Wenn der Pflegende selbst zum Pflegefall wird

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FREITAG, 20. MÄRZ 2015
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BAYERN IN KÜRZE
48 000 Euro für
Typisierungsaktion
REGENSBURG. Zur Finanzierung der Typisierungsaktion für den Realschullehrer Ludwig Klinger sind 48 000 Euro an Spenden gesammelt worden, das
teilten die Albert-Schweitzer-Realschule und der Freundeskreis mit. Insgesamt beliefen sich die Kosten für die
über 1400 Menschen, die sich im Rahmen der Aktion am 1. März registrieren ließen, auf rund 70 000 Euro. Deshalb sei weiterhin jede Unterstützung
willkommen, heißt es. Ludwig
Klinger, der in dieser Woche eine
Stammzellentransplantation erhält,
bedankte sich persönlich bei allen Mitwirkenden und Unterstützern, die dafür sorgten, dass nicht nur ihm, sondern auch anderen Leukämiepatienten geholfen werden könne.
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Mittelbayerischen Zeitung.
GEMÜSE FÜR DEN KINDERGARTEN.
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Zuschüsse für
Oberpfälzer Projekte
PLANKSTETTEN. Der Kulturausschuss
des Oberpfälzer Bezirkstags hat bei seiner Tagung im Kloster Plankstetten
(Lkr. Neumarkt) Zuschüsse für eine
Vielzahl von kulturellen Projekten in
der Region bewilligt. Insgesamt werden 125 000 Euro zur Verfügung gestellt. Erstmals erhält die Schule der
Dorf- und Landentwicklung in Plankstetten einen Zuschuss in Höhe von
12 000 Euro. Die Einrichtung versteht
sich als Ideenschmiede für den ländlichen Raum und bietet Seminare und
Tagungen zur Regionalentwicklung
an. Die Förderrichtlinien für Denkmalpflege bleiben unverändert, hier
stellt der Bezirk in diesem Jahr rund
1,3 Millionen Euro zur Verfügung.
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Gericht entscheidet:
Ulvi K. kommt frei
BAYREUTH. Der wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebrachte Ulvi K. wird Ende Juli entlassen. Das
entschied jetzt das Oberlandesgericht
(OLG) Bamberg. Der geistig behinderte
Mann war 2004 als Mörder der spurlos
verschwundenen Schülerin Peggy verurteilt, 2014 aber im Zuge eines Wiederaufnahmeverfahrens freigesprochen worden. Das OLG gab gestern einer Beschwerde gegen den Unterbringungs-Beschluss des Landgerichts Bayreuth vom Januar statt. Der 37-Jährige
soll in ein Wohnheim ziehen. Unterdessen bleibt das Schicksal Peggys weiterhin im Dunkeln. Das damals neun
Jahre alte Mädchen war 2001 in Lichtenberg spurlos verschwunden. (dpa)
Ulvi K. beim Anhörungstermin vor
dem Landgericht Bayreuth Foto: dpa
BAYERN/OBERPFALZ
B1
MITTELBAYERISCHE ZEITUNG
Wenn der
Pflegende selbst
zum Pflegefall wird
FACHTAGUNG Demenz darf
kein Tabuthema sein. Experten fordern bei einem Symposium in Regensburg mehr
Offenheit und Hilfe.
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VON TOM CARLOS KUPFER, MZ
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REGENSBURG. Der Weg begann für Sophie Rosentreter, ehemals MTV-Moderatorin und Model, mit der Erkrankung ihrer Großmutter. „Sie hat alltägliche Dinge auf einmal nicht mehr
hinbekommen und ist irgendwie
schräg geworden“, verrät sie. „Das war
schrecklich mit anzusehen.“
Nach der Diagnose habe die Familie
auf Hilfe von außen verzichtet, da
man sich in der Pflicht sah, was Rosentreter rückblickend als Fehler bezeichnet. Dabei handle es sich um ein aufklärerisches Problem, bestätigt Dr. Gabriele Hartl, Leiterin der Demenzstrategie des Bayerischen Ministeriums:
„Dementielle Erkrankungen sind häufig schambesetzt und werden lange
verschwiegen. Ein Bewusstseinswandel durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit muss her.“
Reichlich Impulse dafür lieferte
gestern ein Symposium mit dem
Schwerpunkt Demenz. Im Rahmen
des 21. Regensburger Pflegetags hatte
der Verein der Freunde und Förderer
der Pflege (VFFP) ins Universitätsklinikum geladen. Thomas Bonkowski,
Pflegerischer Leiter des Uniklinikums
und Vorsitzender der VFFP, freute sich
über die vielen anwesenden Pflegekräfte und jungen Besucher: „Wir
möchten heute Wissen vermitteln, das
nachhaltig weitergetragen wird.“
Gefühle zeigen statt Logik suchen
Dafür plädiert auch Rosentreter, die
sich mit der nach ihrer Großmutter
benannten Initiative „Ilses weite
Welt“ für die Integration von Demenzkranken in die Mitte der Gesellschaft
engagiert. „Man muss der Thematik
mit Leichtigkeit begegnen, nicht mit
Logik. Ab einem gewissen Zeitpunkt
sind die Betroffenen nur noch auf der
Gefühlsebene erreichbar.
Es ist notwendig, Zuneigung zu zeigen, sich
empathisch und ver-
ständnisvoll zu verhalten.“ Wie belastend die selbstständige Pflege eines dementiell Veränderten ausfallen kann,
erlebte die ehemalige Moderatorin im
eigenen Haus. Zwei Jahre nach dem
Tod der Großmutter erlag ihre Mutter
einem Krebsleiden. Viele Angehörige
laufen Gefahr, durch Gefühlsaufwallungen und Schuldgefühle in depressive Episoden zu rutschen und soziale
Strukturen zu verlieren. „Sie hat die
Entfremdung nicht ertragen können“,
so Rosentreter. „Ich bin mir sicher,
dass sie daran zugrunde gegangen ist.“
Sie spricht klar und mit fester Stimme.
Entlastung für Angehörige nötig
Studien belegen, dass Pflegende oft
selbst zum Pflegefall werden. „Durch
die hohe psychische und physische Belastung versuchen wir mit der Demenzstrategie Entlastungsangebote zu
schaffen“, erklärt Leiterin Hartl. Es gebe über 100 Fachstellen mit psychosozialer Unterstützung. Entsprechende
Schulungen sollen die Zahl der Pflegefachkräfte und ehrenamtlichen Helfer
künftig drastisch erhöhen.
Die vor zwei Jahren vom Staatsministerium für Gesundheit und Pflege
neu gegründete Demenzstrategie Bayern arbeitet eng vernetzt mit Initiativen wie „Ilses weite Welt“. Gemeinsam will man eine gesellschaftliche
Sensibilisierung erreichen, Ängste bekämpfen und so der Tabuisierung einer allgegenwärtigen Krankheit entgegenwirken. Darüber hinaus soll durch
richtige Versorgung und Betreuung
die Lebensqualität Betroffener bis zum
Schluss erhalten bleiben.
Veranstalter Bonkowski gibt sich
optimistisch: „Die Politik hat die Problematik erkannt und tolle Konzepte
aufgestellt.“ Rosentreter ergänzt: „Jetzt
muss sich nur noch die Gesellschaft
ändern.“ Auf ihr früheres Leben als
Model und Moderatorin im Rampenlicht blickt die Hamburgerin mit Abstand. „Die Vergangenheit war schön,
aber meine jetzige Arbeit ist meine Berufung, die mich voll und ganz erfüllt.
Ich bin angekommen.“
Lücken im Kopf: Demenz trifft immer mehr Menschen.
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DEMENZERKRANKUNGEN IN BAYERN
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➤ Mehr als jeder Dritte über 90 Jahren
weist Symptome einer dementiellen Erkrankung auf.
➤ Im Jahr 2014 lebten im Freistaat rund
220.000 Menschen mit Demenz.
➤ Durch den demografischen Wandel
nimmt die Zahl der erkrankten Personen
weiter zu.
Sophie
Rosentreter,
Thomas Bonkowski
und Dr. Gabriele
Hartl (v.l.) Foto: mtc
Foto: dpa
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➤ Bis 2032 erwarten Experten einen Anstieg auf bis zu 340.000 Demenzkranke.
➤ Am 15. April 2015 lädt das Gesundheitsministerium in München zum 1.
Bayerischen Fachtag Demenz.
➤ Weitere Informationen gibt es im Internet auf der Seite www.stmgp.bayern.de/pflege/demenz
Langer Kampf für einen Systemwechsel
INTERVIEW Seit 40 Jahren for-
dert die ÖDP ein Umdenken,
erklärt ihre Chefin Gabriela
Schimmer-Göresz.
Frau Schimmer-Göresz, Sie besuchen morgen Regensburg. Ihr Vortrag in den Bischofshof-Braustuben hat den Titel „Ein
System siegt sich zu Tode“. Was genau
meinen Sie damit?
Der Parteigründer Herbert Gruhl
hat 1975 sein Buch „Ein Planet wird
geplündert“ veröffentlicht. Darin hat
er damals schon vor einer Fortsetzung
des Wirtschaftssystems gewarnt, das
ausschließlich auf Mengenwachstum
ausgelegt war. Diese Kritik ist aktueller denn je. Es mehren sich die Stimmen, die einen Systemwechsel fordern, ein verändertes Konsumverhalten – also alles, was die ÖDP seit 40
Jahren schon fordert. Wir brauchen ei-
nen echten Wandel, eine
Wachstumswende.
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INTERVIEW
Sie sehen Ihre Partei also als
Mahner in Sachen Nachhaltigkeit, verändertes Wirtschaften
und Handeln?
Sie werden zu wenig wahrgenommen?
Ja, das ist so. Da die ÖDP keine Firmenspenden nimmt,
sind unsere Möglichkeiten
begrenzt.
Ja, aber wir bieten auch
Woran liegt es, dass die ÖDP
Lösungen. Zum Beispiel die
GABRIELA
meist auf kommunaler Ebene
von uns geforderte SteuerreSCHIMMERbekannt ist?
GÖRESZ
form für Arbeit und Umwelt, nach der das, was uns Bundesvorsitzende Ich bin seit 1986 in der Partei
der ÖDP
aktiv und war Stadträtin
in größerem Maße zu Verfügung steht – Arbeitskraft –
von 1996 bis 2005. Die Wähvon Abgaben entlastet und ➥ Haben Sie weiler geben ihre Zustimmung
tere Fragen?
das, was knapp ist – Ressour- Schreiben Sie uns! sehr differenziert. Auf komcen – stärker besteuert wird, [email protected] munaler Ebene kennen sie
die ÖDP; bei übergeordneten
und zwar aufkommensneubayerische.de
Wahlen bremst die Fünftral. Es gibt Wissenschaftler,
die dieses System befürworten. Das Prozent-Hürde. Dabei sollte eine Wahl
Perfide ist, dass von vielen Experten nicht taktisch, sondern nach dem Gekritisiert wird, es gäbe keine Partei, die wissen erfolgen. Dass es geht, zeigt das
sich mit Wachstum kritisch auseinan- EU-Wahlergebnis in meiner Heimatdersetzt. Dabei tun wir das schon seit stadt Memmingen: Dort erzielten wir
6,7 Prozent.
Jahrzehnten!
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Bei ihrer Wahl sind Sie gegen Ihren Vorgänger Sebastian Frankenberger angetreten. Hat das Ihren Start belastet?
Nun, es waren insgesamt ja vier
Kandidaten, und ich habe die Wahl im
ersten Wahlgang mit knapp über 50
Prozent gewonnen. Das heißt, dass fast
die Hälfte gerne mit meinem Vorgänger weitergearbeitet hätte. Das war
schon ein Stück weit belastend. Ich besuche nach und nach alle Landesverbände und merke, dass sich mögliche
Vorbehalte auflösen lassen und es
nicht an der nötigen Unterstützung
fehlt.
Spätestens mit dem Rauchverbot hat die
ÖDP überregionale Bekanntheit erreicht.
Haben Sie neue Pläne?
Wenn, dann müsste das Thema
stimmen und große Teile der bayerischen Wählerschaft ansprechen. Es
gibt immer wieder Überlegungen, aber
derzeit keine konkreten Pläne.
(kc)