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14 ZEIT IM OSTEN Schwerpunkt: Der Traum vom Westen
Wir wollten
immer
mehr sehen
Fotos: Peter Rigaud/laif (Ausschnitt); insight media (r.)
Ich bin froh, dass ich die Träume meiner
Eltern in der DDR noch teilen durfte –
denn die Träume meiner Generation sind
eher profan VON CHRISTIAN SCHWOCHOW
Prächtiger Anblick: Paris von oben
A
ls ich noch klein war und mit
meinen Eltern in Ost-Berlin
lebte, da sagte meine Mutter an
ihren Geburtstagen immer den
einen, gleichen Satz: »Meinen
60. Geburtstag möchte ich in
Paris feiern.« Meine Eltern hatten die Bücher von Jean-Paul Sartre gelesen, von
Albert Camus und Simone de Beauvoir. Sie waren
fasziniert von der 68er-Bewegung. Paris war für sie
die Stadt des intellektuellen Aufbruchs und des Hedonismus. Es war sicher eine diffuse, sehnsüchtige
Vorstellung: Die Menschen sitzen in Cafés, sie rauchen Zigaretten, trinken Wein, sie reden und reden
und reden. Wenn man nach Paris kommt, dann
kann es sein, dass James Joyce am Nachbartisch sitzt.
So träumten meine Eltern von Paris.
Bei uns zu Hause wurde viel gesprochen, oft besuchten uns Freunde meiner Eltern, die in der
Theater- und Kunstszene arbeiteten. Sie diskutierten über den Zustand der DDR, sie diskutierten
auch darüber, ob und wie man dieses Land verlassen
sollte. Irgendwann stellten meine Eltern einen Ausreiseantrag. Meine Mutter ist auf Rügen geboren,
sie sehnte sich nach der Freiheit auf der anderen
Seite des Meeres. Sie wäre damals sehr gern auf die
Fähre gestiegen und losgefahren, nach Schweden.
Und am besten gleich weiter, bis nach Paris.
So konkret diese Ziele waren, so diffus sah doch
der Traum vom Westen aus. Meine Eltern wünschten
sich ein anderes Leben, aber sie wussten nicht, wie
dieses andere Leben aussehen könnte. Ich hingegen
hatte sehr konkrete Bilder im Kopf, ich träumte von
Coca-Cola und der Bravo, von der Freiheitsstatue
und dem Eiffelturm, ich träumte von den Fuß­ball­
auf­kle­bern, die in Hanuta-Verpackungen steckten.
Dann fiel die Mauer. Kurioserweise wurde genau
an diesem Tag unser Ausreiseantrag genehmigt.
Den Westen habe ich am 10. November 1989 das
erste Mal gesehen. Ich war damals elf Jahre alt und
lief mit meinen Eltern über den Grenzübergang an
der Bornholmer Straße. Es war irre voll, ich sah gar
nicht viel vom Westen, ich sah vor allem Tausende
Ostdeutsche auf den Straßen. Ich entdeckte zum Beispiel junge Punks, die ich aus der Jungen Gemeinde
kannte, sie liefen mit vollen Beuteln aus dem Aldi.
Andere standen in schier endlos langen Schlangen
vor den Schaltern, an denen das Begrüßungsgeld ausgezahlt wurde. Es hatte etwas Erbärmliches.
In den Tagen darauf fuhr meine Mutter mit mir
ein weiteres Mal nach West-Berlin, ins Grips-Theater,
in dem das Musical Linie 1 lief (und auch heute noch
läuft, übrigens). Wir hatten zu Hause eine Aufnahme
dieses Musicals immer wieder angehört. Zwei Karten
kosteten im Grips-Theater 30 Mark, so viel hatten
6. N OV E M B E R 2014
wir nicht. Meine Mutter sagte zur Kassiererin: »Wir
kommen von drüben, wir haben nicht so viel Geld,
könnten Sie uns die Karten zum halben Preis verkaufen, und wir setzen uns auf die Treppe?« Die
Kassiererin schenkte uns zwei Karten für die erste
Reihe. Wenn ich heute daran zurückdenke, dann
kriege ich immer noch eine Gänsehaut. Meine Eltern
sind mit mir zur Bibliothek in West-Berlin gefahren
und haben mir einen Ausweis machen lassen. Ich
erinnere mich, dass ich viele Nachmittage dort verbracht und einfach nur gelesen habe.
Unsere erste Familienreise ins westliche Europa
fand ich anfangs irgendwie ernüchternd. Offensichtlich hatte ich mir die fremde Welt viel zu bunt, viel
zu fantastisch vorgestellt. Meine Eltern stiegen mit
mir auf die Fähre, die uns nach Schweden brachte.
Alles sah grau aus, es regnete die ganze Zeit. Schweden
kam mir – so gewöhnlich vor. Nach Paris fuhr ich das
erste Mal ohne meine Eltern, gleich im ersten Sommer nach dem Mauerfall bekam ich den Platz in einem Ferienlager. Es war heiß, in Paris fuhren wir mit
dem Bus von einem Fast-Food-Laden zum nächsten,
weil es nur dort voll klimatisiert war. Die Stadt war
viel lauter und hektischer, als ich sie mir vorgestellt
hatte, weniger verrückt, als meine Eltern sie immer
beschrieben hatten. Ich erinnere mich aber auch, wie
ich am Montmartre die Touristenmaler beobachtete
und wie mich das gleich faszinierte – denn damals
wollte ich Maler werden.
Gleichzeitig begriffen meine Eltern nach und
nach, dass ihre Vorstellung von einem neuen Leben
mehr Veränderungen mit sich brachten als erwartet.
Vor allem waren sie ganz selbstverständlich davon
ausgegangen, eine Arbeit mit Festanstellung zu finden. Mein Vater hatte in der DDR als Dramaturg
beim Kinderhörspiel gearbeitet, nur existierte dieser
Beruf in der Bundesrepublik gar nicht. Immer wieder musste er erklären, was er in den Jahren zuvor
beruflich gemacht hatte. Es war für ihn eine tiefe
Enttäuschung, als seine Arbeitsvermittlerin sagte,
seine Berufserfahrungen seien hier kaum gefragt, er
solle sich besser neu orientieren. Für mich endete im
Herbst 1989 auf gewisse Weise meine Kindheit –
die Bilder und Erlebnisse der Wendemonate haben
junge Erwachsene aus uns Ostkindern gemacht.
Meine Eltern zogen mit mir nach Hannover, und
dort erlebte ich eine Art Kulturschock. Manchmal
sahen mich die neuen Mitschüler an, als wäre ich
aus dem Krieg gekommen, ich war den anderen
Kindern so unglaublich fremd.
Meine Eltern kauften sich einen alten Opel, damit
fuhren wir gemeinsam quer durch Europa. Ihren
40. Geburtstag feierte meine Mutter in Paris. Unser
Traum vom Westen war wie ein Antrieb, wir wollten
immer mehr sehen, immer mehr Länder bereisen.
D I E Z E I T No 4 6
Mit 18 Jahren hatte ich schon mehr von der Welt
gesehen als die meisten meiner Klassenkameraden.
Nach dem Abitur arbeitete ich als Journalist
fürs Fernsehen. Damals bewarb ich mich um den
Platz in einem neuen Doku-Format, der Sender
Arte suchte sieben junge Reporter aus sieben unterschiedlichen Ländern. Es sollte auch nach Paris
gehen. Arte schickte mir die Zusage. Auf dieser
Reise wurde ich ziemlich schnell aufmerksam auf
eine Studentin aus Skandinavien. Am Anfang
mochten wir uns nicht besonders. Aber später in
Paris, vor laufenden Kameras quasi, verliebten wir
uns ineinander. Inzwischen sind wir verheiratet.
Über die vielen Jahren habe ich gemerkt, dass
meine Sehnsucht nach Paris nicht vergeht, nur weil
ich schon ein paarmal dort gewesen bin. Ich habe
zum Beispiel jahrelang davon geträumt, dass einer
meiner Filme einmal in Paris laufen würde, das war
ein großes Ziel in meinem Leben. In Frankreich
wird der Kunstfilm viel mehr geschätzt als in
Deutschland, Kino ist den Franzosen heilig. Nun
habe ich tatsächlich einen französischen Verleih gefunden, der meinen Film Westen in die Kinos bringt
– ausgerechnet den. Es geht darin um eine Frau aus
der DDR, die mit ihrem Sohn in die Bundesrepublik geht, wo ihre Hoffnung auf ein besseres Leben
jedoch enttäuscht wird.
Wenn ich mich und meine Generation so ansehe, etwa die 30- bis 40-Jährigen, dann glaube ich,
dass wir uns in unserer Konsensgesellschaft ziemlich eingerichtet haben. Wir haben keinen großen
Antrieb, etwas Grundsätzliches infrage zu stellen.
Unsere Träume haben wenig Größe, die sind doch
sehr profan. Wir träumen von der eigenen schönen
Wohnung in einem sauberen deutschen Stadtteil.
Wir träumen von Sicherheit.
Deshalb krame ich in meinen Filmen so gern
Träume aus anderen Zeiten wieder hervor. Demnächst verfilme ich das Leben der Malerin Paula
Modersohn-Becker, einer Frau aus bürgerlichem
Hause, die unheimlich radikal dachte und lebte. Sie
war 1906 die erste Frau, die sich selbst als Akt malte.
Sie lebte in einer Künstlerkolonie, war unter Begabten
das Genie. Ihr Mann wohnte in Worpswede, in Norddeutschland, aber dort wurde es ihr immer wieder zu
eng. Modersohn-Becker ging nach Paris, es war auch
ihre Sehnsuchtsstadt.
Notiert von ANNE HÄHNIG
Christian Schwochow, 36, ist
Regisseur (»Der Turm«). Einige
Drehbücher seiner Filme schrieb
seine Mutter Heide. Zuletzt
erschien von ihm die MauerfallKomödie »Bornholmer Straße«
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