Heftes - Deutscher Altphilologenverband

3/2016
Editorial
128
Werner Suerbaum
Vergil über Ankunft, Aufnahme und Integration von Flüchtlingen
128
Michael Lobe
„Meine Ferien im Latein gehören zu den schönsten,
die ich je genossen habe – Zum dreißigsten Todesjahr
des schwäbischen Martial Josef Eberle (1901-1986)
143
Anja Behrendt /
Matthias Korn
Schülerzahlen im Fach Latein und Entwicklungsperspektiven
der Fachdidaktik
156
Andreas Fritsch
Lateinische Urkunde zum Humanismuspreis für Andrea Riccardi
158
Jürgen Blänsdorf
Ist der Pronuntiatus Restitutus falsch?
Eine Entgegnung auf Axel Schönbergers Thesen
160
Zeitschriftenschau
165
Besprechungen
175
Adressen der Landesverbände
190
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126
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Impressum
ISSN 1432-7511
59. Jahrgang
Die Zeitschrift Forum Classicum setzt das von 1958 bis 1996 in 39 Jahrgängen erschienene „Mitteilungsblatt des
Deutschen Altphilologenverbandes“ fort. – Erscheinungsweise vierteljährlich. Die im Forum Classicum veröffentlichten
Beiträge sind im Internet unter folgender Adresse abrufbar: http://www.altphilologenverband.de
Herausgeber: Der Vorsitzende des Deutschen Altphilologenverbandes: https://www.altphilologenverband.de
OStD Hartmut Loos, Am Roßsprung 83, 67346 Speyer, Tel. 06232-854217, E-Mail: [email protected]
Schriftleitung (Forum Classicum und Pegasus-Onlinezeitschrift): Prof. Dr. Stefan Kipf, Humboldt-Universität zu
Berlin, Institut für Klassische Philologie/Didaktik der Alten Sprachen, Unter den Linden 6, 10099 Berlin, E-Mail:
[email protected]
Die gemeinsame Redaktion des Forum Classicum und der Pegasus-Onlinezeitschrift gliedert sich in folgende Arbeitsbereiche:
1. Schriftleitung, Berichte und Mitteilungen, Allgemeines: Prof. Dr. Stefan Kipf (s. o.);
2. Didaktik:
Dr. Anne Friedrich, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Seminar für Klassische Altertumswissenschaften,
06099 Halle (Saale), E-Mail: [email protected]
OStD Michael Hotz, Wilhelmsgymnasium München, Schulpavillon, Oettingenstr. 78, 80538 München,
E-Mail: [email protected]
3. Fachwissenschaft:
Prof. Dr. Markus Schauer, Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Klassische Philologie, 96045 Bamberg, E-Mail:
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4. Schulpolitik:
OStR i.K. Dr. Benedikt Simons, Bilkrather Weg 30, 40489 Düsseldorf, E-Mail: [email protected]
5. Personalia, Varia:
OStD Hartmut Loos (s.o.)
6. Rezensionen:
StD Dr. Dietmar Schmitz, Am Veenteich 26, 46147 Oberhausen, E-Mail: [email protected]
7. Zeitschriftenschau Fachwissenschaft:
Jun.-Prof. Dr. Stefan Weise, Bergische Universität Wuppertal, Klassische Philologie, Gaußstraße 20,
42119 Wuppertal, E-Mail: [email protected]
8. Zeitschriftenschau Fachdidaktik:
Dr. Roland Granobs, Nordhauser Str. 20, 10589 Berlin, E-Mail: [email protected]
StD i.R. Dr. Josef Rabl, Kühler Weg 6a, 14055 Berlin, E-Mail: [email protected]
Die mit Namen gekennzeichneten Artikel geben die Meinung des Verfassers, nicht unbedingt die des DAV-Vorstandes
wieder. – Bei unverlangt zugesandten Rezensionsexemplaren ist der Herausgeber nicht verpflichtet, Besprechungen zu
veröffentlichen, Rücksendungen finden nicht statt. – Bezugsgebühr: Von den Mitgliedern des Deutschen Altphilologenverbandes wird eine Bezugsgebühr nicht erhoben, da diese durch den Mitgliedsbeitrag abgegolten ist (Wichtiger Hinweis
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C. C. Buchner Verlag, Postfach 1269, 96003 Bamberg.
Layout und Satz: StD Rüdiger Hobohm, Mühlweg 9, 91807 Solnhofen, E-Mail: [email protected]
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Lateinische Philologie, Platz der Universität 3, 79085 Freiburg, E-Mail: [email protected]freiburg.de
Herstellung: BÖGL DRUCK GmbH, Spörerauer Straße 2, 84174 Eching/Weixerau, E-Mail: [email protected]
127
Editorial
Ein Mitteilungsblatt lebt davon, immer wieder
auf aktuelle Entwicklungen Bezug zu nehmen.
Dies ist nicht immer erfreulich; so erreichte uns
kurz vor Drucklegung dieses Heftes die traurige
Nachricht, dass Jutta Limbach am 10. September verstorben ist. Jutta Limbach war dem
DAV eng verbunden, da sie im Jahr 2006 auf
dem Kongress in München mit dem Humanismuspreis auszeichnet wurde. In der nächsten
Ausgabe des Forum Classicum werden wir
eine Würdigung Jutta Limbachs veröffentlichen.
Ansonsten lebt dieses Heft von Artikeln, die
verschiedenen Aktualitäten gewidmet sind: So
stellt Werner Suerbaum (übrigens in seinem
allerersten Artikel für das Forum Classicum)
dar, was Vergil über die Ankunft, Aufnahme
und Integration von Flüchtlingen zu sagen hat.
Aus Anlass des 30. Todestages von Josef Eberle
beschäftigt sich Michael Lobe mit diesem
großen Neulateiner und Humanisten.
Anja Behrendt und Matthias Korn stellen
die aktuellen (wenig erfreulichen) Schülerzahlen
vor und leiten daraus Entwicklungsperspektiven für die Fachdidaktik ab. Zugleich wird eine
aktuelle Fachdiskussion weiter vertieft: Jürgen
Blänsdorf hat eine Entgegnung auf den Artikel
Axel Schönbergers „Zur Aussprache, Schreibung und Betonung des Lateinischen“ aus dem
FC 1/2016, 12-18, verfasst. Schließlich finden
Sie einen breiten Strauß an Besprechungen, die
Ihnen hoffentlich viele Anregungen bieten. Ich
wünsche viel Vergnügen bei der Lektüre!
Stefan Kipf
Aufsätze
Vergil über Ankunft, Aufnahme und Integration von Flüchtlingen
Ja, darüber hat Vergil etwas zu sagen. Jedenfalls
h a t er etwas dazu gesagt, in der Aeneis. Auf
der Ebene der epischen Handlung ist die Aeneis
durchgehend ein Epos über Flüchtlinge, die eine
neue Heimat suchen und erringen (und erst in
zweiter, wenn auch in der Philologie fast ausschließlich betrachteten Linie ein Epos über die
Vorgeschichte des von Augustus zur Vollendung
geführten Imperium Romanum).
„Der Mensch ist ein Flüchtling auf der Erde“
Das klingt tiefsinnig, philosophisch, religiös.
Man denkt an „Wir sind nur Gast auf Erden
und wandern ohne Ruh der ewigen Heimat
zu“ oder „Pilgerfahrt zum verheißenen Land“.
„Der Mensch ist ein Flüchtling auf der Erde“
war aber das Motto, unter das eine der vielen
Ausstellungen zum Vergil-Jubiläum von 1981/82
(2000. Todestag Vergils, korrekt am 21.9.1982)
gestellt war. Es war dies das einzige Mal, dass
ein generalisierendes, über die literar-historische
Interpretation Vergils hinausgehendes Motto
128
gewählt wurde. Bezeichnender Weise bildete
diese Ausnahme keine von Philologen oder
Biblio­thekaren veranstaltete Ausstellung, sondern eine Initiative des Wolfenbütteler Kunstvereins. Er lud damals dazu ein, unter diesem Motto
künstlerische Beiträge zu gestalten, und verwies
dabei ausdrücklich auf „Vergil Aeneis Buch II v.
708ff.“, also auf Vergils Schilderung der Flucht
des Aeneas aus Troja, mit seinem greisen (und
gelähmten) Vater Anchises auf den Schultern,
den kleinen Julus (Ascanius) zur Seite, gefolgt
von der bald verloren gehenden Gattin Creusa.
Diese rein männliche Dreiergruppe Anchises
– Aeneas – Ascanius, mit dem Urbild des pius
Aeneas, ist das wohl am häufigsten in Skulpturen und Graphiken (als Vasenbilder, Gemälde,
Zeichnungen, Illustrationen) künstlerisch gestaltete Motiv der Aeneis (und der dem Epos Vergils
auch in diesem Punkte zugrundeliegenden, bis in
homerische Zeit zurückreichenden mythischen
Tradition). Die Neubesinnung auf dieses Thema
2000 Jahre nach Vergil erwies sich als fruchtbar;
der Wolfenbütteler Kunstverein konnte eine
Reihe nachdenklich stimmender Arbeiten von
zeitgenössischen Künstlern in einem Katalog
publizieren.
Aber mir geht es nicht um den Anfang der
Flucht der Trojaner unter Aeneas’ Führung,
sondern um ihre Ankunft in einer (erhofften,
verheißenen) neuen Heimat, ihre Aufnahme dort
und die Bedingungen ihrer Integration. Auch
darüber handelt die Aeneis, und zwar geradezu
durchgehend, nicht zuletzt in ihrer (von den
Philologen, den Gymnasial-Lehrplänen und der
Gesellschaft) vernachlässigten zweiten Hälfte
und ganz besonders in ihrem letzten (XII.) Buch.
Zwar erzählt Vergil in der letzten Szene des Epos,
wie der Anführer der Flüchtlinge den Führer der
Einheimischen besiegt und umbringt, aber es gibt
zuvor, in der vorletzten Szene, einen weiterreichenden, andersartigen Ausblick auf das künftige
Verhältnis der beiden sich bisher bekämpfenden
ethnisch unterschiedlichen Gruppen der Flüchtlinge und der Einheimischen. Und in dem wird
nicht die Heirat zwischen dem „externen“ Führer
der Flüchtlinge und der einheimischen Prinzessin
thematisiert – die bei dem für mehrere Jahrhunderte erfolgreichsten Fortsetzer der Aeneis,
Maffeo Veggio, in seinem sog. XIII. Buch der
Aeneis von 1428 im Vordergrund steht –, sondern
ein allgemeineres Integrationsprogramm.
Auch Aeneas und die Trojaner sind Flüchtlinge
Ich habe schon in den letzten Sätzen absichtlich
Eigennamen wie Aeneas, Turnus und Lavinia
sowie Trojaner und Latiner vermieden und
stattdessen allgemeinere Begriffe wie Anführer, Prinzessin, Flüchtlinge und Einheimische
gebraucht. Erst eine solche Abstraktion nämlich
ermöglicht eine aktualisierende Betrachtung, die
in einer Übertragung historischer, auch literarhis­torischer Geschehnisse und Konstellationen
auf die Gegenwart besteht.
Als Beispiel zitiere ich eine solche abstrahierende Analyse des literarisch gestalteten Themas
„Auf der Suche nach einer neuen Heimat“ durch
Curt Cheauré, 1996:1
„Heimatlos geworden, bleiben Flüchtlinge
angewiesen auf das Wohlwollen anderer. (a)
Großzügige Angebote für einen Neuanfang, der
sogar über einen Asylstatus hinausgeht, finanzielle Unterstützung und soziale Integration
verspricht (b), sind geschichtlich wohl eher die
Ausnahme. Sie setzen persönliche Betroffenheit
voraus, welche für das harte Schicksal anderer
empfänglich und hilfsbereit macht. (c) Meist
muss das Recht zu bleiben erbeten, ja erbettelt
werden. Dabei werden doch Flüchtlinge fast
immer zu den treuesten Bürgern des sie aufnehmenden Staates. (c)“
Vielleicht hat nicht jeder Leser gemerkt: Diese
Beschreibung des Flüchtlings-Status ist gewonnen
aus oder jedenfalls illustriert an Vergils Aeneis.
Denn der Autor C. Cheauré verweist an den von
mir mit (a), (b) und (c) markierten Stellen auf
Belege aus der Aeneis: (a) „… wie die Troer bei
ihrer Ankunft in Karthago: 1,520-543“; (b) „…
wie Dido dies Aeneas und seinen Leuten anbietet:
1,562-564. 571-574. 627-630“; (c) „7,222-233“
(wie dies Ilioneus, der Führer der trojanischen
Gesandtschaft, dem König Latinus voraussagt).
Angeregt durch dieses Vorbild, will ich die
von Vergil in der zweiten Hälfte der Aeneis
geschilderten Erlebnisse der Trojaner systematisch unter dem Gesichtspunkt der Flüchtlingsproblematik analysieren. Dabei d e n k e ich an
die Flüchtlinge, die seit dem Sommer 2015 in
hellen Scharen, zumal aus dem Nahen Osten,
nach Deutschland kommen,2 manchmal auch
an Parallelen der Gründung des Staates Israel in
Palästina durch Juden, die in „ihr“ Gelobtes Land
zurückkehren. Doch ich mache die Parallelität
oder aber Gegensätzlichkeit zwischen einem
Ablauf in myth-historischer Zeit3 (wie ihn ein
in den ersten Regierungsjahren des Augustus
schreibender Autor dargestellt hat) und analogen
Vorgängen in der Gegenwart nicht expressis verbis
deutlich. Das soll jeder Leser selber leisten.
Immerhin bemühe ich mich dadurch, dass
ich weitgehend konkrete Eigennamen durch
Appellativa ersetze, Gedanken an die Übertragbarkeit (oder das Gegenteil) der Situation der
trojanischen Flüchtlinge in der Aeneis auf analoge historische oder vor allem zeitgenössische
Vorgänge des 20./21. Jahrhunderts nahezulegen.
So nenne ich also die Trojaner „Flüchtlinge“, die
Latiner (und Rutuler) „Einheimische“, Aeneas
den „Anführer der Flüchtlinge“, Latinus den
129
„König“ und Turnus den „Anführer der Einheimischen“, Lavinia die „(einheimische) Prinzessin“
usw. Wenn ich die Bundesgenossen der Latiner,
also andere italische Völkerschaften, meine, spreche ich absichtlich von „Unierten“ (um an die
EU zu erinnern, weniger an die Unionsstaaten
der USA); die Etrusker und die griechischen
Arkader, die Aeneas für sich gewonnen hat, sind
für mich die „Konföderierten“. Selbstverständlich
verwende ich, so oft es geht oder sie mir einfallen,
bei der Analyse antiker Verhältnisse moderne
Begriffe, wie etwa „Integration“.
Das „gelobte“ Zielland
der (trojanischen) Flüchtlinge
In dem von Vergil dargestellten Fall handelt es
sich um Kriegsflüchtlinge. Das Herkunftsland
ist nicht nur ein „unsicherer“ Staat, sondern
fundamental zerstört. Eine Flucht, so sie überhaupt gelingt, ist (scheinbar) alternativlos. Die
Vorstellungen der Flüchtlinge von einem idealen
Zielland sind zunächst vage: der Westen (Hesperia, wörtlich „Abendland“). Klar ist, dass das
Zielland nur über das Mittelmeer zu erreichen
ist. Deshalb werden 20 zuverlässige Schiffe, nicht
bloß seeuntüchtige Boote, gebaut. In der Tat geht
durch Wettereinwirkungen (Orkan) nur ein einziges Schiff verloren. Das an der türkischen Küste
gewonnene Baumaterial erweist sich später im
Krisenfall sogar als wundersam feuerresistent;
nur vier Schiffe verbrennen.4
Die nähere Bestimmung und dann Identifizierung des Ziellandes gestaltet sich schwierig.
Selbst der invalide Vater des Anführers, ein
Aufklärungsexperte, macht zunächst aufgrund
verfehlter Interpretation geheimer Weisungen
(die zu solchen Direktiven Berechtigten und
dafür Verantwortlichen werden in der Antike
in Ausnutzung der Methode des Euhemerismus
„Götter“ genannt, um die Unhinterfragbarkeit der
Weisungen solcher Autoritäten zu zementieren)
falsche Zielangaben. Eine Niederlassung in Kreta
z. B. wäre zwar im wörtlichen Sinne eine Repatriierungsmaßnahme, da Kreta als früheres temporäres Siedlungsgebiet der jetzigen Flüchtlinge
gilt; doch erweist sich diese griechische Insel auch
aufgrund epidemiologischer und agronomischer
Beobachtungen als ungeeignet. Eine Region an
130
der Ostküste der Adria (im heutigen Albanien)
bietet zwar (jedenfalls für die Führungsschicht)
ethnisch verwandte Bewohner, doch im Übrigen
Zustände eben nicht „wie im alten Rom“, sondern
wie im alten Herkunftsland Troja, so dass kein
Fortschritt zu erreichen ist. Zudem weist der
dortige König unseren Flüchtlingen den Weg zu
neuen Ufern (die aber nicht die nächstliegenden
der Ostküste Italiens sind). Die anzusteuernde
Westküste Italiens wird nun endlich, nach sieben
Jahren der Migration und hier nicht näher zu
referierenden temporären Zwischenstationen,
erreicht. Aber niemand weiß zunächst, ob dies
wirklich die Anlaufstelle für das Zielland ist. Die
vorletzte Landung hatte ja in die reinste Hölle
(„Unterwelt“, Teile davon nannte man aber Elysium = Paradies) geführt, und für die letzte Station war ein Todesfall unter den Flüchtlingen der
Anlass. Ist der hier einmündende Fluss wirklich,
wie laut Weisung (s. o.) erforderlich, der Tiber?
Ist denn die Bedingung erfüllt, das verheißene
oder Gelobte Land (ein altertümlicher Ausdruck
für „durch autoritative Weisung zugesprochenes
Land“) sei erst dann erreicht, wenn der Hunger
die Flüchtlinge zwinge, ihre Tische zu verzehren?
(Heutzutage wäre das eine wohl bei Holztischen
etwas leichter zu erfüllende Bedingung als in der
Antike, wo Tische oft aus Metall waren.) Nun ja,
der frühreife Sohn des Anführers verwandelte das
scheinbare Adynaton in perfekte Faktizität. Etwas
später sieht man auch die zweite Zulassungsbedingung erfüllt: die Sichtung enormer schweinischer
Fertilität hierzulande, wenigstens in einem Einzelfall (Code-Name: Sau-Prodigium).
Für die antiken Flüchtlinge ist das erste Problem die Identifizierung des Ziellandes, Identifizierung in einem doppelten Sinne: als Wissen
darum, welchen vorgeschriebenen Bedingungen
es genügen muss, und die Erkenntnis, dass dies
hier der Fall ist. Für die konkreten Flüchtlinge
sind diese Bedingungen in einem längeren
Prozess durch fortschreitende Präzisierung
schließlich bekannt und werden als erfüllt erlebt.
Das Zielland wird in diesem Falle nicht durch
nützliche Qualitäten bestimmt, etwa durch die
Fruchtbarkeit des Bodens (wie sie etwa derselbe
Autor Vergil bei früherer Gelegenheit in den
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in georg. 2,138 fällt bei Vergil in seinen Werken
vor der Aeneis der Name Italia) oder durch die
topographisch, klimatisch, handelspolitisch oder
strategisch günstige Lage (was laut Cicero De
re publica 2,5-11, bestimmend für Romulus war,
die Stadt Rom in eben dieser Gegend Latium
am Tiber, aber nicht direkt an seiner Mündung
ins Meer, zu gründen). Es ist auch nicht so, dass
ihnen eine Einladung etwaiger Einheimischer
bekannt wäre, zum Beispiel deshalb, weil die
jetzigen Flüchtlinge willkommen wären als Heimkehrer in ihr ursprüngliches Herkunftsland, also
als Rückkehrer (Remigranten) aus dem Ausland
in die alte Heimat. (Das ist ein Gesichtspunkt, der
später sehr wohl noch eine Rolle spielen wird –
aber nicht als Motiv der Flüchtlinge zu kommen,
sondern als nachträgliches Argument des einheimischen Königs, dass sie bleiben dürfen.) Nein,
allein ausschlaggebend für unsere Flüchtlinge ist
das Argument: Dieses Land hier am Tiber ist das
Land, das uns die höchsten Autoritäten (die hier
Götter, manchmal auch abstrakter Fata heißen)
zugesprochen, auf das wir deshalb ein Recht
haben.
Eine Parallele: das Gelobte Land Iudaea
Eine ähnliche Selbstsicherheit hat in der Menschheitsgeschichte sehr wohl mindestens eine Parallele (womöglich ein Vorbild für Vergil): Darauf
hat in schlagartig erhellender Weise der amerikanische Philologe Michael Fontaine (Cornell
University, Ithaca, New York, USA) in einem
bisher kaum beachteten Internet-Blog mit dem
Titel „Aeneas in Palestine. How the Israeli-Palestinian conflict makes sense of Virgil’s Aeneid“ in
Eidolon, April 2015, hingewiesen:5 Das ist der
von Gott, von ihrem Gott Jahwe, garantierte
Anspruch der Juden auf das „Gelobte“ Land.
Wenn man erst einmal auf diese Analogie aufmerksam geworden ist, werden einem sowohl für
die Bestimmung des Ziellandes als auch für die
weitere Entwicklung des Verhältnisses zwischen
Flüchtlingen und Einheimischen, wie ich sie
für die Aeneis noch behandeln will, zusätzliche
Entsprechungen oder aber Andersartigkeiten bei
der Reaktion von Flüchtlingen auf Einheimische
und umgekehrt auffallen. Das möchte ich an
anderer Stelle näher ausführen. Hier will ich nur
132
bemerken, dass ich in dem Problemkreis „Juden
in Judaea, Israelis in Palästina“ eine d o p p e l t e
Parallele zu „Trojaner in Latium“ sehe: zum
einen im Hinblick auf die Verheißung, die – laut
der hebräischen Bibel, vor allem Genesis (1.
Mose) 15,18-21 – Gott dem Abraham als dem
Stammvater Israels und seinen Nachkommen vor
Jahrtausenden (nach biblischer Chronologie im
19./18. Jh. v. Chr.) in dem sog. Bundesschlussritus gegeben hat; zum andern beim Blick auf die
Wiedergewinnung Palästinas durch die Juden in
mehreren Alijot (Rückkehrbewegungen) seit der
1. Alija 1882-1903 bis zur Staatsgründung Israels
1948 (Unabhängigkeitserklärung und Anerkennung durch die UNO). Die Bestimmung, wer seit
Beginn des 20. Jh.s in dieser Region „Flüchtling“
und wer „Einheimischer“ ist, ist hier wesentlich
problematischer als in der Aeneis. Mindestens
die Konzeption des „Gelobten Landes“ und
einer „Rückkehr“ dorthin aber ist hier wie dort
virulent und erzeugt analoge Probleme. Und die
Problematik einer Integration der ethnisch unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen im heutigen
Bereich Israel/Palästina in e i n e m Staat oder
aber einer Aufteilung derselben auf zwei Staaten
hat eine Parallele am Ende der Aeneis, dort für
die Trojaner und die Latiner.
Die erste Reaktion der Einheimischen:
Entgegenkommen
Das grundsätzliche Problem, das sich Flüchtlingen nach Erreichen ihres Ziellandes stellt,
ist ihr Verhältnis zu den Einheimischen.6 Denn
(aus der Sicht der Flüchtlinge) ist es leider bei
den allermeisten mythischen, literarischen
oder historischen Einwanderungen so, dass die
Ankommenden nicht ein leeres Land vorfinden,7
sondern ein von Einheimischen bewohntes.
Dadurch k ö n n e n sich Konflikte ergeben,
daraus h a b e n sich meistens Konflikte ergeben.
Zwei Gruppierungen in ein und demselben Land,
die Neuhinzugekommenen und die Alteingesessenen, müssen ihre jeweiligen Erwartungen,
Ansprüche, Rechte irgendwie aufeinander
abstimmen, gemeinsame Regelungen finden, zu
einem Ausgleich kommen.
Vorstellbar wäre, dass die Flüchtlinge sich
stark genug fühlen, ihre Ansprüche, die sie als
von höchster Autorität verbrieft glauben, mit
Waffengewalt gegen die bisherigen Landbesitzer
durchzusetzen. Eine solche „Lösung“ wurde zum
Beispiel viele Jahrhunderte später in der Völkerwanderungszeit von den meist aus ihren bisherigen Siedlungsgebieten vertriebenen germanischen Völkerschaften praktiziert.8 Die siegreich
in Italien eindringenden Ostgoten beanspruchten
um 500 n. Chr. (unter der Herrschaft Theoderichs von 493-526) ein Drittel des Kulturbodens (andere germanische Völkerschaften suis
locis wesentlich mehr: die Burgunder die Hälfte,
die Westgoten zwei Drittel). Theoderich erließ
zudem ein Heiratsverbot Goten – Römer, was die
Wirkung der Enteignung noch verschärfte. Zu
bedenken ist auch, dass es Hunderttausende von
Germanen gewesen sein werden, die zur Zeit der
Völkerwanderung in das Gebiet des Römischen
Reiches eindrangen. Sie werden im Vergleich zur
einheimischen römischen oder romanisierten
Bevölkerung jeweils einen beachtlichen, allerdings nach Region unterschiedlichen Prozentsatz
(den ich nicht zu beziffern wage; er war gewiss
z. B. in Spanien anders als in Italien) der Gesamtbevölkerung des Imperiums dargestellt haben.
Doch die vorvergilische Tradition und Vergils
Version über den anfänglichen Landbesitz der
Flüchtlinge im Zielland stimmen darin überein,
dass es sich dabei nicht um eine gewalttätige
„Landnahme“ (ein Begriff, der besonders für
die Eroberung Judäas durch die unter Moses’
Führung aus Ägypten zurückwandernden Juden
verwendet wird) der Einwanderer handelt, sondern um ein zunächst vom einheimischen König
zugestandenes oder jedenfalls versprochenes
Gebiet, ein Gebiet, das offenbar relativ (im Vergleich zu dem den Einheimischen verbleibenden
Besitz) und auch absolut gesehen klein war.
Die erste Phase des Kontaktes zwischen den
Flüchtlingen und den Einheimischen verläuft
nach der Darstellung in der Aeneis folgendermaßen:
Nach ihrer Landung an der Mündung eines
Flusses ins Meer werden „unsere“ Flüchtlinge
als erste aktiv. Sie erkunden das Land, erkennen,
dass hier ein König über Einheimische herrscht,
und entsenden eine Gesandtschaft an ihn. Diese
erste Kontaktaufnahme soll im Idealfall gleich
eine Verständigung zwischen beiden Seiten
erzielen. In unserem Falle gibt der Anführer der
Flüchtlinge den Gesandten Geschenke für den
einheimischen König mit (good-will-Signale)
und als Verhandlungsziel friedliches Einvernehmen (pax, Aen. 7,155). Vorsichtigerweise
baut er aber derweil den Landeplatz zu einem
Fort aus. Ja, diese Befestigung des Camps ist von
Vergil (in Aen. 7,157-159) so beschrieben, dass
nicht nur gehässige Einheimische darin bereits
die Gründung einer Stadt sehen können, noch
bevor Verhandlungen mit den Einheimischen
aufgenommen worden sind.
Der einheimische König empfängt die
Gesandtschaft freundlich (seine Rede Aen. 7,195211). Er hat von ihrer Landung gehört, weiß aber
nicht, ob es sich um mehr als um einen zufälligen
und temporären Zwischenaufenthalt (vom Sturm
verschlagene, herumirrende Menschen?) handelt. Er bekundet die traditionell grundsätzlich
fremdenfreundliche Einstellung der Einheimischen (Gastfreundschaft). Hinzu kommt in
diesem Falle, dass diese Fremden letzten Endes
von einem Einheimischen abstammen, der nach
Osten ausgewandert ist und jetzt sogar göttlich
verehrt wird. Es besteht also eine ethnische Verwandtschaft. Die Flüchtlinge könnten demnach
– was der König aber nicht ausspricht – als Repatriierte betrachtet und behandelt werden.
Der Sprecher der Gesandtschaft stellt (in
seiner Rede Aen. 7,213-248) klar: Seine Leute
sind hier nicht zufällig, irrtümlich und temporär
gelandet, um einen kurzzeitigen Gaststatus oder
eine vorläufige Aufenthaltsduldung zu erreichen.
(Nicht einmal eine solche ist selbstverständlich,
denn bei einer früheren unfreiwilligen Landung
im heutigen Tunesien infolge eines Sturmes
wollten die dortigen Bewohner, obwohl diese erst
vor kurzem dort selbst als Flüchtlinge eingewandert waren, sie nicht einmal an Land lassen.) Sie
wollen auf Dauer bleiben, sie sind gezielt (consilio Aen. 7,216) in dieses Land hier gekommen.
Sie sind keine Niemande, ihr Anführer stammt
vom höchsten Gott ab, ihr Herkunftsland ist
weltberühmt. Ein gewaltiger „Sturm“, nämlich
ein Kampf zwischen Europa und Asien, hat sie
aus der Heimat Asien vertrieben. Sie kommen als
Kriegsflüchtlinge, die hier bleiben möchten. Sie
133
beanspruchen ein bescheidenes Gebiet (sedem
exiguam), nämlich einen harmlosen Küstenstrich
(litus innocum soll wohl bedeuten: ein Strand, von
dem aus sie keinen Schaden anrichten können).
Für diese moderaten Gebietsansprüche berufen
sie sich auf das Naturrecht: (ein solches Stück)
Land, Wasser und Luft stehen jedermann frei
(patentem), sind Gemeingut. (Man könnte hierin
eine Berufung auf fundamentale Menschenrechte
sehen.) Die Aufnahme dieser Heimatvertriebenen, die einen berühmten Namen haben, wird
– so betont ihr Sprecher – das Renommee der
hiesigen Einheimischen noch erhöhen, verdient
also nicht nur den Dank der Flüchtlinge, sondern
bringt auch den Einheimischen Vorteile (Vergrößerung ihres Ansehens). Andernorts, in bedeutenderen Ländern (generalisierender Plural,
gemeint ist das heutige Tunesien), hat man sich
sogar aktiv bemüht, die Flüchtlinge einzubürgern.
Denn sie sind kampfstark, auch wenn sie jetzt als
Bittende auftreten.9 Zum Schluss kombiniert der
Sprecher als Grund dafür, dass die Flüchtlinge
gerade dieses Land hier als neue Heimat betrachten dürfen, ihnen zuteil gewordene „göttliche
Weisungen“ (fata deum Aen. 7,239 – heute würde
man vielleicht vom „Gesetz der geschichtlichen
Entwicklung“ sprechen, der Gegenbegriff wäre
„Zufall“), mit jenem Argument, das der einheimische König selbst eingeführt hat: mit der
Abstammung von einem gemeinsamen Ahnen.
Dann überreicht er kostbare Gastgeschenke aus
der alten Heimat.
Den König beeindrucken diese Geschenke
nicht. Wohl aber wirkt der Hinweis des Sprechers
der Flüchtlinge auf die Chance, durch Einbürgerung der Flüchtlinge das eigene Machtpotential
zu steigern. Hinzu kommt eine weitere Erwägung,
ein Umstand, den die Flüchtlinge noch nicht
kennen und darum auch nicht nutzen konnten:
Auch er, der einheimische König, hat „göttliche
Weisungen“ erhalten, die mit denen der Flüchtigen konvergieren.10 Er dürfe seine Tochter nicht
mit einem Einheimischen verheiraten (also, so
setze ich im Vorblick hinzu: zum Beispiel nicht
mit einem Fürsten, dessen Hauptstadt keine 10
Kilometer von der Residenzstadt des Königs
entfernt liegt), sondern nur mit einem „Externen“.
Der Anführer der Flüchtlinge i s t ein Exter134
ner (und zudem ein berühmter Held). Deshalb
entschließt sich der einheimische König, dem
Anführer der externen Flüchtlinge die Hand
seiner Tochter anzubieten. (Eine Heirat zwischen
einem auswärtigen Fürsten und einer Kronprinzessin gilt in einer monarchisch strukturierten
Gesellschaft als Unterpfand oder als personalisierter Ausdruck eines Zusammenschlusses der
beiden Völker.)11 Die Vereinigung beider Völker
könne gar zur Weltherrschaft führen (totum …
occupet orbem Aen. 7,258).12
Deshalb geht der einheimische König gegenüber dem Gesandtschaftssprecher der Flüchtlinge (in seiner Rede Aen. 7,259-273) auf deren
Anliegen ein und sogar noch darüber hinaus:
Zuerst akzeptiert er den beiderseitigen Hinweis
auf „göttliche Weisungen“ und auch konkret
die Geschenke der Flüchtlinge. Dann erklärt
er, den Flüchtlingen mehr Land einzuräumen,
als sie beansprucht haben; es soll geradezu ihr
Status quo in der alten Heimat hier in der neuen
wiederhergestellt werden (was gleichzeitig auch
eine Herstellung gleicher Lebensbedingungen für
beide Seiten bedeuten würde).
Dieses großzügige Zugeständnis des einheimischen Königs, das an die Bitte der Flüchtlinge
um einen bescheidenen Küstenstrich (sedes
exigua und litus innocuum könnten sich auf eine
Region am Tiber beziehen, an dessen Mündung
ins Meer die Flüchtlinge derzeit weilen) anknüpft,
sie aber übererfüllt, läuft offenbar auf eine Reservats-Lösung, mindestens eine Separierung,
hinaus: Den Flüchtlingen wird ein bestimmtes,
zum Königreich gehörendes Gebiet zugesprochen (ob dort weiterhin die Oberherrschaft des
Königs gelten soll, bleibt ungeklärt). Diese Reservats-Lösung wird im weiteren Verlauf der Dinge
nicht realisiert. Die zwar im Epos nicht mehr
vollzogene, aber als für die Zukunft gesicherte
Art der Aufnahme der Flüchtlinge wird – wie
wir noch sehen werden – im Zusammenleben,
in einer Verschmelzung der beiden Völker, der
Flüchtlinge und der Einheimischen, also in einer
wirklichen Integration bestehen. Aber Vergil hat
sich diesen ursprünglichen, beim ersten offiziellen
Kontakt der Einheimischen mit den Flüchtlingen
entwickelten Plan, den Flüchtlingen ein geschlossenes Siedlungsgebiet am Unterlauf des Tibers
anzuweisen, nicht einfach ausgedacht. In einer für
ihn charakteristischen Weise berücksichtigt Vergil
hier eine frühere Überlieferung, nämlich indem er
auf sie (als nicht realisierte Alternative) anspielt,
doch ohne sie zu seiner eigenen Konzeption zu
machen. Die Vorstellung von der Anweisung
eines bestimmen Gebietes des Ziellandes Latiums
an die gelandeten Trojaner findet sich nämlich
bereits in der älteren römischen Annalistik.13
Von dieser Variante der zukünftigen Entwicklung
hören wir zwar erneut etwas in Aen. 11,316-324,
als der König der Einheimischen diesen Vorschlag
im Parlament („Ratsversammlung“) vorbringt,
damit aber nicht durchdringt. Zu guter Letzt, am
Ende des entscheidenden XII. Buches der Aeneis,
kommt es zu einer ganz anderen Regelung.
Nachdem der einheimische König in der Landfrage ein großzügiges Angebot an die Flüchtlinge
gemacht hat, fordert er schließlich, dass nicht
mehr auf der Botschafter-Ebene verhandelt
werde, sondern dass der Entscheidungsbefugte
persönlich erscheine. Er wolle ihm nämlich die
Hand seiner Tochter anbieten, da „göttliche Weisungen“ ihm die Wahl eines externen Schwiegersohnes vorschrieben.
Die Gesandtschaft der Flüchtlinge kehrt im
Bewusstsein zurück zu ihrem Anführer, der
Friede sei jetzt gesichert (pacemque reportant
Aen. 7,285).
Aber schau an (ecce): das war ein Trugschluss.
Es tritt kein Friede ein zwischen den Einheimischen und den Flüchtlingen, es kommt zum
Krieg. Warum?
Die zweite Reaktion der Einheimischen: Krieg
Dass es trotz der offenen Arme des einheimischen
Königs zum Krieg der Einheimischen gegen die
Flüchtlinge kommt, wird von Vergil in dreifacher
Weise – trotzdem aber nicht wirklich überzeugend – begründet:
(a) Die einheimische Königin erliegt Einflüsterungen, in denen die Flüchtlinge unter anderem
als Frauenräuber diffamiert werden und Stimmung dafür gemacht wird, besser, wie sie es ohnehin plante, auf einen benachbarten Fürsten als
Schwiegersohn und damit Thronfolger zu setzen.
Ihr königlicher Gatte, den sie (mit ihrer Rede in
Aen. 7,359-372) für diese Lösung gewinnen will,
zeigt sich jedoch unbeeindruckt, obwohl seine
Gattin versucht, auch ihren Favoriten für die
Hand ihrer Tochter wegen griechischer Vorfahren
als „Externen“ hinzustellen. Daraufhin erleidet
die Königin totalen Kontrollverlust. Sie entführt
die Tochter. Da eine Art Mutterrecht verletzt zu
sein scheint, schließt sich ein Teil der weiblichen
Bevölkerung (matres Aen. 7,392 und 400) einer
enthemmten Protestbewegung gegen die Politik
des Königs an.
(b) Der durch die Heiratspolitik des einheimischen Königs am stärksten Betroffene, jener Fürst
aus der Nachbarschaft, der – obwohl offensichtlich Einheimischer – bisher der von der Königin
favorisierte Kandidat für die Hand seiner Tochter
war, hat bisher keine Reaktion gezeigt. Er wusste
zwar von der Landung der Flüchtlinge, sah aber
offenbar seine Hoffnungen, Schwiegersohn und
Nachfolger des einheimischen Königs zu werden,
nicht gefährdet. In einem jähen Wandel seiner
Einschätzung der politischen Lage (die nach antiker Auffassung und epischer Tradition durch das
Eingreifen übermenschlicher Gestalten bewirkt
oder gefördert wird) greift er plötzlich wie ein
Wahnsinniger zu den Waffen (arma amens fremit
Aen. 7,460),14 um durch Vertreibung der Flüchtlinge den „Frieden“ im Land wiederherzustellen
(entsprechend dem Motto tege pace Latinos Aen.
7,426). Bei seinem späteren ersten Angriff auf das
befestigte Camp der Flüchtlinge beruft er sich
dafür auf eine Art überirdisches Recht: sunt et
mea contra / fata mihi (Aen. 9,136f.).
(c) Nicht die aufwallende Aktivität des mächtigsten einheimischen Fürsten (Gleichnis Aen.
7,462-466), sondern ein unglücklicher Zwischenfall führt zum ersten offenen und blutigen Konflikt
zwischen Einheimischen und Flüchtlingen. Die
toll gewordenen Hunde eines Prominenten der
Flüchtlinge hetzen einen Hirsch, der aber kein
Freiwild, sondern ein zahmes Haustier war. Er
wird von der Jagdgruppe tödlich verwundet. Das
betrachten die Tierbesitzer und deren Angehörigen und Freunde als einen nicht hinzunehmenden
Jagdfrevel und greifen ihrerseits die jagenden
Flüchtlinge an. Diese sind besser bewaffnet und
wehren sich. Es gibt zwei Tote auf Seiten der Einheimischen. Die Betroffenen wenden sich empört
an den einheimischen König.
135
Der einheimische König will zwar weiterhin
zu seiner Zusage an die Flüchtlinge und ihren
Anführer stehen, wird aber durch die Proteste
der Bevölkerung so eingeschüchtert, dass er sich
in inaktive Isolation zurückzieht. Der von ihm als
Schwiegersohn abgelehnte Fürst bestimmt fortan
als Anführer der Einheimischen die Grundsätze
der Politik. Und die lassen sich auf das Schlagwort verkürzen „Ausländer raus“. Gewalt ist
vorprogrammiert. Militärische Kontingente aus
allen Bundesländern und darüber hinaus aus der
ganzen „Union“ (wie ich die Anti-Flüchtlings-Koalition nennen möchte) werden zusammengezogen. Der Kriegszustand wird offiziell (durch
Öffnung der Janus-Tore) erklärt.
Die Entwicklung auf Seiten der Einheimischen, wie ich sie bisher erzählt habe, erscheint
nachvollziehbar. Die Motive der Opponenten
einer Aufnahme der Flüchtlinge sind rational.
Die Königin und der mächtigste einheimische
Fürst haben andere Interessen als der einheimische König, der den Flüchtlingen positiv gegenübersteht. Es geht darum, wer in Zukunft durch
die Heirat mit der Kronprinzessin die Macht im
Lande haben soll, der fremde oder aber der einheimische Fürst. Das ist ein Konfliktpotential, das
durch einen Zwischenfall, der an sich mit dem
Interessenkonflikt der Anführer nichts zu tun
hat, aber den berüchtigten Funken im Pulverfass
liefert, zum offenen Krieg führen kann.
Doch Vergil begnügt sich nicht damit, den
Ausbruch des Krieges der Einheimischen gegen die
Flüchtlinge (als solcher wird er von Vergil geschildert, nicht etwa als Aggression der Flüchtlinge, die
gewaltsam Land besetzen) rational mit den verletzten Interessen eines einheimischen Fürsten und
mit einer Art Jagdfrevel zu begründen. Schon der
Anlass, jener versehentliche Jagdfrevel der Flüchtlinge an einem „geschützten“, gleichsam tabuisierten Tier und die Reaktion der einheimischen
Bauern und Hirten darauf, kann als überzogen
betrachtet werden. Vergil führt den Kriegsausbruch vielmehr auf eine Intervention einer jenen
Flüchtlingen gegenüber grundsätzlich feindlich
eingestellten Gottheit zurück. Diese bedient sich
zur Entfesselung des Krieges einer Dämonin. In ihr
sieht Vergil – vielleicht erstmals in der Geschichte
der Reflexion über die Herkunft des Bösen – das
136
personifizierte Böse schlechthin, ein (wir würden
sagen: höllisches) Wesen, das nicht etwa durch
Parteiinteressen oder falsches Urteil fehlgeleitet
ist, sondern das am Negativen Freude hat (cui
tristia bella / iraeque insidiaeque et crimina noxi
cordi, Aen. 7,325f.) Ein solches Element handelt
nicht, weil es bestimmte, vielleicht berechtigte
Interessen berücksichtigt, denen andere, vielleicht
ebenso berechtigte Interessen gegenüberstehen,
sondern um Böses zu tun, um Unheil zu bringen,
um Ordnung und Rationalität zu vernichten.
Die Lösung des Konfliktes: Die Ein-Staaten-Lösung (mit vorübergehender gestufter Doppelmonarchie)
Es ist nicht nötig, auf den Verlauf des Krieges zwischen den Einheimischen und den Flüchtlingen in
Aen. VII-XII einzugehen. Die Entscheidung fällt
in einem Duell zwischen dem Anführer der Einheimischen und dem der Flüchtlinge. Die Aeneis
endet mit dem Todesseufzer des Anführers der
Einheimischen. Durch den Sieg ihres Führers ist
aber in politischer Hinsicht nicht etwa der Sieg
der Flüchtlinge über die Einheimischen errungen.
Vielmehr ist vorweg auf menschlicher und,
noch wichtiger und detaillierter, auf übermenschlicher Ebene eine Regelung für das künftige
Verhältnis der Einheimischen zu den Flüchtlingen getroffen worden: eine Ein-Staaten-Lösung
mit weiterhin einheimischer Leitkultur unter
zunächst noch einheimischem König, dem sich
(zu dessen oder zu seinen Lebzeiten) der Führer
der Flüchtlinge freiwillig unterordnet.15
Diese Regelungen ergeben sich – ich gehe
jetzt konsequent von der Benutzung von Appellativen zu der von Eigennamen über – zum einen
aus der vor dem Zweikampf mit Turnus von
Schwüren bekräftigten Erklärung des Aeneas
in Aen. 12,187-194, welche Stellung er im Falle
seines Sieges über Turnus für die Trojaner und
für sich in Latium beansprucht, zum andern aus
der detaillierteren olympischen Vereinbarung
zwischen den Gottheiten Juno und Jupiter in
Aen. 12,830-840 (Jupiter), kombiniert mit Aen.
12,819-828 (Juno), über das künftige Verhältnis
der beiden dann in Latium lebenden Völker.
Es wird Folgendes deklariert: Aeneas wird
(nur) den zweiten Rang in einer Art Doppelmo-
narchie innehaben. Auch nach seinem Sieg im
Duell über Turnus werden die Trojaner nicht über
die Latiner herrschen, sondern gleichberechtigt
sein (paribus legibus). Aeneas beansprucht für
sich nicht die Herrschaft (nec mihi regna peto
Aen. 12,190), sondern nur die religiösen Befugnisse eines nachmaligen Pontifex maximus oder
Rex sacrorum (sacra deosque dabo). Der eigentliche König soll Latinus bleiben (arma Latinus
habeto / imperium sollemne Aen. 12,192f.) Wenn
sich Aeneas ausdrücklich die religiösen Funktionen vorbehält, erfüllt er die Mission, die ihm
die Erscheinung des toten Hektor in der letzten
Nacht Trojas (Aen. 2,293-295) und auch Vergil
im Proömium des Epos mitgegeben hatte: inferretque deos Latio (Aen. 1,6): die Überführung
der trojanischen Götter, der Penaten und der
geheimnisvollen Magni Di, nach Italien, in eine
neue Heimat.
Aeneas klärt in Aen. 12,187-194 die Herrschafts-Frage. Noch wichtiger aber sind die
Regelungen, die in der letzten olympischen Szene
(Aen. 12,791-842) zwischen Jupiter und Juno ausgehandelt werden, damit Juno ihren Hass gegen
die Trojaner aufgibt. Die Integration der Trojaner
in Latium wird in diesem späteren Götter-Dialog autoritativ in fünf Punkten in einer Weise
bestimmt, die nicht wirklich der Erwartung des
Aeneas von paribus legibus entspricht.
Wenn man die fünf Punkte des „Einigungsvertrags“ zwischen Jupiter und Juno für die Trojaner
und Latiner durchmustert,16 dann wird klar, dass
den Trojanern so gut wie keine Rechte belassen
oder zugesprochen werden.
1. Die S p r a c h e wird die der Einheimischen bleiben, also das Latein der Latiner. (Letzten Endes wird Latein also dann, wenn aus den
Latinern die Römer geworden sind, die Weltsprache des Imperium Romanum werden.)
2. Die Einheimischen werden ihre „ S i t t e n “
beibehalten dürfen. Was unter mores zu verstehen ist, wird hier nicht näher exemplifiziert.
Gemeint sind sicher die allgemeine Lebensweise
und Kultur. Gewiss ist nicht zuletzt darunter
auch die traditionelle Kleidung zu verstehen. Den
Gesichtspunkt des von ihr abgelehnten vertere
vestem hatte zuvor Juno (neben nomen mutare
und vocem mutare) ausdrücklich in ihrer für die
Latiner Partei nehmenden Rede (Aen. 12,819828) ins Spiel gebracht.17
Implizit wird durch das Festhalten an den
mores patrii (Latini) all das abgelehnt, was für das
Auftreten der aus „Phrygien“ kommenden Trojaner typisch ist, jedenfalls typisch in den Augen
ihrer Gegner. Zweimal werden in der Aeneis
die trojanischen mores kritisiert, einmal durch
den nordafrikanischen Gätuler-König Jarbas
in Aen. 4,206-218 (speziell 215f: die Aeneaden
seien Kastraten, parfümiert, Mitra-Träger), zum
anderen durch Numanus Remulus, den Schwager des Rutuler-Fürsten Turnus,18 der in Aen.
9,598-620 in scharfer Polemik einen gravierenden
kulturellen Unterschied zwischen „uns“ (er nennt
keinen konkreten Völkernamen wie Latini) und
den weibischen Trojanern (Phrygiae, neque enim
Phryges) feststellen will. In Numanus’ Beschreibung der Latiner (oder Italiker) dominiert die
abgehärtete Lebensweise, in der der Trojaner
die Verhöhnung von deren orientalischem Kleiderprunk. Was Numanus hier beschreibt, geht
über bloßen habitus im Sinne von Kleidung und
bloße mores im Sinne von Sitten und Gebräuchen hinaus in den Bereich der virtutes. Auch
Juno hatte in ihrer Rede (Aen. 12,827) erwartet:
sit Romana potens I t a l a virtute propago, also
den künftigen Römern i t a l i s c h e virtus
zugesprochen. Heutzutage spricht man in diesem
Zusammenhang nicht so sehr von „positiven
sittlichen Einstellungen“, sondern eher von
„Wertvorstellungen“ (z. B. solche der westlichen,
lange christlich geprägten Welt, die es gegenüber
konkurrierenden wie den im Islam vertretenen
zu verteidigen gelte).
3. Für das „vereinigte Königreich“, die Union
zwischen Trojanern und Latinern, wird der
N a m e der Latiner beibehalten, der der Trojaner
geht unter. Hätte es eine Alternative gegeben?
Eine Bindestrich-Doppelbenennung im Stile
Bosnien-Herzegowina oder für die Dachsprache
des Serbo-Kroatischen ist wohl erst eine moderne
Lösung. Aber es hätte sich für Vergil theoretisch
eine andere Möglichkeit angeboten: Statt einen
der beiden Völkernamen zum „gemeinsamen“
zu erheben, wäre ein neuer dritter in Frage
gekommen. Diese Konzeption haben römische
vorvergilische Historiker – so Cato in seinen
137
Origines 5 P.//1,6 B./W. = Serv. Aen. 1,6 – vertreten: sie haben die Trojaner in Latium nicht auf
Latini, sondern auf Aborigines treffen lassen und
Latini zum neuen Namen für die Union erklärt.
Eine solche Lösung hat sich Vergil dadurch verbaut, dass er die Einwohner von Latium schon
vor Ankunft der Trojaner durchweg als Latini
bezeichnet, obwohl er sie z. B. auch, wie er es
gelegentlich tut, Ausonii hätte nennen können.
Und die geniale Lösung, aus den Latini plus Troiani gleich die Romani entstehen zu lassen, hat
Vergil zwar angedeutet durch Aen. 12,838-840
hinc genus eqs., wo ohne Namensnennung auf
die künftigen Römer verwiesen wird, aber wohl
wegen chronologischer Schwierigkeiten (Rom
wird ja erst etwa 333 Jahre nach der Landung der
Aeneaden in Latium gegründet) nicht gewagt.
4. Eine wie auch immer beschaffene Integration der Trojaner in Latium wird notwendiger
Weise und nach dem Vorbild der Heirat des
Aeneas mit Lavinia in „Mischehen“ realisiert
werden, der körperlichen Vereinigung der fast
ausschließlich aus Männern bestehenden Volksgruppe der Trojaner mit latinischen Frauen. Das
Stichwort sanguine könnte man mit „ethnischer
Aspekt“ wiedergeben oder mit dem heutzutage
eher verpönten Begriff „Rasse“. Die Ankündigung
solcher Ehen besagt implizit, dass die Trojaner das
ius conubii erhalten, also nicht darauf angewiesen
sind, wie später die männlichen Erstbewohner
des von Romulus und Remus gegründeten Rom,
dem Nachbarvolk der Sabiner Frauen zu rauben.
Diese unausweichliche Entwicklung – die letzten Endes auch die Existenz von (behaupteten)
familiae Troianae im Rom noch zur Zeit Vergils
berücksichtigt – wird von Jupiter/Vergil angekündigt, aber durch ein „nur“ (commixti corpore
tantum ) abgeschwächt: die Trojaner bringen
„nur“ ihre Gene ein. Aber seit der Integration der
Trojaner sind die Latiner ein Mischvolk.19
5. In der Ankündigung Jupiters morem ritusque sacrorum / adiciam bezieht sich morem wohl
nicht auf die schon zuvor in Aen. 12,834 genannten mores, die die Ausonii (hier als Syonym für
Latini gebraucht) beibehalten dürfen, sondern
(zusammen mit ritus sacrorum) auf die Art der
Religionsausübung. Wenn Jupiter hier erklärt
adiciam, deutet er zwar an, dass trojanische Kulte
138
neu eingeführt werden, spricht das aber nicht klar
aus, sondern stellt es so dar, als ob das sein Wille
und Verdienst (oder seine Verantwortung) sei.
Gemeint sein muss der Kult der Penaten, denn
diese nach Latium zu bringen, wird ja bereits im
Proömium der Aeneis mit inferretque deos Latio
(Aen. 1,6) als Aufgabe des Aeneas bezeichnet
und innerhalb des Epos dann auch quasi realiter
durchgeführt: Die Erscheinung des toten Hektor
in der letzten Nacht Trojas beauftragt den Aeneas
mit der Mission sacra suosque tibi commendat
Troia penatis (Aen. 2,293-295). Der trojanische
Priester Panthus übergibt dem Aeneas wenig
später im brennenden Troja die Kultbilder der
Penaten, Anchises hält sie in Händen, als ihn
Aeneas auf seinen Schultern bei der Flucht aus
Troja trägt; die Penaten erscheinen Aeneas auf
Kreta und klären ihn über das anzusteuernde
Fahrtziel auf (Aen. 3,154-171), nämlich dass die
antiqua mater der Trojaner nicht Kreta, sondern
Hesperia = Italia (als Herkunftsland des aus
Corythus/Cortona stammenden Dardanus, eines
trojanischen Urahns) ist. – In der Tat war es eine
der ersten Amtshandlungen der Konsuln Roms,
Lavinium aufzusuchen und im dortigen Tempel
der Penaten ein Opfer zu bringen. Mitberücksichtigt ist von Jupiter/Vergil auch, dass das Idol
der phrygischen Göttin Cybele, die Vergil in der
Aeneis auch zu Gunsten der ihr heiligen Schiffe
der Trojaner, die von Turnus mit Brandfackeln
bedroht werden, entsprechend dem Versprechen
Jupiters erfolgreich rettend eingreifen lässt, im
Jahr 205, mitten im 2. Punischen Krieg, in einer
spektakulären Aktion aus Pessinus nach Rom
überführt wurde und es seitdem dort einen Cybele-Kult (und seit 191 auch einen eigenen Cybele-Tempel) gab. In diesem Punkte hat also die
Verhöhnung der Trojaner gerade aufgrund ihres
Cybele-Kultes durch den Gätuler-König Jarbas,
anders als im Falle der angeblich typisch trojanischen weibischen Kleidung, keine negativen
Auswirkungen für die Trojaner in Latium gehabt.
Vielleicht wird ein römischer Leser in diesem
Zusammenhang auch daran gedacht haben, dass
noch in Augusteischer Zeit bei Lavinium ein
Grab des Aeneas kultisch verehrt wurde. Es ist
vor wenigen Jahrzehnten beim dortigen Bundesheiligtum der Latiner mit seinen 12 + 1 Altären
durch Ferdinando Castagnoli wiederentdeckt
worden. Aeneas galt ja in der Überlieferung nach
seinem spurlosen Verschwinden am dortigen
Fluss Numicus als zu den Göttern entrückt und
selbst als Gott Indiges. – Es verdient Beachtung,
dass Jupiter bei Vergil gerade im Zusammenhang
mit der Religiosität eine weiterreichende Verheißung macht: das Mischvolk der Ausonier, wie er
die weiterhin „Latiner“ genannte Union mit den
Trojanern euphemistisch nennt, wird dereinst –
wenn daraus das Volk der Römer entstanden ist
– von niemandem auf der Welt an Frömmigkeit
(pietate) übertroffen werden.
Wie ist der einseitige „Einigungsvertrag“
zugunsten der einheimischen Latiner in der
Aeneis zu erklären?
Man sollte sich fragen, wieso es Vergil so leicht
fällt, die trojanischen Sieger nach dem Beschluss
der beiden obersten Gottheiten fast „restlos“
in den Latinern aufgehen (um nicht zu sagen:
untergehen) zu lassen, so dass als Ergebnis der
Vereinigung der zugewanderten trojanischen
Flüchtlinge mit den einheimischen Latinern faktisch weitgehend ein weiterhin latinisches Latium
vorausgesagt wird.
Die Antwort ist einfach: Weil Vergil als propheta retroversus20 hier die wirklich eingetretene geschichtliche Entwicklung „prophezeien“
lässt. Grundsätzlich gehen die vorvergilischen
römischen Historiker, angefangen bereits mit
Fabius Pictor und fortgesetzt von weiteren
ebenfalls noch auf Griechisch publizierenden
Historikern und dann seit Cato Censorius
mit seinen Origines, dem ersten Werk der lateinischen Historiographie in Prosa (älter noch sind
allerdings die historischen Epen des Naevius
und des Ennius), und übernommen von den
römischen „Annalisten“, davon aus, dass die
Landung von Trojanern unter Aeneas in Latium
und seine Konflikte mit den dort vorgefundenen
Einheimischen im Prinzip historisch und Teil
der römischen Urgeschichte noch vor der Gründung Roms sind, mögen auch die Einzelheiten
unterschiedlich dargestellt werden. (Moderne
Historiker werden umgekehrt diese trojanische
Immigration im Prinzip für unhistorisch halten.)
Auf diesem Hintergrund ist auch für Vergil das
Thema „Aeneas und seine Trojaner in Latium“
keine nur mythische und schon gar nicht eine von
ihm selbst erfundene fiktive Geschichte, sondern
im Prinzip historische Tatsache.
Wenn nun aber Vergil sich zwischen ca. 30
und 19 v. Chr. vergegenwärtigte, welche realen,
noch derzeit fassbaren Spuren denn die Trojaner
in der römischen Kultur hinterlassen hätten,
dann konnte er nur wenige finden. Das war zum
einen die Existenz von familiae Troianae, also
römischen Familien, die ihren Stammbaum auf
die in römischer Frühzeit eingewanderten Trojaner zurückführten. Vergils älterer Zeitgenosse
Varro (116-27 v.Chr.) hat eine eigene Schrift
über diese familiae Troianae verfasst (die nur
Serv. Aen. 5,704 erwähnt). Das war zum anderen,
und wichtiger noch, die Existenz von Kulten in
Rom oder in Latium, die als trojanisch galten, in
erster Linie der Kult der Penaten in Lavinium,
der latinischen Stadt, die von Aeneas gegründet
worden und die zusammen mit dem von Aeneas’
Sohn Ascanius gegründeten Alba Longa eine
Vorgängerstadt Roms war. Dann gab es noch
das „Troja-Spiel“, ein pseudo-militärisches Reiterspiel von Jugendlichen, das laut Suet. Iul. 39,2
Caesar und dann Augustus (Suet. Aug. 43,2)21;
veranstalteten und das Augustus als priscus
mos bezeichnete – und zwar noch bevor Vergil
in der Aeneis (5,545-603, mit ausdrücklichem
Vorverweis auf die von Aeneas und Ascanius
begründete und bis „heute“ beibehaltene Tradition in Aen. 5,596-603) dafür sozusagen den
Beleg lieferte. Das war, soweit ich sehe, das ganze
noch als solches erkennbare trojanische Erbe.
Mehr nicht.
Als propheta retroversus lässt Vergil in der
Aeneis (vieles von dem) voraussagen, was sich
in der römischen Geschichte tatsächlich ereignet hat. Dass gerade diese faktische historische
Entwicklung eingetreten ist, schreibt er dem
Fatum (bzw. den Fata) zu, das noch über den
(egoistischen oder parteiischen) Intentionen
einzelner Götter steht. Entmythologisiert, also
nüchtern betrachtet ist das Fatum die realiter
geschehene Geschichte. Vergil betrachtet sie
als „vom Schicksal“ gewollt und zielgerichtet,
„teleologisch“ ausgerichtet auf Augustus und das
Imperium Romanum.
139
Diese grundsätzliche historische Konzeption
Vergils zeigt sich auch in der Zukunft, die Jupiter
gegenüber Juno den nach Latium geflüchteten
Trojanern in der Aeneis „voraussagt“: Vergil lässt
Jupiter verkünden, dass die Trojaner trotz ihres
Sieges auf dem Kampfplatz faktisch in den Latinern aufgehen, sozusagen wörtlich inkorporiert
werden. Das ist eben das, was sich wirklich
(sofern man die trojanische Einwanderung überhaupt als historische Tatsache annimmt) im Laufe
der mehr als 1000 Jahre zwischen jener Landung
der Aeneaden in Latium und der Gegenwart Vergils ereignet hat. Die einseitige Bevorzugung der
einheimischen Latiner zuungunsten der zuwandernden Trojaner in diesem „Einigungsvertrag“
wird also dadurch political correct, weil sie durch
die geschichtliche Entwicklung Roms bestätigt ist.
Der göttliche Einigungsvertrag im 12. Jh. v. Chr.
nimmt das Fast-Verschwinden einer (geglaubten
oder behaupteten) trojanischen Komponente
der origo Romae, des Romanam condere gentem,
vorweg. Darum kann, ja muss Vergil das trojanische Erbe bei seinem Ausblick auf das künftige
Verhältnis zwischen Trojanern und Latinern nach
dem Sieg des Aeneas minimieren.
Ist der „Einigungsvertrag“ in der Aeneis
für die Gegenwart vorbildlich?
Ich habe von vornherein angekündigt, dass ich
es dem Leser überlasse, die Anwendbarkeit der
„göttlichen“/vergilischen fünf Kriterien bei der
Integration von Flüchtlingen in einer neuen
Heimat auf die Situation in Deutschland seit
dem Herbst 2015 zu überdenken. Es wird sicher
manchen geben, dem es lieb wäre, wenn die angesprochenen Problemkreise – Sprache, kulturelle
Standards, Staatsname, ethnische Homogenität,
Religion – auch in Deutschland durchgehend im
Sinne der Aeneis durch autoritativen Entscheid
einseitig zugunsten der „Einheimischen“ im Aufnahmeland entschieden würde.
Aber es gibt eine moderne Parallele, bei der
eine Analogiebildung zum „Einigungsvertrag“
der Aeneis, der auf eine Ein-Staaten-Lösung
hinausläuft, als bloße Utopie erscheint.
Damit komme ich zurück auf Überlegungen
Michael Fontaines in seinem Blog von 2015,
die um die heutige Situation der Juden im Nahen
140
Osten kreisen. Fontaine sieht Analogien zur
Aeneis nicht nur in der Konzeption des „Gelobten
Landes“, sondern reflektiert auch eine mögliche
Übertragbarkeit des Einigungsvertrages für Trojaner und Latiner auf die gegenwärtige Lage in
Israel/Palästina.
Wenn man die von Göttern vorausgesagte
und somit verordnete Integration der Trojaner
in Latium mit ihrer Ein-Staaten-Lösung auf die
Situation im 21. Jahrhundert im Nahen Osten
übertragen würde, dann würde eine Ordnungsmacht (z. B. die USA oder die UN) folgende
Grundsätze dekretieren (ich übersetze frei die
Analogiebildung Fontaines):
„Das Volk der Palästinenser wird die heimische Sprache und Kultur behalten. Auch der
Name „Palästina“ bleibt. Mischehen werden das
restliche israelische Blut ausdünnen. Wir (die
Ordnungsmacht) werden zusätzlich Riten und
Bräuche einführen (also religiöse und kulturelle
Regelungen treffen). Wir sichern zu, dass das
Kollektiv (aus Juden und Arabern) „Araber“
heißt. Aus dieser Verbindung (des jüdischen mit
palästinensischem Blut) wird eine neue Nation
hervorgehen, die alle Menschen und Götter an
rechtschaffener Pflichterfüllung (righteous devotion) übertrifft.“
Fontaine vermutet für diese Phantasie: “This
solution would horrify the majority of Jews, Israelis, Arabs and Palestinians that prefer two states.
Perhaps it horrifies you too.”
Aber dies ist eben die Lösung, die mutatis
mutandis am Ende der Aeneis (in 12,834-839)
für die Zukunft der Trojaner in Latium verkündet
wird. Ist sie eine Zumutung oder eine Utopie?
Literaturhinweise
Der vorliegende Aufsatz ist, natürlich, eine aktualisierende Betrachtung. Sie soll zum Nachdenken
anregen. Auf nähere Nachweise und Stellenangaben
für die Belege in der Aeneis habe ich absichtlich weitgehend verzichtet. Manche wird man stattdessen in
den von mir herausgegebenen und überwiegend auch
verfassten fünf Beiheften zur Münchener Vergil-Ausstellung 1998 „Vergil visuell“ finden (die noch immer
bei mir beziehbar sind). Unter den vielen Vergiliana,
die ich verfasst habe und für die mir am 15.10.2015,
am Geburtstag Vergils, der Premio internazionale
VERGILIUS für 2014-15 von der Accademia nazio-
nale Virgiliana in Mantua verliehen worden ist, halte
ich diese Beihefte für meine vielseitigste und anregendste Arbeit. Einschlägig sind darin für das Thema
„Flüchtling“, bezogen auf das Ende von Aen. II und
den pius Aeneas, vor allem meine auf Bilder gestützte
Betrachtungen in Beiheft 2, 1998, S.19-25. Einen ähnlichen aktualisierenden Ansatz wie jetzt (2016) habe
ich 1992 in meinem Vortrag beim ersten Kongress des
DAV nach der Wiedervereinigung in Berlin verfolgt,
publiziert als „Der Aeneas Vergils – Mann zwischen
Vergangenheit und Zukunft“, Gymnasium 100, 1993,
419-447. Einiges thematisch Einschlägiges wird man
auch in meiner Monographie „Vergils Aeneis. Epos
zwischen Geschichte und Gegenwart“, Stuttgart 1999,
dort bes. S. 181-199, finden.
Anmerkungen:
1) Curt Cheauré hat seinem Aufsatz in AU 39/2,
1996, 4-11 den etwas zu engen Titel „Flucht aus
der brennenden Stadt“ gegeben.
2) Ich schreibe diese Seiten im Januar - April 2016
in Deutschland. Ein Jahr zuvor hätte ich sie kaum
geschrieben und wenn doch, hätte sich kaum
jemand in Deutschland dafür interessiert. Vergil
hat die Aeneis zwischen dem Beginn der Alleinherrschaft des Augustus im Imperium Romanum
(31 v. Chr.) und seinem eigenen Tod (19 v. Chr.)
verfasst, vermutlich in Neapel. Dass er damals
einen aktuellen Anlass gehabt hätte, die Flüchtlingsproblematik zu behandeln, sehe ich nicht.
3) Der Trojanische Krieg, den man in der Antike
allgemein als reales historisches Geschehen auffasste, soll sich nach verbreiteter antiker Chronologie im 12. Jh. v. Chr. zugetragen haben.
4) Nach der Landung im Zielland ändern die
verbliebenen Schiffe überraschend (um nicht
wiederum zu sagen: wundersam) ihren Aggregatzustand: Aus hölzernen starren Bohlen werden
die elastischen Leiber von Nymphen. Wie auch
immer: Sie verschwinden, bis auf ein einmaliges
Wieder-Auftauchen.
5) Zu erreichen über www.medium.com/eidolon/
aeneas-in-palestine. Vgl. zuvor schon (M. Fon­
taine unbekannt) Rainer Bohn, Untersuchungen
über das Motiv des ‚Gelobten Landes‘ in Vergils
Aeneis und im Alten Testament, Diss. Freiburg
1965, xxix + 210 S.
6) Ich verfasse diesen Aufsatz natürlich vor dem
Hintergrund der aktuellen Flüchtlingswelle aus
dem Nahen Osten, aus Afghanistan und aus
Afrika, die seit dem Spätsommer 2015 so stark
angeschwollen ist, dass im Jahr 2015 etwa eine
Million Flüchtlinge allein nach Deutschland
gekommen ist. Wenn man Medien mit Kurzzeit­
gedächtnis glauben wollte, wäre das die größte
Flüchtlingswelle aller Zeiten, die Deutschland je
erreicht habe. Das ist abwegig. Im Winter 1944/45
sind mehrere Millionen Deutscher vor der siegreich vordringenden Sowjetarmee geflohen, allerdings nicht in ein fremdes Land, sondern aus dem
Osten des „Deutschen Reichs“ in den Westen. Es
gab in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs
und in den ersten der Nachkriegszeit gleich
drei Wellen von Flüchtlingen in das westliche
oder restliche Deutschland: die Ausgebombten,
die Flüchtlinge aus den „reichsdeutschen“ Ostgebieten und die ausgewiesenen Deutschen,
die bisher als Minderheiten in den Staaten im
Osten und Südosten Europas, besonders in der
Tschechoslowakei und Polen, gelebt hatten. Man
schätzt die Gesamtzahl dieser deutschen Flüchtlinge unterschiedlicher regionaler Herkunft auf
12-14 Millionen. Untergebracht wurden sie im
Rest-Deutschland nur durch Zwangseinquartierung vor allem in Privatwohnungen aufgrund
der schon im 2. Weltkrieg und dann auch weiterhin unter den alliierten Militärregierungen
in den besetzten Zonen Deutschlands geltenden
Wohnungszwangsbewirt­s chaftung. Ich lebte
damals als 11jähriges Kind im „Westen“ in der
britischen Zone und habe solche Zwangseinweisungen in meinem unzerstörten Elternhaus
persönlich erlebt. „Flüchtlinge“ sind mir seitdem
durchaus ein Begriff, der Realität besitzt. Die
Integration dieser deutschen Flüchtlinge nach
Deutschland hat damals ähnliche Probleme mit
sich gebracht, wie die (literarisch-fiktive) Fluchtbewegung der Trojaner unter Aeneas’ Führung
(„Aeneaden“) nach Latium. Die unterschiedliche
historische Situation hat allerdings auch zu unterschiedlichen Entwicklungen geführt.
7) Die Trojaner hatten das Glück, ein leeres Land
vorzufinden, das zudem auch der autoritativen
Bedingung zu entsprechen schien, die alte Heimat
(antiqua mater) zu sein, in der Tat bei ihrer Landung auf Kreta (Aen. 3,121-123). Aeneas hat hier
bereits eine Stadt gegründet, wird aber durch
irdische Seuchen und überirdische Erscheinungen
aufgeklärt, dass hier nicht seines Bleibens ist.
8) Angeregt worden bin ich zu diesem Seitenblick
durch ein Interview des angesehenen Althistorikers Prof. Dr. Alexander Demandt in der FAZ vom
22.01.2016 (auf das mich Freunde aufmerksam
gemacht haben). Demandt war von der Zeitschrift
der Konrad-Adenauer-Stiftung „Die politische
Meinung“ eingeladen worden, einen Text zum
Ende des alten Rom im Zuge der Völkerwande-
141
rung zu verfassen. Sein Text wurde aber abgelehnt,
da er in der aktuellen politischen Situation (in
Deutschland) missinterpretiert werden könne.
Demandt hatte in dem Beitrag (der von der FAZ
jetzt ungekürzt publiziert wurde) die Problematik
des Untergangs Roms im Zusammenhang mit der
Invasion germanischer Völker in das Imperium
Romanum sachlich analysiert (übrigens ohne
z. B. den ostgotischen Anspruch auf ein Drittel
Italiens zu erwähnen), ohne direkt auf die heutige
parallele (?) oder andersartige (?) Situation der
EU zu verweisen. Aber in dem Interview mit der
FAZ wurde er deutlicher. Seine Antwort auf die
Frage „Was würden Sie der Bundeskanzlerin als
Historiker heute raten?“ beginnt mit dem Satz.
„Wir müssen den Zustrom begrenzen.“ Ich halte
die von mir traktierte Frage der Integration der
Trojaner in Italien im Spiegel eines literarischen
Werkes für nicht geeignet, der Bundeskanzlerin
einen Rat zu geben.
9) Der Verhandlungsführer hätte auch darauf hinweisen können, dass die gelandeten Flüchtlinge
vorwiegend aus jungen wehrfähigen Männern
bestehen, denn fast alle Frauen und von der
langwährenden Fahrt erschöpften älteren Männer
sind auf einer der früheren Zwischenstationen
(in Sizilien bei Segesta, nördlich von Lampedusa)
zurückgelassen worden. Aber dieses militärische
Potential erwähnt der Sprecher weder deutlich
als Empfehlung der Aufnahme (Verstärkung für
die Einheimischen) noch als latente Drohung
(die Flüchtlinge könnten sich das, was sie unter
Berufung auf das Menschen- Naturrecht beanspruchen, auch mit Waffengewalt ertrotzen).
10) Bei den Flüchtlingen war Apoll die Autorität, bei
ihm Faunus, sein göttlicher Vater.
11) Die Hochzeit eines Königs mit einer anderen Fürstin kann auch als Auftakt zu Massenhochzeiten
und damit zur Verschmelzung beider Völker des
Paares führen, so für Makedonen und Perser
infolge von Alexanders Hochzeit 324 v. Chr. mit
zwei persischen Prinzessinnen zu Susa.
12) Das ist natürlich ein Vaticinium ex eventu, wahr
geworden in Gestalt des Imperium Romanum.
13) Römische Geschichtsschreiber des 2./1. Jh.s
wussten sogar anzugeben, wieviel Morgen Landes
den Trojanern in Latium assigniert worden seien.
Allerdings schwankt die Zahl in der Überlieferung (und in der Auffassung der Philologen. Nach
Cato Censorius (Serv. Aen. 11,316 = Cato, Origines Frg. 8 P.) hat König Latinus den Trojanern
2.700 Morgen zwischen ihrem Camp am Tiber
und seiner Hauptstadt „Laurentum“ eingeräumt.
Ob das relativ viel oder (wie mir scheint) wenig
142
ist, hängt von der unbekannten Zahl (für die
ich an anderer Stelle aber Schätzungen anstellen
möchte) der in Latium gelandeten Aeneaden ab.
14) Das hatte auch Aeneas selbst zum sinnlosen
Widerstand gegen die Eroberung Trojas getan:
Aen. 2,314 arma amens capio; nec sat rationis in
armis.
15) Das scheint konkret zu bedeuten: so lange
König Latinus lebt, wird Aeneas nicht selbst die
Herrschaft im Königreich Latium übernehmen.
Dieses Versprechen des Aeneas in Aen. 12,190f.
ist allerdings problematisch. Jupiter verkündet in
seiner Prophezeiung in Aen. 1,265 (tertia dum
Latio regnantem sc. Aenean viderit aestas), dass
Aeneas nach seinem Sieg (nur mehr) drei Jahre
in Latium herrschen wird; von seinem Verhältnis
zu König Latinus ist dort nicht die Rede. Aus der
Aeneis geht nicht hervor, wann Latinus stirbt. (In
vorvergilischen Varianten der Aeneas-Sage, so in
Catos Orgines 9-10 P, fällt Latinus noch während
der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Italikern und den Trojanern.) Somit
wäre es theoretisch möglich, dass Latinus Aeneas
überlebt und dieser nie wirklicher Herrscher in
Latium wird. Immerhin werden seine beiden
Söhne, der in Troja von Creusa geborene Julus/
Ascanius (so wiederum die Jupiter-Prophezeiung
in Aen. 1,267-271) und dann der in Lavinium von
Lavinia geborene Silvius Aeneas (so verkündet in
der Heldenschau Aen. 6,760-765), die Reihe der
latinischen und dann „albanischen“ Könige fortsetzen.
16) Ich führe sie in der Reihenfolge an, in der sie in
der Jupiter-Rede von Aen. 12,834-837 erscheinen: 1. Sprache (sermo patrius, uno ore), 2. Sitten
(mores,) 3. Name (nomen), 4. Gene (commixti
corpore, sanguine), 5. Religion und Kultus (ritus
sacrorum).
17) Worin denn die originale und beizubehaltende
vestis Latina bestand, wird nicht klar. Das später
für die Römer charakteristische Kleidungsstück,
die Toga, hatte aber schon Jupiter in seiner Prophezeiung angekündigt: Aen. 1,282 Romanos,
rerum dominos gentemque togatam (und Augustus hat diesen Aeneis-Vers laut Suet. Aug. 40,5
in zensorischer Absicht zitiert, als er bei einer
Volksversammlung Teilnehmer nicht in der Toga,
sondern in der pulla erblickte).
18)Die Rutuli darf man zu den latinischen Völkerschaften rechnen, auch wenn sie in Aen. 7,369f. als
vom Latiner-König Latinus unabhängig bezeichnet
werden. Dort ist nämlich die tendenziöse Sprecherin die Königin Amata, die so (und aufgrund seiner
griechischen Vorfahren) ihrem Favoriten für die
Hand ihrer Tochter Lavinia, dem Rutuler-Fürsten
Turnus, die durch ein Orakel vorgeschriebene
Qualifikation eines externus zuschreiben will.
19) Gestützt auf einen Aufsatz von Maurizio Bettini
von 2006 vertritt Christine Schmitz, Der Orientalismusdiskurs als Intertext in Vergils Aeneis,
in: Manuel Baumbach / Wolfgang Polleichtner
(Hgg.): Innovation aus Tradition. Literaturwissenschaftliche Perspektiven der Vergilforschung, Trier
2013 (BAC 93), 97-137, bes. 105f., die eigenartige
Position, dass der Autor „Vergil konsequent [!]
zwischen einer reinen [!]] trojanischen Abkunft
der Römer und den Latinern als einem Mischvolk
differenziere.“ Ich dagegen halte an meiner bereits
1999 in meiner Vergil-Monographie (S. 181-199,
bes. 193ff.), zur „Unterdrückung des Trojanischen
Erbes“ entwickelten Konzeption fest, dass das
Machtwort Jupiters im Finale der Aeneis anders
zu deuten ist. Außerdem kann ich nicht nachvollziehen, wie die „reine Blutlinie“ – um einen
Ausdruck eines berühmten modernen Thrillers
für die Nachkommen Jesu mit Maria Magdalena
zu gebrauchen – des trojanischen Aeneas-Sohnes
Julus über 300 Jahre durchgehalten worden sein
soll. Romulus war bekanntlich ein Sohn des Mars
mit einer Rhea Silvia, die sich vom latinischen Sohn
Silvius des Aeneas mit Lavinia herleitete. (Vergil
vertritt nicht die ältere Überlieferung, Romulus
sei ein Enkel des Aeneas gewesen).
20) Als „Prophet aus der Rückschau“ ist Vergil treffend von E. Lefèvre, Vergil – poeta retroversus,
Gymnasium 91, 1983, 17-40, im Hinblick auf
die in der Aeneis enthaltenen drei großen Ausblicke auf die Zukunft Roms bis hin zu Augustus
bezeichnet worden.
21) Nach Suet. Tib. 6,4 wirkte damals im J. 29 v. Chr.,
beim Triumph des Augustus, sein 43 v. Chr. geborener Stiefsohn Tiberius, der nachmalige Kaiser,
als Führer der älteren Knaben mit.
Werner Suerbaum, München
„Meine Ferien im Latein gehören zu den schönsten,
die ich je genossen habe“
Zum dreißigsten Todesjahr des schwäbischen Martial Josef Eberle (1901-1986)
1. Stygiae nocti non tamen omnis ero ...
An einen außergewöhnlichen Menschen und
einen ungewöhnlichen Lebenslauf gilt es anlässlich des dreißigsten Todesjahres von Josef
Eberle zu erinnern. In seinem Hauptberuf bis
1971 Herausgeber der Stuttgarter Zeitung, betätigte er sich in seiner Freizeit als Dichter lateinischer carmina, die ihm 1962 den Ehrentitel des
poeta laureatus der Universität Tübingen eintrugen. Möge dieser Beitrag mit dazu verhelfen, ihm
neue Leser zu verschaffen und sein lateinisches
Epitaphium wahr werden zu lassen:
Hic ego qui iaceo, cineres et pulvis humusque,
at Stygiae nocti non tamen omnis ero,
dum leget hoc aliquis, dum nomen in ore sonabit:
sta, peregrine, legens, cede memorque mei.1
2. Josef Eberle – ein außergewöhnliches Leben
Josef Eberle wurde 1901 in der schwäbischen
Kleinstadt Rottenburg am Neckar geboren. Die
Mutter Josefs entstammte einer gutsituierten
Goldschmiedefamilie, der Vater, Spross einer
Familie von Schuhmachern, schlug selbst eine
Laufbahn als Versicherungsbeamter ein. Er starb
zwei Monate vor der Geburt seines Sohnes. Josef
besuchte das Progymnasium im Stadtteil Ehingen,
das aus der alten Lateinschule hervorgegangen
war. Rückblickend schrieb Eberle über das ihn
besonders an der Schulzeit Faszinierende: „Dort
hob uns Präzeptor H., ein stiller, vertrauenserweckender, ebenfalls spitzbärtiger Herr ohne jeden
schulmeisterlichen Tick mit sanfter Hand auf
die unterste Stufe der langen und steilen Treppe,
die zum Capitol hinaufführt, von wo aus Jupiter
Latein zur Weltsprache erhoben hat.“2 Während
143
manche seiner Freunde nach der Schulzeit auf
die Universität Tübingen wechseln konnten,
reichten die Mittel der alleinerziehenden Mutter
nicht dazu aus. Sie starb, als Josef sechzehn Jahre
alt war. Eberle absolvierte von 1917-1920 eine
Buchhändlerlehre in Tübingen, ging 1920 in die
renommierte Buchhandlung seines Vetters in
das Berlin der roaring twenties und verfasste erste
Gedichte auf Schwäbisch, die er an den damals
bekannten schwäbischen Mundartdichter August
Lämmle (1876-1962) schickte – der schrieb ihm
zurück: „Begnügen Sie sich nicht mit einem Ungefähr, feilen Sie an Ihren Gedichten so lange, bis Sie
selber das Gefühl haben: jetzt ist es gut.“ Lämmle
hatte empfohlen, was Kallimachos und seine
römischen Adepten, die Neoteriker, gepredigt
hatten: das Prinzip der lima, des sorgfältigen Feilens an der Dichtung – hier wurden die Grundlagen auch für die Eigenart der späteren lateinischen
Dichtung Josef Eberles gelegt. Nach Intermezzi als
Buchhandlungsgehilfe in Karlsruhe, Stuttgart und
Baden-Baden hielt sich Eberle ab 1926 in Leipzig
auf, von wo aus er unter dem Pseudonym Tyll
(Eugenspiegel) in der Heilbronner Sonntagszeitung politisch-satirische Gedichte verfasste. 1927
wurde Eberle zum Leiter der Vortragsabteilung
im Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart, wo er die
Redemanuskripte zu prüfen hatte. 1929 heiratete
er gegen den Widerstand seiner Familie die Jüdin
Else Lemberger, eine Ehe, die kinderlos, politisch
aber nicht folgenlos bleiben sollte. 1932 lehnte er
als verantwortlicher Redakteur einen Radiovortrag Adolf Hitlers ab, mit folgendem Wortlaut:
„Sehr geehrter Herr Adolf Hitler! Wir bedauern,
von Ihrem Angebot, im Süddeutschen Rundfunk
einen Vortrag zu halten, keinen Gebrauch machen
zu können. Mit vorzüglicher Hochachtung – SDR,
Vortragsabteilung, Josef Eberle.“ Ein Jahr später
wird Eberle und einigen jüdischen Mitarbeitern
des SDR gekündigt. Die offizielle Begründung
in seinem Entlassungszeugnis vom 30. Juni 1933
lautet „politische Betriebs­umstellung“ – und es
kommt noch schlimmer: Eberle wird im Konzentrationslager Heuberg bei Stetten am Kalten Markt
für zwei Monate in sog. „Schutzhaft“ genommen.
Nach seiner Entlassung steht er mit 32 Jahren
vor dem beruflichen Nichts und zieht mit seiner
jüdischen Frau von Sommer 1933 bis 1936 in
144
deren Heimatdorf Rexingen, wo er sich unter dem
Pseudonym Sebastian Blau eine Existenz als freier
Schriftsteller aufzubauen versuchte, bis er 1936
aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen
wurde, was faktisch einem Berufsverbot gleichkam. Noch im gleichen Jahr fand er eine neue
Anstellung: Von 1936 an bis zu seiner Schließung
1941 wurde Eberle Mitarbeiter des amerikanischen
Konsulats in Stuttgart. Die Zeit bis zum Kriegsende
ist ein dauerndes Versteckspiel Eberles und seiner
jüdischen Frau, die, in einer sog. „privilegierten
Mischehe“ lebend, noch im Januar 1945 die Aufforderung zu einem Arbeitseinsatz bekam, dem
sie sich glücklicherweise entziehen konnte. Wie
sich später herausstellen sollte, war dieser Einsatz
eine getarnte Deportation in das Konzentrationslager Theresienstadt. Nach Kriegsende wird
Eberle als sog. ‚Unbelasteter‘ Mitarbeiter bei
Radio Stuttgart, dem Sender der amerikanischen
Militärregierung. 1945 kommt der gewaltige
Karrieresprung: Mit Dr. Karl Ackermann
und Konsul a. D. Henry Bernhard wird Eberle
Mitherausgeber der Stuttgarter Zeitung. Analog
zu den Wirtschaftswunderjahren der jungen
BRD beginnt auch Eberles Karriere zu florieren:
In den Nachkriegsjahren erscheinen seine für die
Schublade geschriebenen Mundartbücher unter
dem Pseudonym Sebastian Blau und haben riesigen Erfolg, ab Mitte der 50er Jahre war Eberle
alleiniger geschäftsführender Herausgeber der
Stuttgarter Zeitung. Ab 1954 schrieb Eberle unter
dem Pseudonym Josephus Appellus4 lateinische
Verse. Als Herausgeber hatte er eine Anthologie
neulateinischer Gedichte von 50 Zeitgenossen
mit dem programmatischen Titel Viva Camena
herausgegeben und selbst lateinische Gedichtsammlungen verfasst, mit Titeln wie Horae.
Rhythmi Latini (1954), Imagines (1955), Laudes
(1959), Amores (1961), und die Epigramm-Sammlungen Cave Canem (1962) und Sal Niger (1964).
Mit dem Tübinger Philologischen Seminar, u. a.
Wolfgang Schadewaldt und Hildebrecht
Hommel, stand Eberle in regem Kontakt. 1962
verlieh man ihm dort wegen seiner Verdienste
um die neulateinische Dichtung unter Wiederaufnahme einer altehrwürdigen Tradition den
Titel des poeta laureatus. Bereits 1955 hatte er die
Ehrendoktorwürde der Uni Tübingen erhalten,
wurde zum Mitglied der Akademie für Sprache
und Dichtung in Darmstadt ernannt und erhielt
1959 das Große Bundesverdienstkreuz. 1961 verlieh ihm die Landesregierung den Professorentitel,
im gleichen Jahr wurde er Ehrenbürger seiner
Stadt und zugleich ernannte ihn die Uni Tübingen zum Ehrensenator. Eberle war auf dem Zenit
seines Ansehens. Die Hamburger Wochenzeitung
„Zeit“ nannte ihn den gebildetsten Journalisten
Deutschlands. Eberle hatte viel geleistet: Neben
seiner literarischen Produktion und seinem
Geschäft als Herausgeber einer großen Zeitung
betätigte er sich als großzügiger Mäzen: So kaufte
er das Archiv des Cotta-Verlages, des Verlages von
Goethe und Schiller, auf und schenkte es dem
Schiller-Museum in Marbach. Damit bewahrte
er die Handschriften der Weimarer Klassiker
und andere Tausende literarische Zeugnisse
dieser Zeit vor dem drohenden Ausverkauf in alle
Welt. Der Bundespräsident und Freund Eberles,
Theodor Heuss, dankte Eberle in einem Brief
vom 4.9.1952: „Wir haben ja in einem früheren
Zeitpunkt einmal von diesem in der Heimat
noch lagernden geistigen Schatz gesprochen und
von der Sorge, dass er, wenn auch vielleicht nur
in Teilen, in die Welt hinauswandern könnte. Ich
finde es eine wunderschöne Sache und möchte
das Ihnen aussprechen dürfen, dass Eure Entschlusskraft diesen einzigartigen Schatz ... dem
Schiller-Museum in Marbach (...) zur Verfügung
gestellt hat. (...) Ihr habt Euch durch diesen Entschluss ‚um das Vaterland verdient gemacht.‘ Mit
dankbarem Gruss Ihr Theodor Heuss.“5
1971 scheidet Eberle als Herausgeber der
Stuttgarter Zeitung aus. Der ehemalige Chefredakteur von 1972 bis 1982, Oskar Fehrenbach,
beschreibt die Leistungen des Herausgebers
Eberle: „Sein vielleicht größtes Verdienst: Er war
und blieb ein Zuchtmeister der an lateinischer
Klarheit geschulten und geschliffenen deutschen
Sprache. Wehe, wenn einer einen falschen Konjunktiv produzierte, hohle Phrasen drosch oder
trockenes Bürokratendeutsch von sich gab. Dann
konnte sich die Galle der Verachtung über den
armen Sünder ergießen. Der Zorn des explosiven
Temperamentsbündels vermochte sich bis zur
Kündigungsdrohung zu steigern. Womöglich lag
es an seiner Herkunft aus der Bischofsstadt, dass
er keine Skrupel besaß, selbst läßliche Sprachsünden als Todsünden zu deklarieren.“6
Insgesamt bescheinigt Fehrenbach Eberle
einen mild-autoritären Führungsstil: „Sein
Führungsstil als Vorsitzender der Redaktionskonferenz war entsprechend autoritär, aber
doch eher von der milden Sorte, nicht selten
außerordentlich anregend und stets vom Ehrgeiz
bestimmt, das Niveau des Blattes so weit wie
möglich zu steigern.“7 Mit zunehmenden Jahren
aber, so Fehrenbach, sei der „Professor, wie er
nun genannt werden wollte, dem redaktionellen
Alltag zusehends entrückt“ und habe begonnen,
„nur noch in höheren Sphären zu schweben.“8
Als Ruheständler pendelt Eberle zwischen
seinem Haus auf dem Stuttgarter Frauenkopf
und seinem Feriendomizil im schweizerischen
Pontresina, das den schönen Namen „Chiesa
Camena“ trägt – Musenhaus, ganz nach Art antiker römischer Aristokraten, die in ihren Landvillen einer eskapistischen otium-Welt huldigten.
Eberle schrieb in dieser Zeit wieder Mundartgedichte und veröffentlichte unter den Pseudonymen
Peter Squentz bzw. chinesischer Philosoph Wang
barockisierende Gedichte und spöttische Texte.
1986 starb er wenige Tage nach seinem 85. Geburtstag. Hinterlassen hatte er schon vorher seine Antikensammlung dem Archäologischen Institut der
Universität Tübingen, und als großzügiger Mäzen
hat er den Bau des Rottenburger Römischen Stadtmuseums ermöglicht. Eberle wurde am 25. September 1986 auf dem Rottenburger Sülchen-Friedhof
beigesetzt. Sein Grab trägt eine von ihm selbst verfasste Doppelinschrift auf Lateinisch und Deutsch:
Hoc iacet in tumulo vates; cui fata recusant
carminibus meritum nomen ad astra volans.
Ingenio vir non caruit neque amore Camenae,
tempore sed rumpent vatis utramque lyram:
Desinet audiri mox integra Sueba loquela,
et quis cras Latii voce peritus erit?
„Unter dem Hügel hier ruht ein Poet, dem das
Schicksal verweigert, | daß er am Himmel als Stern
leuchte nach seinem Verdienst. | Weder gebrach’s
ihm an Geist, noch zeigte die Muse sich spröde, |
nein, es zerbrach ihm brutal seine zwei Leiern die
Zeit: | Bald wird der lautere Klang des lebendigen
Schwäbisch verstummen | und schon morgen vielleicht keiner mehr Latein verstehen.“9
145
Diese Grabinschrift ist durch ihr Bekenntnis
zur antiken Sprache über das Leben hinaus die
angemessene imago vitae eines Mannes, der sich
zeitlebens für das Fortleben des Lateinischen als
Dichter, Publizist und Mäzen stark gemacht hatte.
Sie kündet von keinem geringen Selbstbewusstsein: Eberle bezeichnet sich als vates, dem trotz
seines Genies (ingenium) der Katasterismos versagt geblieben ist, auch wenn es ihm an äußeren
Ehrungen nicht gebrach. Vielleicht können diese
ultima verba Josef Eberles in ihrer changierenden
Tonalität zwischen Stolz und Melancholie als
Spiegel der Ambivalenz seines Lebens aufgefasst
werden, das in der ersten Hälfte (1901 bis 1945)
mit dem frühen Tod der Eltern, dem Berufsverbot und den Pressionen der NS-Zeit unter einem
Unstern stand, in der zweiten Hälfte (1945-1986)
einen kometenhaften Aufstieg nahm.
3. Josef Eberle – ein schwäbischer Martial
Bei aller Unvergleichlichkeit der Zeitläufte lassen
sich doch einige Strukturparallelen zwischen dem
Schwaben und dem antiken Spanier feststellen:
Eberle wie Martial stammen aus kleinen Provinznestern: Der eine aus Rottenburg, der andere aus
dem spanischen Bilbilis. Beide machen ihre Karriere in der Großstadt: Martial in Rom, Eberle in der
Schwabenmetropole Stuttgart, die zu seiner Zeit
immerhin 380.000 Einwohner zählte. Gleichwohl
schätzten es beide, der Großstadt bisweilen entfliehen zu können: Eberle hatte ein Ferienhaus in
der Schweiz, Martial ein Gütchen außerhalb Roms.
Beiden eigen war die Vorliebe für spöttisch-satirische Zuspitzung, und beide waren
lokale Berühmtheiten. Martial spricht von seiner
Beliebtheit in Rom: me manus omnis habet; Eberle
war als Sebastian Blau zum populären Volksschriftsteller in seiner Heimat geworden. Und
überdies ließen beide die Verbindung zur alten
Heimat nicht abreißen: Martial ging in hohem
Alter nach Bilbilis zurück, ohne dort allerdings
glücklich zu werden, Eberle hielt stets Kontakt
zu seiner Heimatstadt Rottenburg: Immer wieder
kam der Ehrenbürger der Stadt zu Lesungen
zurück.10 Vor allem aber nahm sich Eberle zunehmend Martial zum dichterischen Vorbild.11
146
4. Zur Genese von Eberles lateinischem Dichten
Was sein lateinisches Dichten anging, hatte Eberle
Mitte der 50er Jahre mit lateinischen Rhythmi nach
Art der mittelalterlichen Vagantenlyrik begonnen,
was bei traditionellen Klassischen Philologen nicht
immer auf Gegenliebe stieß. In seinem Essayband
„Lateinische Nächte“ von 1966 gab Eberle in
einem Beitrag mit dem Titel „Wider die Verächter
des Mittellateins“ die Kritik eines sizilianischen
Gelehrten an seinen rhythmi wieder: „Nur wenig
bekannt waren mir die rhythmischen Gedichte, an
denen ein paar Leute, wie ich sehe, Freude haben.
Bei uns Italienern gefällt die Sache keinem. (...) Ich
selbst kann mit diesen Versen nichts anfangen, ich
halte sie sogar für Beweise einer gewissen neuen
Barbarei. Nicht nur, weil sie keine Rücksicht auf
die Quantitäten der Silben nehmen, sondern auch,
weil sie neue Wörter einführen, die Bedeutung
der Wörter ändern, die Grammatik verletzen, und
weil immer wieder solche geschrieben werden, die
zum Lachen reizen. Mit solchen Gedichten fördert
man die Latinität nicht. (...) Wenn ich aber sehe,
dass gebildete Männer gesetzten Alters an diesen
lächerlichen Späßen Gefallen finden, dann fühle
ich mich von Zorn gepackt. Sowas mochten besoffene Vagantenburschen des Mittelalters (ebrii pueri
vagantes medii aevi) machen ...“12
Dem zum Trotz verfasst Eberle in diesem Essay
eine fulminante Apologie auf den Reim, der unter
Verweis auf die Autorität des großen Philologen
Eduard Norden gerechtfertigt wird: „Eduard
Norden nennt den Reim ‚eine durchaus originale
Schöpfung der antiken Völker‘ und in der Form
des homoioteleuton – ‚das hervorragendste Charakteristikum der antiken Kunstprosa‘. Und an anderer Stelle seines Werkes über die antike Kunstprosa
bemerkt der Gelehrte: ‚Wer also den Reim … aus
der rhetorischen Prosa ableitet, unternimmt nichts
anderes als die Wiederherstellung einer Tradition,
die ungezählte Jahre Bestand gehabt hatte.‘“13
Eberle schließt sein Plädoyer für das Mittellatein:
„ ... viele aufgeschlossene Männer der Schule und
des praktischen Lebens haben mir meinen Eindruck bestätigt, dass nämlich die Jugend einen
viel leichteren und rascheren Zugang zum Latein
findet, wenn es ihr als lebendige Sprache mit lebendigen Inhalten aus unserer Welt entgegentritt denn
als rein historisches Relikt. Nicht, als ob jemand
daran dächte, das klassische Latein und die Alten
als Schullektüre anzutasten, sie sind und bleiben das Rückgrat aller humanistischen Bildung.
Damit aber das Latein nicht zu einem Sanskrit des
Westens erstarre, sollte das Mittellatein und seine
Literatur (...) als Traditionsträger im Lehrplan auch
zu ihrem Recht kommen.“14
Heute gibt es Lehrstühle für mittelalterliche
lateinische Philologie, und die Lehrpläne vieler
Bundesländer sehen wie selbstverständlich auch
die Behandlung mittelalterlicher Literatur vor –
1966 zählte Eberle mit solcherlei Ansinnen zu
einer kleinen Avantgarde.
Vor allem aber schätzte Eberle Ovid, wie sein
bekanntes Epigramm zeigt, das Michael von
Albrecht und Ernst Zinn dem Sammelband
der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft zu Ovid
von 1968 als Motto vorangestellt haben:
Salve Ovidi
Odi et amo tecum, lascive miserque Catulle,
admiror Flaccum Vergiliumque colo.
Martialem repeto, salsas quod tot dedit horas,
te sed, Paelignae gloria gentis, amo.
„Ich hasse und liebe mit dir, ausgelassener, armer
Catull, | bewundere Horaz, verehre Vergil. | Martial nehme stets ich zur Hand, weil er mir so viele
Stunden des Witzes geschenkt. | Dich aber, Stolz
des Pälignervolkes, liebe ich.“
Das Gedicht ist ein Who’s who der lateinischen
Literatur: Catull, Horaz, Vergil, Martial
und als krönender Abschluss Ovid. Sofort erkennt
man in Eberle den genauen Leser der lateinischen
Literatur, der in wenigen Pinselstrichen die
Eigenheit der jeweiligen Dichter einfängt: Catull
wird mit seinem berühmten c. 85 zitiert und als
neckisch (lascivus) und unglücklich (miser) charakterisiert, und so wird ökonomisch auf seine
Spottepigramme und seine Lesbiagedichte zugleich
angespielt. Im zweiten Vers verneigt sich Eberle in
Bewunderung und Verehrung vor den monumentalen Augusteern, den Martial nimmt er wegen
seines ätzenden Witzes (sal) öfters zur Hand,
seinen Ovid aber liebt er insbrünstig. Ihm hat er
in dem schon genannten Essayband ‚Lateinische
Nächte‘ einen Beitrag gewidmet, der manchem
wie ein Oxymoron vorkommen mag: „Ovid als
Moralist.“15 Eberle stellt Ovid darin in eine Reihe
mit Moralisten wie Montaigne, Lichtenberg,
Goethe, Schopenhauer, Nietzsche und Karl
Kraus. Und er begründet dies folgendermaßen:
„Ovid hat freilich weder Essays noch Aphorismen geschrieben, aber sein dichterisches Werk
ist mit aphoristisch gefassten Betrachtungen über
Menschliches und Allzumenschliches und mit
Leitsätzen zur Lebensweisheit so reich durchsetzt, dass sich mit ihnen, löste man sie aus ihrem
Zusammenhang, mit Leichtigkeit ein Bändchen
füllen ließe. (...) Ohne systematisch zu suchen,
nur so beim Schmökern habe ich über anderthalbhundert solcher Sentenzen gefunden. Dabei
hat sich mir von neuem bestätigt, dass Ovid ein
Vorläufer des 18. Jahrhunderts, ein Mensch des
Rokoko gewesen ist, freilich des römischen. Wie
sich seine Menschen- und Lebensschau in diesen
Sprüchen manifestiert, ähnelt verblüffend dem
hinter verspielten, eleganten Salonformen verborgenen kritischen und bei allem Fortschrittsglauben
im Grunde skeptischen Geist des Jahrhunderts der
Aufklärung.“16
Dass Eberle ein geradezu fanatischer Leser lateinischer Literatur war, zeigt beredt folgendes Zitat:
„Als mich letzten Herbst ein Bekannter fragte, wo
ich die Ferien verbracht hätte, antwortete ich: im
Latein … meine Ferien im Latein gehören zu den
schönsten, die ich je genossen habe.“17
Vor dem Hintergrund seiner ausgedehnten
Lektüre und intimen Kenntnis der Latinitas
betrieb er sein Hobby lateinischen Dichtens auf
professionellem Niveau.
Anfang der 60er Jahre hatte sich Eberle in
seinem lateinischen Schaffen deutlich von der
Dichtung nach mittelalterlicher Manier ab- und
Martial zugewandt. Zwei Epigrammsammlungen
erscheinen: Cave canem (1962)18 und Sal Niger
(1964). Beide Bändchen zeigen Eberle auf der
Höhe seiner Kunst.
5. Die Epigrammsammlung Sal Niger von 1964
5.1 Der Titel Sal Niger
Der Titel Sal Niger ist als programmatische Aussage zu verstehen. Sal niger bzw. sal popularis ist
in seiner konkreten Bedeutung zunächst grobes,
ungereinigtes Meersalz – ein erschwingliches
Gewürz für den römischen Massenkonsum. In
147
übertragener Bedeutung taucht der Begriff sal
niger in Horazens Brief an Florus auf. Horaz
verweigert sich in diesem Brief dem Wunsch des
Florus nach neuen Gedichten mit der Begründung, nach Philippi habe er aus Not gedichtet,
jetzt sei er versorgt, und außerdem habe ihm das
Alter die Poesie genommen:
denique non omnes eadem mirantur amantque:
carmine tu gaudes, hic delectatur iambis,
ille Bioneis sermonibus et s a l e n i g r o .
tres mihi convivae prope dissentire videntur
poscentes vario multum diversa palato:
quid dem? quid non dem? renuis quod tu,
iubet alter;
quod petis, id sane est invisum acidumque
duobus.19
„Schließlich bewundern und schätzen nicht alle
Leser dieselben Gattungen: du erfreust dich am
Gedicht, ein anderer ergötzt sich an Jamben, und
jener an den Diatriben des Bion und d e r b e m
H u m o r . Drei Gäste scheinen mir beinahe diametral entgegengesetzte Meinungen zu haben,
wenn sie ganz unterschiedliche Speisen für einen
je verschiedenen Gaumen verlangen. Was soll ich
auftischen? Was nicht? Was du ablehnst, heißt der
andere auftragen. Was du begehrst, das gilt den
anderen beiden als ekelhaft und essigsauer.“
In der Form der Speisemetapher20 werden die
unterschiedlichen literarischen Geschmäcker
vorgeführt – für Horaz in diesem Brief ein weiteres Argument dafür, mit dem Dichten aufzuhören. Jeder Leser wolle etwas anderes hören: Während der eine Horazens Oden (carmina) bevorzuge, erfreut sich ein anderer an seinen Epoden
(iambi), und der Dritte an seinen Satiren nach
Machart der kynischen Diatribe eines Bion von
Borysthenes (Bionei sermones). Diese werden
mit sal niger umschrieben – eine Metapher für
den wenig zimperlichen, schwarzgallig-derben
Witz der Satirendichtung, den Eberle programmatisch als Titel für seine Epigramm-Sammlung
wählt.
Die zweite programmatische Aussage findet
sich zu Beginn des Büchleins, wo Martials Epigramm 9, 83 als Motto abgedruckt und mit einer
Übersetzung versehen ist:
148
Lector et auditor nostros probat, Aule, libellos,
Sed quidam exactos esse poeta negat:
Non nimium curo, nam cenae fercula nostrae
Malim convivis quam placuisse coquis.
„Anklang finden zwar meine Gedichte bei
Lesern und Hörern, leider seien sie nicht, mäkelt
ein Dichter, gefeilt. Wenig geb ich darauf: die
Gerichte, die ich serviere, wollen schmecken dem
Gast, Köche bekümmern mich nicht.“
Wieder findet sich die Speisemetapher: Die
Gänge eines Menüs (cenae fercula) entsprechen
den Gedichten, die den Lesern als willkommenen
Gästen (convivis) und nicht den Köchen (coquis),
also den Dichtern als professionellen Produzenten
von Poesie schmecken sollen. Eberle verwahrt
sich also vorab gegen mögliche Kritik anderer
neulateinischer Dichter. Denn er will wie Martial
sal niger als sal popularis verstanden wissen, als
die Form von Humor, der für den Lesekonsum
einer breiten Masse gedacht ist. Freilich war sich
Eberle der Tatsache bewusst, dass viele seiner Leser
ihr Schullatein erst auffrischen mussten, um ihn
zu verstehen; in der lateinischen Praefatio seines
Bändchens Laudes von 1959 ruft er dem Leser zu: I
nunc, candide lector, affer lexicon et contritam tuam
grammaticam, atque vale! – „Geh nun, verehrter
Leser, bring dein Lexikon und die abgewetzte
Schulgrammatik mit, und leb wohl!“
5.2 Zur Genese des Büchleins
Eberle hatte in der Literaturbeilage der Stuttgarter Zeitung in der Osterausgabe von 1963 zehn
lateinische selbstverfasste Epigramme abdrucken
lassen. Die positive Resonanz darauf veranlasste
ihn, dies weitere neun Mal in diesem Jahr zu
wiederholen. So waren am Ende des Jahres 100
Epigramme entstanden, und ein Büchlein konnte
zusammengestellt werden – eine weitere Parallele
zu Martial: Der Starepigrammatiker der Antike
hatte durchschnittlich pro Jahr einen libellus mit
ca. 100 Epigrammen publiziert und so in insgesamt 15 Büchern 1557 Epigramme versammelt.
Deutlich lehnte sich Eberle an diese Gepflogenheit
an. Nicht zuletzt trat er auch mit Erich Kästners Epigrammsammlung „99 Epigramme: Kurz
und Bündig“ aus dem Jahre 1950 in scherzhafte
Konkurrenz: Mit 100 Texten hatte er die Anzahl
der Texte seines Vorgängers um ein Epigramm
übertroffen.21
Eine weitere Parallele zu Martial ist die Tatsache der jahrweisen Erscheinung: Auch die Sammlung Sal Niger ist die Frucht eines Jahres. Für
Martials Schaffen sind sog. Zyklen oder Gedichtreihen bekannt, also Texte, die sowohl innerhalb
eines Buches als auch über Buchgrenzen hinweg
sich durch thematische oder metrische Gestaltung als zusammengehörig erweisen.22
Ebensolche thematische Zyklen finden sich
auch in Eberles Sammlung, die folgendermaßen
rubriziert werden können: Zeit- und Gesellschaftskritik, Politikerschelte, Auseinandersetzung mit
dem Nationalsozialismus, Spott auf Berufsgruppen, Vatikan- und Papstkritik, Poetologisches,
Dichterschelte, Geschichts- und Kulturpessimismus, Altersreflexion, Tod und Endlichkeit.
6. Einige thematisch geordnete Kostproben
aus Eberles Epigrammbuch Sal Niger
6.1 Zeit - und Gesellschaftskritik
Propria Dei Terra
Optima sunt, pulcherrima sunt et maxima sunt
ibi cuncta,
maximus est etiam carcer in orbe Sing-Sing.
Quam bene, quam caute res instituit deus omnes:
Ecce favente suum cuique manu tribuit.
Gods Own Country: Drüben, versteht sich, ist
alles am besten, am schönsten und weitaus am
größten, | auch das Gefängnis Sing-Sing gilt als
das größte der Welt. | O wie weise, so gütig der
Himmel alles geordnet, | gibt er doch jeglichem
das, was er am nötigsten braucht.
Zum ersten Vers merkt Eberle selbst in einer Fußnote an, dass er der Größe des Landes geschuldet
einen Vers mit sieben Füßen verfasst habe.23
Gelehrt und witzig zugleich gebraucht Eberle das
Stilmittel des Hypermetron, das Vergil virtuos
einsetzt, wenn er im dritten Buch der Äneis in
der Überlänge des Verses die Übergröße des
Zyklopen Polyphem auf stilistischer Ebene nachahmt: Monstrum horrendum informe ingens cui
lumen ademptum (3, 658)
Scheint der erste Vers zunächst ein Loblied auf
Amerika zu sein, entlarvt der folgende Pentameter die Superlative als Ironiesignale: So großartig
kann es um das Land nicht bestellt sein, wenn
es auch das größte Gefängnis sein eigen nennen
muss. Die Sing Sing Strafvollzugsanstalt (offiziell
Sing Sing Correctional Facility) ist 50km von New
York entfernt und auch heute noch in Betrieb. Im
Schlussdistichon heißt es, Gott, auf den sich Amerika so gern beruft (Gods own country), habe seine
Providenz walten lassen, indem er jedem das ihm
Gebührende zuteile: Amerika wohl wegen seiner
hohen Kriminalitätsrate das größte Gefängnis
der Welt. Solche amerikakritischen Töne sind
1964, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges mit
der Schweinebuchtkrise in Kuba und der ideologischen Verfestigung der Blöcke in Ost und West
gewiss eher die Ausnahme denn die Regel. Eberle
ist als hellsichtiger historischer Beobachter seiner
Zeit voraus: Erst die 68er Jahre rückten die Schattenseiten der Großmacht USA ins Bewusstsein
einer breiteren Öffentlichkeit.24
Itinera
Quaenam pars tuta est ab iter facientibus orbis?
Non tamen in terris, aere sive mari
Totius est mundi locus, illi qua fugitivi
elabi poterunt se vacuumque sui.
Reisen: Wo denn ist heutzutage die Welt vor
Reisenden sicher? | Aber weder zu Land, noch
auf dem Meer, in der Luft, | bietet die Erde den
Ort, der den Ruhelosen erlaubte, | einmal, ach, zu
entfliehn ihrem so müßigen Selbst.
Der Text wendet sich gegen das seit der Wirtschaftswunderzeit der 1950er Jahre blühende
Phänomen des Massentourismus, der keinen
Ort der Erde verschont. Eberle zeigt die Sinnlosigkeit der Flucht aus dem Alltag auf: Sich
selbst, der eigenen Langeweile und Sinnleere
entkommt man durch Reisen nicht. Es ist dies
ein Thema, das aus der römischen Popularphilosophie wohlbekannt war, wenn man an die
entsprechenden Texte bzw. Dicta eines Horaz
(caelum, non animum mutant, qui trans mare
fugiunt25) oder Seneca (Quaeris quare te fuga
ista non adiuvet? tecum fugis26) denkt; das Thema
misslingender Selbstflucht durch Reisen lag
überhaupt in der Luft, wie ein Parallelbeispiel
aus der zeitgenössischen deutschen Literatur zu
zeigen vermag:
149
Gottfried Benn: Reisen (1950)
Meinen Sie Zürich zum Beispiel
sei eine tiefere Stadt,
wo man Wunder und Weihen
immer als Inhalt hat?
Meinen Sie, aus Habana,
weiß und hibiskusrot,
bräche ein ewiges Manna
für Ihre Wüstennot?
Bahnhofstraßen und Rueen,
Boulevards, Lidos, Laanselbst auf den Fifth Avenueen
fällt Sie die Leere an.
Ach, vergeblich ist das Fahren.
Spät erfahren Sie sich:
Bleiben und Stille bewahren das sich umgrenzende Ich.27
6.2 Politikerschelte
Variatio Epigrammatis M. Valerii Martialis
Res dum sunt, ut sunt, non deerunt et Iuvenales
Martialemque sibi Bonna vel illa dabit.
Variation eines Epigramms des Martial: Bleibt
es bei uns, wie es ist, wird’s stets Iuvenale auch
geben, | sowas wie dich, Martial, liefert am Ende
noch Bonn.
Wie bereits die Überschrift verrät, ist Eberles Distichon die Umformung eines Martial-Epigramms:
Martial 8,55, 5f.
Sint Maecenates, non deerunt, Flacce, Marones,
Vergilium tibi vel tua rura dabunt.
„Wenn es spendable Leute vom Schlag eines
Maecenas gäbe, Flaccus, wird es auch an Dichtern
wie Vergil nicht fehlen, und auch dein Landgut
wird dir einen Vergil ermöglichen.“
In seinem Epigramm spielt Eberle auf die politischen Verhältnisse in Bonn an, auf die das
Iuvenal-Zitat difficile est satiram non scribere
anzuwenden sein dürfte. Der Bonner Betrieb
wird es noch schaffen, sich auch einen Spötter
wie Martial heranzuziehen.
Worauf Eberle konkret anspielte, ist nicht
sicher festzustellen – am ehesten ist an die Spiegel-Affäre von 1962 zu denken. Das Politmagazin
hatte die Wirksamkeit des Konzepts der konven150
tionellen Verteidigung gegen die Panzerverbände
des Warschauer Pakts in Frage gestellt. Wegen
angeblichen Landesverrats – die Anzeige hatte
ein Staatsrechtler und Oberst der Reserve namens
Friedrich August Freiherr von der Heydte
erstattet – wurden die Redaktionsräume des
Spiegels durchsucht und Haftbefehle u. a. gegen
den Herausgeber Rudolf Augstein ausgestellt.
Die ganze Affäre weitete sich zu einer veritablen
Regierungskrise aus, in deren Verlauf zunehmend
der damalige Verteidigungsminister Franz Josef
Strauß in Verdacht geriet, an der Aktion gegen
den Spiegel beteiligt gewesen zu sein. 1965 wurde
vom Bundesgerichtshof das Verfahren gegen
Augstein und den Spiegel offiziell eingestellt. Den
Zeitungsherausgeber Eberle dürfte das Schicksal
seines Herausgeberkollegen aus Hamburg nicht
kalt gelassen haben – möglicherweise dachte er bei
der Abfassung seines Textes an eben diese Bonner
Affäre.
Ein weiteres Epigramm beschäftigt sich mit dem
Stil des Umgangs von Politikern untereinander.
Testimonium
Si maledicit turpiter iste politicus illi
Illeque reddit idem – dignus uterque fide.
„Schimpft ein Politiker bös auf den andern, und
zahlt mit der gleichen Münze der Andre zurück
– glaub ihnen beiden: es stimmt.“
Die junge Bonner Republik war wenig zimperlich
in der parlamentarischen Auseinandersetzung.
Verbaliniurien gegen Politiker anderer Parteien
gehörten zum Sitzungsalltag. Besonders hervorgehoben haben sich in dieser Hinsicht der CSU-Politiker Franz Josef Strauß und der SPD-Politiker
Herbert Wehner, der es auf 77 Ordnungsrufe
brachte. Zwei kleine Kostproben aus dieser Zeit
seien hergesetzt, um den historischen Kontext von
Eberles Epigramm nachvollziehen zu können. So
schleuderte der junge Strauß im Jahre 1951 dem
KPD-Fraktionschef Heinz Renner ein „Schnauze,
Iwan!“ entgegen, und Herbert Wehner beleidigte
den CDU-Abgeordneten Georg Kliesing in
einer Debatte am 4.05.1956 mit den Worten: „Sie
geistiges Eintopfgericht!“28
6.3 Geschichts- und Kulturpessimismus
Quaestio
Cur habet angustos hominis sapientia fines,
stultitiae vis cur fine modoque caret?
„Während der menschlichen Weisheit gar enge
Grenzen gesetzt sind, | kennt weder Maß noch
Ziel menschliche Dummheit – warum?“
Das dem Menschen als angeblichem Vernunftwesen hohnsprechende Auseinanderklaffen zwischen
potentieller Denkfähigkeit und realer Kollektivdummheit hat schon viele Denker beschäftigt.
In diesem Sinn kann die personifizierte Stultitia
in Erasmus von Rotterdams Satire Encomion
moriae die gesamte Menschheit als Eingeweihte, als
Mysten des Dummheitskults ansprechen: Quare
valete, plaudite, vivite, bibite, Moriae celeberrimi
Mystae.29 Albert Einstein würde ihr beipflichten:
„Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und
die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“
Eberle selbst hatte unter dem Pseudonym Tyll
bereits am 2. Mai 1926 eine Ode an die Dummheit
veröffentlicht:
Ode an die Dummheit
Laß mich um deinen Sockel Kränze winden
Aus Immortellen und aus Immergrün!
Nie wird die Allmacht deines Thrones schwinden,
und deiner Hand das Zepter zu entwinden,
ist heißes, doch vergebliches Bemühn.
Du blinzelst nicht wie Themis durch die Binde,
du unterscheidest weder Links noch Rechts,
dem Millionärs- und dem Proletenkinde
legst in die Windeln du dein Angebinde
ohn’ Ansehen der Person und des Geschlechts.
(...)
Noch nie gelang’s, sich deiner zu erwehren,
dein Schild ist gegen Hieb und Stoß gefeit.
Und könnte diese Welt dich denn entbehren?
O laß mich drum in Andacht dich verehren,
denn dein ist Reich und Macht und Herrlichkeit!“30
Vaticinium
Quam sumus arguti, docti, ratione potentes!
Quod tamen ad mores, lex viget aspra cavi.
Illa dies veniet, qua flebilis occidet orbis
ingenio nimio, deficiente fide.
Prophezeiung: Ei, wie sind wir gescheit, verstandesmächtig und wissend, | doch, was Gesittung
betrifft, gilt noch das Höhlengesetz. | Einst wird
kommen der Tag, da sie untergeht, unsere Erde,
| weil sie Gescheitheit zu viel, Anstand zu wenig
besitzt.
Das Epigramm hebt an mit der Bewunderung
menschlichen Scharfsinns, Gelehrtheit und Rationalität, konterkariert diese Eigenschaften im
Folgevers aber mit der moralischen Verderbtheit
der Menschen, die sich entgegen der verbreiteten
Fortschrittsgläubigkeit noch immer auf Steinzeitniveau bewegt. Das Schlussdistichon erklärt
in seiner futurischen Ausrichtung den Titel des
Gedichtes, eine Prophezeiung: die Welt wird am
Übermaß ihres technokratischen Wissens im
Verbund mit Mangel an moralischer Verantwortung zugrundegehen. Diese Denkfigur ist nicht
neu. Bereits Arthur Schopenhauer befand:
„Die Barberei kommt wieder, trotz Eisenbahnen,
elektrischen Drähten und Luftballons.“31 Der von
Eberle geschätzte Erich Kästner fasste den Sachverhalt in folgende berühmte Verse:
Erich Kästner:
Die Entwicklung der Menschheit (1932)
Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt,
und die Welt asphaltiert und aufgestockt
bis zur dreißigsten Etage.
Da saßen sie nun, den Flöhen entfloh’n
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon,
und es herrscht noch genau der selbe Ton
so wie seinerzeit auf den Bäumen.
Sie hören weit, sie sehen fern,
sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne, sie atmen modern,
die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.
Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr,
sie jagen und züchten Mikroben,
sie verseh’n die Natur mit allem Komfort
sie fliegen steil in den Himmel empor
151
und bleiben zwei Wochen oben.
Was ihre Verdauung übrigläßt
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome, sie heilen Inzest.
Sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.
So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet
sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.32
Beluarum domitor
Progrediente feras domuit vir tempore cunctas –
Ecce minister ei taurus et ipse lupus.
Vertenti tigres homini placidos in amicos
Indomitus mansit maximus hostis: homo.
Der Dompteur: Alles Getier hat der Mensch im
Laufe der Zeiten gebändigt, | selbst der Stier und
der Wolf stehn ihm als Helfer zur Seit’. | Tiger
sogar vermochte der Mensch sich zu Freunden zu
machen; | nicht zu bezähmender Feind bleibt ihm
nur einer: der Mensch.
Diese düstere Anthropologie ist in der Weltliteratur gut abgestützt. Sie setzt ein mit Plautus
Kennzeichnung des Menschen als Wolf,33 die
Thomas Hobbes in der prägnanten Formel
homo homini lupus im Widmungsbrief seiner
Schrift „Leviathan“ aufgreifen wird. Diese
Erkenntnislinie lässt sich mühelos weiterführen
über Arthur Schopenhauers Dictum, das der
Idee des Hegelschen Weltgeistes Hohn spricht,
wenn er dekretiert: „Andrerseits könnte man
die Geschichte auch ansehn, als eine Fortsetzung
der Zoologie.“34 Oswald Spengler bezeichnet
in seiner Schrift „Der Mensch und die Technik“
den Menschen explizit als Raubtier: „Nur der
feierliche Ernst idealistischer Philosophen und
anderer Theologen besaß nicht den Mut zu dem,
was man im stillen recht gut wusste.“
6.4 Auseinandersetzung mit dem
Nationalsozialismus
Eberle hatte seine persönlichen Erfahrungen mit
der NS-Herrschaft gemacht: Berufsverbot, Einweisung in ein Konzentrationslager, Versteckspiel
152
mit seiner jüdischen Frau. Immer wieder setzte
er sich auch in anderen lateinischen carmina kritisch mit dieser unheilvollen Epoche auseinander.
ANNO MCMXXXIII
Quis meretrix maior: molles quae venditat artus,
aut qui plebiculae vendidit ingenium?
Im Jahr des „Heil“: Wer ist die größere Hur’: wer
seine molligen Glieder verschachert, | oder wer
Geist und Talent bar ans Gesindel verkauft?
Der Epigrammtitel spielt auf das Jahr der Machtergreifung durch Hitler an; dieser Text richtet sich
gegen die Geisteseliten (ingenium!), die gemeinsame Sache mit dem Nazi-Regime gemacht haben
– als Sympathisanten und Nutznießer des Systems.
Man könnte, um nur ein prominentes Beispiel zu
nennen, an den Schauspieler Gustaf Gründgens
denken, dessen Opportunismus und sagenhaften
Aufstieg zum Generalintendanten des Preußischen
Staatstheaters Klaus Mann in seinem Roman
„Mephisto“ von 1936 ein Denkmal gesetzt hat.
Der verächtliche Vergleich solch wetterwendischen
Verhaltens mit Prostitution ist ein Indikator für die
Wut Eberles: Mit anderen Intellektuellen wusste
er, wie schwer sich das Nachkriegsdeutschland
mit seiner Vergangenheit tat, wie sehr man auf
Verdrängung und Vergessen aus war – diese weitverbreitete bundesrepublikanische Tendenz war
in dem berühmten Buch von Alexander und
Margarete Mitscherlich „Die Unfähigkeit zu
trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens“ von
1967 deutlich beschrieben worden:
„Zu den Mitteln der Schuldleugnung gehört
die seither häufig vertretene Auffassung, das
Hereinbrechen einer Diktatur sei ein Naturereignis, das sich getrennt von Einzelschicksalen vorbereite und gleichsam über sie hinweggehe.”35
Gegen diese Haltung richtet sich das zweite,
hierher gehörende Epigramm Eberles:
Post calamitatem
Attribuunt uni sceleroso crimina cuncta
(tempore sit nullo nomen in ore meo!),
Si miseros audis, affirmant se violatos:
virgo, si gravida est, se voluisse negat.
Nach der Katastrophe: Alle Verbrechen schieben
sie einem Verbrecher allein in die Schuhe | (zu
keiner Zeit will ich diesen Namen in meinem
Munde führen!) | Wenn du die Bemitleidenswerten hörst, bekräftigen sie, sie seien brutal
vergewaltigt worden: | Eine Jungfrau, wenn sie
schwanger ist, sagt auch, sie habe es nicht gewollt.
Der Titel zeigt, wie viele Deutsche das Dritte
Reich im Nachhinein als Naturkatastrophe aufgefasst wissen wollen, exakt wie Mitscherlich es in
seiner Analyse beschreiben sollte. Die persönliche
Abscheu Eberles wird deutlich im zweiten Vers,
in dem nach Art einer damnatio memoriae ein
Tabu über den Namen Hitlers gelegt wird. Im Folgedistichon wird das Volk mit einer jungen Frau
verglichen, die sich nach freiwilligem Vollzug des
Sexualakts beim Bekanntwerden gravierender
Folgen als unschuldiges Opfer inszeniert – hier
Symbol für die angeblich ohne eigene Schuld
verführte Masse des deutschen Volkes.
Zwei Jahre vor diesem Text hatte Ernst Jandl
ein Gedicht veröffentlicht, das am Beispiel der auf
dem Wiener Heldenplatz den Anschluss Öster­
reichs an das Deutsche Reich frenetisch bejubelnden Massen die orgiastisch-brünstige Konnotation dieses Ereignisses ins Visier nimmt:36
Ernst Jandl
wien: heldenplatz (1962)
der ganze heldenplatz zirka
versaggerte in maschenhaftem männchenmeere
drunter auch frauen die ans maskelknie
zu heften heftig sich versuchten, hoffensdick.
und brüllzten wesentlich.
verwogener stirnscheitelunterschwang
nach nöten nördlich, kechelte
mit zu-nummernder aufs bluten feilzer stimme
hinsensend sämmertliche eigenwäscher.
pirsch!
döppelte der gottelbock von Sa-Atz zu Sa-Atz
mit hünig sprenkem stimmstummel.
balzerig würmelte es im männechensee
und den weibern ward so pfingstig ums heil
zumahn: wenn ein knie-ender sie hirschelte.37
6.5 Tod und Endlichkeit
Dieser Zyklus findet sich passend gegen Ende des
Büchleins.
Navicula Vitae
Naviculam quocumque tuam, Palinure, gubernes,
Semper ad occiduum sponte carina tenet.
Das Lebensschifflein: Wohin auch immer du
dein Schifflein, Palinurus, zu lenken versuchst, |
immer hält von sich aus der Kiel Richtung untergehende Sonne.
Topisch ist das Motiv der navigatio vitae, des
Vergleichs des Lebenslaufes mit einer Seereise,
auf der es Klippen zu umschiffen und Stürme zu
durchstehen gilt, aber auch schöne Zwischenaufenthalte auf Inseln stattfinden, um letztlich in den
Hafen des Todes einzulaufen – Urbild für dieses
europäisch-literarische Grundmotiv ist natürlich Homers Odyssee.38 Auf einen nicht minder
bedeutenden antiken Epiker, Vergil, spielt Eberle
in seinem Text an, wenn er Palinurus erwähnt, den
sagenhaften Steuermann des Äneas, der Opfer des
Gottes Morpheus wird, vom Schlaf überwältigt ins
Meer stürzt und durch seinen Tod aitiologischer
Namensgeber des Cap Palinuro wird – diese tragische Gestalt wird bei Eberle zum Jedermann:
Wie immer auch man die Segel setzt, der Kurs des
Lebensschiffes kennt nur eine Richtung: den Tod.
Unter diesen Texten findet sich auch ein
Nachruf auf den ehemaligen Bundespräsidenten
Theodor Heuss.
In memoriam Theodor Heuss
Vixit, sed vivet, populus dum vixerit ipse,
inque suis factis, cordibus inque piis.
Theodor Heuss zum Gedächtnis: Heuss hat
gelebt; doch lebt er, solang noch ein Deutscher
am Leben, | sei es im eigenen Werk, sei es im
Herzen des Volks.
Das Epigramm ist insofern bemerkenswert, als es
das einzige ist, das einen zeitgenössischen Politiker beim Namen nennt. 1963 war Theodor Heuss
im Alter von fast 80 Jahren gestorben – Eberle
stattete mit diesem Epigramm seinen letzten
Gruß an den Weggefährten ab.
Heuss und Eberle waren befreundet. Beide
waren Journalisten, beide hatten im Dritten
153
Reich Publikationsverbot erhalten. Heuss hatte
1945 als Lizenzträger der US-Militärregierung
die Rhein-Neckar-Zeitung in Heilbronn gegründet, Eberle zeitgleich die Stuttgarter Zeitung.
Ihre beruflichen Wege gingen auseinander, als
Heuss von 1949-1958 deutscher Bundespräsident
wurde, kreuzten sich aber immer wieder. So lobte
der Bundespräsident Heuss Eberle als Förderer
der Kultur im Raum Stuttgart, indem er ihn einen
„Mäcen für schwäbische Dinge“ nannte.39
7. Eine Art Fazit:
Das schwarze Moment des Sal Niger
Die Epigrammsammlung Sal Niger von 1964 kann
gelesen werden einmal als Dokument einer produktiven Martial-Rezeption, zum anderen auch
als historisches Zeitdokument und nicht zuletzt
als biographisches Zeugnis. Zeitdokument ist das
Büchlein insofern, als sich in den Texten Anspielungen auf typische Phänomene der frühen 60er
Jahre des vergangenen Jahrhunderts zeigen: Der
Politikbetrieb in Bonn, die schwierige Aufarbeitung der Zeit des Dritten Reiches, einsetzender
Massentourismus, Amerikanisierung usw. Als
biographisches Dokument kann dieses Büchlein
gelesen werden, weil sich in ihm Lebenserfahrung
und alterstypische Reflexionen eines 63jährigen
Mannes spiegeln, der mit zunehmender Distanz
die Politik und Gesellschaft seiner Zeit beobachtet
und in seinen epigrammatischen Stachelgedichten
(poematia aculeata40) aufspießt. Im Auslauf seiner
Berufskarriere stehend, leistete er sich zunehmend
den Eskapismus des Geistesaristokraten in die
geliebte Welt der Antike, die ihm zum Trost und
zur Zuflucht vor den Zumutungen der Zeitgenossenschaft geworden war:
Solacium
In terras alii fugiant orasque remotas,
effugio tempus tempora prisca petens,
miris quae superant et amoenis visibus illud
atque ubi non socios temporis invenio.
„Mögen die Andern nach fernen Ländern und
Küsten entweichen, | ich entfliehe dem Tag in die
vergangene Zeit, | jenen an Wundern und Zaubergestalten weit überlegen, | wo von der Herde
des Tags keiner die Wege mir kreuzt.“
154
Anmerkungen:
1) Josef Eberle, Sal niger, Stuttgart 1964, S. 107.
2) Josef Eberle: Poet und Publizist, Stuttgart/ München 2001, S. 18.
3) ebd. S. 43.
4) Lateinischer Deminutiv von aper (Eberle), erfunden wahrscheinlich von Harry C. Schnur.
5) Josef Eberle: Poet und Publizist, Stuttgart/ München 2001, S. 133.
6) Ebd. S. 114.
7) Ebd. S. 116.
8) Ebd. S. 117.
9) Zitiert nach J. Eberle. Poet und Publizist, Stuttgart
2001, S. 91. In seinem Epigrammbüchlein Sal
niger übrigens sah Eberle die angeblich tote Sprache Latein als unsterbliches Stehaufmännchen:
O quoties obitum linguae statuere Latinae! | Tot
tamen exsequiis salva superstes erat. Vgl. Stefan
Kipf/Ann Catherine Liebsch, Kleine Geschichte
des Lateinunterrichts, LGGB 2/2015, S. 39.
10) Ebd. S. 86. 1961 wurde Eberle zum Ehrenbürger
seiner Heimatstadt ernannt.
11) Vgl. auch Josef Eberle: Poet und Publizist, Stuttgart/ München 2001, S. 101: „In besonderem Maße
bestimmend wurde ihm bei seinen Studien und
Versuchen sein lateinischer Lieblingsautor Martial,
dessen epigrammatische Art ihm besonders lag.“
12) J. Eberle: Lateinische Nächte. Stuttgart 1966, S.
215.
13) Ebd. S. 221.
14) Ebd. S. 229.
15) Ebd. S. 94-105.
16) Ebd. S. 95f.
17) Zitiert aus „Josef Eberle. Poet und Publizist“, S.
153f.
18) Vgl. Michael Lobe: Kastalische Koryphäen. Josef
Eberles Epigrammbüchlein Cave Canem, FC
1/2008, S. 12-24.
19) Horaz, epistula ad Florum II, 58-64.
20) Zur Speisemetapher vgl. E. R. Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, Bern
1961, 3. Auflage, Speisemetaphern, S. 144: „Pindar
rühmt von seiner Dichtung, sie bringe etwas
zum Essen. Aischylos nannte seine Tragödien
‚Schnitten von den großen Gastmählern Homers‘
(nach Athenaios VIII 347e). Plautus und Cicero
brauchen epulae metaphorisch. Das Wort Satire
(satura) bedeutet „gemischte Schüssel‘.“
21) Vgl. „Josef Eberle. Poet und Publizist“, S. 156.
22) Verwiesen sei auf die Dissertation von Johannes
Scherf mit dem Titel „Untersuchungen zur Buch-
gestaltung Martials“, Leipzig 2001. Zu einem Beispiel für einen thematischen Zyklus vgl. Michael
Lobe: Martial im Jurassic Park. (Fächerübergreifende Unterrichtseinheit in Latein und Biologie
in der 9. Jahrgangsstufe) AU 43, 3/2000, 38-41.
23) Magnitudini terrae illius versum septem pedibus
deberi puto.
24) Übrigens ist das von Eberle angeschnittene Thema
der Großgefängnisse in den heutigen USA brisanter denn je: Nicht weil die Kriminalitätsrate
zugenommen hätte, sondern weil v. a. seit der
Regierung von George Bush jr. das Gefängniswesen zunehmend privatisiert wird, d. h. in die Hände
von Privatunternehmern gelangt, die für eine profitable Auslastung ihrer Anstalten sorgen – mit der
Folge, dass der Druck auf die Justiz zugenommen
hat, auch Bagatelldelikte mit Gefängnisstrafen zu
belegen. Allein in Texas haben die privat geführten
Gefängnisse zur Gouverneurszeit von George Bush
jr. von 22 auf 42 zugenommen.
25) Hor. ep. 1,11,27. Vgl. auch c. 2, 16, 19ff.: Quid
terras alio calentes | Sole mutamus? Patria quis
exul | Se quoque fugit?
26) Seneca, ep. 28, 2.
27) Gottfried Benn. Sämtliche Werke. Stuttgarter
Ausgabe. Band I: Gedichte. Klett-Cotta, Stuttgart
1986, S. 307.
28) Zwischenrufe gehören zur Geschichte des Bundestages, obwohl sie in der Geschäftsordnung nicht
vorgesehen sind. Die Frankfurter Rundschau vom
1.7.1999 listet in alphabetischer Reihenfolge eine
Auswahl von Kraftausdrücken auf, mit denen sich
Volksvertreter aller Parteien seit 1949 im Bundestag traktiert haben: „Amokläufer, Anarchist,
Armleuchter, Arschloch, Aufpeitscher, Banditentum, Bankrotteur, Bauernkiller, Beamtenkuh,
Berufsdenunziant, Berufsrandalierer, Bierzeltredner, Bombenleger, Bruchpilot, Brüllorchester,
Cheflügner, Dampfnudel, Depp, Dick, Doof,
Donald Duck, Dösbaddel, Drecksau, Dreckschleuder, Dreckspritze, Dröhnbüdel, Eiertänzer,
Ekel, Erpressungsminister, feiger Hund, Folterer,
Frankenstein, Frauenheld, Friedhofsredner, Frühstücksverleumder, Galgenkandidat, Gangster, Gartenzwerg, Geldraffer, Generalschwätzer, Giftnudel,
Giftspritze, Gnom, Graphomane, Großinquisitor,
Gruselkomiker, Hampelmann, Harzer Roller,
Hebammenkiller, Heiratsschwindler, Hilfsabgeordneter, Idiot, Irrer, Karnickel, Kläffer, Knall­
frosch, Kopfjäger, Lackschuh-Panther, Leichenfledderer, Lügenbold, Lüstling, Massenmörder,
Micky Maus, Nadelstreifen-Rocker, Naziflegel,
NS-Schulungsredner, Ochsenfrosch, Obertünnes,
Parasit, Petersilien-Guru, Pistolero, Pöbelkönig,
Putzlumpen, Radaubruder, Ratte, Rotzjunge, Sauhaufen, Schlange, Schleimer, Schreihals, Schwachkopf, Schwindelbude, Selbstbefriediger, Stinktier,
Sumpfblüte, Terrorist, Verbrecher, Verleumder,
Verrückter, Wollüstling, Wrack, Wühlratte, Zuhälter.“
29) Desiderii Erasmi Roterodami Colloquia familiaria
et Encomium moriae, Tomus I, Lipsiae, 1828, S.
401.
30) Abgedruckt in: Josef Eberle. Poet und Publizist,
S. 28.
31) Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena
II, Kapitel 21, § 256.
32) Erich Kästner, Gesang zwischen den Stühlen,
Zürich 1932.
33) Plautus, Asinaria V. 495 lupus est homo homini,
non homo, quom qualis sit non novit. 34) Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena,
Zur Metaphysik des Schönen und Ästhetik, § 233.
35) Alexander und Margarete Mitscherlich: Die
Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven
Verhaltens, München, 16. Aufl., 2001, S. 28.
36) Jörg Drews beschreibt den im Gedicht thematisierten Vorgang als „religiöse Verkündung, sexuelle Orgie, Eröffnung der Jagd auf Andersdenkende und mord- und selbstzerstörungswütige
Zusammenrottung in einem“. Vgl. J. Drews, „Über
ein Gedicht von Ernst Jandl“, in: Manuskripte,
Heft 69/70, 1980.
37) Ernst Jandl, Laut und Luise, Olten 1966, S. 46.
38) Christoph Hönig: Die Lebensfahrt auf dem Meer
der Welt. Der Topos. Texte und Interpretationen,
Würzburg 2000.
39) Vgl. „Josef Eberle. Poet und Publizist“, S. 80.
40) Josef Eberle in der Praefatio von Cave canem,
Zürich 1962, S. 8: Nomen Graecum ‚epigramma‘
Germanice redere variis modis temptatum est, e.g.
verbo ‚Sinngedicht‘ – tamquam si huic formae soli
sensus inesset; scilicet non nego nonnulla carmina
recentiora sensu prorsus carere. Aliae pusillae artis
appellationes, ut ‚poematium aculeatum‘ et ‚versus
spinosi‘, ad rem aptiores esse mihi videntur.
Michael Lobe, Bamberg
155
Schülerzahlen im Fach Latein
und Entwicklungsperspektiven der Fachdidaktik
Im Zeichen der gegenwärtigen gesellschaftlichen
Herausforderungen wie z. B. der Flüchtlingskrise
und der Entwicklung eines inklusiven Bildungssystems erscheint altsprachliche Bildung als Wert
an sich begründungsbedürftig. Das Unterrichtsfach Latein muss sich in wachsendem Maße kritischen Fragen v. a. nach seiner Gegenwarts- und
Zukunftsbedeutung stellen. Zudem muss sich das
Fach im Wahlpflicht- und Wahlbereich innerhalb
des vielerorts reichhaltigen Fremdsprachen- und
Bildungsangebots behaupten, nicht zuletzt, weil
Latein in der öffentlichen Wahrnehmung im
Vergleich zu neuen Fremdsprachen wie etwa
Spanisch als ‚viel schwerer‘ gilt.
Die unten abgedruckte Tabelle zeigt die Entwicklung der Schülerzahlen in ausgewählten
zweiten und dritten Fremdsprachen innerhalb
der letzten Jahre und ermöglicht Vergleiche.
Diese Zahlen lassen für den ausgewählten
Zeitraum u.a. folgende Entwicklungen erkennen:
• Die Zahl der Schüler an allgemeinbildenden
Schulen ist um 8,9 % gesunken, diese Zahl wird
im Folgenden als Bezugsgröße bezeichnet;
• die Veränderung der Zahl der Französisch lernenden Schüler liegt knapp unter der Bezugsgröße; die Zahl der Französisch lernenden Schüler ist damit relativ gesehen marginal gesunken;
• die Veränderung der Zahl der Russisch lernenden Schüler liegt erkennbar über der
Bezugsgröße; die Zahl der Russisch lernenden
Schüler ist damit relativ gesehen gestiegen;
SJ
07/08
SJ
08/09
SJ
09/10
SJ
10/11
• die Veränderung der Zahl der Spanisch lernenden Schüler liegt erkennbar weit über der
Bezugsgröße; die Zahl der Spanisch lernenden
Schüler ist damit relativ gesehen stark gestiegen;
• die Veränderung der Zahl der Latein lernenden Schüler liegt erkennbar unter der
Bezugsgröße; die Zahl der Latein lernenden
Schüler ist damit relativ gesehen deutlich
gesunken.
Die Veränderungen der Zahlen sind dabei erheblichen regionalen Schwankungen unterworfen.
Die Ursachen für die Veränderungen sind nicht
immer schlüssig auszumachen, zudem scheinen
oftmals mehrere Ursachen verflochten. Für die o. g.
Entwicklung der Zahl der Latein lernenden Schüler werden aber von selektiv befragten Personen
(Schüler, Eltern, Lehrer, Schulleiter) folgende
Gründe häufiger angeführt als andere:
1. Der Unterricht ist kompetenzmäßig möglicherweise einseitig auf die fachbezogene
Strategie der Rekodierung ausgerichtet;
2. die Rekodierung überfordert zumeist, v. a.
bei der Originallektüre der Mittelstufe, die
Schüler; die letztlich an den EPA orientierte,
festgelegte Fachleistungsgewichtung lässt die
Rekodierung in einer die weiteren Fachleistungen benachteiligenden Weise dominieren;
insbesondere in der gymnasialen Oberstufe
erschwert dies das Erreichen guter Noten;
3. hinzu kommt der Grund, dass Bildungsadministration und Fachdidaktik die kompeSJ
11/12
SJ
12/13
SJ
13/14
SJ
14/15
Latein
825275 832891 822673 807839 772705 740302 709407 688625
Französisch 1697026 1700116 1694173 1649922 1632803 1599073 1556275 1535600
Spanisch
285480 320599 337294 362295 374664 384781 391552 404183
Russisch
99991
99884 101377 104464 106620 108391 107132 108922
Schüler allg.
bild. Schule 9183811 9023572 8905800 8796894 8678196 8556879 8420111 8366666
Veränderung von
07/08 zu
14/15
– 16,6 %
– 9,5 %
+ 41,6 %
+ 8,9 %
– 8,9 %
Quelle: Destatis (Zugriff: 20.05.2016; die Zahlen für SJ 15/16 folgen voraussichtlich im Oktober 2016)
156
tenzmäßige Ausprägung eines Fachprofils
Latein für die Absolventen anderer Schularten
bzw. Bildungsgänge versäumt haben und nun
aus der Not einer Schülerbehandlung, die
Bildungsgerechtigkeit vermissen lässt, die
(vermeintliche) Tugend einer gymnasialen
Monokultur machen;
4. ferner verliert das Ziel des Latinumserwerbs
an Bedeutung.
Aus dieser Schieflage heraus erwachsen d i r e k t
die folgenden Entwicklungsperspektiven der
lateinischen Fachdidaktik:
1. Für unterrichtliche und außerunterrichtliche
Schülertätigkeit sind sowohl in der Lektüreals auch besonders in der Spracherwerbsphase
neben der Aufgabenstellung der Rekodierung
andere Aufgabenformate zu entwickeln, die
geeignet sind, ebenfalls als Dokumentationsformen von Textverstehen zu dienen. Damit
kann auch der Gefahr einer einseitigen Kompetenzausrichtung begegnet werden;
2. neben der Fachleistung der Rekodierung muss
auch die der Dekodierung angemessen berücksichtigt werden; eventuell muss hier auch das in
den EPA festgelegte Fachleistungsverhältnis von
Übersetzung zu Interpretation wie 1:1 (und erst
recht das wie 2:1!) neu diskutiert werden;
3. die wesentlichen Planungsgrößen eines
Fachprofils, bei dem auch die Absolventen
anderer Schularten bzw. Bildungsgänge in
bildungsgerechter Weise Gewinn aus dem
Schulfach Latein ziehen können, sind aus den
jahrzehntelangen Erfahrungen in integrierten
Gesamtschulbildungsgängen bekannt;1 sie
müssen von der Fachdidaktik fundiert und
von der Bildungsadministration endlich unter
Abkopplung vom gymnasialen Bildungsgang
schulfachlich etabliert werden.
I n d i r e k t ergeben sich außerdem u. a. folgende Entwicklungsperspektiven:
• Im Zusammenhang v. a. mit Punkt 3: Die gängigen Lernmittel für den lateinischen Sprach­
erwerb setzen ihren Schwerpunkt allesamt
im Bereich von Morphologie und Syntax. In
einem Fach, dessen Haupthandlungsfeld die
Textrezeption ist, muss aber – Fremdsprache
hin, Fremdsprache her – im Mittelpunkt die
Semantik stehen, vor allem wenn es um Inhalte
geht, die einen höheren Grad von Allomorphie
ausweisen als die der weitgehend synchronischen Inhalte aus den neuen Fremdsprachen;
• im Zusammenhang mit Punkt 1: Das (selbstständige) Vorgehen der Schüler bei der Rekodierung literarischer Texte war Gegenstand
der qualitativen empirischen Untersuchung
von Florian 2015.2 Diese wirft die Frage der
Notwendigkeit einer Neuorientierung bei der
methodischen Anleitung zur Rekodierung auf;
• im Zusammenhang mit den Punkten 1 und 3:
Noch lange nicht ausgelotet sind die Möglichkeiten, inwiefern daneben ein textproduktiver
und interaktiver Ansatz im Zusammenhang
mit einem Minimum an Latine loqui die Kompetenzen auf dem Feld der Textrezeption im
Sinne einer Synergie unterstützen kann;
• und schließlich im Zusammenhang mit allen
drei Punkten die zyklisch wiederkehrende,
immer wieder heiß diskutierte Frage nach dem
tatsächlichen lateinischen Vokabelgedächtnis
von Schülern sowie nach der Quantität und
Art des Lernwortschatzes.
Die genannten Entwicklungsperspektiven der
lateinischen Fachdidaktik sind in erster Linie
Ableitungen der Entwicklung der Schülerzahl
im Fach Latein; beachten Bildungsadministration und Fachdidaktik diesen Zusammenhang
zu wenig, prägen sich möglicherweise für das
Fach Latein weitere unliebsame schulorganisatorische3 oder schulfachliche4 Tendenzen aus,
welche die Schülerzahlen am Ende noch weiter
sinken lassen.
Anmerkungen:
1) weniger, weniger schwere und kürzere fremdsprachige Texte; geringerer Abstraktionsgrad
in der Grammatiktheorie; deutlich verringerter
(Lern)Wortschatz; erhebliche Reduktion der
metasprachlichen Terminologie.
2) Florian, Lena: Heimliche Strategien. Wie übersetzen Schülerinnen und Schüler?, Göttingen 2015.
3) Z. B. weitere Stundenkürzungen; schon die gegenwärtigen Unterschiede zwischen den Ländern
sind teilweise besorgniserregend.
4) Z. B. weiteres Festhalten an unrealistischen Quantitäten beim Lernwortschatz.
Anja Behrendt, Rostock
Matthias Korn, Leipzig
157
HIS LITTERIS
PRAEMIVM HVMANITATIS
ADIVDICAMVS
DOMINO ILLVSTRISSIMO ATQVE HVMANISSIMO
ANDREAE RICCARDI
DOCTORI AC PROFESSORI ACADEMICO
HISTORIAE RECENTIORIS ET ECCLESIASTICAE,
VT VIRTVTES EIVS HONOREMVS,
QVAS NOSTRA AETATE SINGVLARITER PRAESTITIT.
ANNO ENIM MCMLXVIII SVA SPONTE
COMMVNITATEM EX ECCLESIA ROMANA SANCTI AEGIDII NOMINATAM
CONDIDIT, QVAE PVEROS HVMANAE OPIS INDIGENTES,
SED ETIAM SENES ET PAVPERES ET PEREGRINANTES CVRARET.
QVAE SOCIETAS EX ILLO ANNO PRIMVM ROMAE, DEINDE IN ITALIA,
TVM IN EVROPA, DENIQVE TOTO ORBE TERRARVM
VSQVE AD HODIERNVM DIEM
SALVTI COMMVNI OPERARI PERGIT.
ANDREA RICCARDI SVMMA LAVDE DIGNVS EST,
QVIA PATRIMONIVM CHRISTIANVM
CVM HEREDITATE CVLTVS ATQVE HVMANITATIS EVROPAE
COIVNGENS NON TANTVM LITTERIS STVDEBAT,
SED ETIAM IPSIS HOMINIBVS SERVIEBAT.
SIC ID IPSVM ADEPTVS EST,
QVOD NOS, LITTERAS LATINAS ET GRAECAS DOCENTES,
HOC PRAEMIO LAVDARE VOLVMVS:
STVDIVM LITTERARVM CVM COMMVNI SALVTE CONEXIT.
HOC EST ILLVD,
QVOD GRAECE PAIDEIA ET PHILANTHROPIA,
LATINE HVMANITAS VOCATVR.
BEROLINI
A.D. III. KAL. APRILES
ANNO DOMINI BISMILLESIMO SEXTO DECIMO
ASSOCIATIONIS PALAEOPHILOLOGORVM GERMANICAE
PRAESES
Prof. Dr. Sabine Vogt
Text der lateinischen Ehrenurkunde zur Verleihung des Humanismus-Preises an Andrea Riccardi
am 30. März 2016 in der Humboldt-Universität zu Berlin, verfasst von Andreas Fritsch
158
Lateinische Urkunde
zum Humanismuspreis für Andrea Riccardi
In Forum Classicum 2/2016 wurde die deutsche
Fassung der Dankrede von Herrn Professor Dr.
Andrea Riccardi veröffentlicht, die er anlässlich der Verleihung des Humanismuspreises
am 30. März 2016 auf dem 33. Kongress des
Deutschen Altphilologenkongresses in der Humboldt-Universität zu Berlin gehalten hat. Der lang
anhaltende Beifall der im Auditorium Maximum
zahlreich versammelten Teilnehmer der Festveranstaltung, aber auch zahlreiche mündliche
und schriftliche Äußerungen danach lassen es
angebracht erscheinen, den lateinischen Text der
in der Veranstaltung verlesenen und überreichten Urkunde in dieser Zeitschrift abzudrucken,
wie das auch mit den früheren Urkunden zur
Verleihung des Humanismuspreises geschehen
ist. Auch diese Texte lassen sich als ein Aspekt
der Latinitas viva (oder perennis) verstehen, sie
sind in den unten genannten Heften des Forum
Classicum nachzulesen, greifbar auch im Internetarchiv des DAV unter URL: https://www.
altphilologenverband.de/index.php?option=com
content&view=article&id=45&Itemid=41
1. Richard von Weizsäcker (FC 2/1998, S. 91;
auch in: Auxilia 44, 1999, S. 91);
2. Roman Herzog (FC 2/ 2000, S. 55);
3. Alfred Grosser (FC 2/2002, S. 95);
4. Władisław Bartoszewski
(FC 2/2004, S. 102);
5. Jutta Limbach (FC 2/2006, S. 97);
6. Leoluca Orlando (FC 2/2008, S. 86);
7. Monika Maron (FC 2/2010, S. 109);
8. Sebastian Krumbiegel (FC 2/2012, S. 101);
9. Michael Köhlmeier (FC 2/ 2014, S. 115);
10. Andrea Riccardi (FC 3/2016).
Andreas Fritsch, Berlin
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159
Zur Diskussion gestellt
Ist der Pronuntiatus restitutus falsch?
Eine Entgegnung auf Axel Schönbergers Thesen
Der an den Universitäten Frankfurt und Bremen
wirkende Romanist / Hispanist Axel Schönberger (Sch.), der ebenso auch in der Latinistik zu
Hause ist, hat, gestützt auf seine verdienstvolle
kommentierte Ausgabe der spätantiken Grammatik Priscians,1 in dieser Zeitschrift2 folgende
zwei Thesen vorgetragen:
1. Der seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts in vielen Ländern aufgekommene
pronuntiatus restitutus sei im Punkt der Diphthonge falsch. Die Aussprache [ai] / [ae] und
[oi] / [oe]3 habe es in der Antike wohl niemals
gegeben. Die Diphthonge seien von Anfang an
mono­phthongiert als offenes [e:] und [u:] ausgesprochen worden. Die klassischen Autoren
würden daher im Unterricht mit einer erheblich
entstellten, unlateinischen Aussprache gelesen.
2. Das Lateinische habe nicht einen dynamischen bzw. exspiratorischen, sondern von
Anfang bis etwa zum 3. oder 4. Jh. n. Chr. einen
musikalischen bzw. Tonhöhenakzent besessen,
was leider von der romanischen und klassischen
Philologie und der Schule vernachlässigt werde.
1. Sch.s Behauptung, die westgriechischen Dialekte und das Äolische hätten seit frühester Zeit
die lateinische Orthographie beeinflusst,4 beruht
auf zwei Irrtümern:
a) Verführt von mehrfachen Vergleichen, die
Priscian zwischen Latein und den ‚Äolern‘ zieht,
v. a. um die Umsetzung des Digamma zum lateinischen <v> zu zeigen,5 behauptet Sch., die im
Aeolischen früh einsetzende Monophthongierung
der Diphthonge sei der Beweis für denselben Prozess im Lateinischen. Daher seien die weiterhin
geschriebenen Diphthonge <ai / ae>, <ei> und
<oe> lediglich graphische Bezeichnungen von
Monophthongen wie offenem [e:], [i:] und [u].
Aber wie sollte ein nordostgriechischer (!), z. B. auf
Lesbos an der Westküste Kleinasiens gesprochener
Dialekt wie das Aeolische im 5. Jh. v. Chr. auf die
römische Orthographie eingewirkt haben?
160
b) Von dem in der Dialektforschung üblichen
Terminus ‚westgriechische‘ für die westlich von
Attika gesprochenen Dialekte, z. B. das Böotische,
irregeführt, meint Sch., diese hätten mit ihrer
ebenfalls früh einsetzenden Monophtongierung
auf die Schreibpraxis des Lateinischen und anderer italischer Sprachen eingewirkt. Aber Spuren
des Böotischen sucht man in Italien vergeblich.
Mit gutem Grund, denn in der Magna Graecia
und in Sizilien wurden nicht die sog. westgriechischen Dialekte, sondern das Dorische und
speziell in Kyme / Cumae der ionische und dem
Attischen nahe Dialekt gesprochen, den die
Siedler aus dem heimischen Chalkis auf Euboia
mitgebracht hatten. In ihm begann die Mono­
phthongierung erst im 2. Jh.6 Mit der Magna
Graecia stand Rom seit Beginn seiner Geschichte
in Kulturkontakt. Durch Kyme / Cumae wurde
das ionische Alphabet von Euboia noch vor
700 nach Italien vermittelt.7 In den attischen
Inschriften der klassischen und hellenistischen
Zeit kommt jedoch die Verschiebung von <ai>
zu <e> selten vor.8
Die von Sch. angeführten Argumente für einen
westgriechischen und äolischen Einfluss auf die
lateinische Orthographie haben sich somit als
irrig erwiesen. Damit entfällt auch die Grundlage
seiner mit aller Heftigkeit vorgetragenen Kritik an
den wissenschaftlichen und Schulgrammatiken
und am pronuntiatus restitutus. Wenden wir uns
deshalb den Grammatikerzeugnissen und den
sprachlichen Dokumenten zu.
Die Zeugnisse der lateinischen Grammatiker
über die lateinischen Diphthonge werden von
Sch. immer nur als Schrifttradition im Sinne
der behaupteten griechischen Dialekteinflüsse
gedeutet.9 Doch z. B. Terentius Scaurus (2. Jh.
n. Chr.) lehrt nicht, dass für <ae> ein mono­
phthonges [e] gesprochen worden sei, sondern
dass statt des archaischen <ai> das <e> als
Schlussbuchstabe des Diphthongs <ae> den stärksten Klang gehabt habe.10 Terentianus Maurus
spricht ausdrücklich von dem Doppelklang der
Diphthonge.11 Auch Priscian GL II 37 K. besagt
nur, dass in den Diphthongen zwei Laute enthalten sind, aber nicht, dass sie monophthongiert
sind.12 Noch deutlicher spricht Marius Victorinus davon, dass im Diphthong zwei Vokale verbunden sind (geminae vocis sonum), aber gerade
nicht, dass sie zu einem Laut verschmolzen sind.13
Auch die Behauptung, die schon vorliterarische
Monophthongierung von <-ois / -ais> zu <-is>
im Dat./Abl. Pl. beweise die Monophthongierung auch von <-ai/-ae>, führt vielmehr zu dem
umgekehrten Schluss, dass die Beibehaltung der
Schreibung <-ae> einen phonetischen Grund
gehabt haben muss.
Denn die Regel des pronuntiatus restitutus,
wonach v. a. der Diphthong ae zweivokalig auszusprechen ist, die Sch. (2010, 2014 und 2016)
auf das mit sehr ausführlichen Belegen versehene Werk von Corssen14 zurückführt, stützt
sich auf schwer widerlegbare literarische und
inschriftliche Belege.15 Die Genauigkeit, die seit
dem 7. Jahrhundert bei der Verschriftlichung
der lateinischen Sprache angewandt wurde, wird
schon aus der Selbstständigkeit deutlich, mit der
Rom das aus Cumae entlehnte Alphabet immer
genauer der lateinischen Sprache anpasste. So
muss es auch mit der Wiedergabe der Vokale
gewesen sein: anfangs hörte man noch einen
Diphthong [ai], der dann zu [ae] abgeschwächt
und entsprechend geschrieben wurde.16 Konsequenterweise deutete Quintilian den Wechsel
der Schreibung als Ergebnis phonetischer Veränderung: fortasse enim, sicut scribebant, etiam
loquebantur.17
Wenn in Plautus’ Miles gloriosus der Sklave
Palaestrio erzählt, sein Herr sei in staatlicher
Mission nach Naupactus entsandt worden, ahmt
er den feierlichen Stil der zu seiner Zeit nur
noch in offenkundig archaisierender Schreibung
verfassten Gesetzestexten wie dem Senatus consultum de Bacchanalibus18 üblichen Sprachstil
nach: is publice legatus Naupactum fuit | magnai
rei publicai gratia (Plaut. Mil 102f.): der Vers ist
nur dann ein korrekter jambischer Senar, wenn
<ai> und <ei> als Diphthonge und sogar zweisilbig gemessen werden. Die Schreibung ging
spätestens Anfang des 2. Jhs. zu <ae> über.19
Aber die nach Sch. der tatsächlichen Aussprache
entsprechende Schreibung mit <e> findet sich
nur in umbrisch-sabinischen Inschriften, also
aus dialektaler Umgebung, und in bäuerlichem
Latein.20 So erklärt sich der Witz des Lucilius,
der einen Praetor davor warnt, mit der [e]-Aussprache aus einem praetor urbanus ein pretor
rusticus zu werden: Cecilius pretor ne rusticus
fiat (Varro l.L 7, 9621, Lucil. fr. 1146 Krenkel).
Das bezeugt auch Varro, de lingua Latina 5, 97
ausdrücklich: quod illic (bei den Sabinern) ‚fedus‘,
in Latio rure ‚hedus‘, qui in urbe ut in multis A
addito ‚haedus‘.22 Cicero amüsierte sich über
die Verwandlung des [i] in [e] in der ‚breiten‘
rustikalen Aussprache (also <vella> statt <villa>,
diatopische Varietät).23 Im 1. Jh. v. Chr. benannte
sich P. Claudius Pulcher in Clodius um, weil
er seinen Übertritt in die plebejische Gens auch
sprachlich manifestieren wollte (schichtenspezifische, sog. diastratische Varietät). Das wäre
wirkungslos gewesen, wenn der Diphthong
au wie in olla, plostrum u. a. schon allgemein
monophthongiert und zu [o] verfärbt worden
wäre. Eine stadtrömische Verfluchungsinschrift
aus der Mitte des 1. Jh. v. Chr. bezeugt mit ihrer
durchgehend vulgärsprachlichen Form (Ausfall des schließenden -m) und der mangelnden
Beherrschung der Syntax, wie in der Unterschicht
gesprochen wurde: aber in seic, quei, tibei wurden
die Diphthonge offenbar noch gehört (CIL VI
140); in einer anderen stadtrömischen Inschrift
aus dem 1. Jh. v. Chr. haben sich ebenfalls -ae, sei,
seive, nei, sueis erhalten, während au schon zu o
monophthongiert ist (Kropp nr. dfx 1.4.4/8-10)24.
Vulgärlateinisch ist auch die zeitgleiche Inschrift
aus Cordoba mit einer Mischung aus archaischer
und vulgärlateinischer Schreibung: Dionisia
Dentatiai ancilla rogat deibus … deinfereis (=deis
inferis).25 Selbst noch in der 2. Hälfte des 1. Jhs. n.
Chr. hielt sich in der Provinz die diphthongische
Schreibung: die Mainzer Verfluchungstäfelchen
haben fünfmaliges <ae>, aber nur einmal <e>,
bezeichnenderweise in einer stark vulgärlateinischen Inschrift.26
Im 1. Jh. n. Chr. häufen sich die inschriftlichen
Belege für die Monophthongisierung von <ae>
zu <e> besonders in auch sonst vulgärsprachlichen Inschriften wie den pompeianischen
161
Wandinschriften (diastratische und diatopische
Varietäten). Aber auch dort werden sie noch nicht
zur allgemeinen Norm. Kann man sich vorstellen, dass Römer in der Provinz, die nur geringe
Schulbildung besaßen und oft schon mit dem
Schreiben der Buchstaben Mühe hatten, eine literarische Norm aufrecht erhielten, die nicht mehr
ihrer – buchstabierenden! – Aussprache entsprach?
Rückschlüsse auf die Hochsprache sind von dieser
Belegbasis aus nicht beweiskräftig.
Sofern man also nicht diatopischen und
diastratischen Varietäten folgen will, sondern
der Hochsprache des Kerngebiets, also Rom und
Latium, sollte man bei der Aussprache der literarischen Texte weiterhin getrost den Regeln des
Pronuntiatus restitutus folgen und weiterhin von
[Caesar] und nicht von [Cesar] sprechen.
Auch andere Thesen Sch.s sind nicht korrekt:
[h] werde zwischen [e] eingeschoben, um einen
Langvokal in vehemens < vemens anzudeuten.
Aber wie das Pf. vexi, vectus und die gesamte
Sprachverwandtschaft zeigen, ist das h etymologisch. Seine Forderung, numquam wie im heutigen Kastilischen [nunca] auszusprechen,27 wird
der Italianist nicht teilen und eher nach antiken
Zeugnissen28 und italienischer Sprache labiovelar
<qu> aussprechen.
2. Die Ansicht der Grammatiker von Varro bis
Priscian ist eindeutig, dass das Lateinische einen
Tonhöhenakzent besaß und zwischen einem
Hochton (acutus) und einem Tiefton (gravis)
unterschied, die in betonten Langvokalen und
Diphthongen verbunden und mit einem Circumflex bezeichnet wurden.29 Sie lehren außerdem,
dass der Circumflex nur in der vorletzten Silbe
stehen kann und sich in einen Akut verwandelt,
wenn die letzte Silbe lang ist, also dônum, aber
dóni, lêgem, aber léges; in dreisilbigen Wörtern
wäre zu sprechen: Cícero, aber Cicerônis. Diese
(sog. intrasyllabische) Akzentveränderung ist
aus der griechischen Sprache vertraut: theîos,
aber theíou, ist also auch für das Lateinische
phonetisch denkbar, wenn es denn einen Tonhöhenakzent besaß. Die Frage, ob sich die heutige
Aussprachepraxis daran orientieren sollte, darf
hier übergangen werden. Jedoch wird von der
communis opinio für das älteste Latein ein dynamischer Akzent angenommen, weil Vokale, die
162
der betonten Silbe folgten, von a zu e ‚geschwächt‘,
durch sog. Jambenkürzung gekürzt (beně, malě,
modŏ, egŏ, mihĭ) oder sogar verdrängt wurden
(Synkopierung, z. B. aviceps > auceps, fénestra >
fenstra). Das ist besonders auffällig in Wörtern,
die diese Schwächung oder Synkope sogar in
der drittletzten Silbe zeigen, was nur erklärlich
ist, wenn in frühester Zeit der Akzent bis zur
viertletzten Silbe zurückgezogen wurde: afficio,
bei Plautus noch regelmäßig fácilius, múlierem.30
Doch die Vermutung, dass diese Erscheinungen
nur infolge eines dynamischen Akzents zu erklären sind, ist nicht ganz schlüssig, weil auch ein
Tonhöhenakzent in der einen Silbe zu einem
Absinken in der folgenden Silbe führen kann.31
Doch hier beginnen die Unsicherheiten über
die Natur des lateinischen Akzents, da das Griechische die Beschränkung des Circumflex auf
die Pänultima nicht kennt und der unbestrittene
Tonhöhenakzent nicht zu den gleichen Vokalveränderungen wie Schwächung, Jambenkürzung
und Synkopierung führt. Ferner behaupten die
Grammatiker, es müsse im Lateinischen noch
einen weiteren Akzent zwischen Akut und Gravis
gegeben haben, womit sie keineswegs den Circumflexus meinen, sondern eine mittlere Tonhöhe. Hierin folgten sie ausdrücklich einer Art
Musiktheorie und nicht der Beschreibung der
Natur des lateinischen Akzents.32
Um Art und Position der Akzente genauer
als mit dem bekannten Pänultimagesetz zu definieren, benutzte schon Leumann33 die Zählung
nach Moren (mora = Zeiteinheit), wobei ein
kurzer Vokal einer More entspricht, ein langer
Vokal oder ein Diphthong zwei Moren, und
definierte: Bei Morenrechnung lautet die Regelung: der Akzent steht auf der ersten der zwei
Moren vor der Schlusssilbe: ánimus, amícus
(in Morenschreibweise amíìcus), régius. Diese
Definition wird von Sch. 2010, 176f.34 in der ihm
eigenen barschen Weise kritisiert, weil sie die
Quantität der Schlusssilbe nicht berücksichtige.35
Sch. schloss sich in der Akzentlehre Diomedes
(GL I 430ff. K.), Donat (GL IV, 371ff. K.) und
Priscian (GL III 360ff. K.: De accentibus) an,
die die Regeln für die Art des Akzents der
Pänultima aus der Quantität der Schlusssilbe
formulierten. Doch damit schafft Sch. einen für
die Sprachpraxis unbrauchbaren Regelungsbedarf. Weil er den antiken Grammatikern folgt,
alle grammatischen Erscheinungen, also auch
die Silbenquantitäten, nach den Buchstaben der
Endungen zu kategorisieren,36 definiert er für alle
ein- bis dreisilbigen Wörter mit Priscian, dessen
Terminologie: Amphibrachys, Amphimacrus,
Antibacchius usw. er übernimmt, nicht weniger
als 30 Regeln.37 Nach einem solchen Regelwerk
kann keine Sprache funktionieren. Es bedürfte
aber auch in Sch.s System nur genau einer Regel:
die Pänultima kann nur dann einen Circumflex
tragen, wenn die letzte Silbe kurz ist.
Wenn man sich also entschließen will, Sch.s
Theorie des silbisch gebundenen Tonhöhenmorenakzents zu folgen und in der Pänultima einen
Schleifton zu sprechen, hat man hier eine Regel,
die der von Leumann recht ähnlich aussieht. Ich
fürchte nur, dass das in Schule und Universität
den Lernenden weniger zum lautgerechten Vortrag hilft als die Einübung der Quantitäten mit
Hilfe der Versdichtung und die für das Hören
der sog. Positionslänge unerlässliche Aussprache
der Doppelkonsonanten, so dass erat von errat,
sumus von summus, ălium von allium usw. zu
unterscheiden sind – für Italiener wie Finnen kein
Problem. Dem Deutschen scheint besonders die
richtige Aussprache jambischer Wörter schwierig
zu sein, die eine Betonung der kurzen und eine
Länge der unbetonten Silbe erfordert: statt ě´gō
hört man ē´gŏ, und ū´bĭ statt ŭ´bī.
Sch. kommt aber auch mit der Realität der
lateinischen Akzentregelung in Konflikt, wenn
er meint, dass domini regulär auf der drittletzten More, d. h. der zweiten Silbe, betont werden
müsste: domíni. Da dies aber nicht so sei, schließt
er auf eine Inkonsequenz des lateinischen
Akzentsystems, das für dreisilbige Wörter anders
konstruiert sei als für zweisilbige.38 Indem er
ferner die Silben nur nach Vokalmoren misst,
erklärt er dediscit zu einem Dactylus, obwohl die
Mittelsilbe eindeutig positionslang ist und den
Akzent trägt.39 Von den nach jeder Akzentlehre
bestehenden Ausnahmen infolge Kontraktion
(videsne > vidén, nostratis > nostrâs, Vergilii >
Vergíli), den von den Grammatikern behaupteten
Sonderbetonungen von exinde, aliquando und
dem Anschluss eines Enklitikons (Univerbie-
rung) (Romáque) braucht hier nicht die Rede zu
sein. Sch. verlangt aber noch mehr, auch die Tonanschlüsse nicht nur bei den bekannten Univerbierungen (vírum, aber virúmque), sondern die
Proklisen der Präpositionen und Pronomina zu
berücksichtigen. Aber dann ist z. B. gegen Sch. zu
beachten, dass bei Plautus nicht das Pronomen,
sondern die Präposition den Akut bekommt: ín
illo (mit regelmäßigem IKG von il-), nicht in íllo.
Wer den Aufwand nicht scheut, mit Sch. das
Lateinische mit musikalischem bzw. Tonhöhenakzent zu sprechen, ohne sich in dem Wust
der 30 Regeln zu verlieren, wird ein melodiöses
Latein sprechen, ohne ihre Verständlichkeit zu
beeinträchtigen. Die Umsetzung besonders beim
Versvortrag bedarf jedoch intensiven Übens,
um die Wiedergabe der Quantitäten von der der
Tonhöhe unabhängig zu halten.
Anmerkungen:
1)Axel Schönberger, Priscians Darstellung des
silbisch gebundenen Tonhöhenmorenakzents des
Lateinischen: lateinischer Text und kommentierte
deutsche Übersetzung des Buches über den lateinischen Akzent (Bibliotheca Romanica et Latina
13), Frankfurt am Main – Valentia 2010; seine
Theorie fasst er auf S. 157-169, die Kritik an der
Forschung auf S. 171-177 zusammen. – ders.,
Zur Lautlehre, Prosodie und Phonotaktik des
Lateinischen gemäß der Beschreibung Priscians,
Millenium, Jahrb. zu Kultur und Gesch. des ersten
Jahrtausends n. Chr. 11, 2014, 121-184 (= Sch.
2014).
2)Axel Schönberger, Zur Aussprache, Schreibung
und Betonung des Lateinischen – Weshalb der
Pronuntiatus restitutus in einigen Punkten falsch
ist, Forum Classicum 1, 2016, 12-18 (= Sch. 2016).
3) Wie bei Sch. bezeichnen in diesem Teil viereckige
Klammern […] den gesprochenen Laut, winklige
<...> den geschriebenen Buchstaben.
4) Sch. 2014, 122ff., Sch. 2016, 12: „Diese Schreibtradition der äolischen Varietäten des damaligen
Griechisch übernahmen die Römer, aber auch
andere altitalische Völker zur Bezeichnung von
Monophthongen.“ (so schon Sch. 2010, 41, Anm.
46). Sch. behauptet sogar, dass auch in Homers
und Hesiods Werken die Diphthonge von Anfang
an monophthongiert zu sprechen gewesen seien.
Dagegen stellt Helmut Rix, Historische Grammatik des Griechischen. Laut- und Formenlehre,
Darmstadt 1976, 46, fest, dass die Monophthongierung in der Koine erst im 2. Jh. begonnen habe.
163
5) Ein Beispiel: Priscian GL II 253, 17 K.: quia Aeolis
(griech. Nominativ pl.) quoque solent inter duas
vocales eiusdem dictionis digamma ponere, quos
nos sequimur: οϝις ovis. Vgl. Quintil. inst. or. I, 7,
26: nec inutiliter Claudius Aeolicam illam ad hos
usus litteram adiecerat.
6) Dass Euboia zum Gebiet der ionischen Dialekte
gehört, ist Standardwissen der griechischen
Linguistik und Epigraphik, vgl. Albert Thumb
– Anton Scherer, Handbuch der griechischen
Dialekte, Heidelberg 1959, II 200f.; dort auch
über die spät einsetzende Monophthongierung.
Beispiele von Inschriften in: Dialectorum Graecarum exempla epigraphica potiora, ed. Eduardus
Schwyzer, Leipzig 1923, nr. 785-814 (bis zum
5. Jh. in dem frühattischen Alphabet vor Einführung des h). Auch der von Sch. zitierte Christos
Karvounis, Aussprache und Phonologie im
Altgriechischen, Darmstadt 2008, bestätigt nur,
dass im Aeolischen und Böotischen die Monophthongierung früh einsetzte, aber nicht, dass diese
Dialekte das Lateinische beeinflusst hätten.
7)Gerhard Meiser, Historische Laut- und Formenlehre der lateinischen Sprache, Darmstadt 1998,
47-51.
8) Karvounis 57f.
9) So Sch. 2014, 144: wenn Quintilian (inst. or. I
7,18) schreibe: Ae syllabam, cuius secundam nunc
e litteram ponimus, varie per ae et i efferebant,
setze er die zeitgenössische griechische Aussprache voraus. Sch. 2014, 130 gibt zwar zu, dass
Priscian immer noch von Diphthongen rede, er
meine damit aber lediglich die orthographische
Konvention, nicht die längst erfolgte phonetische
Veränderung.
10) Terentius Scaurus, De orthographia (GL VII 16 K.,
vgl. die neue Ausgabe von F. Biddau, Collectanea
grammatica Latina 5, Hildesheim 2008, 129-134):
A littera praeposita est u et e litteris, ae au, … et
apud antiquos i littera pro ea scribebatur, ut testantur metaplasmoi, ut pictai vestis et aulai medio
pro pictae et aulae. Sed magis in illis e novissima
sonat, et propterea antiqui quoque Graecorum hanc
syllabam per ae scripsisse traduntur.
11) Terent. Maur. 379 unde diphthongos eas | Graeciae dicunt magistri, quod duae iunctae simul |
syllabam sonant in unam, vique gemina praeditae
| semper effectum duorum temporum custodiunt.
Gegen Jan-Willem Beck, ed. Terent. Maur. De
syllabis, Hypomnemata 102, 1993, 181-190, der
zwar auf die Inkonsequenz der Darstellung des
Terentianus Maurus hinweist, jedoch diese Stelle
im Sinne diphthongischer Aussprache interpretiert, beharrt Sch. 2014, 146ff., wegen 423 ἄλφα
164
semper atque ἰῶτα quem parant Graecis sonum (!),
a et e nobis ministrant: sic enim nos scribimus auf
lediglich diphthongischer Schreibung.
12) Priscian II 37: Sunt igitur diphthongi, quibus nunc
utimur, quattuor, diphthongi autem dicuntur, quod
binos phthongos, hoc est voces, comprehendunt.
Nam singulae vocales suas voces habent, et ae,
quando a poetis per diaeresin profertur, secundum
Graecos per a et i scribitur, ut aulai, pictai pro aulae
et pictae.
13) Marius Victorinus VI 32 item alio modo sunt
longae naturaliter syllabae, cum duae vocales
iunguntur, quas syllabas Graeci diphthongos
vocant, ut ae oe au eu yi. … Rursus duae inter se
vocales iugatae ac sub unius vocis enuntiatione
prolatae syllabam faciunt natura longam, quam
Graeci diphthongon vocant, veluti geminae (!) vocis
sonum, ut ae, oe, au.
14) Wilhelm Paul Corssen, Über Aussprache, Vokalismus und Betonung der lateinischen Sprache, 4
Bde. (Ndr. Hildesheim 2006), kritisiert von Sch.
2014, 160-164.
15) Sch. 2014, 141ff., erwähnt in seiner kritischen
Musterung der angeblichen Zeugnisse für eine
diphthongische Aussprache die meisten der im
folgenden vorgelegten Zeugnisse nicht oder
deutet sie in nicht überzeugender Weise wie die
lateinische Wiedergabe von σκηνή durch vermutetes [scina] und seine Rückverwandlung in
[scaena] oder [scena], und die angebliche Rückverwandlung von [kesar] in [Kaiser].
16) Zu den Diphthongen und dem Prozess ihrer
Monophthongierung Meiser 1998, 57-62, den
Schönberger 2014, 171, und 2016, 13, unangemessen kritisiert.
17) Quintil. inst. I 7, 11: Verum orthographia quoque
consuetudini servit ideoque saepe mutata est. ...
13: De mutatione etiam litterarum, de qua supra
dixi, nihil repetere hic necesse est: fortasse enim
sicut scribebant, etiam loquebantur.
18)Rudolf Wachter, Altlateinische Inschriften.
Sprachliche und epigraphische Untersuchungen
zu den Dokumenten bis etwa 150 v. Chr., Bern
1987, 277ff., bes. 283.
19)Gerhard Meiser, Historische Laut- und Formenlehre der lateinischen Sprache, Darmstadt 1998,
57-62.
20)W. Blümel, Untersuchungen zu Lautsystem
und Morphologie des vorklassischen Lateins,
München 1972 (Zusammenfassung 34ff.), auf
den sich Sch. stützt, setzt den Beginn der Mono­
phthongierung schon in die Mitte des 3. Jhs. v.
Chr. Aber seine Belege stammen fast ausschließlich aus Dialektgebieten und nur in ganz wenigen
Fällen aus dem ansonsten ja sehr inschriftenreichen Rom.
21) Varro l. L. 7,96: rustici pappum ‚mesium‘, non
‚maesium‘, a quo Lucilius scribit ‚Cecilius pretor
ne rusticus fiat.‘
22) Vgl. V. Väänänen, Introduction au latin vulgaire,
Paris 31981, 38: „Le parler urbain semble avoir
affecté d’articuler ae.“
23) Cic. de or. 3, 46: Qua re Cotta noster, cuius tu
illa lata, Sulpici, non numquam imitaris, ut Iota
litteram tollas et E plenissimum dicas, non mihi
oratores antiquos, sed messores videtur imitari.
24)Amina Kropp, defixiones. Ein aktuelles Corpus
lateinischer Fluchtafeln, Speyer 2008. Vgl. auch
die etwa gleichzeitige Inschrift aus dem spanischen Ampurias, Kropp dfx 2.1.1/1.
25)Kropp dfx 2.2.3/1.
26)Jürgen Blänsdorf, Die Defixionum Tabellae
des Mainzer Isis- und Mater Magna-Heiligtums,
Mainzer Archäologische Schriften 9, Forschung
zur Lotharpassage I, Mainz 2012: <ae> in DTM
2, 4, 6, 7, 15, <e>: DTM 5.
27) Sch. 2016, 15.
28) Vgl. W. Sidney Allen, Vox Latina. A guide to the
pronunciation of classical Latin, Cambridge 1965,
16-20.
29) Hierzu Sch. 2014, 174-180 und 2016, 15f.
30) Zum exspiratorischen Akzent Allen (s.o.) 83ff.
31)Zur Diskussion über die phonetischen Theorien
vgl. Leonhard R. Palmer, Die lateinische Sprache. Grundzüge der Sprachgeschichte und der
historisch-vergleichenden Grammatik (übers.
v. J. Kramer), Hamburg 1990, 235-237; zu den
Diphthongen 242f. und 246f.
32) Varro bei Sergius GL IV 528, Sch. 2010, 169, 171f.,
433-437.
33)Manu Leumann, Lateinische Laut- und Formenlehre, 1977, 238, scharf kritisiert von Sch. 2014,
166.
34) Seine Kritik an der bisherigen Akzentlehre in Sch.
2010, 171-177 und Sch. 2016, 16f.
35) Sch. 2010, 164: „Davon, dass die Schlusssilbe
keine Rolle spiele und der Akzent von der vorletzten Silbe aus gerechnet drei Moren zurücktrete,
kann keine Rede sein.“
36) Z. B. Nomina auf -a, -e, -o, -u, -l, -r, und ihre
Untergruppen wie -ax, -ex, -ix, -ox, -ux.
37) Sch. 2010, 163-167.
38) Sch. 2010, 49f., 164: „Drei- und mehrsilbige
Wörter werden im Lateinischen somit nach qualitativ anderen Regeln akzentuiert als zweisilbige,
was wohl am besten mit dem Umbau eines älteren
Betonungssystems zu dem des klassischen Lateins
zu erklären ist.“
39) Sch. 2016, 16.
Jürgen Blänsdorf, Mainz
Zeitschriftenschau
A. Fachwissenschaft
Im Folgenden werden Beiträge von Oliver
Schelske (München), Ryan Scheerlinck
(München), Wilfried Stroh (München),
Fabian Zogg (Zürich) und Karsten C. Ronnenberg (Köln) aus den Zeitschriften Gymnasium und Museum Helveticum zu den
Themenfeldern Herodot, Senecas De clementia,
Fortschrittsvorstellungen der Antike, Appendix
Vergiliana und Hieronymus’ Vulgata vorgestellt.
Einen neuen Blick auf den pater historiae,
Herodot, wirft Oliver Schelske in dem Aufsatz „Herodots ‚Metahistory‘ im Kontext von
Sophistik und Rhetorik“ in Heft 123/1 (2016) der
Zeitschrift Gymnasium, S. 25-44. Ausgehend von
der These Hayden Whites vom poetisch-dichterischen Charakter von Geschichtsschreibung
nimmt Schelske drei Aspekte des herodoteischen Werkes näher in den Blick: zunächst den
literarisch-erzählerischen Charakter von Herodots Werk (27-34), dann seinen „Relativismus“
gegenüber dem historischen Geschehen (34-39)
und schließlich die Einheit von Autorreflexion
und historiographischem Schreiben (39-44). In
Bezug auf den ersten Aspekt arbeitet Schelske
zunächst als Innovation Herodots die Einordnung der Ereignisgeschichte in einen sinnvollen
Erzählzusammenhang heraus. Dabei thematisiert
er die Wahl der schon länger etablierten Prosa
für „Schriften mit rationalisierender Tendenz“
(29f.) und stellt die neue Form der Darstellung
in Zusammenhang mit der narratio der Gerichtsrede, der sophistischen Erzählung (z. B. Prodikos’
Herakles am Scheideweg) und den berühmten
165
Musterreden des Gorgias (Helena, Palamedes).
Diesen Kontext (Gerichtsrede, sophistische
Erzählung) sieht er auch durch die Distanzierung von den „Logographen“ in Thukydides’
Methodenkapitel bestätigt (34). In Hinblick
auf den Relativismus führt er am Beispiel der
Begründung von Kambyses’ Ägyptenfeldzug
(Hdt. 3,1-3) noch einmal Herodots bekannte
Praxis der Präsentation unterschiedlicher Varianten an und verbindet dies mit der Praxis der
Argumenthäufung in Gorgias’ Helena-Rede.
Wie Schelske darlegt, bleiben das Ausgangsgerüst und die Argumentationsrichtung stets
dieselben – Kambyses ist nicht aufgrund kluger
Beratung, sondern aus emotional-affektiven
Gründen gegen Ägypten in den Krieg gezogen
–, so dass Herodot die Geschichte nicht manipulieren, sondern „unterschiedliche Erklärungen in
Form von Erzählungen“ (39) anführen möchte.
Dies leitet zum letzten Aspekt über, wo Schelske
noch einmal hervorhebt, dass Herodot im Sinne
Whites auch ein Geschichtsphilosoph ist, insofern
die „Erstellung der Erzählung“ zugleich eine entsprechende Deutung derselben mit sich bringt,
aber die Spezifik der Deutungsmöglichkeit durch
den Betrachter und das Nebeneinander unterschiedlicher Erklärungen und Varianten „eher im
zeitgenössisch-sophistisch-rhetorischen Umfeld“
als einer Geschichtsphilosophie im engeren Sinne
begründet liegt.
Im selben Heft setzt sich Ryan Scheerlinck
in dem Aufsatz „Zur Intention von Senecas
De Clementia“ (S. 45-72) mit der Rhetorik des
römischen Philosophen in der Schrift auseinander und möchte deren philosophischen Unterbau
herausarbeiten. Dabei zeigt er, dass Seneca dem
Nero keineswegs in schmeichlerischer Absicht
die Tugend der clementia zuweist, sondern die
Leidenschaften, insb. die Angst, des princeps
instrumentalisiert, um ihm den Anschein von
clementia, die Urteilskraft und Einsicht eines
weisen Beraters benötigt, zu geben und so dem
Gemeinwesen zu nützen (63). Dabei arbeitet
Seneca bewusst mit „Ambiguitäten und Ambivalenzen“ für ein doppeltes Publikum: einerseits
Nero und andererseits die Senatoren (56). Für
die letzteren soll die Schrift in ihrer eigenartig
dialogischen Struktur vorführen, „wie ein Berater
166
mit einem Herrscher umzugehen habe, um Erfolg
zu haben, und d. h. wie Seneca selbst in dieser
Schrift mit Nero umgeht“ (57). Nach Scheerlinck
ist das eigentliche Thema der Schrift demnach
„die Konfrontation der beiden Lebensweisen des
Tyrannen und des Philosophen und der Versuch,
eine rationale Begründung der Überlegenheit der
philosophischen Lebensweise zu erbringen“ (71).
Passend zu den Olympischen Spielen geht der
bekannte Münchner Latinist Wilfried Stroh
unter dem Titel „Citius altius fortius? Was die
Antike über den Fortschritt dachte“ in Heft 123/2
(2016) der Zeitschrift Gymnasium (S. 115-144),
einer interessanten mentalitätsgeschichtlichen
Frage nach. Nachdem er kurz auf Geschichte und
Kritik des Begriffs „Fortschritt“ in der Neuzeit
eingegangen ist (116-120), kommt er ausgehend
von der Frage, ob es überhaupt eine antike Vokabel für „Fortschritt“ gibt ‒ diskutiert werden
ἐπίδοσις und προκοπή im Griechischen, progressio und progressus im Lateinischen (120f.) ‒,
zu einer Reihe antiker Texte, die er nun hinsichtlich der Fragestellung teils in chronologischer,
teils thematischer Anordnung auswertet. Seine
Auswahl beginnt mit dem berühmten ersten
Stasimon von Sophokles’ Antigone (πολλὰ τὰ
δεινὰ κτλ.), das er im Kontext des Stückes mit
ironischem Unterton liest, geht dann zurück zu
Hesiods Prometheus- und Weltalter-Erzählung,
weiter zur Darstellung der Weltalter in Ovids
Metamorphosen (127-129) und schließlich zu
„Horaz und der kynischen Fortschrittskritik“
(129-131). Diesen Texten mit größtenteils pessimistischer Sicht (Deszendenztheorie), stellt er
im Folgenden Texte mit einem partiell positiven
Ansatz gegenüber, angefangen von Xenophanes
und [Aischylos’] Prometheus (131-133), weiter
über Demokrit, Platon und Lukrez (133-136) bis
zu stoisch geprägten Texten (137-139). Insgesamt
kommt er dabei zu dem Ergebnis, dass der Antike
nur die Vorstellung einer „partiellen Fortentwicklung“ in Wissenschaft und Technik, nicht
aber die „eines universellen Fortschritts“ (115)
bekannt war. Bevor er den Aufsatz mit einem
Rückbezug auf die Gegenwart schließt, geht er
noch einmal der Frage nach, ob die Antike „vom
Fliegen träumte“ (139-141). Dies beantwortet
er in Hinblick auf die mythologischen Figuren
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167
Hermes, Perseus und Daedalus negativ. Ersterer
sei „berufsbedingt“, Perseus, um Andromeda
von dem Untier retten zu können, und Daedalus schließlich aus Not wegen mangelnder
Alternativen geflogen. Flugmaschinen seien
dagegen erst im Mittelalter entworfen worden
(Elmericus, Roger Bacon) und spätestens 1783
auch durch die „Montgolfière“ erfolgreich vom
Boden abgehoben. Erst zu diesem Zeitpunkt sei
die Formel „Traum vom Fliegen“ geschaffen und
„in die Antike zurückprojiziert“ worden. Am
Ende schlägt der selbst ökologisch engagierte
Autor (139) mahnend statt des olympischen
Citius altius fortius die Divise Tardius humilius
lenius in Hinblick auf unseren Umgang mit dem
Fortschritt vor.
Von den ganz großen Schriften und Themen
zu den kleinen Gedichten, die in der Appendix
Vergiliana unter dem Namen Vergils laufen,
kommt Fabian Zogg in dem Aufsatz „ut Homerus, sic Vergilius. Zur Vergil-Zuschreibung der
im 1. Jh. n. Chr. bezeugten Gedichte aus der
Appendix Vergiliana“ in Heft 72/2 (2015) der
Zeitschrift Museum Helveticum (S. 207-219).
Zogg geht darin den Gründen dafür nach, weshalb kaiserzeitliche Autoren wie Martial, Statius
und Quintilian Gedichte aus der heutigen Appendix als vergilisch anführten. Bei seiner Untersuchung beschränkt er sich auf die Testimonien
für das Kleinepos Culex und das 2. Epigramm
aus dem Catalepton, die als einzige von den
angeführten Autoren bereits im ersten nachchristlichen Jahrhundert bezeugt werden. Als
entscheidende Faktoren für die Entstehung dieser
vergilischen Pseudepigrapha sieht Zogg 1) die
frühe Kanonisierung von Vergil als Schulautor,
2) das aus Vergils Berühmtheit resultierende
Interesse an seiner Biographie, 3) die Meidung
von Anonymität in bestimmten Kontexten, konkret die Wertsteigerung und Kontextualisierung
anonymer Werke durch Zuweisung an einen
bekannten Autor und 4) den frühen Vergleich
Vergils mit Homer (209). Für den Culex arbeitet
er dabei vor allem das biographische Interesse
an der Zeit vor der Publikation der Bucolica
und den Homer-Vergleich heraus, insofern der
168
Culex in den Testimonien stets als Jugendwerk
angeführt (Mart. 8,55 [56],19f.; 14,185; Stat. silv.
1 praef. 7-9; 2,7,73f.; Suet. vita Lucani p. 50) und
darüber hinaus meist in Beziehung zur (pseudo-)
homerischen Batracho(myo)machie gesetzt wird
(Mart. 14,183-186; Stat. silv. 1 praef. 7-9). Bei
dem Epigramm, das einzig Quintilian (8,3,27f.)
erwähnt und zitiert, fehlt zwar der Hinweis
auf ein Jugendwerk, aber Quintilian hebt auch
sonst mehrfach die Ähnlichkeit zwischen Vergil
und Homer hervor, so dass ein Grund für die
Zuschreibung des Epigramms an Vergil bei dem
Redelehrer ‒ nach Zogg ‒ in der Nähe des Epigramms zu den homerischen Epigrammen der
pseudo-herodoteischen Vita Homeri sowie dem
Margites gelegen haben könnte (217).
Einen interessanten Einblick in die Entstehungsgeschichte der lateinischen Bibelübersetzung des Hieronymus in Auseinandersetzung mit
der paganen Mythologie gewährt schließlich der
Aufsatz „Giganten und Sirenen in der Vulgata:
Griechischer Mythos in der lateinischen Bibel
des Hieronymus“ von Karsten C. Ronnenberg
im Heft 73/1 (2016) der Zeitschrift Museum
Helveticum (S. 78-96). Wie Ronnenberg aufzeigt,
hat Hieronymus die mythologischen Namen teils
aus „Traditionsdruck“ und aufgrund mangelnder
Alternativen (z. B. bei den Gestirnsnamen Arktur,
Orion, Hyaden und Plejaden) aus der griechischen Septuaginta übernommen, teils hat er sie
aber auch bewusst beseitigt. Auffällig ist nun, dass
Hieronymus an den Stellen, an denen er auch im
Lateinischen die Bezeichnungen gigantes und
sirenae beibehalten hat, in seinen exegetischen
Schriften häufig in Auseinandersetzung mit den
entsprechenden paganen Narrativen (Gigantomachie, Odysseus bei den Sirenen) zeitgenössische
Bezüge zu häretischen Richtungen in der Kirche
herstellt. Als weiteren Grund für die Beibehaltung
dieser Begriffe in Hieronymus’ Bibelübersetzung
sieht Ronnenberg daher neben „Traditionsdruck“
und „mangelnden sprachlichen Alternativen“
ihren argumentativen Wert in den zeitgenössischen theologischen Auseinandersetzungen
(96).
Stefan Weise
B. Fachdidaktik
AU 2/2016: Religion. „Seit einigen Jahren spricht
man von einer massiven Rückkehr der Religion“
(S. 8) erklärt Peter Kuhlmann im Basisartikel
(„Religion im griechisch-römischen Kulturraum“,
S. 2-9), ohne dies weiter zu belegen, doch bedarf
das Thema für einen AU-Band ohnehin keiner
großen Rechtfertigung. Im ansonsten sehr gehaltvollen Basisartikel weist Kuhlmann zunächst
darauf hin, dass die Antike keine Entsprechung
für unseren modernen Begriff „Religion“ kennt,
„obwohl oder gerade weil religiöses Handeln den
Alltag antiker Menschen in umfassender Weise
prägte“ (S. 2). Durch Kontrastierung antiker
Konzepte von Religion (lokale Gebundenheit,
orthopraxer Charakter, rein kultische Aufgaben
der Priester etc.) mit modernen Vorstellungen
und Ausformungen (Kirche als eigenständige
Institution, der Pfarrer als Seelsorger etc.)
erhielten Schüler nicht nur Zugang zu einschlägigen antiken Texten, sondern auch Kompetenz
für den modernen theologischen oder auch
religionskritischen Diskurs. – Im Praxisteil stellt
Tamara Choitz „Die großen Heiligtümer von
Olympia und Delphi“ vor (S. 10-19). Zu Olympia
gibt es Recherche-Aufgaben unterschiedlichen
Formats, die anlässlich der Sommerspiele in Rio
in den Unterricht einge­schoben werden sollten.
Arbeit an Originaltexten ist nicht vorgesehen,
der Aspekt Olympias als Kultort spielt nur eine
untergeordnete Rolle. Auch im Abschnitt zu
Delphi bleibt die Religion eher ein Aufhänger:
Im Mittelpunkt stehen, neben einigen Recherche-Aufgaben, 17 Orakelsprüche (überwiegend
griechisch, mit Übersetzung). Die interessante
ergänzende Auflistung „Folgeereig­n isse der
Orakelsprüche“ kann den Schülern deren
Wirkungsmacht verdeutlichen, auch im negativen
Sinne (Kroisos, Pyrrhos). – In einem weiteren
Beitrag „Die Religion der Germanen und Gallier
aus Sicht der Römer“ (S. 20-23) lässt Tamara
Choitz die Darstellung des Druiden Miraculix
in den Asterix-Bänden (auch dem neuesten:
„Der Papyrus des Caesar“, 2015) mit den Druiden-Kapiteln des Bellum Gallicum (6,13-14)
und Passagen bei Plinius dem Älteren (16,
249ff.) vergleichen. Während man bei Plinius
ganz konkret fündig wird (weißes Gewand,
goldene Sichel, Mistelschneiden auf Eichen,
Brauen von Tränken), übt Miraculix keine der
von Caesar beschriebenen Tätigkeiten von Druiden im Be­reich Gerichtsbarkeit, Religion und
Unterrichtung der Jugend wirklich aus. Für eine
Ergänzung der Caesar-Lektüre bietet sich dieser
Ansatz also durchaus an, doch scheint es fraglich,
ob mit dem neuen Asterix-Band „der kleine
Gallier und seine Freunde […] wieder für die
heutige Schüler-Ge­neration präsent“ sind (S. 20)
und man somit eine besonders große Motivation
voraussetzen darf. – Einen interessanten Vergleich von Tacitus’ Be­schreibung der Religion
der Germanen (Germania 9,10; ferner 39,40,43;
Annalen I,61) und der germanischen Kultstätte
in Niederdorla (Thüringen) schlägt Angelika
Dams-Rudersdorf vor („Die Opferplätze von
Niederdorla“, S. 24-26). Literarische Darstellung
und historische Realität sollen in zwei Gruppen
untersucht und dann verglichen werden (Kultstätten, Götterdarstellung, Opfer). Als Ergebnis wird
erwartet, „dass Tacitus’ Bericht teils die Gegebenheiten korrekt wiedergibt – zumindest im Kern –,
teils aber auch nicht zutrifft oder nur zum Teil“
(S. 26, Details ebd. im Kasten unten). Das klingt
kompliziert und ist es auch. Ein Beispiel: Tacitus
behauptet (Germania 9), dass die Germanen ihre
Götter nicht in ullam humani oris speciem darstellen, doch wurden in Niederdorla Idolfiguren und
Pfahlgötter gefunden. Sicherlich ist der Oberstufenunterricht kein Hochschulseminar, doch
sollte er im Sinne wissenschaftlicher Propädeutik
auch hier zumindest ansatzweise eine Diskussion und Bewertung der Ergebnisse fordern und
begleiten: Vereinfacht Tacitus bewusst, um seine
Leser nicht zu überfordern? Steht er als Historiker
in antiker ethnographischer Tradition und gibt
somit eine eher schablonenhafte Darstellung
fremder Völker? Ist er zu sehr in der römischen
Vorstellungswelt befangen? Sind seine Quellen zu
ungenau? – Benedikt Simons lässt Schüler im
Rahmen einer gespielten Senatssitzung die Frage
verhandeln, ob der (orgiastische) Kybelekult in
Rom eingeführt werden soll, wie es 204 v. Chr.
während der Auseinandersetzung mit Hannibal geschah („Die Einführung des Kybelekults
in Rom“, S. 27-33). Grundlage für beide Parteien
sind Livius 29,10,4-13,11 (als AB aufbereitet)
169
und einschlägige Wikipedia-Artikel. Die Befürworter übersetzen zudem einen Bericht über
die „erfolgreiche“ Überführung des Aeskulap
205 v. Chr. (Livius 10, 476f.). Ein Filmausschnitt
(TV-Serie „Rome“ [Hinweis: auch auf YouTube])
und ein weiterer Text (Prudentius, Peristephanon 10, 1016-1040, zweisprachig) geben Einblick
in den grausigen Taurobolium-Ritus des Magna-Mater-Kultes. Eine ergiebige Schüler-Debatte
wird hier allerdings nur nach gründlicher Vorbereitung der Schüler und Steuerung durch die
Lehr­kraft (Simons S. 30ff.) gelingen. – Stephan
Flaucher stellt „Das Carmen saeculare des
Horaz. Ein ‚Jahrhundertlied‘ “ vor (S. 34-39).
Durch Lektüre und Interpretation sollen die
Schüler für die „Verknüpfung von Dichtung,
Religion und Politik“ (S. 34) sensibilisiert werden.
Schwerpunkte bilden dabei die Verbindung von
Liedstruktur und Festprogramm (Ludi saeculares
17 v. Chr.), die besonderen Rollen von Diana und
Apollon sowie der Charakter als „augusteisches“
Gedicht (Vergleich mit Aen. VI 755ff., 851ff.).
– Zur Beschäftigung mit dem Einfluss nicht-römischer Götter rät Matthias Laarman („Die
Verehrung der Göttin Isis im Römischen Reich“,
S. 40-46). Hier wird das Bittgebet des Lucius an
Isis aus Apuleius’ Metamorphosen (11,2,1-7,
kolometrisch aufbereiteter Text) durch Aufgaben zur transphrastischen Vorerschließung, eine
Liste „Gattungstypische Elemente des antiken
Hymnus“ (S. 45) und ein detailreiches pompejanisches Fresko zum Isis-Kult für den Unterricht
aufbereitet. Zu den übrigen Textstellen und religionsgeschichtlichen Ausführungen fehlt allerdings ein didaktisches Konzept. – Für die Lektüre
nach Platons Apologie des Sokrates oder dem
Eutyphron ist Iven Grossmans Unterrichtseinheit „Nicht an (diese) Götter glauben. Religionskritik und Atheismus im 5./4. Jh. v. Chr.“
(S. 47-53) vorgesehen, die sich mit religions­
kritischen Positionen verschiedener griechischer
Autoren auseinandersetzt (Xenophanes, Kritias u. a.). Allerdings gibt der Beitrag, von zwei
Arbeitsblättern abgesehen, nur überblicksartig
Hinweise zur Textauswahl und ihrer Behandlung
im Unterricht. Das vollständige Material muss
„per Mail beim Autor angefordert werden“ (S.
48). – Fazit: Die Beiträge berühren wichtige und
170
interessante Aspekte antiker Religion. Die Chance
einer Aktualisierung, etwa im Zusammenhang
mit der Islamismus-Debatte (Un­kennt­nis, Vor­
urteile, Angst gegenüber fremden Religionen),
wurde jedoch verpasst.
AU 3/2016: Digitale Medien. Angesichts der
rasanten Entwicklung auf dem Gebiet digitaler
Medien war es für diesen Band höchste Zeit (der
letzte zum Thema „Neue Medien“ erschien vor 14
Jahren). Im Basisartikel „Digitale Medien im alt­
sprachlichen Unterricht“ (S. 2-7) stellen Thomas
Doepner und Marina Keip zunächst fest, dass
von den vier Dimensionen der Medienkompetenz
– Medienkunde, Mediengestaltung, Medienkritik
und Mediennutzung – vor allem letztere für den
altsprachlichen Unterricht Bedeutung hat, die
anderen eher im fächerübergreifenden Kontext
eine Rolle spielen können. Es folgt eine kurze
Darstellung der Themen, mit denen sich die
neun Einzelbeiträge des Bandes befassen (Übersetzungsautomaten, Lernplattformen, ICMM u.
a.). Darüber hinaus sehen Doepner und Keip im
Bereich „Elektronische Wörterbücher“ revolutio­
näres Potenzial für den Lateinunterricht, wenn
entsprechende Apps (Alpheios, Navigium) zum
Einsatz kommen, die neben der Übersetzung
auch eine Formenbestimmung bieten. – Im
Praxisteil rät Florian Bartl zum „Einsatz von
Übersetzungsautomaten im Lateinunterricht“
(S. 8-10). Die Übersetzung von Phaedrus I, 1
durch Google Translate zeigt zunächst vor allem
die Schwächen eines Übersetzungsprogramms,
doch sollen die Vorstrukturierung der Eingabe
und nachträglicher stilistischer Feinschliff das
Sprachgefühl der Schüler fördern. Ob das Programm damit zur seriösen Übersetzungshilfe
wird, sei dahingestellt (verbesserte Google-Version: „Warum, das Wasser schlammig für mich
trinken?“), doch die empfohlene eine Unterrichtsstunde im Jahrgang 8 bringt den Schülern
jedenfalls Spaß und „entzaubert“ zudem Google
Translate. – Stefan Voss sieht in einer internetbasierten Lernplattform das Medium, in dem sich
Schüler „niederschwellig über Unterrichtsthemen austauschen und einander helfen können“
(S. 11), angefangen von Eselsbrücken bis hin zu
komplexen Glossareinträgen („Das Moodle-Lernforum im Anfangsunterricht Latein“, S. 11-14;
mit ausführlichen Hinweisen zur Einrichtung
eines Moodle-Forums). – Mit Moodle lässt sich,
wie Christian Reindl zeigt, auch die verbreitete
Übungssoftware Hot Potatoes (Kreuzworträtsel,
Zuordnungsübungen u. a.) sinnvoll verbinden.
So kann die Lehrkraft den Erfolg der Schüler
bei einzelnen Übungen kontrollieren und dies
zur individuellen Förderung nutzen („Fördern
und Diagnostizieren mit einer Lernplattform“,
S. 15-19). – „Die Einführung der Vorzeitigkeit
im AcI mittels Lernvideos“ möchte Dirk Weidmann mit Hilfe des Inverted Classroom Mastery
Model (ICMM) umsetzen (S. 20-27). Das Prinzip:
„Die Lernenden eignen sich unter Rückgriff auf
unterschiedliche (digitale) Medienformate sowie
unter Berücksichtigung ihres Lerntyps geeignete
Fachinhalte im eigenen Lerntempo an und kontrollieren ihren Erkenntnisgewinn mithilfe von
Selbsttests, bevor die neu erarbeiteten Inhalte im
Unterricht gemeinsam vertieft und angewendet
werden“ (S. 20). Dazu entwickelt Weidmann ein
ambitioniertes und materialreiches Konzept für
zwei Unterrichtsstunden mit Ablaufplan, YouTube-Videos, Arbeitsblättern, Online-Selbsttests,
Tandem-Bogen und binnendifferenzierendem
Material. Allerdings scheint gerade für ICMM das
sachlich richtige, aber wenig inspirierende YouTube-Video zum AcI nicht die optimale Lösung.
Sorgfältiger formuliert werden müsste zudem der
Lückentext (Umformung zum dass-Satz): „ …
wohingegen der Infinitiv zu einem finiten Verb
wird. Wörter, die innerhalb eines AcIs stehen,
werden im Deutschen auch im AcI-Teil übersetzt“ (S. 25). – Dietrich Stratenwerth hat
einen Arbeitsbogen entwickelt, mit dem Schüler
ab Klasse 5 am Beispiel des Themas „römischer
Triumphzug“ zur sicheren und sauberen Internet-Recherche angeleitet werden sollen („Suchet!
Doch werdet ihr auch finden?“, S. 28-31). Im
Hinblick auf spätere schriftliche Arbeiten sollte
man bereits hier auf den besonderen Umgang mit
wörtlichen Zitaten hinweisen. Ansonsten hat der
Bogen sicherlich eine positive, da disziplinierende
Wirkung. – Ines Ladehof zeigt, wie Schüler
eigene Lesevorträge mit dem Programm Audacity
aufnehmen und durch Musik und Geräusche
unterlegen können (Textgrundlage: Aeneis IV,
252-263). Dabei werden Schüler wie Lehrer
durch ausführliche Anleitungen unterstützt.
Schade, dass es kein Beispiel eines gelungenen
Vortrags als Download gibt („Interpretierender
Lesevortrag in Latein“, S. 32-35). – Eine Ergänzung der Übersetzungsarbeit prae, dum und
post stellt Sebastian Krinner vor: „Tabulae
moveantur! Bildverfilmung im altsprachlichen
Unterricht“ (S. 36-42). Mit PowerPoint oder
dem Programm PhotoFilmStrip bereiten Schüler
geeignete, einen Übersetzungstext illustrierende
Bilder (etwa Historiengemälde) als Bildsequenz
auf. Dies verlangt nicht nur Kreativität, sondern
vertieft auch das Textverständnis. Dabei sollen
die Schüler auch Untertitel und Ton verwenden
sowie „sprachliche in filmische Stilmittel übersetzen“ (S. 36). Die Beispiele auf S. 38 leuchten
allerdings nicht alle unmittelbar ein: Entspricht
dem „Gesetz der wachsenden Glieder“ wirklich
ein „Zoom-out“? Wie schon bei Ladehof hätte
man sich ein Beispiel gewünscht. – Eher an Einsteiger richtet sich Lars Thodes Beitrag „Tabula
candida. Anwendungsmöglichkeiten des interaktiven Whiteboards für eine schülerorientierte
Spracharbeit“ (S. 43-47). Das Whiteboard macht
das bisherige Medien-Arsenal aus OH-Projektor,
Beamer, Filmgerät, Landkarten, CD-Player usw.
überflüssig. Neben den vielfältigen Möglichkeiten
für die Formen- und Textarbeit (etwa durch
Visualisierung und Beschriftung; verschiebbare
Text- und Graphikelemente) stellt Thode auch
SMART-Software vor (v. a. spielerische Übungsformen). Bei aller spürbaren Begeisterung fehlt
nicht der warnende Hinweis, dass das Whiteboard „zur Verstärkung des Frontalunterrichts
verleitet“ und deshalb „richtig eingesetzt“ (S. 47)
werden muss, also: durchdacht und wohldosiert.
– Im Magazin hat Dennis Gressel „Apps für
den altsprachlichen Unterricht“ zusammengestellt und kurz beschrieben (S. 48-53), fast alle
für Android und Apple. Hier eine Auswahl der
insgesamt 14 Apps mit ihrer Hauptfunktion: Explain everything: Texte und Bilder zoomen, drehen,
markieren; MindNode: MindMaps erstellen; Bitsboard und Quizlet: Spielerische Wortschatzarbeit;
Phase 6: Vokabelabfrage (Vokabeln fast aller
modernen Lehrwerke verfügbar); Sofatutor:
Lernvideos. – Fazit: Digitale Medien müssen im
altsprachlichen Unterricht, will er modern und
171
attraktiv bleiben, eine wachsende Rolle spielen.
Dieser AU-Band greift mit seinen Beiträgen
informativ und anregend wichtige Bereiche und
Aspekte zum Thema auf. Er sollte in keiner Lehrerbibliothek fehlen.
Roland Granobs
Gymnasium, Heft 123/1 (2016) enthält folgende
Beiträge: A. Patay-Horváth: „Ein neuer Vorschlag zum Ursprung der Olympischen Spiele“,
1-24. – O. Schelske: „Herodots ‚Metahistory‘ im
Kontext von Sophistik und Rhetorik“, 25-44. – R.
Scheerlinck: „Zur Intention von Senecas De
Clementia“, 45-72. – K. Brodersen: „Sonnenuhren bei Cetius Faventinus“, 73-84. M. Cetius
Faventinus schuf im 3. Jh. n. Chr. ein kleines
Werk über Privatarchitektur, an dessen Schluss
er zwei Sonnenuhren – horologium Pelignum und
hemicyclium – vorstellt. In Auseinandersetzung
mit dem letzten Einzelartikel dazu zeigt der Beitrag, dass beide Uhren, wie vom antiken Autor
angekündigt, nach derselben ratio gestaltet sind.
Das Pelignum erweist sich dabei nicht etwa als
horizontale, sondern – wie das hemicyclium –
als einfache vertikale, nach Süden ausgerichtete
Sonnenuhr mit Gnomon; bei letzterem wirft ein
Lichtöhr seine Markierung nicht etwa auf ein
halbkugelförmiges (hemisphaerium), sondern –
wie beim Pelignum – auf ein halbkreisförmiges
(eben hemicyclium) flaches Ziffernblatt. Die
Angaben des Cetius Faventinus zu beiden Uhren
erweisen sich damit als konsistenter und genauer
als bisher angenommen.
In Heft 123/2 (2016) sind zu lesen: Z. Adorjáni: „Nochmals zu dichterischen Etymologien.
Pind. O. 2,53-56 und Bakchyl. 13,228-231“,
105-114: In diesem Beitrag werden zwei durch
Formen von ἔτυμος angekündigte poetische
Etymologien, d. h. Volksetymologien mit dichterischem Potenzial, bei Pindar und Bakchylides
untersucht. Bei Pind. O. 2,53.56 geht es um die
Verbindung des Wortes φώς/ἀνήρ mit Licht, bei
Bakchyl. 13,228-231 um die Assoziation der Muse
Kleio mit κλέος und λαός. Somit werden die
betreffenden Textstellen um neue Bedeutungsnuancen bereichert und das etymologische Spiel
als sinnstiftendes poetisches Ausdrucksmittel bei
den Chorlyrikern in ein schärferes Licht gerückt.
172
– W. Stroh: „Citius altius fortius? Was die Antike
über den Fortschritt dachte“, 115-144.
Im Titelthema der Zeitschrift Antike Welt
3/2016 geht es um „Schlaf, Träume und Traumdeutung“. In den Kulturen des Altertums wurde
Träumen bekanntlich eine große Bedeutung
beigemessen, die sich in zahlreichen Facetten
der Kulturgeschichte niedergeschlagen haben.
Es gab verschiedene Ebenen der Annäherung
an den Traum: vom individuellen Erleben,
über religiöse und säkulare Deutungen bis
hin zum Einsatz in der ‚Politikberatung‘, wie
der Heidelberger Ordinarius für Assyriologie,
Stefan Maul, es formulierte. An der Kulturarbeit am Traum beteiligten sich in der Antike
alle gesellschaftlichen Schichten. In „Traum
und Traumdeutung in der klassischen Antike“
(13-19) führt Christine Walde ein und stellt
die vielfältigen Formen der Traumdeutung vor,
die gerade in den letzten 20 Jahren verstärkt ins
Zentrum altertums- und kulturwissenschaftlicher Forschung gerückt sind. – Nach dem
Modell von Epidauros – „Persönliche Begegnung mit dem Gott“ – wiesen viele Heiligtümer
der griechischen und römischen Antike einen
mit dem Tempel verbundenen heiligen Bezirk
mit Altar, Brunnen und abgeschiedener Inkubationshalle auf, die eine Vielzahl von Liegeplätzen für das Ritual des Heilschlafs bot. Die
Ergebnisse aktueller altertumswissenschaftlicher
Untersuchungen stellt Annemarie Ambühl
vor: „Der antike Asklepios-Kult – Heilung im
Traum“ (20-24). – Der Klassische Archäologe
P. Schollmeyer wendet sich dem Schlaf im
Athen des 5. Jhs. v. Chr. aus einer ganz anderen
Perspektive zu: „Schlaf und Erotik. Die etwas
andere Traumfrau“ (25-30). Wie kommt es,
dass erotische Szenen auf Symposiongeschirr
häufig eine schlafende Mänade zeigen, die von
Satyrn belästigt wird? – Zum Abschluss des
Titelthemas macht Christine Walde mit dem
bekanntesten Vertreter der Traumdeutung in
der Antike bekannt, Artemidor von Daldis: „Ein
Leben für die Traumdeutung – Artemidor und
seine Oneirokritika“ (31-39). Auf seinen weiten
Reisen durch das Imperium Romanum, die ihn
auch nach Rom führten, erforschte er die verschiedenen Traumdeutungsmethoden.
Die Sonderausstellung „Nero – Kaiser, Künstler
und Tyrann“, die bis zum 16. Oktober 2016 im
Rheinischen Landesmuseum in Trier gezeigt
wird, ist Anlass für die Wahl des Titelthemas
„Nero“ in Heft 4/2016 der Zeitschrift Antike
Welt. Kaum ein römischer Kaiser weckt – wie
die Ausstellung belegt – so viel Interesse wie
Nero (54-68 n. Chr.). Lange Zeit erfreute er sich
bei der Bevölkerung großer Beliebtheit. Erst mit
zunehmender Regierungsdauer verlor er den
Bezug zur Realität. Überraschende Forschungsergebnisse zeigen den Herrscher, dessen Name
bislang oft mit maßloser Verschwendungssucht,
Größenwahn und Grausamkeit verbunden wird,
dabei in anderem Licht.
In den jungen Kaiser, der 54 n. Chr. die
Herrschaft antrat, setzte die Bevölkerung des
Römischen Reiches große Hoffnungen. Auch der
spätere Kaiser Trajan soll laut einer spätantiken
Überlieferung die ersten fünf Regierungsjahre
Neros als vorbildhaft gelobt haben. Wo lässt sich
also die Bruchlinie ziehen, die das negative Image
des Kaisers bis heute geprägt hat? Die strengen
Normen der römischen Nobilität, der mos maiorum, gaben einen engen Rahmen für den jungen
Kaiser vor, von dem er sich ganz offensichtlich
nicht auf Dauer einengen lassen wollte. Erste
zaghafte Versuche, die Grenzen auszutesten bzw.
zu überschreiten, wurden bald von eindeutigen
Brüchen mit der Tradition abgelöst, die für
immer mehr Skandale sorgten. Unser Bild der
Regierungszeit Neros wird hauptsächlich von
schriftlichen Quellen geprägt, die sehr viel später
entstanden. Doch was erlauben die Texte von
Zeitgenossen des Kaisers für Rückschlüsse auf
die römische Gesellschaft und ihre Vorstellungen
in der Zeit von 54 bis 68 n. Chr.? Interessante
Schlaglichter können unseren Blick korrigieren. In einer Welt, in der Loyalitäten stark mit
traditionellen Vorstellungen verbunden waren,
verlor Nero bald fast den kompletten Rückhalt
in den unterschied­lichen Gesellschaftsschichten:
Die Senatoren, das Militär, die Einwohner Roms
und der Provinzen wandten sich von Nero ab.
Fünf Autoren widmen sich Nero und seiner Zeit:
Katharina Ackenheil: „Neros Herrschaftsantritt 54 n. Chr. – Der Beginn ‚goldener Zeiten‘“
(8-12). – Korana Deppmeyer: „Die Kunst der
Verfehlung – Kaiser Nero auf Abwegen“ (13-19).
– F. Unruh: „Herrschaft oder Selbstbeherrschung
– Neros Zeit im Blick der Zeitgenossen“ (20-25).
– Maria Carmen d’Onza: „Germanische Body­
guards – Leibgar­disten am kaiserlichen Hof in
Rom“ (26-29). – L. Schwinden: „Der ‚Bataveraufstand‘ – Rheintruppen, Treverer und Bataver
in der Krise nach Neros Ende“ (30-34). – „Das
Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. ‚Aut
prodesse volunt ...‘“ - darüber schreibt K. Bartels
in der Rubrik „Geflügelte Worte“ (97).
Heft 1/2016 der Zeitschrift CIRCULARE
zeugt von den vielseitigen Aktivitäten der
österreichischen Klassischen Philologen. „Der
neue Lehrplan aus Latein“ und der Stand der
Entwicklung wird thematisiert von R. Glas
und R. Oswald (2f). – „Die aktuelle Situation
des Unterrichts in den klassischen Sprachen in
Österreich“ beleuchtet F. Lošek (4-6). – J. Pfeifer
berichtet vom „XXVIII. Certamen Olympicum
Latinum et Graecum“, der 28. Bundesolympiade
in Drosendorf an der Thaya (NÖ) vom 18.-22.
April 2016 (S. 3-5, Seitenangaben falsch angegeben); den Festvortrag bei dieser Veranstaltung
hielt K. Smolak: „Der Ciceronianus des Erasmus
von Rotterdam: Ein europäischer Modellfall“
(6-10). – Lisa Kos stellt die Fortsetzung der
Grazer Latein-Zeitschrift Quodlibet vor: „1,2,3
– Das QUODLIBET schlüpft (wieder) aus dem
Ei!“ (11f; vgl. http://das-quodlibet.jimdo.com). –
Renate Oswald wirft einen Blick in ein Buch
von Klaus Bartels, das längst zum Standardwerk
geworden ist und mehrere Dutzend Auflagen
erlebt hat: „Habent sua fata libelli – Das ‚Veni vidi
vici‘ fünfzig Jahre alt“ 816). – Von der „2. Tagung
zur Didaktik der alten Sprachen in Österreich
– Forschung und Praxis im Dialog, Salzburg 27.28. Februar 2016“ (17) berichtet M. M. Bauer;
die nächsten Jahrestagungen finden in Graz und
Innsbruck statt. – W. J. Pietsch erinnert in einem
Nachruf an den „einfühlsamen Lateinlehrer“ und
„eifrigsten und fruchtbarsten Übersetzer antiker
Literatur der Steiermark“, an Franz Loretto: „In
memoriam Franz Loretto“ (19).
Zwei fachdidaktische Artikel findet man in der
Zeitschrift Die Alten Sprachen im Unterricht
Heft 1/2016: Verena Hupf: „Binnendifferenzierung als Aufgabe anhand von Caesars De bello
173
Gallico 1,27f.“ (7-25). – Christine Stadler:
„Texterschließung in Latein – ein alternatives
Schulaufgabenkonzept“ (26-42).
Erschienen ist im Frühjahr 2016 der Band 17
von PRO LINGUA LATINA des gleichnamigen
Aachener „Vereins zur Förderung der Lateinischen Sprache in Schule und Öffentlichkeit“ im
Umfang von 194 Seiten und einer Auflage von 400
Exemplaren (vgl. http://www.pro-lingua-latina.
de/pll17.htm). Das vollständige Inhaltsverzeichnis
finden Sie hier: http://www.pro-lingua-latina.de/
index_htm_files/Inhaltsverzeichnis%20PLL-17.
pdf. Das neueste Heft zeugt wie alle vorherigen
vom beeindruckenden Engagement des Vereins
und seiner Mitglieder. Fünfzehn Beiträge von
mehr als 40 seien hier genannt: Am Anfang
steht ein Nachruf auf Renate Kronauer, die
als Mitbegründerin und langjährige Vorsitzende
entscheidend am Aufbau des Vereins beteiligt
war und am 30. Januar 2016 nach schwerer
Krankheit in Berlin verstorben ist. – H. Krüssel,
der die Kunst des Chronogramm-Schreibens
wiederbelebt hat, sammelt solche Kleinkunstwerke seiten­w eise (6-15). – R. Henneböhl
schreibt über „Amor und Psyche. Kreativität im
Lateinunterricht“, ein Werk, das in der Rezeptionsgeschichte eine ungeheure Wirkung entfaltet
hat (23-30). – Th. Kadelbach berichtet von
einer ungewöhnlichen Entdeckung: „Vergils
Signatur in der ‚Aeneis‘ entdeckt. Wasserzeichen
der Poesie“ (31f): „Angesichts der Tatsache, dass
die Aeneis während mehr als zweitausend Jahren
gelesen, kommentiert und interpretiert wurde,
erscheint die Vorstellung einer völlig neuen
Entdeckung in diesem klassischen Text auf den
ersten Blick wenig wahrscheinlich. Genau eine
solche will aber der Tessiner Philologe Cristiano
Castelletti gemacht haben ... In einer kürzlich in
der Fachzeitschrift Museum Helveticum veröffentlichten Studie zeigt er, wie sich in den ersten
vier Zeilen des Epos die Signatur des Dichters
in Form eines Akrostichons identifizieren lässt
– das heißt als Figur, in der die ersten und (in
diesem Fall) die letzten Buchstaben mehrerer
174
Verszeilen ein Wort, einen Namen oder einen
Satz ergeben. ... Das Akrostichon enthüllt sich,
wenn die ersten und letzten Buchstaben der vier
Verse in jeweils abwechselnder Richtung gelesen
werden: A STILO M(aronis) V(ergili) – ‚aus dem
stilus (Griffel) des Vergil Maro‘.“ (31) – Es folgt
die wissenschaftliche Darstellung der These eines
Signum Vergili Maronis: C. Castelletti: „Following Aratus’ plow. Vergil’s signature in the Aeneid“
(33-42). – Abgedruckt ist die Facharbeit von Alexandra Herbst: „Die Kunst der Verdächtigung.
Tacitus und die Rolle Neros beim Brand Roms“
(43-53). – H. Krüssel berichtet von einer Exkursion zum Bodensee und nach St. Gallen unter der
Überschrift „Auf Schatzsuche auf der Reichenau“
(55-61). – Über diese Reise gibt es noch weitere
Beiträge: J. Baumgarten: „‚Wenn Bücher Recht
haben‘. Zeugnisse der Rechtsentwicklung in
Handschriften der Stiftsbibliothek St. Gallen –
Eine Ausstellung“ (63-67). – H. Krüssel: „Eine
Rekonstruierung der Tituli von St. Georg. Ein
beeindruckendes rätselhaftes Bildprogramm
auf der Reichenau“ (68-74). – H. Krüssel: „Aus
kleinen Verhältnissen zum Poeten der Reichenau.
Ein Einblick in das poetische Wirken Walahfrid
Strabos“ (77-85). – Weitere Beiträge sind unbedingt zu nennen, etwa „Ein Leben für Latein.
Ein bewegtes Leben von Harry Schnur“ (86-94)
und „Ut per nos infra fiat divina voluntas. Harry
Schnurs Widerstand gegen die Banalität des
Bösen im Eichmannprozess“ (95-105), beide von
H. Krüssel. – Vom selben Autor: „Fass ohne
Boden. Gedanken zum Ursprung eines europäischen Stichwortes. Eine Spurensuche bei Ovid
und Horaz“ (122-133). – Drei Schülerarbeiten
seien noch genannt: Antonia L. Hinze: „Catos
Kampf gegen die Lex Oppia (Livius 34,1ff.). Die
Rolle der Frau in der römischen Gesellschaft und
heute“ (143-150). – Ceylan Karadaş: „Cicero –
ein begnadeter Selbstdarsteller der Antike und ein
Vorbild für heute?“ (151-157). – J. Kühle: „Die
Flüchtlingskrise. Eine Neuauflage der Völkerwanderung im Römischen Reich?“ (159-163).
Josef Rabl
Besprechungen
Oliver Schütze (Hg.): Kleines Lexikon griechischer
Autoren, Stuttgart (J.B. Metzler) 2015. 176 S., EUR
16,95 (ISBN 978-3-476-02706-1).
Oliver Schütze (Hg.): Kleines Lexikon römischer
Autoren, Stuttgart (J.B. Metzler) 2015. 176 S., EUR
16,95 (ISBN 978-3-476-02707-8).
Die hier anzuzeigenden, ansprechend gestalteten und handlichen Bände reihen sich in gleich
mehrfacher Hinsicht ein: zum Einen gehören sie
in die bekannte Großfamilie lexikalischer Handbücher des Stuttgarter Metzler Verlages zu (u. a.)
Sprache (hg. v. H. Glück, 42010), Literatur (hg.
v. G. & I. Schweikle 32007), Philosophie (hg. v.
Prechtl / F.-P. Burkard, 32008), Antike (hg. v.
K. Brodersen / B. Zimmermann, 22006) und
Antiker Literatur: Autoren-Gattungen-Begriffe
(hg. v. B. Zimmermann 2004), zum Anderen in
eine von dieser ausgehenden Untergliederung, die
‚Basisbibliothek Antike‘, und stehen dort neben
dem „Kleinen Lexikon mythologischer Figuren der
Antike“ oder der „Kleinen Einführung in die Altertumswissenschaft“. Zugleich sind sie unmittelbare
Ableger von „Metzlers Lexikon antiker Autoren“
aus dem Jahr 1997, indem durch den Herausgeber
aller dreier Lexika O. Schütze aus den dort versammelten 460 Artikeln eine für die griechische
wie römische Literatur repräsentative Auswahl von
Texten zu den wirkmächtigsten Schriftstellern des
Altertums veranstaltet worden ist.
Beide Sammlungen verstehen sich ausdrücklich (S. 176) als Lesebücher, und somit ist auf jede
Form wissenschaftlichen Apparates (Fußnoten,
Literaturangaben, Indices) ebenso verzichtet wie
auf Einleitung oder zusammenfassende Schlussworte – hierfür ist wiederum auf den gemeinsamen ‚großen Bruder‘ verwiesen sowie die
einschlägigen Literaturgeschichten von A. Lesky
(31971) bis M. v. Albrecht (32012). Notwendigerweise bleiben die Ergebnisse der jüngsten Forschung (Homer) bei Texten, welche einem 1997
erschienenen Gesamtwerk entstammen, unberücksichtigt und sind auch nicht nachträglich
mehr eingearbeitet worden. Die Verfasser/innen
der Porträts zeichnen ihre Autoren (Sappho
ist der einzige weibliche ‚Leuchtturm‘ – dafür
haben wir im „Lexikon antiker Autoren“ LAA
noch Korinna oder Praxilla) mit erkennbarer
Sympathie, um sie einem offenkundig avisierten
breiteren Leserkreis zur Lektüre zu empfehlen.
Die Auswahlen umfassen 30 (LGA) bzw. 27
(LRA) Artikel von zwischen 2 und 12, im Schnitt
4 Seiten. Die Spanne der Literaten reicht bei ‚den
Griechen‘ vom Gründungsvater Homer bis zu den
Romanciers Longos und Heliodor ins 2./3. Jh.,
bei den Römern (man vermisst auch im kleineren Kreis den ersten Nationaldichter Ennius)
von den Bearbeitern der hellenistischen Neuen
Komödie bis zum spätantiken Boethius. Fachschriftsteller (Vitruv; Grammatiker und Rhetoren) sind demnach nicht vertreten, christliche
Autoren (Clemens von Alexandria, Laktanz),
Apologetik (Tertullian), Patres Graeci (Eusebios von Cäsarea) und Latini (Augustinus)
erforderten wiederum ein eigenes „Kleines Lexikon der … “ Vor- und Nachsokratik sind zu stark
fragmentiert; Ausflüge ins lateinische oder byzantinische Mittelalter unterbleiben. Die einzelnen,
in alphabetischer, also nicht chronologischer
oder gattungstheoretischer Folge angeordneten
Essays lesen sich ausgesprochen gut und flüssig;
sie geben Aufschluss über die Lebensumstände,
aus denen heraus die Schriftsteller sprechen,
über (vermutet) subjektiv-Autobiographisches
im Umfeld der römischen Elegie, über die
politischen Umbrüche für Alkaios auf Lesbos
(Kampf der Adelspartei um ihre Vormacht), über
die gesellschaftliche Situation für Polybios und
Terenz in der neuen ‚Heimat‘ (Scipionenkreis),
und sie führen anhand der Hauptpunkte des
literarischen Schaffens werkbeschreibend und
interpretierend auch in deren jeweilige Weltsicht
samt Rezeption bis in die Moderne ein, etwa die
Humanität eines Terenz homo sum: humani nil a
me alienum puto (LRA, S. 153). Der Gedichtkranz
der älteren Sulpicia im 3. Buch des Corpus Tibullianum, die sich im Literatenzirkel ihres Onkels
(und Gönners Tibulls) Messala Corvinus
bewegte, bleibt unerwähnt (aber LAA, S. 675 f.);
Maecenas und sein Kreis werden für Vergil (S.
166), Horaz (S. 40) und Properz (distanziert,
175
S. 111) jedenfalls angesprochen. Die Triádes der
attischen Tragiker, der Geschichtsschreibung
beiderseits, der Elegiker in Rom sind vertreten,
die Beredsamkeit in Athen bloß durch Demosthenes: als Stilisten wie als Zeitzeugen wären
Lysias und Isokrates durchaus Desiderata.
Mithin stehen am Beginn der Artikel (exemplarisch hierfür sogleich derjenige zu Aischylos LGA, S. 11-18) die mehr oder weniger
gesicherten Daten zu Herkunft und Werdegang
der beschriebenen Autoren – soweit nicht in
besonderer, spezieller Art wie bei Cicero mit
dem Werk verwoben – , gefolgt von Merkmalen
der literarischen Gattung, welcher sie angehören,
sowie der Stellung des eigenen Tuns darin, ferner
seiner Wirkung. Dessen Inhalt und Charakteristik bildet im Wesentlichen dann den Kern der
Darstellung: die Leserschaft wird deutend eingeführt in die Daseinskonflikte des griechischen
Dramas, mitgenommen durch die Personalia
der Ilias, die Wechselfälle des Odysseus, die fata
des pius Aeneas, wird den verfassungskritischen
und ethischen Grundfragen der hellenistischen
Philosophie in Ciceros Oeuvre gegenübergestellt
– um literarische Kephálaia hier nur anzureißen.
Abschließend ist jeweils das Weiterleben der
antiken Motive in Mittelalter wie Neuzeit ausgeleuchtet. Daneben ‚kleinere‘ Formen: die Bukolik
mit Theokrit und Vergil, ohne Calpurnius
Siculus oder Nemesian; Kallimachos folgend
die Neoterik mit Catull, das Epigramm mit Kallimachos und Martial (die Anthologia Palatina
gehört nicht in diesen Rahmen); satura quidem
tota nostra est (Quint. X 1, 93) – mit Horaz (S.
39-41) und Juvenal. Als Klammern zwischen
LGA und LRA böten sich der griechisch schreibende Historiker (und Staatstheoretiker) Roms
Polybios oder Horaz als römischer Alkaios (S.
20) an.
Eine jede Aus w a h l hinterlässt notwendig
die Frage nach dem, was oder wen sie aus l ä s s t :
nach Theognis oder Solon, nach Bakchylides,
nach Varro oder dem älteren Plinius, nach Persius, Ammianus Marcellinus, Claudian ? Das
ist müßig. Die ‚wichtigen‘ Namen sind zu lesen,
die geistigen Strömungen in ihren gattungsmäßigen Ausdrucksformen in beiden Sammlungen
durch deren markanteste Vertreter bezeichnet,
176
und die griechische wie die römische ist getreu
dem Anliegen der zahlreichen Verfasser/innen
auf eine gefällige und stets zugängliche Weise
dazu angetan, die Beschäftigung mit ‚ihren‘ Autoren anzuregen und zu befördern.
Michael P. Schmude, Boppard
J. Blänsdorf, Vorträge und Aufsätze zur lateinischen
Literatur der Antike und des Mittelalters, Studien
zur klassischen Philologie. Hrsg. Von M. von Albrecht, Bd. 170, Peter Lang Verlag: Frankfurt/M.
2015. EUR 79,95 (ISBN 978-3-631-66648-7).
Jürgen Blänsdorf (B.), Professor emeritus
der Universität Mainz, versammelt in dem zu
rezensierenden Band 25 Vorträge und Aufsätze,
die entweder zuvor in einer anderen Sprache
(Englisch, Französisch) oder an abgelegener Stelle
oder gar nicht publiziert wurden. B. verfolgt nach
eigenen Angaben das Ziel, Zugangsweisen zu
antiken und mittelalterlichen Texten mit Hilfe der
Textlinguistik oder der Erzählforschung vorzustellen, aber auch einen Beitrag dafür zu leisten,
die öffentlich geführte Diskussion über Sinn
und Zweck des Faches Latein weiter zu führen
und ihre „Engführung“ zu überwinden (Vorwort). Dabei vertritt B. die Auffassung, dass sich
das Erlernen der lateinischen Sprache nur dann
lohne, wenn die Dichter Catull, Vergil und
Ovid sowie die Prosaautoren Cicero, Seneca
und Tacitus im Unterrricht behandelt werden.
Dies ist ein hochgestecktes Ziel, denn zumindest
Autoren wie Vergil und Tacitus wird der Durchschnittsschüler (5 Jahre Unterricht) kaum im
Original lesen können. Was wäre die Alternative?
Soll man dann gar nicht das Fach Latein belegen?
Latein ist ein multivalentes Fach und der Wert des
Unterrichts hängt nicht von der Lektüre einzelner
Autoren ab, obwohl es natürlich wünschenswert
ist, die genannten Schriftsteller im Unterricht zu
behandeln.
Erfreulich ist das Faktum, dass B. nicht nur
klassische antike römische Autoren vorstellt,
sondern auch solche des Mittelalters, die sich
der lateinischen Sprache bedienten. Zu einem
modernen Lateinunterricht gehört nach Meinung
des Rezensenten selbstverständlich auch die Lektüre neulateinischer Texte, denn diese bieten das
größte Textcorpus in lateinischer Sprache.
Einige Beiträge befassen sich mit Schriften
Ciceros („Cicero erklärt dem Volk die Agrarpolitik“, 83ff.; „Ciceros Anthropologie und Sozialtheorie“, 101ff.; „Römische Staatstheorien“, 119ff.),
mit historischen Fragestellungen („Biographische
Exkurse in der antiken Geschichtsschreibung“,
133ff.; „Kollektive Unterwürfigkeit und stoischer
Widerstand bei Tacitus“, 299ff.; „Nero im 15. und
16. Buch der Annales des Tacitus“, 319ff.) und
mit Beobachtungen zur römischen Komödie
(„Witz – Würde –Wucht. Wirkungsqualitäten
antiker, spätantiker und mittelalterliches lateinischer Versarten“, 9ff.; „Überlegungen zu einer
Übersetzung des Plautus“, 25ff.; „Eine Komödie
der Hoffnungen und Enttäuschungen“, 67ff.).
Darüber hinaus hat sich B. intensiv mit Vergil
und Ovid beschäftigt („Die Friedensdebatte
in Vergils Aeneis“, 149ff.; „Erzähltechnik und
psychologische Darstellungskunst in Ovids
‚Metamorphosen‘“, 163ff.; „Deutungsschichten
in Ovids Sagenerzählungen“, 181ff.). Auch das
literarische Genos der Fabel hat das Interesse
von B. gefunden („Hermeneutische Probleme
der Fabeln des Phaedrus“, 205ff.). Philosophische
Fragestellungen stehen in folgenden Beiträgen im
Vordergrund: „Schwierigkeiten mit dem Glück“,
247ff.; „Lebensgenuss oder Pflichterfüllung?“,
271ff.). Einem sehr komplexen Text gilt folgender
Beitrag: „Petrons literarische Universalität und
die Anthropologie der Satyrica“, 289ff. B. widmet
seine Aufmerksamkeit auch religiösen Fragestellungen: „Die Welt der Götter in der römischen
Dichtung“, 231ff. und „Götterkult und Verehrung
Gottes“, 335ff.. Da B. auch als Spezialist von
Inschriften gilt, hat er dieses Sujet beachtet und
Informationen über „Alte und neue Inschriften des römischen Mainz“, 359ff. geliefert. Der
Infrastruktur widmet B. ebenfalls einen Beitrag:
„Drei römische Dichter über Straßenbau und
Reiseverkehr“, 375ff.. In die Welt des Mittelalters
entführt B. die Leser mit zwei Beiträgen: „Der
Ruodlieb – ein mittelalterliches Stände- und
Wertepanorama“, 399ff. und „Ein Kreuzzugsepos
in Vagantenstrophen“, 401ff.. Seine Interpretation
von jüngst gefundenen Pergament-Fragmenten
stellt B. in folgendem Beitrag vor: „Griechen –
Römer – Araber in Pergament-Fragmenten der
Martinus-Bibliothek“, 415 ff..
Da in einer kurzen Rezension naturgemäß keine
tiefgreifenden Beobachtungen zu einzelnen Beiträgen gemacht werden können, habe ich zumindest die Titel aufgeführt, um dem Leser einen
kleinen Eindruck von der Vielfalt der Themen zu
vermitteln, und werde ganz kurz auf drei Beiträge
etwas näher eingehen.
Mit den Satyrica hat Petron ein außergewöhnliches Opus geschaffen, das als hochliterarisches Kunstwerk gelten darf. B. vermochte
nachzuweisen, dass fast alle poetischen Gattungen und auch die in Prosa Berücksichtigung
fanden. Er vertritt die Auffassung, dass Petron
die Haupthandlung und die Episoden nach dem
Zufallsprinzip angeordnet hat und folgt demnach
„der Realität des Lebens, in der sich immer die
Absichten und der bloße Zufall mischen“ (295).
Außerdem ist es B. zufolge dem antiken Autor
gelungen, in den Satyrica Aspekte des gesamten
römischen Lebens zu präsentieren. Die Erkenntnisse B.’s sind durch umsichtige Analysen und die
Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur
entstanden. Konsequenterweise sollte das Hauptwerk Petrons wieder verstärkt im Lateinunterricht gelesen werden.
In seinem Beitrag über Nero arbeitet B.
heraus, dass „Tacitus die Schilderung so gestaltete, dass das Scheitern schon im Beginn einer
Unternehmung angelegt scheint und dass die
Gründe dafür durch die direkte Bewertung
durch den Historiker oder seine Methode des
impliziten Autorenkommentars – durch den Kontrast zwischen Absicht und Erfolg – erkennbar
werden“ (323). B. steht in einer langen Tradition
in der negativen Beurteilung dieses Kaisers, z.
B.: „Niemals zog er aus irgendeinem Fehlschlag
eine Lehre“ (330) oder: „Die Schilderung der
Zuschauer, die nicht wagten, den Schauplatz zu
verlassen, damit der Kaiser seinen Beifall erhielt
(ann. XVI,5,2), erinnert an makabre Praktiken
des Stalinismus“ (332). Am Ende seines Beitrags
listet B. eine Reihe von Gründen des Scheiterns
auf (333f.). Die Organisatoren der Ausstellung:
„Kaiser, Künstler und Tyrann“ in Trier (14.0516.10.2016) versuchen dagegen, ein Gesamtbild
dieses Kaisers zu präsentieren und nicht den
Tyrannen und grausamen Christenverfolger
und größenwahnsinnigen Brandstifter in den
177
Vordergrund zu rücken, sondern ihn auch als
Schauspieler, Musiker, Politiker, Bauherr und
Selbstdarsteller zu charakterisieren (vgl. auch den
zur Ausstellung publizierten Katalog).
Einige Druckfehler sollten bei einer Neuauflage korrigiert werden; S. 148: La méthode
historique des Polybe (richtig: de); S.221: Nachilfe,
richtig: Nachhilfe; S. 311: Niccoló Macchiavelli,
richtig: Niccolò; S. 334: Schmidt, E.A., Die Angst
der Mächtigen in den Annalen des Tacitus, WSt
16, 1982, 274, richtig: 274-287; S. 375: Théophile
Gautier (1811-182), richtig: 1882; S. 377: Zwölftafelgesetz, das auf das 4. Jh. v. Chr. zurückgeht,
richtig: 5. Jh. v. Chr.; S. 385: des im Jahr 43 ermordeten C. Julius Caesar, richtig: 44; S. 414: es fehlt
der Vorname bei Wentzlaff-Eggebert: F.- W..
Etwas gewöhnungsbedürftig sind folgende
Sätze, S. 222: „Phaedrus agiert geradezu vor, wie
er…“; S. 325: „Er überlegte immer wieder über die
Provinzen des Orients“; S. 380f.: „Und das Fahren
waren nicht schnell, sondern die Radscheiben
verlangsamten die behinderte Reise“.
Der Begriff „Stichwortverzeichnis“ müsste
eigentlich ersetzt werden durch Fundstellenverzeichnis (441ff.), denn die Angaben enthalten im
Wesentlichen Hinweise auf Autoren und Textstellen, über die B. im Buch Aussagen getroffen hat.
Die Behauptung, Cato sei ein Griechenhasser (S.
120), hat Dietmar Kienast in seiner Dissertation
bereits im Jahr 1954 überzeugend widerlegt (Cato
der Zensor. Seine Persönlichkeit und seine Zeit.
Mit einem kritischen durchgesehenen Neuabdruck
der Redefragmente Catos. Heidelberg 1954).
Insgesamt kann festgestellt werden, dass die
Beiträge zahlreiche Facetten der römischen
Kultur und der lateinischen Literatur in Antike
und Mittelalter vorstellen und verschiedene
Methoden des Faches präsentieren. Aufgrund
seiner großen Belesenheit und Kenntnisse
vermag es B., Anregungen zur weiteren Beschäftigung mit den genannten Autoren und Texten zu
bieten. Ihm gelingt es, auch unter Einbeziehung
des jeweiligen Forschungsstandes, das Interesse
des Lesers zu wecken. Dieses Buch sollte jeder,
der sich für die lateinische Literatur in Antike und
Mittelalter interessiert, in der privaten Bibliothek
haben.
Dietmar Schmitz
178
Arbogast Schmitt: Wie aufgeklärt ist die Vernunft
der Aufklärung? Eine Kritik aus aristotelischer
Sicht. (Studien zu Literatur und Erkenntnis, hrsg.
von J. Küpper u. a., Bd. 7). Heidelberg 2016, 472
S., EUR 42,- (ISBN 978-3-8253-6461-8).
Wenn der Epochenstreit um die Legitimität
der Neuzeit ungeachtet aller inzwischen vorgenommenen Differenzierungen und Relativierungen im Ganzen wohl noch immer als gegen
die Antike und das Mittelalter entschieden gilt,
so könnte der Titel des neuen Buches von Arbogast Schmitt (S.) für nicht wenige Leserinnen
und Leser in gewisser Weise durchaus provokant
erscheinen. Ist es doch gerade die aufgeklärte
Vernunft, die im allgemeinen Bewusstsein genau
den Punkt markiert, hinter den es ein Zurück
nicht geben könne, von der sich das Überlegenheitsgefühl der Neuzeit und Moderne gegenüber
anderen Epochen oder auch Kulturen herleitet.
Das Buch ist aber, auch wenn es mit großem
Engagement und gewollt parteiisch sein Anliegen
verfolgt, durchaus nicht in polemischer Absicht
geschrieben. Es nimmt vielmehr die unbestrittenen Begründungsprobleme zahlreicher neuzeitlicher und moderner Positionen gerade auch auf
dem Gebiet der Erkenntnistheorie zum Anlass
einer kritischen Prüfung und stellt die Frage, ob
Aristoteles’ differenzierte und substantielle
Analysen zum Thema einen Beitrag zu einem
konsistenten Vernunftbegriff leisten, der es wert
ist, nicht nur in einem historischen Sinne, sondern sacherschließend in die Diskussion eingebracht zu werden, der sich gegebenenfalls sogar
als überlegen erweist (43). S. hält eine solche
Auseinandersetzung in der Sache für möglich
unter der Voraussetzung, dass man „das auffällige Andere und Fremde“, „die voraufgeklärte
Vernunft nicht einfach zur Vorgeschichte der
aufgeklärten“ (14) macht und nicht lediglich oder
auch nur vorrangig unter dem Gesichtspunkt
betrachtet, was in Bezug auf die Errungenschaften
der Neuzeit / Moderne „noch nicht“ oder „auch
schon“ erreicht sei.
Da es sich hierbei um ein gewaltiges Vorhaben
handelt, das mehr als 2000 Jahre Philosophiegeschichte und eine Fülle darin verhandelter
komplexer Probleme sowie eine kaum noch zu
überblickende Forschung in den Blick nimmt, gehe
ich im Rahmen der Rezension zunächst auf S.s
Analysen und Darstellung der aufgeklärten Vernunft ein und kann die Kritik daran, die S. zufolge
aus aristotelischer Perspektive anzubringen wäre,
nur exemplarisch von wenigen ganz grundsätzlichen Aspekten anzudeuten versuchen. Die vielen
Aspekte aristotelischen Philosophierens, die S.
darüber hinaus umfassend erschließt und entfaltet,
darzustellen, bedürfte einer eigenen Rezension.
Als Mitte der Selbstdefinition der Aufklärung wird man ohne Zweifel die Auffassung
benennen können, dass in ihr – im Gegensatz
etwa selbst zu Aristoteles, der Denken immer
noch wie einen äußeren Gegenstand betrachtet
habe – zum ersten Mal ein präzises Verständnis
dessen entwickelt worden sei, was die Vernunft
zur Vernunft mache, was sie von sich selbst her
sei, also ein wissenschaftlich korrekter Begriff der
Vernunft überhaupt sowie die souveräne Verfügung des Individuums über ihren Gebrauch. Um
diesen und den aristotelischen Vernunftbegriff
in ein sachliches Verhältnis zueinander setzen
zu können, rekonstruiert S. zunächst in subtilen
Interpretationen den durchaus nuancierten Vernunftbegriff der Aufklärung, indem er in den
unterschiedlichen Positionen das Gemeinsame
aufspürt und festhält (v. a. die Kapitel IV – VIII,
53 – 90). Demnach wird in der Aufklärung der
Weg der Erkenntnis von etwas als Überführung
von dunklen und undeutlichen in klare und deutliche Vorstellungen beschrieben oder, wie es seit
Christian Wolff heißt, von unbewussten in
bewusste, als ein Weg vom konfus Wahrgenommenen zum distinkten Begriff. Dieser Übergang
vollzieht sich auf dem Weg der (bewussten)
Vergegenwärtigung der zunächst nur passiv rezipierten Sinnesdaten, verlässt also die Dimension
der Vorstellung nicht, so dass schließlich Vorstellung bzw. Bewusstsein und Denken gleichgesetzt
werden konnten. S. charakterisiert diese Position
deshalb wie in seinem Buch über die Moderne
und Platon1 als Vorstellungsphilosophie.
Soll dieser Erkenntnisvorgang, nach dessen
Abschluss das erkennende Subjekt über das, was
ihm anfangs in unbestimmter Weise einfach gegeben war, jetzt in reflexiv gewonnener, methodisch
kontrollierter Form verfügt, erfolgreich beschritten werden können, ist er an eine entscheidende
Voraussetzung gebunden, zeitigt Konsequenzen
und führt zu nicht wenigen Problemen.
Wesentliche Voraussetzung ist, dass die
Gegenstände, die dem Erkennenden gegeben
sind, bereits alle Bestimmungen ihres Begriffs in
sich enthalten müssen, das Einzelding somit zum
wohlbestimmten Gegenstand wird, das Ding zur
Sache. In diesem Zusammenhang beleuchtet S.
Duns Scotus’ erheblichen Anteil an dieser Konstruktion (81-90). Die Konsequenz aber dieses
Ansatzes ist, dass die Aufgabe und Tätigkeit der
Vernunft auf die nachträgliche Verarbeitung des
sinnlich Gegebenen eingeschränkt und auf eine
formale Leistung reduziert wird: trennen, gliedern, zusammensetzen, einen usw. Zu den bis
heute nicht abgetragenen Hypotheken gehören
die kategoriale Trennung des Menschen in rein
passiv-rezeptive Vermögen und den ausschließlich spontan-aktiven Bereich des Bewusstseins,
zählen u. a. die Fragen, wie aus Sinnesdaten, die
den Wahrnehmungsapparat treffen, durch die
Reflexion auf den Prozess der bewussten Vergegenwärtigung ein konkreter Gegenstand konstituiert werden kann, zumal unter Anwendung
der immer selben Kriterien auf die Vielzahl der
Gegenstände, und welche subjektiven Überformungen dabei auftreten und ob der ganz klaren
Vorstellung im erkennenden Subjekt überhaupt
etwas in der äußeren Wirklichkeit entspricht; klar
und deutlich lässt sich auch gänzlich Unsinniges
ins Bewusstsein heben.
Im neunten Kapitel (91- 04) zeigt S., dass die
aufgeklärte Vernunft kaum den Anspruch erheben kann, eine kategorial neue Sichtweise in die
Diskussion eingebracht zu haben, sondern sich in
beachtlicher Nähe zur antiken Stoa befindet, die
mit den zentralen Theorieelementen der Katalepsis und Synkatathesis eine zumindest analoge
Erkenntnistheorie entwickelt habe.
Was nun die Kritik aus aristotelischer Perspektive, die S. insbesondere ab dem 12. Kapitel
(111ff.) von vielen Aspekten in eingehenden
Interpretationen entwickelt, betrifft, kann sie
im Rahmen der Rezension, wie erwähnt, nur in
wenigen Grundelementen zur Darstellung gelangen.
Sie setzt schon beim korrekten Verständnis
der Wahrnehmung und ihrer Leistung an. Ihr –
179
wenn auch nur konfuse – Gegenstandserkenntnis
zu attestieren, bedeute ihre Überforderung, ihre
Überlastung, da ihr nur Farbe, Töne, Gerüche und
dgl. zugänglich seien. Will man hingegen erkennen, was genau der Gegenstand ist, auf den sich
das Erkennen richtet, müsse man nach Aristoteles
sein Vermögen (Dynamis) und seine Leistung
(Ergon, Energeia) ermitteln, da nur daran eine
Sache erkannt werden könne, was dann nur als
eine rein intelligible Leistung zu verstehen ist.
Während also in der Bewusstseinsphilosophie
im Erkenntnisvorgang die Vernunft das in der
Anschauung Gegebene nachträglich bearbeite,
unterschieden nach Aristoteles’ Wahrnehmung
und Denken am selben Einzelding Unterschiedliches. Schon hier ist deutlich, dass Denken sich
bei Aristoteles in der Rekonstruktion von S. nicht
als mentale Repräsentation auffassen lässt, sondern sein Grundakt das Unterscheiden (krinein)
ist, das Unterscheiden von etwas Bestimmtem.
Dieses bestimmte Sein ist damit zugleich das
Kriterium, der innere Maßstab, an dem sich das
Denken immer schon orientiert und orientieren
muss. Es dürfte zugleich einsichtig sein, dass
damit bei Aristoteles eine Reflexion auf die Möglichkeiten und die Leistung der Vernunft vorliegt,
die das Denken nicht von außen erhält, sondern
aus sich selbst heraus entfaltet, und die insofern
dem aufgeklärten Vernunftbegriff zumindest
ebenbürtig ist. Offenkundig wird indes eine weitere Schwäche des bewusstseinsphilosophischen
Ansatzes: die Überschätzung der Bedeutung der
Vorstellung für den Erkenntnisakt, denn bewusst
vergegenwärtigt, ins Bewusstsein gehoben
werden kann ja nur, was zuvor unterscheidend
erkannt wurde.
Ist der Grundakt des Denkens als Akt des
Unterscheidens von Bestimmtem richtig begriffen, erscheinen viele Aporien des aufgeklärten
Vernunftbegriffs in anderem Licht. So sei beispielsweise von diesem Ansatz her die vielfach
beklagte Kluft zwischen innen und außen, die
Subjekt-Objekt-Spaltung bereits im direkten
Wahrnehmungsakt überwunden, wenn man
beachte, dass nicht die Materie, sondern z. B. bei
der Tonwahrnehmung das, was an dieser Materie
hörbar ist (die bestimmte Ordnung der Schwingung), wahrgenommen werde. Vom aristote180
lischen Verständnis her schließt sich diese Kluft
indes nicht nur hinsichtlich der unmittelbaren
Wahrnehmung, sondern auch im Bereich des
Begriffs, wie das 18. Kapitel (327-332) einsichtig
macht.
Bereits diese wenigen Aspekte verleihen S.s
Hinweis (z. B. 65) Plausibilität, dass die Einwände
gegen den aufgeklärten Vernunftbegriff keineswegs zu einer Anklage des Denkens überhaupt
führen sollten.
Die bei Aristoteles aufgewiesene Selbstreflexivität des Denkens, die Wendung des Denkens auf
sich selbst, verfolgt S. im Folgenden insbesondere
in Bezug auf das Widerspruchsaxiom, den Satz
vom zureichenden Grund und die Kategorien
(Kap. 15, 139-213) sowie die Ermittlung des (wissenschaftlich) Allgemeinen (Kap. 16, 215-311).
Die intensiven Analysen der z. T. hochkomplexen
und viel diskutierten Probleme in diesem Kontext
verlangen den Leserinnen und Lesern ein hohes
Maß an Konzentration ab, die dafür – sozusagen
als Ausgleich – eine reiche Ernte an Einsichten
einfahren. Ich greife das Widerspruchsaxiom
heraus. In Abwehr von Missverständnissen
und Fehldeutungen (z. B. „leerer Mythos“ (S.
K. Daya), „moralische“ Forderung an die Welt
(Nietzsche), scheinbare Widerlegung durch
die Überwindung der zweiwertigen Logik) führt
S. den Nachweis, dass der Widerspruchssatz für
Aristoteles ein Prinzip des Denkens darstellt,
sozusagen eine Forderung des Denkens an sich
selbst, an dem es sich immer schon orientiert und
das jeder Erfahrung vorausliegt. Die Schlüssigkeit ergibt sich aus der Beachtung der korrekten
Anwendung: Nicht die Einzelgegenstände, die
unter einen Begriff fallen sollen, sondern die
Erkenntnisgegenstände sind auf den Widerspruchssatz zu beziehen. Dies verstanden erweist
sich auch die Unhintergehbarkeit des „Ich denke“
bei Descartes als scheinbare, da es bereits die
Gültigkeit des Widerspruchsaxioms voraussetzt.
Die bisherigen Bemerkungen möchten im Nachzeichnen von S.s beeindruckenden Analysen und
Kritik der aufgeklärten Vernunft sowie der Skizzierung der Grundzüge einer Unterscheidungsphilosophie im Sinne des Aristoteles nachdrücklich für die Lektüre des Buches werben. Gerade
Aristoteles’ Akzentuierung des Präsentischen
im Denken als Unterscheiden, das eben nicht in
den Bereich des Irrationalen abgedrängt werden
muss, weil es nicht bewusst vollzogen wird, stellt
eine enorme Bereicherung des aktuellen Vernunftdiskurses dar.
Das Buch enthält – das soll wenigstens im
Vorbeigehen angemerkt werden – zahlreiche
beachtenswerte Hinweise darauf, wie Aristoteles’ axiomatisches Erkenntnisprinzip, dass dem
Denken nur zugänglich ist, was den Kriterien
des bestimmten Seins genügt, das Verständnis
und die Diskussion zahlreicher und kontrovers
diskutierter Komplexe wie einer Theorie des
Gefühls und des Willens und deren Verhältnisses
zur Vernunft, der großen Bedeutung, die heute
der medialen Vermittlung beigemessen wird
(Mediengesellschaft), der Vernunft als mögliche
Vermittlerin zwischen Kulturen und Religionen
oder auch der Menschenrechte (v. a. die Kapitel
20-22, 335-435) bereichern kann.
S.s Bemerkung, dass er das Buch eines Philologen vorlege (43), ist bescheiden. Diesem Buch
kommt – zusammen mit den gleichermaßen
großartigen und bedeutenden Werken über
Platon und die Moderne2 und Denken und Sein
bei Platon und Descartes3 – durch die Klärung
der beiden Grundformen „Unterscheidungsphilosophie“ und „Vorstellungsphilosophie“
philosophisch-systematischer Rang zu. Die
ungebrochene Aktualität, die sachliche Relevanz
und den Gewinn des aristotelischen Denkens
für die Gegenwart und ihre Legitimation aus der
Tradition der aufgeklärten Vernunft heraus so
überzeugend aufgezeigt zu haben, ist S.s dankenswertes und nachhaltiges Verdienst.
Anmerkungen:
1) Arbogast Schmitt: Die Moderne und Platon.
Zwei Grundformen europäischer Rationalität, 2.
überarb. Aufl. Stuttgart 2008.
2) Wie Anm. 1
3) Arbogast Schmitt: Denken und Sein bei Platon
und Descartes. Kritische Anmerkungen zur
>Überwindung< der antiken Seinsphilosophie
durch die moderne Philosophie des Subjekts
(Studien zu Literatur und Erkenntnis, hrsg. von
J. Küpper u. a., Bd. 1), Heidelberg 2011.
Burkard Chwalek, Bingen
Markus Schauer, Der Gallische Krieg. Geschichte
und Täuschung in Caesars Meisterwerk. Verlag
C. H. Beck, München 2016, EUR 19,95 (D), EUR
20,60 (A), E-Book EUR 15,99 (ISBN: 978 3 406
68743 3).
Um es gleich eingangs zu sagen: es handelt sich
um ein ausgezeichnetes und empfehlenswertes
Buch, das geeignet ist, dem Leser einen zwar
nicht ganz neuen, aber doch großartigen und
gelungenen Blick auf den S c h r i f t s t e l l e r
Caesar zu ermöglichen.
Das Buch hat zwei Hauptteile; der erste Teil,
„Historische Voraussetzungen“ genannt, ist der
kürzere (S. 13-78), der zweite, längere hat die
Überschrift „Nachrichten aus dem Norden –
Caesars Commentarii“ und erstreckt sich über
die Seiten 79 bis 242, denen noch etliche Seiten,
von einer Zusammenfassung der Bücher 1-8 des
Bellum Gallicum bis zu einer Zeittafel, folgen (S.
243-271). Zweimal die gleiche Karte findet sich
im vorderen bzw. hinteren Einband.
Der Schwerpunkt meiner Rezension soll auf
dem zweiten Teil liegen, der sich dem „Meisterwerk“ (S.10, so auch der Untertitel des Buches)
bzw. dem „Stück Meisterprosa“ (S. 162) widmet,
denn neben anderen Fähigkeiten war Caesar auch
„ein Meister des Wortes.“ (S. 17)
Im ersten Teil seines Buches geht M. Schauer
auf die politischen Bedingungen der späten Republik und auf die historischen Voraussetzungen
ein, die bewirkt haben, dass Caesar groß und die
historische Persönlichkeit, die wir kennen, werden
konnte. Schauer gibt einen Überblick über den
Aufstieg mächtiger Männer in der „Republik zwischen Revolution und Reformstau.“ (S. 33ff.) Das
ist hinlänglich bekannt, darauf werde ich nicht
eingehen.
Zu Caesars Aufstieg und Erfolg trugen natürlich sein Adel und die Eigenschaften bei, die man
von einem römischen nobilis erwarten konnte.
Die römische Gesellschaft, die ja zutiefst vom
Adel geprägt war, hatte ein aristokratisches Wertesystem, das von bestimmten Begriffen geprägt
war. Jeder, der Erfolg haben und etwas zählen
wollte, war diesen Begriffen verpflichtet. Im Kern
handelte es sich dabei um folgende Werte:
auctoritas: Politische Macht, Einflussvermögen,
politischer Einfluss
181
dignitas: Ansehen, Recht auf Geltung, Anerkennung einer Leistung durch den Senat; Würde,
Ehre
fides: Treue gegenüber Verbündeten, Klienten
und Abhängigen; Selbstverpflichtung, das
gehaltene Wort gegenüber Partnern und
Abhängigen
gloria: Ruhm
pietas: Frömmigkeit, Pflichtbewusstsein; angemessenes Verhalten nicht nur den Göttern,
sondern auch den Eltern, vor allem dem Vater
gegenüber; Pflichterfüllung gegen Vater, Vaterland und Götter; Treue, Loyalität zur eigenen
Familie und deren Tradition
mos maiorum: Sittengesetz der Vorfahren, Tradition, Sittengesetz des Adels; aristokratischer
Maßstab des politischen Lebens, ungeschriebenes Gesetz der aristokratischen Tradition
virtus: Tapferkeit, Vortrefflichkeit
Dies sind die Eigenschaften eines Politikers. Ein
Feldherr musste, so Cicero in einer Rede für
Pompeius, folgende Eigenschaften aufweisen:
„Strategie und Voraussicht (consilium), Energie
und Schnelligkeit (celeritas), Tapferkeit (fortitudo), Autorität (auctoritas) und Glück (fortuna).“ (S. 237) Auch Caesar beanspruchte diese
Tugenden für sich. Es sei noch ergänzt, dass er
auch ein „herausragender“ (S. 61) bzw. „ausgezeichneter“ (S. 65) Redner war.
Ein wesentliches Motiv Caesars war es, ernst
genommen zu werden, etwas zu gelten, seinen
Ruhm und den der Familie zu erhalten oder gar
zu steigern. Alle adligen Geschlechter verhielten
sich in der Republik so, römische Politik und
die Interessen des Staates waren von den Bestrebungen der mächtigen Familien nicht zu trennen,
denn der Staat war im Wesentlichen ihr Staat,
wobei es immer darauf ankam, besser zu sein als
die anderen. „Die Politik der römischen Republik
war also vor allem vom Wettbewerb der gentes
und ihrer herausragenden Vertreter geprägt.“
(S. 32) Man dachte nicht wie etwa heute in Parteien mit Parteiprogrammen, sondern es war so,
dass „Loyalität zur eigenen Familie (Pietas) und
Treue (Fides) gegenüber Verbündeten, Klienten
und Abhängigen eine große Rolle spielten.“
(S. 30) Das war „das ideale Umfeld für [einen]
Machtmenschen wie Caesar“ (S. 31). Als „hoch182
intelligenter Machtpolitiker“ (S. 68) konnte er da
nicht abseits stehen. Er war „ganz ein Geschöpf
seiner Zeit“ (S. 19). In der „Zeit des Umbruchs“
(S. 65), die die ausgehende Republik darstellte,
war die „Ausnahmeerscheinung Caesar“ (S. 50)
in der Lage, in den Auseinandersetzungen innerhalb der Führungsschicht „mitzuspielen“ und
den Platz, der ihm seiner Meinung nach zustand,
zu erringen. Dass ihm ein solcher zukam, stand
für ihn außer Frage. Er lebte in einer Zeit, „die
ganz zu seinen Fähigkeiten paßte.“ (S. 65) Es war
weniger eine „von vornherein vorhandene Vision“
(S. 52), die ihn zum Erfolg führte, sondern sein
Adel und sein Charakter, zu dem „sein schier
grenzenloser Ehrgeiz“ (S. 64) gehörte. Er war charismatisch, überzeugend, ungeduldig, aber auch
ausdauernd und beharrlich, zielstrebig, verstand
jede Chance zu nutzen, war „beständig und zuverlässig bei Treueverpflichtungen, aber pragmatisch
und wendig im tagespolitischen Geschäft.“ (S. 65)
Er wusste, wie er sich verhalten musste, und er
wusste auch, wie Politik funktioniert.
Caesar war aber auch „ein hochtalentierter
Schriftsteller“ (ebd.). Schon im Vorwort wird
sein „schriftstellerisches Talent“ (S. 9) erwähnt.
Seine Schrift über den Gallischen Krieg (Schauer
will sie „in ihrer raffinierten Machart vor Augen“
(ebd.) führen) muss „als ein Stück Weltliteratur
gelten“ (ebd.). Mit ihr machte Caesar für sich und
seine Politik Propaganda. Dieses Wort, das schon
gleich im Vorwort auf S. 9 vorkommt, spielt im
ganzen Buch eine große Rolle, wobei der Autor
jedoch zu Recht betont, dass es nicht im Sinne
moderner politischer Propaganda zu verstehen
ist. Es geht bei Caesar nicht um Propaganda für
eine Weltanschauung, eine politische Partei, ihr
Programm, ein bestimmtes System oder eine
Ideologie. Politische Propaganda in Rom bezog
sich „ganz auf die Selbstdarstellung der eigenen
Person und der eigenen gens (Adelsfamilie),…“
(S. 163/4). Es ging um Selbstdarstellung und
Selbstinszenierung, bei Caesar, und das ist das
Besondere, eben auch um „literarische Selbst­
inszenierung“ (S. 91 und S. 241), die auf S. 147
als „geschickt“, auf S. 235 als „perfekt“ bezeichnet wird. Wie andere römische Politiker nutzte
er „Literatur als Propaganda“ (S. 91) mit dem
entscheidenden Unterschied, dass er sie selbst
produzierte. Er schuf ein Stück Literatur, indem
er sogar eine neue Gattung erfand und mit ihr
„die Fortsetzung der Politik mit den Mitteln der
Literatur“ (S. 85) betrieb.
Dieses Stück Literatur ist die „von ihm neu
geformte Gattung des commentarius“ (S. 95; vgl.
„eine neue Form des commentarius“, S. 162),
mit der er sich „ein genau auf seine Bedürfnisse
zugeschnittenes Instrument der literarischen
Selbstdarstellung“ (S 101) schuf. Schauer kann
sogar „die Geburt der neuen Gattung genau datieren. Sie fand im Winter des Jahres 52/51 v. Chr.
statt, …“ (S. 102). Diese neue Form blieb „in der
Literaturgeschichte einmalig“ (S. 104), sie „lebt
nur in Caesars Werk weiter.“ (ebd.) Sie heißt zwar
commentarius, ist aber eine Mischform, die aus
dem schon vor Caesar bekannten und verwendeten Kommentar, der genau genommen drei
unterschiedliche Textformen umfasst (s. dazu S.
92/93), der Autobiographie und der historischen
Monographie besteht. Die Merkmale dieser drei
unterschiedlichen Formen sind:
Commentarius:
• Ich-Erzählung
• vorliterarisch
• keine stilistischen Ambitionen
• unfertig, ohne politische Ausrichtung
• nüchtern, politisch neutral
• lange römische Tradition
• Dossier
• Vorläufiges
• Protokolle
• Nachrichten über Vorgänge
• Neuigkeiten
• Memoiren
• Stoffsammlung.
Autobiographie:
• Ich-Erzählung
• literarisches Genre
• politisch tendenziös
• Autor will wirken
• propagandistisch
• politisches Vermächtnis
• erfinderische Erzählkunst
• häufig Werk eines „Haushistorikers“
Historische Monographie:
• literarisches Genre
• auktorialer Erzähler
• Parteilichkeit (bei aristokratischer/senatorischer Historiographie)
• Unparteilichkeit, eigenständiges Urteil (bei
unabhängiger Historiographie)
• erfinderische Erzählkunst
• Einbau von Reden und Exkursen
• Einzelerzählungen
• personalisierte Geschichtsschreibung (Akteure
(häufig typisiert) stehen im Mittelpunkt).
Um die unterschiedliche Wirkung der einzelnen
Formen zu demonstrieren, verändert Schauer
an ausgewählten Textbeispielen die Erzählform.
Wie unterschiedlich Er-Form und Ich-Form sind
und wirken, zeigt er beispielsweise an Gall. 2, 25
(s. S. 119).
Zu erwähnen ist noch das Proöm, als welches
Schauer die ersten Kapitel des bellum Gallicum
bezeichnet. Es ist untypisch für einen Kommentar, weil es eher die Einleitung eines Epos
darstellt. Allerdings kommt es als Einleitung zu
einer Rede oder Vorrede zu einer Schrift auch in
der Prosa vor.
Diese Mischung ist Caesars eigene und eigentliche Leistung, auch wenn in dieser „eigenartigen
Gattungsmischung“ (S. 165), die das bellum Gallicum darstellt, die Gattungen zumindest teilweise
„alles andere als kompatibel“ (ebd.) sind. Caesar
nutzt „die Vorteile der verschiedenen Gattungen
und ihrer Erzählformen für sich“ (S. 166) und
schafft damit eine „Synthese“ (ebd.). „Die Gattung des nüchternen, politisch neutralen commentarius bietet die Grundlage für eine politisch
tendenziöse Monographie mit literarisch-fiktiven
Elementen, deren autobiographisch-propagandistisches Anliegen hinter einer Er-Erzählung
versteckt wird. Oder einfacher gesagt: Caesar gibt
seiner eigenen Version des Gallischen Krieges den
Anstrich eines allgemeinen Tatsachenberichts;
seine persönliche Deutung des Geschehens und
seine Selbstdarstellung fallen dabei kaum auf –
und entfalten ihre Wirkung um so mehr. Der
Clou von Caesars Propaganda besteht also darin,
daß sie als solche nicht zu erkennen ist.“ (ebd.)
Die eben erwähnte Er-Erzählung „ist in der antiken Literaturgeschichte einmalig.“ (S. 116) Caesar
kann sich hinter ihr gleichsam verstecken und
eine „scheinbare Objektivität“ (S. 119) aufbauen.
Die Feststellung ist so neu nicht, entscheidend
183
ist aber das Ergebnis, dass Caesar mit der von
ihm selbst geschaffenen Mischform einen Text
aufbaut, der sich zunächst einmal als bloßer
Kommentar gibt, der es ihm aber erlaubt – und
das ist das Geniale! – , als verantwortungsvoller
Staatsmann, der nur römische Interessen verfolgt,
umsichtiger Provinzgouverneur, überragender
Feldherr und auch Erfinder von Geschichte zu
erscheinen – und das mit rein literarischen Mitteln! So hoffte Caesar die Stellung zu erlangen,
die es ihm erlaubte, endlich entscheidend in Rom
„mitzuspielen“ und den großen Griff zu wagen.
Wenn auch Caesars literarische Leistung als
gelungen bezeichnet werden kann, ist doch festzustellen, dass, so Schauer, seine commentarii „im
tagespolitischen Geschäft Roms … ihr Ziel“ (S.
242) verfehlten und ihre politische Funktion nicht
erfüllten, denn letztlich konnte er sich doch nur
als Feldherr nach seinem „Der Würfel sei geworfen“ – hiermit endet die Untersuchung Schauers
auf S. 242 – durchsetzen.
Schauer, der Inhaber des Lehrstuhls für Klassische Philologie mit Schwerpunkt im Bereich der
Latinistik an der Universität Bamberg ist, schreibt
in seinem Vorwort, dass sich in seinem Buch „–
zumindest in literaturwissenschaftlicher Hinsicht
– viele eigene Akzente und neue Deutungsansätze“ (S. 11) finden. Dies ist ihm gelungen. Etwas
verwunderlich wirkt, dass außer einzelnen Begriffen (s. Beispiele o.) im ganzen Buch kein Latein
vorkommt. Bei den zitierten Passagen aus dem
Text des b. G. handelt es sich durchweg um Übersetzungen ins Deutsche. Das hat wahrscheinlich
damit zu tun, dass das inzwischen (auch) beim
Beck-Verlag deshalb üblich ist, um einen über die
Altphilologenschaft hinausgehenden Leserkreis
zu erschließen. Wenn das der Verbreitung eines
guten Buches wie diesem dienlich ist, mag es ja
angehen; der Lateiner findet es wahrscheinlich
doch etwas schade.
Ich möchte aber doch noch etwas zu Caesar
anfügen. Es ist schon erstaunlich und auch
erschreckend, dass Caesar, dessen „Kriegszüge
und Expeditionen in den Norden … innenpolitisch motiviert“ (S. 85) waren, bereit und willens
war, der eigenen Karriere, seiner Machtstellung
und seiner dignitas wegen einen Krieg zu führen,
der mindestens eine Million Todesopfer zur
184
Folge hatte. „Das Leid und das ungeheure Blutvergießen, das dadurch auch über die feindliche
Zivilbevölkerung gebracht wurde, interessierten
dabei in Rom kaum jemanden.“ (S. 163) „Die
Bereitschaft zur Aggression, der Anspruch auf die
Vormachtstellung in Gallien, das Fehlen jeglichen
Unrechtsbewußtseins den Völkern gegenüber, die
mit Krieg überzogen wurden, die Inkaufnahme
von vielfachem Tod und menschlichem Leid,
wenn es nur dem Wohl des Staates diente – all das
stand im Einklang mit den Prinzipien römischer
Politik und brauchte nicht verschwiegen oder
bemäntelt zu werden.“ (S. 165) Erschreckenderweise findet sich solches Denken in unserer heutigen Gegenwart auch noch.
H.-J. Schulz-Koppe, Köln
Wilhelm Pfaffel / Michael Lobe, Praxis des lateinischen Sprachunterrrichts – Tipps für einen
vitalen Lateinunterricht. Bamberg 2016. EUR
21,- (ISBN 978-3-7661-8006-3).
Die beiden Autoren haben bereits bei der
Erstellung des Lehrwerkes Campus mit seinen
überaus vielfältigen Begleitmaterialien mitgewirkt und stellen hier nun ein, nennen wir es
einmal Handbuch vor, das „für Studierende, Referendare und Lehrer (m/w) konkrete Anregungen
für einen methodisch abwechslungsreichen und
vitalen Sprachunterricht gibt“ (s. Klappentext).
In der Tat liest sich das auf kleinem Raum sehr
umfassende Spektrum wie eine Kurzfassung der
AU-Themen der letzten zehn Jahre, um es mal
salopp zu formulieren. Der Aufbau von Grammatikstunden, Leistungsmessung, Konzepte von
Lehrbüchern, Latine loqui im LU, neue Medien,
Musik, szenisches Spiel und last but not least das
gute alte Unterrichtsgespräch sind nur einige der
Themen, die behandelt und jeweils mit ergänzenden Literaturhinweisen ausgestattet werden.
So weit, so gut. Dem Handbuchcharakter trägt
auch das Kapitel „Sozialformen des Unterrichts“
Rechnung. Als Student/in oder Praktikant/in
kann man hier auf einen Pool Zugriff nehmen,
auch wenn erstaunt, dass einer so komplexen
Methode wie LdL nur eine halbe Seite zugestanden wird. Aber wer mehr wissen will, kann ja die
Literaturhinweise nutzen. Immer wieder rückt
das lateinische Sprechen in den Vordergrund
und zieht sich wie ein roter Faden durch das
ganze Buch. Neben Impulsen wie z. B. Übersetzen
nach Gehör, das Schüler/innen erwiesenermaßen
interessiert, motiviert und höchste Aufmerksamkeit erzeugt, kommen allerdings auch im
Kapitel „Mündliches Abfragen“ (S. 35ff.) zwar
auf spiralförmiges Lernen ausgerichtete Lernkontrollen, die aber auf eine überkommene Art
kleinstschrittige Fragen beinhalten und keine
Vorbildfunktion haben sollten, zum Zuge. Die
Erarbeitung grammatischer Phänomene folgt
den Grundvarianten deduktiv und induktiv, die
beide ihre Berechtigung haben, und es werden
Vor- und Nachteile jeweils abgewogen. Ob der /
die geneigte Leser/in dem Vorschlag der Autoren,
„bei sehr komplexen Grammatikphänomenen
wie etwa den Partizipialkonstruktionen“ (S.
44) ausgerechnet die Deduktion anzuwenden,
folgen möchte, bleibt abzuwarten. Ich persönlich
würde mir hier induktives Vorgehen und z. B. das
Aha-Erlebnis der Schüler/innen beim Erkennen
der Unterschiede und Gemeinsamkeiten von
PC und Ablativ-Gruppe nicht entgehen lassen
wollen.
Problematisch erscheint – jedenfalls nach
NRW-Standards – das abgedruckte Beispiel einer
Klassenarbeit für das erste Lernjahr (L2). Ich bitte
meine eigene Kleinschrittigkeit an dieser Stelle zu
entschuldigen, aber nur so kann ich meine Kritik
daran verdeutlichen.
Vorab sind im Einzelnen die stofflich-inhaltlichen Voraussetzungen aufgeführt, die
anscheinend in dieser Arbeit allesamt ihre
Berücksichtigung finden sollen. Zu Beginn ist
ein mit 76 Worten üppiger Übersetzungstext (2,5
Wörter pro Minute bei 2:1-Wertung) über den
Bruderstreit zwischen Romulus und Remus zu
bearbeiten, in dem die Hilfen, jeweils in Paren­
thesen gesetzt, im lateinischen Fließtext integriert
auftreten und ihn so unterbrechen. Vier Begleitaufgaben gestalten sich wie folgt:
1.) Vier Verbformen, die nicht im Text vorkommen, sollen bestimmt und übersetzt werden.
Hätte man sie aus dem Übersetzungstext genommen, hätte das u. U. eine wertvolle Hilfe sein
können.
2.) In einem 35 Worte umfassenden, inhaltlich zumindest auf die Übersetzungsaufgabe
abgestimmten lateinischen Text soll das jeweils
passende Relativpronomen (zwei zur Auswahl)
unterstrichen werden. Ohne eine wenigsten grobe
Übersetzungsleistung in Grundzügen geht das
nicht!
3.) Vier Jahreszahlen sollen vier verschiedenen
Ereignissen zugeordnet werden: Tod Ciceros,
Beginn der Römischen Republik, Sieg Scipios
über Hannibal in der Schlacht bei Zama, Gründung Roms. Sicher schnell zu erledigen, aber
thematisch eher randständig.
4.) Zwei von vier lateinischen Sätzen sind
inhaltlich richtig und müssen angekreuzt werden.
Also müssen 31 weitere lateinische Worte zumindest ansatzweise übersetzt bzw. verstanden
werden. Die Themen hier: Römer und Sabiner,
Tarquinius Superbus und Lucretia, Hannibal und Elefanten, Cicero und Catilina.
Inhaltlich also ohne jeden Zusammenhang, allein
dem abzufragenden Stoffkontingent geschuldet.
Und das in 45 Minuten?
Zu entscheiden, ob das im Kapitel „Fortgeschrittener Sprachunterricht nach der Lehrbuchphase“ (S. 78-82) vorgeschlagene Konzept
der Wiederholung, Festigung, Vertiefung und
Neuerarbeitung von grammatischen Komplexen,
„die für die Lektüre überhaupt unerlässlich sind“
(S. 78) als isolierte Nachschaltphase zum Einen
motivational und zum Anderen zeitlich Sinn
macht, bleibt jedem / jeder selbst überlassen.
Skurril mutet das Beispiel an, wie die Einführung
der coniugatio periphrastica auf -ūrus sim als
Ersatz für den Konjunktiv Futur erfolgen soll: Das
Prinzip läuft darauf hinaus, dass die Schüler lateinische Fragesätze, die der Lehrer vorgibt, ebenfalls auf Latein in indirekte Fragesätze umformen
sollen. In aufsteigendem Anspruch mündet das
in die Vorgabe „Quam longa vita nostra erit?“
und gipfelt in der Bemerkung hier im Handbuch:
„Den Konjunktiv wird keiner bilden können, die
Lehrkraft fügt ein: Nescimus, quam longa vita
nostra <futura> sit. Nun kann die Lehrkraft in
einer knappen Tafelskizze festhalten, dass futura
sit der Ersatz des Konjunktivs Futur ist.“ (S. 80).
Möge sich das niemand zum Vorbild nehmen!
Ich halte das Kapitel „Fortgeschrittener
Sprach­u nterricht nach der Lehrbuchphase“
methodisch wie inhaltlich schlicht für überflüssig,
185
weil es m. E. wichtiger ist, den Schüler/inne/n zu
zeigen, dass es sich gelohnt hat, drei Jahre lang
Spracherwerb im Lehrbuch betrieben zu haben.
Denn durch die Auswahl einer passenden und
bewältigbaren Übergangslektüre lassen sich
noch ausstehende grammatische Phänomene
doch wunderbar erarbeiten, und man kombiniert
zeitliche Effizienz mit Motivation und dem guten
Gefühl der Lernenden, nun kontinuierliche Originallektüre möglichst zügig auf der Basis bisher
erworbener und noch erweiterbarer Kenntnisse
betreiben zu können. Mittelalterliche und frühneuzeitliche Texte wie die Gesta Romanorum und
darin besonders Cave mulierem, Theodor de
Bry und seine Kupferstiche mit den Texten zu
den „Westindischen Reisen“ oder Vulgata-Geschichten wie „Joseph und seine Brüder“, um nur
drei Beispiele zu nennen. Immerhin befinden wir
uns in Zeiten von G8 und didaktische Reduktion ist dabei eine große, wenn nicht die größte
Herausforderung.
Dieses Handbuch hält viele gute Tipps bereit,
birgt aber auch einige Risiken und Nebenwirkungen, die Praktikanten und Referendare besser
im Dialog mit erfahrenen Kolleg/inn/en diskutieren sollten.
Cornelia Lütke Börding, Bielefeld
Der junge Ionathas. Aus den Gesta Romanorum.
Hg. v. Hans-Joachim Glücklich. Klett Verlag.
Stuttgart. 2015. (Reihe: Libellus Initia). 56 S. EUR
9,95 (ISBN 978-3-12-623180-0).
Ein junger Mann soll studieren, gibt sich
aber lieber den Freuden und Vergnügungen
des Lebens hin. Von einer attraktiven Frau verführt, betrogen und enttäuscht, ändert sich seine
Lebenseinstellung grundlegend.
Der Eintritt in die Lektürephase ist ein wichtiger
Moment in der Lateinbiografie unserer Schüler.
Er sollte durch einen Text erfolgen, der inhaltlich
attraktiv und bedeutsam für Heranwachsende ist,
gleichzeitig die Möglichkeit bieten, grammatische
Themen zu rekapitulieren bzw. neu einzuführen,
systematische Wortschatzarbeit zu betreiben und
vor allem sprachlich nicht allzu schwer sein – all das
bietet die Initiationsgeschichte vom jungen Ionathas aus der mittelalterlichen Textsammlung Gesta
Romanorum, deren didaktischer Reiz beachtlich
186
ist: Im Rahmen der Erzählung der Entwicklung
eines jungen Menschen, der sich langsam in der
Welt zurechtfindet und erwachsen wird, werden
zentrale Fragen nach dem Sinn unseres Lebens,
nach dem Einfluss von Eltern, Staat, Kirche und
Freunden sowie das Spannungsfeld zwischen den
Forderungen der Arbeit und unseren Bedürfnissen
nach Freizeit und Vergnügen und natürlich das
Entstehen und Scheitern von Liebesbeziehungen
thematisiert. Der Text vereint dabei Elemente und
Motive der Antike und des Mittelalters: christliche
Lebensauffassung, antike Bildungs- und biblische
Moralvorstellungen sowie orientalische Märchenmotive. Ein Grund hierfür liegt in dem zur Zeit
der Kreuzzüge großen Interesse der Menschen
am Leben und Denken anderer Kulturen, denen
die eigene christliche Auffassung entgegen gestellt
wird. Gleichzeitig bietet er eine unterhaltsame,
spannende Lektüre und ist sprachlich nicht allzu
schwer. Das Latein des Mittelalters weist zwar eine
Reihe von Abweichungen zum klassischen Schulbuchlatein auf, diese aber werden in der Ausgabe
im Überblick dargestellt und stellen in der Regel
für die Schüler kein Problem dar.
Die liebevoll ausgestaltete und ausgesprochen
gediegen angelegte Ausgabe von H.-J. Glücklich
nimmt die didaktische Steilvorlage kongenial auf
und bietet eine ausgezeichnete Arbeitsgrundlage
für die Lektüre. Im Einzelnen sind besonders
hervorzuheben:
Textteil: Der Text wird in kurzen Einheiten
und schönem Layout jeweils auf einer Doppelseite mit Bildmaterial und Arbeitsaufträgen
präsentiert. Die Angaben und Erläuterungen
stehen rechts direkt am Text und sind so sehr gut
zu handhaben. Ein aussagekräftiger Titel sowie
eine deutsche Einleitung sind dem jeweiligen
Textabschnitt vorangestellt.
Die Aufgabenteile sind nach Texterschließung
und Interpretation strukturiert, was prinzipiell zu
befürworten ist; allerdings wäre z. T. eine klarere
Differenzierung wünschenswert (so figurieren
Aufgaben zur begleitenden Grammatikarbeit
als Texterschließungsaufgaben, vgl. S. 8; und
mitunter finden sich Dekodierungsaufgaben im
Interpretationsteil, ebd. Nr. 3). Die Aufträge selbst
sind klar operationalisiert und decken ein breites
methodisches Spektrum ab. Sie eignen sich gut
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187
für den während der Anfangslektüre erforderlichen Aufbau einer methodischen Kompetenz
der Schüler in den Bereichen ‚Dekodierung‘ und
‚Interpretation‘.
Auch Aufgaben zur wiederholenden und
systematisierenden Grammatikarbeit werden
angeboten, wobei jeweils lektürerelevante Phänomene ausgewählt werden, die dann auch im
Kontext der Dekodierung funktional eingebunden werden.
Immer wieder erhellen grün hinterlegte InfoTexte verständnisrelevante Kontexte (bspw. die
christliche Bildtradition, das mittelalterliche
Frauenbild, den Bildungsbetrieb usw.). Diese
Texte können auch gut für Schülerreferate genutzt
werden.
Besondere Anerkennung verdient das attraktive
Bildmaterial, das durchgehend funktional in die
Textarbeit eingebunden wird. Darunter finden
sich neben historischem Material auch einmal
Schülerarbeiten (S. 10). Dabei wirkt die Ausgabe
an keiner Stelle überladen, sondern ihr ästhetischer Charakter ermöglicht ein genussvolles
Leseerlebnis.
Die interpretatorische Textarbeit orientiert
sich an drei Betrachtungsgrundsätzen:
• der textimmanenten Analyse (wobei hier ein
besonderer Akzent auf der Untersuchung von
Erzähltechnik und –stil liegt),
• dem Hintergrund der Zeit und
• heutigen Vorstellungen (Hier finden sich
immer wieder reizvolle handlungs- und
produktionsorientierte Aufgaben wie textproduktive Schreibaufträge, szenische Interpretationsanregungen oder auch einmal der
Vorschlag, eine filmische Umsetzung einer
Textpassage zu konzipieren).
Anhang: Der Anhang bietet zunächst einige
Ergänzungstexte zur Vertiefung thematischer
Aspekte im geistesgeschichtlichen Kontext der
Erzählung (u. a. Zwei Wege, Frau Welt sowie eine
188
Alternativversion eines Kapitels, S. 45). Auch
zu diesen Texten finden sich kluge Interpretationsanregungen. Eine Differenzierung zwischen
Texterschließung und Interpretation erfolgt hier
allerdings nicht mehr.
Weiterhin finden sich Hinweise zur Sprache
des Werks sowie zu den wesentlichen Elementen
des Erzählungsaufbaus und des Erzählstils in
übersichtlicher und bündiger Form.
Abgerundet wird der informative Anhang
durch eine knappe Übersicht, der noch einmal
das Grundwissen zur Lektüre zusammenfasst.
Der angebotene lektürebezogene Lernwortschatz ist mittlerweile Standard für solche
Lektüreausgaben. Leider ist er nicht binnenstrukturiert, sondern nur alphabetisch geordnet.
Immerhin bietet der Verlag aber zur Lernunterstützung ein online-Portal an, bei dem die
Wörter nach dem Karteikarten-Prinzip trainiert
werden können.
Ein Literaturverzeichnis und eine Karte, die
das Europa zur Zeit Friedrichs des II. um 1200
zeigt, beschließen die Ausgabe.
In einer Zeit, in der die Auschnitt- und Häppchenlektüre gerade in der Sekundarstufe 1 wieder
Konjunktur hat – begünstigt auch durch eine
Renaissance des Lesebuchs in den Verlagsprogrammen – führt Glücklich mit seinem klug
ausgewählten Text und dessen hervorragender
Aufbereitung vor Augen, dass eine Ganzschriftlektüre immer noch den motivierendsten und
elegantesten Einstieg in die Mittelstufenlektüre
darstellt. Die Geschichte von der Initiation des
jungen Ionathas kann mit dieser Ausgabe auch zu
einem Lektüre-Initiationserlebnis für die Schüler
werden, die über eine ebenso spannende wie
vielseitige Lektüre in einer einfach gut gemachten
Ausgabe des Altmeisters der Fachdidaktik Latein
in geradezu idealtypischer Weise in die lateinische
Mittelstufenlektüre eingeführt werden.
Andreas Hensel, Mainz
Autoren dieses Heftes (siehe Impressum, ferner):
Dr. Anja B e h r e n d t , Universität Rostock, Heinrich Schliemann-Institut für Altertumswissenschaften,
18055 Rostock
Prof. Dr. Jürgen B l ä n s d o r f , Universität Mainz, priv.: Am Römerberg 1c, 55270 Essenheim,
[email protected]
Dr. Burkard C h w a l e k , Dromersheimer Chaussee 31b, 55411 Bingen
Dr. Andreas H e n s e l , StD, Fachleiter Latein, Staatliches Studienseminar für das Lehramt an
Gymnasien, Rheinstr. 105-107, 55116 Mainz, [email protected]
Dr. Matthias K o r n , Universität Leipzig, Sprachenzentrum, Postfach 100 920, 04009 Leipzig
Dr. Michael L o b e , StD, Melanchthon-Gymnasium Nürnberg, Sulzbacher Str. 32, 90489 Nürnberg
Cornelia L ü t k e B ö r d i n g , StD’, Eggeweg 46, 33617 Bielefeld
Dr. Michael P. S c h m u d e , Schillerstraße 7, 56154 Boppard, [email protected]
Heinz-Jürgen S c h u l z - K o p p e , Niehler Straße 408, 50735 Köln
Prof. Dr. Werner S u e r b a u m , Amalienstr. 81, 80799 München,
[email protected]
Forum Classicum im Internet
Das Forum Classicum sowie sein Vorgänger, das Mitteilungsblatt des Deutschen Altphilologenverbandes, finden Sie von Heft 1/1994 an auf der Homepage des DAV (www.altphilologenverband.de) unter
dem Link „Veröffentlichungen“ / „Forum Classicum“ als PDF-Dateien bereitgestellt. Ein Inhaltsverzeichnis
sämtlicher Hefte seit 1958 finden Sie auf der Homepage der Humboldt-Universität zu Berlin (http://www.
klassphil.hu-berlin.de/fachgebiete/didaktik/indices/zeitschriften-und-reihen/forum-classicum).
Bitte an die Verfasser von Rezensionen
Besprechungen für das Forum Classicum sollen den Umfang von zwei (bis höchstens drei) DINA-4-Seiten nicht überschreiten und auf Fußnoten möglichst verzichten. Anmerkungen sollen nach
Möglichkeit in den Text eingearbeitet werden. Zur besprochenen Publikation sind genaue Angaben
erforderlich: Vor- und Nachname des Autors bzw. der Autoren oder Herausgeber, Titel des Werks,
Erscheinungsort, Verlag, Erscheinungsjahr, Seitenzahl, Preis, ISBN-Nummer. Zum Verfasser der Rezension erbitten wir folgende Angaben (soweit möglich und sinnvoll): Vorname, Name, Titel, Funktion
/ Dienstbezeichnung, dienstliche und/oder private Postanschrift, Telefonnummer, E-Mail-Adresse.
Wichtiger Hinweis: Mit allen Fragen, die die Mitgliedschaft im DAV oder das Abonnement dieser
Zeitschrift betreffen, wende man sich bitte nicht an den Bundesvorsitzenden. Für Fragen der Mitgliedschaft sind die Vorsitzenden der 15 Landesverbände zuständig, deren Anschriften am Ende dieses
Heftes abgedruckt sind. Für Institute und Abonnenten ohne Mitgliedschaft im DAV ist der Buchners
Verlag zuständig (siehe Impressum).
189
DEUTSCHER ALTPHILOLOGENVERBAND
Adressen der Landesvorsitzenden
1.Baden-Württemberg
StD Dr. Christoph Sauer
Landesgymnasium für Hochbegabte
Universitätspark 21
73525 Schwäbisch-Gmünd
[email protected]
9.Nordrhein-Westfalen
StD Dr. Nikolaus Mantel
Graf-Spee-Str. 22
45133 Essen
Tel. (02 01) 42 09 68
[email protected]
2.Bayern
StD Harald Kloiber
Pfalzgrafenstr. 1e
93128 Regenstauf (Oberpfalz)
Tel.: (0 94 02) 76 52
[email protected]
10. Rheinland-Pfalz
Prof. Dr. Tamara Choitz
Karthäuserhofweg 20
56075 Koblenz
Tel. (02 61) 5 56 13
[email protected]
3.
11.Saarland
StR’in Christiane Siewert
Sulzbachtalstr. 194
66280 Sulzbach
Tel. (0 68 97) 6 45 51
Berlin und Brandenburg
Prof. Dr. Stefan Kipf
Murtener Str. 5E
12205 Berlin
Tel.: (0 30) 20 93 - 22 56
[email protected]
4.Bremen
Imke Tschöpe
Rackelskamp 12
28777 Bremen
[email protected]
5.Hamburg
OStRin Ellen Pfohl
Baron-Voght-Str. 187
22607 Hamburg
Tel.: (0 40) 82 01 32
[email protected]
6.Hessen
StDin Christa Palmié
Hünsteinstr. 16
34225 Baunatal
Tel.: (0 56 01) 96 50 66
[email protected]
7.Mecklenburg-Vorpommern
Christoph Roettig
Slüterufer. 15
19053 Schwerin
Tel.: (03 85) 73 45 78
[email protected]
8.Niedersachsen
StD Stefan Gieseke
Kaiser-Wilhelm-und Ratsgymnasium
Seelhorststr. 52
30175 Hannover
Tel. 0511-1684 4743
[email protected]
190
[email protected]
12.Sachsen
Dieter Meyer
Arltstr. 8
01189 Dresden
Tel.: (03 51) 3 10 27 61
[email protected]
13.Sachsen-Anhalt
Dr. Anne Friedrich
Inst. für Altertumswissenschaften (MLU)
Universitätsplatz 12
06108 Halle/ Saale
Tel.: (0345) 55 24 010
[email protected]
14.Schleswig-Holstein
OStD Rainer Schöneich
Kieler Gelehrtenschule
Feldstr. 19
24105 Kiel
Tel. priv.: (04 31) 31 16 72
[email protected]
15.Thüringen
Gerlinde Gillmeister
Humboldtstraße 7
07743 Jena
Tel. priv. (0 36 41) 55 12 90
[email protected]
(Stand: September 2016)
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