Wissenschaft+Technik

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Biologie
„Das Leben entstand
nur einmal“
VERENA ZIMORSKI / HHUD
Pflanzen und
Tiere, Mikroben
und Menschen –
sie alle gehen zurück auf einen
einzigen gemeinsamen Vorfahren.
William Martin,
59, Genetiker an der Universität Düsseldorf, über „Luca“, die
Urmutter allen Lebens
SPIEGEL: Was für ein Geschöpf
war Luca?
Martin: Ein Einzeller. Er lebte
COURTESY OF UNIVERSITY OF WASHINGTON
vor rund vier Milliarden
Jahren, sodass man den Organismus selbst nicht mehr
untersuchen kann. Wir haben
mithilfe öffentlicher Gen-
datenbanken das Erbgut von
2000 sehr einfachen,
ursprünglichen Zellen ohne
Zellkern untersucht. So
konnten wir 355 Gene identifizieren, die all diesen Zellen
gemein waren.
SPIEGEL: Kommen diese
355 Urgene auch im modernen Menschen vor?
Martin: Wir teilen nur ganz
wenige Gene mit Luca,
weil sich unser Lebensraum
und unsere Ernährungsweise so stark unterscheiden.
Luca ähnelt viel mehr jenen
Organismen, die wir
noch heute an hydrothermalen Quellen wie der
„Lost City“ in der Tiefsee
vorfinden.
SPIEGEL: Darwin stellte sich
die Wiege des Lebens
als „warm little pond“ vor –
„Lost City“ am Boden des Atlantiks
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DER SPIEGEL 32 / 2016
einen warmen, kleinen Tümpel. Lag er falsch?
Martin: Ja. Woher soll in einem solchen Teich die notwendige Energie gekommen
sein, tote Chemie in eine
lebende Zelle zu verwandeln? UV-Licht ist dafür nicht
geeignet, das tötet eher ab.
Und Blitze sind zu heiß, sie
versengen alles.
SPIEGEL: Also am Meeresgrund – aber ist es da
nicht kalt, dunkel und ziemlich lebensfeindlich?
Martin: Nein, die Lebensbedingungen an den Hydrothermalquellen sind ideal für Mikroben! Diese Tiefseehabitate
liefern alle chemischen Zutaten und dazu einen zuverlässigen Energiestrom. Auch
findet sich in Lucas Genen
keinerlei Hinweis auf eine Lebensweise im Tümpel: keine
Spur von Fotosynthese, keine
Spur einer Ernährung, die auf
dem Abbau von Eiweiß oder
Kohlenhydraten basiert.
SPIEGEL: Wie hat sich Luca
dann ernährt?
Martin: Von Gasen wie Kohlendioxid, Stickstoff und
Wasserstoff. Daraus baute
der Einzeller alles auf, was er
zum Leben brauchte.
SPIEGEL: Könnte es sein, dass
es parallele Evolutionen gab:
eine oben im Teich, eine unten am Meeresgrund?
Martin: Nein, das Leben, von
Luca bis zu uns, entstand
nur einmal – sonst müssten
wir entsprechend unterschiedliche genetische Codes
finden. Das tun wir aber
nicht. Und so haben wir endlich Gewissheit: Alles Leben
hat seinen Ursprung am
Meeresgrund. hil
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