aber jetzt die Bundesrepublik, die mau-
5Während eines Herbstmanövers 1959
ließ sich Verteidigungsminister Strauß
von einem Fallschirmjäger dessen
Maschinen­pistole Uzi erklären.
durch deutsche Waffen umgebracht«
worden waren. Mit der deutschen Rüs­
tungshilfe, meinte Peres rückblickend,
habe Deutschland in einem »weiteren,
umfassenderen Sinn eine Wiedergutmachung an Israel« vorgenommen, indem »es versuchte dazu beizutragen,
Israel gegen die Gefahren der Zukunft
zu schützen«. Und so war es nach dem
Grauen der Shoah gerade das Undenkbare – die militärische Zusammenarbeit –, was Vertrauen schaffte und zu
der seit 50 Jahren währenden deutschisraelischen Partnerschaft führte.
 Pedi D. Lehmann
Im Gedenken an
Dan Wischnitzer, Avigdor, Israel
Literaturtipps
Niels Hansen, Aus dem Schatten der Katastrophe. Die
deutsch-israelischen Beziehungen in der Ära Konrad
Adenauer und David Ben Gurion. Ein dokumentierter Bericht, Düsseldorf 2000.
Avi Primor, … mit Ausnahme Deutschlands. Als Botschafter Israels in Bonn, Berlin 1997.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
17
Masadas letzte Männer
Masadas letzte Männer –
akg-images/Albatross/Duby Tal
ungebeugte Helden oder nachträgliche Erfindung?
5Die Bergfestung Masada von Nordwest aus gesehen: Im Vordergrund rechts befinden sich die Überreste eines der römischen
Lager; daneben ist die aufgeschüttete Rampe zu sehen, im Hintergrund das Tote Meer.
D
ie Festung Masada am Toten
Meer ist ein steinerner Mythos
des heroischen letzten jüdi­
schen Kampfes gegen den übermächtigen Gegner Rom im Jahre 74 n.Chr. Er
endete nach längerer Belagerung mit
einem Massensuizid der Zeloten, religiös motivierte Widerstandskämpfer
gegen die römische Besatzung, in aussichtsloser Lage. Seither steht »Masada«
als Sinnbild des »kämpfenden Juden«,
weswegen israelische Rekruten heute
in den Ruinen der Festung vereidigt
werden. 1981 wurde eine achtteilige
Fernsehserie »Masada« mit Peter
O’Toole sowie Peter Strauss produziert
und George Taboris gleichnamiges
Bühnenstück wurde 1988 uraufgeführt. Dabei basiert der gesamte Mythos auf der im Nachhinein sehr erfolgreichen Darstellung des Kampfes in
dem Buch »Geschichte des Judäischen
Krieges« (»De bello Iudaico«) des römisch-jüdischen Historikers Flavius
Josephus (37-100 n.Chr.). Doch wie
glaubhaft sind seine Angaben?
18
Die Quellenlage
Die Schilderung setzt im achten Kapitel des siebten Buches des »Judäischen
Krieges« ein. Zu der Zeit, als Masada
zum ersten Mal in den Blick größerer
Aufmerksamkeit rückte, war überall
im Land bereits friedhofsartige Ruhe
eingekehrt: Jerusalem war zerstört,
der zweite Tempel, das größte Heiligtum der Juden überhaupt, lag in
Schutt und Asche, die Anführer der
Revolten befanden sich in römischem
Gewahrsam und die judäische Freiheitsbewegung lag am Boden. In dieser Situation ­übernahm ein römischer
Statthalter (Promagistrat) das Oberkommando in der Provinz – Flavius
Silva: »Als er sah, dass das ganze Land
durch den Krieg unterworfen worden
war und nur eine einzige Festung
noch im Abfall beharrte, sammelte er
die an den verschiedenen Plätzen gelegene Streitmacht und zog gegen
­diese Festung. Ihr Name war Masada«
(VII, 8, 1).
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
Masada war eine der gewaltigsten
Festungen, die der verstorbene König
Herodes der Große jemals hatte errichten lassen. Sie liegt auf einem Dolomitfelsen, dessen Höhe und Schroffheit
das Plateau nahezu unzugänglich machen. Die östliche Flanke fällt zum Toten Meer 400 Meter steil ab. Auf den
Felsen hinauf führen nur zwei Wege:
Im Westen existiert ein Aufstieg, im
Osten gibt es den wegen seiner Windungen benannten »Schlangenpfad«.
Auf dem Plateau befand sich nun, laut
Josephus, »eine Mauer aus weißem Gestein, 12 Ellen hoch und 8 Ellen dick
[1 Elle = 0,444258 Meter]. Auf der
Mauer aber standen zudem noch 37
Türme, jeweils 50 Ellen hoch, von denen man zu den Innenräumen gelangen konnte, die innerhalb der ganzen
Mauer gebaut waren« (VII, 8, 3).
Darüberhinaus war die Festung mit
genügend Vorräten wie Wein, Öl und
Getreide ausgerüstet. Alles in allem
herrschten also gute Bedingungen, um
einem römischen Angriff über lange
Unzuverlässige Quellen?
Aus heutiger Sicht ist Flavius Josephus
ein sehr zuverlässiger Chronist. Dies
liegt vor allem an seiner persönlichen
Beteiligung bzw. Verstrickung in die
Ereignisse im Judäa der sechziger und
siebziger Jahre nach Christus: So hatte
er zu einem frühen Stadium des Aufstands eine Führungsposition innerhalb der Rebellion inne, kommandierte
persönlich die Truppen der Verteidiger
der belagerten Stadt Jotapata und fiel
nach der Niederlage der Stadt in die
Hände der Römer. Daraufhin wechselte er die Seiten und war als Beobachter sowie Parlamentär in römischen
Diensten an der Belagerung Jerusalems
beteiligt. Nach dem Fall der Stadt
beglei­tete Josephus den römischen
Feldherrn Titus nach Rom. Bei der Belagerung Masadas aber war er nicht
anwesend und berichtete daher nicht
als Augen­zeuge. Die Belagerung der
Wüstenfestung sowie die kollektive
Tötungsmaßnahme übernahm er aus
anderen Quellen, vermutlich aus römi­
schen Archiven, in denen möglicherweise Berichte der 10. römischen Legion »Fretensis« oder ihres Kommandeurs, Flavius Silva, eingelagert waren.
Für diese Hypothese spricht, dass die
Angaben, die Josephus zu den Installationen und Bauten der Belagerer macht,
allesamt ungemein und bis ins Detail
hinein korrekt sind. So beschreibt er
minutiös die Beschaffenheit der römischen Sturmbrücke, deren von ihm
genannte Charakteristika allesamt anhand archäologischer Untersuchungen
nachgewiesen bzw. bestätigt werden
konnten: Weißes Felsmaterial, Verstärkung der Erde mit Holzbalken (deren
Reste tatsächlich entdeckt wurden) sowie die Lage der Rampe stimmen genau mit seinen Angaben überein.
Zu der Situation der Belagerten hingegen äußert er sich nur sehr vage oder
überhaupt nicht. Anders tut er dies bei
der Beschreibung der Zustände im belagerten Jerusalem, wo er sich seitenweise über die Streitigkeiten, Zwiste
und Nöte in der umzingelten und von
aller Hilfe abgeschnittenen Stadt auslässt. Die einzige Person, die er ausführlich beschreibt, ist der Festungskommandant Eleazar, der jedoch auch
nur durch ewig lange, rechtfertigende
und sämtliche Höllenszenarien ausmalende Monologe glänzt. Interessant ist,
dass sich mehrere Frauen zu Beginn
des kollektiven Suizids vor den übri­
gen Sikariern verstecken und dann den
Römern nachträglich von den Ereignissen Zeugnis geben: »Dabei wußte die
eine unter ihnen ganz genau darzulegen, wie man gesprochen und gehandelt hatte« (VII, 9, 2). Dieser Satz wirkt
in dem Zusammenhang wie eine nachträglich eingeschobene Quellenangabe,
auf die Josephus sonst verzichtet. Bei
der Belagerung von Jerusalem verschweigt er seine Informanten, hier
aber muss er sich rechtfertigen und legt
daher sehr großen Wert auf eine Quelbpk
Zeit hinweg standhalten zu können.
Besonders radikale jüdische Aufständische, sogenannte Sikarier, besetzten
im Laufe des Judäischen Krieges die
Festung und verschanzten sich dort; an
ihrer Spitze befand sich ein Mann namens Eleazar.
Die Vorgehensweise der Römer gestaltete sich kaltblütig, präzise und,
wie fast immer, extrem effektiv. Zunächst befahl Silva die Anlage mit
einem Wall (circumvallatio) zu umfassen, der eine Länge von 4,2 Kilometern
erreichte. Diese Aufschüttung ist auch
heute noch vor Ort zu sehen. Bestandteil der Umwallung waren auch zwölf
Türme und acht römische Feldlager.
Am Westabhang des Plateaus errichteten die Römer eine 73 Meter hohe
Rampe, auf die sie einen mit Metall
verkleideten Belagerungsturm zogen.
Der Belagerungsturm diente als Basis
eines Rammbocks wie auch als »Artillerieturm«, von dem aus die Verteidiger auf der Mauer beschossen werden
konnten. Die Wirkung dieser todbringenden Installation war furchtbar,
denn schon bald konnten die Angreifer
eine Bresche in die Mauer schlagen.
Die Verteidiger errichteten hastig eine
Palisade. Sie bestand aus ineinander
verkeilten Holzbalken und Füllmaterial aus Erde, um die Stöße des Sturmbocks in elastischer Art und Weise auffangen zu können. Die Römer steckten
sie jedoch kurzerhand in Brand.
Der Rest des achten Kapitels im siebten Buch erzählt von Eleazars Reden
und Bemühungen, die er unternahm,
um eine Gefangenschaft seiner Leute
zu verhindern. Ein Massenselbstmord
war die Folge: Die etwa 1000 radikalen
Rebellen, bis zuletzt ungebeugt, gaben
sich selbst den Tod. Insgesamt hatten
sich wohl 1100 bis 1200 Menschen auf
dem Plateau befunden; zwischen 100
und 200 waren durch die Kämpfe umgekommen.
3Flavius Josephus
(etwa 38–100
n.Chr.) galt vielen
Juden als Verräter,
da er sich den
­Römern angeschlossen hatte.
Sein Werk »De
bello Iudaico« ist
bis heute die
wichtigste schriftliche Quelle zur
Geschichte des
jüdi­schen Aufstandes gegen das
Römische Reich
(66–73 n.Chr.).
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
19
Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin/
Dirk Sonnenwald
Masadas letzte Männer
5Die Münze aus der flavischen Zeit (69–96 n.Chr.), auf der die endgültige Niederschlagung des Judäischen Aufstandes gefeiert wird. Auf der Rückseite der Münze
sieht man eine Palme mit einem stehenden gefesselten judäischen Mann und einer
sitzenden, weinenden judäischen Frau. Darüber die Schrift: IUD CAP = Iudaea capta
(Iudäa ist gefallen).
lenangabe, die die Richtigkeit seiner
Angaben, insbesondere aber die Wahrheitstreue der Wiedergabe von Eleazars Rede, garantiert. Josephus war
also sehr viel daran gelegen, die Richtigkeit seiner Angaben zu demonstrieren. Damit wich er aber von seiner eige­
nen Norm ab. Wieso verwies er hier
auf seine Quellen, wenn er es an anderer Stelle nicht tat? Woher wusste Josephus so detailreich Bescheid um das
Geschehen in der Festung? Waren es
wirklich die Gefangenen, die berichteten, oder schmückte der Historiker ein
nur vage bekanntes Szenario im Nachhinein aus, um es für die Nachwelt angemessen zu heroisieren?
Die ärchäologischen Befunde
Die Frage nach der Glaubwürdigkeit
von Flavius Josephus bezüglich seiner
Angaben zur kollektiven Selbsttötung
kann durch den archäologischen Befund eventuell geklärt werden. In den
Jahren 1963/64 wurde Masada unter
der Leitung von Yigael Yadin, Archäologe und von 1949 bis 1952 Generalstabschef der israelischen Streitkräfte,
ausgegraben. Im Laufe der Untersuchungen wurde sehr schnell klar, dass
sich die allermeisten Angaben, die Flavius Josephus sowohl zum Aussehen
der Festung als auch zum Hergang der
Schlacht machte, mit den Grabungsbefunden deckten. Der Selbstmord der
Verteidiger Masadas ist jedoch archäologisch schwer nachweisbar. Fakt ist,
dass in den Ruinen der nördlichen Sektion der Festung drei menschliche Skelette gefunden wurden; es handelte
20
sich um die Reste eines ca. 20-jährigen
Mannes; ferner um das Skelett einer
jungen Frau, deren Haar aufgrund der
Trockenheit erhalten geblieben war, sowie um ein Kinderskelett mit kleinen
Sandalen. 25 weitere Skelette wurden
in einer Höhle unterhalb der südlichen
Kasemattenmauer entdeckt. Allerdings
ist es unwahrscheinlich, dass es sich
um die Reste der Verteidiger handelte,
vielmehr waren es Skelette von Menschen, die in einem frühen Stadium des
Kampfes gestorben und deren sterblichen Überreste aus Angst vor Seuchenausbreitung außerhalb der Mauern verbracht worden waren.
Das Fehlen von Leichen auf dem Plateau könnte auf zwei Ursachen zurückzuführen sein: Entweder sind die Angaben bei Flavius Josephus erfunden
und es hat nie eine kollektive Selbsttötung gegeben. Josephus verfasste sein
Geschichtswerk mit dem Ziel, einerseits die judäische Widerstandsbewegung zu heroisieren und ein positives
Bild für die Nachwelt zu überliefern
und andererseits seinen eigenen Seitenwechsel während des Krieges zu
rechtfertigen. Ein heroischer Akt in
aussichtloser Lage passte daher ganz
gut in sein erinnerungspolitisches Programm. Oder aber es hat den Massensuizid doch gegeben und die Leichen
der letzten Verteidiger von Masada
wurden von den Römern verbrannt?
Der israelische Archäologe Yoram Tsafrir hält dies für durchaus möglich, da
es unwahrscheinlich ist, dass die Körper der Belagerten jahrelang auf dem
Plateau lagen. Aus einer Untersuchung
aus dem Jahr 2005 geht deutlich her-
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
vor, dass es in der römischen Armee
klare Regelungen gab, wie mit den Leichen der Gefallenen nach einer Schlacht
umzugehen sei. Man ließ die toten Körper nicht einfach herumliegen, sondern
bestattete bzw. verbrannte diese – auch
um einer drohenden Seuchengefahr
vorzubeugen. Jedoch beantwortet dies
nicht die Frage, ob sich die letzten Verteidiger von Masada selbst töteten oder
nicht. Die Nachwelt steht nun vor dem
Problem, dass es keinen sicheren Nachweis der kollektiven Selbsttötung gibt,
dass aber dieser fehlende Nachweis
nicht als Beleg des Gegenteils gewertet
werden kann.
Stärke der Festung
Ein anderes, interessantes Indiz liefert
die Betrachtung der Stärke der Verteidigungsanlagen der Wüstenfestung:
Wie standen überhaupt die Chancen
auf eine erfolgreiche Verteidigung?
Bei der Klärung dieser Frage spielt
die unzugängliche Lage der Festung
eine wichtige Rolle: Ohne technische
Hilfsmittel wie etwa die römische Belagerungsrampe war es für Angreifer
kaum möglich, das Plateau zu erreichen. War der Aufstieg erst einmal geschafft, standen die Angreifer vor
einem kasemattierten Wall von 1290
Metern Länge, 6 Metern Höhe und einer durchschnittlichen Stärke von 6,4
Metern, der den gesamten Rand des
Plateaus umschloss. Der innere Mauerzug wies eine durchschnittliche Breite
von nur 95 Zentimetern auf, der äußere
Mauerzug war immerhin 1,4 Meter
stark. Der Nachteil einer Kasemattenmauer lag in eben dieser leichten Bauweise begründet: Zwei dünne Wände
samt dazwischen liegendem Hohlraum waren mit konventionellen Mitteln der Mauerzersetzung (Katapulte,
Sturm-/Rammböcke) leichter zu durchbrechen als ein auf der gesamten Mauerbreite dick ausgeführter Massivwall.
Die Verteidiger sahen das Risiko eines
direkten Angriffs auf die Mauer Masadas offenbar als gering an. Keiner der
beiden Mauerzüge war wirklich massiv. Sie dürften sich in erster Linie darauf verlassen haben, dass es Angreifern nicht gelingen würde, auf die
Höhe des Plateaus zu gelangen.
Eine andere Tatsache kommt erschwerend hinzu. Wie bereits erwähnt,
waren auf der Festungsmauer im Ab-
akg-images/Gerard Degeorge
stand von 45 Metern Türme platziert.
Josephus äußert sich nicht dazu, ob auf
den Plattformen der Türme »Geschütze« installiert waren. Bereits in
der Defensivarchitektur nach dem Aufkommen der Torsionsgeschütze um
399 v.Chr. können Geschütztürme
nachgewiesen werden. »First-generation catapult towers« waren vor allem
für Anti-Personen-Geschütze wie Gastrapheten (Bauchschleuderer) geeignet
und »second generation catapult towers« wurden zur Stationierung schwe­
rer und schwerster Artillerie konzipiert. Der Vergleich zwischen den Maßen dieser Türme und denjenigen, die
Yadin und seine Kollege für Masada
nachweisen konnten, lässt durchaus
darauf schließen, dass die Türme Masadas Geschütztürme gewesen sein
könnten. So wies auch einer der Türme
der Stadtmauer, die spätestens im dritten Jahrhundert v.Chr. um die griechische Stadt Messene gebaut worden
war, lediglich eine Mauerstärke von
0,58 Metern und eine Höhe von 9 Metern auf, er besaß aber eine Geschützkammer mit rechteckigen Fenstern und
eine darüber errichtete Kampfplattform. Die Stärke der die Kasemattenmauer bildenden Mauerzüge von
Masada betrug 95 Zentimeter innen
und 1,4 Meter außen. Der Vergleich
zeigt, dass die Türme Masadas stark
genug waren, um Katapulte aufzunehmen.
Einen endgültigen archäologischen
Nachweis für die «Geschützturm«Theorie gibt es leider nicht, da Mauer
und Türme zum Zeitpunkt ihrer Ausgrabung komplett eingestürzt und deren Reste zum Teil sogar über den Abhang des Felsens in die Tiefe gestürzt
waren. Daher wurden in Rekonstruk­
tionsvorschlägen die Türme stets als
konventionelle Türme, d.h. nicht zum
Tragen von Geschützen geeignet, nachgebildet.
Yadin und sein Team fanden außerdem schwere Rollsteine innerhalb der
Festung, die möglicherweise für eine
Verwendung als Waffe geeignet gewesen wären, wenn man sie den Abhang
hinuntergeworfen hätte. An der Stelle
des römischen Durchbruchs hingegen
wurden hunderte römische Geschosse
gefunden, doch nur wenige, scheinbar
ungenutzt liegen gebliebene Rollsteine.
Daran, so Yadin, sei die Aussichtslosigkeit der Verteidigungsintention deut-
5Rekonstruktion einer römischen Kriegsmaschine, die bei der Belagerung von Masada zum Einsatz kam.
lich zu erkennen. Das lässt den Schluss
zu, dass die Katapulte Masadas entweder außer Funktion waren, keine Munition hatten oder dass es sie schlicht
nicht gab.
Aus all den oben angeführten Überlegungen zur Stärke der Befestigung
Masadas geht hervor, dass die Verteidigungsmöglichkeiten nicht unbedingt
groß waren, wenn der Feind erst einmal einen Weg gefunden hatte, auf das
Plateau zu gelangen, auf dem die Fes­
tung errichtet worden war: Die Mauer
war leicht zu durchstoßen und »Geschütztürme« gab es nicht oder waren
zu diesem Zeitpunkt nicht mehr
kampftauglich. Zudem bestand die
Schar der Verteidiger, die sich innerhalb der Mauern aufhielten, zwar aus
zum Äußersten enschlossenen Käm­
pfern, die jedoch hinsichtlich der militärischen Ausbildung den römischen
Legionären deutlich unterlegen waren.
Eleazar, ihr zum Zynismus neigender
Anführer, musste sich im Angesicht
der fertiggestellten und mit einem Belagerungsturm bestückten Rampe die
Niederlage seiner Zeloten eingestehen.
Bilanz
Da es keine archäologischen Befunde
gibt, die aus der Endphase des Kampfes
um das Masada-Plateau stammen,
kann der von Josephus geschilderte
Massensuizid weder mit absoluter Sicherheit bestätigt noch vollkommen
widerlegt werden. Die Frage, ob auf
dem Masada-Felsen im Jahre 74 n.Chr.
eine kollektive Selbsttötung stattfand,
ist aus heutiger Sicht nicht mehr zu
klären.
Es gibt aber dennoch einige Anhaltspunkte, welche einen derartig drastischen Schritt der Verteidiger plausibel machen. Hauptpunkt der Argumentation ist insbesondere die nur mäßige Stärke der Verteidigungsanlagen
der Festung – wenn ein Angreifer einmal auf dem Plateau Fuß gefasst hatte,
so war er nur noch schwer zu bekämpfen. In Anbetracht aller zusammengetragenen Indizien ist der Kollektivsuizid der letzten Verteidiger von Masada
sehr wahrscheinlich. Flavius Josephus
ist also auch in diesem Punkt als glaubwürdig anzusehen.
 Stefan E.A. Wagner
Literaturtipps
Flavius Josephus, Geschichte des Judäischen Krieges. Übersetzt und bearbeitet von Heinrich Clementz, Wiesbaden
2012.
Yigael Yadin, Masada. Der letzte Kampf um die Festung des
Herodes, Hamburg 1967.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
21
Das historische Stichwort
Das Edelweißabzeichen
der Gebirgsjäger
S
eine Majestät der Kaiser haben
genehmigt, dass die Truppen des
Alpenkorps als Abzeichen das
Edelweiß an der Kopfbedeckung tragen.« Im Juni 1915 schenkten die österreichisch-ungarischen Verbündeten
den Soldaten des deutschen Alpenkorps Edelweißabzeichen als Geste kameradschaftlicher Verbundenheit.
Noch heute tragen die Gebirgsjäger
der Bundeswehr auf der linken Seite
ihrer Bergmütze dieses charakteristische Symbol, das in diesem Jahr 100
Jahre alt wird. Grund genug, um einen
Rückblick auf die Anfänge der deutschen Gebirgstruppe und die Ursprünge ihres Abzeichens zu werfen.
Vor dem Ersten Weltkrieg glaubte
man im Deutschen Reich, dass eine eigene Gebirgstruppe entbehrlich sei,
obwohl Nachbarstaaten wie Frankreich, Italien und Österreich-Ungarn
bereits damit begonnen hatten, erste
Verbände für den Kampf im Gebirge
aufzustellen. Offenbar begnügte man
sich mit der Gewissheit, dass der Großteil der deutschen Gebirge an österreichisch-ungarisches Staatsgebiet grenzte
und mit dem Verbündeten in absehbarer Zeit kein Konflikt zu erwarten
war. Zudem schien sich das südbayerische Alpengebiet kaum für umfangreiche Kampfhandlungen zu eignen.
Folglich sollte ein Gegner aus Süden
ungehindert bis in die schwäbisch-bay­
erische Hochebene vordringen können, um dort gestellt und besiegt zu
werden. Die Fehleinschätzung, daher
keine Gebirgstruppe zu benötigen, erwies sich bereits im ersten Kriegswinter 1914/15 als fatal, als sich deutsche
Truppen an der Vogesenfront mit den
»Chasseurs alpins«, den französischen
Alpenjägern, konfrontiert sahen und
diesen ohne äquivalente Ausbildung
und Ausrüstung begegnen mussten.
Als Reaktion wurden im Laufe des
Winters vier »Schneeschuh-Bataillone«
aufgestellt, die vornehmlich aus freiwilligen Skiläufern bestanden und die
Grundlage für die spätere deutsche
Gebirgstruppe bildeten.
22
DHM, Inventarnr. PK 90/517
Service
5In Stellung an der hochalpinen Front: Angehörige des Alpenkorps im Kriegsjahr
1915/16. Zeichnung des Dresdner Malers Rudolf Trache.
Von den »Schneeschuhlern«
zum Alpenkorps
Die politischen Ereignisse des Jahres
1915 führten schließlich dazu, dass
auch das Deutsche Reich eigene Verbände für den Kampf im Gebirge aufstellen musste. Der seit 1882 zwischen
Österreich-Ungarn, Italien und dem Reich
bestehende Dreibund hatte schon vor
dem Ersten Weltkrieg Risse bekommen, da sich besonders die Donaumonarchie und Italien zunehmend misstrauten und beide Seiten bereits Angriffspläne auf den jeweiligen Partner
ausgearbeitet hatten. 1914 verhielt sich
Italien zunächst neutral, begann jedoch
bald erste Verhandlungen mit der Entente über einen Kriegseintritt auf deren Seite. Zeitgleich forderte Italien
von Österreich-Ungarn die Abtretung
von Grenzgebieten, in welchen italienische Minderheiten lebten, aber auch
des deutschsprachigen Südtirol bis
zum Brenner, weil man diesen als »natürliche« Grenze betrachtete. Da diesem »Erpressungsversuch« aus Sicht
von Österreich-Ungarn unmöglich
stattgeben werden konnte, trat Italien
aus dem Dreibund aus und erklärte am
23. Mai 1915 Österreich-Ungarn den
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
Krieg. An das Deutsche Reich erging
zunächst keine Kriegserklärung.
Die Oberste Heeresleitung (OHL)
war indes bereits Anfang 1915 in Sorge
geraten, ob Österreich-Ungarn einem
eventuellen Angriff Italiens standhalten würde, und drängte daher die Regierung in Wien, Zugeständnisse an
Italien zu machen. Als aber mehr und
mehr klar wurde, dass sich ein Krieg
mit dem einstigen italienischen Bündnispartner nicht vermeiden ließ, erging
am 20. Mai 1915 durch das Preußische
Kriegsministerium die Aufforderung
an das Bayerische Kriegsministerium,
sofort ein »Alpenkorps« aufzustellen.
Die Aufgabe dieser ersten deutschen
Gebirgstruppe bestand darin, ÖsterreichUngarn im Kriegsfall Unterstützung
gegen Italien zu leisten. Das Alpenkorps wurde dabei aus Eliteeinheiten,
etwa dem Bayerischen Infanterie-Leibregiment oder dem Hannoverschen Jägerbataillon Nr. 10, zusammengestellt.
Die vier »Schneeschuh-Bataillone« waren ebenso eingebunden und wurden
zum Jäger-Regiment Nr. 3 zusammengefasst. Das Alpenkorps entsprach mit
seiner Gesamtstärke von 26 000 Mann
dabei eher einer verstärkten Division
als einem Armeekorps. Es verfügte al-
Pollen, das vermutlich eine der originalen Versionen von 1915 zeigt.
lerdings über Korpstruppen wie
schwere Artillerie, Kolonnen und
Trains, Pionierkompanien, Fernsprecheinheiten und eine Fliegerabteilung. Zum »Führer des Alpenkorps«
wurde der bayerische Generalleutnant
Konrad Krafft von Dellmensingen
(1862-1953) bestimmt. Er versammelte
seine neue Truppe unverzüglich in
Südtirol.
Das Edelweiß als Zeichen der
Kameradschaft
Am 21. Mai 1915 traf Generalleutnant
Krafft in Innsbruck ein und bekam
vom Landesverteidigungskommando
Tirol ein Edelweißabzeichen geschenkt.
Anfang Juni wurden wiederum durch
das Landesverteidigungskommando
dem Alpenkorps weitere 20 000 Edelweißabzeichen überreicht. Schon seit
1907 war dieses das Symbol der k.k.
Landwehrgebirgstruppe und wurde
daher bei den Verbündeten sehr geachtet. Die Schenkung an das Alpenkorps
sollte vor allem ein äußerliches Zeichen für den Zusammenhalt der käm­
pfenden Soldaten an der neuen Front
im Süden darstellen.
Unklar ist bis heute, welche genaue
Form diese ersten Abzeichen aufwiesen. Sicher ist nur, dass es sich um ein
hohlgeprägtes Emblem aus Metall handelte, das eine Edelweißblüte mit aufgesetzten Pollen ohne Stiel zeigte und
von der Firma geliefert wurden, die die
österreichisch-ungarischen Abzeichen
Sammlung Andreas Kammloth
Sammlung Andreas Bauer
5Edelweißabzeichen mit sechs gelben
herstellte. Auf zeitgenössischen Fotografien finden sich eine ganze Reihe
unterschiedlicher Varianten des Abzeichens. Allerdings ist auch ein Tausch
oder eine Schenkung unter den Soldaten denkbar, da ebenso Angehörige des
Alpenkorps mit österreichisch-ungarischen Edelweißvarianten auf diesen
Fotografien abgebildet sind.
Obwohl das Abzeichen zur Stärkung
der Kameradschaft verliehen wurde,
entstand bald eine rege Diskussion um
das Edelweiß, da es in der deutschen
Armee eher unüblich gewesen war,
Abzeichen an »Krätzchen« (Feldmütze), Tschako oder Schirmmütze zu
tragen. Daher bedurfte es der Genehmigung durch Kaiser Wilhelms II.
­General Krafft schuf jedoch zunächst
vollendete Tatsachen und erlaubte
eigen­mächtig das Tragen des Abzeichens. Zudem stellte er den nötigen
Antrag bewusst erst drei Wochen nach
der Verleihung, um sicher zu gehen,
dass jeder Mann sein Edelweiß erhalten hatte. In Berlin reagierte man ungehalten auf die Verleihung und verwies
darauf, dass sich der Kaiser »wiederholt scharf gegen Eigenmächtigkeiten
im Anzuge, wie sie zum Schaden der
Manneszucht vielfach jetzt in Erscheinung treten, ausgesprochen« habe.
Folglich verlangte man, dass die Abzeichen wieder abgelegt werden sollten.
Krafft schrieb daraufhin eine Gegendarstellung, in der er den besonderen
Charakter der Schenkung betonte und
argumentierte, dass die Verbündeten
eine Ablehnung des Geschenkes als
mutwillige Unfreundlichkeit empfinden würden.
Mangels einer Antwort aus Berlin
trugen die Männer des Alpenkorps das
Edelweiß zunächst auch ohne die kaiserliche Genehmigung, bis am 14. August 1915 der Korps-Tages-Befehl des
Alpenkorps festhielt: »Seine Majestät
der Kaiser haben genehmigt, dass die
Truppen des Alpenkorps als Abzeichen
das Edelweiß an der Kopfbedeckung
tragen. Das Edelweiß wird an jeder
Kopfbedeckung über dem linken Ohr
getragen. Das Anbringen an anderen
Stellen (z.B. Kragenpatten) und anderer Abzeichen, sowie das Tragen lebender Blumen im Dienst ist untersagt.«
Folglich war die Trageweise genauestens geregelt. Die Gebirgsdivisionen
der Wehrmacht trugen das Edelweiß
ebenso, wie auch heute das Abzeichen
die Bergmützen der Gebirgsjäger der
Bundeswehr ziert. Angesichts der immer wieder aufflammenden Diskussionen um die Traditionspflege in der
demokratischen Armee stellt dies eine
bemerkenswerte Koninuität dar.
Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges
gab es weitere Diskussionen darüber,
ob das Edelweiß ein Kampf- oder ein
Verbandsabzeichen sei. Das Preußische
Kriegministerium setzte sich mit seiner
Ansicht, dass es sich hierbei um ein
Kampfabzeichen handelte, gegenüber
dem Bayerischen Kriegsministerium
durch. Folglich waren in der Theorie
nur diejenigen Männer dazu berechtigt, ein Edelweiß an ihrer Kopfbedeckung zu tragen, die in Tirol von Mai
bis Oktober 1915 gekämpft hatten.
Dem Nachersatz des Alpenkorps war
es verboten, das Abzeichen zu tragen,
was aber in der Praxis oftmals ignoriert
wurde.
Immanuel Voigt
Literaturtipps
5Ein Soldat des Bayerischen InfanterieLeibregiments posiert für ein Studioportrait. Sein Edelweißabzeichen ist
deutlich zu erkennen.
Michael Forcher, Tirol und der Erste Weltkrieg. Ereignisse,
Hintergründe, Schicksale, Innsbruck, Wien 2014.
Günther Hebert, Das Alpenkorps. Aufbau, Organisation und
Einsatz einer Gebirgstruppe im Ersten Weltkrieg, Boppard
a.Rh. 1988.
Immanuel Voigt, Das Alpenkorps an der Dolomiten-Front
1915. Mythos und Realität, Bozen 2014.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
23
Service
!
Neue Medien
Comics & Graphic Novels
Selbstmordattentäterin
N
ah dran, schmerzhaft realistisch:
Die vorliegende Graphic Novel
gewährt dem Leser mit den Augen des
jungen palästinensischen Chirurgen
Dr. Amin Jaafari einen intensiven Einblick in viele Facetten des immer noch
andauernden Konfliktes um den paläs­
tinensischen Staat. Dr. Jaafaris Welt, in
der er sich in einem Tel Aviver Krankenhaus unermüdlich um die Opfer
des Bürgerkriegs kümmert, bricht zusammen, als seine Frau bei einem
Loic Dauvillier/Glen
Chapron, Das Attentat. Hamburg 2013.
ISBN 978-3-55178250-2; 152 S.,
18,90 Euro
Selbstmordattentat ums Leben kommt.
Die grausame Erkenntnis, dass seine
Frau selbst die Attentäterin war, treibt
ihn zu einer selbstzerstörerischen Suche nach den Gründen an. Jaafari
taucht dabei tief in die Lebenswelt und
Wirklichkeit im Gazastreifen, in Israel
und im Westjordanland ein, in die Hintergründe aus Bangen und Hoffen, aus
Religion, Glaube und Radikalisierung,
aus Wut, Ohnmacht und Gewalt. Stück
für Stück legt er immer wieder kleine
und größere Teile des Puzzles frei, wie
und warum seine scheinbar glückliche
Frau so eine Tat verüben konnte. Dabei
gerät er jedoch unweigerlich zwischen
die verhärteten Fronten von Israelis
und Palästinensern. Er erfährt am eigenen Leib die Angst und Gewalt, die
diesem Konflikt innewohnen, was dieser aus und mit Menschen macht und
zahlt am Ende den höchsten Preis für
die Suche nach der Wahrheit.
Die Graphic Novel ist sehr ansprechend und in sich schlüssig gezeichnet
und erlaubt es dem Leser, der dichten
Story von Anfang bis Ende gut zu folgen. Das Besondere an diesem Band
ist, dass die Menschen auf beiden Seiten des Konfliktes ein Gesicht und eine
Geschichte bekommen. Dies hilft, diesen Krieg etwas mehr zu verstehen, die
24
menschliche Dimension besser zu erfas­
sen. Der dieser Graphic Novel zugrundeliegende Roman wurde bereits zum
Bestseller; die gezeichnete Version hat
zweifelsohne ebenso das Zeug dazu.
jm
DDR und diesem Teil unser eigenen
Geschichte auf den Punkt zu bringen:
den ungebrochenen Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung.
jm
Flucht aus der DDR
D
ie Mauer – immer noch der Anziehungspunkt für einen Großteil aller Berlin-Besucher und Touristen.
Aber 26 Jahre nach dem Fall ist sie fast
gänzlich verschwunden, Zeugnisse
und Spuren von ihr sind schwer zu finden. Graphic Novels wie die von Jou­
vray und Brachet können ihren Teil
dazu beitragen, nicht nur die Erinnerung an diese Zeit der deutsch-deutschen Geschichte zu erhalten, sondern
auch, um das Interesse daran (bei jungen Lesern erstmals) zu wecken. Die
beiden Künstler und Autoren richten
den Blick auf ein geteiltes Deutschland
und erzählen, angelehnt an wahre Ereignisse, die Geschichte einer kleinen
Gruppe von Studenten aus West-Berlin, die sich entschlossen haben, einen
Fluchttunnel für ihre Familienangehörigen und Freunde in der DDR zu graben. Immer der Gefahr der Entdeckung
oder des Scheiterns ausgeliefert, die
Angst als ständiger Begleiter, gräbt
sich die Gruppe immer weiter in die
DDR vor, um Freunden und Familienan­
gehörigen endlich ein Leben in Freiheit
zu ermöglichen. Die Story, insbesondere die Schilderung der Herausforderungen beim Bau des Tunnels, wirkt
dabei dicht und realistisch, auch wenn
das staatlich kontrollierte Leben in der
DDR und der alltägliche Druck ein wenig zu kurz beleuchtet werden. Die
Zeichnungen sind klar, größtenteils in
Pastelltönen gehalten und fangen damit durchaus die angespannte Atmosphäre des Unternehmens ein. Insgesamt vermag die Graphic Novel es, einen zentralen Aspekt des Lebens in der
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
Olivier Jouvray/
Nicolas Brachet,
Fluchttunnel nach WestBerlin, Berlin 2014. ISBN
978-3-945034-05-7;
56 S., 19,95 Euro
Robert Musil
I
n einem Militärinternat an der Peripherie des k.u.k. Reiches, um 1900:
Törleß ist 16 Jahre alt, ein eher gedankenversunkener, sensibler Junge auf
der Suche nach Erkenntnis und Erfahrung. Seine Lehrer und die örtliche
Prostituierte helfen dabei wenig weiter, weder in intellektueller noch in sexueller Hinsicht. Doch als Törleß und
seine Mitschüler Reitling und Beineberg ihren Kameraden Basini des Diebstahls überführen, entwickelt sich für
den Zögling die Chance, die menschliche Psyche zu erforschen. Die drei zei­
gen Basini nicht bei der Heimleitung
an, sondern üben sich in Selbstjus­tiz
und Machtspielen: Reitling und Beineberg misshandeln Basini, sie schlagen
ihn und nehmen sexuelle Handlungen
an ihm vor. Auch Törleß beteiligt sich
an den Misshandlungen, indem er versucht, durch psychische Erniedrigung
die Beweggründe für das Handeln Basinis zu erforschen. Mitleid oder Reue
empfindet er dabei nicht.
»Die Verwirrungen des Zöglings Törleß« gilt als einer der wichtigsten
deutschsprachigen Romane der literarischen Moderne. Der Autor, Robert
Musil (1880–1942), besuchte von 1892
bis 1897 selbst mehrere militärische Erziehungsanstalten; im Ersten Weltkrieg
Robert Musil, Die Verwirrungen des Zöglings Törleß,
Berlin 2014. ISBN 978-3-86231-334-1; 2 CDs, 158 Min.,
16,99 Euro
neue
diente er als Reserveoffizier. Sein Debütroman »Die Verwirrungen des Zöglings Törleß« erschien 1906 und bescherte ihm einen großen Erfolg. Die
öffentlichen Reaktionen darauf waren
gespalten: Die einen waren entsetzt
über die Darstellung der Kadettenanstalt, die anderen begrüßten ­ diese als
Kritik an einer als totalitär empfundenen Gesellschaft, die sich in dem
Modell der Schule wiederspiegle.
Musils Roman wurde von dem österreichischen Schauspieler und Sprecher
Michael Rotschopf für den SWR 2 in
vorsichtig gekürzter Form als Hörspiel
umgesetzt. Für die verschiedenen Rollen hat er namhafte Kollegen gewonnen; die Rolle des Törleß übernahm
Stefan Konarske, der seit 2012 im Dortmunder Tatort als Kommissar mitwirkt. Neben dem überzeugenden
Stimmenspiel in der Hörversion von
Musils Klassiker ist es vor allem der
wohl akzentuierte Einsatz von Musik,
der das Erzählte plastisch wirken lässt
und für Spannung sorgt.
fh
men kann der Besucher über einen
Zeitstrahl und eine Stichwortfunktion
suchen. Unter »Grenze« findet man
z.B. eine Fotodokumentation eines gescheiterten Fluchtversuches an der Berliner Chausseestraße im April 1989, als
zwei Männer mit einem gewagten
Langstreckensprint die ganze Grenz­
übergangsstelle bis nach West-Berlin
durchqueren wollten. Sie übersprangen mehrere Barrieren, wurden aber
auf den letzten Metern vor der Grenzlinie durch einen Warnschuss gestoppt
und festgenommen. Die Flucht wurde
von der Staatssicherheit genau mit
Skizze und Fotos dokumentiert (Abb.).
Was die beiden Flüchtenden nicht
wissen konnten, erfährt der Besucher
heute durch zwei Klicks weiter: Am 3.
April 1989 gegen 19 Uhr wurde durch
den amtierenden Verteidigungsminis­
www.stasi-mediathek.de
ter mündlich befohlen, »die Schusswaffe im Grenzdienst […] zur Verhinderung von Grenzdurchbrüchen nicht
anzuwenden«. Seit dem 4. April 1989
war die neue Befehlslage »bis zum
Grenzposten bekannt gemacht worden
und [wurde] praktiziert«. Der Bericht
darüber wurde von der Dependance
der Staatssicherheit beim Kommando
der Grenztruppen am 12. April verfasst
und kann heute im Original online eingesehen werden (Abb.). Der spannende
Blick in die Papiere des DDR-Geheimdienstes steht mit derzeit 160 Dokumenten erst am Anfang. Das Projekt
wird weiter ausgebaut werden.
ks
Geheimdienst der DDR
H
at jetzt die Stasi etwa einen eigenen Internetaufritt? Nein, natürlich nicht. Für den Internetauftritt
zeichnet der Bundesbeauftragte für die
Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen
Demokratischen Republik (BStU) verantwortlich. Aus dem Archiv seiner
Behörde wurden ausgewählte Dokumente des DDR-Geheimdienstes online gestellt: zumeist Papiere und Fotos, vereinzelt auch Bild- und Tonaufnahmen. Der erste Blick des Besuchers
wird auf vier herausgestellte, in Form
von Multimedia-Dossiers aufbereitete
Themen gelenkt: den Volksaufstand 1953,
den Schauprozess gegen einen in die
Bundesrepublik geflohenen frü­he­ren
Oberleutnant der DDR-Grenztruppen
1960, das Konzert Udo Lindenbergs in
Ost-Berlin 1983 und die Friedliche Revolution 1989. Der Besucher kann online in zahlreichen Stasi-internen Papieren blättern und sich Fotos und
Filmaufnahmen ansehen. Andere The-
http://verbrannte-orte.de/
Bücherverbrennungen 1933
D
irekt gegenüber der Berliner Universität auf dem Opernplatz –
heute: Bebelplatz – errichteten Studenten und Professoren am 10. Mai
1933 einen Scheiterhaufen voller Bücher und entzündeten diesen mit den
Worten »Wir haben unser Handeln gegen den undeutschen Geist gewendet.
Ich übergebe alles Undeutsche dem
Feuer!« Insgesamt wurden dort Werke
von 94 Autorinnen und Autoren verbrannt. Heute erinnert auf der Mitte
des Bebel-Platzes eine Plakette an die
Bücherverbrennung.
Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Ernest Hemingway und Erich Maria Remarque: Sie und über hundert weitere
Autorinnen und Autoren standen auf
der »Liste verbrennungswürdiger Bücher«. Sie bildete die Grundlage für die
»Aktion wider den undeutschen Geist«
im Mai und Juni 1933: Studierende und
andere Universitätsangehörige sortierten Werke verfemter Autorinnen
und Autoren aus den Regalen der
Buchhandlungen, öffentlichen und
Universitätsbibliotheken aus. Höhepunkt bildeten die Bücherverbrennungen, geplant und durchgeführt von
der Deutschen Studentenschaft, die
vom Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) dominiert wurde. Neben Berlin wurden
auch in 21 weiteren deutschen Universitätsstädten Scheiterhaufen errichtet.
Schon im März hatten lokale SA- und
SS-Gruppierungen Schriften von oppositionellen gesellschaftlichen Gruppen, von Gewerkschaften und Parteien
ins Feuer geworfen. Doch anders als in
Berlin sind die meisten Orte mittlerweile in Vergessenheit geraten. Sichtbare Zeichen gibt es kaum.
Deshalb rief der Fotograf Jan Schenck
das Projekt »Verbrannte Orte« ins Leben, um die Erinnerung an die versuchte Auslöschung unerwünschten
Kulturguts zu erhalten. Dazu werden
Dokumente und Hintergrundinformationen gesammelt und die Orte in ihrem heutigen Aussehen fotografisch
festgehalten. Das Projekt befindet sich
noch in der Beta-Version; Mitwirkung
ist erwünscht.
fh
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
25
Service
Lesetipp
Waterloo
Jahrestage
Wiener Kongress
L
W
D
aut Abba hat sich Napoleon bei
Waterloo ergeben. Wem gegenüber?
Brendan Simms gibt sich mit der vordergründigen Antwort »den Preußen
unter Blücher und den Briten unter
dem Herzog von Wellington« nicht zufrieden. Er konzentriert sich auf wichtige Brennpunkte der Schlacht und
sucht dort die Antworten. Inmitten des
Schlachtfeldes und zwischen den Armeen lagen zwei befestigte Gebäude,
um die heftig gekämpft wurde: Schloss
Hougomount und der Hof La Haye
Sainte mit seinen starken Mauern.
Während der Kampf um das Schloss
vielbeschrieben wurde, geriet das Gehöft eher in Vergessenheit. Es lag an
der Straße von Quartre Bras nach Brüssel und stellte ein Hindernis dar, das
Vormarsch, Angriff und Logistik blockierte. Verteidigt wurde es von des
»Königs Deutscher Legion«, einem
Verband Wellingtons, der in erster Linie
aus Braunschweigern und Hannoveranern bestand. Letzteres verwundert
nicht, da »Hannover« die Herrscherfamilie des Vereinigten Königreiches sowie des Kurfürstentums Hannover
war. Zudem bildete die gesamte Armee ein buntes Völkergemisch aus
Engländern, Schotten, Iren, Niederländern, Belgiern und Deutschen. Dies
macht deutlich, wie wenig sich nationale Kategorien zur Analyse der Situation im frühen 19. Jahrhundert eignen,
vom frühen 21. Jahrhundert ganz zu
schweigen. Die Legion verteidigte das
Gehöft sehr erfolgreich, band Napoleons Truppen, schwächte sie und sorgte
somit dafür, dass die heraneilenden Preu­
ßen ihm zusammen mit Wellingtons
Verbänden sein Waterloo bereiteten.
Neue Bücher wiederholen die Geschichte nicht immer – anders als Abba
es gesungen haben. Manchmal muss
ein neues Buch geschrieben werden, was
Brendan Simms
hier in faszinie­
render Form getan hat.
hp
Brendan Simms, Der
längste Nachmittag.
400 Deutsche, Napoleon
und die Entscheidung von
Waterloo, München 2014.
ISBN 978-3-406-67003-9;
191 S., 18,95 Euro
26
as passierte nochmal 1492? Klar,
Kolumbus »entdeckt« Amerika.
Und welches Ereignis wird mit dem
Jahr 1517 verbunden? Martin Luther
schlägt seine 95 Thesen an, das weiß
doch jedes Kind. Und 1789? Ach ja, die
Französische Revolution beginnt, der
Tag der Erstürmung der Bastille ist bis
heute Nationalfeiertag in Frankreich.
Viele Daten wie diese sind unweigerlich mit einem besonders wichtigen
oder außergewöhnlichen historischen
Ereignis verknüpft. Dabei ist doch auch
in solchen Jahren wie 1789 noch mehr
passiert als Ballhausschwur und
Bastille­erstürmung. In jenem Jahr wird
nämlich auch der erste Straßenatlas für
Eva-Maria Landwehr,
Berühmte Jahre oder
was noch geschah als
Heinrich nach
­Canossa ging und
Kolumbus Amerika
entdeckte, Darmstadt
2014. ISBN 978-386312-082-5; 240 S.,
24,95 Euro
Nordamerika veröffentlicht, der nicht
nur die wichtigsten Verbindungsstraßen, sondern auch Standorte von Kirchen, Gasthäusern und Schmiedewerkstätten verzeichnet. Oder 1492: Während Kolumbus noch ohne Atlas über
den Atlantik aufbricht, schlägt in Ensisheim im Elsass ein Meteorit ein – ein
Ereignis, das für die Bewohner sicherlich bedeutender ist als die Entdeckung
eines neuen Kontinents.
Eva-Maria Landwehr gelingt es, eine
amüsante Reise durch 1000 Jahre europäische Geschichte zu inszenieren, die
abseits der großen Ereignisse auch vermeintlich weniger wichtige Geschehnisse in den Blick nimmt. Diese erzählen vom alltäglichen Leben, von den
großen Dingen im Kleinen. Der hier
entstehende Rahmen verortet große
Umwälzungen wie den Westfälischen
Frieden 1648 oder die Ausrufung des
deutschen Kaiserreichs 1871 in ihrer
Zeit. Die Auswahl der – von der Autorin so genannten – »zweiten und dritten Plätze« in den Jahreschroniken ist
vielfältig und lädt zur entspannten
Lektüre ein.
fh
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
er Kongress tanzt, aber er kommt
nicht vorwärts«, so schrieb Fürst
von Ligne in einem Brief im November
1814 an den französischen Außenminister Talleyrand. Gemeint war der Wiener Kongress, der von September 1814
bis Juni 1815 stattfand und über die
Gestalt des nach-napoleonischen Europas entschied.
Zum 200-jährigen Jubiläum liefert
Adam Zamoyski mit »1815 – Napoleons Sturz und der Wiener Kongress«
die Fortsetzung seines erfolgreichen
Buches über das Desaster des napoleonischen Russlandfeldzuges von 1812.
Dabei versteht er den »Wiener Kongress« auch als Chiffre für die umwälzenden Ereignisse ab 1812: Die Großmächte verschoben Grenzen, stürzten
Herrscher und entschieden über die
Existenz ganzer Staaten. Breiten Raum
nimmt in den Schilderungen das gesellschaftliche Leben während des
Kongresses ein. Die täglichen Feste
und Bälle, die Liebschaften und Affären
der Diplomaten und Fürsten dienten
dabei nicht allein der Zerstreuung, sondern boten den Beteiligten Möglichkeiten zu politischen Absprachen.
Die Darstellung geht aber weit über
die eigentlichen Ereignisse in Wien hinaus. Der Autor schildert eindrücklich
und leicht verständlich das Wirken von
Diplomaten und Militärs im Hintergrund der Verhandlungen. Als Ergebnis des fast neunmonatigen Ringens
etablierten die fünf Großmächte in
Euro­pa ein System, das dem Kontinent
ein Jahrhundert relativen Friedens,
aber auch gesellschaftlicher Stagnation
brachte.
Das Buch überzeugt durch seine
quellengesättigte Darstellung der Ereignisse und durch seinen spannenden
Erzählstil. Es gelingt Zamoyski, die
verschiedenen Ebenen der Erzählung
zu einem stimmigen Gesamtbild zu vereinen.
Ein Genuss!
Carsten Siegel
Adam Zamoyski, 1815.
Napoleons Sturz und
der Wiener Kongress,
München 2014. ISBN
978-3-406-67123-4;
704 S., 29,95 Euro
Bayerische Armee
Reichstag
Erster Weltkrieg
D
D
K
ie Nordseite des von König Maximilian II. erbauten Siegestores in
München trägt seit dem Jahre 1850 die
Aufschrift: »DEM BAYERISCHEN
HEERE«. Seitdem hat es 164 Jahre gedauert, bis die erste handliche Einführung zur Geschichte der inzwischen
aufgelösten bayerischen Armee erschie­
nen ist, die von 1682 bis 1919 exis­tierte.
Das lesenswerte Buch aus der Feder
des ehemaligen Leiters des Kriegsarchivs (Bayerisches Hauptstaatsarchiv
Abt. IV) ist für den Unterricht an der
Bayerischen Archivschule konzeptioniert worden. Sein Lehrbuchcharakter
wird ihm ein breites Publikum sichern.
Der Band ist chronologisch in fünf AbAchim Fuchs, Ein­führung
in die ­Geschichte der
Bayerischen Armee,
München 2014 (= Sonderveröffentlichung der
Staatlichen Archive
Bayerns, 9). ISBN 978-39338831-49-6;
203 S., 9,50 Euro
schnitte gegliedert: Von den Anfängen
bis 1799, Die Armee im neuen Bayern
bis 1825, Von Ludwig I. bis 1866, Von
1866 bis zum Ersten Weltkrieg und
schließlich der Erste Weltkrieg und das
Ende der bayerischen Armee. Innerhalb dieser Abschnitte finden sich thematische Passagen u.a. zu Truppengattungen, Ausbildung und Bewaffnung,
zu Befestigungen, zum Offizier- sowie
Unteroffizierkorps und zur Gerichtsbarkeit. Es schließt sich ein umfangreicher Anhang an. Zu diesem gehören
die bayerischen Kriegsminister, die Armeeeinteilungen von 1822 und 1914,
die Standorte von 1914, die Neuaufstellungen bis 1918 und die Verluste.
Hinzu kommen ausgewählte Quellen
zur Militärgeschichte, so etwa sämtliche Fahneneide seit 1628, Musterungslisten, Rechtsvorschriften etc. Es
folgen eine Bibliographie und fünfzehn
detailliert beschriebene Abbildungen.
Auf der Südseite des Siegestores ist zu
lesen: »DEM SIEG GEWEIHT – VOM
KRIEG ZERSTÖRT – ZUM FRIEDEN
MAHNEND«. Das Buch kann in diese
Richtung interpretiert werden.
hp
ie Geschichte des deutschen Parlamentarismus und des Weges zu
einer demokratisch und republikanisch geprägten Gesellschaft ist eine
Geschichte des Zweifelns, des Streites
und des Scheiterns – zumindest bis
weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinweg. Immer wieder standen
Symbole, Repräsentationsformen und
zeremonielle Fragen im Mittelpunkt
der Auseinandersetzungen: Flagge,
Nationalhymne, Staatsbesuche und
nicht zuletzt die Armee wurden zu
Brennpunkten des politischen Streits –
doch scheinen sie heute so selbstverständliche Zeichen und Instrumente
der deutschen Demokratie zu sein wie
das Reichstagsgebäude in Berlin. Doch
gerade um dieses Gebäude, um das Zen­
trum der politischen Teilhabe des Vol­
kes, schwelte der Konflikt am längsten.
Der Untertitel »Symbol deutscher
Geschichte« ist daher mehr als passend: Das Gebäude des Reichstags war
schon in den ersten Planungsphasen
höchst umstritten und blieb es bis in
die 1990er Jahre. Wozu ein solcher Bau,
wo sollte er stehen und wie sollte er
aussehen? Die charakteristische Kuppel – die erst 1894 eingeweiht wurde –
war vielen ein Dorn im Auge, der Architekt Paul Wallot verzweifelte an den
Hürden, die ihm gestellt wurden und
der negativen Presseberichterstattung.
Doch auch nach der Fertigstellung
wurde es nie ruhig im und um das
Bauwerk. Erst mit der Verhüllung des
Reichtags durch das Künstlerpaar
Christo und Jeanne Claude im Jahre
1995 – bei dessen Realisierung der Autor Michael S. Cullen maßgeblich mitgewirkt hat – wurde das Gebäude vom
deutschen Volk wirklich akzeptiert
und ein Besuch bildet heute einen Höhepunkt jedes Berlinaufenthalts. Wer
sich darauf vorbereiten möchte, sollte
das anekdotengespickte und reichbebilderte Buch unbedingt lesen.
fh
Michael S. Cullen, Der
Reichstag. Symbol deutscher Geschichte, Berlin
2015. ISBN 978-3-89809114-5; 288 S., 100 Abb.,
22,00 Euro
ann das Unterfangen gelingen, den
Ersten Weltkrieg anhand von 100
Objekten anschaulich dem Publikum
nahezubringen? Ja, es kann, wie Dieter
Storz vom Bayerischen Armeemuseum
mit dem vorliegenden Band eindrucksvoll bewiesen hat. Die einzelnen Objekte sind gut beschrieben, schön abgebildet und sachkundig eingeordnet.
Die Auswahl kann Repräsentativität
beanspruchen. Die wesentlichen Waffen sind dabei: Kanonen, Haubitzen,
Minenwerfer, Maschinengewehre, Gewehre, Pistolen, Lanzen, Säbel und
Grabendolche. Hinzu kommen die
Munition und die Handgranaten sowie
Ausrüstungsgegenstände: Uniform,
Dieter Storz, Der Große
Krieg. 100 Objekte aus
dem Bayerischen Armeemuseum, Essen 2014 (=
Kataloge des Bayerischen
Armeemuseums Ingolstadt,
12). ISBN 978-3-83751174-1; 459 S., 22,95 Euro
Pickelhaube, Stahl­helm, Kochgeschirr,
Sanitätsmaterial, Erkennungsmarke
u.v.a. mehr. Nicht zuletzt werden Orden und Auszeichnungen vorgestellt.
Zudem sind die damaligen Teilstreitkräfte Heer und Marine sowie die einzelnen Waffengattungen vertreten. Der
Blick beschränkt sich hier nicht nur auf
das Deutsche Reich und die Mittelmächte sondern wei­tet sich auf die
­Entente und die Neutralen.
Das Buch ist aber weit mehr als nur
eine Auflistung von Objekten. Anhand
der Beispiele wird auf jeweils drei bis
fünf Seiten anschaulich Geschichte erzählt und erklärt. Dazu gehören auch
auf den ersten Blick eher unspektakuläre Objekte, die vielleicht gar nicht zu
erwarten gewesen wären, aber die Heimatfront, den Kriegsalltag und das
Kriegsende dokumentieren: Werbeplakate für Kriegsanleihen sowie zum Anbau von Kartoffeln, Wandteller, deren
Verkauf den Wiederaufbau Ostpreußens unterstützen sollte, Jacken von
Kriegsgefangenen, Extrablätter zur
Revolu­tion sowie zum Versailler Frieden. Somit wird anhand einzelner fassbarer Objekte die große Geschichte des
Krieges 1914–1918 erzählt.
hp
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
27
Service
Die historische Quelle
Gedenkstätte Roter Ochse Halle/Saale
Das »Lied der Panzerkompanie«
E
Sammlung Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale), Materialsammlung zu Werner Strack
s führen Stahl und Eisen das Regiment der Welt / Und
über unsre Erde des Panzers Schlachtruf gellt«. Mit
­diesen Zeilen beginnt das »Lied der Panzerkompanie«,
entstanden während des Zweiten Weltkriegs. Bilder von
»Lorbeer geschmückten Panzern« nach Beendigung des
»siegreichen Freiheitskriegs« machen deutlich: Der gemein­
same Gesang stiftet Identifikation mit der Truppe und motiviert zum Kampf, auch wenn dieser Verluste bedeutet –
»Wir trotzen dem Verderben, verachten Not und Tod«.
Zahlreiche Lieder mit derart idealisierenden, oft auch
propagandistischen Texten wurden seit dem 19. Jahrhundert, vermehrt jedoch seit dem Zweiten Weltkrieg verfasst. In Liederbüchern der Wehrmacht fanden die Texte
besonders weite Verbreitung. Ein anderes Panzerlied, das
wohl bekannteste mit dem Titel »Ob’s stürmt oder
schneit« entstand vermutlich im Jahr 1935 und ist bis
heute im Liederbuch der Bundeswehr zu finden.
Die hier vorliegende Abschrift des Textes »Lied der
Panzerkompanie« wurde im Besitz eines Soldaten der
Sturmpanzerabteilung 216 entdeckt, der 1944 gemeinsam
mit 16 Kameraden vom Reichskriegsgericht wegen
»Kriegsverrat«, »Vorbereitung zum Hochverrat« und
»Wehrkraftzersetzung« angeklagt wurde. Elf von ihnen –
der Besitzer des Liedes war nicht unter ihnen – wurden
im Zuchthaus Halle/Saale hingerichtet.
Wie passte die Kriegsbegeisterung der Panzersoldaten,
wie sie sich im Liedtext ausdrückt, zu den Taten, die ihnen vor Gericht angelastet wurden? Die Sturmpanzerabteilung 216 nahm im Juli 1943 am »Unternehmen Zitadelle« teil, der letzten Großoffensive der Wehrmacht gegen die Sowjetunion, und erlitt enorme Verluste. Dies
und steigende Unzufriedenheit über die Behandlung
28
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
durch die Kompanieführung bildeten für den Gefreiten
Hugo Ruf schließlich den Anlass, gemeinsam mit Kameraden einen Soldatenrat zu gründen. Bestärkt wurde die
Aktion durch ein Flugblatt des »Nationalkomitee Freies
Deutschland«, in Umlauf gebracht von kommunistischen
Emigranten und deutschen Soldaten in sowjetischer
Kriegsgefangenschaft. Das Flugblatt sollte Angehörige
der Wehrmacht zum Überlaufen und zur Beendigung der
Kämpfe bewegen. Während verschiedener Zusammenkünfte, bei denen offenbar viel Alkohol getrunken wurde,
zerstörten der Obergefreite Werner Spenn – der sich 1938
freiwillig zur Wehrmacht gemeldet hatte – und andere
Teilnehmer mehrere Hitlerbilder. Kurz darauf wurden
die Soldaten verhaftet, darunter auch der Obergefreite Johann Lukaschitz, zuvor Mitglied der SA und mehrfach
ausgezeichneter Soldat, der dem Soldatenrat gar nicht angehörte. Ihn verurteilte der 2. Senat wegen Nichtanzeigens eines geplanten Hoch- und Kriegsverrats zum Tode.
Hugo Ruf wurde durch Erhängen auf besonders ent­
ehrende Art hingerichtet. Werner Spenn starb durch das
Fallbeil.
Aus heutiger Perspektive wirken die Vorgänge als impulsive Unmutsäußerung junger Männer. Das Reichskriegsgericht sah darin den Versuch des »gewaltsamen
Umsturzes« – Grund genug für die Höchststrafe. Die insgesamt elf Ermordeten der Sturmpanzerabteilung 216 besaßen fast alle das Eiserne Kreuz, sechs von ihnen hatten
der Hitlerjugend, drei der SA angehört. Zum Kriegsdienst
hatten sie sich überwiegend freiwillig gemeldet. Diese
Umstände schmälerten die Härte der Urteile nicht. Die
anfängliche Kriegsbegeisterung der jungen Soldaten, die
das »Lied der Panzerkompanie« widerspiegelt, war vom
Gefühl der Frustration durch die schwierige Situation an
der Front überlagert worden. Die Zusammenhalt stiftende Funktion und die propagandistische Absicht des
Liedtextes hatten bei den Mitgliedern der Panzerkompanie 216 schlussendlich an Wirkungskraft verloren.
Anne Langer
Literaturtipp
Ulrich Baumann/Magnus Koch, »Was damals Recht war...«. Soldaten und Zivilisten vor
Gerichten der Wehrmacht. Begleitkatalog zur Wanderausstellung der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin 2008.
Den Fall der Panzersoldaten und weitere Schicksale beleuchtet die Wanderausstellung »›Was damals Recht war…‹
– Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht«,
konzipiert von der Stiftung Denkmal für die ermordeten
­Juden Europas. Sie wandert seit 2007 durch deutsche und
österreichische Städte und war schon mehrmals in Einrichtungen der Bundeswehr zu sehen, etwa im Militärhistori­
schen Museum Dresden oder im Deutschen Panzermuseum
Munster.
Weitere Informationen unter www.stiftung-denkmal.de
Geschichte kompakt
18. Juni 2000
13. April 1990
Waffenstillstand zwischen Äthiopien und
Eritrea
Die UdSSR erkennt das Massaker von Katyn
als sowjetisches Verbrechen an
it der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens im algerischen Algier endete am 18. Juni 2000
formell der zweijährige Grenzkonflikt zwischen Äthiopien
und Eritrea. Der Krieg, der bis zu 100 000 Todesopfer forderte und rund eine Millionen Menschen zur Flucht zwang,
war einer der wenigen Zweistaatenkriege auf dem afrikanischen Kontinent.
Eritrea erlangte 1993 nach fast 30 Jahren Krieg seine Unabhängigkeit von Äthiopien. Viele ideologische, soziale
und vor allem wirtschaftliche Beziehungsfragen zum Nachbarn blieben jedoch offen. Aufgrund des verlorenen Meereszugangs musste Äthiopien fortan alle Im- und Exporte
über Eritreas Häfen abwickeln. 1997 führte Eritrea eine eigene Währung ein, während Äthiopien seine Handelsbestimmungen für Eritreer verschärfte und den Großteil des
grenzüberschreitenden Handels in harter Währung abzuwickeln suchte. Hinzu kam, dass die gemeinsame Grenze
nie genau festgelegt wurde.
Am 6. Mai 1998 begann der Krieg zwischen den beiden
Staaten, als aus nicht geklärten Gründen mehrere eritreische Soldaten bei einem Schusswechsel mit äthiopischen
Truppen im unbedeutenden, aber von beiden Seiten beanspruchten Ort Badme starben. Eritrea besetzte daraufhin
das von Äthiopien verwaltete Dorf und erlangte weitere
Gebietsgewinne. Äthiopien reagierte im Juni 1998 mit der
Bombardierung der eritreischen Hauptstadt Asmara. Zeitgleich mobilisierten beide Seiten insgesamt über 500 000
Soldaten, die sich ab Juni 1998 in Schützengräben gegenüber lagen. Im Februar 1999 ging Äthiopien in die Offensive
(»Operation Sunset«) und drängte die eritreischen Truppen
unter größten Verlusten aus Badme zurück. Mit 120 000 beteiligten Soldaten könnte dies die größte Schlacht seit dem
Zweiten Weltkrieg in Afrika gewesen sein. Daraufhin
stimmte Eritreas Präsident Isayas Afewerki UN-Vermittlungen zu.
Nach einem weiteren äthiopischen Vorstoß tief in eritreisches Gebiete wurde am 18. Juni 2000 ein Waffenstillstand geschlossen. Dieser sah den beidseitigen Truppenabzug aus allen nach dem 6. Mai 1998 bzw. dem 6. Februar
1999 besetzten Gebieten vor und legte die Basis für eine
UN-Mission (UNMEE). Zwar wurde am 12. Dezember 2000
ein Friedensvertrag unterzeichnet, aber der in Anschluss
daran von einer bilateralen Kommission festgeschriebene
Grenzverlauf, der die Stadt Badme Eritrea zuschlug, wurde
von Äthiopien bis heute nicht vollständig akzeptiert.
Torsten Konopka
3Soldaten der
­ ritrean Army:
E
In Eritrea gilt eine
allgemeine Wehrpflicht für Frauen
und Männer.
A
m 13. April 1990 erkannte die Sowjetunion anlässlich
des Besuchs des polnischen Präsidenten Wojciech Jaruzelski erstmals offiziell die Schuld an der Ermordung von
15 000 polnischen Offizieren durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD im Jahre 1940 an. Nach dem deutschen
Überfall auf Polen am 1. September 1939 marschierte am
17. September die Rote Armee in Ostpolen ein. Dabei fielen
ihr fast eine Viertelmillion polnischer Soldaten und Offiziere in die Hände. Durften diese zunächst noch mit ihren
Angehörigen korrespondieren, so riss der Briefwechsel im
April 1940 plötzlich ab. Rund 50 Interventionen der polnischen Exilregierung in London wegen des Verbleib der
polnischen Kriegsgefangenen erfolgten bei sowjetischen
Behörden bzw. direkt bei Stalin, blieben aber ohne Ergebnis. Am 13. April 1943 entdeckten dann deutsche Soldaten
im Wald von Katyn, 20 km westlich von Smolensk, Massengräber mit den Leichen von 4143 polnischen Offizieren. Ein
internationales Team von Sachverständigen aus Deutschland und dem neutralen Ausland kam zu einem zweifelsfreien Ergebnis: Die Untersuchungskommission fand wichtige Belege in Form von Tagebüchern, Briefen und Zeitungen, anhand derer festgestellt wurde, dass die Ermordung der Offiziere noch vor der Ankunft der Deutschen
stattgefunden haben musste.
Bald wurde jedoch verbreitet, die Wehrmacht sei die Urheberin dieses Verbrechens. Der britische Außenminister
Anthony Eden erklärte am 4. Mai 1943 im Unterhaus, »dass
Großbritannien keinesfalls wünsche, irgendjemanden außer den gemeinsamen Feind mit der Schuld für diese Ereignisse zu belasten.« Im Oktober 1943 gaben Stalin, Churchill
und Roosevelt eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie die
Massenmorde von Katyn als NS-Verbrechen brandmarkten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die UdSSR alle erdenklichen Mittel, um ihre erlogene Version aufrechtzuerhalten. Sogar im Westen gab es Fürsprecher dieser Geschichtsverfälschung. Noch 1976 bezeichnete die britische
Regierung das Massaker von Katyn als ungeklärt, um die
Sowjetunion nicht zu provozieren. Doch der polnische
Kampf um die Wahrheit, v.a. von der unabhäningen Gewerkschaft Solidarność getragen, zahlte sich aus. Am 12.
April 1990 meldete Radio Moskau erstmals, dass die Morde
vom NKWD verübt wurden und die UdSSR offiziell die
Verantwortung für das Massaker übernehme. Es handele
sich, so die sowjetische Seite mit »tiefempfundenen Beileid«, um »eines der
schwersten Verbrechen des Stalinismus.«
Martin Grosch
akg/RIA Nowosti
pa/dpa/Steve Forrest
M
5Im Oktober 1992 wurde der Beschluss für den Massenmord
von Katyn des Zentralkomitees der KPdSU vom 5. März 1940
der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Damit lag der endgültige Beweis für die Verantwortung der UdSSR vor.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
29
• Berlin
1945 – Niederlage.
­Befreiung. Neuanfang.
Zwölf Länder Europas
nach dem Ende der
NS-Gewaltherrschaft
Deutsches Historisches
Museum
Unter den Linden 2
10117 Berlin
Tel.: 0 30 / 20 30 40
www.dhm.de
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25. Oktober 2015
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Eintritt: 8,00 Euro
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zieht in den Krieg.
­Perspektiven auf den
Weltenbrand
Militärhistorisches Museum Flugplatz BerlinGatow
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Tel.: 0 30 / 36 87 26 91
www.mhm-gatow.de
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10.00 bis 18.00 Uhr
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SED-Diktatur
Stasi-Museum Berlin
Ruschestraße 103
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10.00 bis 18.00 Uhr
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Feiertage
12.00 bis 18.00 Uhr
Eintritt: 6, 00 Euro
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Deutschland 1945 –
Die letzten Kriegs­
monate
Stiftung Topographie
des Terrors
Niederkirchnerstraße 8
10963 Berlin
Tel.: 0 30 / 25 45 09 0
www.topographie.de
30
Ausstellungen
bis 25. Oktober 2015
täglich
10.00 bis 20.00 Uhr
Eintritt frei
• Bramsche
Ich Germanicus!
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­Superstar
Museum und Park
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Venner Straße 69
49565 Bramsche
Tel.: 0 54 68 / 92 04 20 0
www.kalkriesevarusschlacht.de
20. Juni bis
1. November 2015
täglich
10.00 bis 18.00 Uhr
Eintritt: 7,50 Euro
ermäßigt: 4,50 Euro
Tel.: 08 41 / 88 14 94 0
www.armeemuseum.de
bis 27. September 2015
Dienstag bis Freitag
9.00 bis 17.30 Uhr
Samstag und Sonntag
10.00 bis 17.30 Uhr
Eintritt: 3,50 Euro
ermäßigt: 3,00 Euro
Napoleon und Bayern
Bayerisches Armee­
museum
Ingolstadt
Neues Schloss
85049 Ingolstadt
Tel.: 08 41 / 88 14 94 0
www.armeemuseum.de
bis 31. Oktober 2015
täglich
9.00 bis 18.00 Uhr
Eintritt: 9,00 Euro
ermäßigt: 7,00 Euro
• Dresden
• Frankfurt a.M.
»Die Flotte schläft im
Hafen ein« – Kriegsalltag 1914/1918 in
Matrosentagebüchern
Militärhistorisches
­Museum der Bundeswehr
Olbrichtplatz 2
01099 Dresden
Tel.: 03 51 / 82 32 85 1
www.mhmbw.de
26. Juni bis vorauss.
­Oktober 2015
Montag
10.00 bis 21.00 Uhr
Donnerstag bis Dienstag
10.00 bis 18.00 Uhr
Eintritt: 5,00 Euro
ermäßigt: 3,00 Euro
(für Bundeswehr-Angehörige Eintritt frei)
Struwwelpeter wird
Soldat.
Der Erste Weltkrieg im
Kinderzimmer
Struwwelpeter-Museum
Schubertstr. 20
60325 Frankfurt a.M.
Tel.: 0 69 / 74 79 69
www.struwwelpeter­museum.de
bis 20. September 2015
Dienstag bis Sonntag
10.00 bis 17.00 Uhr
Eintritt: 4,00 Euro
ermäßigt: 2,00 Euro
• Leipzig
Festakt oder Picknick?
Deutsche Gedenktage
Zeitgeschichtliches
­Forum
Leipzig
• Ingolstadt
Grimmaische Str. 6
Die Alpen im Krieg –
04109 Leipzig
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18. Oktober 2015
museum
Dienstag bis Freitag
Ingolstadt
9.00 bis 18.00 Uhr
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10.00 bis 18.00 Uhr
85049 Ingolstadt
Eintritt frei
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
Heft 2/2015
Service
Militärgeschichte
Zeitschrift für historische Bildung
 Vorschau
Aus Ihren Rückmeldungen, liebe Leserinnen und Leser, wissen wir, dass Ihr besonderes Interesse den beiden Weltkriegen gilt.
Für das im Frühsommer erscheinende Heft
planen wir zunächst einen intensiven Rückblick auf die chemische Kriegführung im Ers­
ten Weltkrieg. Unser Autor Martin Meier
zeigt den Einsatz von Chlorgas, von Phosgen
und andere grauenhafte Erfindungen im
»Gaskrieg«. Unsere Leserinnen und Leserwünschen sich auch mehr Themen aus der
Technikgeschichte der Weltkriege. Diesem
Wunsch kommt unser Autor Jens Wehner aus
dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr mit einem genauen Blick auf den
Mythos »Stuka« nach: Das Sturzkampflugzeug Ju 87 blieb auch nach 1945 als eines der
erfolgreichsten Flugzeuge der Luftwaffe in
den Köpfen haften. Dies lag jedoch weniger
an dem überragenden technischen Konzept,
sondern an seinem taktischen Einsatz im Gefecht der verbundenen Waffen: Das taktische
Zusammenspiel zwischen Heer und Luftwaffe habe gut funktioniert und könne als
Vorbild der Close Air Support gelten.
Thematisch im Zweiten Weltkrieg bleibt
das neue Heft mit dem Aufsatz von Richard
Germann über Österreicher in der Wehrmacht. Besonderes Interesse wird sicher auch
der von Norman Domeier vorbereitete Artikel über den Eulenburg-Skandal am Vor­
abend des Ersten Weltkrieges finden: eine
öffent­lich vor Gerichten ausgetragene
Schlammschlacht um Ehre, Verleumdung
und die damals noch unter der Strafe des
§175 stehende Homosexualität. Unter Anklage der Justiz und mehr noch der sensa­
tionsgeilen Presse standen »allerhöchste
Kreise« des Reiches und des preußischen
­Militärs, alle mit engen freundschaftlichen
Bindungen an seine Ma­jestät den Kaiser. Vorgründig drehte sich der Skandal um Sexualität, hinter den Kulissen ging es dabei – wie
fast immer – auch um knallharte politische
Fragen: um Einfluss beim Kaiser und die
Ehre des preußischen Militärs.
ks
Militärgeschichte im Bild
Le rêve – Der Traum
D
Walter Goschke/VG Bildkunst, Bonn 2015
ie Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 war für
Frankreich weit mehr als ein militärisches Desaster. Vor allem die deutsche Annexion Elsass-Lothringens war
in den Augen der meisten Franzosen
ein nationales Unglück, dessen traumatische Wirkung die Dritte Republik
(1870–1940) bis zum Ersten Weltkrieg
belastete. Gleichzeitig bildete die Erinnerung daran jedoch auch einen Gutteil des politisch-gesellschaftlichen
Kitts, der die labile Republik zusammenhielt. Die Katastrophe von 1870/71
zwang Frankreich zur moralischen und
politischen Erneuerung: Der Republikanismus wandelte sich von einer revolutionären Ideologie zur weitgehend
anerkannten Staatsform und der französische Nationalismus von einer progressiven zu einer konservativen Ideologie mit deutlich revanchistisch-antideutschen Untertönen.
Zum Kern dieser nationalen Erneuerung und zum Gegenstand der Hoffnung auf Revanche wurden in den
1880er Jahren ein veritabler republikanischer Armeekult und die Heroi­
5Traditionsbildung: Über den Köpfen
der Panzergrenadiere schwebt der
Geist der alten friderizianischen Armee.
sierung der Soldaten von 1870/71. Sie
hätten durch ihre in der Niederlage
bewie­senen militärischen Tugenden
und durch ihren unüberwindlichen
Patriotis­mus die Ehre Frankreichs gerettet und so die Grundlage für den
natio­nalen Wiederaufstieg gelegt. Die
Beschwörung der »nationalen Ehre«
machte es möglich, sich als besiegte
Nation einer moralischen Überlegenheit gegenüber dem siegreichen
Deutschland zu vergewissern. Ungeachtet der Niederlage ließ sich der
Krieg von 1870/71 damit in das stolze
Erbe der für Frankreich ruhmreichen
Kriege einreihen.
Das 1888 entstandene Gemälde »Le
rêve« (»Der Traum«) von Jean-Baptiste
Edouard Detaille (1848-1912) ist die visuelle Darstellung dieser Verwandlung
einer Niederlage in einen moralischen
Triumph. Das großformatige Bild mit
Maßen von drei mal vier Metern verherrlicht die französische Armee. Biwakierende Soldaten der Dritten Republik liegen schlafend neben ihren
sorgsam zu Gewehrpyramiden aufgerichteten Waffen im Schatten ihrer
Fahne. Ihre Traumbilder, die über ihnen in den Wolken der Morgendämmerung erscheinen, symbolisieren den
militärischen Ruhm Frankreichs: Die
siegreichen Soldaten der Revolution
und Napoleons ziehen an der Spitze
der nächtlicher Traumgestalten über
ihnen vorbei, gefolgt von den Kameraden des Zweiten Kaiserreichs und
den glorreich besiegten Kämpfer von
1870/71.
Der dramatische Gegensatz zwischen
den friedlich am Boden schlafenden
Rekruten und den vorwärtsstürmen­
den Veteranen im Himmel wird durch
ein zweites Gegensatzpaar ergänzt: Die
ruhmreiche militärische Vergangenheit
in den Wolken korrespondiert mit der
Verheißung am Boden, die die jungen
Soldaten der Dritten Republik verkörpern. Sie sind das Versprechen auf
künftigen Ruhm. Die überirdisch wirkende Morgenröte und die disziplinierte Ordnung des Nachtlagers verstärken diesen Eindruck.
Detailles Gemälde kann auch als eine
Allegorie auf den in Frankreich populären Revanchegedanken gelesen wer-
den, der 1886 mit Kriegsminister
George Boulanger (»General Revanche«) neue Kraft gewonnen hatte. Boulanger hatte für einen Vergeltungsschlag gegen Deutschland und für die
Rückführung Elsass-Lothringens plädiert. Als Gründungsmythos, politi­
sche Religion und »citadelle sentimentale« gab der kollektive Wunsch auf
Revanche der Dritten Republik jene innere Kohäsion, ohne die dieses aus der
Niederlage geborene und von Anfang
an polarisierte Staatswesen kaum überlebt hätte.
Der französische Staat erwarb das
Bild 1889 und führte noch im selben
Jahr die allgemeine Wehrpflicht ein.
Beinahe augenblicklich erlangte das
Bild große Popularität, nicht zuletzt
aufgrund seiner künstlerischen Qualität. Zahlreiche Reproduktionen sorgten
für eine rasche Verbreitung. Die Bildkomposition mit der Darstellung historischer Kämpfer, die als Mahnung und
Ansporn über den Köpfen ihrer jungen
Nachfolger schweben und eine ruhmreiche Vergangenheit beschwören,
wurde vielfach kopiert. Den gleichen
Topos verwendete auch Walter
Gotschke (1912–2000) in einer Zeichnung für die bekannte NS-Propagandazeitung »Signal«. Ein Grenadier aus
der Zeit Friedrichs II. schwebt hier über
Soldaten der Wehrmacht. Die neu formierten Panzergrenadierverbände
sollten vom Nimbus der Grenadiere
des Alten Fritz profitieren und dort
ihre Traditionen suchen.
In beiden Fällen erwiesen sich die
Träume von vergangenem militärischem Ruhm als trügerisch: Sie verwandelten sich in die Alpträume der
Schützengräben des Ersten und des
Vernichtungskrieges des Zweiten Weltkrieges.
Sven Lange
Literaturtipp
Wolfgang Schivelbusch, Die Kultur der Niederlage. Der
amerikanische Süden 1865, Frankreich 1871, Deutschland
1918, Berlin 2001.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 1/2015
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