Das Magazin» 12/2015

N ° 12 — 21. M Ä R Z 2015
DER UTOPIST
Chrigel Vaterlaus kämpfte in
den 80ern für ein anderes Zürich.
Jetzt verändert er Sansibar.
WARUM SIND DIE
MEISTEN SCHWEIZER
FILME SO SCHLECHT?
S. 28
WARUM SCHLIESSEN
SICH JUGENDLICHE AUS
DEM WESTEN DEM IS AN?
S. 20
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EDITOR IAL/INHALT
Die Küste Sansibars – hier züchtet
Chrigel Vaterlaus Schwämme (S. 10).
DA S M AGA Z I N 1 2/201 5 — BI L D C OV E R : M A N U E L B AU E R ; E DI T OR I A L: JOE L L E KO S T/H UG OF I L M; M A N U E L B AU E R
Der beste Schweizer Film seit «Höhenfeuer»:
Dreharbeiten zu «Chrieg» von Simon Jaquemet (S. 28).
Eine Gesellschaft ohne Utopien wäre schon selbst eine Utopie,
weshalb es nicht stimmt, wie oft behauptet wird, dass es keine
Utopien mehr gibt. Freilich ist es so, dass die meisten Menschen mit grossen gesellschaftlichen oder persönlichen Utopien im Verlaufe ihres Lebens irgendwann ausgebremst werden.
Sie ordnen sich ein in den Schwarm der glücklich oder unglücklich Geknickten eines kapitalistischen Systems, das alles überspannt. In diesem Heft porträtiert mein Kollege Christian
Schmidt in der Titelgeschichte (ab S. 10) einen, der bis heute
geblieben ist, wer er war, als er als Jugendlicher im repressiven
Zürich der Achtzigerjahre mehr Freiraum forderte: Christian
Vaterlaus wollte die Welt immer verbessern, die Formulie-
rung klingt beinahe ironisch, auch wenn sie der Wahrheit entspricht. In Zürich haben er und seine Mitstreiterinnen und
Mitstreiter vieles bewegt. «Chrigel», aus privilegierten Verhältnissen stammend, hätte danach Karriere machen können. Er
wollte aber nicht. Heute lebt er die meiste Zeit in Tansania, und
wieder will er einen Flecken Welt auf seine eigene, beharrliche
Art verbessern. Wer Utopien oder Visionen hat, braucht keinen
Arzt, wie Helmut Schmidt einst spottete, sondern Verbündete.
Finn Canonica
S. 10Der gute Mensch von Sansibar: ein Zürcher und seine kleine Utopie in Afrika. Von Christian Schmidt
S. 20«Chrieg» als Vorbild: Der Schweizer Film braucht eine bessere Drehbuchförderung. Von Denise Bucher
S. 28«In Europa wird eine Jugend produziert, die nichts mehr zu verlieren hat.» Daniel Binswanger im Gespräch
mit dem französischen Islamwissenschaftler Olivier Roy
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3
KOMMENTAR
DIE TEFLONREAKTION
DER SCHWEIZER
Bundesrat nur den Auftrag hatte, die
Kooperation zu untersuchen). Neu sind
diese Zurechtrückungen, die Maissen in
knappen Kapiteln und auf dem Stand der
Forschung vorexerziert, weiss Gott nicht.
Da das breite Publikum jedoch mit heiliger Sturheit von Rütli­schwur und Reduit-Schweiz nicht lassen will, bleibt das
Insistieren auf der Wahrheit des schon
lange Ausgewiesenen verdienstvoll.
Peter von Matt hat das Wort geprägt
von der «Teflonreaktion» auf die zahlreichen Entzauberungswellen, die seit
den Sechzigerjahren über die Schweizer
Nationalmythen hinweggerollt sind. Die
historische Aufklärung perlt an der breiten Öffentlichkeit ab, erreicht die Tiefen
des Nationalbewusstseins nicht. Es handelt sich hier um eine spezifisch helvetische Pathologie, deren potenzielle Schädlichkeit man nicht unterschätzen darf.
Zwar brauchen alle Staatsvölker ihre
kollektiven Mythen, und es ist gar nicht
wünschenswert, dass sich das nationale
Geschichtsbewusstsein auf der Höhe
der aktuellen Quellenforschung befindet. Doch gefährlich wird es, wenn ein
politisch instrumentalisiertes Identitätsgefühl sich vom Diskurs der seriösen Ge­
schichtswissenschaft entkoppelt und nationale Legenden nach Belieben zu absoluten, von Wissenschaft gar nicht einholbaren Tatsachen erhoben werden.
Das schadet nicht nur der Forschungsarbeit der Geschichtsprofessoren, die in
der heutigen «Schweizer Wissensgesellschaft» als Professoren nur dann tituliert
werden, wenn man sie disqualifizieren
will. Es schadet vor allem der identitätsstiftenden Substanz der historischen
Überlieferung, die sich nicht mehr fortentwickelt, sondern im Vakuum willkürlicher Absolutsetzungen zur propagandistischen Kostümklamotte regre-
diert. Wie weit dieser Prozess schon fortgeschritten ist, lässt sich laut von Matt
daran ablesen, dass «Heidi» den «Tell»
als Leitmythos abgelöst hat. «Heidi» ist
ein wunderbares Kinderbuch und macht,
was Kinderbücher eben machen: Es zelebriert eine infantile Weltsicht.
Am Rande eines Interviews hat der
Holocaustforscher Saul Friedländer einmal gesagt: «Ich verstehe nicht, weshalb
die Schweizer die Bergier-Kommission
ignorieren. Kein anderes Land hat seine
Weltkriegsvergangenheit so seriös untersucht. Daran könnte der Nationalstolz anknüpfen.» Andere Länder, zum
Beispiel Österreich und Frankreich, die
sich in den Neunzigerjahren ebenfalls
einer neu aufgelegten Vergangenheitsbewältigung zu stellen hatten, wehrten
sich erst fürchterlich gegen unangenehme Einsichten, waren schliesslich aber
fähig, ihr nationales Selbstbild zu modifizieren. Wer wagte es, dies von der
Schweiz zu behaupten?
Die jüngste Lancierung der Initiative «Landesrecht vor Völkerrecht» – eine
Vorlage, die ihre Legitimität vermeintlich auf den mittelalterlichen Widerstand
gegen «fremde Richter» zurückführt –
zeigt eindrücklich, wie destruktiv das
souveränistische Amokpotenzial der nationalen Legendenbildung geworden
ist. Ein Land, das glaubt, die historische
Wahrheit verachten zu können, wird
früher oder später politisch einen hohen
Preis bezahlen.
Thomas Maissen, «Schweizer Heldengeschichten – und was dahintersteckt»,
Verlag Hier und Jetzt, 2015
Sao Paulo
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La Reunion
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Peking
Tokio
Paris
DA S M AGA Z I N 1 2/201 5 Von DANIEL BINSWANGER
Das Jubiläums- und Wahljahr 2015, in
dem mit dem Wiener Kongress (1815),
der Schlacht von Morgarten (1315) und
Marignano (1515) gleich drei helvetische
Schicksalsdaten memoriert werden wollen, dürfte die Schweizer Politik wieder
einmal in ein identitätspolitisches Delirium stürzen. Vor lauter Hellebarden,
falschen Bärten und vermeintlichen Geschichtslektionen über das ewige Wesen
der Willensnation wird man sich nicht
mehr retten können. Wohltuend ist vor
diesem Hintergrund das neue Buch von
Thomas Maissen über «Schweizer Heldengeschichten». Mit Kompetenz und
Eleganz zerpflückt der Geschichtsprofessor die Mythen, mit denen nationalkonservative Ideologen nicht bloss ein
realitätsfernes Vergangenheitsbild konstruieren, sondern selbstredend auch ein
für alle Mal einen Pflichtenkatalog für
das Schweizertum der Gegenwart festschreiben wollen.
Nein, die bewaffnete Neutralität
war nicht die Einsicht weise gewordener
Schweizer Recken nach der Niederlage
von Marignano, sondern ist im Wesentlichen ein Geschenk der europäischen
Mächte am Wiener Kongress. Nein, die
Ur-Schweiz der Waldstätte war keine
Demokratie, sondern die Demokratie im
modernen Sinn wurde durch die Bundesverfassung von 1848 eingeführt, die zwar
auch vom Vorbild der Landsgemeinde,
aber viel stärker von den importierten
Idealen der Französischen Revolution
geprägt war. Nein, das Davonkommen
im Zweiten Weltkrieg war nicht nur der
Guisan’schen Widerstands­stra­tegie, sondern mindestens so sehr der Kooperation mit dem Hitler-Reich geschuldet (etwas anderes hat auch Jean-François
Bergier nie behauptet, der jedoch vom
RENDEZ-VOUS IN PARIS
Oder in mehr als 1000 anderen Städten weltweit dank eines der grössten
globalen Streckennetze gemeinsam mit KLM und unseren SkyTeam-Partnern.
DA N I EL BI N S WA NGER ist Redaktor bei «Das Magazin».
4
AIRFRANCE.CH
DA S M AGA Z I N 1 2/201 5 DR AUSSEN SEIN MIT: KURT LAUBER
Das Matterhorn ist kein Disneyland, mahnt der Chef der Hörnlihütte.
Er fordert weniger Zirkus und mehr Demut, das seien wir dem Berg schuldig.
Von CAROLE KOCH
Am 14. Juli darf kein Mensch aufs Matterhorn, nicht einmal Kurt
Lauber. Dabei hätte es zur Feier von 150 Jahren Erstbesteigung kühnste Ideen gegeben: Prinz Harry auf dem Gipfel. Ein
Hochseilakt zwischen Matterhorn und Klein Matterhorn. Ein
Spektakel. Aber es wird auf 4478 Metern kein Gipfelfeuer geben
und auch keine Raketen. Im Gegenteil. Was wie ein Aprilscherz
klingt, hat Strategie: Der Berg wird gesperrt.
«Man muss ihn vor sich selbst schützen», sagt der Zermatter, der diese Ikone von Zacken besser kennt als jeder andere:
Kurt Lauber, 53, Bergführer, Bergretter und seit 20 Jahren Chef
der Hörnlihütte. Gegen 400-mal ist er von da schon auf den
Gipfel gestiegen und hat über 1000 Rettungseinsätze geleitet.
Nun stapft er durch den Frühlingsschnee, Tourenski geschultert, Schritt für Schritt diesen 1,6 Milliarden Kubikmeter Fels,
Eis und Schnee entgegen, diesem Architekturwunder der Natur.
Lauber hat das Gewusel von Skitouristen hinter sich gelassen, das Tal, in dem die Vorbereitungen für das Jubiläum auf
Hochtouren laufen. Freilichtspiele, Dokumentarfilm, Jubiläumssong, Jubiläums-Swatch, Jubiläumskollektion. Auch der
Mann mit dem kernigen Gesicht leistet mit seinem zweiten
Buch «Matterhorn. Bergführer erzählen» einen Beitrag. «Der
Tourismus braucht das», sagt er, im Dorf sind Anfang März
zum ersten Mal wieder Zimmer frei. Trotzdem wird der Berg
am Jubiläumstag gesperrt. Ein leises Zeichen in der brüllenden Vermarktungsmaschinerie. Aus Respekt vor der Erstbesteigung. Und weil das Matterhorn alles sein muss, bloss eines
nicht: eine Art Everest der Alpen.
Im Sommer schafft es Lauber in 50 Minuten von der Bahn
zur Hörnlihütte – normale Wanderer brauchen bis zu zwei
Stunden. Jetzt ist es «bitz blöd», weil der Weg unter Schneebergen begraben liegt. «Wenn es dumm geht, kann man hier zu
Tode stürzen.» Weiter gehts also angeseilt. Rechts die Felsen
des Hirligrats, links ein steiler Abhang, an dem auch Edward
Whymper entlanggegangen sein könnte. Damals, an jenem
14. Juli 1865, als seine Seilschaft den letzten unbezwungenen
Viertausender der Alpen schaffte. Beim Abstieg stürzten vier
von sieben Männern zu Tode. Warum ist das Seil gerissen? Hat
Whymper es zerschnitten? Das schreckliche Geheimnis faszinierte die Welt. Und Queen Victoria wollte den Alpinismus gar
verbieten.
«So hat der Run begonnen» sagt Lauber, dessen Vorfahren arme Bauern waren. Alle kamen, um den verbotenen Berg
zu sehen und nie mehr zu vergessen. Weil er unverkennbar ist,
«als hätte ihn ein Kind gezeichnet». Mit den Fremden kam das
Geld, und mit dem Geld konnten die Zermatter die Mistgabeln in die Ecke stellen. Inzwischen gibt es das Matterhorn als
Toblerone-Schokolade und auf der Schachtel jamaikanischer
Mentholzigaretten. Es ist eine globale Marke. Wie der Everest
aussieht, weiss hingegen keiner.
Lauber zieht andere Parallelen zum höchsten Berg der Welt:
Als der gelernte Maschinenmechaniker in den Achtzigern als
Bergführer anfing, war am Matterhorn «Mord und Totschlag».
In einem Sommer sind 18 Menschen zu Tode gestürzt, bis heute sind mehr als 500 verunglückt. Weil Hobbyalpinisten ohne
Bergführer zum Gipfel aufbrechen. «Die Sherpas kennen den
Everest, wir das Matterhorn. Fremde sollten sich anpassen.
Aber an den gesunden Menschenverstand zu appellieren lohnt
sich schon lange nicht mehr.»
Dabei zähle das «Horu» zu den schwierigsten Viertausendern der Alpen. Das Wetter, die Routenfindung, die Steinschlaggefahr. Ein Hauch davon ist auch heute zu spüren, auf
dem Gittersteg am Felsen: Die Tragelemente fehlen, ein Stein
hat sie mit in den Abhang gerissen. «Das kann immer passieren», sagt Lauber und klettert an den Kanten entlang, mit der
Gelassenheit des Bergretters, der immer wieder Arme oder
Därme eingesammelt hat. Dabei hat ihn der Berg «geformt».
«Hochmut, Fehlentscheidung, Achtlosigkeit – zack, hat es dich,
er bestraft sofort.» Ehrlich, aber gnadenlos.
Inzwischen brechen die meisten mit Bergführer auf. Das
andere Problem ist geblieben: zu viele Leute. Pro Saison steigen um die 3000 Leute auf den Gipfel. An einem Tag bis zu 140.
Wie am Everest gibt es Stau, Streit, Unfälle. Dann diese «Disneylandisierung». Einmal wurde für die Sendung «Verstehen
Sie Spass?» ein Kiosk in die Wand geflogen. Der grösste «Fluch»
seien jedoch nicht die Luxustouristen, sondern die Camper,
die überall ihr Geschäft verrichten und Müll liegen lassen.
«Meistens bedeutet wenig Geld auch schlechte Ausrüstung,
keine Erfahrung, kein Bergführer, viele Unfälle.»
Hirli, 2889 Meter. Von hier aus ist das Matterhorn zum
Greifen nah und doch in wilder Ferne. Man kann die Hörnli­
hütte sehen, wo Lauber im Sommer Hüttenwart ist und im
Winter kaum einer aufsteigt. Zu gefährlich. Die Hütte wird
zum Jubiläum umgebaut. 130 statt 170 Schlafplätze, die Nacht
wird 150 Franken statt 80 kosten, und Camper werden von
Helikopter-Polizisten gebüsst. Überhaupt soll von nun an alles anders werden, weniger Zirkus, mehr Ursprung: Aktivitäten müssen vom Gemeinderat bewilligt werden. Wenn einer
wieder ein Auto auf seinen Gipfel setzen will etwa oder «weiss
der Gugger was».
«Das sind wir dem Horu schuldig», sagt Lauber. Es ist
sein Wunsch gewesen, am Jubiläumstag nur die Hütte einzuweihen und den Berg zu sperren. Er blickt die Wände hinauf,
die ihn an die Grausamkeit der Natur erinnern. Und trotzdem
sagt der sonst so pragmatische Lauber den Satz: der Berg habe
für ihn so etwas wie eine Seele. Wenn er bei Sonnenaufgang
auf der Hüttenterrasse steht, umgeben von 28 Viertausendern und Unendlichkeit. Dann fühlt er sich eins mit sich und
seinem Berg. «Er hat es immer gut gemeint mit mir.»
Das Matterhorn – diese globale Marke. Niemand kennt den Berg besser als Kurt Lauber.
Bild BRU NO AUG SBU RGER
7
K ATJA FRÜH
ACH, CR EMES
Alarm! Ganz klar, Alarm!, schreit die Verkäuferin alarmiert. – Was? Wo? – Hier um
die Augen. Haben Sie denn nie etwas unternommen? – Ich … nein. – Tja, das wird
schwierig. Da müssen wir mit Seren arbeiten und aufpolsternden Cremes. Doppelreinigung, Doppelbefeuchtung. Das
Serum muss die Vergangenheit Ihrer
Haut verstehen, um die Zukunft
zu optimieren. Das wollen wir
doch, oder? – Ja, die Zukunft würde ich gern optimieren. – Das ist
schon mal der erste Schritt. Prima.
Zuerst geht es um das Lösen. Um
das Entfernen öllöslicher Verunreinigungen. Dazu braucht es Wille und eine gewisse Vorstellung. –
Schopenhauer. – Wie bitte? – Die
Welt als Wille und Vorstellung. –
Unterschätzen Sie das nicht. Das
Ritual. Die einzelnen Schritte. Wir
wollen doch zu einer reinen, tiefen Klarheit kommen, oder nicht?
– Ja natürlich, eine tiefe, reine
Klarheit wäre wunderbar. – Sehen
Sie, mit dem Alter hat die Haut
immer mehr das Bedürfnis, verwöhnt zu werden. Da fangen wir
doch am besten mit Kaviar an. –
Verwöhnt. Mit Kaviar, wow. –
White Caviar Collection Illuminating Eye Cream. Das gibt Ihnen
Ihre unvergleichliche Ausstrahlung zurück. – Das hatte ich gar
nie, eine unvergleichliche Ausstrahlung. – Sie werden staunen! Das ist
ein echt tolles Repair-Produkt. – Was repariert es denn? – Den unlöschbaren
Durst Ihrer Haut. Spüren Sie den? – Den
Durst? Ja, irgendwie schon ... – Sehn Sie.
Die Forschung identifiziert zwei Gene,
die bei Hormonmangel die Morphologie
der Fibroblasten beeinflussen und damit
zur Veränderungen ihrer Aktivität beitra-
gen. – Meine Aktivität hat sich wirklich
verändert. Ich meine: Sie ist weniger geworden. – Das ist klar, denn die betroffenen Zellen nehmen ihre Rolle als «Dirigenten jugendlicher Haut» nicht mehr
wahr. Eine neue Erkenntnis, die das Wissen über die Haut der Frauen revolutioniert hat. – Das Wort Revolution haben
wir früher in anderen Zusammenhängen
gebraucht. – Ja, aber das hier ist eine wirkliche Revolution. Schauen Sie einmal in
den Spiegel: Ihre Haut ist dünn und
müde. – Ja, müde. Müde fühl ich mich
wirklich. – Das ist klar. Die Mikrozirkulation wird mit dem Alter langsamer. Die
natürliche Lichtreflexion wird durch den
Dreifacheffekt dieses Produkts verstärkt.
Das ist das Fantastische. Und es ist ein
Schutz vor negativen Umwelteinflüssen.
Die negativen Umwelteinflüsse sind der
grösste Schädling. – Ja, das stimmt. Da
haben Sie recht. Immer diese negativen
Umwelteinflüsse! – Eben, darum brauchen wir noch einen Booster für mehr
Ausstrahlung. Dazu empfehle ich Ihnen
dieses Produkt: Super Rescue Antioxidant Night Moisturizer. Es
basiert auf der Philosophie, dass
jede Haut schön sein kann. – Das
ist keine schlechte Philosophie. –
Sehen Sie. Ihre fünf Probleme
heissen: Trockenheit, Feuchtigkeitsverlust, feine Linien, Falten
und mangelnde Ausstrahlung. –
Was, echt, so viele? – Und ohne die
richtige Pflege wird sich das verstärken, logisch oder? – Ja, eigentlich logisch. – Aber es gibt ein
Zauberwort: Age Control! Mit diesen je fünf Produkten – fünf Reinigungsprodukte, fünf Pflegeprodukte, vier bis fünf Produkte für
die Vorbereitung auf das Finish –
werden Sie alle Probleme los.
Ich schwebe aus der Parfümerie.
Rein, tief und klar, meine Zukunft
optimiert, Wille und Vorstellung
gestärkt, der unlöschbare Durst
ge­löscht. Eine unvergleichliche
Kaviar-Ausstrahlung wird mich
umhüllen, meine Aktivität wird
gestärkt, ich werde verwöhnt und von
Grund auf revolutioniert sein. Alle Probleme gelöst, das Alter fest unter Kontrolle.
Ach, Cremes!
Die Drehbuchautorin und Regisseurin K AT JA F RÜ H schreibt hier im Wechsel mit Hazel Brugger.
Bild LU K A S WA S SM A N N
DA S M AGA Z I N 1 2/201 5 M A X KÜNG
R ELATIVE RUHE
Es war im Juni 1993. Am Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon fand ein Kongress für Manager statt. Er hiess «Von der
Produktequalität zur Erlebnisqualität». Unter den Referenten waren Leute wie der Schriftsteller Douglas Coupland oder
der Präsident von Harley-Davidson. Auch ein paar Journalisten waren als Zuhörer dabei. Einer davon war ich. Das Seminar
dauerte zwei Tage, und es gab viele Vorträge, an die ich mich
nicht mehr erinnere. Ich glaube, ich nickte mehrmals ein oder
schaute sehnsüchtig in den schönen Sommer hinaus, in den
Park des Instituts, von wo der Blick herrlich auf den See geht.
Im Park des Instituts waren zu dieser Zeit belgische Archäologen an ihrer dreckigen Arbeit. Sie trieben einen tiefen,
T-förmigen Graben in den Rasen. In den Pausen des Seminars
schlenderte man bei ihnen vorbei und schaute zu und dachte:
Zum Glück bin ich nicht Archäologe geworden – das ist ja noch
langweiliger, als an einem Seminar teilzunehmen. Doch dann
plötzlich landete ein Hubschrauber. Ein Antioxidationsmittel
musste eingeflogen werden, um einen Fund zu konservieren.
Nicht irgendein Fund, sondern ein Etruskerfund! Das Seminar war schlagartig Nebensache, und der anwesende Roger
Schawinski berichtete live für Radio 24. Im «Blick» las man
am nächsten Tag: «Eine Weltsensation!» Und: «Durch den
Zürcher Fund müssen grosse Teile der Geschichte der Etrus-
ker neu geschrieben werden, die bislang als gesichert geltenden
Erkenntnisse werden über den Haufen geworfen.» Tatsächlich wusste man bis anhin nicht, dass die Etrusker nördlich von
Mantua aktiv waren. Als der Kantonsarchäologe davon Wind
bekam, wollte er mit Baggern anrücken.
Nun, es war alles erfunden. Die belgischen Archäologen
waren keine Archäologen, sondern Schauspieler. Die Grabung
war eine detailreiche Inszenierung und Teil des Kongresses.
Damals lernte ich: Nichts ist so, wie es scheint. Man kann alles zu Realität machen, wenn man es erlebbar macht.
Die Kronenhalle-Bar in Zürich ist ein Ort, der bestens bekannt ist. Vor fünfzig Jahren trat das erste Mal ein Gast durch
die schwere Holztür an der Rämistrasse 4. Seither hat sich an
der von Trix und Robert Haussmann entworfenen Bar nicht
viel geändert – nur die Vorhänge hat man vor einer Weile ausgewechselt. Immer wenn ich in der Kronenhalle-Bar sitze, denke ich, dass diese Bar ein Ort ist, an dem ich viel öfter sein sollte
– viel öfter, als das seriöse Leben es zulässt, das ich lebe. Es gibt
dort Drinks, die so sind, wie ich gern wäre: klar, hart und stark.
Aber: Warum ist die Kronenhalle-Bar ein so spezieller Ort?
Ist es die potente Kunst an den mit grünem Kavallerietuch bespannten Wänden, unter anderem von einem gewissen Picasso? Ist es das tausendfränkige Blumendekor auf dem Tresen?
Sind es die Paprikachips, die zu den Drinks gereicht werden?
Ist es der Umstand, dass der Gastgeber Weltmeister seines
Fachs ist? Ist es das weiche Saffianleder, mit dem die Sofas bezogen sind? Und dann plötzlich kam ich dahinter.
In diesen fünfzig Jahren, die es die Kronenhalle-Bar gibt,
lief dort niemals Musik. Kein Jazz. Kein Rock. Kein Pop. Kein
Schubert, noch nicht mal Erik Satie. Seit fünfzig Jahren wird der
Raum nur von den Geräuschen gefüllt, die die Menschen machen, die in einer Bar sitzen. Es gab keinerlei Belästigung durch
Musik: Deshalb ist der Ort so grossartig, er ist akustisch unbefleckt.
Nun fragt man sich: Was haben die Etruskerfunde von
Rüschlikon mit der Kronenhalle-Bar zu tun. Nun: Nichts ist so,
wie es scheint. Und die Erkenntnis, dass die relative Ruhe der
Kern der Magie der Kronenhalle-Bar ist, sie kam mir, als ich in
der Kronenhalle-Bar sass, mich aber gleichzeitig auch 3,7 Kilometer von ihr entfernt befand. Dies aber, es ist eine ganz andere Geschichte.
M A X K Ü NG ist Reporter bei «Das Magazin».
9
… UND JETZT
SANSIBAR
Während der Jugendunruhen 1980 kämpfte
er für ein anderes Zürich. Heute kämpft
Chrigel Vaterlaus für eine Insel vor Tansania.
Was treibt ihn an?
DA S M AGA Z I N 1 2/201 5 Von Christian Schmidt
Bilder Manuel Bauer
«Wir haben etwas erreicht», sagt Chrigel Vaterlaus über die 80er-Unruhen. Zürich sei nicht
mehr so grau und beamtig wie damals. Jetzt knöpft er sich das Meer vor Sansibar vor.
10
Sansibar – Sonne, Sand und Freiheit
Es ist Februar 2015. Chrigel sitzt vor seinem Haus in Jambiani an der Ostküste
Sansibars. Hier wohnt er mit seiner Partnerin Connie Sacchi zehn Monate im
Jahr. Gross gewachsen und mit durchdringendem Blick gehört er zu den Menschen, die einen Raum füllen, Chrigel
ist ein Mensch, dem man nachschaut.
Kennengelernt hatte ich ihn 1983.
Er war der Freund eines Freundes und
lebte in einer Wohngemeinschaft über
dem Zürichsee, in einer von Glyzinien
umrankten Villa mit 25 Zimmern, zu
gross für eine Familie und zudem renovationsbedürftig, also perfekt für eine
WG. Im Haus war er der Held, und alle,
die hier ein und aus gingen, träumten wie
er von einer Stadt, die etwas anderes als
Opern und Anlässe wie das verhasste
Sechseläuten zu bieten hatte. Im Unterschied zu Chrigel waren wir bei den Demonstrationen nur am Rande dabei, ab
und zu bekam auch ich etwas Tränengas
ab oder ein paar Gummiprojektile in den
Rücken. Der Strahl der Wasserwerfer
reichte gerade knapp bis zu uns. Chrigel
hingegen stand mittendrin, und immer
hatte er wilde Ideen.
«Kompliziert waren die Vorbereitungen für die Toilettenaktion eigentlich
nicht. Wir hatten auf dem Tiefbauamt um
Einsicht in die Pläne der Kanalisation
gebeten und notiert, unter welchen Dolendeckeln die Leitungen verliefen. Solche Informationen erhielt man zu dieser
Zeit noch. Dann liehen wir uns bei der
Waschanstalt Zürich orange Schutzwesten, fuhren bei den einzelnen Stadträten
vor und betonierten die Leitungen zu.
Mitten am Tag! Das hat funktioniert, aber
nicht bei allen. Sicher bin ich nur bei zweien. Wir verbanden Politik mit Kreativität. Es war uns ernst, aber wir wollten
auch Spass an unseren Aktionen haben.»
Jambiani ist ein lang gestrecktes Fischerdorf. Alles ist heftig hier: das Licht, der
Wind, die Hitze. Sogar die Holzwürmer
fressen lauter als zu Hause, und die Zikaden singen intensiver. Der Reiseführer bezeichnet den Ort als «bezaubernd», was eine sehr eigenwillige Interpretation der Realität ist. Ein wenig
zurückversetzt vom Strand, kauern sich
armselige Häuschen mit Dächern aus
Wellblech oder Palmwedeln aneinander, die Fenster zum Teil zugenagelt,
zum Teil mit Gitterresten abgedeckt –
gegen die Mücken. In den verstreut herumliegenden Abfällen scharren Ziegen,
Enten und Hühner. Die Strasse ist eine
schmale Staubpiste. Zwar haben die
meisten Einwohner genug zu essen, ihre
Armut ist jedoch so offensichtlich, dass
man lieber wegschaut, wenn sie aus einem Napf nichts als dünnen Maniokbrei
schlürfen.
Anders die erste Reihe. Hier wechseln sich Restaurants und kleine Hotels
ab. In dieser Reihe steht auch das Haus
von Chrigel und Connie. Es blickt auf eine
Szenerie, die bei jedem Besucher Neid
auslöst. Meer: türkis. Palmen: relaxt nickend. Strand: schneeweiss. Und das alles bis zum Horizont. Lautlos gleiten
Daus aus Mangoholz über die Lagune,
die trapezförmigen Segel weit gebläht;
Frauen in langen Röcken waten durch
das seichte Wasser; daneben raufen sich
dunkelbraune Kinder um einen Ball. Es
sieht aus, als sei Robinson Crusoe eben
erst gegangen.
Zürich – eine Stadt zum Ersticken
Chrigel ist 1959 in Meilen geboren, Vater Chemiker, Mutter Hausfrau. Der
Wehrwille wird hochgehalten, was sich
Aber was solls. So war er immer. Sein Leben riecht nach Freiheit,
Sand und Liebe, nicht nach Laktoseintoleranz, Burn-out-Syndrom und
Veganismus.
12
daran zeigt, dass die beiden Schwestern
FHD leisten, freiwilligen Frauenhilfsdienst. Als Chrigel mittels erfundener
Phobien der Rekrutenschule zu entkommen versucht, schickt der Vater
heimlich einen Brief an die Armee und
verrät den Sohn. Chrigel färbt die Haare
und wendet sich Zürich zu, wo er sich
mehr Freiheit erhofft, doch er wird enttäuscht.
«Zürich war nichts für junge Menschen. Auch nach 1968 nicht. Damals
ging es um grosse politische Ideen, gebracht hat der ganze Aufstand – ausser
Freiraum im Kopf – nicht viel. Wir wollten mehr. Unsere Zitate stammten nicht
von Lenin, sondern von Brecht. Wir wollten das Lebensgefühl in der Stadt ändern, punktuell und konkret. Zum Beispiel störte uns, dass man bei der ‹Züri
Bar› nicht draussen stehen durfte, weil
sonst die Durchfahrt der Feuerwehr behindert werde. Das behaupteten die Behörden. Obwohl mitten in der Gasse ein
Pfosten stand! Zudem war um 23 Uhr
Polizeistunde, danach konnte man vielleicht noch im ‹Ugly› tanzen oder mit etwas Glück an ein privates Fest, aber das
wars. Es gab keine Freiräume und keinen
Platz für eine andere als die gängige Kultur. Die Stadt subventionierte nur, was
der Oberschicht gefiel. Einzeln besehen,
mögen das Details sein, zusammengenommen herrschte jedoch ein Klima zum
Ersticken. Dagegen wehrten wir uns,
unter anderem mit der Aktion gegen die
Stadträte. Als ich meiner Tochter – sie ist
26 – kürzlich erzählte, wie das Leben in
Zürich damals war, war sie total erstaunt.
Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen.»
DA S M AGA Z I N 1 2/201 5 An das genaue Datum kann sich Christian Vaterlaus, genannt Chrigel, nicht erinnern. Jedenfalls war es zu Beginn der
Achtzigerjahre, zur Zeit von «Züri
brännt». Eines Tages können die Zürcher Stadträte die Toiletten in ihren
Wohnungen nicht mehr benützen. Statt
dass der Schüsselinhalt im Untergrund
verschwindet, schwappt er auf den Badezimmerboden. Weshalb das so ist, erfahren die Stadträte erst, als das Tiefbauamt in die Kanalisation steigt. Die Abwasserleitungen zu ihren Häusern sind
zubetoniert. Bekennerschreiben liegen
an den Tatorten: «Das Leben in Zürich ist
Scheisse. Die Jugend steckt bis zum Hals
darin. Wir finden, den Stadträten soll es
nicht besser gehen.»
Weshalb haben Chrigel und seine
Kumpels diese Aktion veranstaltet? Und
was hat diese kleine Sauerei mit dem
Wandel Zürichs von der grauen Zünfterhochburg zur Weltstadt im Kleinformat
zu tun, wie sie sich selbst nennt? Um das
herauszufinden, bin ich zu Chrigel geflogen. Um an die Ursachen der Tat zu
erinnern. Die Hintergründe. An die Akteure, die «Bewegten», und ihren Zusammenschluss: «d’Bewegig». Weil die
heute so hoch gepriesene Lebensqualität
der Stadt zumindest teilweise in den Ereignissen dieser Jahre gründet: Dass Zürich im Vergleich der beliebtesten Städte
seit Jahren einen Spitzenplatz belegt,
kommt nicht von ungefähr. Chrigel Vaterlaus hat dazu beigetragen, nicht nur
er, wie er immer wieder betont, aber er
gemeinsam mit vielen anderen.
Stallgeruch der Goldküste
Dass die Stadtregierung 1980 für die Sanierung und Erweiterung des Opernhauses 61 Millionen ausgeben will, sich
aber weigert, Kulturanlässe der jungen
Generation zu unterstützen, löst Krawalle aus. Ab Ende Mai kommt es fast täglich zu Demonstrationen und Gewalt­
exzessen. Wie ernst es ist, wird klar, als
sich eine junge Frau vor dem Opernhaus
mit Benzin übergiesst und anzündet.
Einen Monat später beugt sich die Stadt
dem Druck und stellt am Sihlquai eine
leer stehende Fabrikhalle zur Verfügung.
Allerdings schliesst sie das AJZ, das Autonome Jugendzentrum, schon bald wieder, weshalb es ebenso bald zu weiteren
Ausschreitungen kommt. An der Demonstration vom 24. Dezember marschiert Chrigel in der ersten Reihe, hinter ihm zehntausend Menschen, darunter irgendwo auch ich. Dann steht
plötzlich eine Front aus Polizeigrenadieren vor ihm. Diese hätten, ohne zu
zögern, zugeschlagen, sagt Chrigel. Er
wehrt sich, wirft Steine und wird in der
Folge niedergeknüppelt. Als er am Boden
liegt, steht ihm ein Grenadier gezielt auf
die Finger und dreht den Absatz. Später
schlägt ihm ein anderer den Ellenbogen
in die Magengrube. Zusammen mit anderen verbringt Chrigel die Festtage im
Gefängnis. Er hört, wie draussen die
Demonstranten, auch da war ich mit dabei, skandieren: «Use mit de Gfangene –
Use mit de Gfangene.» Die Solidarität tut
ihm gut. Noch vor Neujahr wird er entlassen.
An diesem Punkt hätte Chrigel sein
Leben ändern können. Die Rekrutenschule besuchen, weiter Psychologie studieren, Karriere machen. Kurz: dem Stallgeruch der Goldküste folgen. Aber er tut
es nicht. Im Gegenteil. Die Gewalt hat
ihn radikalisiert. Dass die Behörden eine
andere Meinung niederschlagen, kann
er nicht verstehen. Sein Bild der Heimat
ist erschüttert, und nicht nur seines. Die
Stadt ist so häufig wie noch nie in den
Schlagzeilen der internationalen Medien. Statt eine Bankenmetropole und Oase
der Beständigkeit zu sein, steht sie nun
für Krawalle, angeheizt von repressiv
agierenden Behörden und ihren Handlangern. Neben den Schaufenstern liegt
auch das Image der Stadt in Scherben.
Nach dem Ende der Unruhen bewegt
sich Chrigel weiterhin im Umkreis der
Bewegten, die man damals «die Szene»
nannte. 1986 besetzt er zusammen mit
anderen mehrere Häuser an der Schmiede Wiedikon im Kreis 3. «Mer händ’s innegnoo», wie er sagt. Die Häuser sollen
einer Überbauung weichen. Die Besetzung ist gleichzeitig Manifest gegen den
Mangel an günstigem Wohnraum wie
auch ein früher Protest gegen ein Thema, das heute noch aktuell ist: die grassierende Spekulation in der Stadt. Zudem
stellen die Gebäude eine der wenigen
Möglichkeiten dar, um mit einer grösseren Zahl Gleichgesinnter zusammenzuleben. In den Achtzigerjahren gibt es weder Immobilienportale mit einer Rubrik
«Wohngemeinschaft» noch den Vergleichsdienst Comparis, der auch gleich
das billigste Zimmer findet.
Chrigel und die WG-Genossen wollen
die Häuser retten und gehen juristisch
gegen Eigentümer und Stadt vor. Obwohl
sie von Paragrafen und Gesetzen keine
Ahnung haben, gelingt es ihnen, die Gegenseite immer wieder in die Defensive
zu treiben. Chrigel schreibt nächtelang
an Rekursen und ficht Ausweisungsbegehren ebenso konsequent an wie jede
Bewilligung, die das Neubauprojekt voranbringt. Die Sache kommt dreimal vor
Bundesgericht; die Hausbesetzer messen sich mit den besten Anwälten. «Sie
verzweifelten, weil wir stets neue Gesetzeslücken fanden.» Letztlich verlieren
Chrigel und seine Kollegen, doch sie haben sich einen Respekt erkämpft, von
dem die Besetzerszene bis heute profitiert. So lassen die Behörden leer stehende Häuser nur noch räumen, wenn die
Eigentümer eine Abbruch- oder Baubewilligung vorlegen oder wenn sie eine
Neuvermietung nachweisen können. Mit
ihrem Engagement ebnen die Besetzer
zudem den Weg für eine Wohnform auf
genossenschaftlicher Basis, die inzwischen anerkannt ist und auch aktiv gefördert wird. Aktuellstes Beispiel ist die
Überbauung «Kalkbreite», Symbol für
soziologisch und ökologisch pionierhaftes Wohnen im 21. Jahrhundert. Die Utopie von einst ist inzwischen Realität.
Retter des Meeres
Am nächsten Morgen schaue ich mir an,
was einer tut, der seinen Alltag im Dauerparadies verbringt. Es ist noch früh,
soeben steigt die Sonne als fahle Scheibe aus dem Meer. Chrigel steht inmitten
einheimischer Fischer am Strand und
beobachtet, wie ein kleiner Lastwagen
vorfährt. Die Füsse des Beifahrers ragen
aus dem Seitenfenster, Reggae dröhnt.
Der Laster bringt Sand. Sobald die Ladung gekippt ist, beginnen Chrigel und
die Männer den Haufen mit Zement zu
mischen. Dann giessen sie den Beton zu
hohlen, einen Meter hohen Halbkugeln.
Auf Swahili weist Chrigel die Männer
13
an, doch nicht mit den nackten Füssen in
den Beton zu stehen, das verätze die
Haut, doch er ist der Erste, der sich nicht
an die eigene Anweisung hält.
Die Halbkugeln sind sein neustes
Projekt. In den USA entwickelt, sollen sie
das natürliche Riff ergänzen, das drei Kilometer vor Jambiani liegt und die Wogen des Indischen Ozeans zu Schaum
bricht. Erfahrungen aus anderen Weltgegenden zeigen, dass sich bereits nach
wenigen Monaten Korallen auf dem Beton ansiedeln; Fische nutzen das hohle
Innere als Versteck und pflegen dort ihre
Brut. Wenn alles gut geht, ist das künstliche Gerüst der sogenannten Reefballs
nach einigen Jahren nicht mehr zu erkennen. Das hilft den Menschen von Jambiani. Sie haben die Lagune grösstenteils leer gefischt, anfänglich mit Speeren und Angeln, zwischendurch mit Gift,
neuerdings mit Netzen. Zudem haben die
Korallen unter dem Klimawandel gelitten und sind ausgebleicht. Die Halbku-
14
geln werden nun für neues Leben sorgen.
Die Fänge der Fischer werden wieder
mehr decken als nur gerade den Eigenbedarf, die Touristen können in der neu
erblühten Unterwasserwelt schnorcheln.
Das Geschäft läuft, das Meer aufersteht.
Das ist es, was Chrigel will.
Buttersäure auf Polizisten
Am Tag darauf sitzen wir wieder vor seinem Haus, um nochmals über die Achtzigerjahre zu reden. Die Zikaden jubilieren, eine Schar Kinder zielt mit Bällen
und Schuhen auf Nüsse in einem Baum.
Chrigel lässt sie gewähren, so lange, bis
er erkennt, dass der Baum leidet.
«Als klar war, dass deine Mitbesetzer und du vor Bundesgericht verlieren,
wie habt ihr darauf reagiert?»
«Wir begannen, uns auf die Räumung vorzubereiten, und präparierten
einen Fluchtweg. In jedem Stock stand an
derselben Stelle ein fest eingebauter,
raumhoher Kleiderschrank. Wir verban-
den diese Schränke vom Estrich bis in
den Keller, indem wir Decken und Böden
durchbrachen. So entstand ein durchgehender Schacht. Zudem gruben wir vom
Keller aus einen Tunnel, der via Kanalisation ins Freie führte. Am 9. Juni 1987,
nach zwei Jahren Besetzung, war es so
weit. Als die Polizisten anrückten, schütteten wir kaltes Wasser auf sie, dazu Buttersäure, Farbe und Schmierseife. Wir
wollten sie bewusst nicht verletzen. Dann
sahen wir zu, wie sie die Barrikaden wegräumten und ins Haus drangen. Weil wir
im unteren Teil die Treppen herausgebrochen hatten, kamen sie aber nicht
weiter. Die Feuerwehr musste zuerst eine
Leiter bringen. Wir hatten uns derweil in
das oberste Stockwerk zurückgezogen
und harrten so lange wie möglich aus.
Erst im letzten Moment verschwanden
wir im Innern der Schränke. Während sie
in ihrer schweren Montur die Treppen
emporpolterten, seilten wir uns ab und
sausten in die Tiefe, geräuschlos und un-
... auch an Weihnachten 1980 vor dem Bahnhof. Chrigel wird niedergeknüppelt und landet im Gefängnis.
DA S M AGA Z I N 1 2/201 5 — BI L DE R : OL I V I A H E U S S L E R / C L IC . L I GM BH
Züri brännt – und Chrigel Vaterlaus marschiert vorneweg ...
sichtbar. Vom Keller aus flohen wir durch
den Tunnel in die Kanalisation. Um uns
den Rückzug zu sichern, zündeten wir
Rauchbomben und nebelten die ganze
Umgebung ein. Der Qualm war so dicht,
dass man kaum die Hand vor dem Gesicht sah. Schliesslich stiegen wir an die
Oberfläche, keine fünf Meter neben den
Füssen von zweihundert Polizisten, und
verschwanden. Verhaftet wurde niemand. Da wir den Funk angezapft hatten,
hörten wir, wie die Polizisten im Haus uns
vergeblich suchten. Sie hatten keine Ahnung, was geschehen war; wir hatten uns
offenbar in Luft aufgelöst.»
2003 finden Chrigel und Connie
zum ersten Mal nach Sansibar. Es ist ein
normaler Urlaub und die Destination eher
zufällig: Ein Bekannter besitzt ein Haus.
Chrigel hat inzwischen sein Psychologiestudium beendet, jedoch ohne es mit
den Lizenziatsprüfungen abzuschliessen. Beruflich lässt er sich stets vom Moment leiten. Vor und während der Platz-
spitz-Zeit arbeitet er in der Auffangstation Tiefenbrunnen, einer Notschlafstelle
für Fixer. Auch hier legt er sich mit den
Behörden an, fordert die Liberalisierung des Heroinhandels und wehrt sich
gegen das unsinnige Verbot, saubere
Spritzen abgeben zu dürfen. Um den
Süchtigen trotzdem helfen zu können,
kauft er die Spritzen in Deutschland und
schmuggelt sie über die Grenze. Gleichzeitig beginnt er sich beim Xenix zu engagieren, dem ersten Offkino der Stadt.
Auf die Leinwand kommt, was die anderen nicht zeigen: Experimentalwerke,
Trashfilme, B-Movies, Themen wie Homosexualität. Chrigel wird für das Xenix über zwanzig Jahre aktiv bleiben, in
dieser Zeit Filme vorführen, Filme programmieren – unter anderem einen Zyklus mit dem Titel «Utopia» –, an der Kinobar arbeiten, nach Fördergeldern suchen, die Technik verantworten wie auch
mit einer Openair-Version des Xenix
durch Senegal reisen. Dass eines Tages
die NZZ dem Xenix eine längere Hommage widmet und es damit quasi seine
offizielle Anerkennung erhält, entspannt
auch Chrigels familiäre Situation etwas.
Der Vater äussert sich erstmals anerkennend über die Taten des wilden Sohns.
Heute ist das Kino in der Baracke ein
Markenzeichen für das andere Zürich.
Und plötzlich trägt er Anzug
In dieser Zeit kommt Chrigel mit Computern in Kontakt, erkennt die wirtschaftlichen Möglichkeiten der neuen
Technik und entscheidet sich, hier einzusteigen. Als er mit einem Partner die
ersten Webauftritte zu realisieren beginnt, hat er ausser einem einzigen Kurs
keine Ausbildung. Es ist wie damals in
der Schmiede Wiedikon, als er über
Nacht zum Juristen wird: learning by
doing. Rivella, Coca-Cola, Nestlé und die
Bon-appétit-Gruppe zählen zu den Kunden der Agentur. Nun nähert sich Chrigel doch noch jener Welt, die zu seiner
15
Herkunft passt. Im Anzug reist er von
Sitzung zu Sitzung, präsentiert seine
Ideen vor Verwaltungsräten und schüttelt Bill Gates die Hand. Etwas Stolz
schwingt mit, wenn er heute von dieser
Zeit erzählt. Trotzdem bewahrt er sich
einen gewissen Nonkonformismus. 1999
realisiert er für die Gebrüder Freitag, die
damals schon Erfolg hatten mit ihren
Taschen, die Plattform skim.com. Ziel ist
die Lancierung einer Life­style-Marke.
Auf den Kleidern und Accessoires von
skim.com steht eine Identifikationsnummer, die über die Website kontaktiert werden kann. Jahre vor Facebook
entsteht in der Schweiz bereits ein Portal, um sich über Internet auszutauschen. Doch skim.com scheitert und
bleibt Utopie. «Wir waren zu früh», sagt
Chrigel. Das Prinzip dahinter ist inzwischen Alltag.
Während des ersten Aufenthalts in
Jambiani fallen Chrigel die im seichten
Wasser watenden Frauen auf. Tag für
16
Tag gehen sie stundenlang hin und her,
einen Sack hinter sich herziehend. Sie
sammeln Seegras, um es als Verdickungsmittel an die Nahrungs- und Kosmetikindustrie zu verkaufen. «Damit verdienten sie fünfzehn Euro pro Monat.» Zu
viel Aufwand für den Profit anderer, findet er, der immer schon gegen Ausbeutung gekämpft hat.
«Einen Virus pflanzen»
Die Frauen tauchen zum richtigen Zeitpunkt in seinem Leben auf. Chrigel hat
genug von den geistigen Untiefen des ECommerce; es zieht ihn zurück in eine
Welt, in der er «Spuren hinterlassen»
kann. Zusammen mit Connie beginnt er
über andere Einkommensquellen für die
Menschen in Jambiani nachzudenken,
etwas, das seit der Unterjochung der Insel durch Araber, Perser, Portugiesen,
Deutsche und Engländer noch niemand
getan hat. Die halbe Welt hat sich zwar
an Sansibar bereichert und dabei je nach
Schätzung bis zu drei Viertel der Bevölkerung versklavt, doch zurückgekommen ist wenig bis nichts. Auch von der
DDR nicht, die sich in den Sechzigerund Siebzigerjahren für Sansibar engagiert hat. Eindrücklichstes Resultat der
Entwicklungshilfe sind neben einem
Stasi-ähnlichen Überwachungsapparat
einige inzwischen angeschimmelte Plattenbauten. Und auch die aktuelle Regierung tue nichts, findet Chrigel. «Sie hat
keine Ideen. Niemand traut sich, zu fantasieren oder auch einmal verrückte
Ideen zu verfolgen.»
Wie in Zürich will Chrigel in Jambiani mit kleinen Veränderungen den Wandel herbeiführen. Kein Jahrhundertprojekt, sondern praktische Hilfe. «Einen
Virus pflanzen», nennt er es. Er beginnt
zu recherchieren, was in vergleichsweise
kurzer Zeit Erfolg verspricht, wenig Investitionen erfordert und auch nachhaltig betrieben werden kann. Das Ergebnis: Aquakulturen, und zwar die Zucht
Mithilfe solcher Reefballs soll die leer gefischte Lagune vor Jambiani neu belebt werden.
DA S M AGA Z I N 1 2/201 5 Mehr Meer – Chrigel Vaterlaus inspiziert seine Schwämme.
von Schwämmen und Korallen. Dafür
gibt es weltweit einen wachsenden
Markt, und weil Interesse und Preise steigen, nimmt die Wilderei zu. Auch im Indischen Ozean. Mithilfe der Aquakulturen will er diesem Raubbau entgegenwirken und den Einheimischen gleichzeitig
neue Verdienstquellen eröffnen.
2008 gründet Chrigel zusammen
mit Freunden marinecultures.org, eine
kleine Non-Profit-Organisation mit Sitz
in Zürich und Basis in Jambiani. Wieder
hat er keine Ahnung von der Materie und
muss sich einarbeiten. Er informiert sich
bei Meeresbiologen, korrespondiert mit
Universitäten. Einiges geht in der ersten
Zeit schief, Krankheiten dezimieren die
Bestände. Doch heute sind in der Lagune vor Jambiani mehrere Unterwasserfarmen in Betrieb. Aufgereiht an langen
Seilen, wachsen Tausende Schwämme;
wie Weihnachtskugeln hängen sie in der
Strömung. In der Nähe, in sechs Metern
Tiefe, stehen auf dem Meeresgrund Ti-
sche mit jungen Korallen. In Reih und
Glied gepflanzt, erinnern sie an Salatsetzlinge. Bewirtschaftet werden die
Aquakulturen von einem halben Dutzend einheimischer Frauen und Männer.
Sie verdienen dank dem neuen Geschäft
weit mehr als zuvor. Chrigel überwacht
und hilft. Ein erster Schritt ist getan.
An einem der folgenden Tage bringen Chrigel und einige Fischer die erste
der Halbkugeln zum Riff hinaus; ein Probelauf. Neunzig weitere werden folgen,
später vielleicht noch mehr. Chrigel befürchtet, dass das eine Hauruck-Aktion
wird, und so ist es auch. Beim Verladen
des 200 Kilo schweren Teils wird das
kleine Transportboot beschädigt. Draussen beim Riff kommt es zu einer längeren Diskussion, wo das künftige Fischund Korallenhaus versenkt werden soll;
dann aber gleitet es langsam in die Tiefe,
gesichert an Seilen, und so wird die Aktion doch noch zum Erfolg, was Chrigel
freut und die Fischer auch.
Leichtigkeit des Seins
Auf der Rückfahrt zur Küste taucht die
Frage auf, wie er das alles finanziert. Der
Aufbau der Aquakulturen kostet, zudem
galt es mehrere Jahre durchzuhalten, bis
die Produktion angelaufen war. Auch die
Reefballs sind nicht gratis. Die Gussformen für die Halbkugeln musste Chrigel
in den USA kaufen, und für die Herstellung stehen an die zehn Leute auf seiner
Lohnliste.
Dass Chrigel von der Zürcher Goldküste stammt, lässt Spielraum für Interpretationen. Die Kinder vom See haben
den Ruf, das Erwerbsleben als ein Hobby
zu sehen. Kommt Geld rein, ist es gut,
kommt keines herein, macht es nichts.
Also, wie finanziert Chrigel das alles?
«Ich kenne die Frage,» sagt er, während
das Boot die Wellen teilt. «Die Antwort
ist: Nach mehreren Jahren Gratisarbeit
zahlt mir marinecultures nun erstmals
einen kleinen Lohn, finanziert aus Spenden. Es ist wenig, genügt aber, um hier
17
Forever young
Es gibt nichts, was Anlass zu Kritik geben
könnte, was auch die Einheimischen offenbar so sehen: Sie nennen ihn nicht
wie alle anderen Weissen «Mzungu» –
die Bezeichnung für eine Bananensorte
mit rötlicher Schale. Chrigel und Connie
sind «Wageni», Gäste.
«Ich habe den schönsten Arbeitsplatz der Welt», sagt er, frei von überflüssigen Verpflichtungen, ausserdem mache ihm seine Arbeit auch noch Spass.
Weshalb organisieren wir nicht alle unseren Alltag so?, denke ich mir. Was hält
uns zurück, unsere Utopien zu leben?
Die ersten Schritte sind einfach. In einer
mehr oder weniger heftigen Sinnkrise
einen Plan erstellen – was will ich in fünf
Jahren tun, mit wem und wo will ich das
tun? –, dann tief einatmen und durch. So
hat es Chrigel getan.
Einzig ankreiden kann man ihm, dass
er seine Unverletzlichkeit etwas allzu
sehr zelebriert. Sein «Forever young».
Nichts und niemand kann ihm etwas anhaben. Er surft einen Nachmittag lang
mit einem Lenkdrachen über die Lagune und ist nachher so rot, dass Connie
ihn «Mzungu» hänselt – Sonnenschutz,
die Hautkrebs-Thematik, geht ihn nichts
an. Bei einer Fahrt durch den Busch Sansibars trinkt er Wasser aus einem Tank,
der seit zwei Wochen in der sengenden
Sonne steht und somit Brutstätte für alles ist, das einem das Leben schwer machen kann. Doch Chrigel ist das egal,
Warnungen ignoriert er. Und wenn er
mit seinem Motorrad über die Insel fetzt,
eine Sonderanfertigung der Paris-DakarBMW, trägt er «nicht immer» einen
Helm, das heisst: höchstens ab und zu.
Aber was solls. So war er immer.
Sein Leben riecht nach Freiheit, Sand
und Liebe, nicht nach Laktoseintoleranz,
Burn-out-Syndrom und Veganismus.
Denkt Chrigel an die Zeit von «Züri
brännt» zurück? Ja. Vieles, was ihm hier
auf Sansibar bei der Lösung der Alltagsprobleme hilft, habe er in den Achtzigerjahren gelernt. Nicht nur, dass sich auch
mit wenig Geld viel bewegen lasse: «Es
braucht nichts ausser etwas Kreativität
und die Fähigkeit, improvisieren zu können.» Hier anwenden kann er zudem,
was er in Verhandlungen mit den Zürcher
Behörden erfahren hat. Chrigel war nicht
nur Hausbesetzer. Da er mehr an Lösungen als an Konfrontation interessiert war,
hatte er bald einmal eine Mittlerposition
zwischen Szene und Obrigkeit. Er war es,
der mit Stadträtin Ursula Koch und ihrem
damaligen Mitarbeiter Josef Estermann
diskutierte, wie es in der Schmiede Wiedikon weitergehen sollte. Dieses Verhandlungsgeschick komme ihm nun zugute, sagt er, etwa wenn er mit den Behörden Sansibars zu tun hat, was
langwierig sei und Nerven brauche.
«Ist das eigentlich eine Flucht, dein Leben in Sansibar?» – «Nein», sagt Chrigel,
«aber ein aktives Weglassen von Unnötigkeiten.» Mehr Lebensinhalt, weniger
Engstirnigkeit, mehr Spass. Etwas Sinnvolles tun, wie zu Zeiten von «Züri
brännt». Die Unruhen seien etwas vom
Besten in seinem Leben gewesen, sagt
er. «Wir hatten einen fantastischen Zusammenhalt, wir waren eine grosse Familie.» Und die Familie der Bewegten
hatte Erfolg. Nicht sofort, aber der Virus
hatte sich eingenistet. Die Stadt hat unter dem Druck der Strasse ihre Politik
geändert, sie begann, kulturelle Aktivitäten zu unterstützen. Zwar ist niemand
am Tisch noch im Alter, in dem die Partys
morgens um zwei beginnen, aber dass
die Sperrstunde inzwischen abgeschafft
ist, freut uns alle. Es ist ein ganz anderes
Lebensgefühl, wenn an einem zufällig
ausgewählten Werktag in Zürich 26 Partys, 14 Lesungen, 24 Konzerte, 18 Theatervorstellungen und 95 Ausstellungen
gelistet sind. Möglich gemacht haben es
Eigeninitiative, Querdenken, Kreativität
und die Veränderungen im Kulturbudget der Stadt. Mitte der Achtzigerjahre
erhielten Institutionen ausserhalb der
traditionellen Kulturtempel Opernhaus,
Schauspielhaus und Tonhalle knapp eine
Million pro Jahr, was bereits einem Erfolg gleichkam, verglichen mit 1980, heute sind es fünfzig Millionen. «Fantastisch», findet Chrigel und sieht hinaus
aufs dunkle Meer: Utopien müssen nicht
Utopien bleiben.
Wie zu Zeiten von «Züri brännt»
Am Abend essen wir Pizza, so global ist
Jambiani bereits. Der Wind bläst Sand
durch das Restaurant, vorne herein und
hinten wieder hinaus.
CH R I S T I A N S CH M I DT schreibt regelmässig für «Das Magazin»; [email protected]
Der Fotograf M A N U EL BAU ER lebt in Winterthur; www.manuelbauer.ch
18
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max. 10 Stickjeweils in das Samm
diesen bitte
DA S M AGA Z I N 1 2/201 5 gut zu leben.» Geld aus der Zeit des ECommerce sei ihm kaum geblieben.
Einen gewissen Rückhalt seitens des Elternhauses gebe es, doch sei er nicht darauf angewiesen. «Solange das hier funktioniert, mache ich weiter. Falls nicht,
suche ich etwas Neues», sagt er, es sind
die Worte eines Mannes, der sich die
Leichtigkeit des Seins erlauben kann.
Oder aber, Chrigel verfügt über ein unerschütterliches Selbstvertrauen. Wahrscheinlich ist es beides.
Am Abend spaziere ich durch das
Dorf und frage mich, ob diese Geschichte aus dem Paradies nicht auch ihre
Schattenseiten hat, doch ich finde keine.
Chrigel hilft nicht nur den Fischern, er
fördert auch diverse Kleinstgewerbe. So
hat er etwa einem jungen Einheimischen beigebracht, wie man Handys repariert. Jedes Mal, wenn er aus der
Schweiz nach Sansibar zurückkehrt,
bringt er dem Mann gebrauchte Geräte
mit. Zudem legt er selbst immer wieder
Hand an im Dorf; er hat den Ruf, alles
reparieren zu können, doch den Lohn,
den er erhält, gibt er weiter. So bittet er
einen Lehrer, dessen Wasserpumpe er
wieder zum Leben erweckt, den Kindern seines Gärtners Nachhilfestunden
in Englisch und Mathematik zu erteilen.
Auch Connie hilft den Menschen in Jambiani. Sie hat die Produktion von Rouleaus aus Bambus in die Hand genommen, die hier als Windschutz sehr gefragt sind – eine weitere Einkommensquelle für die Frauen.
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«Komm auch
zum IS ...
... das ist wie
im Computerspiel
Call of Duty – nur in echt»
20
21
Warum hat sich der islamistische Terror zu einer globalen
Bedrohung entwickelt – und was haben die jungen
IS-Krieger mit den Amokschützen in amerikanischen
Schulen gemein? Ein Gespräch mit Olivier Roy,
dem führenden französischen Islamwissenschaftler.
Unter westlichen Islamwissenschaftlern ist er eine Ausnahmeerscheinung. Einerseits hat Olivier Roy eine brillante akademische Karriere absolviert und einige der wichtigsten Studien zum politischen Islam verfasst. Sein Buch «Das Scheitern
des politischen Islam» (L’Échec de l’Islam politique) gilt als
Referenzwerk genauso wie «Der islamische Weg nach Westen», eine Analyse der Stellung des Islam in der heutigen globalisierten Gesellschaft.
Andererseits verfügt Roy jedoch über einen stupenden Erfahrungsschatz politischer Feldforschung, was ihn von vielen
anderen sogenannten Experten unterscheidet: Er ging als
Reisender, jahrzehntelang als Berater des französischen Aussenministeriums und der Sicherheitsdienste sowie als OSZEDiplomat und UNO-Gesandter immer wieder auf Tuchfühlung mit seinem Studienobjekt. Während der 80er-Jahre bereiste er intensiv das vom Krieg beherrschte Afghanistan – und
wurde als bester westlicher Kenner der antisowjetischen Mujahedin zum gesuchten Experten für Wissenschaft, Diplomatie und Geheimdienste. Den 11. September 2001 erlebte er in
Duschanbe, der Hauptstadt der zentralasiatischen Republik
Tadschikistan. Er war angereist zu einem Treffen mit dem Kommandanten Massud, dem Anführer der afghanischen Nordallianz, den er seit mehr als zwanzig Jahren kannte. Massud jedoch war zwei Tage zuvor von al-Qaida ermordet worden, als
Auftakt zu den Anschlägen in den USA.
Roy hat den politischen Islam und den islamistischen Terror theoretisch zu durchdringen versucht, aber er kennt ihn
nicht nur aus der Theorie. In all seinen Büchern geht er von der
Überzeugung aus, dass der politische Islam nur verstanden
werden kann, wenn er im Rahmen gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen betrachtet wird.
Das Magazin — Herr Roy, das Jahr begann mit den Attentaten von Paris. Dann kam Kopenhagen. Wie beurteilen Sie die Bedrohungslage?
Olivier Roy — Man muss zwei Aspekte unterscheiden: Zum
einen wird die Situation bestimmt von den geostrategischen
22
Konflikten im Nahen Osten, die sehr explosiv und dynamisch
sind. Wir haben die Tendenz, darüber hinwegzuschauen. Letztlich haben wir es im Nahen Osten immer noch mit Nachbeben
der Dekolonisierung zu tun. Die aktuelle Krisenzone entspricht
exakt den ehemaligen ottomanischen Provinzen, die die Engländer und die Franzosen 1920 untereinander aufgeteilt haben – Palästina, Syrien, Libyen, Irak und Jordanien, auch wenn
Letzteres noch etwas stabiler ist als seine Nachbarländer. Nehmen Sie Libyen: Es ist ein Land, das nie zu einem richtigen Nationalstaat geworden ist. Das ist das Schicksal vieler «Nationen» im Nahen Osten.
Die Dekolonisierung liegt weit zurück. Warum sind trotzdem keine stabilen Staaten entstanden?
Seit der Unabhängigkeit haben die meisten Länder der Region verschiedene Phasen durchlaufen. Die erste Phase war der
arabische Nationalismus, dessen Übervater der ägyptische
General Nasser darstellt. Saddam Hussein war der letzte Repräsentant dieses Typus des nationalistischen Machthabers.
Der Nationalismus hat jedoch überall in korrupten Militärdiktaturen geendet, denen als Gegenmacht der politische Islamismus und die Muslimbrüder gegenüberstanden. Dann kam
der Arabische Frühling, der überraschenderweise zu einer
Schwächung der Muslimbrüder geführt hat, obwohl sie zunächst wie die grossen Sieger aussahen. Zum einen hat ihnen
die liberale Protestbewegung das Monopol des Widerstandes
streitig gemacht, zum anderen ist ihnen mit den salafistischen
Bewegungen auch innerhalb des politischen Islam Konkurrenz erwachsen. Das alles führt dazu, dass die politische Lage
instabiler ist denn je – und entsprechend auf Europa ausstrahlt.
Ist der Arabische Frühling nicht einfach gescheitert?
Heute ist in Ägypten wieder ein Militärdiktator an der
Macht.
Nein, die Situation bleibt dynamisch. Gesellschaften bestehen
nicht nur aus Ideologien und ideologischen Auseinandersetzungen – also Islamismus gegen autoritären Laizismus. Man
muss das Gesamtbild betrachten. Nehmen Sie etwa die demografische Entwicklung. Tunesien zum Beispiel hat heute die
DA S M AGA Z I N 1 2/201 5 Von Daniel Binswanger
Bild Roberto Baldassarre
niedrigste Geburtenrate in der arabischen Welt: 1,7 Kinder pro
Frau. Das ist deutlich tiefer als in Frankreich. In Europa
herrscht das Vorurteil, dass die Araber sich rasend schnell vermehren, aber das entspricht nicht mehr den Tatsachen. Zudem ist das allgemeine Ausbildungsniveau sehr hoch. In fast
allen arabischen Ländern hat sich die Zahl der Universitätsabgänger in den letzten dreissig Jahren verzehnfacht. Das ist ein
gewaltiger Instabilitätsfaktor: Es gibt einen massiven Überhang von arbeitslosen Akademikern.
Ist das Problem in diesen Ländern nicht ganz einfach
die Religion, das heisst der politische Islam?
Natürlich spielt die Religion eine entscheidende Rolle – aber
man muss genauer hinsehen, um welche Religiosität es sich
handelt. Das Problem ist, dass die Religiosität in diesen Ländern nicht mehr traditionalistisch funktioniert, sondern sehr
starken Veränderungen unterworfen ist.
Noch einmal zu meiner Eingangsfrage: Müssen wir nun
damit rechnen, dass sich in Europa eine endlose Anschlagsserie fortsetzt?
Endlos wohl kaum. Aber hier komme ich zum zweiten Aspekt
des Problems, mit dem wir es zu tun haben. In Europa wird
eine Jugend produziert, die nichts mehr zu verlieren hat. Es gibt
ein Randsegment von Jugendlichen, die davon überzeugt sind,
dass sie vom System zurückgestossen werden. Daher werden
sie Systemfeinde. Grundsätzlich ist das nichts Neues: 68 war
auch eine Bewegung gegen das System. Und 68 war ebenfalls
eine Jugendbewegung, die Revolution einer Jugendgeneration gegen ihre Eltern. Auch die 68er-Bewegung ist ja in ihren
radikalsten Strömungen in den 70er- und 80er-Jahren in den
Terrorismus abgeglitten. Es endete mit der Baader-MeinhofGruppe, Action Directe und den Roten Brigaden.
Wollen Sie den islamistischen Terror mit dem europäischen Linksterrorismus der 70er-Jahre vergleichen?
Der islamistische Terrorismus steht tatsächlich in einer Kontinuität zu diesen radikalen Jugendbewegungen, nur dass sich
der Nihilismus noch einmal massiv verstärkt hat.
Die RAF hat gezielte Attentate begangen.
«Charlie Hebdo» war aus Sicht der Täter ein sehr gezieltes Attentat.
Aber islamistische Terroristen nehmen beliebige «Kollateralschäden» in Kauf.
Dasselbe galt für die Baader-Meinhof-Gruppe – nehmen Sie die
Flugzeugentführungen.
Wenn ich Sie richtig verstehe, betrachten Sie die Parallelen zum europäischen Linksterrorismus als aufschlussreicher für das Verständnis des heutigen islamistischen Terrors als die Verankerung im Islam.
Zum Verständnis des heutigen Terrorismus ist die Erklärungskraft des Korans gleich null. Die Jugendrevolte, deren Ausdruck der heutige Terrorismus ist, hat aber eine Reihe von
Parallelen zum alten Linksterrorismus. Natürlich liegt ein Unterschied darin, dass die Ideologie der RAF vom Marxismus und
diejenige des islamistischen Terrors von der arabischen Geschichte und von religiösen Vorstellungen geprägt wird. Das
Referenzsystem ist ein anderes, dennoch gibt es Parallelen:
Beide Bewegungen betreiben Terror im Namen einer Weltre-
volution. Beide verstehen sich als Speerspitze gegen den Imperialismus. Beide sind fanatisch antiamerikanisch und antisemitisch. Ein junger Mann, der sich der Fantasie anheimgeben
will, er leiste gewaltsamen Widerstand gegen die «Weltherrschaft», konnte sich in den 70er-Jahren der RAF anschliessen.
Heute bleiben nur noch al-Qaida oder der IS. Eine andere Alternative hat er nicht.
Für den islamistischen Terror ist aber der Antiisraelismus viel zentraler.
Der Antiisraelismus ist weniger wichtig, als angenommen wird.
Nicht Israel ist der Feind, sondern die Juden als solche. In Paris
wurde nicht eine israelische Einrichtung angegriffen, sondern
ein koscherer Supermarkt, in dem französische Juden einkauften. Al-Qaida und IS sind erz-antisemitisch, aber ihr Antisemitismus ist nicht religiös motiviert, sondern er reproduziert den
klassischen säkularisierten Judenhass. Die Juden repräsentieren das Kapital, den Kosmopolitismus, die Medienmacht, das
Establishment. Deshalb müssen sie bekämpft werden. Dieses
Feindbild hat eine lange Tradition, nicht nur in der europäischen Rechten, sondern auch in der europäischen Linken.
Der Palästina-Konflikt spielt aber für den Islamismus
eine zentrale Rolle.
Das wird überschätzt. Al-Qaida führt einen globalisierten
Kampf gegen den grossen Satan, es geht nicht um das palästinensische Territorium. Die Terroristen bekämpfen die Juden
als imaginierte weltpolitische Macht, nicht den Staat Israel als
solchen. Bin Laden hat nie einen antiisraelischen Terroranschlag veranstaltet. Das hatte keine Priorität.
Ist nicht zu fürchten, dass der IS oder al-Qaida nun versuchen werden, in Europa einen spektakulären Anschlag
durchzuführen?
Das würde insofern Sinn machen, als der IS in Europa rekrutiert und er mit einem Anschlag sein Prestige erhöhen könnte.
Allerdings würde es schlecht zur globalen Strategie des IS passen: Der islamische Staat unterscheidet sich darin von al- Qaida, dass er den Kampf territorialisiert hat. Er will nicht internationalen Terrorismus betreiben, er will ein Kalifat gründen,
das heisst: ein Territorium besetzen, einen Staat errichten – und
mit dieser Staatsmacht dann die Welt erobern.
Aber der IS ist eine internationale Truppe.
Das ist wichtig für seine Identität, die weniger vom Koran als
von der politischen Geschichte des Islam geprägt wird. Der
Grundmythos ist: Mohammed hat nicht zwischen den Stämmen unterschieden, sondern eine «internationale» Gemeinschaft gegründet. Diese «islamische Legion» hat sich mit der
lokalen Bevölkerung – also den Einwohnern des arabischen
Halbmondes – verbündet und konnte so in kürzester Zeit ein
Weltreich errichten. Das ist der Grund, weshalb der IS eine aktive Heiratspolitik betreibt und für seine Kämpfer Ehen mit
einheimischen Frauen arrangiert. Der internationale Terrorismus jedoch ist für den IS nur ein Nebenschauplatz. Hier besteht
ein fundamentaler Unterschied zu al-Qaida.
Warum kann der IS in Europa so viele Kämpfer rekrutieren?
Man muss sich das Profil dieser Rekruten ansehen, das sehr stereotyp ist. Es sind muslimische Secondos oder Konvertiten, die
23
24
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nicht religiös aufgezogen wurden und randständige Existenzen führen: Kleinkriminelle, Dealer, Arbeitslose aus den Banlieues. Die Radikalisierung erfolgt häufig im Gefängnis, und
es ist nicht so, dass erst eine religiöse Phase und dann die
Politisierung kommt, sondern beides geschieht gleichzeitig
und in sehr kurzer Zeit. Im Vergleich zu den Mitgliedern von alQaida ist das soziale Niveau beim IS viel tiefer: Al-Qaida rekrutierte Mittelschichtskinder mit Studienabschluss. Der IS
rekrutiert Outcasts.
Was ist die Motivation dieser Rekruten?
Sie betrachten sich als Opfer, als Bürger, die von der Gesellschaft betrogen werden und denen das «System» keine Chance gibt. Das ist das Leitmotiv aller Befragungen europäischer
Jihadisten. Die Vorbilder, denen sie in ihrer Revolte nachleben wollen, sind nihilistische Heldenfiguren. Die Todesfaszination ist zentral. Es geht weniger darum, einen Krieg zu gewinnen, als andere Menschen umzubringen und selber dabei
schnell und heldenhaft zu sterben. Auch wenn es sich nicht um
Suizidattentate handelt, sind die Aktionen in der Regel so geplant, dass die Täter selber keine Chance haben zu überleben.
Ist diese Todesfaszination nicht auch darin begründet,
dass es sich um religiösen Fanatismus handelt?
Nein. Es gibt keine muslimische Tradition des Suizidattentats.
Bis Anfang der 80er-Jahre war das tabu. Wer behauptet, die
extreme Gewaltbereitschaft gründe im Koran und in der muslimischen Theologie, der muss erst einmal erklären, weshalb
sich diese Tendenzen während 1400 Jahren im Islam nicht manifestiert haben und erst heute auftreten. Natürlich ist es im
traditionellen Islam heldenhaft und glorreich, im Kampf ge-
gen die Ungläubigen zu fallen, aber den Tod zu suchen ist verboten. Darin unterscheidet sich der Islam nicht vom Christentum und vom Judentum: Suizid ist gegen den Willen Gottes.
Aber im Koran gibt es zahllose Aufrufe zur Gewalt gegen Ungläubige.
Darin unterscheidet er sich nicht von den anderen Monotheismen. Lesen Sie den alttestamentarischen «Exodus», der
eine eigentliche Theorie des Genozids an den ungläubigen
Bewohnern Palästinas enthält: Dann können wir uns über Gewalt in heiligen Texten unterhalten. Es gibt zwar Wirrköpfe,
die aus dem «Exodus» die israelische Siedlungspolitik ableiten wollen, aber das ist natürlich Unfug. Genauso blödsinnig
ist es, den IS mit ein paar Koransuren zu erklären. Wir haben
heute keinen Begriff mehr davon, was Religionen eigentlich
sind, und deshalb ist den Leuten auch kaum mehr zu vermitteln, dass alle Religionen eine intolerante Dimension haben.
Es geht in allen Religionen darum, Gläubige und Ungläubige
zu trennen. Die Gläubigen werden erlöst, die Sünder und Ungläubigen kommen in die Hölle. Dass die Hölle existiert, hat
auch kürzlich der Papst wieder bekräftigt. Im Katholizismus
spielt zwar die göttliche Liebe eine Rolle, aber auch der Katholizismus lässt die Ungläubigen in der Hölle schmoren. Offenbarungsreligionen sind kein Wohlfühlprogramm. Die extreme
Gewalttätigkeit des islamistischen Terrors muss man aus dem
heutigen Kontext verstehen. Sie hat mehr zu tun mit den
Amokläufen in amerikanischen Highschools – Colombine
zum Beispiel – als mit der religiösen Tradition.
Glauben Sie wirklich, dass die Gewaltbereitschaft so
austauschbar ist?
Es gibt eine Auffälligkeit, wenn man sich anschaut, aus welchen
Städten Frankreichs die IS-Kämpfer und die islamistischen
Terroristen stammen. Es ist nachvollziehbar, dass Städte mit
hohem muslimischem Einwohneranteil übervertreten sind. Es
gibt jedoch eine Ausnahme: Marseille. Praktisch keine französischen Islamisten kommen aus Marseille. Wie erklärt sich
das? Marseille hat eine sehr entwickelte Mafia- und Kriminalitäts-«Kultur», mit ihren Mythen, ihren Heldenfiguren, einem Identitätsangebot für gewaltfaszinierte Outcasts. Ein Jugendlicher in Marseille mit dem Profil eines potenziellen Jihadisten wird eher in den Drogenhandel einsteigen, mit einigen
Freunden und Kalaschnikows ein paar Strassenzüge kontrollieren, ein grosser Hengst sein und nach kurzer Zeit von einem
rivalisierenden Dealer erschossen werden – ein recht ähnlicher Lebensentwurf wie bei einem IS-Jihadisten.
Und diese Gewaltfaszination hat sich verstärkt?
Offensichtlich ist, dass die Gewaltfaszination in der Populärkultur heute viel präsenter ist. Die Soziologie interessiert sich
schon lange dafür, dass der extrem gewalttätige Gangsterfilm
«Scarface» in der französischen Banlieue absoluten Kultstatus
hat. Man sieht den Enthauptungsvideos des IS ja deutlich an,
welchen Vorbildern sie nacheifern. Zum einen natürlich Hollywood-Grossproduktionen wie dem Film «Seven», in dem
man Folterungen und einen abgeschnittenen Kopf sieht. Solche Dinge sind im Mainstream-Kino relativ neu. Interessanterweise wird im Mainstream immer mehr «Gore», also immer
mehr extreme Gewalt, und immer weniger Sex gezeigt. Zum
anderen ist auch offensichtlich, dass sich die IS-Propaganda
ihre «Inspiration» holt auf Websites, auf denen die mexikani-
sche Drogenmafia ihre Gräueltaten vorführt. Auch dort werden Enthauptungen mit dem Dolch gezeigt. Das sind eindeutig Vorbilder.
Zwischen Gewaltfilmen und realer Gewalt gibt es einen
Unterschied.
Sicher. Aber es werden Vorbilder geschaffen, Grenzen verwischt. Auch Ballerspiele leisten ihren Beitrag. Das FBI hat
den Tweet eines Jugendlichen abgefangen, der sich dem IS an­
geschlossen hat und einem Freund schrieb: «Komm auch! Das
ist wie ‹Call of Duty›, aber in echt.»
Viele französische Kommentatoren machen die fortschreitende «Kommunitarisierung» in den Banlieues
für die neue Gewaltbereitschaft verantwortlich. Sie sagen, die Muslime würden sich wieder mehr auf ihre traditionellen Gemeinschaften zurückziehen, sich abschotten und die Werte der Republik ablehnen.
Diese Theorie hat keinen Bezug zur Realität. «Kommunitarisierung» würde bedeuten, dass starke soziale Bande existieren
und dass religiöse Gemeinschaften ein intensives Sozialleben
entwickeln. Wir stellen das exakte Gegenteil fest. Die Terroristen sind soziale Aussenseiter, randständig, isoliert. Häufig
erfolgt ihre Bekehrung im Gefängnis, dem Ort der Desozialisierung par excellence. Es ist zwar richtig, dass es in den Banlieues das Phänomen eines verstärkten Rückzugs auf religiöse
Identitäten gibt, dass der Schleier und die Halal-Läden sich
ausbreiten. Aber mit dem Terrorismus und den IS-Rekruten
hat das wenig zu tun.
Dann einmal unabhängig vom Terrorismus: Was ist von
dieser Rückkehr der Religion zu halten? ENTDECKE DEN ZAUBER
VON
LUNGO
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mehrheitlich akzeptiert. Vor noch nicht langer Zeit wäre das
undenkbar gewesen.
Wenn es eine generelle Veränderung der religiösen Praxis gibt, weshalb entwickeln sich dann gewalttätige Bewegungen mehrheitlich im Rahmen des Islam?
Es gibt, wie gesagt, zwei Besonderheiten des Islam, die diese
Tatsache erklären. Da ist zum einen die schwere politische Krise des Mittleren Ostens und der arabischen Welt, in der fundamentale Verschiebungen im Gange sind. Zum anderen die Tatsache, dass es eine starke Einwanderung muslimischer Migranten nach Europa gegeben hat. Der Islam steht im Brennpunkt
extremer gesellschaftlicher Spannungen. Daraus erklären sich
die Radikalisierungstendenzen – nicht aus wilden Theorien
über eine endogene Gewaltneigung der islamischen Theologie.
In Ihrem jüngsten religionssoziologischen Werk betonen
Sie, dass eines der frappierendsten Merkmale der heutigen Religionsausübung die wachsende Zahl an Konvertiten ist.
Die Konversionen sind ein Schlüssel zum Verständnis der heutigen Religiosität. Sie werden favorisiert durch die immer stärkere Trennung von Religion und Kultur. Man schöpft heute
seine Religion immer weniger aus einer Tradition, man erbt sie
nicht mehr von seinen Vorfahren, sondern man benutzt sie,
um sich gegen die Elterngeneration aufzulehnen. Die hohe
Zahl von Konvertiten ist der schlagende Beweis, dass radikaler Islamismus nichts zu tun hat mit der Wiederkehr verschütteter Traditionen.
Wie hoch ist diese Zahl?
Laut den letzten Daten der Sicherheitsbehörden sind 22 Prozent der aus Frankreich stammenden IS-Kämpfer Konvertiten,
also junge Männer, die mit dem Islam gar keine Berührung
haben, bis sie eines Tages konvertieren und sich sehr schnell
radikalisieren. Das ist enorm. Allerdings ist es kein neues Phänomen. Es lässt sich seit Mitte der 90er-Jahre beobachten. Zu
al-Qaida haben wir keine so präzisen Zahlen, aber eine vernünftige Schätzung geht davon aus, dass dort die Konvertiten
15 bis 20 Prozent ausmachen.
Dass ein beträchtlicher Teil der Terroristen ursprünglich keine Muslime sind, ist kein Medienthema.
Allmählich wird die Öffentlichkeit darauf aufmerksam, weil es
ein paar spektakuläre Fälle von konvertierten IS-Kämpfern
gegeben hat. Jetzt fallen alle aus den Wolken, dabei kennen
wir das Phänomen schon lange. Aber selbst die Sicherheitsbehörden wollten es lange nicht zur Kenntnis nehmen. Ich kann
mich gut an Streitgespräche mit dem damals obersten französischen Terrorismus-Ermittler Jean-Louis Bruguière erinnern,
die im Jahr 2002 stattgefunden haben. Ich gehörte einer Gruppe von Beratern der Ermittlungsbehörden an. Bruguière sagte:
Konvertiten interessieren mich nicht. Man wollte nicht sehen,
dass es genau die Oberflächlichkeit der Bindung an den Islam
ist, die den islamistischen Terror auszeichnet. Es wäre an der
Zeit, dass wir uns für die echten Fragen interessieren.
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SCRIPTE JOËLLE HERSANT SON GUILLAUME SCIAMA
IMAGE PASCAL MARTI, AFC DÉCORS MICHEL BARTHÉLÉMY COSTUMES PASCALINE CHAVANNE CASTING ANTOINETTE BOULAT 1ER ASSISTANT RÉALISATEUR ARNAUD ESTEREZ
SUPERVISION MUSICALE MARIE SABBAH DIRECTION DE PRODUCTION SERGE CATOIRE DIRECTION DE POST-PRODUCTION PATRICIA COLOMBAT PRODUIT PAR ÉRIC ET NICOLAS ALTMAYER
RAPHAËL PeRsONNAZ
UNE
NOUVELLE
AMI e
MANDARIN CINÉMA UND FOZ PRäseNtIeReN
DA S M AGA Z I N 1 2/201 5 Bevor Sie mit ihren
Plänen loSlegen:
machen Sie einen
realiStiSchen
Budget-check.
Rückkehr ist das falsche Wort. Es gibt keine Rückkehr zu einer
islamischen Tradition, sondern es wird ein neuer Islam erfunden – regelrecht zusammengebastelt –, der bisher nie existiert
hat. Die neue Religiosität, auch der Salafismus, den man in den
Banlieues beobachten kann, ist individualistisch und wird wie
ein Baukasten für eigenständige Ausgestaltungen benutzt. Man
übernimmt seine Religion nicht mehr von den Eltern. Man stellt
sich selber ein konfessionelles Programm zusammen.
Und was für eine Religiosität entsteht in diesem Baukastenverfahren?
Es führt dazu, dass die Religion jede kulturelle Einbettung verliert. Alles muss neu beurteilt, neu kodiert werden, nichts ist
selbstverständlich. Man sieht es auf den Websites, auf denen
salafistische Muslime ihre Lebensprobleme diskutieren. Was
sagt der Islam zum Camembert? Was sagt der Islam zur Kreditkarte? Alles muss im Detail erörtert werden, weil nichts mehr
vorausgesetzt werden kann. Eine solche aus dem kulturellen
Kontext losgelöste, «dekulturierte» Religion ist ein immer attraktiver werdendes Identitätsangebot im Zeitalter der Globalisierung, insbesondere für Migranten und Secondos. Aber
es erzeugt eine sehr armselige Form der Religion, weil alles
explizit kodiert und genau festgelegt werden muss. Der sogenannte neue Traditionalismus ist in Tat und Wahrheit ein synthetisches Kunstprodukt.
Wie wird dieses Kunstprodukt an den Mann gebracht?
Die britische Polizei hat kürzlich zwei junge Briten pakistanischer Herkunft abgefangen, die in den Jihad ausreisen wollten. In ihrem Gepäck hatten sie nur ein einziges Buch: «Islam
for Dummies». Sie erklärten treuherzig, dass sie zwar den Jihad machen wollten, aber vom Islam keine Ahnung hätten.
Sie wollten sich einlesen.
Ist diese Wiederkehr der Religion – die also keine Wiederkehr, sondern eine Neuerfindung ist – im Islam besonders stark? Wird das Christentum deshalb vom Islam verdrängt?
Im Weltmassstab ganz und gar nicht. Weit schneller als der Islam breiten sich die evangelischen Freikirchen aus, insbesondere die Pfingstgemeinden, die in Afrika und auch im stockkatholischen Südamerika stark expandieren. Auch diese Freikirchen bieten, was Religionen in der Globalisierung bieten
müssen: schwache Bindungen an Traditionen und kulturelle
Kontexte, eine sehr individualistische Spiritualität, den radikalen Bruch der Born-Again-Erfahrung.
Religiosität zeichnet sich heute also generell dadurch
aus, dass sie kontextfrei und damit auch «reiner» und
fundamentalistischer wird?
Die immer stärkere Trennung von Kultur und Religion ist frappierend. Während unsere Kultur immer laizistischer wird, wird
die Religiosität tendenziell fundamentalistischer. Nehmen Sie
die USA: 70 Prozent der Amerikaner, also eine deutliche Mehrheit, bezeichnen sich als praktizierende Gläubige, und trotzdem
ist die amerikanische Kultur de facto extrem säkularisiert. Offenbar kann man mit diesem Widerspruch leben. Der gesellschaftliche Grundkonsens entfernt sich immer mehr von religiösen Werten. Trotz der sogenannten Wiederkehr der Religion sind heute aussereheliche Kinder oder die Schwulenehe
DA N I EL BI N S WA NGER ist Redaktor bei «Das Magazin»;
[email protected]
Der Fotograf ROBERTO BA L DA S SA R R E lebt in Rom; www.robertobaldassarre.com
4106 Therwil
www.lubexantiage.ch
Filme
machen
lernt
man
nicht
in
der
Schweiz
Hinter jedem guten Film steht ein gutes
Drehbuch. Bis auf Simon Jaquemet scheint das
hierzulande aber niemand zu wissen.
Besser als sein Jugenddrama «Chrieg» war
Deutschschweizer Kino selten.
Von Denise Bucher
Bild Véronique Hoegger
Abkommen der Schweiz mit der EU sistiert: Schweizer Filmschaffende können sich bis auf Weiteres nicht mehr an europäischen Filmförderprogrammen beteiligen.
«Wenn du in der Schweiz die Fördergelder mal hast, kannst
du in Ruhe arbeiten», sagt Jaquemet. Die Drehbuchförderung
reicht für ein bescheidenes Leben, gejobbt hat er trotzdem,
«man kann ja nicht immer nur schreiben». Jaquemet sass während drei Jahren an seinem Stoff, Christian Davi war präsent,
liess ihm aber viel Freiheit. «Christian war sehr offen, hat seine
Meinung gesagt, aber nie, wie ich es machen soll. Er setzt auf
die Individualität seiner Autoren statt auf scheinbar bewährte
Rezepte und Methoden», sagt Jaquemet dankbar. Christian
Davi wiederum lobt den Regisseur dafür, dass er sich nicht zu
schade gewesen sei, nochmals zur Schule zu gehen.
Hättsch au nöd tänkt, dass es mal so ändet ...
Nei. Jetz wär de Momänt, zom rechtig eis go suufe. Isch doch
wahr. Alles, wonich druuf vertraut han, liit am Bode. D’Swiss­
air, mini Beziehig, mini Tröim ... (Sie schluchzt) Würsch mi aso
bitte in Arm näh?
(Er nimmt sie in den Arm.)
Sorry.
Ich muess sorry säge, Susanne.
So wie in Michael Steiners «Grounding» (2006) klingt es fast
immer, wenn Deutschschweizer Kino machen, denn zumeist
ist alles entweder langweilig oder unbeholfen, was hier gedreht
und produziert wird. Die Filme drücken sich um die Darstellung von Krisen und Konflikten oder nehmen sich ihrer bloss
in satirischer oder parodistischer Form an. Sie verkaufen den
Zuschauer für dumm, weil sie immer alles erklären. Mit Dialogen, die nach Dorftheater klingen, aber nicht so, wie Menschen normalerweise miteinander reden.
Und jetzt kommt der junge Simon Jaquemet mit seinem
Erstling «Chrieg» und zeigt allen anderen, wie man es macht.
unerfahren, vieles kann schiefgehen. Mit «Chrieg» ging nichts
schief.
Der Film handelt vom 16-jährigen Matteo (Benjamin
Lutzke), der nicht weiss, was er mit seinem Leben anfangen
soll. Seine Eltern halten ihn für einen Querulanten, der auf den
rechten Weg zurückgebracht werden muss. Sie schieben ihn ab
auf eine Alp, wo er durch harte Arbeit zur Besinnung kommen
soll. Was ihn dort erwartet, ist aber nicht Arbeit. Es sind zwei
Jungen, Anton und Dion, und das Mädchen Ali, die noch viel
schlimmer sind als er.
Bei Hugofilm mochte man die Prämisse, dass ein Jugendlicher ein Time-out braucht. Man fand die Idee stark, dass eine
Figur über die Erfahrung von Gewalt eine positive Entwicklung durchmacht. Dass es kein Happy End gibt. Man traute
Jaquemet zu, einen Film mit Jugendlichen zu machen, weil er
für seine bisherigen Kurzfilme oft mit Jugendlichen gearbeitet hatte. «Er kennt dieses Milieu. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um eine Geschichte zu erzählen. Und Simon hat
etwas zu erzählen», sagt Christian Davi.
Trotz des schwierigen Stoffs bekam Simon Jaquemet früh
Fördermittel für die Drehbuch- und Projektentwicklung:
20 000 Franken Treatmentförderung vom Migros-Kulturprozent, 5000 davon kamen von Hugofilm. 45 000 Franken aus
dem Gefäss Drehbuch PLUS vom Bundesamt für Kultur,
60 000 Franken von der Zürcher Filmstiftung. Von MEDIA, einem Filmförderungsprogramm der EU, kamen 54 000 Franken. Aus heutiger Sicht war MEDIA ein Glücksfall: Mit der Annahme der SVP-Masseneinwanderungsinitiative wurde das
DA S M AGA Z I N 1 2/201 5 — BI L DE R : JOE L L E KO S T/H UG OF I L M
Förderung des Mittelmasses
Dass es in der Deutschschweiz seit Jahrzehnten kaum mehr
aufregende Filme gibt, liegt einerseits an der Subventionsmentalität. Seit dem Wandel der Förderstrukturen in den 90erJahren und der Totalrevision des Filmgesetzes 2002 verlangt
der Bund nach Filmen, die kommerziellen statt kulturellen Ansprüchen genügen. Man will kein künstlerisch anspruchsvolles Kino mit internationaler Strahlkraft mehr, sondern Filme,
die ein breites einheimisches Publikum ansprechen. – Die Subventionen sollen sich rentieren. Das bedeutet: Unkonventionelle oder radikale Stoffe haben bei den Förderstellen wenig
Chancen. Aktuellstes Beispiel: «Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» von Stina Werenfels. Der Film über das
sexuelle Erwachen einer Behinderten erhielt von Bund und
Kanton keine Unterstützung. Werenfels musste nach Berlin
ausweichen. Jetzt, da der Film Preise gewinnt, bereuen die
Förderstellen ihren Entscheid. Aber das eingereichte Drehbuch
habe damals nicht überzeugt, heisst es.
Das Drehbuch ist das andere grosse Problem. Es gibt in der
Schweiz nur wenige Autorinnen und Autoren, die das Handwerk des Drehbuchschreibens beherrschen. Den meisten fehlt
die Ausbildung. Während man sich in Deutschland, Österreich oder Dänemark seit Jahren zum Drehbuchautor ausbilden lassen kann, gibt es in der Deutschschweiz erst seit gut zwei
Jahren qualifizierte Drehbuchlehrgänge. Anderen fehlt es wegen des kleinen Marktes an der nötigen Erfahrung. Oder an
Talent.
Simon Jaquemet, 36, Regisseur des mehrfach preisgekrönten und vieldiskutierten «Chrieg», hat Talent. Das fiel Christian Davi, Mitinhaber der Produktionsfirma Hugofilm, schon
auf, als er 2005 Jaquemets Diplomfilm «Die Burg» sah. «Von
da an hatten wir Simon auf dem Radar», sagt er. Christian Davi
hat die Entwicklung von «Chrieg» von Anfang an unterstützt.
Er produziert gern Erstlingsfilme. Aber solche Projekte brauchen Mut. Man kennt die Filmemacher noch nicht, sie sind
Der ganze Arthouse-Kuchen
Zuerst, das war 2010, nahm er mit Unterstützung des MigrosKulturprozents an einer Drehbuch-Masterclass teil. Kurz vor
Drehbeginn konnten Regisseur und Produzent ihr «Chrieg»Projekt an der Berlinale vorstellen, am «Talent Project Market»
im Rahmen der «Berlinale Talents». Zugelassen werden nur
die Besten. Wer es schafft, findet sich am Ende des Workshops
auf einer Bühne wieder, unter sich einen Saal voll wichtiger
Leute aus dem Filmbusiness: Vertreter von Festivals, wichtige
Verleiher und Produzenten. «Der ganze Arthouse-Kuchen»,
wie Jaquemet es nennt. Für Christian Davi war die Teilnahme
an solchen internationalen Workshops genauso wichtig wie für
Simon Jaquemet. So konnte er schon weit im Voraus auf
«Chrieg» aufmerksam machen. «Wenn man bei einem ersten
Film erst mit der Positionierung anfängt, wenn der Film als
Rohschnitt vorliegt, ist es zu spät», sagt er.
Am prägendsten für Jaquemet war die Teilnahme am
«TorinoFilmLab». Vermutlich verdankt ihm «Chrieg» einen
Grossteil seiner Qualität und seines Erfolgs: beim Publikum
wie auch bei den Förderstellen, als es darum ging, Geld für die
Herstellung zu bekommen. Das Torino-Lab ist ein internationaler Workshop für junge Talente, die ihren ersten oder zweiten Film realisieren. Finanziert wird es vom italienischen Kulturministerium, der Kulturförderung der Region Piemont und
der Stadt Turin. Auch wichtige internationale Filmfestivals wie
San Sebastián oder Cannes sind beteiligt. Es gibt jeweils Hunderte von Bewerbern aus aller Welt, nur ein Bruchteil schafft die
Aufnahme. Im ersten Teil beschäftigen sich die Jungfilmer in
drei übers Jahr verteilten Workshops mit der Stoffentwicklung,
im zweiten Teil neben der Projektentwicklung auch mit Herstellung und Produktion. Man arbeitet in kleinen Gruppen an
den Stoffen, Script-Consultants beraten. Simon Jaquemets
Gruppe wurde von der Schwedin Marietta von Hausswolff von
Baumgarten betreut, «eine crazy Adelige, die Drehbücher
schreibt und, soweit ich das mitbekommen habe, eine ziemlich wilde Jugend hatte», sagt er. Er erinnert sich an den ersten Satz, den sie zu ihm gesagt hat: «Just write it and shoot it!»
Mit einer so positiven Grundhaltung in den Stoffentwicklungsprozess einzusteigen habe ihm sehr viel Energie und Motivation gegeben.
Ein internationaler Workshop wie das Torino-Lab hat
wenig zu tun mit dem, was Jaquemet mit einem früheren Projekt an einem Schweizer Workshop erlebt hatte: «Dort wurde
das amerikanische Schema gepredigt, eine rigide Drei-AkteStruktur. Ich kam nicht zurecht mit dem Ansatz, dass man einem Projekt ein vorgefertigtes Schema aufdrücken will. Ich
treffe immer wieder auf Filmemacher, die glauben, wenn sie
Regeln genau umsetzen und dem System folgen, dann werde
der Film gut. Aber das ist nicht so.»
Jaquemets Stoff wurde in der Torino-Gruppe kontrovers
diskutiert. Das Feedback seines chilenischen Kollegen mochte
er besonders: «Er hat meine vier Jugendlichen mit einer Hundemeute verglichen. Der neue Hund, der dazukommt, wird geplagt, bis er in der Hierarchie aufsteigen kann. Das habe ich
beim Schreiben im Kopf behalten.»
Etwas anderes, das ihm Eindruck machte: «Fast niemandem am Torino-Lab wurde das Drehbuch finanziert. Für die
meisten ist klar, dass man das Buch zum Erstlingsfilm in seiner
Freizeit schreibt. Im Ausland bedeutet Filmemachen oft Armut.
Das Risiko, das man auf sich nimmt, ist viel grösser als hier.»
Christian Davi hat die Zahlen dazu: In der Schweiz bekommt
ein Autor, je nach Erfahrung, zwischen 50 000 und 80 000
Franken für ein Drehbuch. In Deutschland wären es etwa
18 000. «Für Unerfahrene. Erfahrene wiederum können in
Deutschland viel besser verdienen als hier», sagt er.
Im zweiten Teil des Torino-Labs betreute unter anderem
der rumänische Autor, Regisseur und Drehbuchberater Razvan Radulescu Jaquemets Gruppe. Radulescu gehört zu den
führenden Figuren der «Neuen Rumänischen Welle». Davi war
Drehtag in den Bergen: Benjamin Lutzke, Sascha Gisler und Ste (Bild linke Seite).
Hätte den Schweizer Filmpreis für sein Drehbuch verdient: Regisseur Simon Jaquemet (links).
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Publireportage
Ein Film über Gewalt – das sollen wir fördern?
Die vielen guten Rückmeldungen von renommierten Filmemachern und Drehbuchberatern am Torino-Lab und in Berlin
dürften «Chrieg» den Weg durch die Schweizer Förderstellen
geebnet haben. Denn der Stoff, den Jaquemet und Davi dem
Bundesamt für Kultur und der Zürcher Filmstiftung auf den
Tisch legten, gleicht wenig dem, was sonst gern gefördert
wird. Es geht um Gewalt. Die Gewalt wird nicht verurteilt. Es
wird kaum geredet und wenig erklärt. Das Ende ist offen.
«Bei den Förderstellen hiess es dann schon: Du musst doch
als Regisseur einen Standpunkt vertreten. Du musst das, was
diese Jugendlichen tun, verurteilen. Es braucht ein Happy
End», erinnert sich Jaquemet. Aber das interessiert ihn nicht.
Er will, dass etwas stehen bleiben kann, wie es ist, ohne dass
er die Moral von der Geschichte mitliefern muss. «Mich interessieren ja auch die Filme, wo ich selber meine Schlüsse ziehen muss.» Solchen Forderungen von Kommissionen zu begegnen ist nicht einfach für Jungfilmer, die zum ersten Mal ein
Projekt vorstellen und verteidigen müssen. Aber Hugofilm
stand hinter Jaquemet, und schliesslich wurde ihnen der angefragte Förderbeitrag gesprochen: 700 000 vom BAK und
400 000 von der Zürcher Filmstiftung. «Ich weiss noch, dass
das BAK als einzigen Negativpunkt angeführt hatte, es sei nicht
immer klar ersichtlich, ob der Film gewaltverherrlichend sei.
Das hat mir gefallen. Denn darum geht es mir ja», sagt Jaquemet und grinst.
Dann ging es ans Casting. «Es war die Hölle, es dauerte
Monate», sagt Christian Davi. Hugofilm hat 65 000 Franken
dafür ausgegeben, normal wären 20 000. Zur Unterstützung
hatten sie die Casting-Directorin Lisa Olàh aus Wien engagiert. «Wir hatten den Anspruch, möglichst authentische Darsteller zu finden», sagt Davi. Bis auf Ella Rumpf, die Ali spielt,
fiel die Wahl auf lauter Laien. Die Ausgebildeten waren weniger überzeugend. Den Hauptdarsteller, den damals 16-jährigen
So scharf sehen wie in Ultra-HD-Qualität
Benjamin Lutzke, hat Simon Jaquemet am Zürcher Hauptbahnhof entdeckt.
Bemerkenswert ist, wie die Darsteller das Drehbuch zu
beeinflussen begannen. Mit ihren Erfahrungen, von denen sie
erzählten – mancher hat eine ähnlich schwierige Vergangenheit wie seine Filmfigur –, aber auch mit ihrer Sprache: «Ich
habe ihre Gespräche manchmal aufgezeichnet, sie transkribiert und gemerkt: Ah, stimmt, so spricht man ja in der Realität», sagt Jaquemet. Die grosse Authentizität der Darsteller und
die niemals nach Drehbuch klingenden Dialoge gehören zu den
grossen Stärken von «Chrieg».
Der Dreh dauerte 36 Tage. «Es war gut, dass nicht immer
mit dem ganzen Team gearbeitet werden musste, das kostet
weniger – natürlich hat man immer zu wenig Geld», sagt Christian Davi. Es half, dass die junge Crew noch nicht in die hohen
Lohnklassen gehörte. Und dass alle auf zehn Prozent ihres
Gehalts verzichtet haben. Aber sie mussten trotzdem eine
Zweiteingabe machen. Die Business Location Südtirol sprach
ihnen rund 185 000 Euro. Unter der Bedingung, dass ein Teil
von «Chrieg» in Südtirol gedreht und dort Geld ausgegeben
wird. «Sie gaben uns ihre Steuergelder, also wollten sie auch
was dafür haben», sagt Davi. Die Szenen in der Stadt, als die
Teenager einen Porsche abfackeln und eine Villa zerstören,
wurden dort gedreht. Das Schweizer Fernsehen war mit
200 000 Franken mit einem verhältnismässig kleinen Betrag
dabei. «Was ich gar nicht schlecht finde», sagt Christian Davi.
«Die Redaktion hätte sonst sicher mehr reingeredet, damit der
Film ‹Primetime-tauglicher› würde.»
Insgesamt hat «Chrieg» 2 Millionen gekostet. «2,3 wären
ideal gewesen», sagt Davi. Aber viel besser hätte der Film kaum
mehr werden können. «Chrieg» ist ein herausragender Erstlingsfilm, eine Ausnahmeerscheinung in der Schweizer Filmwelt. Das liegt einerseits an der schauspielerischen Leistung
von Benjamin Lutzke, Ella Rumpf, «Ste» und Sascha Gisler. Es
liegt aber auch an Simon Jaquemets Talent und Kompromisslosigkeit im Erzählen. Er traut dem Zuschauer etwas zu. Und
er nimmt seine Figuren ernst. Er zeigt sie, wie sie sind, er erforscht ihr Verhalten und deutet nichts. Er geht nicht zimperlich mit ihnen um, sondern führt ihre Probleme, ihre Dummheit
und Verzweiflung vor. Man kann unmöglich zwischen Gut und
Böse oder Richtig und Falsch unterscheiden, man pendelt stattdessen zwischen Sympathie und Abscheu. «Chrieg» gibt sich
nicht gesellschaftskritisch, sondern verzichtet darauf, eine
Haltung zu dem oft fragwürdigen Verhalten der Jugendlichen
einzunehmen. Das ist gut so. Neu und schon eine Erfolgsgeschichte – die revolutionäre
DNEye ®-Technologie bei Kochoptik
Langsam aber sicher hat es
sich herumgesprochen: Mit
den High-Performance-Brillengläsern von Kochoptik ist
absolut scharfes Sehen wie
in Ultra-HD-Qualität möglich.
Technologie auf neuestem
Stand
Mit der Einführung des wegweisenden DNEye® Scanners hat
Kochoptik grossen Erfolg erzielt,
denn immer mehr Leute setzen
auf die neuen Brillengläser vom
bekannten Schweizer Optiker.
Das Besondere an diesem Scanner sind seine Messwerte, die
noch nie so präzise waren. Das
Ergebnis: die individuellsten
und besten Brillengläser, die es je
gab – sozusagen für scharfes
Sehen wie in Ultra-HD-Qualität.
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Einfach und schnell
Der DNEye® Scanner erfasst das
gesamte Sehsystem per Scan
und liefert noch genauere Messwerte als alle anderen Verfahren.
Diese hochpräzisen Daten fliessen in die Brillengläser mit ein –
ob bei Gleitsicht-, Einstärkenoder Arbeitsplatzbrillen, das
Ergebnis beeindruckt: Im Praxistest bestätigen Brillenträger
deutliche Verbesserungen ihrer
Sehleistung im Vergleich zu ihrer
alten Sehlösung. Der Scan
dauert übrigens nur kurz und ist
selbstverständlich schmerzfrei
und vollkommen ungefährlich.
•
DA S M AGA Z I N 1 2/201 5 manchmal dabei in den Workshops: «Von Radulescu habe ich
etwas Wichtiges gelernt: Wenn du als Autor über die Motivation einer Figur nachdenken musst, hast du den Fehler bereits
gemacht – dann steht die Figur nicht im richtigen Konflikt oder
in der richtigen Konstellation. Wenn alles stimmig ist, muss
die Figur handeln, wie sie es tut, sie kann gar nicht anders.»
Jaquemet sagt, so technisch denke er gar nicht beim Schreiben. Er arbeitet intuitiv. «Manchmal machen meine Figuren
Dinge, von denen ich gar nicht weiss, warum sie sie tun.» Die
Szene, in der Matteo mit seinem kleinen Bruder in den Wald
verschwindet, ist so eine. «Es ist schwierig nachzuvollziehen,
warum Matteo das macht. Ich könnte es nicht rational erklären. Aber das Gefühl sagte mir, dass es für den Handlungsbogen und für die Figurenzeichnung sinnvoll war. Solche Momente sind wichtig, um Figuren real zu machen. Man beobachtet im echten Leben ja auch Menschen bei Handlungen, die
man nicht versteht. Oder tut selbst Dinge, die man sich nicht
erklären kann.» Darum findet er es wichtig, dass solche Szenen
im Film drinbleiben. «Mancher Drehbuchberater würde das
rausstreichen, weil es angeblich nichts mit der Geschichte zu
tun hat. Dabei ist es für die Stimmung wichtig.»
Weitere Pluspunkte
Mit den neuen Brillengläser ist
nicht nur schärferes Sehen
gewährleistet, sondern auch ein
✃
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breiteres Sehfeld und eine
höhere Kontrastwahrnehmung.
Dies ist vor allem im Strassenverkehr von Vorteil, weil es die
Sicherheit erhöht. Doch auch
vor dem Computer oder in der
Freizeit bestechen die neuen
High-Performance-Brillengläser
von Kochoptik durch einen nie
dagewesenen Sehkomfort.
Schweizer Qualität mit
Service
Intelligente Technologie allein
kann einen guten Service nie
ersetzen. Darum stehen bei
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220 Kundinnen und Kunden zu ihren Erfahrungen betreffend
Brillengläser mit DNEye®-Option befragt. 95% aller Befragten
haben vorher bereits eine Brille getragen und können die
Veränderungen gut beurteilen. So sehen 87% der Befragten
mit DNEye®-Gläsern besser als mit den alten und 91% würden
die neuen Gläser weiterempfehlen.
Kochoptik immer eine individuelle
Beratung und ein Top-Service an
erster Stelle – seit Generationen.
Denn Kochoptik ist ein Schweizer
Optiker, dessen erstes Geschäft
1909 an der Zürcher Bahnhof-
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DEN I SE BUCH ER schreibt regelmässig für «Das Magazin»; [email protected]
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Gültig bis 20.4.2015
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Gratisnummer 0800 33 33 10
CHR ISTIAN SEILER
WIE MAN EINE MAHLZEIT IM R ESTAUR ANT GENIESST
1 — Wählen Sie das richtige Lokal. Wenn Sie Lust auf eine Pizza
haben, sollten Sie nicht in die Kronenhalle gehen. Und wenn
Sie sich auf klassische Küche in kulturaffinem Rahmen freuen,
dann ist «René’s Kebabparadies» vermutlich der falsche Ort.
Klingt banal? Eh, aber viele misslungene Mahlzeiten kranken
daran, dass man mit falschen Erwartungen ausgegangen ist.
2 —Haben Sie keine Erwartungen. Wer ein Restaurant, das
zum Beispiel eben mit dem ersten Michelin-Stern ausgezeichnet wurde, genau deshalb besucht, darf sich nicht beschweren,
wenn er nachher das unbestimmte Gefühl hat, nicht bekommen zu haben, was er sich vorstellte. Warum? Weil Sie mit der
Erwartung ausgegangen sind, etwas Besseres zu bekommen –
so gut kann, was man Ihnen vorsetzt, gar nicht sein.
3 —Denken Sie nicht über das Geld nach. Gute Restaurants
kommunizieren auf ihren Websites sehr klar, was Menü und
Weinbegleitung kosten. Sie können also genau kalkulieren, wie
viel Geld Sie ausgeben müssen, um im Restaurant Ihrer Wahl
ausführlich zu essen und zu trinken (oder zu Mittag schnäppchenmässig einen Eindruck von der Kunst der Küche zu gewinnen). Sobald Sie sich entschieden haben, diese Summe auszugeben, denken Sie nicht mehr darüber nach. Nichts ist giftiger
als der Gedanke, dass man gerade für ein Abendessen eine
Summe ausgegeben hat, für die andere in die Ferien fahren
(kurze Ferien, okay, aber Ferien). Warum die Summe so hoch
ist, erklärt sich bei einem Blick in die Küche (viele, viele Köche)
und auf die Zutatenliste. Sie haben mehr Freude am Essen,
wenn dieses Thema bereits abgehakt ist, bevor Sie sich für den
Abend in Schale werfen.
4 —Ziehen Sie sich angemessen an. Wenn Sie ein schickes
Restaurant besuchen, sollten Sie dort nicht auffallen: weder
durch eine Aufmachung, als würden Sie später noch auf dem
Opernball erwartet, noch durch eine Lässigkeit, die Ihnen plötzlich unangenehm ist. Sobald Sie im Restaurant anfangen, über
die Kleiderordnung nachzudenken, wird zwangsläufig Ihre
Aufmerksamkeit für das Essen darunter leiden.
5 — Lassen Sie Ihre Kompetenz zu Hause. Keine Frage: Sie wissen, was gut, teuer und angesagt ist. Aber ziehen Sie für einen
Moment in Betracht, dass der Küchenchef das auch weiss. Machen Sie es sich also einfach: Delegieren Sie den Sach­verstand
an die Gastgeber. Kann sein, dass selbst Sie von einem geglückten Gericht, einer geglückten Kombination, einer geglückten Überraschung erreicht und verzaubert werden.
6 —Erklären Sie nicht dem Sommelier die Weinkarte. Lassen
Sie sich die Weinkarte vom Sommelier erklären.
7 — Lassen Sie das Handy zu Hause (oder geben Sie es wenigstens mit dem Mantel an der Garderobe ab).
8 —Bewerten Sie eine Küche nach ihren Höhepunkten, nicht
nach ihren Fehlern. Moderne Degustationsmenüs sind höchst
komplexe Kreationen. Es reicht nicht, wenn Köche Klassisches pflegen, sie müssen die Grenzen des Bekannten und Erlaubten sprengen, damit sie Begeisterung ernten. Wenn das
gelingt, kommt das einer Komposition gleich, die Sie nicht mehr
aus dem Ohr bekommen. Aber wer komponiert ausschliesslich Hits? Wenn Sie mit ein, zwei Geschmäckern auf der Zunge
nach Hause gehen, von denen Sie inspiriert wurden – etwa die
grossartige, fein geschnittene Sellerie, die in brauner Butter
gegart und mit mildem Obstessig veredelt wurde, wie im Oaxen
Krog in Stockholm –, dann war der Abend auf jeden Fall ein
Erfolg und wird Sie über den Tag hinaus bereichern (nach Abzug der Rechnung; aber über Geld, haben wir gesagt, sprechen
wir heute nicht mehr).
Mehr von CH R I S T I A N SEI L ER immer montags in seiner «Montagsdemonstration» auf blog.dasmagazin.ch
Illustration A L E X A N DR A K L OBOU K
34
DA S M AGA Z I N 1 2/201 5 Es könnte ja ganz einfach sein. Ein Vademecum für den Restaurantbesuch
DA S M AGA Z I N 1 2/201 5 — L EON G OLU B: I N T ER RO G AT ION I I I, 1981; M ERC ENA R I E S I V, 1980; T H E G O -A H E A D, 198 5 – 6 / PRO L I T T ER I S Z Ü R IC H 201 5. C OU RT E S Y SER PEN T I N E G A L L ERY, L ON D ON. FO TO: R E A D S
Vor der Gewalt in Leon Golubs monumentalen Bildern wirkt jeder Betrachter klein und verletzlich.
HANS ULR ICH OBR IST
DER MALER AKTIVIST
Letztes Jahr an einem Oktobermorgen sass ich im
Café und las Zeitung, ich glaube, es war der «Guardian». Es ging um den Bürgerkrieg in Libyen, die
Schlachten in Syrien, die Rassenauseinandersetzungen in den USA. Zu den Texten sah ich Fotos
von Mord, Folter und Guerillakämpfern, und plötzlich erschien vor meinem inneren Auge eine ganze Ausstellung mit Bildern eines Künstlers, der
den Schrecken, die Gewalt und die Willkür des
Militärs auf eine Weise festhielt wie kein anderer
seiner Zeit. Der Künstler heisst Leon Golub. In
den 80er-Jahren gehörte er zu den bedeutendsten Malern, doch seit seinem Tod vor zehn Jahren
wurde er so gut wie gar nicht mehr ausgestellt.
Golub war immer der Überzeugung, ein Maler
müsse ein Aktivist sein, der mit seiner Kunst gegen Unterdrückung antritt. Denn woher sonst,
fragte er, sollte die Kunst ihre Relevanz beziehen?
Golub schloss sich schon in den 50er-Jahren
als Student in Chicago einer Bewegung namens
Monster Roster an, die sich gegen den damals
übermächtigen abstrakten Expressionismus aussprach, der alle gegenständliche Malerei mit dem
Hinweis ablehnte, sie sei Ausdruck totalitärer Regimes und von Hitler, Mussolini und Stalin instrumentalisiert worden. Doch Golub stellte dieser Auffassung eine figürliche Malerei entgegen,
die sich nicht vereinnahmen lässt. Zunächst bediente er sich noch bei antiken Figuren und stellte mit ihnen universale Szenen der Erniedrigung
und Unterdrückung dar; doch bald wurde er sehr
konkret, zeigte Elend und Unrecht des Vietnamkriegs, der Guerillakämpfe in Lateinamerika
oder des alltäglichen Rassismus und entwickelte
eine ganz eigene Art des Historienbildes.
Die Ausstellung, die letzten Herbst vor meinem Auge entstand, haben wir Golub nun in den
Serpentine Galleries auch wirklich ausgerichtet.
Die Wirkung der riesigen Bilder übertrifft meine
Erwartungen sogar noch um einiges. Die Gemälde
gleichen eher Wandmalereien, so episch ist ihre
Wucht. Wenn überhaupt, dann kann man sie mit
den Grossgemälden David Alfaro Siqueiros’ vergleichen, eines Hauptvertreters des mexikanischen Moralismus, dem sich Golub immer sehr
nahe fühlte. Neben seinem Wunsch nach einer
gewaltfreien Welt wollte er, wie er mir oft sagte,
auch unbedingt einmal eine Solo-Ausstellung in
Mexiko. Ich bin glücklich, dass ich ihm wenigstens
einen dieser beiden Wünsche erfüllen konnte,
wenn die Schau anschliessend ins Museo Tamayo
in Mexiko-Stadt weiterziehen wird.
www.serpentinegalleries.org
H A N S U L R ICH OBR I ST ist Kurator und Co-Direktor der Serpentine Galleries in London.
35
DA S M AGA Z I N 1 2/201 5 — L EON G OLU B: I N T ER RO G AT ION I I I, 1981; M ERC ENA R I E S I V, 1980; T H E G O -A H E A D, 198 5 – 6 / PRO L I T T ER I S Z Ü R IC H 201 5. C OU RT E S Y SER PEN T I N E G A L L ERY, L ON D ON. FO TO: R E A D S
Vor der Gewalt in Leon Golubs monumentalen Bildern wirkt jeder Betrachter klein und verletzlich.
HANS ULR ICH OBR IST
DER MALER AKTIVIST
Letztes Jahr an einem Oktobermorgen sass ich im
Café und las Zeitung, ich glaube, es war der «Guardian». Es ging um den Bürgerkrieg in Libyen, die
Schlachten in Syrien, die Rassenauseinandersetzungen in den USA. Zu den Texten sah ich Fotos
von Mord, Folter und Guerillakämpfern, und plötzlich erschien vor meinem inneren Auge eine ganze Ausstellung mit Bildern eines Künstlers, der
den Schrecken, die Gewalt und die Willkür des
Militärs auf eine Weise festhielt wie kein anderer
seiner Zeit. Der Künstler heisst Leon Golub. In
den 80er-Jahren gehörte er zu den bedeutendsten Malern, doch seit seinem Tod vor zehn Jahren
wurde er so gut wie gar nicht mehr ausgestellt.
Golub war immer der Überzeugung, ein Maler
müsse ein Aktivist sein, der mit seiner Kunst gegen Unterdrückung antritt. Denn woher sonst,
fragte er, sollte die Kunst ihre Relevanz beziehen?
Golub schloss sich schon in den 50er-Jahren
als Student in Chicago einer Bewegung namens
Monster Roster an, die sich gegen den damals
übermächtigen abstrakten Expressionismus aussprach, der alle gegenständliche Malerei mit dem
Hinweis ablehnte, sie sei Ausdruck totalitärer Regimes und von Hitler, Mussolini und Stalin instrumentalisiert worden. Doch Golub stellte dieser Auffassung eine figürliche Malerei entgegen,
die sich nicht vereinnahmen lässt. Zunächst bediente er sich noch bei antiken Figuren und stellte mit ihnen universale Szenen der Erniedrigung
und Unterdrückung dar; doch bald wurde er sehr
konkret, zeigte Elend und Unrecht des Vietnamkriegs, der Guerillakämpfe in Lateinamerika
oder des alltäglichen Rassismus und entwickelte
eine ganz eigene Art des Historienbildes.
Die Ausstellung, die letzten Herbst vor meinem Auge entstand, haben wir Golub nun in den
Serpentine Galleries auch wirklich ausgerichtet.
Die Wirkung der riesigen Bilder übertrifft meine
Erwartungen sogar noch um einiges. Die Gemälde
gleichen eher Wandmalereien, so episch ist ihre
Wucht. Wenn überhaupt, dann kann man sie mit
den Grossgemälden David Alfaro Siqueiros’ vergleichen, eines Hauptvertreters des mexikanischen Moralismus, dem sich Golub immer sehr
nahe fühlte. Neben seinem Wunsch nach einer
gewaltfreien Welt wollte er, wie er mir oft sagte,
auch unbedingt einmal eine Solo-Ausstellung in
Mexiko. Ich bin glücklich, dass ich ihm wenigstens
einen dieser beiden Wünsche erfüllen konnte,
wenn die Schau anschliessend ins Museo Tamayo
in Mexiko-Stadt weiterziehen wird.
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H A N S U L R ICH OBR I ST ist Kurator und Co-Direktor der Serpentine Galleries in London.
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TRUDY MÜLLER-BOSSHAR D
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Das Zeug mit den Jugos ist ja, dass sie sich
nicht wirklich eingliedern wollen. Zwi­
schen der schweizerischen und der jugo­
slawischen Kultur ist der Graben zu tief.
Damit will ich aber nicht sagen, dass wir
besser als die Jugos sind; wir sind einfach
anderst. Genau, wir sind einfach anderst.
Unterhalb meiner schönen Woh­
nung hat sich da ein junger Jugo eine Ga­
rage eingerichtet. Normalerweise – eben,
Schweizer Kultur – kommt man nach
oben, stellt sich vor und verspricht, kei­
nen Lärm zu verursachen. Das hat der
auch nach ein paar Tagen erst gemacht
und läutet genau in dem Moment, wo die
«Tagesschau» beginnt! Seinen Namen
habe ich gleich wieder vergessen, irgend­
etwas mit Imre Nervic. Der Mann stellt
sich vor, und da habe ich gleich gemerkt,
dass der keine Matura hat. Ich verschrän­
ke die Arme und sage erst mal: «Aha».
20
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FR ENKEL
DIE JUGOS UND WIR
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WORUNTER EINK AUFSTOURISTEN LEIDER NICHT LEIDEN:
Die Lösung ergibt sich aus den grauen Feldern waagrecht fortlaufend.
Nach einem Jahr dann plötzlich mega
Lärm! Wir sitzen oben vor dem Fernse­
her und gucken «Wetten, dass..?». Ich
schreie «Fuck!» und renne nach unten.
Wie ein Berserker hämmere ich an die
Garagentür des Jugos. Da macht ein
Freund von ihm die Türe auf, und ich er­
blicke ein ganzes Rudel junger Jugos.
«Ab 22 Uhr herrscht in dieser Liegen­
schaft Zimmerlautstärke!» Ein grosser,
kräftiger Freund von Nervic kommt zu
mir und entschuldigt sich. Er habe einen
neuen Töff gekauft und wollte das mit
seinen Freunden feiern. Sie würden aber
gleich die Musik leiser stellen. Ob ich
ein Bier wolle. Ich? Ein Jugo-Bier? Nein,
danke!
Wieder oben angekommen, musste
meine Frau mich zuerst beruhigen.
«Wenn der sich morgen früh nicht ent­
schuldigt, dann gehe ich zur Verwal­
tung», dampfte ich (zu Recht). Am nächs­
ten Tag hat sich der Jugo dann tatsäch­
lich entschuldigt. Kam sogar mit Blumen
vorbei und Süssigkeiten für die Kinder.
«Wir geben unseren Kindern keine Süs­
sigkeiten!», sagte ich ihm und verwies
ihn auf die für alle gültige Hausordnung.
Jetzt grüsst er mich immer so devot
und oberhöflich. Das kann ich so nicht
haben! «Der soll zuerst mal Matura ma­
chen oder wenigstens in die Rekruten­
schule gehen», denke ich mir stets. Da
lernt man gleich, was sich für einen
Schweizer gehört und was nicht. Aber
eben, zwischen den beiden Mentalitä­
ten liegen unüberbrückbare Gräben.
BEN I F R EN K EL ist freier Autor und lebt in Zürich.
HELPLINE FÜR RATLOSE: Sie kommen nicht mehr weiter? Wählen Sie 0901 591 937 (1.50 Fr. / A nruf vom Festnetz), um einen ganzen Begriff
zu erfahren. Wenn Sie nur den Anfangsbuchstaben wissen möchten, wählen Sie 0901 560 011 (90 Rp. / A nruf vom Festnetz).
WA AGRECHT (J + Y = I): 6 Seine Hauptperson kommt blasend kaum ausser Atem. 12 Klarer Fall von Sichtbremsmanöver 18 Sozusagen der Kerl im Schlag.
19 War in Bari ist dort auch Epoche. 20 Was Basa zum Petersdom fehlt: auf dem Balkan geläufiger Name. 21 Zoff im Niederdorf. 23 Agrochemievertreter
macht einen Bogen drum. 26 Das Berühren der Figüren ist beim Putzen geboten. 28 Wär im Diminutiv ein immergrüner Bär. 29 Über dem Äquator parkierte ESA-Satelliten. 31 Einst Discos beschallende Aussie-Sippe 32 Geht bei Stand und Wand, nicht aber bei Sand. 33 Homonym von Astaires Parade­
disziplin. 35 Die Grünen in den Kinderschuhen – altern andersrum. 36 Ihr Manager kassiert keine Prozente. 37 Anfänglich zum Schiessen, die belesene
Kübler. 38 Kommt alle Tage, Heilig alle Jahre wieder. 39 Was dabei geschmiert wird, ist drin integriert. 40 Piemonteser Torrente, deckt sich ebenda weitgehend mit Schnee. 41 Hatte beruflich und privat Bliggkontakt. 42 Geht am Bodensee über Landesgrenzen hinaus. 43 Blumenkistchenerde? Ekliger Ab-
LÖSUNG RÄTSEL Nº 11: PA ARTHERAPIE
WAAGRECHT (J + Y = I): 6 SPIONAGETHRILLER. 12 PALASTREVOLUTION (Thron wackelt). 18 LASTERLEBEN. 19 BAHNEN. 20 VESPA (ital. für
Wespe). 21 Henrik IBSEN («Peer Gynt»). 22 TRUNK (engl. für Rüssel). 24 DROMEDAR (Höcker/Hocker). 27 ARISTIDE. 28 TOULON. 31 RUSSEN
(Kaminfeger). 32 EULE in H-eule-r. 33 INITIALE. 34 Benjamin HUGGEL (Muggel/Mensch ohne magische Begabung in den Harry-Potter-Romanen).
36 RED TOP (engl. ugs. für Boulevardzeitung). 37 MIELE (ital. für Honig). 38 Martin SUTER («Montecristo»). 39 REINPASSEN. 40 ÉSERA (Isère).
SENKRECHT (J + Y = I) : 1 (J.M.) BARRIE (Peter Pan). 2 RÊVES (franz. für Träume). 3 AHLEN. 4 MITBRINGSEL (Bouquet des Weins). 5 Sean PENN
(«The Pledge»/«Es geschah am hellichten Tag»). 6 (San) SALVATORE (ital. für Retter/Erlöser). 7 PLAEDOYER. 8 JASSRUNDE. 9 OSTPOLITIK.
10 GELB (vor Neid). 11 LOHNTUETE. 13 «The TEAM» (neue TV-Krimiserie). 14 OBERSEE (Teil des Bodensees). 15 UNTREUE. 16 JAUSE. 17 WEIDEGRAS. 23 KILLER. 25 DRAMA. 26 «Iphigenie in AULIS». 27 ASHLEY («Vom Winde verweht»). 29 O-TON. 30 NIPPE(!). 35 GUS Van Sant
(Filmregisseur).
gang im Önologenslang!
SENKRECHT (J + Y = I): 1 Zweibeinige Lämmer sind seine Empfänger. 2 Wird am Ganges unterjocht. 3 Der Teil fliegender Kiste berührt zuletzt die Piste.
4 Setzt ein Ostfriese bei Dickhäutern anstelle von Ele. 5 Ist, am Ball verwertet, entscheidend. 6 Ein Berufsmann, der in England auch zaubern kann.
7 Rockt, kommt Mix aus Red und Blue hinzu. 8 In denen tätige Leser bedienen die Presse. 9 Bringt Franzosen und Briten einander schneller näher.
10 Wovon verknallte Chefs, Madrilenen, zu viel nehmen. 11 Bankverbindung mit hohem Verkehrsaufkommen. 13 Verdankt Fredericks (Frank) den
bislang einzigen Olympiaplämpel. 14 Für den Workaholice das Dolcefarniente. 15 Vom Multitasker beherrschte Machart. 16 Dem Namen nach das
perfekte Wutbürgerhabitat. 17 Freizeitvertreib ohne Blickrichtungswahl. 22 Eine seiner Attraktionen: das weltwundersame Artemision. 24 Missionierte
Halbkugelbewohner. 25 Longbottoms namentliches Begehr: Armeen gebens her. 27 Mit Rabatz kam die Katz in Moskau in den Knast. 30 Hört auch auf
Dinkel oder Schwabenkorn. 34 Der Garbo Beiname für einen Lateiner.
«DAS MAGAZIN» ist die wöchentliche Beilage
des «Tages-Anzeigers», der «Basler Zeitung»,
der «Berner Zeitung» und von «Der Bund».
HERAUSGEBERIN
Tamedia AG, Werdstrasse 21, 8004 Zürich
Verleger: Pietro Supino
Kinderlachen
Schenna in Südtirol - ein Paradies für Familien:
Natur hautnah erleben, Spaß und Abwechslung für Kinder,
Entspannung für Eltern.
36
DA S M AGA Z I N 1 2/201 5 REDAKTION Das Magazin
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Redaktion: Sacha Batthyany, Sven Behrisch,
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Redaktionelle Mitarbeit: Anja Bühlmann, Miklós Gimes,
Max Küng, Trudy Müller-Bosshard, Paula Scheidt,
Christian Seiler, Thomas Zaugg
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Ombudsmann der Tamedia AG:
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kompagniet ApS, Doodle AG, DZB Druckzentrum Bern AG,
DZO Druck Oetwil a.S. AG, DZZ Druckzentrum Zürich AG,
Edita S.A., Editions Le Régional SA, Espace Media AG,
FashionFriends AG, homegate AG, JobCloud AG,
Jobsuchmaschine AG, LC Lausanne-cités S.A., LS
Distribution Suisse SA, MetroXpress Denmark A/S, Olmero
AG, Schaer Thun AG, search.ch AG, Société de Publications
Nouvelles SPN SA, Soundvenue A/S, Starticket AG,
Swiss Classified Media AG, Tagblatt der Stadt Zürich AG,
Tamedia Publications romandes SA, Trendsales ApS,
tutti.ch AG, Verlag Finanz und Wirtschaft AG, Zürcher
Oberland Medien AG, Zürcher Regionalzeitungen AG
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FABIAN CANCELLAR A, 34, Radrennfahrer, fiel das Training
schwer, als seine Tochter geboren wurde.
Den einen besonderen Tag in meinem
Leben – den gibt es nicht. Ich hatte so
viele Wendepunkte, so viele Schlüsselmomente, dass ich den einen, der alles
verändert hätte, nicht benennen kann.
Und ich versuche ohnehin, jeden Tag
als einen besonderen zu nehmen. Bevor
ich schlafen gehe, schaue ich auf meinen
vergangenen Tag zurück – sehr häufig
kann ich dann festhalten, dass es einer
war, an dem ich etwas Gutes gemacht
habe. Das muss gar nicht unbedingt immer ein Erfolg sein, den ich verbuchen
kann – aber ich finde, das Leben ist zu
kurz, um schlechten Wein zu trinken.
Man sollte deshalb versuchen, jede Sekunde zu geniessen. Bewusst leben. Auch
wenn für mich als Sportler der tägliche
Kampf dazugehört.
Ich arbeite ständig auf etwas hin, und
mal klappt einfach alles – da sag ich mir
am Ende des Tages: Hey, so ist es schön!
Aber dann gibt es auch viele Tage,
an denen nicht immer alles tipptopp ist,
wo alles schwergängig ist – eine einzige
grosse Challenge. Doch auch die schlechten, die mühsamen Erfahrungen machen
einen nur stärker: Der Sport ist eine ech-
Protokoll A N U S CH K A RO SH A N I
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te Lebensschule. Dadurch habe ich früh
erfahren, dass man zum Beispiel Ausdauer entwickeln muss, dass man über
innere Widerstände, über äussere Hürden springen muss – sonst würde man
nicht erreichen, was man sich vorgenommen hat.
Ich war durchs Radfahren schon als
Bub vor allem mit Älteren zusammen,
abgesehen vom Trainer. Das hat mir viel
gegeben und mich wohl früher reifer werden lassen.
Heute versuche ich, das meinen beiden kleinen Töchtern weiterzugeben,
meine eigenen Werte. Ich will ja, dass was
aus ihnen wird – sie sollen lernen, beispielsweise für ihre Schulzeit, etwas
durchzustehen. Ich spiegele ihnen, dass
es nicht immer einfach ist – und man etwas dafür tun muss, damit es läuft. Aber
auch, dass alles vorbeigeht, das Gute wie
das Schlechte. Und zum Glück ist man
nicht allein.
Als meine erste Tochter 2008 geboren wurde, war das natürlich wie für alle
frischgebackenen Eltern eine riesengrosse Umstellung für mich – und ich
musste meine Motivation für meine
sportliche Karriere neu finden. Aber es
war auf jeden Fall eine schöne Zeit, die
wir durchlebten, und natürlich auch eine
dieser vielen Schlüsselsituationen.
Ich bin der Meinung, jeder ist für
sein Glück selbst verantwortlich. Ich
kann mich wirklich nicht beklagen – ja,
ich würde schon sagen, dass ich ein
glücklicher Mensch bin. Ich möchte zumindest mit niemandem tauschen. Man
kann doch sehr glücklich sein über seine
Situation – und das ist keine Binsenwahrheit, sondern als Profisportler erfahre
ich das jeden Tag aufs Neue: Gesundheit
ist das wichtigste Geschenk überhaupt –
darauf baut tatsächlich alles auf.
Denn irgendwo in meinem Hinterkopf lauert wie vielleicht bei vielen
Menschen, auch bei denen, die keine
Profisportler sind, der Gedanke, dass irgendwann ein Tag kommen wird, wo es
vorbei sein kann. Umso mehr fühle ich
die Verpflichtung, trotz allen wiederholten Kämpfen das Leben auszukosten.
Und meistens gelingt mir das auch ziemlich gut.
#visitaustria
Manchmal will man
auch nur seine Ruhe.
Aber wer sagt, dass man
dabei alleine sein muss.
w w w. a u s t r i a . i n f o
DA S M AGA Z I N 1 2/201 5 — BI L D: LU K A S M A E DE R / 1 3 PHO T O
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